Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
Schließen

Navigation:

39.

Bald nachher hörte man im ersten Stock das Gelärm eilig und geschäftig durcheinander rennender Menschen. Was »die Gnädige« an Koffern besaß, wurde in den großen Saal getragen; und dort stand die Stiftsdame und dirigierte und kommandierte in ihrer energischen Art und Weise. Ihre Wangen brannten, und in den dunkeln, strengen Augen glomm ein befremdliches Licht, ein Licht wie Fieberglut; aber jeder ihrer anordnenden Befehle »hatte Hand und Fuß«, wie die Leute sagen, Verwirrung und Überstürzung konnten gar nicht aufkommen.

Seltsam, diesmal wurde das ganze Silberzeug, der gesamte Inhalt der Schränke, die die Hauswäsche enthielten, bis auf die kleinste Serviette herab, in den Koffern mitgeschleppt, ja, man nahm sogar Bilder, Nippsachen und Albums von den Wänden und Tischen und packte sie ein. Das ließ auf eine jahrelange Abwesenheit der Herrschaft schließen; möglicherweise ging es später auf eins der Güter am Rhein; denn wozu das viele Silberzeug und die Hauswäsche, wenn man in Hotels wohnen wollte? ... Zu alle dem Rätselhaften hatte Fräulein von Riedt auch noch an den Sachwalter der Baronin, der nur um einige Bahnstationen entfernt lebte, telegraphiert, daß er ungesäumt kommen möge, und der Bediente Robert meinte, die Gnädige müsse zu der Reise viel Geld nötig haben – deshalb werde wohl der Advokat in den Schillingshof gerufen.

Das alles sagte Mamsell Birkner in der Kinderstube zu Hannchen und Deborah, und Donna Mercedes hörte es drüben in ihrem Schlafzimmer ... Also die Reise war unumstößlich festgestellt. Er ging hinaus, um neuen Ruhm zu ernten, und die Frau, die sein künstlerisches Wirken mißachtete, hatte es durchgesetzt, ihn zu begleiten ... Das Bild, das ausgestellt werden sollte, war ihr ein Greuel, und dennoch trat sie starrköpfig an die Seite dessen, der es geschaffen hatte, um verbissenen Grolles den Triumph der Meisterschöpfung mit anzusehen.

Noch vor Wochen würde Donna Mercedes mit Genugtuung an die Nemesis gedacht haben, welche die Geldheirat an dem Künstler räche – heute aber durchwogte sie ein heißer, leidenschaftlicher Schmerz, und sie grollte dem blinden Geschick, das einen edeln männlichen Geist mit einem niedrig gesinnten Weibe an eine Kette geschmiedet hatte ...

Ihn sah sie nicht wieder, und sie durfte das auch nicht wünschen, weil sie ihrer Fassung und Selbstbeherrschung den blauen, ehrlichen, durchdringenden Augen gegenüber nicht sicher war ... Aber sein letztes, sein Lieblingswerk, die greise Hugenottin, mußte sie noch einmal sehen, ehe es, in die dunkle Haft der Kiste eingeschlossen, seinen Triumphzug in der Welt begann ...

Inzwischen war es Abend geworden. Die Sonne war längst versunken; dafür floß die blaßgoldene Lichtflut des Vollmondes fast tageshell vom Himmel und ließ es nicht dunkel werden auf Erden. Vollbeleuchtet, wie in Silber getrieben, ragte die reliefgeschmückte Gartenseite des Säulenhauses in die flimmernden Lüfte; auf dem kleinen, raschen Bach, der die Wiesen durchrauschte, hüpften und sprühten Lichtfunken, als zöge ein juwelenglitzerndes Elfenvolk die Wasserstraße entlang, und das weiße Atelier stand glanzüberströmt – so leuchtend und klar sanken wohl auch die Mondstrahlen durch das große Oberfenster herab in den Malersaal auf die Frauengruppe im Garten des altfranzösischen Schlosses.

