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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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22.

Mehrere Tage waren verstrichen. Die Genesung des kleinen José schritt sehr langsam, kaum merklich vorwärts. Er lag matt und kraftlos in den Kissen, und nach wie vor mußte jedes laute Geräusch, jeder starke Lichtschein streng vermieden werden, denn die zurückgebliebene Schwäche des Kindes war groß. Man ging infolgedessen in der Nähe des Krankenzimmers immer noch auf den Zehen, im Vorgarten durften die Gasflammen noch nicht angezündet werden, und das Stroh auf dem Kiesweg vor der Säulenhalle war erneuert worden.

Donna Mercedes hatte den Herrn des Schillingshofes nicht wieder gesehen. Gleich nach seinem Weggang an dem Abend war Hannchen in seinem Auftrag erschienen, um die Dame in der Pflege zu unterstützen, und die Abgesandte war ohne Widerrede angenommen worden.

Das Mädchen mit dem schweigsamen, geräuschlosen Wesen paßte vortrefflich zu der Mission ... War es doch, als habe sich ihr junges, seltsam verdüstertes Gesicht förmlich aufgehellt, seit sie über die Schwelle des großen Salons gegangen war, um Tag und Nacht dazubleiben. José gewann sie lieb, und auch Donna Mercedes gewöhnte sich an das Mädchen, das nie sprach, ohne gefragt zu werden, und nie mit einem zudringlichen Blick die Dame auch nur streifte. Ganz ihrer Aufgabe hingegeben, bedurfte sie anscheinend zu keiner Zeit des Ausruhens, und nie zeigte sie das Bedürfnis, sich zu erquicken, oder auch einmal in anderer Luft aufzuatmen ... Sie schien nur außergewöhnlich empfindlich für jedes auch noch so leise Geräusch, das sich in der tiefen, behüteten Stille der Erdgeschoßwohnung bemerklich machte. Dann war es, als konzentriere sich die ganze Seele des Mädchens im Ohr, so gespannt regungslos und aufhorchend verharrte sie für Augenblicke ... Sie hemmte manchmal plötzlich wie festgewurzelt inmitten des großen Salons ihre Schritte – mit zurückgehaltenem Atem, den Oberkörper vorgebogen, und die unheimlich glimmenden Augen auf die Wand geheftet, an der sich die Ruhebank mit den grünseidenen Polstern hinzog, stand das sonst so beherrschte, herb verschlossene Mädchen da, wie eine gierig lauernde Katze, die das verborgene Nagen einer Maus hört und sich anschickt, auf das ahnungslose Opfer loszustürzen, sobald die trennende Schranke durchwühlt ist ...

Lucile, die das Mädchen einmal in dieser Stellung überrascht hatte, behauptete, das sei offenkundige Verrücktheit, und ging ihr aus dem Wege, wo sie konnte ... Die kleine Frau kam überhaupt jetzt seltener in die Erdgeschoßwohnung – es ärgerte sie, daß man immer noch so »viel Wesens« mache; dem Jungen täte kein Finger mehr weh, und doch würde immer noch so unausstehlich geschlichen und geflüstert; und wenn sie »dem armen halbverhungerten Kerl« ein paar unschuldige Näschereien zustecke, da zanke man auf sie hinein, als habe sie ihn vergiften wollen.

Von dem, was zwischen Donna Mercedes und dem Hausherrn vorgefallen, ahnte sie nichts. Sie fand es ganz begreiflich, daß er sich nunmehr wieder in das Atelier zurückgezogen und in sein Werk vertieft habe, um die Versäumnis der letzten Wochen auszugleichen, und es verdroß sie nur, daß er für nichts anderes mehr Augen und Ohren hatte. Er stehe wie festgenagelt vor seiner Staffelei, sagte sie, und der Blick, den er ihr seitwärts zuwerfe, wenn sie sich einmal einfallen lasse, durch die Glaswand des Wintergartens zu schielen, sei nichts weniger als einladend.

