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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
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34.

Die entsetzliche Katastrophe in den Kohlengruben hatte, wie schon erzählt, seit mehreren Tagen gespukt; sie hatte mit deutlichem, starkem Finger geklopft und sich angemeldet; und doch waren die Leute unbeirrt aus und ein gefahren; denn die verschriebenen Techniker von Ruf, die der Gefahr vorbeugen sollten, wurden nunmehr jede Stunde erwartet, und »gar so eilig werde es ja der Tückebold da drunten nicht haben,« hatten die Leichtsinnigen, den Herrn Rat an der Spitze, sorglos gemeint.

Die Frauen der Grubenarbeiter waren gerade mit dem Mittagsbrot für ihre Ehemänner durch das kleine Tal gegangen, als plötzlich ein dumpfes Dröhnen den Boden unter ihren Füßen erschüttert hatte. Gleich darauf waren ein paar schreckensbleiche Männer aus den Gruben zutage gefahren, um das furchtbare Geschehnis zu verkünden. Sie hatten sich noch retten können; wie es um die anderen stehe, deren angstvolles Hilferufen bis zu ihnen gedrungen war, darüber hatten sie nichts zu sagen gewußt – nur die Tatsache, daß das Wasser als unermeßlicher Schwall drunten hervorstürze und binnen kurzem alles ersäufen müsse, war als das Unumstößliche von ihrer schreckgelähmten Zunge wiederholt hervorgestammelt worden.

Was im ersten Augenblick an Ort und Stelle zur Rettung der Verunglückten getan werden konnte, war sehr wenig; der größte Teil der Arbeiter befand sich in den Gruben, kaum einige Mann standen dem Inspektor zur Verfügung; aber die Weiber rannten in Sturmeseile, alarmierend und laut jammernd durch die Stadt nach dem Klostergute und drangen, umringt von einem immer stärker anwachsenden Menschenschwarm, bis in den Hausflur ... Ein zeterndes Wehklagen, in das sich das unwillige und drohende Gemurmel der mitgelaufenen Menschen mischte, hallte schauerlich von den alten Wänden wieder. Die Knechte und Taglöhner kamen aus dem Hinterhof herbeigestürzt: die Mägde aber verriegelten die Tür der Küche und verkrochen sich – sie glaubten nicht anders, als die aufgeregte Menge wolle den Herrn Rat massakrieren.

Man klopfte nicht, sondern schlug unter Flüchen und Drohungen mit derber Faust an die Tür der Amtsstube, als der fahrlässige Grubenbesitzer nicht sofort erschien. Da flog drinnen der Riegel zurück und der Rat trat auf die Steinstufe heraus – er war ganz fahl im Gesicht vor Schreck und Bestürzung.

Zwanzig Kehlen zugleich schrien ihm die Unglücksbotschaft zu. Dem sonst so kalt beherrschten, finsteren Mann wankten sichtlich die Knie; er griff schweigend nach seinem Hut und schritt sofort durch die Leute, die sich ihm anschlossen, ohne daß er Kraft und Geistesgegenwart gefunden hätte, ihre lärmende Begleitung mit strengen Worten zurückzuweisen. Seine Knechte und Taglöhner und die beherzte Stallmagd liefen auch mit.

Von diesem Auftritt in dem Hausflur hatte Mosje Veit keine Ahnung. Er war von dem Birnbaum herabgeklettert; nachdem er auch den letzten Zipfel von »Tante Thereses« Kleid hinter dem Gebüsch hatte verschwinden sehen, war er nach der immer noch offenstehenden Gartentür in der Mauer gelaufen und hatte sie zugeschlagen und verschlossen. Nun sah sich die Tante gezwungen, in der Küchenschürze, ohne Hut und Schal über die Promenade zu gehen, wenn sie auf das Klostergut zurückkehren wollte – es geschah ihr ganz recht; warum war sie fortgelaufen zu den fremden Leuten, die er und der Papa nicht ausstehen konnten!

