Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
Schließen

Navigation:

36.

Eine unbeschreibliche Aufregung herrschte in allen Kreisen. Man hatte ja das Unheil in den Gruben längst vorausgesagt, und doch hatte es durch den habgierigen Starrkopf des Bergwerkbesitzers und den Leichtsinn seiner Arbeiter dahin kommen dürfen, daß in wenigen schrecklichen Stunden eine Schar kräftiger Männer, Väter und Söhne, eines furchtbaren Todes sterben mußten–es waren nur wenige gerettet worden. In all dem Jammer, der grenzenlosen Erbitterung war es deshalb für viele Gemüter ein wahrer Trost, eine tiefe Genugtuung gewesen, daß der Rat Wolfram die ganze Schuld allein auf seine Schultern nehmen und deshalb schwer werde büßen und bluten müssen ...

Nun war er aber tot – er war selbst das Opfer der Katastrophe geworden, noch dazu in derselben Nacht, wo er sein einziges Kind hatte sterben sehen. Für viele war das die notwendige Sühne seines Unrechts, die sichtbare Hand Gottes selbst, die ihn strafend in die Tiefe geschleudert, andere aber munkelten bereits, daß sein jähes Ende wohl nicht ohne seinen eigenen Willen und Vorsatz erfolgt wäre.

Aber die Art und Weise, wie Veit verunglückt war, verlautete noch nichts in der Öffentlichkeit. Desto größer war das Aufsehen im Schillingshofe selbst. Hannchen war sofort in das Atelier gegangen und hatte dem Herrn des Hauses das Geschehnis angezeigt, und Mamsell Birkern hatte auch keine Veranlassung gehabt, bei den Bediensteten über Adams glänzende Rechtfertigung zu schweigen. Die Nachricht hatte wie eine Alarmtrommel das ganze dienende Völkchen zusammengescheucht ... Wie – es war nicht der Geist des armen Bedienten gewesen, der hinter den Holzwänden des Salons gespukt hatte? Wirkliche Füße und Finger von Fleisch und Bein hatten an der spukhaften Stelle getappt und getastet, und das vermeintliche Gespenst wandelte stolz und hochmütig durch die Straßen der Stadt, ließ sich »Herr Rat« titulieren, war der Reichste unter den Reichen im weiten Umkreise, und hatte es nie der Mühe wert gefunden, den ehrlichen Dienstboten des Schillingshofes für ihren ehrerbietigen Gruß auch nur mit einem Augenwink zu danken! – Dieser Spion, dieser Horcher an der Wand, dieser Spitzbube, der dem alten Freiherrn die Gedanken aus dem Kopfe und damit Unsummen aus der Tasche gestohlen hatte!

Nie hatten sich die braven Leute so viel in der Flurhalle und im Gang zu schaffen gemacht als an diesem Nachmittage, wo sie hofften, durch eine offengelassene Tür einen Einblick in den interessanten Salon zu gewinnen und die Verwüstung zu begucken, die der »tapfere« Pirat mit der Wucht seines Sprunges angerichtet. Allein Jack stand wie eine schwarze Marmorfigur ernsthaft vor der Tür, und die stolze Bewohnerin des Zimmers, die sonst immer um diese Zeit in den Garten ging, verließ heute ihre Gemächer nicht. Zudem erschien plötzlich Baron Schilling; und wenn er auch, durch Jack angemeldet, nur für wenige Minuten im Salon verblieben war, um sich als Herr des Hauses vom Sachverhalt zu überzeugen, so konnte er doch jeden Augenblick wiederkommen, und der finstere, verweisende Blick, mit dem er die Wißbegierigen in der Flurhalle gemessen hatte, war allen in die Glieder gefahren.

Am Morgen des anderen Tages aber standen sie doch schon wieder alle am Eisengitter des Vorgartens; sie schielten flüsternd nach dem Klosterhause und sprachen mit den Vorübergehenden, die auch zu Haufen stehen blieben – der Bäckerjunge hatte die Nachricht von dem Tode des Rates mitgebracht. Die Leute waren nicht wenig erstaunt, als eine Magd vom Klostergute mit verweinten Augen hastig und schweigend an ihnen vorüber nach dem Säulenhause schritt und gleich darauf mit Donna Mercedes zurückkam. Sie hielt sich in scheuer Entfernung hinter der schönen, schlanken Frau, die ein schwarzes Spitzentuch über den Kopf und die Büste geworfen hatte, und die kleine Paula an der Hand führte.