Allem Anschein nach suchte sie sich »der aus allen Ecken gähnenden Langeweile« durch Unterhaltung in ihren Räumen zu entziehen – sie setzte offenbar ihre Tanzübungen fort. Die kleine Paula erzählte, die Mama habe Flügel wie die Englein in Josés Bilderbuch, sie habe »immer keine Strümpfe an« und lauter Gold und Silber auf ihren Kleidern ... Dabei wurden drüben große Kisten gepackt und fortgeschickt – »lauter altmodische Toiletten«, welche die Modistin in Berlin auffrischen und verändern sollte ... Lucile ging jetzt auch öfter in Begleitung ihrer Kammerjungfer aus, und nie kehrte sie zurück, ohne daß Träger mit umfangreichen Paketen ihr folgten. Sie kaufte an Stoffen und modernen Schmucksachen, was ihr gefiel, und verhielt sich den Preisen gegenüber mit der Gleichgültigkeit einer überseeischen Grundherrin, die Tausenden und aber Tausenden zu befehlen hat.

Nun kam sie eines Nachmittags, zum Ausgehen gerüstet, in den großen Salon. Sie sah ein wenig erhitzt aus, und die Augen glänzten aufgeregt durch den Gazeschleier, den sie gegen Staub und Sonnenbrand bereits vor dem Gesicht kokett aufgesteckt hatte.

»Meine Kasse ist leer, Mercedes,« sagte sie obenhin. »Ich habe verschiedenes zu bezahlen und brauche mindestens fünfhundert Taler.« Mit nachlässiger Gebärde hielt sie die kleine behandschuhte Rechte hin, um das Verlangte in Empfang zu nehmen.

»Du hast vor kurzem erst eine gleich große Summe geholt–« versetzte Donna Mercedes erstaunt – sie wollte offenbar noch etwas hinzufügen, allem die kleine Frau unterbrach sie sofort.

»Oh bitte, rege dich doch ja nicht auf um einer solchen Kleinigkeit willen,« sagte sie boshaft und winkte beschwichtigend mit der Hand. »Aber auch fünfhundert Taler!« wiederholte sie mit Pathos. »Ein Heidengeld! Meiner Mama freilich fielen fünfhundert Taler nur so durch die Finger, wenn es galt, auf den Gastreisen Trinkgelder zu geben – das könnten wir arme Schlucker natürlich nicht... Bah, möchtest du mir nicht auch die paar Bissen, die ich esse, in den Mund zählen, Donna Mercedes?« – Sie streckte bitter auflachend die Hände gen Himmel. – »Das ist die glänzende Versorgung, die man mir vorgespiegelt hat, als ich mich entschloß, mit nach Amerika zu gehen!... Übrigens« – sie fuhr mit einer sprechenden Gebärde mit der Hand über den Kais – »ich will gleich meinen Kopf verwetten, daß dir nicht das Recht zusteht, meinen Geldverbrauch in der engherzigen Weise zu kontrollieren; und deshalb werde ich mich endlich einmal beschweren –«

Sie verstummte – dort auf dem Schreibtisch, an welchem ihre Schwägerin saß, lag bereits das Geld hingezählt. Donna Mercedes zeigte schweigend mit dem Finger auf die Banknoten – kein Muskel ihres Gesichts bewegte sich.

Lucile strich das Geld zusammen und ließ es in ihre Tasche gleiten. »Ich werde Paula mitnehmen,-« – sagte sie – »das Kind braucht notwendig einen neuen Hut –«

»Paula hat sich im Garten müde gelaufen – sie schläft drüben in der Kinderstube.«

»So werden wir sie wecken.« – Sie flog, als habe sie keinen Augenblick Zeit zu verlieren, durch das Krankenzimmer in die Kinderstube; allein Donna Mercedes folgte ihr auf dem Fuße und hielt sie an der Tür zurück. »Welche Torheit, Lucile!« zürnte sie. »Um einer Laune willen das Kind aus seinem erquickenden Schlaf aufzuschrecken!«

Aber schon hatte die kleine Frau förmlich erbittert die zurückhaltenden Hände abgeschüttelt; sie stieß die Tür auf und lief geräuschvoll in die Kinderstube hinein.

Deborah saß strickend am Fenster, und die kleine Paula lag ausgekleidet in süßem Schlummer in ihrem Bettchen.

