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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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37.

Der Rat Wolfram und sein kleiner Sohn ruhten seit gestern im Erbbegräbnis an der Seite der »armen stillen Frau Rätin«. Die beiden Verstorbenen waren am frühen Morgen in aller Stille beigesetzt worden.

Auf den Höfen des Klostergutes herrschte wieder der Wirtschaftslärm, als sei er nie unterbrochen gewesen. Das große Mauertor stand tagsüber weit offen, die Knechte fuhren unermüdlich aus und ein – denn die Ernte hatte begonnen – und die Mägde hantierten mit arbeiterhitzten Gesichtern in den Ställen und Bodenräumen und am Kochherd, auf dem in mächtigen Kesseln das Essen für die Erntearbeiter bereitet wurde.

Die Majorin überwachte alles, wie sie es seit vielen Jahren getan. Es war unmöglich, eine so große Wirtschaft, die bisher wie ein pünktliches Uhrwerk gegangen war, mit einem Ruck zum Stillstehen zu bringen; da hieß es geduldig den Faden abwickeln, und die aus allen Fugen gerüttelte Frauenseele bedurfte ihrer ganzen Willensstärke, um diese Aufgabe durchzuführen. Nur vom Milchverkauf hatte sie sich freigemacht; das besorgten jetzt die Mägde in der Gesindestube; ebenso hatte sie alles Geschäftliche bezüglich der Hinterlassenschaft des Rates vorläufig in Baron Schillings Hände gelegt, der ihr in diesen Tagen des Schreckens und der namenlosen Bedrängnis wie ein Sohn näher getreten war. Sie hatte auch mit ihm vereinbart, daß der verhängnisvolle Gang vom Schillingshofe aus zugemauert werde; die Amtsstube und das Eßzimmer standen verschlossen – sie mied die zwei Schwellen wie glühendes Eisen. Nun kam Baron Schilling am Tage nach der Beisetzung behufs einer vorläufigen Untersuchung mit zwei Handwerkern, einem Kunsttischler und einem Maurer, in den Holzsalon. Er hatte Donna Mercedes vorher benachrichtigt und fand deshalb den Salon leer, aber die Türen nach Josés ehemaligem Krankenzimmer und der anstoßenden Kinderstube waren nicht fest geschlossen, man hörte das Geplauder der spielenden Kinder herüber.

Der Tischler schlug die Hände zusammen über das zerstörte kostbare Kunstwerk der Holzschnitzerei, und der Maurer untersuchte die dahinterliegende glatte, braune Tür an der Innenseite. Die alten Mönche seien Schlauköpfe gewesen, meinte er und zeigte auf verschiedene kleine Schieber und Riegel auf der Fläche. Auch ohne eine der Türen – die durchsichtige sowohl wie die feste, glatte – zu öffnen, hatte man durch kleine Rundungen zwischen übereinander geflochtenen Ranken oder im Kelch einer Blume den ganzen Salon übersehen können. Und diese verschiebbaren kleinen Platten liefen geräuschlos in sorgfältig eingeölten Rinnen und zeugten so unwiderleglich vom allerjüngsten Gebrauche. Die Polstertür aber, von einem dicken, unverwüstlichen Leder überspannt, hatte zu allen Zeiten jeden Schall zwischen den zwei Häusern aufgefangen, und zum Überfluß zeigte sich auch noch das Innere der Wand mit den geschnitzten Heiligen drüben in der Amtsstube durch Polsterwerk verkleidet.

Während dieser Besichtigung trat plötzlich der Bediente Robert in den Salon. »Die gnädige Frau Baronin!« meldete er, und seitwärts tretend, schlug er den Torflügel zurück.

Die Baronin erschien auf der Schwelle. Sie war in grauer Seide, hatte das große Goldkreuz auf der Brust, und über dem blonden Scheitel lag eine weiße Barbe, die unter dem Kinn lose geschlungen war – das Gesicht erschien dadurch noch schmäler und länger.

Ihre Augen überflogen forschend das Zimmer; sie hatte jedenfalls vorausgesetzt, Donna Mercedes vorzufinden. Auf ihren Wangen lag ein schwaches Rot; es belebte die Erscheinung wie das fieberische Funkeln ihres Blickes – die bleichgrauen Augensterne waren in diesem Augenblick entschieden stahlfarben ... Man sah, sie wollte imponieren; sie hielt den Oberkörper stolz und steif, als sei sie ihrer Rückenschwäche für immer ledig.

