Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
Schließen

Navigation:

31.

Die Majorin schritt wieder auf dem geradlinigen Hauptweg des Klostergartens. Es war eine rein mechanische Tat ihrer Ordnung schaffenden Hände gewesen, daß sie die Tür pünktlich verschlossen und die hingeschleuderte Küchenschürze wieder vorgebunden hatte – sie wußte es kaum. Sie wandte das Gesicht nicht mehr nach dem Zaun hinüber; aber ihr vorwärts gerichteter Blick sah auch nicht die weinbekleidete schiefe Wand des Hintergebäudes, auf welches sie unverweilt Zuging – die Augen blickten wie traumverloren, als schreite diese Frau in die weite Welt hinein und nicht durch den dunklen, dumpfen Holzstall in den engumgrenzten offenen Raum, von dessen Mauern der ganze wüste Lärm eines Gutshofes widerhallte.

Mosje Veit war jedenfalls eben dem Schulzwang entlaufen. Er rannte, als sei er in einem engen Käfig eingesperrt gewesen, in tobender Ausgelassenheit durch den Hof und ahmte ein wildes Pferd nach, das in das Gebiß knirscht und schäumt.

Die Majorin blieb wie angewurzelt stehen. Noch fühlte sie den Hauch des süßen Kindermundes auf den Lippen, und der zärtlich-sanfte Knabe mit seinen großen sprechenden Augen, den sie in den Armen gehalten, er war schön wie ein Seraph, er hätte mit seinem grazienhaft ruhigen und edlen Wesen ein Fürstenhaus geziert – und er war ihr eigen Fleisch und Blut; der Lebensstrom, der einst von ihr ausgegangen, er hatte eben, wie zurückkehrend, in sanften Schlägen des kleinen Herzens an ihre Brust geklopft, unabweisbar zu ihr gehörend und die unnatürliche Schranke überflutend, die das harte Gebot: »Ich will dich nie wiedersehen, selbst nach dem Tode nicht!« selbstsüchtig aufgerichtet ... Und sie hatte einst gemeint, man könne vergessen und verwinden, wenn man nur ernstlich wolle; sie hatte sich all die Jahre hindurch immer angstvoller an den Namen ihrer Väter angeklammert, der wie ein knorriger Eichenstamm jahrhundertelang seine Eigenart behauptet und nach dem dünkelhaften Sinn der letzten seiner Töchter kein ausgeartetes, verkrüppeltes Reis tragen konnte. Sie hatte »vergessen und verwinden« wollen um diesen da, der eben wie ein losgebundenes, junges wildes Tier den Boden stampfte, der mit seinen schiefgestellten Augen tückisch nach einem Opfer für seine Peitsche suchte, und in seiner brutalen Roheit und Bosheit, seiner Lügenhaftigkeit der Schrecken aller war.

Gerade in diesem Augenblick kam ihm die Stallmagd in den Weg. Sie trug zwei volle Eimer und konnte sich nicht wehren, und das war ein zu günstiger Augenblick – sausend fuhr die scharfe Peitschenschmitze über die dünn bekleideten Schultern des Mädchens; sie stieß ein Wehgeschrei aus und krümmte sich vor Schmerz.

Mit wenigen raschen Schritten trat die Majorin aus dem Holzstall – sie entriß dem Knaben die Peitsche, zerbrach den Stock derselben in Stücke und warf sie ihm vor die Füße auf das Pflaster.

Er wollte wütend auf sie losspringen – es lief ihr wie ein Schauer über den Leib; nach jenem innigen Umfangen durfte ihr dieses Element nie wieder nahe kommen. Sie stand da wie eine Mauer und streckte dem Heranstürmenden die geballte Faust entgegen.

»Fort – oder ich züchtige dich, so lange ich eine Hand rühren kann!« sagte sie mit ihrer eiskalten, harten Miene, wenn ihr auch vor Grimm die Lippen bebten.