»Dummheit!« zankte Lucile im höchsten Arger die schwarze Wärterin aus. – »Was fällt dir ein, das Kind zu einer kurzen Mittagsruhe bis aufs Hemd auszuziehen! ... Auch das noch!« stieß sie in namenloser Ungeduld hervor und stampfte mit dem Fuß den Boden.

Sie riß die hingeworfenen Röckchen vom Stuhl und fing an, das Kind zu schütteln. »Paula, Paula, wach auf!« rief sie – es klang etwas wie Angst und prickelnde Unruhe aus diesen Tönen. Aber die Kleine schlief den Schlaf tiefster Ermüdung; sie schlug die Augen nicht auf, und das Köpfchen sank schlaftrunken auf das Kissen zurück.

Inzwischen hatte sich die Schwarze erhoben und stellte sich beweglich bittend und protestierend vor die kleine Schlummernde.

»Ich weiß nicht, was ich von dir denken soll, Lucile,« rief Donna Mercedes, ganz betroffen über das aufgeregte Gebaren ihrer Schwägerin.

»Denke, was du Willst! ... Ich werde doch wahrhaftig so viel Recht haben, mein Kind mitzunehmen, wenn es mir beliebt!... Du wirft Paula sofort anziehen, Deborah!« befahl sie. – »Dabei wird die kleine Schlafmütze schon aufwachen.«

»Das Kind bleibt in seinem Bett,« entschied Donna Mercedes mit kalter Ruhe.

»Ach, Tante, was ist mit Paula?« rief José mit seiner schwachen Stimme ängstlich erregt herüber.

Bei diesen Lauten erschrak Donna Mercedes. »Lucile, sei vernünftig,« sagte sie beschwichtigend, als spreche sie zu einem widerspenstigen Kinde. »Gehe später – dann kannst du Paula mitnehmen.«

»Ich will aber nicht.« – Eine dunkle Röte bedeckte das zarte Gesicht unter dem Schleier, und es sah fast aus, als kämpfte die kleine Frau mit aufsteigenden Tränen.

In diesem Augenblick trat die Kammerjungfer Minna in Hut und Schal auf die Türschwelle; sie hatte offenbar schon länger draußen gewartet und kam, ihre Dame an das Fortgehen zu erinnern. »Es ist sehr spät –« meldete sie unterwürfig, aber mit unruhig flackernden Augen – »und wenn die gnädige Frau heute wirklich das Geschäft noch abmachen wollen –«

Lucile ließ sie nicht ausreden. Wie eine gereizte kleine wilde Katze sprang sie auf ihre Schwägerin los, als beabsichtige sie, ihr die Augen auszukratzen.

»Du bist von jeher mein böser Geist gewesen,« zischte sie durch die Zähne. »Meine Triumphe hast du mir stets geschmälert, wenn nicht gestohlen, gelbe Zigeunerin, hochmütige Pflanzerprinzessin, du, indem du dich vordrängtest, indem du dich auf deine Baumwollsäcke stelltest – dagegen kommen bei euch drüben wirkliche Schönheit und Anmut natürlich nicht auf. Die dummen Leute bildeten sich nachgerade wirklich ein, die kleine Deutsche reiche dir das Wasser nicht, und schließlich haben sie dich auch noch zu meinem Zuchtmeister gemacht... Aber nun ist an mir die Reihe, Donna de Valmaseda! Nun sollst du sehen, was Lucile Fournier in Deutschland wert ist! ... Wenn ich bedenke, daß ich hier nur zu winken brauche, um alt und jung zu begeistern, so begreife ich selbst nicht mehr, wie ich's acht Jahre lang drüben in der Einöde, zwischen euren Reisfeldern und Zuckersiedereien ausgehalten habe.«

Sie griff nach dem Sonnenschirm, den sie vorhin auf den Stuhl vor Paulas Bett geworfen hatte, und fegte mit ihrer seidenraschelnden Schleppe hinaus. Im Krankenzimmer huschte sie zu José hin und strich ihm mit schmeichelnder Hand das Haar aus der Stirn. »Mache, daß du aus dem Käfig da heraus kommst, Herzle!« sagte sie. »Du bist ja wieder gesund wie ein Fisch und könntest längst mit Pirat im Garten herumtollen ... Geh, sei ein rechter Junge und leide es nicht, wenn sie dich noch länger mit Spitalsuppen füttern wollen ... Adieu, Schatz!«

Wenige Augenblicke darauf sah sie Donna Mercedes in Minnas Begleitung eiligst durch den Vorgarten schreiten. Drüben auf der Promenade wurde ein eben leer vorüberfahrender Mietwagen angerufen, und die kleine Frau fuhr nach der Stadt, um jedenfalls wieder einmal mit großen Einkäufen heimzukommen.