»Ah, da bist du ja, mein Freund!« sagte sie sehr unbefangen. Sie erwiderte den ehrerbietigen Gruß der Handwerker mit einem kaum merklichen Kopfnicken und hielt ihrem Mann mit nachlässiger Grazie die Fingerspitzen hin. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie ihn seit dem stürmischen Auseinandergehen im Atelier nicht wieder gesprochen.

Baron Schilling war bei Roberts Meldung rasch aus der Mauertiefe getreten. Unwillkürlich fuhr sein erster Blick durch die offene Tür; aber der unvermeidliche Schatten der »Gnädigen«, die Stiftsdame, war nicht sichtbar. Ihre Pflegebefohlene war entweder heimlich entwischt, oder sie hatte sich losgemacht.

Bei dieser Wahrnehmung milderte sich der Ausdruck der Erbitterung auf seinem Gesicht, dafür erstarrte seine Gestalt förmlich in eisiger Zurückhaltung. Er berührte die hingestreckten langen Finger kaum mit seiner schönen, kräftigen Rechten.

Gereizt zog sie die Hand zurück und nahm das langnachschleifende Kleid auf, um dem Flügel näherzutreten. »Sieh da, der Missetäter, der mir gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft die heftigsten Nervenkrämpfe verursacht hat!« bemerkte sie mit jenem halben, häßlichen Lächeln, das nur gemacht schien, die langen, weißen Zähne zu entblößen, ohne die flachen Mundwinkel reizvoll zu vertiefen und die Wangen zu runden. »Solch ein Klimperkasten, nimmt er sich nicht wunderlich aus, gerade in meinem Zimmer, Arnold? – Er ist ein ausgesprochener Hohn auf mein ganzes Sein und Wesen! ... Hast du gewußt, daß man dergleichen – Überfracht mitbringen würde?«

»Es wäre sehr überflüssig gewesen, mir das anzuzeigen,« versetzte er kurz, mit einem forschenden Blick nach der leicht klaffenden Tür des Nebenzimmers. »Im übrigen möchte ich dir zu bedenken geben, daß dieses prachtvolle Instrument kein Klimperkasten ist, so wenig wie es in deinem eigenen Zimmer steht – du bewohnst den ersten Stock.«

»O, bitte recht sehr, mein Freund! Ich danke Gott, daß mit dem Vermauern dieses Spitzbubenweges der unheimliche Lärm verschwinden wird –«

»Es ist nicht Adams arme Seele gewesen, wie du in deiner Unfehlbarkeit festgestellt hattest, und den ›Spitzbubenweg‹ haben Klosterbrüder angelegt, Klementine –«

»Verschwinden wird,« wiederholte sie mit eintöniger, gleichmütiger Stimme, seine boshafte Bemerkung völlig unbeachtet lassend. »Diese Räume habe ich in der ersten Zeit unserer Ehe bewohnt, und du weißt, daß ich an meinen Rechten festhalte ... Im ersten Stock ist die Beleuchtung für meine empfindlichen Augen zu grell; ich muß meist hinter herabgelassenen Vorhängen ohne frischen Luftzug halb ersticken. Hier dämpft der Säulengang wohltätig das Licht. Aus dem Grunde hatte ich dich auch wiederholt gebeten, dich wegen Beschleunigung der Ausbesserung mit mir zu verständigen – du wirst mir zugeben, daß ich auch ein Wort dreinzureden habe, wie und wann dieselben in Angriff genommen werden sollen – und deshalb bin ich jetzt gekommen ... Ich brenne darauf, mich hier unten wieder einzurichten.«

Er lachte hart auf und wandte ihr den Rücken, um die Handwerker zu entlassen, die ihre Untersuchung inzwischen beendet hatten. Ihnen auf den Fersen folgend, schien er mit den Leuten zugleich hinausgehen zu wollen.

»Nun – soll ich allein hier bleiben?« rief sie empört, bewegte sich aber nicht von der Stelle; sie stützte vielmehr die Hand fester auf den Flügel, neben dem sie stand.

