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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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28.

Der heimkehrende Mann hatte einen Strahl von Wiedersehensfreude auf seinem Gesicht. Er trug die kleine Paula auf dem rechten Arm, und mit dem linken drückte er das Kind fest und zärtlich an seine Brust... Pirat hatte sich neben ihm durch die Türöffnung gedrängt und schoß über die Galerie und die Wendeltreppe herab – wie ein Rasender stürzte er auf die Baronin zu, aus deren Händen das Kuvert eben auf den Boden niederflatterte.

Sie stand wie schreckerstarrt; allein die Besonnenheit kehrte ihr rasch zurück – ihre erste Bewegung war, die Schranktür verstohlen zuzudrücken – in dem Augenblick jedoch, wo sie sich scheinbar unwillkürlich hinüberbog, fuhr der Hund an ihr empor, als gelte es, einen Dieb von dem Eigentum des Mannes da droben abzuwehren.

»Willst du mich von dem Ungetüm zerreißen lassen?« rief sie empört nach der Galerie hinauf.

Ein kurzer, scharfer Zuruf von oben hatte das Tier schon wieder die Treppe hinaufstürmen gemacht. Baron Schilling wies es mit einer Armbewegung in das Zimmer zurück und schloß die hinter dem Vorhang befindliche Tür.

»Es tut mir leid, daß du dich erschreckt hast, Klementine,« sagte er, die Stufen herabsteigend. Noch trug er das Kind, das die Ärmchen um seinen Nacken geschlungen hatte und sein kleines Gesicht so fest an seine gebräunte Wange schmiegte, daß sich die blonden Locken mit seinem Barte mischten. »Der Hund ist nur scheinbar gefährlich, nur plump und übereifrig, aber er beißt nicht – er ist ja der Spielgefährte der Kinder,« fuhr er fort, indem er seiner Frau näher trat – sein Blick streifte das hinabgeflogene Kuvert und den geöffneten Schrank, und ein Zug von Ironie ging durch sein Gesicht. – »Ich konnte nicht ahnen, daß du zurückgekehrt bist, noch weniger aber durfte ich voraussetzen, dich hier, hier – es ist wirklich eine seltsame Überraschung, Klementine! – zu finden; ich würde sonst dem ungebärdigen Tier nicht gestattet haben, mich zu begleiten.«

Er neigte leicht und kalt grüßend den Kopf vor Fräulein von Riedt und reichte seiner Frau die freie Linke hin.

»Solange du das Mädchen da auf dem Arme hast, fällt es mir nicht ein, dir die Hand zu geben,« sagte sie eisig. »Ich mag beim Wiedersehen keine Fremden um mich haben.«

Bei diesen Worten wandte er den Kopf zur Seite und während sich seine Brauen zusammenzogen, fixierte er mit einem spöttisch scharfen, sprechenden Blick die Stiftsdame, die mit untergeschlagenen Armen schweigend und unbeweglich auf ihrem Platze verharrte.

»Adelheid ist keine Fremde –« fuhr die Baronin auf.

»Und Lucians Kind, mein kleiner Liebling hier, steht mir sehr nahe,« ergänzte er gleichsam mit großer Ruhe. Er stellte die Kleine mit zärtlicher Behutsamkeit auf den Boden und nahm ihr Händchen fest in seine Linke – seiner Frau bot er die Hand nicht wieder.

Ihre schwachen Füße trugen sie plötzlich nicht mehr – sie sank im nächsten Lehnstuhl zusammen: »Ich habe Beklemmung, Adelheid,« sagte sie und drückte die verschränkten Hände gegen die Brust.

Die Stiftsdame trat näher und reichte ihr ein Fläschchen, das sie aus der Tasche zog, während Baron Schilling den dunklen, dichten Vorhang von einem der unteren Fenster wegschob und beide Flügel öffnete. »Man hat während meiner Abwesenheit schlecht gelüftet,« bemerkte er gleichmütig.

»O, das ist's nicht!« entgegnete die Baronin und atmete den Geist der Essenz ein. – »Wie sollte es da mir Ärmsten drüben im Zause ergehen, das mit häßlicher Krankenluft erfüllt ist? Um mich und Adelheid vor Ansteckung einigermaßen zu schützen, bin ich gezwungen, Tag und Nacht den erstickenden Dampf der Kohlenpfannen zu atmen.«

»Wie – hat Josés Krankheit noch einen bösartigen Charakter angenommen?« rief Baron Schilling bestürzt.

