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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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33.

Die Majorin blieb auf der Schwelle stehen, als gelte es, den Eingang zu hüten, bis auch das letzte, fernste Räderrollen des Wagens verhallt war. Sie wandte nur das Gesicht in den Garten hinein, wo Paula auf dem Arm ihrer schwarzen Wärterin unaufhörlich weinte und nach »Mama« und der »wunderschönen, großen Schreipuppe« verlangte, die ihr Minna versprochen habe.

Ein Menschentrupp hatte sich um Deborah geschart und verlangte Auskunft über das, was eigentlich geschehen. Die Leute, wie sie sich herandrängten, der Gärtner, der Stallknecht und verschiedene weibliche Dienstboten des Schillingshofes, sie hörten dem überstürzten, atemlos hervorgestammelten Bericht der Schwarzen mit ganz verblüffter, verständnisloser Miene zu. Die kleine gnädige Frau habe ihr eigenes Kind stehlen wollen – darauf sollte sich einer einen Vers machen! Das war ja rein lächerlich!... Deborah vergaß vor Schrecken alle Vorsicht, und Jack, der vom Säulenhaus herbeigestürmt war, in seiner Wut ebenfalls. »Das hat Kanaille Minna ausgeheckt!« rief er. »Ist immer da hinausgegangen bei Besorgungen in der Stadt – hat gewußt, daß Klein-Paula morgens immer dort spielt, allein mit Deborah!«

Donna Mercedes kam flüchtigen Ganges quer über die Wiesenflächen daher. Sie war im weißen, duftig flatternden Morgenkleide – es sah aus, als schwebe sie über die Grasspitzen.

Deborah lief ihr mit der kleinen Paula entgegen und wiederholte unter angstvollen Gebärden ihre Erzählung – sie zitterte sichtlich unter dem Blick der großen, fragenden Augen.

Das schöne Antlitz der Herrin wurde totenblaß, und ihre Brauen zogen sich finster und drohend zusammen; aber sie verlor die Geistesgegenwart nicht wie ihre Leute. Sie unterbrach mit kurzen, leisen Worten und einem Handwinken den Bericht, und als die Schwarze verstummend nach der Mauertür zeigte, in deren Rahmen die Majorin noch stand, da nahm sie das Kind, das bei Erblicken der Tante ruhiger geworden war, vom Arm der Wärterin, stellte es auf die kleinen Füße und führte es direkt der Frau zu, die seine Entführung verhindert hatte.

Diesmal wich die Majorin nicht zurück; sie ging im Gegenteil Donna Mercedes um einige Schritte entgegen, und die junge Dame war ganz verblüfft von der königlichen Haltung, dem würdevollen edlen Gang der Frau. Sie hatte in der Tat die blauleinene Kochschürze über ihrem dunkeln Wollenkleide; im Drange des Augenblicks waren ihr weder Zeit noch Überlegung verblieben, sie abzuwerfen, und auch jetzt schien sie durch das Begebnis viel zu sehr in Anspruch genommen, um zu bedenken, daß sie, wie eine Magd auf fremdem Boden, einer hocheleganten Dame gegenüber stehe. Eine seine Röte innerer Erregung brannte auf ihren Wangen.

»Ist Ihnen das kleine Mädchen anvertraut worden, Fräulein, dann werden Sie es in Zukunft besser hüten müssen,« sagte sie kurz, fast strafend. »Es möchte sich nicht immer so treffen, daß Hilfe nahe ist, wie es eben der Fall war.«

»Einen solch heimtückischen Streich von Seiten der Mutter konnte niemand voraussehen,« antwortete Mercedes, peinlich berührt von dieser unverhüllten Rüge. »Ich hüte die Kinder wie meinen Augapfel.«

Die Majorin ließ einen scharfprüfenden Blick über die junge Dame hingleiten. »Sie sind die Erzieherin?« fragte sie zögernd und etwas unsicher. Ein leises ironisches Lächeln stahl sich um Donna Mercedes' Mund. »Nein – ich bin die Tante.«

Die Majorin trat unwillkürlich zurück. »Ach so – also auch eine Fournier?« warf sie verächtlich hin, und ihre Augen hefteten sich ausdrucksvoll auf das spitzenbesetzte Morgenkleid, als wollten sie sagen: »Auch Theaterplunder!«

Donna Mercedes errötete vor Unwillen. »Ich muß sehr bitten,« entgegnete sie entrüstet. »Jener Familie habe ich nie angehört, weder dem Blut noch dem Namen nach! Ich stelle mich Ihnen vor als Frau de Valmaseda.« – Ein richtiger Instinkt hielt sie ab, dieser geschiedenen Frau jetzt schon, in einem Augenblick der Aufregung, zu sagen, daß sie Felix Lucians Stiefschwester sei.

