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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
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21.

Sie schritt an den hellbeleuchteten Steinbildern hin; die Gestalten der Liebe, der losen Schelmerei lächelten als Aphrodite und Eros von dem einen Piedestal auf die lautlos vorübergleitende schöne Frau nieder, die mit dem hartgeschlossenen Mund, den ausdrucksvoll geschwellten Nasenflügeln und dem sprühenden Blick unter den tiefgesenkten Brauen recht gut als Statue des Hasses da droben hätte stehen können.

Die Männer standen noch an der offenen Haupttür: sie stellten sich unwillkürlich in Positur, als die schwebende, weiße Erscheinung um die Korridorecke kam, und der, welcher sie eben noch verlästert, der Bediente Robert, machte den tiefsten Katzenbuckel.

Donna Mercedes wandte sich nach dem Ausgang, der in den großen Garten führte; aber als sie die Hand nach dem Türschlosse hob, da hörte sie Männertritte draußen die Freitreppe heraufkommen; sie wich um einen Schritt zurück und gleich darauf öffnete sich die Türe, und Baron Schilling trat herein ... Wie er so aus der hinter ihm lagernden tiefen Nacht auftauchte, das krause, dunkle Haar unbedeckt, und den überraschten Blick auf die unerwartet vor ihm stehende junge Dame geheftet, da lag es wie eine hohe Freudigkeit auf dem gedankenvollen Gesicht – er war ja zum erstenmal nach so vielen, bangen Tagen in seinem Atelier gewesen, er hatte ein Wiedersehen mit geliebten Gestalten gefeiert und sich offenbar neue Begeisterung vor den eigenen Meisterschöpfungen geholt. Er hielt einige farbenprächtige, wohl eben erst im Glashause gepflückte Gloxinen in der Hand und bot sie der jungen Dame schweigend, mit einer leichten Verbeugung.

»Ich danke, mein Herr – ich liebe die Blumen nicht,« sagte sie schneidend, ohne auch nur einen Finger der lässig herabhängenden Hände zu heben, und ihr feindselig funkelnder Blick glitt von seinem Gesicht auf die Blumen nieder. Sie trat noch um einige Schritte zurück, damit er vorübergehe und ihr den Weg nach dem Garten freimache; in demselben Augenblick jedoch erschien einer der Ärzte in der Flurhalle, um, wie stets in den späten Abendstunden, noch einmal nach dem kleinen Kranken zu sehen. Sie war gezwungen, im Haus zu verbleiben und die Herren in das Krankenzimmer zu begleiten.

Baron Schilling sprach ruhig und höflich mit dem Arzt, und im Vorübergehen legte er sorgsam die verschmähten Blumen auf das kühle Steinpostament zu Füßen einer Ariadne.

»Und bis wann glauben Sie, daß José eine Übersiedlung aus dem Krankenzimmer erträgt?« fragte Donna Mercedes im Salon den Arzt, nachdem er mit Befriedigung festgestellt hatte, daß all und jede Spur des Fiebers erloschen sei.

Er sah überrascht empor–er hatte diesen harten Metallklang noch nicht von den Lippen gehört, die sonst fast immer schmerzhaft geschlossen, augenblicklich in leidenschaftlich drängender Ungeduld bebten. – »Daran ist noch lange nicht zu denken,« sagte er entschieden.

»Auch nicht, wenn ich das Kind, warm verhüllt, selbst auf den Armen hinaustrüge?«

»Hinaustragen?« – Er sprang förmlich zurück. »Darüber wollen wir in vierzehn Tagen sprechen, gnädige Frau. Vorläufig darf weder hinsichtlich des Zimmers, noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten – noch liegt Gefahr in der außerordentlichen Schwäche des kleinen Patienten.«

Er empfahl sich, und Baron Schwing, der ihn an die Türe begleitete, kehrte zurück. Donna Mercedes stand noch am Schreibtisch; ihre zarte Hand lag zusammengeschmiegt, in leuchtender Blässe wie ein Teerosenblatt, dicht vor der jugendlichen Männergestalt im ovalen Bronzerahmen, und der Blick der schönen Frau war starr auf das Bild ihrer Mutter gerichtet – es sah aus, als habe sie sich in die stolzgesättigte Atmosphäre dieses abgeschlossenen Winkels gleichsam gerettet.