Donna Mercedes ging scheuen Schrittes durch das Gebüsch und quer über die Wiesen; in dem weichen Gras versank unhörbar ihr Fuß. Hannchen hatte zwar gesagt, daß Baron Schilling fortgeritten sei – er tat das häufig in schönen Mondscheinnächten – und die Gnädige habe sich seit Nachmittag in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen, um dem wüsten Lärm des Einpackens aus dem Wege zu gehen. Der Gärtner war auch längst durch den Vorgarten nach dem Bierhaus gegangen, und nur in der Stube über den Ställen brannte ein einsames Licht; der Stallknecht mußte zu Hause sein; aber der war Donna Mercedes noch nie im Garten begegnet. Sie durfte deshalb hoffen, nicht beobachtet zu werden; und doch entsetzte sie sich über jeden kleinen Kiesel, der unter ihren Füßen ins Rollen kam, als gehe sie auf Diebeswegen.

In der Nähe des Ateliers horchte sie plötzlich befremdet auf – dort vom Wintergarten klang ein Rauschen und Plätschern herüber, als brause und stürze ein Waldbach von einer Höhe herab; sie brauchte nicht mehr zu befürchten, daß man ihre eiligen Schritte auf dem Kiesplatz höre – das Geräusch verschlang sie.

Der Mondschein fiel voll und breit durch das unverhüllte Glasdach: beim Näherkommen sah sie die Gloxiniengruppen, die Magnolien- und Orangenblüten aufleuchten – sie hätte jede einzelne Zacke der gefiederten, an die Glaswand gedrückten Farnwedel nachzeichnen können; aber sie sah auch, daß alle Fontänen sprangen. Das schwirrte und zischte und flog silberfunkelnd, wie von hartgespanntem Bogen abgeschnellt, zwischen den Palmenkronen und Drachenbäumen, unermüdlich und scheinbar immer stärker anschwellend, als seien die Wasseradern der Tiefe zum Bersten gefüllt.

Und kaskadenartig stürzten sich die wachsenden Wassermassen weiter über den Steinrand des großen Beckens, und einige der kleinen Steinmulden, aus denen vereinzelte Strahlen steil aufstiegen, um in das eigene Becken zurückzufallen, strömten auch über in gleichmäßiger Flut, als stünden sie unter einer schirmenden Glaskuppel. Donna Mercedes stand einen Augenblick tief erschrocken an der Glastür, die sich als festverschlossen erwies. Die Abzugsröhren des Wasserwerkes mußten verstopft sein ... Schon war der Asphaltboden überschwemmt, und die unten aufgestellten Blumentöpfe rollten umgerissen durcheinander.

Die Tür nach dem Atelier stand weit offen; der Samtvorhang war zurückgezogen, und weder eine erhöhte Schwelle noch die kleinste Stufe trennte die Mosaik des Malersaales von dem Fußboden des Wintergartens. Auf dem musivischen Boden aber standen und lagen viel kostbare Gegenstände der Altertumssammlung, und Skizzen und angefangene Bilder von Baron Schillings eigener Hand lehnten an den Wänden. Das alles verdarb, es war verloren, wenn die Wasser heranschwemmten.

Sie lief nach der Tür, die direkt aus dem Garten in das Atelier führte – auch sie wich nicht unter ihrer rüttelnden Hand; aber die dort, hinter der die Treppe in den Oberbau stieg, zeigte einen klaffenden Spalt. Die junge Dame stieß sie zurück und flog die Stufen hinauf. Nur schwach erhellte das schräg hereinfallende Mondlicht einen engen, heißen Vorplatz, auf den eine einzige Tür mündete; auch sie gab nach, und Donna Mercedes huschte schon durch Baron Schillings Wohnzimmer ... »Die Gnädige« hatte recht gehabt, es war schwül, erdrückend heiß in diesem niederen Raum, in den sich der Herr des Schillingshofes freiwillig verbannt hatte um der prüden Schwester seines verstorbenen Freundes willen, die mit ihm nicht unter einem Dache wohnen wollte ...