Donna Mercedes sah ihr mit tiefverfinsterten Augen nach. Sie fühlte dieser gefallsüchtigen, vergnügungstollen Frau gegenüber oft das leidenschaftliche Verlangen, die Flinte ins Korn zu werfen und sich loszusagen. Auch jetzt durchfuhr ihr Herz der heiße Wunsch, der davonrollende Wagen möchte mit seiner schönen Insassin in die weite Welt hineinfahren, um – nicht wiederzukehren... Sie schrak zusammen und sah sich scheu um, als habe sie diesen blitzähnlich auftauchenden Gedanken laut ausgesprochen, und irgend eine in der Nähe lauernde böse Macht könnte sich seiner bemächtigen. Dabei fühlte sie den todestraurigen Blick ihres Bruders vorwurfsvoll auf sich ruhen, und beschämt gedachte sie der heiligen Versicherungen, die sie ihm gegeben, und unter denen er beruhigt die Augen für diese Welt geschlossen hatte ... O wunderliches Frauenherz! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflichem eigner Kraft sich immer wieder stählend, bäumte es sich gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Mut erlahmen!... Dieses leichtfertige Schmetterlingsgeschöpfchen, die kleine Frau, die eben noch einmal im Davonfahren den Lockenkopf wie triumphierend nach dem Schillingshof zurückgewendet, sie war keine Erzieherin, kein Beispiel, kein Schutz für ihre Kinder; sie gefiel sich darin, durch heimliches Einflüstern, wie auch durch offenkundiges, rücksichtsloses Vorgehen das Wirken anderer in den jungen Seelen zu verwischen; und doch mußte alles geschehen, sie den Kindern zu erhalten, denn sie war und blieb die Mutter... Für Donna Mercedes selbst aber fielen noch mehr die immer aufs neue wiederholten inständigen Bitten ihres Bruders ins Gewicht, nach welchen sie alles aufbieten sollte, Lucile vor jeder Aufregung zu bewahren, damit sich ihr Brustleiden nicht weiter ausbilde. Wie oft hatte er angstvoll die Hände gerungen bei dem Gedanken, daß später unheilbare Schmerzen den zarten Körper heimsuchen könnten, den er bis zum letzten Atemzug über alles geliebt! ...

Ruhiger geworden, setzte sich Donna Mercedes zu José und sprach mit leiser, sanfter Stimme zu ihm. Die laute, lebhafte Mama mit ihrem ungedämpft hohen Organ und den umherfegenden, seidenrauschenden Gewändern hatte den kleinen Patienten aufgeregt. Die dichten Fenstervorhänge mußten zugezogen werden, weil er sich selbst gegen das durch die verdüsternde Säulenhalle und den herabgelassenen Rollvorhang sehr gemilderte Tageslicht wieder empfindlich zeigte; er schrak beim leisesten Geräusch zusammen, und der Puls ging beschleunigter.

Über dem Bemühen, die bösen Folgen der Aufregung zu beseitigen, war es Abend geworden. Deborah machte im großen Salon den Teetisch zurecht und fragte an, ob sie auch für Paula, die seit Josés Erkranken um diese Zeit stets bei ihrer Mama war, die Abendmilch herüberbringen dürfe; sie habe zwar drüben alles zum Tee vorgerichtet, aber die gnädige Frau sei noch nicht zurückgekommen.

Donna Mercedes sah befremdet nach der Uhr – der Zeiger stand nahe bei acht; so lange war Lucile noch nie ausgeblieben... Ein unbestimmtes Bangen überschlich sie, eine leise Furcht vor jener geheimnisvollen Gewalt, die strafbare Wünsche, zu unserer eigenen Qual und Reue, oft blitzschnell verwirklicht...

