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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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20.

Lucile hatte sich nach der stürmischen Szene wie ein erbostes, trotziges Kind in ihre Zimmer eingeschlossen und war auch nicht zum Tee im Salon erschienen. Die Kammerjungfer hatte eine Platte voll Erfrischungen aus der Küche holen und ihrer Herrin für den Rest des Abends Gesellschaft leisten müssen – auch sie war nicht wieder zum Vorschein gekommen. So hatte die kleine Frau nicht erfahren, daß der Hausarzt auf Baron Schillings Wunsch noch spät am Abend dagewesen war, um José ein beruhigendes Mittel zu verschreiben, weil sich die fieberhafte Aufregung des Knaben eher steigerte, als verminderte.

Donna Mercedes hatte sein kleines Bett in ihr Schlafzimmer tragen lassen, um ihn selbst zu überwachen. Er war auch unter der Wirkung der Medizin eingeschlafen, zur Beruhigung aller. – Aber nun, gegen Mitternacht, wachte er plötzlich auf. Er glühte, als schlügen Flammen aus dem Bettzeug über ihn hin, und sein heftig schmerzender Kopf lag mit hämmernden Schläfen schwer wie Blei auf dem Kissen. Mühsam hob er die Lider und sah sich fremd um – er hatte ja noch nie hier geschlafen.

Dort an der gegenüberliegenden Wand stand Tante Mercedes' Bett – sie lag unausgekleidet auf der weißatlassenen Steppdecke und schlummerte. Das ganze Zimmer schwamm in einem sanften Rosaschein, den die Glasampel an der Decke verbreitete. – Er färbte die weiße Spitzenwolke, die vom Betthimmel herab das Lager der schlafenden Frau umfloß, er weckte ein seines Sprühen aus dem steinfunkelnden Gerät des Toilettentisches, quoll durch die offene Türe schräg über das blanke Parkett des anstoßenden großen, unbeleuchteten Salons und ließ drüben den breiten Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern wie einen bleichen Silberstreifen aus der Dunkelheit dämmern.

Auch die Pflanzengruppe, die, hart neben diesem Spiegel, in dem Fensterbogen Tante Mercedes' Schreibtisch flankierte, reckte ihre langen Wedel und Schwertblätter in das blaßrote Licht hinein – dem fieberumflorten Blick des kranken Kindes erschienen sie wie riesige, krallenhaft gekrümmte Finger, die zusehends wuchsen, um nach dem Bett herüber zu greifen.

Der Knabe schloß die Augen vor Furcht – in der entsetzlichen Dachkammer war ja auch alles lebendig geworden, was er angesehen. Und jetzt knisterte es auch drüben in der stillen, dunklen Fensterecke, als werde im Vorüberstreifen ein bewegliches Stück Papier berührt – war das die große Maus wieder? –

Er hob den Kopf vom Kissen und starrte auf den Fußboden jenseits der Türe, über den das gefürchtete Tier hinlaufen mußte – da trat ein langer, hellbekleideter Menschenfuß auf einen der Parkettwürfel, die der rote Lichtfleck spiegelnd hervorhob – dieser Fuß ging lautlos auf den Zehen ...

Instinktmäßig sah das Kind empor und suchte den Kopf des Menschen, der da aus der Fensterecke kam – und es sah in ein bärtiges, ihm flüchtig zugewendetes Gesicht auf schattenhafter Männergestalt, es sah den kurzgeschnittenen, starren Haarschopf, der hartlinig tief in die Stirne ging, und drunter die herabhängenden, buschigen Brauen, unter denen so grimme Augen funkelten – und entsetzt fuhr der Kleine mit dem Kopf unter die Bettdecke, jeden Augenblick fürchtend, die große, braune Hand des Mannes falle auf ihn nieder, um ihn zu züchtigen.

Er wagte nicht zu schreien, nur ein angstvolles Stöhnen rang sich aus der kleinen schweratmenden Brust. Aber schon bei den ersten Lauten fuhr Mercedes aus ihrem leichten Schlummer empor und eilte an das Bett des Kindes. Sie zog ihm die Decke vom Gesicht und erschrak heftig über die brennenden Händchen, die krampfhaft fest ihre Finger umklammerten, über den verstörten Blick, mit welchem der Knabe ihr zuflüsterte:«Lasse den schrecklichen Mann nicht herein, Tante – du weißt, er will mich schlagen! – Klingle schnell, Jack soll kommen und Pirat auch!«

»Kind, du hast geträumt,« sagte sie bebend – wie ein Feuerstrom ging die Fieberglut von dem kleinen Körper aus – und jetzt schnellte der Knabe empor; er stieß sie von sich. »Jack, Pirat!« schrie er mit gellender Stimme.