»José? – Wer ist José?« fragte die Baronin gleichgültig, mit einem matten Augenaufschlag. – »Du mußt nicht denken, daß ich mir Zeit und Mühe genommen habe, so viel Einblick in deine Beziehungen zu gewinnen, um mich mit den Namen vertraut zu machen ... Ich weiß nur, daß ich unser Haus in einem beispiellosen Zustand fand, als ich neulich abends zurückkehrte. Die Dienerschaft war verwildert, ohne Disziplin, wie eine herrenlose Herde – an ihrer Spitze diese einfältige Wirtschaftsmamsell, die ohne Gnade nun endlich den Laufpaß erhalten wird –«

»So?!«

»Ganz sicher – diesmal werde ich ihre Entlassung durchzusetzen wissen, darauf verlasse dich! ... O, wie habe ich mich geärgert an dem Abend! Aus dem heiligen Frieden des stillen Hauses kommend, in dem ich erzogen worden bin, berührte mich der trostlose Empfang doppelt niederschlagend. Der Herr Gemahl war verreist –«

»In Erfüllung einer unabweisbaren Pflicht –«

»Ach ja – du mußtest der durchgebrannten Tänzerin nachreisen,« fiel sie eintönig ein.

Er hatte offenbar eine böse Antwort auf den Lippen – er rang mit sich. Der Blick, den er auf diese tückische Frau im Lehnstuhl heftete, sagte deutlicher als die schärfsten Worte, daß er ein tiefunglücklicher Mann sei, ob er auch neulich in Luciles Zimmer verletzten Stolzes, in harter Zurückweisung versichert hatte, er finde an seinem Los nichts auszusetzen.

»›Lucians Witwe‹ willst du sagen, Klementine,« entgegnete er sich bezwingend. »Mit der Tänzerin Fournier habe ich nichts zu schaffen.« »Ach, mein Gott, auf einen so spitzfindigen, haarfeinen Unterschied versteht sich mein schlichter Verstand nicht,« sagte sie ebenso impertinent obenhin wie zuvor. »Nun meinetwegen auch ... Solch jugendliches Witwentum mag immerhin für manche Männer den Bühnenruhm an Anziehungskraft aufwiegen ... Apropos, diese Donna de Valmaseda ist ja auch Witwe, wie ich höre! Du hast es nicht für nötig gehalten, mir diese interessante Tatsache mitzuteilen –«

»Hast du nicht stets jede eingehendere Mitteilung aus Lucians Briefen als langweilig abgewehrt?«

»Mein Gott, ja! Aber wer spricht denn von alten Zeiten? Ich meine, in dem Augenblick, wo du mir anzeigtest, daß sie ihre Schwägerin begleiten würde.«

Die junge Dame hinter dem Myrtengesträuch kämpfte in diesem Augenblick einen verzweifelten Kampf mit sich selbst. Sie sah, wie ihm bei Nennung ihres Namens die Röte heftigen Unwillens in das Gesicht trat. Es trieb sie, hervorzutreten und durch ihren Anblick jedes Wort über sie hinter seine Lippen zurückzudrängen, und doch blieb sie wie gelähmt sitzen; denn schon sagte er hart und scharf: »War das nötig? Hat diese Tatsache irgendwie Bezug auf die Stellung der Dame zu mir? ... Ich habe versprochen, Lucians Kinder zu schützen, sie in meine Obhut zu nehmen; wer sie mir zu diesem Zwecke zuführt, das – nun das ist wohl Nebensache.«

»Für mich aber nicht,« sagte sie verdrossen. »Diese Pflanzermadame mit ihrem Sklaventroß ist mir ein Greuel – sie sieht mir so recht aus wie eine von denen, die ihre Umgebung mit der Peitsche behandeln. Ich lebe stets in fiebrischer Angst, daß eines Tages das Geheul der Gestraften bis hinauf zu mir dringen könnte –«

»Die Vorstellung ist falsch,« unterbrach er sie kurz; dann preßten sich seine Lippen fest aufeinander.