Dort hing der Vorhang, der das Zimmer vom Arbeitsraum des Künstlers schied. Donna Mercedes schob ihn mit hastigen Händen zur Seite und trat hinaus auf die Galerie.

In voller Mondbeleuchtung lag das mächtige Viereck des Ateliers unter ihr, himmelweit verschieden von dem farbenglühenden Gesamtbild, das sie in dem wahren, lebendigen Goldglanz der Nachmittagssonne gesehen, blaß, schemenhaft, und doch voll unheimlichen Lebens und Webens, als husche das scheue Licht mit ausgebleichten, durchsichtigen Schmetterlingsflügeln grüßend um all das Uralte, das Menschenhände vor Jahrhunderten unter dem Monde geschaffen hatten.

Hier oben sah man den Wintergarten hinter der Glaswand hingebreitet liegen, wie die herrlichen Pflanzenbilder des Meerbodens unter dem grünlichen Wasser heraufdämmern. Der brausende Lärm der Springbrunnen klang stark herüber, und drunten durch die Türöffnung kam es hereingeschwemmt, in breiter Straße laufend und vereinzelte lange, silberne Zacken vorstreckend, wie das Krustengetier seinem kriechenden Körper die Fühler tastend vorausschickt.

Das alles mit einem Blick umfassend, wandte sich Donna Mercedes nach der Wendeltreppe, um hinabzueilen – da schlug ein Lachen an ihr Ohr, ein halbunterdrücktes und doch frohlockendes Auflachen. Unwillkürlich fuhr sie zurück – ein tiefes Grauen überschlich ihr tapferes Herz. Wem gehörte diese wunderliche hochklingende Stimme? War ein Kind da unten, oder lachte ein Wahnwitziger?

Sie bog sich über das Geländer und sah hinab. Wohin der Mond schien, war kein lebendes Wesen zu sehen; nur da auf den unteren Treppenstufen, im tiefen, geschützten Dunkel der Ecke, hockte ein zusammengekauerter Gegenstand – ein hingeworfenes Bündel sei es, meinte die junge Dame im ersten Hinsehen. Aber je breiter und rascher das Wasser über die Steinmosaik hinschoß, desto lebendiger wurde es in der Treppenecke, und plötzlich reckte es sich empor und sprang in weitem Bogen in die helle Mondlichtflut hinein. Es war ein Weib – es war die Frau aus dem ersten Stock, die Herrin des Schillingshofes.

Sie schien in der dunkeln Ecke auf das Herankommen des Wassers gewartet zu haben, und, nun lief sie an den Wänden hin und warf die hingelehnten Bilder um; sie schleuderte die Schriften, die Bücher und Skizzenmappen von den Tischen klatschend auf den Steinboden nieder, und schließlich an den großen runden Tisch tretend, der in der Nähe der Staffelei stand, nahm sie das Dolchmesser auf, mit dem Baron Schilling neulich das Bild aus dem Rahmen geschnitten hatte.

Mit hochgehobenem Arm ließ sie die glänzende Klinge im Mondlicht blitzen ... Ihre starken blonden Haare sanken ihr vom Kopfe und fielen über den Rücken hinab; das beachtete sie nicht; wohl aber bemühte sie sich, mit der linken Hand die grauseidene Schleppe aufzuraffen, um sie vor dem Naßwerden zu schützen, denn das Wasser netzte bereits die Füße der Frau ... Sie war also nicht wahnsinnig, wie Donna Mercedes gefürchtet, sie handelte mit Überlegung, wenn auch unter dem leitenden Trieb einer heftigen Nervenaufregung.

So stand sie einen Augenblick zwischen dem Tisch und der Staffelei, den Blick auf das Bild gerichtet, das morgen in die Welt hinausgehen sollte.

»Über das Gesicht hin, bis in die schamlose Brust hinein – dann wird er erst wissen, was Haß ist, was Haß vermag!« – Sie murmelte diese Worte nur vor sich hin, und doch wurden sie gehört.