Donna Mercedes riß an der Klingel. Die schwarzen Diener erschienen voll Bestürzung, und bald darauf stand der herbeigerufene Arzt mit bedenklichem Gesicht am Bett des Kindes, das im vollsten Delirium fort und fort nach Hilfe rief, um den »schrecklichen Mann« fortzujagen.

Damit begann eine furchtbare Zeit ...

Der Tod stand lange am Bett des kleinen José und drohte, das Geschlecht der Lucians in seinem letzten Sproß für immer auszulöschen. Oft schien es, als recke er seinen Arm bereits hinüber bis an das junge, wildschlagende Herz; dann lag das Kind im schlafähnlichen Zustande und tiefe Schattenzüge verwischten bis zur Unkenntlichkeit das frühere Gepräge des schönen, blondlockigen Köpfchens. Die Ärzte boten alles auf, den Knaben dem Leben zu erhalten, und es war seltsam zu sehen, wie sie fast instinktmäßig in ihrem Benehmen darin übereinstimmten, als gelte es, ihn einzig und allein zu retten für die junge Frau mit dem südlichen Bronzegesicht, die tränenlosen, starren Blickes, mit fest zusammengepreßten Lippen, ihre Berichte entgegennahm, die nie klagte, aber jede Speise und Labung schweigend zurückwies, und Tag und Nacht nicht von dem Krankenbett wich.

Die kleine Mama dagegen, die oft mit dickverschwollenen Lidern, in vernachlässigter Toilette am Fußende des Bettes lauerte und unaufhörlich flüsterte und gestikulierte, war ein wahrer Schrecken für die Ärzte. Angesichts des bewußtlosen Kindes brach das Muttergefühl leidenschaftlich durch, aber auch zugleich der ganze Egoismus dieser Frauenseele. Die Angst, die sie folterte, wollte sie nicht ertragen; sie wollte beruhigt sein, sie peinigte die Ärzte mit Fragen, und doch nahm sie jedes besorgte Achselzucken, jeden noch so verhüllten Hinweis auf die Gefahr wie eine beleidigende Schonungslosigkeit auf. Sie warf sich jammernd über den kleinen Kranken hin und erging sich in maßlosen Schmähungen und Vorwürfen gegen diejenigen, die ihr Kind nach Deutschland, in den spukhaften Schillingshof geschleppt und in eine solche Lebensgefahr geflissentlich gebracht haben sollten ... Mit ihrem Gebaren füllte sie den Leidenskelch für Mercedes bis an den Rand – sie mußte selbst überwacht werden, wie ein Kind, und erschwerte die Pflege, die ohnehin eine aufreibende war, da auch Deborah in ihrem unbeherrschten Schmerz durchaus nicht als Stütze gelten konnte.

Die Schwarze litt doppelt. Die Leute des Hauses behaupteten einstimmig, das Kind müsse sterben – Adam sei ihm erschienen. Ein panischer Schrecken hatte alle gepackt, seit die gellenden Hilferufe des Knaben Korridor und Flurhalle erfüllt hatten – niemand mochte sich nachts, selbst bei hellster Beleuchtung, bis an die Laokoongruppe, nächst der Tür des Salons mit den Holzschnitzereien, wagen, und Deborah zitterte am ganzen Leibe bei dem leisesten Geräusch im anstoßenden Zimmer, sie warf die Schürze über den Kopf, um nicht zu sehen, wie der »schreckliche Mann« plötzlich auf die Schwelle trete, um die Seele ihres Lieblings zu holen.

In Haus und Garten des Schillingshofes herrschte Totenstille, die Baron Schilling selbst behütete und überwachte. Keine rauhe Stimme, kein hart auftretender Fuß durfte laut werden; man hatte alle Klingeln im Erdgeschoß abgenommen, das Geräusch des rollenden und rasselnden Kieses auf den Wegen des Vorgartens war gedämpft durch aufgeschüttetes Stroh, kein plätschernder Wasserstrahl sprang aus den geschlossenen Leitungsröhren, und der lärmende Pirat wurde Tag und Nacht in strenger Haft gehalten.