»Sie ist richtig!« betonte sie hartnäckig. »Man braucht nur in das Gesicht zu sehen. Möglich, daß sie hier auf deutschem Boden ihre Gelüste zügelt; aber ist es nicht schon an und für sich eine Schmach, sich von Sklaven bedienen zu lassen, sie über das Meer mitzuschleppen wie Maschinen, nicht wie Menschen?«

»Das hat die Dame vor sich selbst zu verantworten – ich fühle mich nicht berufen, fremdländische Unsitte zu bekämpfen.« – Mit welcher Bitterkeit sprach er! Es klang, als habe sich der Groll draußen in der Ferne nur noch tiefer in sein Inneres eingewühlt.

Die Baronin lachte spöttisch auf. »Das würde dir auch ohne Zweifel sehr schlecht bekommen,« sagte sie. »Diese überseeischen Pflanzeraristokratinnen sollen wahre kleine Teufel an Hochmut und boshaften Launen sein.«

Er schwieg und bückte sich über Paula, die mit beiden Händchen seine Linke umfaßt hielt und mit großen Augen unverwandt nach der Frau im Lehnstuhl sah – es war der kleinen Verwöhnten offenbar sehr verwunderlich, daß sie keines Blickes gewürdigt wurde. »Wollen wir Pirat fortbringen?« fragte er. »Der unartige Bursche winselt droben und will hinaus. Deborah soll ihn an der Leine führen, und du läufst mit.«

Das Kind schlug willig die Arme um seinen Hals, und er trug es wieder die Treppe hinauf.

»Er sieht nicht gut aus und hat eine unerträgliche Laune mitgebracht – bei dem impertinenten Ton seiner Stimme empört sich mir jeder Blutstropfen,« sagte die Stiftsdame, nachdem er droben hinter der Tür verschwunden war.

Die Baronin antwortete nicht. Sie war aufgesprungen, hatte das Kuvert in das Fach zurückgeworfen und die Schranktür geschlossen. Nun lag sie wieder in den Stuhl zurückgelehnt und stieß die Fingerspitzen spielend gegeneinander, als habe sie nicht für einen Augenblick ihre Stellung verändert. »Mit dieser Laune will ich schon fertig werden,« sagte sie anscheinend gleichmütig. »Mir dagegen kocht das Blut, wenn er wie eine Kindsmagd daher kommt und solch einen unausstehlichen Flachskopf mit einer Zärtlichkeit an sich drückt –« »Ich halte das für eine Demonstration – der Kinderlosen gegenüber,« fiel die Stiftsdame ruhig, aber mit Nachdruck ein. Die Frau im Lehnstuhl fuhr in die Höhe – ihr Gesicht sah ganz entstellt aus vor Grimm. Sie hatte augenscheinlich eine Flut leidenschaftlicher Worte auf den Lippen; allein in diesem Augenblick rüttelte Baron Schilling draußen an der Tür des Glashauses. Er hatte jedenfalls Paula der im Garten wartenden Deborah wieder übergeben und wollte nun auf dem kürzesten Wege in das Atelier zurückkehren.

Die Baronin griff unwillkürlich und erschrocken nach dem konfiszierten Schlüssel in ihrer Tasche; aber schon wurde eine andere direkt aus dem Garten in das Atelier führende Tür von draußen aufgeschlossen.

»Bist du in das Haus geflogen, Klementine?« fragte Baron Schilling eintretend. »Alle Eingänge, auch den nach oben, mußte ich aufschließen.«

»Ich habe mir Roberts Schlüssel zu deiner Atelierwohnung geben lassen,« sagte sie nachlässig, aber nicht ohne Verlegenheit. »Ich meinte, während deiner Abwesenheit doch einmal nach der Ordnung sehen zu müssen.«

Bei dieser erbärmlichen Ausflucht wandte sich Fräulein von Riedt so hastig ab, daß ihr Seidenkleid in jeder Falte rauschte.

»Du bist sehr gütig. Diesem Ordnungssinn zuliebe hast du deine tiefe Abneigung heroisch bekämpft,« sagte Baron Schilling gelassen. »Nun, da wirst du gefunden haben, daß man den Boden schlecht fegt, denn alte Kuverts liegen umher, und daß die Bedientenseelen sich nicht scheuen, meinen Geheimnissen in den Schränken nachzuspüren – ah, du warst so freundlich, eigenhändig diese verdrießlichen Zeugen einer verabscheuungswürdigen Spionage zu beseitigen?« unterbrach er sich selbst mit einem über Schrank und Fußboden streifenden Spottblick.