»Hast du mir noch etwas zu sagen?« fragte er von der Schwelle aus zurück, nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten – er hielt das Türschloß in der Hand. »In dem Fall muß ich dich bitten, mich in den Garten zu begleiten. Ich finde es nicht sehr anständig, so unverfroren in Räumen zu verhandeln, die uns augenblicklich durchaus nicht zur Verfügung stehen.«

»Mein Gott, wir haben ja doch nicht kontraktlich vermietet! Übrigens wird sich dein Gast der Einsicht gewiß nicht verschließen, daß die Erneuerung der zerstörten Wand an Ort und Stelle besprochen werden muß –«

»Wärst du bei der Sache geblieben –«

»Aber ich bitte dich, was habe ich denn anderes berührt? Meine spätere Übersiedelung in diese Wohnung ist ja eng damit verknüpft ... Übrigens wirft du mir zutrauen, daß ich diesen meinen Lieblingswunsch unterdrückt haben würde,« – sie sprach im Ton der ausgesuchtesten Höflichkeit – »wüßte ich nicht, daß die Mission im Schillingshofe zu Ende ist. Die Versöhnung ist erfolgt, offenkundig erfolgt, wie ich mich täglich überzeuge; die Majorin Lucian wird ihre Enkel voraussichtlich in der Kürze zu sich nehmen – dann steht die Wohnung hier leer, ehe man sich dessen versieht. Ich kann mir nicht denken, daß sich Frau von Valmaseda auch nur einen Tag länger, als unbedingt nötig ist, in unserem einfachen Hause genügen läßt. Die Dame hat ihrem verstorbenen Bruder der Opfer genug und übergenug gebracht, wie ich recht gut einsehe. Und du wirst ihr ebensowenig zumuten, zu bleiben –«

»Ich?!« – Seine Hand ließ das Türschloß los, er trat in das Zimmer zurück. – »Wie möchte ich auch nur um eine Linie die Befugnisse überschreiten, mit denen Felix mich betraut hat! Darüber hinaus habe ich keine Macht – noch weit weniger aber auch den Willen, sie zu erlangen und auszuüben.«

»Nun, dann wären wir ja im Einverständnis, mein Freund! Und Frau von Valmaseda wird ohne Zweifel entschuldigen –«

In diesem Augenblick wurde die Tür des Nebenzimmers weiter geöffnet, und Donna Mercedes trat heraus. Sie hatte bis dahin wohl nicht die Absicht gehabt, sich sehen zu lassen, denn ihre gewaltige Haarflut, die sonst das Netz bändigte, war nur lose mit einem Kamm aufgenommen; er lief als breite, goldene Spange durch die blauschwarzen Strähne und ließ da und dort lockige Enden und Ringel nach dem Nacken, gegen die Stirn und Schläfen entschlüpfen. Ein lebhafter Trieb schien die junge Dame in das Zimmer zu drängen.

»Ich habe nichts zu entschuldigen; Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, Frau Baronin,« sagte sie, die Herrin des Schillingshofes mit einem verbindlichen Kopfneigen begrüßend. »Ich sehe auch ein, daß die Verunstaltung Ihres Salons so schnell wie möglich beseitigt werden muß, und doch bin ich gezwungen, Sie noch für einige Tage um Aufschub zu bitten, so schwer es mir auch wird. Mein kleiner Neffe ist noch nicht erstarkt genug, um den Lärm und die Unruhe des Hotellebens ohne Schaden zu ertragen – der Arzt ist augenblicklich entschieden gegen einen derartigen Wohnungswechsel.«

Die Baronin ließ ihre Augen verstohlen, aber rastlos musternd an der auffallenden Erscheinung auf und nieder gleiten. Sie hatte sich eben noch der größten Höflichkeit, des sanftmütigen Tones beflissen; allein nichts war mehr geeignet, ihr die Stimmung zu vergiften, als eine schöne Frau. Und diese Amerikanerin da war, in der Nähe besehen, von einer wahrhaft erschreckenden Schönheit und dabei eine gewiegte Kokette in Entfaltung ihrer Reize. Gab es wohl einen herrlicheren Anblick als dieses flutende, auf dem Scheitel lässig zusammengefaßte Haar, wie es den feinen, stolzgetragenen Kopf umwogte, kaum das pikante, kleine, von den mächtigen Sonnenaugen gleichsam durchleuchtete Gesicht und einen schmalen Streifen des zarten Halses freilassend? – Das entschied.