In diesen schweren Tagen stand das Atelier völlig verwaist, Baron Schilling verließ das Säulenhaus nicht mehr. Er war in der ersten Nacht fast mit dem Arzt zugleich erschienen, und seitdem hatte er ein Hinterzimmer des Oberbaues bezogen, um stets bei der Hand zu sein.

Anfänglich kam er nur auf Stunden in das Krankenzimmer; er fühlte sehr gut, daß die schweigende Pflegerin in ihrer namenlosen, wenn auch heroisch niedergekämpften Angst nicht beobachtet sein wolle. Nur ganz allmählich verlängerte sich sein Aufenthalt am Bett des Kindes, und er stieß auf keinen Widerspruch; die Kräfte der Pflegerin waren nahezu aufgerieben, und sie mochte einsehen, daß sie eine zuverlässigere Stütze nicht finden konnte, als in dem Mann, der mit Augen voll Schmerz und tiefer Zärtlichkeit ihren Liebling behütete. Sie empfing ihn nicht mehr mit finster abweisenden Blicken, wenn er eintrat; seine nahenden Schritte machten sie nicht mehr zornig emporschrecken aus der Stellung, die sie oft stundenlang, auf dem Teppich knieend, vor dem Krankenbett einnahm ... Sie hatte sich neulich gegen jegliche Art des Zusammengehens verwahrt, und doch kam und ging er jetzt infolge stillschweigenden Einvernehmens und wachte des Nachts bei dem Kranken, während er darauf bestand, daß die tieferschöpfte Pflegerin sich in der anstoßenden Kinderstube zur Ruhe niederlege – und sie fügte sich; angesichts des furchtbaren Unglückes, das über sie hereinzubrechen drohte, versanken alle Bedenken, die sonst die Oberhand in ihrer stolzen Seele hatten.

Es fiel fast nie ein Wort zwischen ihnen, und doch kamen sich beide näher in der gegenseitigen Beurteilung. Er hatte es freilich mit einer Sphinxnatur zu tun, die oft genug seiner Prüfung entschlüpfte, um ihm plötzlich wildfremde, rätselvolle Züge zuzuwenden. So oft er den Blick vom kleinen Krankenbett hob, wurde ihm ganz märchenhaft zu Sinne. Als hätten Gnomenhände einen ganzen Regen ihrer unterirdischen Schätze hier verstreut, um eine schöne Frau mit kühlem Feuer zu umspielen, so funkelte der Steinschmuck an allem Gerät, selbst vom kleinsten Trinkbecher sprühte Rubinenlicht wie aus halbversteckten, rotglühenden Koboldaugen. Und die weiße Duftwolke mit ihrem eingewobenen köstlichen Blumen- und Blättergerank, die über den weißen Atlas, die Spitzenkanten der Polster herabfloß, die farbenglänzenden Matten auf dem Parkett, die Sitzmöbel, aus kostbaren Hölzern so luftig aufgebaut, als sollten sie auf ihren Seidenkissen nur leichte Feengestalten tragen–das alles war aus einer mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Pflanzervilla über das Meer hergeschwommen, um wenigstens einen Raum des deutschen Hauses für die verwöhnte Tochter des Südens heimisch und erträglich zu machen.

Für Donna Mercedes war der raffinierteste Luxus sichtlich die Lebensluft, das Element, das ihre ätherische Erscheinung vom ersten Atemzug an auf seinen Wogen gleichsam hoch über der Erde gewiegt und getragen – und dieselbe Frau hatte es gleichwohl verschmäht, in Zeiten der Gefahr auf ihre sturmgeschützte Besitzung zu flüchten – sie hatte sich in andere Wogen geworfen, in die brausende Brandung des erbitterten Kampfes; das verwöhnte Ohr war nicht zurückgeschreckt vor dem Schlachtendonner, es hatte geschärft auf die Signale, die rauhen Kommandos lauschen gelernt; durch Dornen und Gestrüpp waren die zarten Füße gewandert, die schlanken, ringgeschmückten Finger hatten kräftig die todbringende Waffe umspannt, und das atlasschimmernde Lager war mit der harten Erde, dem groben Soldatenmantel vertauscht worden – statt der Spitzenwolke des Betthimmels hatte sich das feucht niederschauernde Nachtgewölk über die am Lagerfeuer Rastende hingebreitet.