Er hatte auch versucht, die bleichende Leinwand, die nicht gestohlen war, wie er gelogen, von den Pflöcken zu nehmen und sie zusammengerollt im Gebüsch zu verstecken; das gab einen heillosen Schrecken und Arger für die Tante Therese; aber für seine Hände waren die starken flachshaltigen Weben doch zu schwer – den Spatz mußte er sich vergehen lassen. Er biß dafür die im Grase liegenden Frühbirnen eine um die andere an und warf sie wieder hin, und griff schließlich zu seinem an der Mauer lehnenden Blasrohr, um nach den Spatzen zu schießen.

Aber man kam ja gar nicht, um ihn zu suchen, wie das jeden Mittag geschah, wenn gegessen werden sollte; und es mußte doch längst Tischzeit sein.

Er lief durch den Hof und guckte in die Ställe und in die Gesindestube. Die Türen standen offen; das Vieh brummte und blökte, aber keine Menschenseele war zu sehen, und auf dem weißgescheuerten Tisch in der Gesindestube lag weder das große Hausbrot, noch dampfte die mächtige Eßschüssel, die stets pünktlich, auf den Glockenschlag, gebracht wurde.

Auch die Küche war leer. Aus der Bratröhre quoll heißer Dampf, und auf dem Herde kochte der Suppentopf über – das brodelte, zischte und schäumte, und Veit schob, kichernd vor innerer Wonne, ein dürres Holzstück um das andere in das Feuer; es sollte brennen, brennen, bis kein Tropfen Suppe mehr im Topfe und der Braten in der Röhre zu Pulver verbrannt war ... Die »dummen« Mägde benutzten zu frech die Gelegenheit, da die Tante für einen Augenblick nicht zu Hause war, und standen irgendwo und klatschten zusammen ... Und richtig, als er in den Hausflur zurückkehrte, da sah er sie drüben am offenen Mauerpförtchen stehen und lebhaft mit mehreren Männern und Frauen verhandeln.

Das sollte aber auch gleich auf der Stelle der Papa erfahren – er sollte sie beim Klatschen und Faulenzen erwischen.

Veit klopfte an die Tür der Amtsstube, denn in der letzten Zeit hatte sie der Rat stets verschlossen gehalten, auch wenn er im Zimmer war – er behauptete, man laufe ihm neuerdings zu direkt und unverfroren in seine Arbeitsstube und störe ihn um jeder Kleinigkeit willen.

Aber das Klopfen wurde drin nicht beachtet; und so versuchte Veit, mit der Türschnalle zu rasseln – knarrend fiel die Tür zurück; sie war nicht verschlossen gewesen und der Papa mußte fortgegangen sein – das Zimmer war leer.

Für Mosje Veit war das eine kostbare Entdeckung. Er kramte für sein Leben gern in der Amtsstube, in den alten Scharteken, die sich auf den unteren Brettern der Büchergestelle hinreihten, und von denen viele alte grobe Holzschnitte enthielten. Er trat auch oft auf die Galerie und predigte über das Geländer herab in plärrendem Kanzelton, als sei die Amtsstube von einem andächtigen Auditorium erfüllt. Manchmal war es ihm auch geglückt, den Wandschrank auf der Galerie zu öffnen und die alten zinnernen Orgelpfeifen, die pausbäckigen Holzengel an das Tageslicht zu schleppen.

Er lief spornstreichs die wenigen Stufen hinauf und blieb plötzlich stehen, während seine intelligenten Augen auffunkelten wie die eines Fuchses, dem eine willkommene Beute zuläuft – da war ja wieder einmal dem Heiligen auf der Holzwand der Arm ausgerissen! ... Der Spalt, der so unbarmherzig das segnend ausgestreckte Glied von dem Rumpfe schnitt, erwies sich zwar diesmal kaum halb so breit und gähnend wie neulich; aber er war doch sichtbar und lief in scharfer Linie durch die Holzschnitzereien bis hinunter auf die Dielen, wie eine Türluke.