Eine derartige Annahme schien aber auch der Majorin vollkommen fern zu liegen. Sie forschte nicht weiter, weil sie offenbar mit brennender Ungeduld eine andere Frage zu lösen wünschte. Man sah, sie rang nach einem möglichst unverfänglichen Ausdruck, und plötzlich sagte sie: »Die Person, die da eben fortgefahren ist –«

»Sie meinen Lucile Lucian, geborene Fournier?«

Die Augen der Majorin glühten erbittert auf – für ihr Ohr war diese Namenverbindung jedenfalls noch genau so verhaßt, wie an jenem Abend, da sie den einzigen Sohn um seiner Wahl willen verstoßen hatte. Aber sie bezwang sich. »Ich wollte fragen, ob sie getrennt lebt von – von ihrem Mann?«

Donna Mercedes fühlte, wie ihr vor Erschütterung alles Blut zum Kerzen zurücktrat – sie schauderte. Diese Mutter da, in der sich Liebe und Reue aufbäumten und sie unwiderstehlich auf den Weg der Umkehr drängten, sie war völlig ahnungslos, daß es zur Buße zu spät sei, daß sie keinen Sohn mehr habe, zu dem sie in beglückender Verzeihung sagen konnte: »Komm an das Mutterherz zurück!« – Mit weggewendetem Blick, barsch und rauh, hatte sie die Frage hingeworfen – noch wogte ein starker Rest von Trotz und Unbeugsamkeit in dem Gefühlssturm mit – aber ein kaum zu unterdrückendes Frohlocken sprach aus ihren Zügen, lag in der atemlosen Spannung, mit der sie auf die bejahende Antwort horchte. Sie glaubte das unwürdige Band gelöst, sie hoffte auf eine doppelt frohe Wiedervereinigung mit dem Sohn, nachdem das verhaßte störende Element ausgestoßen war ...

Da hob sie betroffen die Lider, weil keine Antwort erfolgte, und sah die plötzliche Veränderung in den Zügen der jungen Dame. »Nun, warum sprechen Sie nicht?« fragte sie heftig und trat so dicht an Donna Mercedes heran, daß diese meinte, sie höre das starke, stürmisch bewegte Herz der Frau klopfen. »Hörten Sie denn nicht, was ich fragte? – Ich will wissen, ob er sich von jenem unseligen Geschöpf getrennt hat –«

»Ja – aber in anderer Weise als Sie denken,« versetzte Donna Mercedes stockend – ein unsägliches Mitleiden, ein inniges Erbarmen umflorte diese schwachen Töne.

Das Gesicht der Majorin wurde plötzlich fahlweiß bis in die Lippen, und die hochgehobenen Brauen falteten sich wie in wildem Entsetzen über den weit aufgerissenen Augen ...

Donna Mercedes ergriff ihre Hände und zog sie mit einem tränenfeuchten Aufblick an sich. »Glauben Sie, Felix würde seine Kinder allein hierhergeschickt haben? – Er würde, nachdem sein Knabe das Zeichen Ihrer Verzeihung heimgebracht, nicht sofort hinübergestürzt sein –«

»Tot!« stöhnte die Majorin auf. Sie riß sich los, fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe und schlug plötzlich auf den Boden hin, wie ein Baum niederschmettert, den die Säge an der Wurzel durchschnitten hat.

Die zusammengelaufenen Leute des Hauses hatten sich inzwischen entfernt, nur Deborah war dageblieben. Sie kam erschrocken herbei und half ihrer Herrin, die Gestürzte aufzurichten. Sie war nicht bewußtlos – es war die grauenvolle Wucht des unerwarteten Schlages gewesen, die ihr plötzlich alle seelische Herrschaft über den Körper geraubt hatte.