Ja, sie war rücksichtslos und unbeugsam hart gegen den eigenen verweichlichten Körper, angesichts großer Fragen, wie sie unerbittlich, ja fanatisch gehässig denen gegenüberstand, die »unberechtigt« ein menschenwürdiges Dasein erstrebten. »Menschen?!« hatte sie neulich im Hinblick auf die aufrührerischen Schwarzen mit empörendem Hohn gerufen – man hätte damals glauben müssen, sie habe auch zu jenen raffiniert grausamen Plantagenherrscherinnen gehört, die das Fleisch ihrer Sklavinnen als Stecknadelpolster benutzen sollten, und doch – kamen die sanften, gütevollen Laute, mit denen Jack und Deborah stets und immer angeredet wurden, wirklich von den stolzen Lippen? ... Deborah war infolge des Schreckens und Kummers selbst erkrankt; sie lag in der Kinderstube und sträubte sich in kindischer Furcht gegen die verordnete Arznei. Baron Schilling hörte, wie ihr Donna Mercedes besorgt, in unerschöpflicher Geduld und Langmut zuredete – sie litt es nicht, daß eine andere Hand als die ihre der »alten, treuen Dienerin« die Labung reicht, ihr das Lager aufschüttle.

Sie zeigte seiner offenbaren Haß gegen das Germanentum, seit sie deutschen Boden betreten hatte, deutsche Luft atmete; aber sie las und kaufte fast nur deutsche Bücher; auf dem Flügel lagen Bach, Beethoven und Schubert, und verschiedene Schriftstücke auf dem Schreibtisch bewiesen, daß sie vorzugsweise in deutscher Sprache schreibe ... Diesem Arbeitstisch kam Baron Schilling nur nahe, wenn einer der Ärzte dahinter saß, um ein Rezept zu schreiben. Da wurde flüsternd über den Zustand des kleinen Patienten verhandelt, manchmal vielleicht einen Augenblick länger als nötig, denn die Fensterecke hinter den grünen Seidenvorhängen war höchst interessant. Donna Mercedes hatte auch hier in enggezogener Schranke ein kleines Stück ihres amerikanischen Heims aufgebaut.

Da hing das Ölbild ihrer stolzen spanischen Mutter. Von derselben undinenhaften Schönheit wie die Tochter, das herabflutende »Zigeunerhaar« an den Schlafen leicht mit Perlenschnüren zurückgenommen, ließ diese Frau ihre feine, biegsame Gestalt, nach Fürstenart, von schwerem, violettem Samt umbauschen; Perlenspangen rafften da und dort die Faltenwucht zusammen, und da, wo der köstliche Marmorton der Schultern und Anne hervortrat, sah es aus, als strebe ein hellgeflügelter Schmetterling der erdrückenden Last zu entschlüpfen ... Ja, der Urtypus des Hochmuts war sie gewesen, diese zweite Frau, die sich der imposant schöne Major Lucian, nachdem er im Leben schon halb und halb Schiffbruch gelitten, noch zu erobern gewußt hatte ... Seine Photographie hing unter dem Ölbild, daneben sein Sohn Felix, beide Porträts umringt von herrlichen kleinen Landschaftsbildern in Wasserfarben, Ansichten von Lucianschen Besitzungen vor dem Kriege. Und auf dem Schreibtisch selbst, inmitten kostbarer Gerätschaften von Edelmetall, stand im ovalen Bronzerahmen die Photographie eines jungen Mannes, ein Kopf von großer Schönheit, aber ziemlich unbedeutend im Ausdruck. – »Der arme Valmaseda« – hatte Lucile, Baron Schillings Blick nach dem Bilde verfolgend, in ihrer verletzenden Art eines Tages geflüstert – »er war ein netter, ein bildhübscher Mensch, aber – es war doch gescheit von ihm, zu sterben. Wissen Sie – ein großes Licht war er gerade nicht ... Mercedes hatte sich mit fünfzehn Jahren verlobt, da paßten sie noch zusammen; aber nachher tat sie ja so furchtbar geistreich, und da konnte der arme Schelm nicht mehr mit – in der Ehe hätte das kein Jahr lang gut getan – mein Gott, was sage ich – nicht vier Wochen! – Die brave Feindeskugel kam gerade recht noch in seine Bräutigamsträume hinein – Mercedes ist an seiner Seite gewesen und hat ihn in ihren Armen aufgefangen. »Ein himmlisches Sterben!« soll er gesagt haben.«