»José schläft,« sagte sie, den Hereinkommenden gewissermaßen zurückhaltend, als er direkt auf die Tür des anstoßenden Zimmers zuschritt. Sie wandte den Kopf nicht nach ihm, kaum daß ihn der Blick aus dem Augenwinkel seitwärts streifte, um sich dann auf das Bild zu senken, neben welchem ihre Hand lag.

Er trat sofort dicht an den Schreibtisch, so daß er ihr in das Gesicht sehen konnte – der in dieser Ecke konzentrierte Schein der Kugellampe fiel grell und voll auf ihn. »Was ist vorgefallen?« fragte er, sein Erstaunen über ihr Verhalten kurz und bündig in diese drei Worte fassend.

Bei seiner raschen Bewegung war sie leicht in sich zusammengeschreckt – sie mußte sich sagen, daß er die plötzliche Wandlung ihres Wesens nicht ruhig hinnehmen würde; aber noch nie waren ihr so ohne Umschweife die Beweggründe ihres Handelns abgefordert worden.

»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr!« antwortete sie mit verletzender Kälte und hob die Augen von dem Männerkopf im Bronzerahmen – welch ein Kontrast zwischen dem Gesicht mit der seinen, schmalen Adlernase, dem durchsichtig bleichen Kolorit, dem dünnlippigen, korallenroten, kleinen Mund, und den starken, dunkelgefärbten Zügen dessen, der ihr mit seiner hochgewachsenen Gestalt den Ausblick in das Zimmer wehrte. In Damentoilette, eine Spitzenmantille über das dicke, glattliegende Seidenhaar geworfen, hätte jener leicht das schönste spanische Mädchen vorstellen können, während dem Mann im vollen, krausen Bart der Eisenhut auf der kantigen Stirn sehr wohl angestanden haben würde.

»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr –« hatte sie gesagt. Diese lässige, ausweichende Antwort im Verein mit dem vergleichenden Blick, den er sehr wohl bemerkt hatte, trieben ihm eine flüchtige Röte in die Wangen.

»Toll ich glauben, daß Sie das Kind da drüben, das wir beide vergöttern, ohne irgend welchen schwerwiegenden Grund der Gefahr eines Rückfalles aussetzen wollen?« fragte er, seinen verdüsterten Blick fest auf sie heftend. »Auf Ihren Armen wollten Sie José hinaustragen? Wohin? –«

Welche Art zu fragen! So direkt auf das Ziel los. Das war wieder einmal die deutsche Art, die jeder diplomatischen Ausflucht einen Knüppel über den Weg wirft, um sie stolpern zu machen ... Sie konnte ihm doch unmöglich gestehen, daß sie seine Dienstboten, wenn auch unabsichtlich, belauscht habe, daß dieser Bedientenklatsch imstande gewesen sei, »Donna de Valmaseda« von der stolzen Höhe ihres Selbstbewußtseins herabzuschleudern, ihr die Herrschaft über das empört aufstürmende, leidenschaftliche Blut zu rauben. Vorhin, in der Flurhalle hatte es ihr allerdings auf den Lippen geschwebt, ihm in das Gesicht hineinzusagen: »Ich will mit dir nichts zu schaffen haben, mit dem verheirateten Mann, zu dem mich die Gemeinheit anderer in ein zweideutiges Licht bringt! Du trägst die Schuld, weil du dich zu der Pflege des Kindes gedrängt, weil du mich von der ersten Stunde an verhindert hast, ein Haus zu verlassen, dem die Herrin fehlt, dem sie böswillig den Rücken gekehrt hat!« – Aber jetzt, wo diese tiefen Augen so nahe auf sie herabsahen, daß sie meinte, durch das köstlich schimmernde, dunkle, und doch so klare Blau in seine Seele hineinsehen zu können, jetzt fand sie nicht den Mut, dem Mann, der ihr in treuer Hingebung Stab und Stütze gewesen, dessen jedesmaliges Erscheinen sie zuletzt selbst ersehnt, egoistisch die ganze Verantwortung aufzubürden und ihm mit schneidendem Undank zu lohnen...