Donna Mercedes war lautlos die Treppe hinabgeschlüpft und stand hinter ihr; und in dem Augenblick, als sie den langen, hageren Leib schlangenhaft hinüberwarf, um mit raschen Dolchschnitten die rührende Mädchengestalt neben der Matrone zu zerfetzen, wurde sie erfaßt und zurückgerissen.

Aber Donna Mercedes hatte diese Gegnerin unterschätzt. In diesem meist müde, in krankhafter Schwäche vorgebeugten Körper wohnte eine stets verleugnete, fast männliche Kraft. Im ersten entsetzensvollen Schrecken brach sie allerdings in sich zusammen; wilden Blickes warf sie den Kopf herum nach dem unbekannten Wesen, das sie mit weichen, aber kräftigen Armen umschnürte, und stieß ein lautes Hohngelächter aus, als sie das zarte mädchenhafte Gesicht der jungen Dame erkannte. »Ah, die Pflanzerprinzessin! – Was haben Sie hier zu suchen in der Wohnung eines verheirateten Mannes, keusche Donna?« – Mit einem jähen, elastischen Aufspringen versuchte sie zunächst ihre Feindin abzuschütteln – das gelang nur zum Teil, aber ihr rechter Arm rang sich frei; und nun strebte sie abermals wie eine Rasende nach dem Bilde hin und stieß wiederholt nach der Leinwand.

Donna Mercedes mühte sich ab, ihr das Messer zu entreißen – es war unmöglich. Sie verletzte sich selbst die Hand; unter scharfem Schmerz fühlte sie, wie ihr die Schneide tief in das Fleisch ging und gleich darauf das Blut heiß über den hochgehobenen Arm nach dem Ellbogen hinunterströmte. Und dabei lief das Zittern der Erschöpfung durch ihre Glieder.

Verzweiflungsvoll rief sie laut und wiederholt nach Hilfe. Ihre volle, klingende Stimme hallte mächtig von den Steinwänden wider, und sie wurde gehört.

»Lassen Sie mich!« keuchte die Baronin in einem Gemisch von Wut und namenlosem Schieden, als draußen zuerst an der Tür des Glashauses und dann am anderen Eingang in das Atelier heftig gepocht und gerüttelt wurde.

Allein Donna Mercedes bot ihre letzten Kräfte auf, um die Elende festzuhalten, die im Davonstürzen noch mit einer einzigen Bewegung ihre Absicht ausführen konnte. Und so wiederholte sie unter fortgesetztem Ringen den Ruf: »Hierher!« bis droben der Gobelinvorhang weggeschleudert wurde und Menschen auf die Galerie herausstürzten.

Der Stallbursche war der erste, der die Treppe herablief, ihm folgte die Majorin auf dem Fuße.

»Nehmen Sie ihr den Dolch – das Bild ist gefährdet!« rief Donna Mercedes dem Burschen zu. In diesem Augenblick flog die Waffe klirrend auf die Steine – die Baronin hatte sie selbst von sich geschleudert.

Halb schwankend vor Erschöpfung ließ Donna Mercedes ihre Gefangene nunmehr frei. Aber alle Angst und Anstrengung hatten ihr die Geistesgegenwart nicht zu rauben vermocht – der Untergebene durfte nicht ahnen, daß Bosheit all das Unheil im Atelier und Glashaus angerichtet hatte, über das er entsetzt die Sünde über dem Kopfe zusammenschlug. »Die Frau Baronin ist fieberkrank,« sagte sie in gebietendem Tone zu ihm. »Laufen Sie rasch in das Haus zu Fräulein von Riedt –«

»Baron Schilling ist eben heimgekommen,« antwortete die Majorin an seiner Stelle, während ihr Blick erschreckt, aber mit sofortigem Verständnis die ganze Sachlage umfaßte. Sie kam raschen Schrittes, kopfschüttelnd, über den überschwemmten Fußboden her und wich mit mißtrauischer Miene seitwärts, als die Baronin schweigend, mit hochaufgenommenen Kleidern an ihr vorüberschoß, um über die Wendeltreppe zu entfliehen. – »Er hat gesehen, wie wir nahe an ihm vorüber in das Haus gelaufen sind, und wird wohl gleich selber da sein,« setzte sie mit gehobener Stimme hinzu. »Mir scheint, er paßt besser hierher als irgend eine Dame.«

In diesem Augenblicke sank die Baronin mit jenem schrillen Aufschreien, das Donna Mercedes im Säulenhaus schon so oft gehört, auf einer der untersten Treppenstufen zusammen und blieb regungslos liegen.