Sie setzte sich empor und sah mit leeren, tränenlosen Augen stier in die Weite ... Da lag alles in Scherben, der Wolframsche Starrkopf, die wütende Eifersucht, die eingebildete, auf vertrocknete Prinzipien gestützte Unfehlbarkeit – aber auch das letzte beseligende, aus furchtbaren Seelenkämpfen wiedergeborene Hoffen!

»Ich will dich nie wieder sehen – selbst nach dem Tode nicht!« hatte sie dem scheidenden Sohn in unerhörtem Frevel zugerufen, und nun – nun hätte sie büßend in die weite Welt hinein bis zu ihm pilgern und die Erde, die ihn deckte, mit ihren Fingernägeln aufscharren mögen, um ihn nur noch ein einziges Mal wiederzusehen, dessen herrliches Aufblühen und Emporwachsen sie einst mit strengverschwiegener Mutterlust erfüllt hatte ... Nun wollte sie den aufgespeicherten Schatz von mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit vergeudend über den Hügel ihres Kindes ausschütten, gegen das sie zeitlebens mit Worten und Liebkosungen erbarmungslos gekargt, um des Prinzipes willen... War sie nicht selbst schuld gewesen, daß er sein junges, enthusiastisches, zur Entbehrung grausam verurteiltes Herz schwärmerisch an das erste weich und liebend sich anschmiegende weibliche Wesen hingegeben hatte? ...

Sie erhob sich von der Erde, auf die die furchtbar züchtigende Hand der Vergeltung sie niedergestürzt hatte, und blickte um sich wie verirrt, als habe sie alle Wegzeichen verloren, als sei sie das selbst nicht mehr, die Frau, die sich da mit kraftlosen Armen an dem Fichtenstamme emporhalf – es war ihr, als könne kein Blut mehr in ihren Adern rinnen, kein Herz mehr in der Brust klopfen, denn – wozu? Zu welchem Zweck? Für was denn in der Welt weiter leben? – Und hatte sie sich nicht auch den Himmel verschlossen mit ihrem Frevelwort?

Eine entsetzlichere Wandlung, als die wenigen kurzen Augenblicke an dieser Frau vollzogen hatten, ließ sich nicht denken. Majestätisch, in sicherer Würde war sie herbeigekommen, und jetzt klammerte sie sich wie hilflos an den harten Stamm, ein tiefgebeugtes, an Leib und Seele gebrochenes Weib.

Donna Mercedes hob erschüttert die kleine Paula vom Boden auf. »Nimm die Großmama in deine Arme, mein Kind,« sagte sie.

Die Kleine hatte vorhin beim Zusammenbrechen der großen, starten Gestalt erschrocken aufgeschrien und sich an die Rockfalten der Tante angeklammert. Sie sah noch mit ängstlichen, verschüchterten Augen in das schmerzverzogene Gesicht, dem sie nahe gebracht wurde; aber das Wort »Großmama« mochte denselben Zauber für sie besitzen wie für ihren Bruder – sie legte die kleinen nackten Arme fest um den Hals der Majorin und drückte ihre jugendwarme, samtweiche Wange an das eiskalte Antlitz.

»Die Kinder sind sein Vermächtnis für Sie,« sagte Donna Mercedes tiefbewegt, als die Majorin bei der Berührung plötzlich den Stamm losließ und das Kind ihr förmlich vom Arme riß, um es unter einem hervorstürzenden Tränenstrom in leidenschaftlicher Innigkeit an sich zu pressen. – »Ich soll Ihnen seine Lieblinge, die sein Glück, sein Stolz gewesen sind, überbringen – Sie sollen Schutz und Schirm, Vater und Mutter für die Waisen sein.«

Fast fürchtete sie, der furchtbare Augenblick habe die unglückliche Frau der Sprache beraubt. Ein unbeschreiblicher Seelenkampf malte sich in ihren Zügen, aber kein Laut kam über die Lippen ... Sie hatte mit scharfem Blick an dem Leitfaden einer seltsamen, inneren Verwandtschaft sofort die Eigentümlichkeiten dieses Frauencharakters aufgespürt; trotzdem war sie unfähig, sich vorzustellen, daß die Vereinsamte in Menschenverachtung und unbändigem Hochmut, in grausamer Härte gegen das eigene Herz sich nahezu des Sprechens entwöhnt hatte, damit ihr ja nie eine Klage entschlüpfe und sie dem Mitleiden preisgebe. Sie hatte die Wohltat des Aussprechens ihr Leben lang verachtet, und nun in dem schwersten Augenblicke ihres Lebens war die alte Gewohnheit ihr grimmigster Feind.