»Warum noch ein Wort über die Gründe verlieren, die der ärztlichen Entscheidung gegenüber selbstverständlich fallen müssen!« sagte sie achselzuckend und sah auf die feinen Fingernägel ihrer Rechten.

Er lächelte ironisch, bitter über dieses abermalige Ausweichen. »Ja, dieser Ausspruch hat verfügt, daß weder hinsichtlich des Zimmers, noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten soll,« wiederholte er langsam betonend, und sein Blick ???finerte durchdringend, fast wie in lauernder Prüfung, das Gesicht, das sich ihm plötzlich zuwandte.

»Darüber werde ich doch noch ein Wort mit dem Doktor sprechen,« sagte sie rasch. »Oder vielmehr, wir, die Pflegenden, müssen uns über vorzunehmende Änderungen verständigen ... In den furchtbaren Leidenstagen war ich selbstsüchtig genug, Opfer anzunehmen, wo sie mir geboten wurden – das muß aufhören. Ich darf nicht länger dulden« – eine jäh aufsteigende Blutwelle überflutete ihr das ganze Gesicht – »daß Sie sich an der Pflege beteiligen –«

»Also doch Laune, wie ich richtig vermutete!« fiel er kalt ein.

Sie zuckte zusammen. Er hatte eine wehe Stelle in ihrem Herzen berührt, die Stelle, wo die Reue leise schlummert, um bei irgend einem Klang, einem Wort aufzuschrecken ... Ja, sie war einst, in den strahlend schönen Tagen, wo noch der breite Strom des Glückes und die Wogen des üppigsten, sonnenhellsten Lebens sie geschaukelt, launenhaft, übermütig gewesen! Alle diese Toten, die da im Bild die Ecke füllten, sie hatten die einzige Tochter des Hauses vergöttert und verzogen und dafür unter ihren wechselnden, unberechenbaren Launen oft genug gelitten! –

»Die Lebensgefahr ist vorüber, und da gewinnen die bösen Geister die alte Macht,« fuhr er fort. »Sie wollen mir wehe tun, wie Sie vielleicht stets gewohnt gewesen sind, mit den armen Seelen zu verfahren, die in Ihren Lichtkreis treten mußten. Aber Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie es hier mit einem schwerfälligen Deutschen zu tun haben – wir wissen mit dem pikanten Lustwesen ›Laune‹ – nichts anzufangen und suchen nach ehrlichen Gründen ... Und so möchte ich doch noch einmal fragen: Warum soll ich verbannt werden?«

Sie sah deutlich, ihm kam nicht die leiseste Ahnung von ihren Beweggründen – er fühlte sich jedenfalls zu rein in seinen Absichten, um zu deuten, daß ein böses Licht auf seinen Verkehr im Krankenzimmer fallen könne. Nun führte er aber alles auf Launen ihrerseits zurück, und dieses Unrecht erbitterte sie; allein ihr unbändiger Stolz, der sie in solchen Fällen stets verhärtete, litt es auch jetzt nicht, daß sie sich auch nur zu einem Schein von Rechtfertigung herablasse ... Der böse Zug grenzenlosen Hochmutes, der die Dame im violetten Samt da oben charakterisierte, glitt in verblüffender Ähnlichkeit, abstoßend und verhäßlichend auch um den Mund der Tochter.

»Ich habe es bereits gesagt – es widerstrebt mir, fernere Opfer anzunehmen,« versetzte sie in eintönig frostiger Wiederholung, aber ohne aufzusehen.