»Larifari – das ist Komödie!« sagte die Majorin hart und trat, ohne sich nur weiter umzusehen, zu Donna Mercedes, die eben das Taschentuch in das Wasser zu ihren Füßen tauchte, um es auf die Schnittwunden im Daumen und Zeigefinger zu pressen.

Die junge Dame schrak zusammen – unter stürmischem Herzklopfen hörte sie, wie Baron Schilling auf die Galerie heraustrat.

»Was geht hier vor?« rief er in der ersten schreckensvollen Überraschung hinab.

»Irgend ein Schuft, eine infame Kanaille hat die Abzugsrohren an den Springbrunnen verstopft, gnädiger Herr!« antwortete der Stallbursche vom Glashause herüber, wo er um das Becken watete und eben einen großen Pfropfen zum Vorschein brachte. Er hatte bereits die Springbrunnen abgeschraubt, nur ein einziger rauschte noch, und über den Rand des Beckens schoß das Wasser immer noch klatschend auf den Boden. Baron Schilling eilte die Stufen herab – da stieß sein Fuß an die hingesunkene Frau. Er bückte sich, befühlte ihr Kopf und Hände, und wie jemand, der seine Vermutung bestätigt findet, ging er schweigend von ihr weg und schritt unverweilt auf Donna Mercedes und die Majorin zu.

Mochte das falbe Licht des Mondes sein Gesicht entstellen, oder machte ihm eine furchtbare innere Bewegung das Blut stocken – er war entfärbt wie ein Toter. Er schien nicht zu bemerken, daß die Werke seiner künstlerischen Hand, seine Skizzen und Entwürfe und viele Lieblingsstücke seiner Sammlungen, wild durcheinander geworfen, vom Wasser bespült und überschwemmt, inmitten des Ateliers lagen; er sah auch die Majorin nicht – seine Augen hingen nur mit einer Art fragenden Entsetzens an der weißen Gestalt, die von der Staffelei weggetreten war und sich bemühte, die blutbetropften Stellen ihres Kleides in den Falten zu verbergen und eine möglichst ruhige, unbefangene Haltung anzunehmen.

»Mir scheint, das Unheil vom Klostergute rückt nun auch auf den Schillingschen Grund und Boden vor,« rief ihm die Majorin bitter entgegen. – »Ich wollte gerade, wie jeden Abend, zu meinen Enkeln gehen, um sie in ihren Bettchen liegen zu sehen, da hörte ich um Hilfe rufen, und der Bursche dort« – sie zeigte nach dem Stalldiener im Glashause – »kam auch über den Weg her und lief mit... Es sieht schrecklich aus, wenn zwei Frauen miteinander ringen, als ginge es ums Leben – und hier hab ich's gesehen, hier auf der Stelle!« – Sie warf einen finsteren Blick nach den Treppenstufen, wo ein schnell wieder verstummendes Rascheln Leben und Bewegung verriet. »Ich weiß nicht, was Ihrer Frau fehlt, Herr Baron,« fügte sie mit scharfer Stimme hinzu. »Die liebe junge Frau da sagt, sie sei fieberkrank, und so etwas muß es wohl sein; denn ein Mensch mit klarem Kopfe, und wenn er nicht gerade durch und durch ein Bösewicht ist, stößt und sticht doch nicht mit dem Messer – da liegt es noch!« – schaltete sie ein und stieß mit dem Fuß an den auf den Boden geschleuderten Dolch – »nach solch einem Bilde, das ihm auf der Gotteswelt nichts getan hat.«

»Es ist ihm nichts geschehen, es ist unversehrt geblieben – Gott sei Dank!« rief Donna Mercedes völlig selbstvergessen, in so erschütternd zärtlichen Tönen, als sei ihr das Liebste auf Erden gerettet.