»Kommen Sie mit mir!« bat die junge Dame und ergriff ihre Rechte. »Ich habe Ihnen viel zu sagen. Gehen wir in das Haus –«

»Ja – zu seinem Knaben,« murmelte die Majorin. Sie behielt das kleine Mädchen auf dem linken Arm und ging ziemlich festen Schrittes über den freien Platz nach dem Weg, der sich durch die Wiesen und Beete direkt nach dem Säulenhause schlängelte.

Dieser schmale Pfad berührte den Teich und lief somit in nicht weiter Entfernung mit dem Zaun des Klostergutes parallel. Die beiden Frauen gingen nebeneinander und Deborah folgte mit dem Spielzeug des »Goldkindes«. Keine Silbe wurde gesprochen; man hörte den Sand unter den Füßen der Dahinschreitenden weichen und dann und wann ein schmerzvolles Aufstöhnen, das sich aus der Brust der Majorin rang.

»Dort, dort! Siehst du sie denn nicht, Papa? Dort geht ja die Tante Therese!« kreischte Veit herüber. Er saß mit zappelnden Beinen auf seinem luftigen Platz, dem weit hervorragenden Ast des Birnbaumes, und zeigte mit dem Finger nach der wandelnden Frauengruppe.

Und es rauschte und knackte in den Zweigen über der Gartenbank des Klostergutes, just in dem Augenblick, als die Damen näher kamen, und Deborah bekreuzte sich heimlich vor dem wutentstellten Mann, der sich durch das Haselgestrüpp wühlte, als wolle er sich kopfüber in den Nachbargarten hereinstürzen.

Er schlug ein grimmiges Hohngelächter auf. »Du da drüben, Therese?« rief er mit weithin schallender Stimme. »Hast du denn alle Ehre verloren? ... Im Namen unsrer braven Eltern – herüber zu mir! Schande über dich und den Fluch der ganzen Familie, der du entstammst, wenn du nicht sofort auf das Klostergut zurückkehrst!«

»Fort!« stieß die Majorin im unbeirrten Weiterschreiten hervor, und den freien rechten Arm weit ausstreckend, schnitt sie energisch mit der flachen Hand durch die Luft, als wolle sie reinen Tisch machen für immer.

Sie hatte nicht einmal die Augen hinüber gewendet. Es kümmerte sie nicht, daß der Mann hinter dem Gebüsch mit der Gebärde eines Rasenden verschwand und gleich darauf eilende Schritte auf das Hintergebäude zustürzten; sie schien nicht zu hören, daß der Junge auf dem Baum ihr nachhöhnte, sie habe vorhin die Gartentür nach der Straße »sperrangelweit« offen gelassen, und die bleichende Leinwand sei gestohlen – er hatte augenscheinlich ihr ganzes Tun und Treiben beobachtet und seinen Vater herbeigeholt ... Unaufhaltsam ihren Weg verfolgend, preßte sie die kleine Enkelin an sich, als griffen gierige Hände nach dem Kinde, um es ihr zu entreißen.

Sie stieg die Freitreppe des Säulenhauses hinauf, dieselben Stufen, die sie vor vierunddreißig Jahren zum letztenmal betreten, als sie in Kranz und Schleier am Arme des ihr eben angetrauten Mannes durch die Gärten in den Schillingshof gegangen war, um sich von der alten, siechen Dame des Hauses, der Mutter des Freiherrn Krafft, zu verabschieden ... Wohl war es ihr, als schreite sie über glühendes Eisen, und als sich die Tür nach der Flurhalle mit dem wohlbekannten Dröhnen auftat, die Karyatiden auf sie niedersahen und die weißen Götterbilder seitwärts auftauchten, da wurzelte ihr Fuß fest, und sie stand selbst da wie die an das Piedestal gefesselten Gestalten, entgeistert, als sei ihr die Seele entflohen und irre in weiten, weiten Fernen ...