Er trat mit einer ungestümen Bewegung vom Schreibtisch weg. »Ich könnte Ihnen entgegnen, daß Felix sein Kind so gut unter meinen Schutz gestellt hat, wie unter den seiner Schwester, so daß da, wo die Pflicht gebietet, von einem freiwilligen Opfer gar nicht die Rede sein kann – wir erfüllen eben beide nur unser gegebenes Wort,« sagte er, ihr das Gesicht über die Schulter zuwendend. »Ich habe aus dem Grunde dieses Zimmer –« er zeigte nach der Krankenstube – »bisher als vollkommen neutralen Boden betrachtet, auf dem wir einmütig wirkten: und müßte ich befürchten, daß mit meinem Ausscheiden aus der Pflege auch nur der mindeste Nachteil für José erwüchse, so wiche ich nicht um eine Linie von meinem Posten – sicher nicht! Ich weiß jedoch das Kind wohlbehütet, und so gehe ich! –«

»Sie gehen im Zorne!« sagte sie mit blassen Lippen: allein sie stand da, als sei ihre schlanke Gestalt zu Marmor geworden – sie machte nicht die leiseste Bewegung, ihn zurückzuhalten; auch ihre Stimme klang trotzig und gereizt, fast, als gefalle sie sich im Widerstand. »Ja, ich grolle; aber zumeist mit mir selber, mit meiner Vertrauensseligkeit, die mich täppisch, gegen besseres Wissen, in eine demütigende Lage gebracht hat... Ich habe schon böse Worte von Ihren Lippen gehört – Sie haben mich schnöde verurteilt, ohne den geringsten Einblick in die wahre Sachlage –«

Sie dachte cm ihre rücksichtslosen Bemerkungen im Atelier, und sich abwendend, schob und rückte sie mit unsicherer Hand an den verschiedenen Gegenständen auf dem Schreibtisch.

»Ihr vernichtender Ausspruch über die unglückliche Negerrasse klingt heute noch in mir nach, wie er mich neulich in tiefster Seele empörte; –« fuhr er unbeirrt fort – »und doch ließ sich mein Urteil einlullen, weil ich Sie bewunderungswürdige Großmut und Selbstverleugnung gegen die Frau Ihres Bruders üben sah, weil Sie die tiefste Zärtlichkeit, einen rückhaltslosen Opfermut für seine Kinder an den Tag legen ... In Ihrer Seele ringen zwei Mächte – die Gottesgabe einer edlen, großangelegten Natur, und die Folgen der Erziehung. Unter den letzteren, der Wandelbarkeit der Laune, lassen Sie augenblicklich auch mich leiden; aber ein zweites Mal wird es nicht geschehen – ich habe wenig Neigung zur sklavischen Unterwürfigkeit in mir.«

Er verbeugte sich und ging in das Krankenzimmer. Dort trat er an das Bett – Deborah war bei Erscheinen des Arztes hinausgegangen – und die Dame im Fensterbogen sah mit verstohlenem Seitenblick durch die Tür, wie er sich in tiefer Bewegung über das schlafende Kind beugte. Einen Augenblick legte er seine schöne, schlanke Rechte auf die Stirne des Knaben, dann verließ er durch die Kinderstube die Erdgeschoßwohnung.

Donna Mercedes horchte auf seine verhallenden Schritte, als wolle sie den Klang in sich aufnehmen, weil – sie ihn in diesen Räumen nicht wieder hören sollte. – Sie hatte eben eine Sprache hören müssen, wie sie das verwöhnte, umschmeichelte Ohr der überall siegenden spanischen Schönheit noch nicht berührt ... Und doch war sie nur insofern im Unrecht, als sie ihre wohlbegründete Erbitterung und Gereiztheit nicht besser gezügelt – aber hatte sie es der Männerwelt gegenüber je der Mühe wert gehalten, sich liebenswürdiger zu zeigen, als sie augenblicklich empfand? ... Der da im Bronzerahmen, der Nabob von Südkarolina, der hochmütigste, anmaßendste unter den Pflanzerbaronen, er war in der Tat ihr Sklave gewesen – ihr Lächeln hatte Sonnenschein über ihn ausgebreitet, ihr kaltes Zürnen ihn in finstere Nacht gestoßen – jetzt glitt ihr Blick achtlos über ihn weg ...

Sie verließ in stürmischer Bewegung den Fensterbogen, und vor Josés Bett niedersinkend, vergrub sie die glühende Stirn in das kühle Linnen der Decke. –

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