Sie erhob sich schweigend. Es mochte ihr tiefgehen, auf einem ihrer dunklen Wege so kompromittierend ertappt worden zu sein – aber diese Frau hatte offenbar große Übung im Vertuschen, im verleugnenden Hingleiten über Geschehnisse, die ihr eine Blöße gaben. Sie ergriff mit hastigen Händen ihre Schleppe und schüttelte sie ab. »Ach ja, es ist sehr staubig hier – du bist schlecht bedient,« sagte sie. .»Übrigens scheint es, als mokiertest du dich über mein Hiersein – ich werde selbstverständlich nicht wieder kommen, mein Freund. Aber es ist doch ganz gut, daß ich mich für einmal wenigstens überwunden und einen Blick hier hereingeworfen habe ... Das Bild dort – wirst du es in die Welt hinausschicken?« Sie zeigte nach der Staffelei.

»Gewiß – es geht in der Kürze nach Wien, um ausgestellt zu werden.«

»Diese Verherrlichung des Ketzertums? ... du hättest wirklich die Stirn, sie als deine Arbeit vor der Welt anzuerkennen?«

»Soll ich mein eigenes Kind verleugnen?« Er lachte halb verwundert, halb spöttisch auf und trat unwillkürlich der Staffelei näher, als gelte es, profane Blicke von diesem Lieblingskind abzuwehren.

»Ein ungeratenes!« grollte die Baronin in unbeschreiblicher Erbitterung. »Frage Adelheid –«

»Wie – eine Kunstkritik aus diesem Munde? Du wirst begreifen, daß ich sie mir ganz entschieden verbitte!« rief er mit vernichtendem Hohn, und sein Auge heftete sich durchbohrend auf die Stiftsdame, die sofort herangerauscht kam. Diese zwei Menschen waren Todfeinde, die sich im Grund ihrer Seele gegenseitig verabscheuten – davon zeugten die Blicke, mit denen sie sich maßen.

»Bilden Sie sich nicht ein, Baron Schilling, daß ich mich je anstrenge, in die Technik Ihrer Kunst einzudringen – ich fühle mich zu anderem berufen,« sagte sie kalt – es waren die ersten Worte, die sie zu ihm sprach, seit er in das Atelier getreten war. Dieses dröhnende, sonore Frauenorgan klang machtvoll wie eine Predigerstimme an den Wänden hin. »Ich habe für die Korrektheit der Linien und die Schönheit des Kolorits wenig Verständnis; es fesselt mich die bildliche Darstellung im Ausdruck, wie in ihren Motiven überhaupt sehr selten – nur eine verderbliche Tendenz, die der Pinsel zu verewigen sucht, vermag mich zu erregen ... Diese Abtrünnige hier« – sie zeigte auf die Gestalt der greisen Hugenottin – »trägt die Märtyrerglorie –«

»Mit allem Recht. Oder soll ich dem Glaubensfanatismus einer Stiftsdame zuliebe die Weltgeschichte fälschen?«

»Als ob das nicht bereits die offenbarste Fälschung sei?« rief sie, den Arm gegen das Gemälde ausstreckend, in ausbrechender Leidenschaftlichkeit. – »In jener heiligen Nacht, die man die Bartholomäusnacht nennt, war jede Hand, die die Waffe auf ein Hugenottenherz richtete, die strafende Hand Gottes selbst –«

»Bitte, Fräulein von Riedt, – ich dulde nie, daß in dieser meiner stillen Werkstätte der Konfessionshader laut werde.«

»Und entfesseln Sie ihn denn nicht selbst in geradezu verbrecherischer Weise?!«

Er lachte hart und verächtlich auf. »Ach ja, in unserer Zeit ist jeder Künstler, jeder Denker ein Verbrecher, sobald er nicht vertuscht, sondern an der Wahrheit festhält und das wahrhaft Gute und Edle will – man beschuldigt ihn der aufdringlichen Tendenz, mag er sie gewollt haben oder nicht ... Aber ich habe bereits erklärt, daß ich mir Ihre kritischen Bemerkungen entschieden verbitte, mein Fräulein! – Wo es Ihnen gelingt, den Fuß hinzusetzen, da wurzelt er auch sofort fest, wie eine verderbliche Schlingpflanze, und das Terrain ist erobert! Auf diese Weise haben Sie sich in meinem Hause eingenistet und einen Frauenwillen unterjocht, der sonst an Starrheit nichts zu wünschen übrig läßt. Von diesem Gebiet habe ich mich zurückgezogen – ich überlasse es Ihnen. Ich mag keinen Besitz, den ich täglich, stündlich immer wieder dem bis zum Wahnwitz gesteigerten Fanatismus abringen muß! Aber hier, um das edle Antlitz meiner Kunst, meiner Heiligen, der unermüdlichen Trost- und Freudenspenderin, sollen wir die Nachteulen und Fledermäuse ganz gewiß nicht flattern –«