An den Verhandlungen in der Fensterecke beteiligte sich Donna Mercedes später nicht mehr – aus Furcht vor der eigenen Schwäche, die sie allmählich überkam; sie ließ sich deshalb die Aussprüche der Ärzte durch Baron Schilling berichten ... Es war ein seltsam neues Gefühl, das sie immer mehr beschlich, das Bewußtsein eines Haltes, der ihr von außen kam. Bis dahin hatte sie sich stets nur auf die eigene Kraft verlassen und ihre Selbständigkeit eifersüchtig wie ihre Tugend; so hatte sie nie gewußt, was es heiße, Schutz zu genießen – jetzt fühlte sie ihn als eine Wohltat. Sie sagte sich, daß der Mann, der sich mit ihr in den Krankenwärterdienst teilte, aufmerksamen Auges zugleich ihr Wohl und Wehe behüte, aber das stolze verächtliche Lächeln, mit dem sie gewohnt war, unbegehrte Teilnahme zurückzuweisen, spielte ihr dabei nicht um die Lippen ... Wenn der nichts weniger als schöne, aber kraftvoll stattliche Mann mit dem Ausdruck stillen Ernstes am Krankenbett saß, dann schöpfte sie Trost aus seinem Anblick, dann war ihr, als sei ihr Liebling geborgen, als müßten alle finsteren Gewalten zurückweichen. Sie wurde unruhig, wenn er fortging, und atmete freudig klopfenden Herzens auf, sobald sie seinen nahenden Schritt draußen im Korridor hörte. Sie dachte nicht mehr an die Frau, die in Rom betete, um die verhaßten Eindringlinge möglichst schnell los zu werden, an diese Klosterschülerin, welche im finsteren Aberglauben ihr eigenes Heim mit spukhaften Seelen bevölkerte, und alle Wohnräume bis auf die verrufene Zimmerflucht verschlossen hatte, jedenfalls, damit der unsaubere Geist den ungewünschten Besuch austreibe.

Etwas Unheimliches hatte diese Erdgeschoßwohnung allerdings auch für Donna Mercedes – es waren die mächtigen, tief auf den Boden herabgehenden Fenster. Die Brüstung zwischen den Zimmern und der draußen hinlaufenden Säulenhalle war so niedrig, wie kaum ein Balkongeländer, das man mühelos übersteigen kann ... Der erstickenden Hitze wegen durften abends die inneren Läden nicht vorgelegt werden; die Fensterflügel des Krankenzimmers standen auf Anordnung der Ärzte meist offen, und damit kein helles Licht von außen hereinfalle, hatte Baron Schilling das Anzünden der Gasflammen im Vorgarten verboten. Es herrschte somit gähnende Finsternis unter der Wölbung der Halle? nur ganz fern glühten drüben auf der menschenleeren Promenade vereinzelte Gaslichter, der Nachtwind zog schwach seufzend an der Säulenreihe hin, und vom Klostergut kamen die Fledermäuse herüber und schwammen scheu in dem schwachen grünen Licht, das die kleine Flamme durch den Lampenschirm des Krankenzimmers hinauswarf.

Aber dieser blasse Schimmer, den die Nacht draußen schon aufsog, ehe er nur die nächste Säule erreichte, er hob auch andere Erscheinungen aus der Finsternis, und das war unheimlich, visionenartig ... Donna Mercedes sah zweimal dasselbe, als sie regungslos im Dunkel hinter dem Spitzenbehang ihres Bettes sitzend, das phantasierende Kind behütete. Kein Schritt war draußen auf dem Steingetäfel hörbar geworden, nicht das leiseste Geräusch hatte Menschennähe ahnen lassen, und doch hatte sich plötzlich ein Antlitz über die Brüstung hereingeneigt, ein totenweißes, schönes Frauengesicht mit Zügen wie in Stein gemeißelt, mit dunkelglühenden Augen, die starren, verzehrenden Blickes auf das kranke Kind gerichtet waren, als wollten sie ihm die Seele aussaugen ... Bei dem unwillkürlichen Emporschrecken der Pflegerin aber war das Gesicht jedesmal verschwunden, als sei es von einer schwarzen Tafel weggelöscht worden.

