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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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2.

Die Frau Rätin Wolfram war an einem schneestöbernden Aprilmorgen im Familienbegräbnis beigesetzt worden. An jenem Tage hatte Felix Lucian nur auf wenige Stunden in die Heimat eilen können, um der verstorbenen Tante das letzte Geleit zu geben. Heute nun, nach zwei Monaten, wo der Syringenduft der ersten Junitage die Lüfte erfüllte und der abgeschüttelte Schnee der Baumblüte weiß auf dem Rasen lag, kam er wieder auf das Klostergut zu einer mehrtägigen Erholungszeit, wie er seiner Mutter geschrieben hatte.

In dem weiten Hausflur, den er nachmittags betrat, hatte die tote Hausfrau die letzte Rast gehalten. Noch war es ihm, als müsse Weihrauchduft das Deckengebälk bläulich verschleiern, und der Geruch der Buchsbaumgirlanden, zwischen denen die schlankhingestreckte Frau mit dem schlichten Flachshaar an den Schläfen so friedsam gelegen, ihm durchdringend entgegengeschlagen. Aber es waren heute nur wirbelnde Stäubchen, die in einem Lichtreflex an der Decke spielten; aus der offenen Küche quoll der Duft schmorenden Geflügels, und am Milchschanktische stand seine Mutter und zählte Eier in den Korb der Magd, die nach altem Brauch wöchentlich zweimal mit Eiern und frischgeschlagener Butter die Runde bei bevorzugten Stadtkunden machen mußte.

Einen Moment erstrahlten die Augen der Majorin wie unbewacht in nicht verhehltem Mutterstolz, als der schöne, hochgewachsene Jüngling auf sie zuschritt; aber sie hielt in jeder Hand fünf Eier und reichte ihm so behutsam über die Schulter hinweg die Wange zum Kuß. – »Gehe einstweilen hinauf, Felix!« sagte sie hastig, in der Besorgnis, sich zu verzählen, oder ein Ei zu zerbrechen.

Er zog schleunig die Arme zurück, die er um ihre Schultern geschlungen, und stieg die Treppe hinauf. Von der Wohnstube her klang ihm plötzlich Kindergeschrei nach – der neue Erbherr des Klostergutes schrie häßlich und boshaft auf wie eine junge Katze. Dazu krähten die Hähne im Hinterhof, und oben über den Vorsaal schlich der riesige, fette Hauskater. Er kam vom Kornspeicher, von der Mäusejagd und rieb und drückte sich behaglich an der eleganten Fußbekleidung des Heraufsteigenden hin – der junge Mann schleuderte ihn weit von sich und stampfte voll Abscheu mit den attackierten Füßen, als schüttele er Schnee ab.

Im Zimmer der Majorin standen die Fenster offen, und die weiche Frühlingsluft strömte herein; aber nicht sie trug den köstlichen Veilchenduft im Atem, der die ganze Stube erfüllte – er kam aus den offenen Flügeltüren eines Wandschrankes. Wie Silberschein flimmerte es in diesen tiefen Fächern; so glänzend türmte sich das Leinenzeug aufeinander; und zwischen diesen Paketen dorrten Tausende von Veilchenleichen. Nie hatte der kleine Knabe der Majorin ein Veilchensträußchen zu seiner Augenweide in ein Glas Wasser stellen dürfen – es stand ja nur im Wege und konnte umgeschüttet werden – wohl aber mußte er die kleinen Kelche zur Verherrlichung der Leinenschätze von den Stielen zupfen. Die weißen Lagen, mit denen die Mutter immer einen förmlichen Kultus getrieben, waren ihm deshalb stets verhaßt gewesen – er warf auch jetzt einen finsteren Blick nach dem Schranke.

Die Majorin war augenscheinlich beim Revidieren gestört worden; auf dem breitbeinigen Ahorntische im Fensterbogen lag noch das Buch, in das sie ihre Notizen zu machen pflegte. Felix kannte diese Hefte voll der verschiedenartigsten Rubriken sehr gut, aber die aufgeschlagene Blattseite hier war ihm neu in ihrer Bezeichnung. »Mitgabe an Hauswäsche für meinen Sohn Felix« stand obenan ... Sein eigener, künftiger Hausstand! – Er wurde rot wie ein Mädchen bei dieser Vorstellung ... Diese Dutzende von Gedecken, Handtüchern, Bettbezügen reihten sich breit und wichtig aneinander, als seien sie die erste Grundbedingung des künftigen Familienglückes ... Und dieses ernsthafte, langweilige Register sollte in dem übermütigsten, tollsten Lockenkopfe haften, der je auf weißen Mädchenschultern gesessen? – »O Lucile, wie würdest du lachen!« flüsterte er und lachte selbst in sich hinein.