Alles wich scheu zur Seite vor der schwebenden majestätischen Erscheinung, die mit ihren feinbekleideten Füßen zum erstenmal den Gehweg vor dem Eisengitter betrat, um gleich darauf im Mauerpförtchen des Klostergutes zu verschwinden.

Es war der Majorin nicht so gut geworden, wie sie gehofft und gewünscht, sie hatte nicht am Schillingshof anklopfen und Einlaß begehren können, um bei den Enkeln, den einzigen Wesen auf der Welt, die zu ihr gehörten, Trost und Beruhigung zu suchen. Als der erste Schein des ersehnten Frührots am Himmel aufgeflogen war, die Vögel im Gebüsch sich geregt und die Haushähne auf dem Hinterhofe ihren Weckruf in die Morgenstille hineingeschickt hatten, da war auch ein seltsames Raunen und Regen jenseits des Hintergebäudes laut geworden. Sie hatte gehört, wie die Mägde nach ihr riefen und sie ohne Zweifel im ganzen Hause suchten. Aber sie hatte sich nicht finden lassen wollen; für sie gab es keinen Weg mehr zu dem Bruder zurück.

Sie war von der Bank aufgestanden und förmlich flüchtenden Fußes nach der Tür geschritten, die in die öde Straße führte, bis der alte Knecht des Hauses, Thomas, suchend den Kopf durch die Gartentür gesteckt und ihr eine grauenhafte Botschaft nachgerufen hatte ...

Vorbei war alles, alles! – Da auf der Tragbahre, die man inmitten des Hausflurs niedergestellt hatte, lag das Ende eines mehr als dreihundertjährigen Wirkens und Strebens, lag der Stürmische, Gewalttätige, der zuletzt mit bösen Dämonen gerechnet, in der wahnsinnigen Sucht, alles weit zu überbieten, was die Altvorderen geleistet hatten. Tränenlosen Auges war sie nach dem Refektorium gewankt, hatte die Tür weit zurückgeschlagen und den Leuten stumm gewinkt, den letzten Herrn des Klostergutes in das stolzeste Zimmer des Hauses zu tragen. Sie hatte eigenhändig seinen kleinen Sohn neben ihn gebettet und dann an den getäfelten Wänden die massiv silbernen Armleuchter befestigt, die zum letztenmal bei Veits Taufe gestrahlt hatten – noch einmal sollte ihr Kerzenlicht aufflammen, dann leuchteten sie keinem Wolfram wieder.

Wie eine Schlafwandelnde ging sie umher; ihre Schläfen hämmerten und das Blut fieberte; aber was geschehen mußte, das wurde getan mit übermenschlicher Willenskraft und Selbstüberwindung, und später, als es still im festverschlossenen Hause geworden war, ließ sie Donna Mercedes sagen, sie könne heute nicht kommen – sie müsse Totenwache auf dem Klostergute halten.

Da war es nun freilich, als schwebe über den Gerüsten, die sich in der verhängnisvollen Nacht aufgetan hatten, eine holde Psyche empor – das kleine, blondlockige Mädchen im weißen Kleide flatterte an Donna Mercedes' Hand in die düstere Flur des Klosterhauses; aber es sah sich plötzlich mit großen, erschreckten Augen um und steckte das kleine Gesicht in die Kleiderfalten der Tante, genau so, wie es einst der arme, kleine Knabe im blauen Samtröckchen getan hatte.

Und die Frau, die damals ihr Kind heftig gescholten hatte, weil sie stets der Meinung gewesen war, es gäbe nichts Stolzeres, Gediegeneres, kein Haus, das mehr anheimeln könnte als ihr Vaterhaus auf dem Klostergute, sie ließ jetzt unwillkürlich den Blick über die Wände und das schwarzbraune Deckengebälk hinfliegen, und da war es, als sei droben alles verschoben und verzogen wie ein über Nacht gealtertes, aus den Linien gegangenes Gesicht, als sei mit dem letzten gebrochenen Manneswillen, der drin auf der Bahre lag, auch das uralte »Falkennest« der Wolframs morsch geworden, und die schiefen Balken mußten demnächst wie Späne zersplittern unter der Wucht der von oben herabstürzenden Mauertrümmer, in welche der düstere Mönchsbau zusammensinke.