Sie trat an eines der Fenster des großen Salons und sah über den Garten hinweg. Noch war es tageshell; der Blütenschmuck der Rosenbäume, die Teppichbeete schimmerten farbenprächtig herüber, auf den Platanen lag ein letzter Goldhauch des Abendsonnenfeuers, die weißen Steinfiguren des Brunnenmonumentes hoben sich in scharfen Konturen von dem Samt des Rasenteppichs, und jenseits des Eisengitters, auf der Promenade, drängte sich ein reger Verkehr. Wagen rollten ab und zu, und Scharen von Spaziergängern strömten aus den benachbarten engen und heißen Straßen, um sich in der beginnenden Abendkühle der Kastanienallee zu erquicken.

Wie töricht war es doch, sich zu ängstigen! Wäre irgend ein Unfall vorgekommen, es hätte längst Nachricht da sein müssen – die kleine Frau hatte sich offenbar in der Konditorei beim Naschen und Eisessen verspätet ... Aber es wurde allmählich dunkler; keiner der Mietwagen, die nur noch sehr vereinzelt von der Stadt herkamen, hielt am Gittertor, und das schwach herüberschallende Fußgeräusch auf den Gehwegen der Promenade war längst erloschen.

Der Teetisch stand noch unberührt inmitten des Salons. Paula hatte ihr Abendbrot eingenommen und war zu Bett gebracht worden; Donna Mercedes aber durchmaß schweigend und ruhelos den Salon. Dann und wann hemmte sie in gespanntem Aufhorchen ihre Schritte, oder sie trat zu dem kleinen Kranken, der sich im unruhigen Schlummer hin und her warf ... Inzwischen war auch Jack wieder heimgekommen. Ei hatte Lucile in den letzten Tagen einigemal in die Stadt begleiten müssen, und nun war er auf Befehl seiner Herrin durch die Hauptstraßen gewandert; er hatte die gashellen Verkaufslokale durchforscht, in welchen die kleine Frau zu kaufen pflegte, und war in allen Konditoreien gewesen, aber niemand wollte die schöne amerikanische Dame aus dem Schillingshofe gesehen haben.

So war Viertelstunde um Viertelstunde in sinnvoller Langsamkeit vorübergeschlichen; nun aber schlug es zehn Uhr auf dem nahen Benediktinerturm – diese hallenden Schläge fielen wie mit niederschmetternder Wucht auf das Herz der angstvoll Wartenden – sie ergriff die Lampe und ging in Luciles Räume. Es war ihr, als müsse sie das kleine, launenhafte Wesen, das ihr ebenso anvertraut worden war, wie die beiden Waisen, in der Sofaecke zusammengeschmiegt finden; allein die tiefe Finsternis, die ihr beim Offnen der Tür entgegengähnte, belehrte sie eines anderen.

Im Wohnzimmer sah es unordentlich aus, wie es stets bei Lucile auszusehen pflegte. Man sah, die kleine Frau hatte hier, vor dem großen Pfeilerspiegel, Toilette gemacht. Auf dem Boden lagen noch die winzigen Pantöffelchen, wie sie im Übermut von den Füßen geschleudert worden waren; nicht weit davon breitete sich der weiße Frisiermantel über das Parkett, verschiedene Schleier, Bandschleifen und neue Handschuhe lagen durcheinander gezerrt und sichtlich die Spuren der Anprobe tragend, auf Tischen und Stühlen, und beim Umherleuchten trat Donna Mercedes auf die Puderquaste, die nach ihrem verschönernden Dienst den Pantoffeln und dem Frisiermantel gefolgt war.

Und jetzt schrak die Suchende zusammen, als weiche der Boden plötzlich unter ihren Füßen; mit bebender Hand stellte sie die Lampe auf den Sofatisch, ihre Knie wankten, sie sank in den nächsten Lehnstuhl und starrte auf das weiße Kuvert, das, an sie selbst adressiert, mit offenbarer Absicht auf die kirschrote Tischdecke hingelegt worden war ... Nun wußte sie, was geschehen war ... War sie denn blind gewesen heute nachmittag? – Lucile war heimlich abgereist!