Er hatte die Kraft dieser Hand neulich zur Genüge gespürt und zog sich feige zurück. Dafür verlegte er sich aufs Schimpfen; er machte die Geste der langen Nase und hob den zerbrochenen Peitschenstock auf, um ihn nach dem Düngerhaufen zu schleudern.

»Der Papa wird dir's schon sagen! Wenn er nach Hause kommt, da kriegst du deine Leviten!« drohte er und lief nach dem Pferdestall, wo noch verschiedene seiner Peitschen und Reitgerten waren.

Der Papa war aber bereits zu Hause. Er stand am Fenster der Eßstube und hatte den zerknitterten Filzhut mit der breiten, schlappigen Krempe noch auf dem Kopfe. Die Majorin hatte ihn schon vor Vollzug ihres Strafaktes bemerkt, und gerade weil er nicht die geringste Miene machte, die Mißhandlung der Magd auch nur mit einer Silbe zu rügen, hatte sie die Ausgleichung in die Hand genommen.

Sie ging in die Küche, nahm einen Korb voll frischgepflückter Johannisbeeren aus einem Schranke und trug ihn in das Eßzimmer, um dort die Beeren zum Einmachen vorzurichten. Ihr Gesicht war wie immer so starr und verschlossen, als sei heute auch noch nicht die mindeste Gemütsbewegung darüber hingegangen; und wenn der arme Felix einen Rückblick in das alte Falkennest hätte werfen können, er würde genau wie bei seiner jedesmaligen Heimkehr das unbeirrte Schaffen und Hantieren, das Sparen und Einheimsen gefunden haben ... Und die Stube, an deren Eßtisch sich die Majorin einen jener steiflehnigen, hartgepolsterten Stühle gerückt hatte, die schon für die Großeltern Erbstücke gewesen waren, sie war unverändert dieselbe, in der dem Ausgestoßenen vor acht Jahren der Prozeß gemacht worden war. Sie zeigte dieselbe häßliche schokoladenfarbene Tapete; nur daß da und dort neue Flicken, jedenfalls im Bereich von Veits zerstörenden Händen, aufgesetzt waren und die Spuren täglicher Berührung am Schlüsselloch der tapezierten Wandschranktür sich verdunkelt und verbreitert hatten. Dahinter stand noch auf derselben Stelle der Blechkasten mit dem Milchgeld.

Der Rat lehnte mit verschränkten Armen an der Fensterbrüstung, als seine Schwester eintrat. Er hatte den Hut auf das Nähtischchen geworfen, und das grünliche Licht, das durch die Ulme hereinfiel, ließ die reichen Silberfäden in seinem starren, immer noch sehr dichten Haar aufflimmern. ... Es sah aus, als habe er auf die Majorin gewartet, und sie mußte sich selbst denken, daß er sie Veits wegen zur Rede setzen werde, und gerade deshalb war sie in die Eßstube gegangen. Aber sie wartete vergeblich auf eine seiner beißenden, verletzenden Bemerkungen. Er trat nach einem kurzen Schweigen vom Fenster weg und fing an, in der Stube auf und ab zu gehen.

»Du bist in der letzten Zeit so wortkarg, ja, so stumm gewesen, Therese, daß ich nicht einmal weiß, ob dir das drohende Unheil in meinen Kohlengruben vollständig zu Ohren gekommen ist,« hob er zu ihrem Erstaunen endlich an.

»Das Gesinde spricht den ganzen Tag davon,« antwortete sie gelassen und streifte nach wie vor die Beeren von den Stengeln.

»Und ficht dich das gar nicht an? ... Ist dir das Wohl und Wehe, der Besitz der Wolframs gleichgültig geworden?« fuhr er mit grollender Stimme auf – es klang fast wie ein halbverhaltenes, drohendes Knurren, und der Blick, der über ihre ruhig arbeitenden Hände hinfunkelte, war tiefgereizt.