»Arnold!« – Die Baronin stürzte auf ihn zu und ergriff mit beiden Händen den Arm des Sprechenden – es lag eine unbeschreibliche Angst in ihren Zügen. »Widerrufe, Arnold! Du willst nicht sagen, daß du deine Kunst über dein Weib stellst, nein, das willst du nicht sagen!«

Er stand unbeweglich; nur seine Augen streiften im ersten Moment hastig über die zwei hageren Hände, die seinen Arm umklammerten, als verlange es ihn, sie von sich zu schütteln. »Ich habe gesagt, was wahr ist,« versetzte er kalt. »Ich habe sie erwählt! Sie zeigt und führt uns nach oben,– nie reißt sie mich hinab und zwingt mich, in die verhaßten dunklen Schlupfwinkel zu blicken, als da sind Verstellung, Lug und Trug, Herrschsucht und boshafte Laune in der weiblichen Seele. Nie hat sie sich als treulos erwiesen –«

»War ich dir nicht treu?« fuhr die Baronin auf.

»Du pflegst eine Freundschaft gegen meinen Wunsch und Willen, die Unfrieden und Hader in unsere Ehe getragen hat.« Er zeigte auf die Stiftsdame, die mit untergeschlagenen Armen, die Lippen fest geschlossen, und kühne Herausforderung auf der Stirn, unverwandt die Augen auf ihn gerichtet hielt. – »Sie mag es widerlegen, wenn ich dich beschuldige, den Namen deines Mannes fort und fort durch gehässige Anklagen und Mitteilungen verunglimpft zu haben!«

Die Stiftsdame schwieg – sie war jedenfalls nicht fähig zu lügen. »Sind Sie so fehl- und sündenlos, daß Sie über jeder Anklage zu stehen vermeinen?« fragte sie nach einem augenblicklichen Zögern ausweichend.

Ein verächtliches Lächeln glitt über sein Gesicht. »Das sprach die Diplomatin, der gutgeschulte Klostersendbote ... Ich bin nicht fehl- und sündenlos – die Schillings sind gesunde Erdgeborene – und ich kann das Blut meiner Vorfahren nicht verleugnen. Sie waren samt und sonders keine lammfrommen, unterwürfigen Ehemänner – ich glaube nicht, daß wir auch nur einen einzigen Pantoffelhelden zu verzeichnen haben. Diese Unlenksamkeit mag mancher Schillingschen Ehefrau ein Dorn im Auge, ein Stein im Wege gewesen sein; allein sie hat das stillschweigend verwunden, denn die Annalen unseres Hauses nennen nicht eine Treulose, die durch bösartigen Klatsch hinter dem Rücken ihres Mannes seine Ehre angegriffen hätte.«

Er ging nach der Tür, durch welche er vorhin in das Atelier zurückgekehrt war, und öffnete sie weit; dann verbeugte er sich leicht gegen die Stiftsdame und schritt nach der Wendeltreppe, um sich in das obere Gelaß zurückzuziehen.

»Du weisest Adelheid aus unserem Hause?« rief die Baronin wie außer sich.

Er blieb, die Hand auf das Geländer gelegt, an der untersten Stufe stehen und wandte das Gesicht zurück.

»Ich glaube das nicht zum erstenmal zu tun,« sagte er mit großer Ruhe. »Allein Fräulein von Riedt verfolgt ›höhere Ziele‹, die ihr verbieten, höflich angedeutete Wünsche zu verstehen und die Stimme des eigenen weiblichen Zartgefühls zu beachten ... Jeder andere Mann würde nach so vielen mißglückten gütlichen Versuchen, einen unheilstiftenden, bösen Geist aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen, von dem ihm zustehenden Recht als Hausherr energischen Gebrauch machen – das widerstrebt mir. Ich muß mich darauf beschränken, gegen jedes fernere Betreten meines Ateliers Verwahrung einzulegen und mich hier zu isolieren – ich werde das Säulenhaus nicht mehr betreten, solange du Besuch hast.«

Festen Schrittes stieg er die Treppe hinauf und verschwand hinter dem Vorhang; man hörte, wie er kräftig auch die Tür hinter sich zudrückte.