Der Knabe bückte sich – ein Stückchen Holz, vielleicht an der Sohle mitgeschleppt, hatte sich drunten eingeklemmt und verhinderte den festen Schluß der Fuge ... Da hatte ihm der Papa neulich etwas weismachen wollen, aber prosit – »Veitchen« war nicht so dumm! Er hatte es gleich nicht geglaubt, und wenn er auch nachher heimlich gesucht und die Lücke nicht wiedergefunden hatte, zusammengeleimt war sie doch nicht, denn kein Tischler war ins Haus gekommen. Er zwängte zwei seiner Finger in die Spalte, um das Holzstückchen herauszunehmen, und da wichen die Holztafeln zu beiden Seiten geräuschlos und so willig zurück, als gingen sie auf fleißig geölten Rädern; und bei einem weiteren Druck verschwanden auf der einen Seite der Rumpf des Heiligen, auf der anderen der ausgestreckte Arm und das unter demselben knieende Weib hinter den erhabenen, mit Arabesken bedeckten Feldern, welche die Legendenbilder rahmenartig unterbrachen.

Mosje Veit war doch ein wenig erschrocken. Er kannte sonst keine Furcht – im ganzen Klosterhause gab es nicht einen entlegenen dunkeln Winkel, den er nicht durchstöbert hatte; er kauerte oft stundenlang in den unheimlichsten Ecken, um, plötzlich hervorspringend, den ahnungslos Vorübergehenden einen Todesschrecken einzujagen. Aber die Wandöffnung da gähnte ihn an wie ein großer, schwarzer Schlund, und eine häßliche, eingesperrte Luft quoll ihm entgegen.

Allein die Neugier überwog. Er bog den Kopf vor und sah, daß dicht an der Öffnung ein paar Stufen emporführten, Steinstufen, die sich schön glatt anfühlten und ganz hell aus der Finsternis drinnen aufblinkten. Und der schwache Schein des Tageslichtes, der mit ihm eindrang, streifte seitwärts neue Bretter – das war die Wand des Schrankes, in dem die Holzengel und die zinnernen Orgelpfeifen lagen. – »Dummes Zeug! – Da brauchte man sich doch nicht zu fürchten – das war ja alles ganz neu! – Was wohl der Papa für Sachen da drin hatte!«

Er hielt sich an der Bretterwand fest, kletterte die etwas steilen Stufen hinauf, ging beherzt zwei Schritte auf glattem Boden weiter und stieß plötzlich an etwas Elastisches, das sich anfühlte, wie das Lederpolster an Papas altem Lehnstuhl. Es gab nach und wich weit zurück, wie eine geräuschlos gehende Tür, und war weich und dick wie eine Matratze.

In dem Augenblick, als dieser seltsame Gegenstand aus dem Wege glitt, hörte der Knabe eine fremde Frauenstimme sprechen, klar und deutlich – sie klang wie eine tiefe Glocke und erzählte von brennenden Häusern und erschossenen Menschen, und von einem, der sehr krank gewesen war und immer von seiner Mutter gesprochen hatte – es war gerade, als würde aus einem Buche vorgelesen.

Mosje Veit war aber kein Freund von rührenden Geschichten. Er schlug nach den Mägden, wenn sie sich in der Gesindestube Märchen von verlassenen und verirrten Kindern erzählten, oder von dem Opfermut und Untergang irgend einer sagenhaften Spinnstubengestalt sprachen ... So riß ihm auch jetzt die Geduld, und dabei dachte er ganz geärgert, wie denn die Frau, die dort sprach, als sei sie zu Hause, aus das Klostergut komme, und er mußte sich besinnen, was das eigentlich für eine Stube sei, in der sie sitze ...

Mit seinem verwegensten und boshaftesten Gesicht drang er vor – seine tastenden Hände stießen plötzlich an Holz, und das mußte eine Tür sein, denn er bekam gerade einen Riegel unter die Finger... Jetzt wollte er aber auch der »dummen« Frau da drin, die gar nicht aufhörte mit ihrer langweiligen Geschichte, einen solchen Schrecken einjagen, daß sie vom Stuhle fallen sollte.