Aber diese Marmorfliesen hatte damals die bräutliche weiße Seidenschleppe gewogt – »ein hehres, himmlisch schönes Weib, eine reine, stolze Königslilie sei sein eigen« hatte er ihr dort, just vor der ???Anatme, stammelnd vor Aufregung und Glückseligkeit, zugeflüstert – und neben dieser kalten »Lilie« hatte er dann frieren müssen, zur Strafe weil er anderen Sinnes gewesen war als sie, weil er gemeint hatte, ein Mann und Soldat, ein feuriger Geist dürfe nicht zu Wachs, zum alltäglichen Philister in der Hand einer herrschsüchtigen Frau werden ... Dann war sie Mutter eines Knaben geworden – eine stolze, aber auch sofort beflissene Mutter, den kostbaren Schatz der Kindesseele in das althergebrachte Wolframsche Charaktermodell zu pressen. Die gewaltsam unterdrückten Seelen waren ihr entschlüpft, und sie hatte ihnen am Scheidewege trotzig den Rücken gekehrt, unbeugsamen Sinnes in eine graue, tote Wüste hineinwandernd. Aber das Modell war unter ihren Augen allmählich zerbröckelt – ihr Bruder, der Irrstern, der böse Geist, dem sie blindlings gefolgt, er hatte schließlich selbst die Ferse darauf gestellt und es zertreten um eines völlig aus der Art geschlagenen, nichtsnutzigen Buben willen ...

Mit tief auf die Brust gesenktem Haupte schritt sie durch den Gang und trat über die Schwelle des Holzsalons, dessen Tür die vorauseilende Deborah weit zurückschlug.

Die mächtige Dogge, die neben Josés Fahrstühlchen auf dem Teppich hingestreckt lag, fuhr mit einem wütenden Gebell auf die fremde Erscheinung los; José aber streckte ihr freudig die Arme entgegen, während Donna Mercedes mit einem strengen Zuruf den Hund beschwichtigte – er kroch demütig auf seinen Platz zurück.

»Aber du sollst dich schämen, Pirat – so unanständig zu bellen! – Es ist ja meine Großmama!« lachte der Knabe auf.

Das waren dieselben beherrschten Laute, die einst so fremdartig, so edel lieblich in den Räumen des finsteren, bäurisch zugestutzten Klosterhauses geklungen und dem Ohr des rauhen, verdüsterten Onkels mißfallen hatten ... War sie es wert, daß ihr noch einmal ein solch köstliches Kleinod in die Hand gegeben wurde, um ihr auf Erden noch die Umkehr möglich zu machen, so daß sie seinen Kindern in Fülle das gewähren durfte, was sie ihm zeitlebens hart versagt hatte? ... Nicht ein Augenblick der vergönnten Frist sollte verloren gehen! Sie wollte die kleinen Sendboten seiner unwandelbaren Sohnesliebe behüten, hegen und pflegen als ihr höchstes Gut, als ihren Augentrost – schon jetzt unter den strömenden Tränen, die ihm flossen, labte sie sich an ihrer Jugend und Lieblichkeit. Hier zwischen ihnen war ihr Platz – auf das Klostergut kehrte sie nur noch einmal zurück, um ihr Eigentum zu holen, aber nie mehr, um ferner dort zu leben ...

Noch war keine Frage über ihre Lippen gekommen; aber nun stellte sie die kleine Paula auf den Teppich, und so erschöpft, als sei der Weg vom Fichtenwäldchen bis zum Säulenhause ein unermeßlicher, über rauhes Geklüft, durch dornstarrende Schluchten führender gewesen, sank sie im nächsten Lehnstuhl zusammen – es war Donna Mercedes' Stuhl in der Fensterecke. »Nun sprechen Sie!« murmelte sie, die gefalteten Hände vor die Augen gedrückt.

Donna Mercedes war neben die Pflanzengruppe getreten, welche den Schreibtisch umgab. So stand sie ihr schräg gegenüber, und das Herz schlug ihr heftig – wenn die Hände von den Augen dort sanken, dann sah die Majorin in das Gesicht ihres geschiedenen Mannes – und das geschah in diesem Augenblick.