Die Baronin starrte ihm nach, als erwarte sie, ihn jeden Augenblick reuig wieder hervortreten zu sehen – plötzlich nahm sie ihre Schleppe auf und eilte nach der Treppe; aber schon stand Fräulein von Riedt neben ihr – sie war dahingerauscht wie ein Dämon, der seine schwarzen Fittiche über eine ihm verfallene Seele breitet. Sie sprach kein Wort; mit raschem Griff nahm sie die Hand, die eben das Geländer umfaßte und zog sie herab ... Und in dieser Berührung mußte eine seltsame Kraft, eine Übergewalt liegen – die Frau mit dem eigensinnigen Gesicht zog den Fuß zurück, den sie bereits auf die untere Stufe gesetzt hatte – freilich unter allen Zeichen des Widerspruches und mit einem Ausdruck, als kämpfe sie Tränen des Zornes, der inneren Wut nieder. Aber sie ging mit – sie rang ihre Hand ungeduldig los und schritt nach der offenen Tür.

»Da hinaus gehen wir nicht!« erklärte Fräulein von Riedt fest, und der schneidende Ton in ihrer Stimme besagte, daß sie durchaus nicht gewillt sei, den Weg zu betreten, auf den »der Hausherr« sie gewiesen. »Schließe die Tür des Glashauses auf – der Schlüssel muß ohnehin wieder an Ort und Stelle!«

Sie traten in den Wintergarten, und die Baronin zog den Schlüssel aus der Tasche. Donna Mercedes hörte ihr tiefes Atmen – es kam aus einer vor Aufregung keuchenden Brust. »Reise ab, Adelheid!« preßte sie halb flehend, halb gebieterisch hervor.

»Auf keinen Fall – ich bleibe!« entgegnete die Stiftsdame kalt. »Der Erbärmliche soll mich nicht um eine Linie breit von meinem Weg ablenken ... Mehr als je habe ich an meiner Aufgabe festzuhalten, da es ein so jämmerlich schwankendes Rohr ist, das ich stützen muß ... Du hast unzähligemal versprochen, dich aus den entwürdigenden Banden zu retten ... Sobald du unter uns bist, gebärdest du dich, als sei dir alle sinnliche Leidenschaft tief verhaßt; du spielst mit Vorliebe die Heilige, wie du stets alles daran setztest, als Tugendmuster aufgestellt zu werden. Und die treuen Führerinnen unserer Jugend glauben auch steif und fest, daß in deine Seele nie ein unreiner Wunsch gekommen, daß du einfach das betörte Opfer des spekulativen alten Freiherrn geworden seiest – sie hast du zu überzeugen gewußt, mich aber nicht, mich niemals! ... Und wenn sie alle denken, Schilling klammere sich an deinen Reichtum, er verhindere immer wieder deine endliche Rückkehr in den Orden, dessen Eigentum du eigentlich bist, so weiß ich am besten, daß du nicht willst, daß sich deine sündhafte Neigung an jedem Strohhalm festhält, den dir die trügerische Hoffnung hinwirft ... Aber unser Pakt, nach welchem du gelobt hast, mit mir zu gehen, sobald Schilling selbst all und jede Liebe für dich leugnet, dieser Pakt hat sich eben erfüllt – aus jedem Wort, aus jeder seiner Gebärde sprach der entschiedenste Widerwille, sprachen Haß und Verachtung – er hat dich nie geliebt – nie!«

Die Stiftsdame hatte während dieser ganzen Strafrede die Frau an ihrer Seite festgehalten. Die kräftig geformten, schönen, weißen Hände, die das hagere Gelenk und den Arm der Baronin umspannten, mußten wie Eisenspangen fesseln – wie hätte sonst die Frau der schonungslosen Bloßlegung ihrer verheimlichten Neigungen und Triebfedern gegenüber ausgeharrt? ... Aber nun, bei den letzten Worten gelang es ihr, sich loszureißen – die Glastür flog auf und die gebeugte Gestalt eilte wie gejagt nach der Platanenallee, während ihr Fräulein von Riedt in unerschütterlicher Haltung und Ruhe folgte.

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