»Das Wolframsche Haus möchte wohl im Augenblick an Stille nichts zu wünschen übrig lassen, denn die Frau Majorin Lucian bewohnt es allein,« sagte die Baronin mit niedergeschlagenen Augen und harmloser Miene eintönig und doch anzüglich: »aber es eignet sich selbstverständlich nicht zum Aufenthalt einer eleganten Dame.«

»Das ist's nicht!« fiel Donna Mercedes ein. »Ich würde viel leichter dort hinübergehen, als ich mich jetzt anschicke, meine Bitte zu wiederholen ... Aber es geschieht für meines Bruders Kinder, nicht für mich. Ich erfülle nur meine Pflicht, wenn ich sie nicht in das düstere, dem frischen Luftzug schwer zugängliche Haus bringe, in dem sie sich obendrein fürchten und ängstigen. Auch die Großmama wünscht es durchaus nicht.«

Baron Schilling war inzwischen, unweit seiner Frau, an den Flügel getreten. Er hatte ein Notenheft aufgenommen und schlug die Blätter um.

»Wozu diese sehr überflüssigen Erörterungen, und wie mögen Sie vom Hotel sprechen, gnädige Frau?« fiel er kühl und gelassen ein, ohne von den Noten aufzusehen. »Stehen Ihnen nicht meine Zimmer, in denen Frau Lucile gewohnt hat, unumschränkt zur Verfügung, solange es Ihnen nur irgend wünschenswert erscheint, im Schillingshof zu bleiben?«

»Ich danke,« lehnte sie kurz und schroff ab. »Es handelt sich, wie bereits gesagt, nur um Tage. Ich stehe im Begriff, eine Villa, nahe der Stadt zu kaufen –«

»Sie?!« – Er ließ das Notenheft sinken, und ein dunkles Rot schoß in seine Wangen. »Sie standen ja neulich schon mit einem Fuß gewissermaßen auf den Schiffsplanken, um sich in der fernen Heimat zu ›vergnügen‹ – und nun wollen Sie plötzlich auf deutschem Boden Anker werfen? Auf deutschem Boden?«

»Ja, auf deutschem Boden, mein Herr,« bestätigte sie trotzig. »Beabsichtigen Sie, mich Landes zu verweisen?«

»Das ist kein Vorrecht der Schillings,« entgegnete er mit kaltem Lächeln. »Mein Einwurf galt nur dem sonderbaren Wechsel der Stimmungen–«

»Oh, kommt da die Stimmung noch in Betracht, wo sich die Verhältnisse so umstürzend verändert haben!« fiel sie tiefgereizt ein; trotzdem klang ihre Stimme wie unterdrückt von verschluckten Tränen. »Ich habe die Mutter meines Bruders lieb gewonnen, seine Kinder gehören nunmehr zu ihr. Diese drei Menschen sind aber die einzigen, die ich noch besitze, die einzigen, sage ich, die meinem Herzen teuer sind – und das entscheidet. Ich fühle, daß ich mich von ihnen nicht trennen kann. Darum werfe ich Anker auf deutschem Boden, den ich mehr als je verabscheue! – Ja, mehr als je! ... Wenn Sie meinen, darin habe sich meine Stimmung geändert, so ist das ein lächerlicher Irrtum, ein Wahn des germanischen Nationaldünkels.«

Sie hielt inne und strich sich mit der Hand über die Stirn – sie schien über ihre eigene Leidenschaftlichkeit zu erschrecken: dazu ruhte der Blick der widerwärtigen, grauen Frau so aufdringlich und kaltlauernd auf ihr. Ihre ganze Selbstbeherrschung aufbietend, brach sie mit einer Gebärde des Unwillens ab und fügte ruhiger hinzu: »Die Villa erinnert mich nach Stil und Lage an mein niedergebranntes Geburtshaus daheim, und im Sommer kann ich mich leicht der Täuschung hingeben, als sei ich nicht auf deutschem Boden. Die großen Treibhäuser sorgen für die südliche Flora, welche das hübsche Schlößchen umgibt und sich ziemlich bis unter die Waldbäume des umschließenden Parkes verirrt–«

»Sie wollen die Fürstlich Trebrasche Besitzung kaufen?« unterbrach sie Baron Schilling gepreßt, während die »Gnädige« ihre Augen weit öffnete in einem Gemisch von Erstaunen, Ärger und unwillkürlicher Hochachtung.