»Meines Bleibens ist hier auch nicht länger, als die Pflicht verlangt,« sagte sie wie unbewußt, mit zuckenden Lippen, und nahm das Kind vom Boden auf, um es beruhigend an ihr Herz zu drücken; Donna Mercedes aber streckte sie lebhaft, wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, ihre Rechte hin. Diese junge majestätische Frau, die stolzes Geblüt in den Adern hatte, war gekommen wie eine treue Tochter, um ihr Trost zu bringen und sie zu stützen, nicht beachtend, daß sie damit öffentlich ein Haus betrete, welches das Verbrechen entehrt hatte ... Und war sie auch sein und der bittergehaßten »Zweiten« Kind, so war sie doch auch Felix' Schwester, die den Bruder zärtlich geliebt und gepflegt hatte bis an sein frühes Ende, war sie doch neben den zwei Kindern die einzige Überlebende – alle anderen schliefen unter der Erde, der Rache entrückt. Sie stieß sich den Dolch ins eigene Fleisch, wenn sie das Rachewerk auch auf die Unschuldige erstreckte, auf die einzige, mit welcher sie von jenen Tagen reden konnte, in denen sie geliebt und deshalb in Wirklichkeit gelebt hatte ... War es nicht hohe Zeit, die Sonnenwärme der Liebe wieder aufzusuchen, wo sich die Schatten des Alters schon so breit und kältend über den Lebensweg hinstreckten ...

Während so der Schicksalssturm das Klosterhaus reinigend und sühnend durchbrauste, war es im ersten Stock des nachbarlichen Schillingshofes schwül und gewitterhaft.

Die Herrin des Hauses war noch immer leidend, und die Dienstboten, die droben verkehren durften, meinten, Fräulein von Riedt, die sie pflege, habe einen sehr schweren Posten. Sie verliere jedoch nie die Geduld und nähme die bösesten Worte, die ihr oft in das Gesicht geschleudert würden, mit so viel Gemütsruhe hin, als habe sie gar kein Ohr dafür. Dazwischen sei es aber auch hie und da für einen oder mehrere Tage stiller droben, und die Frau Baronin wisse dann gar nicht, was sie alles ersinnen solle, um Fräulein von Riedt Liebes und Gutes zu erzeigen, es fehle nicht viel daran, daß sie vor ihr auf die Kniee falle. Diese Umwandlung vollziehe sich aber stets, wenn Briefe mit einem gewissen Poststempel ankämen.

Die Baronin hatte noch immer die Gewohnheit, ruhelos durch die Zimmer und Säle zu laufen; dafür verließ sie aber auch ihre Gemächer nicht. Nur einmal wollte der Gärtner Zeuge gewesen sein, wie sie gegen Mitternacht immer und immer wieder das Atelier umkreist habe, bis ihr Fräulein von Riedt auf die Spur gekommen sei und nach einem heftigen Wortwechsel, wobei die Gnädige mit den Füßen gestampft, die Entwischte in das Säulenhaus zurückgebracht habe.

Am meisten wurde sie auf der Terrasse gesehen. Auch da wandelte sie oft unruhig durch die Orangenbäume, aber immer nur an dem Geländer hin, das die Plattform auf der Ostseite begrenzte. Von da konnte sie ziemlich die ganze Linie der Platanenallee übersehen, und über das Gebüsch hinweg war auch der kleine Oberbau des Ateliers sichtbar, in dem Baron Schilling seine Wohnung hatte. Da, unter einem Zeltdach, nahm sie mit Fräulein von Riedt die Mahlzeiten ein, hielt auch manchmal ein Buch oder eine Stickerei in den Händen, hauptsächlich aber war das der Beobachtungsposten, von dem aus sie den Verkehr zwischen Säulenhaus und Atelier verfolgte. Kein Gericht, keine Flasche Wein, die in das Atelier getragen wurden, entgingen ihren scharfen Augen, noch weniger aber ein lebendes Wesen, das die Kiesbahn der Allee beschritt.