»Um das Wohl und Wehe der Wolframs habe ich mich längst nicht mehr zu kümmern,« versetzte sie, ohne aufzublicken. »Du erziehst den einzigen, der es dermaleinst in der Hand halten wird, nach eigenem Ermessen, nach deinen Grundsätzen, und ich – ich verbrenne mir den Mund nicht mehr ... Was aber den Besitz betrifft, so habe ich ihn nun seit langen Jahren durch unverdrossene Arbeit und gewissenhaftes Sparen vermehren geholfen – das Zeugnis darf ich mir geben!... Es macht mir Freude, ein Familienvermögen anwachsen zu sehen; aber das darf nur auf ehrliche, brave Weise geschehen, stet und beharrlich, wie es unsere Väter gemacht haben – nicht um Haarbreite anders! ... Du aber bist ein Moderner geworden. Du möchtest das Geld in jagender Eile scheffelweise einsäckeln, willst aber nichts ausgeben, um den Boden unter deinen Füßen zuerst zu sichern; und das ist das drohende Unheil in deinen Gruben – du hast es selbst verschuldet!«

Sie hatte in fast eintöniger Ruhe gesprochen; und wenn er bis dahin der Meinung gewesen war, die Schwester kümmere sich, wie immer im festen Glauben an seine geschäftliche Unfehlbarkeit, nicht entfernt um das, was außerhalb der Wirtschaft liege, so war das jetzt widerlegt – sie wußte alles und verurteilte ihn ebenso streng, wie die ganze Stadt.

»Davon verstehst du nichts!« fuhr er sie grob und erbittert an.

»Mag sein – ist auch nicht meine Sache,« versetzte sie eben so gleichmütig wie vorher, nur daß sie jetzt den Blick, in welchem sich eine gewisse Unruhe spiegelte, rasch von der Arbeit hob. »Ich weiß nur, daß ich die ganzen Jahre her gewünscht habe, die Kohlen lägen in guter Ruh bis an den jüngsten Tag unter der Erde, und es wüßte kein Mensch drum. Seit du den Boden da draußen hast aufreißen lassen, ist's auf dem Klostergute nicht mehr wie es sein sollte ... Ach ja –« ein unwillkürliches Seufzen hob ihre Brust – »viel, viel reicher sind die Wolframs ja geworden, das ist ja wahr – aber der Erwerb ist mir so unheimlich, so fremd, und ich meine, es hinge ihm Unsegen an wie unrechtem Gut, weil sich ein unglücklicher Mensch um deswillen den Tod gegeben hat.«

Der Rat war, die Hände auf dem Rücken gefaltet, immer noch auf und ab gegangen. Bei den letzten Worten blieb er stehen, gleichsam festgebannt, wie man entsetzt und versteinert vor einer Erscheinung verharrt, die unvorhergesehen gespenstisch aus dem Boden steigt – dann brach er in ein verletzendes Hohngelächter aus.

»Bist ja wirklich mit den Jahren stark in der Logik geworden, wie die alten Weiber im Spittel!« sagte er in seinem beißendsten Ton. »Also weil ein verrückter Bedienter von seinem ebenso hirnverbrannten Herrn fortgejagt worden ist, da klebt Unsegen an meinem Unternehmen!« – Er lachte abermals gezwungen auf. »Ei nun ja – einen solchen Unsegen lasse ich mir schon gefallen! ... Wenn der alte Klaus Wolfram, der tüchtigste unter unseren Vätern, wiederkommen könnte, der würde wohl große Augen machen, daß die Wolframs jetzt auf Sommerwiese, dem größten Rittergut im ganzen Lande, sitzen.«

Er trat an das Fenster und spielte unhörbar mit den Fingerspitzen auf den Scheiben – es lag nervöse Aufregung in dieser ungewohnten Beweglichkeit der muskulösen, braunen Hand. Einen Augenblick war es so still in der Stube, daß man das Summen der über dem Eßtisch kreisenden Fliegen hören konnte.

Der Rat blickte verstohlen über die Schulter zurück. Seine letzte Bemerkung war sichtlich eindrucklos abgeglitten – das schöne Matronengesicht mit den gesenkten Augen behauptete seine gewohnte seltsame Starrheit, und die roten Beeren rollten in gleichmäßiger Wiederholung, vom Stiel abgestreift, in die Porzellanschüssel.