Sie stieß einen halbunterdrückten Schrei aus und wollte sich erheben, aber sie sank wie gelähmt zurück und legte die Rechte mit einer schlaffen Bewegung wieder vor die Augen ... Das war ja alles tief vergraben gewesen im verschlossensten Seelenwinkel der alternden Frau, der berückende Blick der feurigen blauen Augen, das edle, bärtige Gesicht mit dem sprühenden Geist und Humor in seinen Linien, die herrliche, ebenmäßige Gestalt voll ritterlichen Anstandes. Und wenn ja einmal ein Klang, ein Wort von außen, ein unerwünschter nächtlicher Traum den kraftvoll niedergehaltenen Strom der Erinnerung entfesselt und seine Wellen emporgespült hatte, dann war sie fortgestürmt aus dem Hause, auf die Felder hinaus; sie hatte nach Hacke und Spaten, nach Sichel und Erntegabel gegriffen und mit Bärenkraft gearbeitet, bis sie todmüde zusammengebrochen war und im tiefen, traumlosen Schlaf vergessen hatte ... Nun trat er ihr da von der Wand entgegen, jugendlich wiedererstanden in der ganzen verführerischen Herrlichkeit seiner Erscheinung, und neben sich ein wunderschönes Weib, das zu ihm gehörte...

Eine Ahnung schien sie wie ein Blitz zu durchzucken. »Das ist Ihr Platz – wer sind Sie?« fragte sie kaum vernehmlich und sah mit einem erloschenen Blick unter der beschattenden, wie vom Fieber geschüttelten Hand hervor in das Gesicht der jungen Dame.

»Ich bin Mercedes Lucian, Major Lucians Tochter zweiter Ehe,« antwortete diese fest und stolz – es mußte ja doch gesagt werden; und wenn sie auch gezwungen war, einen Dolch in dem Herzen dieser Frau umzuwenden, sie durfte und konnte ihre Abkunft nicht eine Sekunde länger verleugnen...

Und nun erzählte sie von der Heimat, möglichst schonend, ruhig und beherrscht. Und die Majorin sah den Mann, von dem sie unter innerer Genugtuung geglaubt hatte, er sei verkommen und verdorben, nachdem sie ihn verlassen, zu der Gewalt und dem Reichtum eines Fürsten auf seinem Plantagengebiet emporsteigen, sie sah ihn glücklich im Besitz einer schönen, vornehmen Frau, mit der die geborene Wolfram, bei allem Familiendünkel, an Rang und Geburt nicht in die Schranken treten durfte. Sie erfuhr, daß der verstoßene Sohn in der Tat zu seinem Vater gegangen und mit offenen Armen empfangen und in alle Vorrechte eines geliebten, heißersehnten Kindes eingesetzt worden war. Aber an diese Mitteilungen reihte sich dann auch die Schilderung des grausen Bürgerkrieges, der seine Wogen verheerend über die glücklichen Gefilde gewälzt und Vater und Sohn in den Schlund des Todes gerissen hatte ...

Bitter, bitter war der Kelch, den sie, Tropfen um Tropfen, bis auf den Rest leeren mußte, und der stolze starre Nacken beugte sich tiefer und tiefer, bis die Stirn auf die Arme sank, die sich auf der Tischplatte verschränkten ... So verharrte sie, als sei alles Leben aus ihr gewichen ...

Sie hob auch den Kopf nicht, als plötzlich durch die offenen Fenster von der Straße herüber ein wüster Lärm die Mitteilungen der jungen Frau unterbrach. Nicht das leiseste Rühren ging durch ihren Körper, als Hannchen eintrat und tief erregt, mit einem seltsam flimmernden Blick nach ihr, halb flüsternd meldete, daß ein Zusammenlauf vor dem Klostergute stattfinde – Arbeiterfrauen hätten jammernd und schreiend die Nachricht gebracht, daß eine Kohlenwand im Bergwerk plötzlich eingestürzt und ein furchtbarer Wasserschwall unaufhaltsam in die Gruben brause.