Sie zog das Briefblatt aus dem Kuvert, das nicht einmal verschlossen war. »José ist wieder gesund« – schrieb die kleine Frau in ihrer nachlässigen Art und Weise – »und nun trete ich meinen Urlaub an – das heißt, meinen mir selbst genommenen Urlaub – denn von Dir erhielte ich doch bis in alle Ewigkeit keinen!... Gott sei Dank, daß mein Junge endlich Ernst machte mit dem Gesundwerden – noch einen Tag länger, und ich wäre verrückt geworden! ... Hast Du denn wirklich gemeint, ich könnte es so und so viele Wochen auf deutschem Boden aushalten, ohne den Ort wiederzusehen, wo man mich einst als neu aufgehenden Stern bewundert und bis in den Himmel gehoben hat, wo man mich auch heute wieder mit Jubel, mit offenen Armen empfangen wird? – Verzeihe, aber bei all ihrem gepriesenen scharfen Geist kann Dame Mercedes doch auch recht naiv und harmlos sein. – Endlich, endlich! Jeder Tag, den ich in dem tödlich langweiligen Nest, dem Schillingshof, verleben mußte, war ein unersetzlicher Verlust für mich, ein Raub an meiner goldenen Jugendzeit, von der ich leider schon allzuviel geopfert – ich habe oft im stillen in den Zaum geknirscht wie ein wildes Füllen ... Ich gehe also nach Berlin – auf mehrere Tage. Paula nehme ich mit; das Kind soll auch einmal in die Wunderwelt blicken, aus der ihr Mütterchen stammt, und in der man wirklich lebt und genießt – alles, was außerhalb des Bühnenlebens liegt, ist fade und nüchtern, ein abgeblaßtes Einerlei –«

Donna Mercedes warf den Brief hin, ohne die letzten Zeilen zu lesen. Aber bei allem Schrecken, bei aller Entrüstung, die ihr die Tränen in die Augen trieb, war ihr Herz doch voll Frohlocken – die Entführung des Kindes war nicht geglückt, Paula war ihr geblieben ... Nun begriff sie Luciles Zorn über »die kleine Schlafmütze« und das ganze rätselhafte Gebaren der kleinen Frau ... Welch ein bodenlos leichtsinniger, heimtückischer Streich! Welch häßlicher Egoismus! ... Noch trug die junge Witwe Trauer um den Gatten, noch lag ihr kaum dem Tod entrissenes Kind schwach und erschöpft im Bette – sie hatte bei Josés Erkranken gezeigt, daß sie ein warmes Muttergefühl für den Knaben hege, sie hatte ihren Mann geliebt und ihm in den letzten Lebensstunden heilig versprochen, daß sie sich nicht von Mercedes und den beiden Waisen trennen wolle – und doch warf sie das alles als Fessel ab, von der wahnsinnigen Sucht, zu glänzen, zu genießen, fortgerissen, wie der Vogel dem unbezähmbaren Wandertrieb in seiner Brust blindlings folgt.

Donna Mercedes erhob sich und steckte den Brief in die Tasche. Eine tiefe Glut bedeckte plötzlich ihr Gesicht – nun war sie während Luciles Abwesenheit allein Baron Schillings Gast – wie peinvoll!

Sie ergriff die Lampe und kehrte in ihre Gemächer zurück.

»Meine Schwägerin ist nach Berlin gereist und wird in einigen Tagen zurückkehren,« sagte sie kalt zu Hannchen, Jack und Deborah, die im Krankenzimmer standen.

Deborah riß ihre runden Augen weit auf vor Verblüfftheit, und ein erschrockener Seitenblick fuhr durch die offene Tür hinüber nach Paulas Bettchen – um ein Haar hätte ihr die schlaue Mama das Goldkindchen mit fortgenommen. Sie wagte dann und wann eher eine Frage als Jack; aber diesmal verschluckte sie jeden Laut, denn ihre Dame winkte stolz und gebieterisch mit der Hand ... Jack sagte unterwürfig »gute Nacht«, und Deborah machte sich in der Kinderstube zu schaffen – sie wußten beide, daß sie die Stunden der Angst und Besorgnis vollkommen vergessen und nichts anderes wissen mußten, als daß »die kleine gnädige Frau« auf einige Tage verreist sei. was sich ja ganz von selbst verstand.

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