»Du hast gestern dein Darlehen von zehntausend Talern aus der Zieglerschen Erbschaftsmasse zurückerhalten?« fragte er plötzlich.

»Ja.«

»Wie gedenkst du es wieder anzulegen?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Gib mir das Geld, Therese,« sagte er, rasch an den Tisch tretend. »Sommerwiese hat vor einigen Tagen meine ganzen verfügbaren Kapitalien geschluckt. Nun kommt da so unvorhergesehen das Unglück in den Gruben – ich muß Geld flüssig haben und möchte doch kein Papier veräußern... Dein Geld ist in meiner Hand gut aufgehoben, Therese. Es ist ja doch auch Wolframsches und könnte nun im großen Familienvermögen wieder mitarbeiten, wie ja dein alles, deinem eigenen fest ausgesprochenen Wunsch und Willen gemäß, später einmal – hoffen wir in allerspätester Zeit – wieder zu dem Stammbesitz zurückfließen wird.«

Jetzt stieg ein leises Rot langsam in das bleiche Gesicht und verbreitete sich, immer dunkler werdend, bis hinauf über die Stirne. »Ich habe mein Testament noch nicht gemacht,« versetzte sie, ohne aufzublicken.

Er stützte die Hände auf den Tisch und sah mit höhnischer Überlegenheit auf das errötete Gesicht herab – da war ja das erste Zeichen der Wandlung, das erste oppositionelle Aufzucken der Frauenseele, die er bis dahin fast widerspruchslos in der Hand gehabt! – »Das weiß ich ja, Therese,« sagte er nichtsdestoweniger gelassen und unbefangen; »und es wird mir auch nie einfallen, dich zu diesem Entschluß zu drängen, obgleich ich's sonst mit dergleichen Schritten, die doch notwendig geschehen müssen, sehr ernst nehme – der Teufel hat oft sein Spiel, und der Sturm kann über Nacht die stärksten Eichen fällen. Es wäre eine geradezu ekelhafte Aufgabe für mich, wenn ich von der Frucht, die dem letzten Wolfram zufallen soll, die hungrigen Wespen verjagen müßte – verjagt würden sie, darüber kannst du ganz ruhig sein, Therese! Du brauchst nicht zu fürchten, daß, falls du plötzlich vor mir das Zeitliche verlassen müßtest, auch nur ein Groschen in die Hand kommt, auf welcher der Mutterfluch ruht – dafür bin ich da – ich würde auch darin deinen und meinen Willen durchzusetzen wissen wie einst in deiner Scheidungsangelegenheit.«

Sie hatte die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt und schwieg beharrlich, fast wie bedrückt und gedemütigt – er konnte freilich nicht sehen, daß es wie ein Feuerbrand unter den gesenkten Wimpern loderte – war es doch ein geflissentlich rohes Betasten ihrer inneren Wunden, aller Saiten in ihrer Seele, die schmerzhaft aufschrillten.

»Sollte uns beiden aber ein hohes Alter beschieden sein,« fuhr er wie ablenkend fort, und drehte lässig den dünnen, grauen Kinnbart zwischen den Fingern, »dann wird die Welt völlig vergessen haben, daß du einst unseren Namen mit einem anderen, unheilvollen vertauscht hattest; dann wirst du wieder die Tochter der Wolframs sein, nichts anderes, und hast dein gerechtes Teil an dem Glänze, der vom Klostergut neu ausgeht –«

»Durch den da?« unterbrach sie ihn schneidend und zeigte mit der ausgestreckten Hand, die wie von einem inneren Fieber geschüttelt wurde, durch das Fenster nach dem Hofe – dort trieb Veit eben wieder sein Unwesen zwischen dem schreiend auseinanderstiebenden Federvieh.

»Ja, durch den,« bestätigte er spitz und nachdrücklich, und der Grimm begann in seinen Augen aufzufunkeln.