»Ja, mein Herr – ist das so verwunderlich? Glauben Sie, eine Dame könne keinen Kauf abschließen, ohne vormundschaftlichen Rat und Beistand? ... Ich kann Ihnen versichern, daß ich ganz genau weiß, was ich tue. Der Fürst geht nächste Woche nach Italien, um für immer dort zu leben, und der zwischen uns vermittelnde Agent versichert, die Wohnung im Erdgeschoß sei erst kürzlich neu hergerichtet worden, ich würde sie sofort mit den Kindern beziehen können.« »Aber das trifft sich ja prächtig,« sagte die Baronin sehr höflich, wobei sie sich zum Gehen anschickte. »Ich bitte Sie, nach wie vor diese Wohnung als Ihr einstweiliges Heim anzusehen ... Gegen deinen Vorschlag freilich, bezüglich der Übersiedlung in deine Räume, lieber Arnold, müßte auch ich energisch widersprechen, da ich nicht länger zugeben werde, daß du in dem engen, heißen Oberbau des Ateliers bleibst. Es ist erdrückend schwül unter den niedrigen Zimmerdecken, wie ich mich neulich selbst überzeugt habe. Ich werde Befehl geben, daß man deine eigentlichen Zimmer unverweilt wieder wohnlich für dich herrichtet.«

Es war ein unbeschreiblicher Ausdruck von lächelndem Hohn, mit dem Baron Schillings Blick die Frau seitwärts streifte, die schlau die Gegenwart eines dritten benutzte, um ihm die Rückkehr in das Säulenhaus abzutrotzen. »Bemühe dich nicht,« versetzte er ganz ruhig. »Das hat meine gute Birkner längst besorgt ... Die Fensterläden bleiben geschlossen und werden voraussichtlich unter Jahr und Tag nicht wieder geöffnet werden. Morgen geht meine neueste Arbeit nach Wien zur Ausstellung, und ich werde ihr nach höchstens zwei Tagen folgen, um dann in Kopenhagen behufs meiner Vorstudien einen längeren Aufenthalt zu nehmen.«

»Mein Gott – und das erfahre ich erst in diesem Augenblick? Wie soll denn die Jungfer mit den nötigen Vorbereitungen fertig werden? Und meine Reisetoilette – verzeihe, Arnold, aber diese Überstürzung ist denn doch ein wenig rücksichtslos.« – Sie zog mit hastigen Händen die Zipfel der Barbe fester unter ihrem Kinn und nahm eiligst die Schleppe auf. – »Dann habe ich aber auch nicht einen Augenblick zu verlieren, wenn ich zur rechten Zeit reisegerüstet sein will –«

»Du wirst doch nicht denken, daß ich dir zumute, mich zu begleiten?« unterbrach er sie. »Du fühlst dich kränker als je, wie du mir mitgeteilt hast; das nordische Klima sagt dir nicht zu – außerdem bist du kaum von einer anstrengenden Reise zurückgekehrt –«

»Gleichviel, ich gehe unter allen Umständen mit.«

»Wir werden sehen.« – Er sagte das kurz und schroff und verabschiedete sich mit einer tiefen, ernsten Verbeugung, jedenfalls zugleich für die »Jahre« seiner Abwesenheit, von Donna Mercedes, die wie eine Bildsäule, ohne Bewegung, auf ihrem Platze verharrte. Das gab ihrer Erscheinung einen unsäglich hochmütigen Ausdruck. Die Baronin mochte meinen, diese geldstolze »Südamerikanerin« halte schon ein dankendes Kopfneigen unter ihrer Würde, und deshalb nahm auch sie, trotz ihrer großen inneren Aufregung, eine stolz abweisende Haltung an und grüßte kaum mit einem Augenwinken zurück, während sie dem Hinausgehenden folgte.

Donna Mercedes hörte, wie sie draußen die Flurhalle durchschritten und die nach dem Garten führende Tür unverweilt öffneten. Ohne kaum selbst zu wissen, daß sie es tat, ging sie hinaus in den Gang und trat an das gegenüberliegende Fenster. Dort unter den Platanen gingen sie hin. Die Frau mit dem gekrümmten Rücken hing vertraulich am Arm des dahinschreitenden Mannes ... Ein Nebel legte sich vor die Augen der jungen Dame – sie drückte sich tief in die Ecke der Fensternische, und heiße Tränen rollten unaufhaltsam über das stolze Antlitz. – –

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