War es nicht, wie wenn ein blendendes Licht in jähem Strahle niederfahre und in den blauen, tiefen Augen des Mannes fortflamme, der dastand, als traue er seinen Sinnen nicht bei diesen nie gehörten, herzbewegenden Lauten? ... Er faßte wortlos nach der Hand, die sein Werk, ein Stück seiner Seele, seines innersten Lebens verteidigt hatte unter Schmerzen, mit der rückhaltlosen Hingebung, wie es nur ein Weib vermag, das – liebt.

Sie zog hastig und erschrocken die Hand an sich. »Es ist nichts – ein kleiner Hautritz? Und glauben Sie ja doch nicht, daß es ums Leben gegangen sei –« Sie lachte kurz, fast rauh auf, und ihre völlig verwandelte Stimme hatte eine Herbheit, als wolle sie den einen verräterischen Augenblick bitter an sich selber rächen. – »Mein Gott, es versteht sich ja ganz von selbst, daß man Fieberkranke nicht gewähren läßt! – Halten wir uns nicht auf! Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Arbeiten im Wasser schwimmen und zugrunde gehen, und daß vor allem die Frau dort nach dem Säulenhause gebracht werden muß?«

Die Majorin hatte schon ihren durchnäßten Kleidersaum aufgenommen und war an die Treppe getreten. Sie rief die Baronin an, allein keine Antwort erfolgte.

»Geben Sie sich keine Mühe!« rief Baron Schilling bitter hinüber. »In solchen Fällen kann nur die Pflegerin, Fräulein von Riedt, helfen – ich werde sie holen.«

Er schloß die in den Garten führende Tür auf und entfernte sich rasch.

»Und jetzt gehen Sie auch,« sagte die Majorin zu Donna Mercedes. »Es macht mir angst, Sie in den nassen Kleidern und Schuhen zu wissen; und der Doktor muß auch her, um nach der Hand zu sehen... Sie können ganz ruhig sein, ich stehe derweil Schildwache – an dem Bilde soll sich ganz gewiß niemand mehr vergreifen.« Die junge Dame huschte hinaus. Sie blieb noch einen Augenblick im schützenden Dunkel des Türbogens stehen und horchte mit klopfendem Herzen auf die eiligen Männerschritte, die immer entfernter von der Allee herüberklangen; dann suchte sie die am Klosterzaun hinlaufenden Wege auf – sie wollte heute nicht mehr gesehen sein.

In der Nähe des Säulenhauses sah sie Baron Schilling zurückkommen; Fräulein von Riedt und ein Herr folgten ihm. Die Stiftsdame hielt sich stolz und hochaufgerichtet wie immer; sie sah nicht im mindesten erregt aus, war aber gewissenhafterweise mit den verschiedenen Hilfsmitteln ihres Pflegeramts, wärmenden Schals und Medizinfläschchen, ausgerüstet.

Kaum eine Stunde nachher fuhr der Wagen der Frau Baronin vor das Säulenhaus, und die Gnädige kam, einen dichten Schleier vor dem Gesicht und auf den Arm ihres Sachwalters gestützt, in Begleitung der Stiftsdame die Treppe herab, um mit dem letzten Zug abzureisen. Der Schillingshof war wie ausgestorben. Fräulein von Riedt hatte streng befohlen, daß sich niemand von der Dienerschaft sehen lasse, und so lauschten nur scheue, bestürzte Gesichter aus dunkeln Winkeln und Verstecken und sahen die graue Schleppe der Herrin draußen in der Säulenhalle verschwinden – sie wußten, daß die Gestrenge ging, um nie wiederzukehren.