»Der Bursch soll aufbauen und hat doch die zerstörungswütigste Hand, die je geboren worden ist,« sprach sie weiter, ohne sich im geringsten einschüchtern zu lassen. »Was er an zerbrechlichen Sachen mit der Hand erreichen kann, das wird ohne Gnade auf dem Boden zerschmettert. Er ist ein grausamer, erbarmungsloser Tierquäler –«

»Dummes Zeug – das ist eben Jungenart! – Ich bin – wie ich denke – ein ganzer Mann geworden, und hab' der Mutter die Töpfe und Tassen heimlich zerschlagen, daß es eine Lust war, hab' den Maikäfern die Beine ausgerissen und die Frösche bei lebendigem Leibe aufgespießt und –«

»So?« unterbrach sie ihn wie erschrocken, mit starrem Blick. »Da hör' ich ja das erste Wort... Ich weiß es noch recht gut – wegen der vielen zerbrochenen Töpfe und Tassen sind damals die Mägde gestraft und schließlich fortgejagt worden. Du warst so gesetzt – ›ein Mustersohn‹, wie die selige Mutter immer sagte – bis auf den heutigen Tag hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du so ein ›Heimlicher‹ gewesen bist.«

Er biß sich auf die Lippen, während die Rechte der Majorin verstohlen vom Tische glitt und in die Tasche schlüpfte. Sie umschloß sanft die kühlen Ringe der Löwenzahnstengel, und es war, als laufe diese Kette von dem Händchen aus, das sie zusammengefügt, wie ein magnetisches Band bis an das Herz der Frau, an das verstockte Herz, das viele Jahre lang gegen seine natürlichsten, weiblich weichen Regungen gewütet hatte – und nun strömten sie doch hervor, unaufhaltsam, in ungeahnt beseligender Kraft. Jenes zärtlich streichelnde Händchen, es marterte gewiß keine Kreatur, die Leben und Odem in sich hatte; in dem Kind lebten so wenig Bosheit und Heimtücke wie in ihm, der einst von der heimischen Schwelle gestoßen worden war ...

»Jugendstreiche, Therese, wie sie sein müssen bei einem rechtschaffenen Jungen, der gesundes Blut in den Adern hat!« lachte der Rat gezwungen auf. »Ich will dir damit auch nur schlagend beweisen, daß man nach solch scheinbar schlimmen Anzeichen, über die eben auch nur alte Weiber zetern, den künftigen Mann nicht beurteilen soll. Veit wird dir noch Freude machen, darauf verlasse dich! Er wird dir ein Sohn sein wie mir –«

Er hielt inne, denn seine Schwester streckte plötzlich unterbrechend die Linke gegen ihn aus.

»Ich habe einen Sohn!« rang es sich fast wie ein Schrei von ihren Lippen.

In diesen vier Worten gipfelte und erlosch der furchtbare Kampf, der jahrelang verborgen getobt – die Zornflammen waren in sich zusammengesunken, und unversehrt, wie ein Phönix, stieg das Muttergefühl empor.

Der Rat prallte förmlich zurück. Wohl war er den Spuren der Wandlung in dieser Frauenseele mit scharfem Blick vom ersten Tag an gefolgt; aber er hatte auch mit dem Starrkopf seiner Schwester, mit ihrem unbeugsamen Trotz, ihrer absoluten Unversöhnlichkeit gerechnet. Diese Frau hatte ihre Jugend, ihre strahlende Schönheit aus Rache gegen ihren Mann in das alte Klosterhaus eingeschlossen; sie war, grauenhaft vereinsamt, alt geworden, aber nie in den langen Jahren war ihr auch nur ein Wort der Reue, ein klagender Laut entschlüpft, und er hatte fest gemeint, mit der aufgerüttelten Erinnerung an den Sohn werde sie schließlich ebenso reinen Tisch machen – und nun siegte das Weib plötzlich, überwältigend in ihr! Ein Kind, »der blaue Hanswurst mit dem Flachskopf« hatte es ihr angetan! Eine wahrhaft grimmige Wut kam über ihn.