Er riß den Riegel zurück und zog die Tür herein, und – da stand er hinter einem wunderlichen Gitter; es war gerade, als sei ein starkes, festes, aber durchsichtiges Spitzengewebe aus allerlei Ranken und Verschlingungen da ausgespannt, und dahinter tat sich ein weiter, herrlicher Raum auf, flimmernd in farbiger Seide und glänzenden Gerätschaften. Das sah er aber nur wie von einem jäh niederfahrenden Blitz erhellt; – es verschwand alles vor der Gruppe, die inmitten des Zimmers ihm gegenüber stand – ein Mädchen, vorgestreckten Fußes, mit weit aufgerissenen Augen ihn glühend anstarrend, und neben ihr ein Hund, gewaltigen Leibes wie ein Tigertier, zähnefletschend, knurrend und bereit, sich bei der geringsten Bewegung des Eindringlings auf ihn zu stürzen.

Mosje Veit versuchte den Rückzug – aber jetzt rang sich ein furchtbarer Aufschrei von den Lippen des Mädchens und mit einem riesigen Satz sprang der Hund gegen das Gitter. Es zerkrachte unter der Wucht seines Körpers, als sei es in der Tat ein zartes Spitzengeflecht, in zahllose, weithinfliegende Splitter.

Der Knabe floh in sprachlosem Entsetzen, aber er stieß an die den Weg halb versperrende Matratzentür, er strauchelte, stürzte mit der Stirn auf die Steinstufen, überschlug sich und rollte das Galerietreppchen hinab auf die Dielen der Amtsstube.

In diesem Augenblick duckte sich aber auch schon das keuchende Tier mit wütendem Knurren über den hingestreckten Körper, als wolle es jeden zerreißen, der seinem gestellten Wild nahe komme.

»Das ist der Mäuseweg!« schrie Hannchen im wilden, fast wahnwitzigen Jubel auf. »Gott sei Dank! Gott im Himmel sei Dank! Mein guter, lieber Vater ist's nicht gewesen! Der Spion war drüben auf dem Klostergut!«

Sie zog die Polsterbank, über welche Pirat hinweggesprungen war, mit einem Ruck von der Wand, lief durch den wundersam geoffenbarten »Mäuseweg« und riß den Hund von dem Knaben weg. Aber Veit erhob sich nicht – sein Gesicht verzerrte sich und dicker, weißer Schaum trat ihm auf die Lippen, er lag in Krämpfen.

Die Damen in der Fensterecke, der äußeren Umgebung vollkommen entrückt, hatten weder Hannchens und Pirats seltsames Gebaren und Aufhorchen, noch das überraschende Erscheinen des Knaben in der Wandtiefe bemerkt. Erst bei dem Aufschrei des Mädchens und dem Geprassel der zerberstenden Holzschnitzerei waren sie erschrocken herumgefahren und hatten den Hund in einer erstickenden Staubwolke verschwinden sehen, und während Donna Mercedes, verwirrt und verstört, regungslos auf ihrem Platze verharrte und den ganzen Vorfall, selbst Hannchens Jubel nicht begriff, war die Majorin, von einer entsetzlichen Ahnung erfaßt, emporgesprungen.

»Der Spion war drüben auf dem Klostergut!« hatte das Mädchen gerufen. Unsicheren Ganges, wie von einem Schwindelanfall ergriffen, durchschritt die Majorin den Salon. »Großer Gott!« schrie sie auf und streckte die Arme gen Himmel, als gelte es, eine hereinbrechende große, unauslöschliche Schande abzuwehren.

Ja, das war die Amtsstube, der Raum, in den man durch den schmalen tiefen Gang hineinsah! ... Gerade dort an der gegenüberliegenden Wand stand das altväterische, mit braunblumigem Kattun überzogene Kanapee, und darüber hing das Pastellbild ihres Großvaters, des alten Klaus, des bravsten und tüchtigsten aller Wolframschen Männer ... Seine ehrlichen Augen sahen unverwandt herüber in das Haus des adligen Geschlechtes, das eine ehrlose, verräterische Nachbarschaft gehabt hatte, ohne es zu ahnen. Aber er hatte auch nicht um diesen Mönchsschleichweg gewußt, so wenig wie alle anderen, die vor ihm dagewesen waren, so wenig wie sein Sohn, der jungverstorbene, wackere Vater des »Herrn Rats«. Nie hatte irgend eine Überlieferung oder Familiensage auf einen versteckten Verbindungsweg zwischen den zwei Klosterhäusern hingedeutet. Nur der letzte war dem Lauscherposten der alten Mönche auf die Spur gekommen, der letzte, der als Knabe ein Heimtückischer, ein boshafter Duckmäuser gewesen war, ohne daß er es seine Umgebung je hatte merken lassen.