Das war noch ein harter Kampf im Atelier gewesen. Die streitenden Stimmen hatten weit über den nachtstillen Garten hingeklungen; die hochliegende der Frau hatte sich in Vorwürfen und Verwünschungen erschöpft, und dazwischen waren die Einwürfe und Bemerkungen der markigen, tönenden Männerstimme wie wuchtige Keulenschläge niedergefallen. Darauf war die Ateliertür zugeschmettert worden, daß die Wände gezittert hatten, und die lange, graue Gestalt war unter den Platanen hingehuscht, wesenlos und schattenhaft wie der böse Geist, den der Sieg des Rechts aus einem lange behaupteten Seelenwinkel vertrieben.

Und die Fichten hinter dem Atelier mochten wohl ihre alten Häupter und Bärte geschüttelt haben. Denn so lange sie auf Schillingschem Grund und Boden standen, hatten sie noch kein solch stürmisches Auseinandergehen zwischen Mann und Weib gesehen. Unter den Schillingschen Quer- und Trotzköpfen war manch grimmer Haudegen gewesen, und es hatten auch Frauen da gewaltet, kraftvoll und stark an Leib und Seele, die, ihrer Hausfrauenrechte wohl bewußt, mit strenger Würde ihr Zepter getragen. Aber der Herr war Herr und Gebieter geblieben, mochte die Frau auch Truhen und Schreine voll gediegenen und klingenden Wertes und einen Namen des edelsten Klanges mitgebracht haben; und wenn einer der Eheherren auch noch so wild gepoltert, die alten Bäume des Schillingshofes wußten bis dahin nichts zu erzählen von so bösen, schneidend giftigen Worten aus Frauenmund, wie sie zu dieser schlimmen Stunde durch die Atelierfenster gedrungen waren. – –

Am anderen Tag verkehrte Baron Schilling lange mit dem Sachwalter, der die Gnädige nur bis an den Wagen begleitet hatte und im Schillingshofe geblieben war. Auch Mamsell Birkner, die Kundige, wurde zu der Beratung gezogen und ihr die Aussonderung alles dessen, »was dagewesen war«, übertragen... Dann, am späten Nachmittage, trat Baron Schilling in die Erdgeschoßwohnung.

Es war gut, daß Besorgnis und Sehnsucht die Majorin gerade um diese Stunde hinübergetrieben hatten; denn Donna Mercedes schrak fassungslos zusammen und blieb unbeweglich im Fensterbogen stehen, als er, dem anmeldenden Schwarzen auf dem Fuße folgend, unter die Tür trat.

Er war im Reiseanzug, und draußen hielt der Wagen, der ihn und sein Gepäck zur Bahn bringen sollte.

»Ich komme, um Frau von Valmaseda und Lucians Kindern mein Heim nochmals zur unumschränkten Verfügung zu stellen,« sagte er der Majorin, den Stuhl, den sie ihm bot, zurückweisend. »Meine gute Birkner und Hannchen werden alles tun, um die Räume so wohnlich wie möglich herzurichten, wenn der fremde Besitz ausgeräumt sein wird.« – Wie das seltsam von seinen Lippen klang, schneidend betont, und dabei von einem sonnenhellen Aufblick, einem tiefen Ausatmen begleitet! – »Ich selbst muß fort! Ich habe das niederbeugende Gefühl, als sei meine Seele verwildert im langjährigen Kampfe mit bösen Eindrücken, und bis nicht alle diese entstellenden Flecken weggespült sind, betrete ich das Haus meiner Väter nicht wieder.«

Dann trat er in die Fensternische. Er nahm Donna Mercedes Rechte, die auf dem Schreibtisch lag, sanft zwischen seine schönen kräftigen Hände. – Versunken war aller Groll, alle bittere Verhöhnung in der Tiefe der blauglänzenden Augen, die auch jetzt das Feuer ausstrahlten, das gestern ein einziger Augenblick entzündet. »Verzeihung!« flüsterte er, über die junge Dame gebeugt. »Der ungelenke Germane ist ein plumper Stümper in der Seelenkunde gewesen – er wird das mit einer jahrelangen, einsamen Wallfahrt durch die Welt büßen.«

Und mit den Lippen leise und vorsichtig die verletzten Finger berührend, wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.