»Lassen Sie mich!« murmelte die Majorin fast drohend, und kaum die Stirn emporhebend, als Donna Mercedes ihr sanft die Hand auf die Schulter legte, um sie zu vermögen, sich aufzurichten. »Was geht das mich an? ... Der Mann hat über- und übergenug,« – unbewußt wiederholte sie jetzt denselben Ausspruch, der sie einst im Munde ihres Sohnes empört hatte – »und wenn er nicht ein einziges Kohlenstück mehr gewinnt, er kann's verschmerzen ... Was ist der Verlust des Erdenplunders gegen die Schmerzen, die ich leiden muß! – Oh! ... Fahren Sie fort!« – Sie drückte die Augen wieder auf die Arme, und an den unterbrochenen Bericht der jungen Dame anknüpfend, sagte sie schweratmend: »Mein Sohn – mein armer Sohn, erhielt den Schuß in die Brust auf der Türschwelle seines brennenden Hauses –«

»Ja – und Jack rettete ihn und schleppte ihn auf dem Rücken in den nächsten Busch.« – Und weiter erzählte Donna Mercedes, wie der Verwundete unter unaussprechlichen Mühsalen wochenlang durch verwüstetes Gebiet von treugebliebenen Schwarzen nach ihrer Besitzung Zamora transportiert worden war, weil er gewünscht hatte, bei Frau und Kindern zu sterben. Sie schilderte seine Sehnsucht nach der Mutter, sein heißes Verlangen, sie zu versöhnen und seine Kinder unter ihren Schutz zu stellen.

Währenddessen war es draußen auf der Straße wieder vollkommen still geworden.

Hannchen war auf die Bitten der Kinder und einen zustimmenden Wink Donna Mercedes' im Zimmer geblieben. Sie kauerte neben Josés Fahrstuhl und brachte die Wickelpuppe der kleinen Paula in Ordnung.

Die verdüsterten Augen des Mädchens streiften mit feindseligem Ausdruck wiederholt die tiefgebeugte Frauengestalt in der Fensterecke ... Damals war dieser Nacken steif und unbeugsam gewesen, als ihr Vater, der unglückliche Adam, verzweiflungsvoll bittend an der Schwelle ihrer Küche gestanden – und sie hatte gemeint, mit einem Stückchen Kuchen, das sie gnädig seinem Kinde reiche, beschwichtige sie die wunde Seele des armen Bedienten ... Über das verhaßte Klostergut und seine hartherzigen und habgierigen Menschen brach jetzt die Strafe herein – in die Kohlengruben, um derentwillen ihr gebrandmarkter Vater den Tod gesucht hatte, stürzte eine unterirdische Wasserflut und ersäufte die goldbringenden Schächte, und die Hochmütige, die Harte dort, die wie eine tiefzerknirschte Büßerin die Stirn nicht wieder zu heben wagte, sie weinte dem einzigen Sohne nach, den sie nie wiedersehen sollte.

Und von der Frau weg fuhr plötzlich der Blick des Mädchens aufglühend nach der Zimmerwand, an der sich die grüne Polsterbank hinzog ... Sie erhob sich lautlos vom Boden, wie ein emportauchender Geist, das Schnitzgeflecht über der Bank starr ansehend, und der faul auf den Teppich hingestreckte Hund hob leise knurrend den Kopf von den Pfoten und schien die Ohren zu spitzen ...

– »Aber den Brief meines unglücklichen Bruders kann ich Ihnen leider nicht ausliefern – er ist mir hier, zu meinem Schmerz, nebst anderen wichtigen Familienpapieren, entwendet worden,« schloß Donna Mercedes niedergeschlagen, mit sinkender Stimme ihre Mitteilungen dort in der Fensterecke, während sich die Majorin langsam emporrichtete.

»Siehst du die Staubwölkchen dort auffliegen, José?« flüsterte Hannchen in diesem Augenblick dem Knaben zu und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach der Wand. »Und horch, wie es tappt! – Jetzt kommt es wie tastende Finger an das Holz – hörst du's? – Du denkst wohl, das sei ein Mensch? – Bewahre – die Mäuse sind's, die Mäuse! Die Leute sagen so, und da muß es wohl wahr sein!« Und auf den Zehen, atemlos, und so rot im Gesicht, als stürme ihr das ganze jugendheiße, hochwallende Blut nach dem Kopfe, trat sie der Wand näher, und Pirat erhob seine mächtige Gestalt und stellte sich knurrend und lauernd an ihre Seite, als wolle er sich im nächsten Augenblick mit gewaltigem Sprung auf das hervorkommende Nagetier stürzen ...

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