Donna Mercedes hatte das weibliche Dienstpersonal des Schillingshofes nie beachtet; aber sie meinte, dieses in Schmerz und Gram förmlich versteinerte Antlitz müßte ihr doch bei der Begegnung notwendig aufgefallen sein. Sie forschte jedoch nicht nach, wie sie überhaupt während der ganzen schweren Prüfungszeit nur über das Allernötigste sprach.

So waren viele Tage in unbeschreiblicher Angst und Aufregung verstrichen – nun eine furchtbare Nacht noch, in der man jeden Augenblick fürchtete, den schwachen Kindesodem für immer verlöschen zu sehen, dann brach ein rosig schöner Morgen an, und das goldene Tageslicht flammte auf, um ein junges Menschenkind wiedergewonnen in seine lebenatmende Flut zurückzunehmen – der kleine José war gerettet. Der Jubel darüber war groß. Die beiden Schwarzen gebärdeten sich wie toll, und Lucile war in ihrer Freude so maßlos wie vorher in ihrer Angst. Zum erstenmal wieder sorgsam frisiert, in hellseidenem Kleide, die Locken voll frischer Rosen, einen Rosenstrauß an der Brust und in den Händen, kam sie geschmückt und grazienhaft wie eine Bajadere früh in das Krankenzimmer geflogen und machte Miene, sich stürmisch über den Knaben hinzuwerfen und sein Lager mit den starkduftenden Blumen zu bestreuen; allein die anwesenden Ärzte verbaten sich energisch derartige Freudenausbrüche, was die kleine Frau durchaus nicht begreifen wollte und als ein gänzliches Mißverstehen ihrer Zärtlichkeit sehr übel nahm. Sie kehrte ihnen trotzig den Rücken und lief schmollend hinaus – die Gefahr war ja vorüber – nun konnte man ja wieder naiv und unartig sein.

Donna Mercedes war tagsüber standhaft geblieben; sie hatte den Tränen des Glückes, der unaussprechlichen Erleichterung vor den Augen der anderen gewehrt. Aber nun war es wieder Abend geworden; Baron Schilling hatte sein Atelier aufgesucht, Lucile und Paula tranken den Tee in den Gemächern der kleinen Frau, und Deborah war hinübergegangen, um dabei zu bedienen.

Es war um die neunte Stunde, aber schon herrschte die Finsternis der tiefen Nacht – der Himmel hing voll Regenwolken. Nur hinter der weit drüben liegenden Häuserreihe der Straße schoß dann und wann die grelle Lohe des Wetterleuchtens empor, um machtlos in den düfteschweren, schwülen Lüften zu verlöschen.

Der kleine José schlief – es war der traumlose Schlaf der tiefsten Erschöpfung; ein in den Kissen ruhender Engel von Wachs hätte nicht lebloser daliegen können, als dieses Kind in seinem spitzenbesetzten, weißen Nachtkleidchen ... Donna Mercedes kniete an seinem Bette und hatte die Rechte leise auf das kühle, fieberlose und schlaff hingesunkene Händchen gelegt. Nun war sie allem mit ihm, nun konnte sie ihre Augen wieder werden an dem Gesichtchen unter dem blonden Gelock, wenn es auch noch so unheimlich vertieft und dunkel in den Augenhöhlen, so abgezehrt und blutlos wächsern dalag – es sollte sich ja wieder runden und aufblühen zu seiner früheren Lieblichkeit. – Sie grub die Stirn in die weiße Decke, die den schwachatmenden kleinen Leib halb verhüllte, und ein lautloses, aber heftiges und befreiendes Ausweinen durchschüttelte ihren Körper.

Der Nachtwind kam über die Rosenbäume des Vorgartens her; er zog heiß und balsamisch durch das Zimmer, und blähte die Vorhänge auf – die Knieende hörte, wie sich die Seidenfalten im Zurücksinken aneinander rieben. Es klang aber auch, als schleife ein Gewand draußen über die Steinmosaik der Säulenhalle, und plötzlich tastete eine Hand auf der Fensterbrüstung.

Donna Mercedes fuhr empor – und da war das weiße Gesicht wieder. Eine schwere, graue Flechte wie ein Fürstendiadem über der Stirn, um die Schultern einen zurückgesunkenen schwarzen Schal, der jedenfalls das Haupt vermummt gehabt, stand die fremde Frau da und krallte die Hände um den Holzrahmen des Fensters.