»Du hast einen Sohn? – Verzeih, ich hatte das vergessen, oder vielmehr vergessen müssen auf dein ausdrückliches Geheiß!« sagte er mit tödlichem Hohn. »Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fürchten mußte, du würdest dich an mir vergreifen, wenn ich auch nur den Namen des Entarteten laut werden ließe.«

Er senkte das Gesicht gegen die Brust und drehte den Kinnbart zwischen den Fingern. »So, so! ... Nun ja, du wirst alt, alt und mürbe, Therese! Da geht der Charakter in die Brüche, und man macht pater peccavi ... Na, sieh mal! Da darf man ja wohl wieder von vergangenen Zeiten sprechen? Oder besser, ich will dir ein paar Berliner Zeitungen mit heimbringen. Da steht's alle Tage zu lesen, daß die Frau Majorin Lucian eine berühmte Schwiegertochter hat. Aber du kannst ruhig sein, Therese – dein Sohn wird dabei nicht genannt. Neben solchen Theaterdamen ist der Ehegatte allemal eine Null, ein Nichts, höchstens der Schatten, den die Gefeierte unvermeidlich an der Ferse nachschleppt – er ist eben der Mann seiner Frau, macht den Sekretär – eine brillante Laufbahn, wie sie sich kaum die kühnste Phantasie einer ehrgeizigen Mutter träumen läßt – und lebt natürlicherweise ausschließlich mit von den glänzenden Einnahmen, welche die Ballettsprünge der Frau Gemahlin einbringen –«

»Das glaubst du selbst nicht,« unterbrach sie ihn entschieden, wenn auch dumpf, wie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie hatte längst ihre Arbeit weggeschoben und war aufgestanden. Wie furchtbar es in ihr stürmte, das bewies das tiefe, beklommene Atmen, das ihre Brust hob, das nicht zu bezwingende Beben der Hand, die sich auf den Tisch stutzte. – »Er hat seine Sache gelernt – er kann sich sein Brot selbst verdienen.« Der Rat lachte rauh auf. »Du meinst, er mache seine Laufbahn als Jurist wie die Frau Gemahlin als Tänzerin, das heißt durch Gastieren in allen europäischen Städten?«

Es ging plötzlich wie ein Aufleuchten über ihr Gesicht. »Weißt du so gewiß, daß er bei ihr ist?«

Es kann auch der brutalsten Denkweise passieren, daß sie einen Augenblick zaudert, eine unverkennbare Lüge über einen Toten auszusprechen.

Der Rat hatte die Hände auf dem Rücken gefaltet; er trat in das Fenster und sah angelegentlich nach allen Himmelsrichtungen, als prüfe er den Stand des Wetters. Er zuckte die Achseln. »Ich muß dir gestehen,« sagte er noch abgewendet, »daß mir das bisher sehr gleichgültig gewesen ist. Es ist mir nicht eingefallen, auch nur im geringsten nachzuforschen – eine so abgetane Sache, wie die Verstoßung eines mißratenen Familiengliedes, rührt man nicht wieder auf; man müßte denn charakterlos und unzurechnungsfähig, mit einem Wort ein Waschlappen geworden sein ... Es scheint mir übrigens, als hofftest du, infolge besserer Einsicht auf der einen Seite sei jene verhaßte Ehe gelöst worden – liebe Therese, nicht in jeder Menschenseele wohnt die Kraft, die Gemütsruhe, mit denen du einst ein unliebsames Joch abgeschüttelt und deinem Mann den Laufpaß gegeben hast.«

Sie ballte die Hände und drückte sie krampfhaft gegen die Brust, während sie das Gesicht langsam nach dem Sprechenden hinwandte. Er folterte sie stückweise, ihr ehemaliger Berater und Helfershelfer in allen Dingen, wo es gegolten hatte, den Wolframschen Starrkopf durchzusetzen. Jetzt begriff sie den Haß der Stadtbewohner gegen ihren ehemaligen Oberbürgermeister, jetzt, wo sich die schneidige Waffe seiner beißenden Zunge gegen sie selbst kehrte.