Noch lag ein tiefes Dunkel über der unheilvollen Katastrophe; nur so viel ließ sich ersehen, daß Veit dem Treiben seines Vaters nachgespürt haben mußte. Er lag drüben auf dem Boden hingestreckt, während Hannchen den Hund am Halsband von ihm weggerissen hatte – Hannchen, das Kind des Mannes, der einst um jener fremden Niederträchtigkeit willen Ehre und Leben verloren! Nur wenige Schritte entfernt war die Schwelle, an der er damals vergebens um seine Ehrenrettung gebeten hatte.

»Der Kleine ist krank!« rief das Mädchen herüber. Sie scheuchte Pirat mit einer drohenden Armbewegung nach dem Galerietreppchen, und er trabte kleinlaut die Stufen hinauf und trollte sich auf seinen Platz neben Josés Fahrstuhl.

Ein nicht zu beschreibender Kampf wühlte in der Seele der Frau, die da mit schlotternden Gliedern und versagendem Blick an der gähnenden Öffnung stand, aus der immer noch Staubmassen, mit herabrieselnden, feinen Holzsplittern gemischt, wogten und wirbelten ... Mit dem ehrlosen Spion, dem gierigen Horcher an der Wand, den sie in der Welt den »Herrn Rat« nannten, wollte sie nichts gemein haben – er war tot für sie, er verdiente nicht, daß sie auch nur einen Finger für ihn rührte, ein Wort zu seiner Verteidigung laut werden ließ. Aber der dort, und mit ihm die lange Reihe der Alten, Braven, die sich nach einem arbeitsvollen Dasein und unausgesetzten Ringen um einen geachteten Namen friedlich zum letzten Schlaf im Totenschreine ausgestreckt, sie hatten das Recht, von einer ihrer Töchter die ganze Kraft des Willens und Handelns für das Interesse des Wolframschen Hauses einzufordern ... »Sieh, was zu retten ist an dem Ruf, der unser höchster Schatz seit Jahrhunderten gewesen!« schien ihr der ernste, achtbare, stets geliebte Graukopf von der Wand herüberzurufen.

Und sie biß die Zähne zusammen, preßte die festgeballte Hand auf die schweratmende Brust und duckte ihre hohe Gestalt unter die zackig herunterstarrenden Trümmer der zerstörten Wandbekleidung, und von Donna Mercedes gefolgt, die jetzt den Vorgang in seiner ganzen abscheulichen Tragweite verstand, durchschritt sie den Gang, der sich wie ein Schlagbaum vor die ganze Summe von Rechtschaffenheit und unbescholtenen Lebens eines drei Jahrhunderte überdauernden Geschlechtes absperrend legte.

Ohne zu sprechen hob sie den völlig bewußtlosen, mit Armen und Beinen krampfhaft zuckenden Knaben vom Boden auf und bettete ihn mit Hilfe der anderen auf das Ruhebett. Dann ging sie durch die Eßstube in die Küche. Ein erstickender Qualm schlug ihr entgegen; es roch brandig. und im Suppentopf brodelte gurgelnd der letzte Fleischbrührest, der nicht mehr über den Rand zu schäumen vermochte. So schmerzgefangen ihre Seele auch war, so grauenhaft sie auch das Gefühl überwältigte, als sei ihr heute das Herz in der Brust umgewendet – die unveränderliche, Pflichtgetreue Tätigkeit eines ganzen Lebens behauptete ihr Recht. Mechanisch griffen die Hände nach den Fensterflügeln, um sie zu öffnen, sie rissen den Topf vom Feuer und den brennenden Braten aus der Röhre, um beides auf den steinernen Tisch zu stellen – dann ging sie hinaus und rief einer der erschrockenen, noch am Mauerpförtchen schwatzenden Mägde zu, nach dem Hausarzt zu laufen.

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