So hatte sie auch eines Tages ihren Mann – zum erstenmal seit ihrer Rückkehr – unter den Platanen herkommen sehen. In diesem Augenblick des freudigen Erschreckens war es ihr nicht in den Sinn gekommen, daß ja auch das Erdgeschoß Bewohner habe – ein unbeschreibliches Siegesgefühl hatte sie durchstürmt – er gab nach, er beugte sich endlich, endlich, und kam zu ihr! ... Sie hatte mit einem langen, höhnisch triumphierenden Blick das leichterblaßte, über die Arbeit geneigte Gesicht der Stiftsdame fixiert, war aber unbeweglich unter dem Zeltdach sitzen geblieben und hatte den Oberkörper steif und unnahbar emporgereckt – so hatte sie gesessen und gewartet, äußerlich eine Statue an Kälte und strenger Haltung und im Innern fiebernd vor Ungeduld und Erwartung; aber der wohlbekannte Schritt war nicht laut geworden auf der Treppe, der »Bereuende« war nicht in die Glastür getreten, an der zuletzt ihre Blicke wahrhaft verzehrend gehangen hatten; nur der Bediente Robert war mit dem Eßzeug gekommen und hatte dabei über das Ereignis in der unteren Wohnung und den »gnädigen Herrn« berichtet, der »eben auch in den Salon gegangen sei«.

Seitdem hatte sie ihren Mann wiederholt brieflich aufgefordert, sich mit ihr über die Erneuerung im Holzsalon, die der stattgehabte Skandal nötig mache, zu verständigen, da ja auch ihr Interesse damit nahe berührt werde; und die Antwort hatte kurz und bündig gelautet, daß man anständigerweise erst die Beerdigung im Nachbarhause abwarten müsse, ehe man mit dem Handwerkerlärm beginne.

In das Säulenhaus war Baron Schilling nicht wieder gekommen, aber auf dem Klostergute war er gewesen. Er hatte lange in der Amtsstube gesessen und eine eingehende Besprechung mit der Majorin gehabt, und bei seinem Nachhausekommen hatte der Gärtner mit Beihilfe des Hausknechtes sofort vor seinen Augen einen schmalen Durchgang in den Zaun hauen müssen, der das Schillingsche Gebiet vom Klostergarten trennte.

Tief gereizt hatte die Baronin von der Terrasse aus dem Beginnen zugesehen; sie war ja doch die eigentliche Besitzerin des Schillingshofes, ohne ihre Genehmigung durfte kein Strauch versetzt, kein Beet verändert werden. Und nun gab er sich dort als alleiniger Besitzer – unerträglich!... Er durchbrach eigenmächtig die wohltätige Schranke, die das »Bauernelement« von dem vornehmen Boden geschieden, und suchte offenbar einen intimen nachbarlichen Verkehr einzuleiten, und das in einem Augenblick, wo es offenbar geworden war, daß »die Menschen da drüben« in ehrloser Weise die Schillings um eine wertvolle Erwerbung bestohlen hatten ... »Er ist verrückt!« hatte sie in ihrer gewohnten, stillzornmütigen Art gemurmelt und hastig nach Hut und Handschuhen gegriffen, um hinunter zu gehen und auf Grund ihrer Rechte energisch Einsprache zu erheben; allein die Stiftsdame war ihr zuvorgekommen. Sie hatte sich an die Glastür gestellt und mit unerschütterlicher Ruhe erklärt, sie gebe es nicht zu, daß sich ihre »Schutzbefohlene« einer Beschämung vor der Dienerschaft aussetze; denn daß ihr sofort eine scharfe Zurückweisung da unten entgegengeschleudert werde, lasse sich nach dem neulichen Auftreten und Vorgehen des rücksichtslosen Mannes im Atelier ohne Mühe voraussagen.

So war die Baronin voll kochenden Ärgers geblieben und hatte noch an demselben Abend sehen müssen, wie die Majorin durch die Bresche im Zaun herübergekommen und in das Säulenhaus gegangen war.

Die Versöhnung hatte sich also, wie der Augenschein lehrte, vollzogen; das Ziel war erreicht worden, trotzdem die Frau Baronin sich von jeder Mitwirkung losgesagt und durch ihre Abreise die Durchführung des Planes boshaft zu vereiteln gesucht hatte. Sie war nicht vermißt worden, man hatte ihr nicht ein einziges Mal reuevoll geschrieben, daß sie zurückkehren möge – sie hatte immer noch an starren Trotz geglaubt, nun sah sie, daß man ihrer in Wirklichkeit gar nicht gedacht hatte. Sie hätte weinen mögen vor Groll und Ingrimm! ...

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.