Er kam wieder auf sie zu. »Ich muß dich daran erinnern, wie du einst gewohnt gewesen bist, zu handeln,« sprach er mit gesteigerter Stimme; »ich muß dir ins Gedächtnis zurückrufen, daß du stets nach Männerart lieber sofort einen verhaßten Knoten durchschnitten als dich unter seinen Druck gebeugt hast. Solch ein zerhauener Knoten aber läßt sich nie und nimmer wieder zusammenflicken, es sei denn, daß man sich vor Gott und aller Welt unsterblich blamieren will – und davon wird der derzeitige Chef des Wolframschen Hauses eines seiner Familienglieder ganz sicher zurückzuhalten wissen. Das kommt in erster Linie; in zweiter erinnere ich dich an deinen eigenen Ausspruch, der kurz und bündig besagt, daß dein Vermögen Pfennig um Pfennig, Groschen um Groschen, von unseren braven Vorvätern aufgesammelt worden, und du niemals gewillt seiest, dieses Geld in einer liederlichen Theaterwirtschaft verprassen zu lassen. Hast du deine Ansicht darüber geändert – gut – ich nicht!« – Er schlug mit seinen harten Knöcheln auf den Tisch. – »Jetzt stehe ich vor diesem Erbe und fordere es für diejenigen, die gegenwärtig den Namen Wolfram tragen, sowie für die, welche ihn in später Zukunft führen werden.«

»Das kam in erster Linie und – das ist der Punkt, um den sich alles, alles dreht!« stöhnte sie auf unter der niederschmetternden Wucht einer plötzlich tagenden Erkenntnis.

»Denke, was du willst – ich gehe den Weg, den mir die Pflicht vorschreibt,« sagte er eisig. »Ich rate dir wohlmeinend, Therese, hüte dich, mit mir anzubinden! Du ziehst den kürzeren, samt deiner ganzen Komödiantensippe, darauf verlasse dich!«

Er ging wieder nach dem Fenster, öffnete einen Flügel desselben und rief einem über den Hof schreitenden Knecht einen Befehl zu, so ruhig und gleichmütig in die Tagesgeschäfte einlenkend, als seien eben auch nur die alltäglichsten Dinge in der Eßstube verhandelt worden.

Währenddessen verließ die Majorin das Zimmer; sie ließ die Hausarbeit im Stich und ging hinauf in ihre Giebelwohnung...

Von Einschüchterung konnte bei dieser Frau nicht die Rede sein; wo sie sich in ihrem guten Recht wußte, da fürchtete sie alle Juristenkniffe der Welt nicht – sie wurde schon fertig mit denen, die an ihr unbestrittenes Eigentum zu rühren wagten, und deshalb hätte sie die Anmaßung ihres Bruders, seine Drohungen verlacht, wäre ihr nicht der scharfe Schmerz der bittersten Enttäuschung im Hinblick auf eben diesen Bruder durch das Herz gegangen ... Also es war nicht brüderliche Selbstlosigkeit und Hingebung gewesen, daß er treu zu ihr gehalten! Er hatte sie bestärkt in ihrer unbeugsamen Härte; er hatte sie mit den Jahren geflissentlich abgedrängt von ihrem Kinde, nicht aus Brudertreue und in der Überzeugung, daß die Schwester völlig korrekt und gerecht handle und dabei gestützt werden müsse, sondern einzig und allein in wahnwitziger Vergötterung seines einzigen Sprossen, dem er auf diese Weise eine große Erbschaft zuwenden wollte.