»Gestorben?!« stöhnte sie im wilden, halberstickten Aufschrei.

Die Knieende erhob sich – dieser Anblick, der Stimmklang, der sich unbeherrscht einer schmerzgefolterten Menschenbrust entrungen, erschütterten sie. Lebhaft verneinend schüttelte sie den Kopf und wollte auf das Fenster zugehen – sofort wich das Gesicht draußen in die Nacht zurück; sie sah noch, wie sich die Brauen über die funkelnden Augen in finsterer Zurückweisung falteten, wie die großen, weißen Hände in wilder Hast das Tuch über den Kopf zogen, dann war die Fremde wie ein Trugbild verschwunden.

Diesmal wollte und mußte Donna Mercedes Aufklärung haben. Sie eilte in die anstoßende Kinderstube; dort brannte kein Licht, und die Fenster standen offen. Sie bog sich weit hinaus, allein es war unmöglich, in der völligen Finsternis irgend einen Gegenstand zu sehen; nur einen Augenblick später hörte sie das eiserne Gittertor drüben an der Promenade leise klirrend zufallen.

»Nun weiß ich's ganz genau – es war ein Mann –« sagte plötzlich eine männliche Stimme ganz in ihrer Nähe.

»Daß du doch immer streiten mußt, alter Dickkopf!« fiel eine andere ärgerlich ein – sie gehörte dem Bedienten Robert. »Willst du nicht auch behaupten, es sei der tote Adam gewesen? – Eine Frau war's und dabei bleibt's – Hab' ich sie doch vor ein paar Tagen beinahe erwischt!«

Das Fenster, an welchem Donna Mercedes stand, war das letzte der Zimmerreihe, es stieß an die Flurhalle und befand sich nahe der Haupttür, in welche die Männer soeben getreten sein mußten.

»Wenn ich nur wüßte, was sie eigentlich will,« fuhr der Bediente fort. »Soviel steht fest, sie hat's auf die Säulenhalle abgesehen und guckt in die Fenster. Er lachte leise und höhnisch auf. »Na, dumm ist's gerade nicht; unsereiner tut's ja auch! ... Da drin ist's gerade wie auf dem Theater – schwarze Mohrenfratzen, eine aufgeputzte Schlafstube, als sollte der Kaiser von Marokko drin schlafen, und falsche Edelsteine die schwere Menge ... Und die stolze Madame liegt auf den Knien vor dem kranken Prinzen, und unser Herr sitzt dabei wie eine Schildwache und sieht sich die Knierutscherei an, als wollte er sie auf seine Bilder bringen ... Er treibt's zu arg, Tag und Nacht sitzt er drin, und die Dame muß auch keine Scham und Scheu im Leibe haben, daß sie das leidet und sich vor unsereinem gar nicht geniert – das ganze Haus macht seine schlechten Witze drüber ... Ach ja, ich glaube, der wär's schon recht, wenn die Gnädige gar nicht wiederkäme – im Schillingshofe sitzt sich's warm – aber prosit, damit ist's nichts! ... Guck, Fritz, ich lachte mich tot, wenn die Gnädige einmal unvermutet heimkäme und sähe die Bescherung durchs Fenster.«

Er sprach in gedämpften Lauten, fast flüsternd, und doch war es, als schlüge jedes dieser hämische« Worte wie ein tönender Hammer auf das Ohr der jungen Dame. Die Stimmen draußen schwiegen, und noch stand sie, die Unterlippe zwischen die seinen, scharfen Zähne geklemmt, wie zu Stein erstarrt.

Sie sah durch die offene Tür Deborah in das Krankenzimmer treten und ging hinüber, und als sie in den grünen Lichtschein trat, da erbebte die arme Schwarze – so hatte die verstorbene Herrin daheim ausgesehen, wenn sie zürnte; so dämonisch flimmernden Auges, so blaß, als rolle nicht ein Tropfen färbenden Blutes in dem schönen Leibe, hatte sie grausame Strafen über die Schuldigen verhängt, und nie ein Jota von dem zurückgenommen, was sie einmal ausgesprochen.

Donna Mercedes wischte sich mit dem Taschentuch über die Lippen, die sie sich wund gebissen, und bedeutete schweigend der Negerin, sich an das Bett des schlafenden Kindes zu setzen, dann ging sie hinaus, hinaus in die Luft wollte sie – in diesem Hause mußte sie ersticken ...

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