Ihre Augen feuchteten sich, und das Gefühl einer tiefen Demütigung trieb ihr das Blut in das Gesicht... Wo waren die vermeintlich unerschütterlichen Stützen hin, auf denen ihr Selbstbewußtsein bisher gestanden? Es waren Stelzen gewesen, Stelzen des Eigendünkels, welche die ewige Vergeltung über Nacht umgeblasen ... Sie hatte sich selbst bestohlen in ihrer Rachgier, Herrschsucht und Verblendung, bestohlen um viele Jahre, in denen sie tausendfachen Segen hätte geben und empfangen können. Nun schien ihr im Rückblick die große Wegstrecke ihres Lebens, die sie einsam und verstockten Sinnes gewandert, eine sonnenlose Schlucht ohne Blumen und lieblichen Vogelsang, in der sie, abgewendet vom heiteren Himmelslicht, gebückt, ohne Unterlaß Steine in die Schürze gesammelt – denn mehr als unfruchtbare Steine waren die gewaltigen Summen, die sich in ihrem Einnahmeregister aufspeicherten, für sie selbst nicht. Und nun sollten sie auch noch zum Piedestal aufgetürmt werden unter den Füßen des verwahrlosten Jungen, den sie nicht ohne Grauen, ohne die entschiedenste Abneigung ansehen konnte – nie, niemals! Noch durfte sie hoffen, ein Stück Leben vor sich zu haben; noch war sie sich einer bedeutenden inneren Kraft bewußt – es bedurfte nur weniger Schritte, um die nach einer anderen, einer sonnigen Lebensluft dürstenden Lippen zu erquicken – was hinderte sie den Schal umzuwerfen und hinüber zu gehen in das Nachbarhaus, wo sich alles, alles mit einem Schlag wenden mußte? Nein! – So tief beugen konnte sie den steifgewordenen Nacken doch nicht! – Sie hatte bereits die ersten Schritte getan, nun mußte er kommen und der Mutter die Versöhnung erleichtern – wo aber war er? – Das hatte sie schon oft grübelnd gedacht!

Sie hatte beim ersten Blick, beim ersten in das Giebelzimmer heraufschallenden Stimmklang gewußt, daß der schöne, spielende Knabe im Vorgarten des Schillingshofes, sein Kind, ihr Enkel sein müsse – so Zug für Zug, so in jedem Laut, jeder Eigentümlichkeit des äußeren Gebarens wiederholt sich die Natur nicht in zwei sich völlig fremden Menschenwesen, die das Blut nicht gemein haben; so macht sie auch nicht ein Herz wie das ihre halb entsetzt, halb in jubelnder Lust aufschreien beim ersten Begegnen, wenn kein verwandter Zug da ist. Es war demnach völlig überflüssig gewesen, daß ihr die fremde Dame gesagt hatte, der Knabe führe den Namen Lucian ... Wo aber war sein Vater?

Es war eine schändliche Lüge, daß er sich von dem Erwerb seiner Frau mit ernähre. – Er hatte ein reiches Wissen, er war sehr fleißig gewesen und hatte sich unfehlbar eine feste, ehrenhafte Lebensstellung errungen – wohl in fernen Landen, wie sie nach der schwarzen Bedienung schloß, welche die Kinder behütete. Und – diese stille Hoffnung wurde immer lebendiger in ihrer Seele – er hatte wohl seine kleinen Lieblinge geschickt, damit sie sich allmählich an das Herz der Großmutter stehlen und Versöhnungsboten werden möchten ... Nun wohl, das war geglückt – die Mutter hatte verziehen ... Sie hatte sich selbst seinem Knaben gegenüber die Großmama genannt und den neugeschlossenen Bund mit einer Gabe besiegelt, die ihr Sohn selbst als Kind oft gesehen, und von welcher er wußte, daß sie der Mutter stets ein hochwertes Andenken gewesen war... Nun mußte er kommen – und er kam gewiß, selbst wenn augenblicklich noch große Länderstrecken oder das weite Meer zwischen ihnen liegen sollten – er kam! ... Bis dahin hieß es, sich selbst und die Sehnsucht tapfer bezwingen, denn noch – hatte ein letzter Rest starrer Unbeugsamkeit Sitz und Stimme in diesem harten Frauenkopfe. –

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.