Mechanisch ließ er die Blätter durch die Finger laufen. Hier, in dieser »Zinseneinnahme« summierten sich Tausende und Tausende. Welcher Reichtum! Und dabei dieses unbeirrte Sammeln und Sparen, diese Angst, daß mit einem zerschlagenen Ei ein paar Pfennige verloren gehen könnten! – Der junge Mann stieß das Heft wie im Ekel fort, und mit beiden Händen ungeduldig durch das reiche Blondhaar, fahrend, trat er an das Fenster. Mit seiner vornehmen Erscheinung, dem leisen Hauch feinsten Odeurs, der sie umschwebte, mit den ungesucht eleganten Manieren stand er auch heute so fremd zu dem »alten Falkennest«, wie die seinen Handschuhe, die er lässig abgestreift und hingeworfen, auf den plumpfüßigen, weißen Ahorntisch, die glänzenden Lackstiefel auf den groben, ausgetretenen Dielenboden paßten.

Er drückte die Stirn an das Fensterkreuz und sah hinaus. Wie ein Anachronismus steckte das Klosterhaus zwischen den geschmückten Neubauten. Jenseits der Straßenmauer lief jetzt die eleganteste, mit rotblühenden Kastanien besetzte Promenade der Stadt hin. Er schämte sich, daß die seine Welt täglich an dem geflickten Mauerwerk vorüber mußte; er fühlte sich gedemütigt angesichts des gegenüberliegenden, schloßartigen Hauses, von dessen bronzeumgitterten Balkons man den Hof übersehen konnte, der zwischen dem Klosterhaus und der Mauer lag. Wohl waren es vier herrliche, alte Lindenwipfel, die seine Mitte füllten – sie strotzten auch heuer wieder in maienhaftem Grün, von keinem dorrenden Ästlein entstellt –, allem die altehrwürdigen Steinsitze zu ihren Füßen und der Porphyrtrog des Laufbrunnens, den sie beschatteten, waren garniert mit dem frischgescheuerten Holzgerät der Milchkammer... Dazu der Lärm vom Hofe... Eben wurde frischer Klee eingefahren. Der Knecht fluchte über die enge Einfahrt des Torweges und hieb auf die Pferde ein; die barfüßige Stallmagd scheuchte zwei störrige Kälber, die sich in den Vorhof verlaufen, schimpfend aus dem Wege, Taubenschwärme flogen auf, das andere Federvieh stob schreiend auseinander – »Bauernwirtschaft!« murmelte Felix zwischen den Zähnen und wandte das beleidigte Auge zur Seite.

Dort breitete sich das schöne Erdgeschoß des Schillingshofes aus; und er atmete wie erlöst auf – dort war er ja immer heimischer gewesen, als auf dem Klostergute. Über die efeubewachsene Mauer hinweg sah er allerdings nur ein Stück des Rasenspiegels, in dessen Mitte die Wasser vor dem Säulenhause sprangen; er sah auch nur beim Hinausbiegen seitwärts einen Schein der Spiegelscheiben zwischen den Steinornamenten der Rundbogen blinken; aber dieser trennenden Mauer gegenüber schlossen drei Reihen prächtiger Platanen den Schillingshof von dem jenseitigen Nachbargrundstück ab. Sie konnte er vollkommen überblicken – sie liefen als Doppelallee vom Straßengitter aus neben der Südseite des Säulenhauses hin, tief in den eigentlichen Garten hinein. Diese herrliche Baumhalle war einst der Haupttummelplatz für ihn und seinen kleinen Freund Arnold gewesen; sie behütete treulich die grüne Dämmerung, die frische Kühle drunten, und für den Freiherrn Krafft war sie an heißen Sommertagen eine Art Salon; er empfing da Besuche, hielt seine Siesta und trank den Nachmittagskaffee unter den Bäumen.

Auch jetzt stand die Kaffeemaschine auf dem Tisch, aber nicht die wohlbekannte messingene – sie hatte einer silbernen Platz gemacht. Es gruppierte sich überhaupt viel Silbergeschirr dort, auch kleine, mit Likör gefüllte Kristallkaraffen funkelten dazwischen – so war der Kaffeetisch früher nie besetzt gewesen. Damals hatte man auch auf weißgestrichenen Gartenbänken von Holz gesessen,– heute stand eine Menge eleganter, gußeiserner Möbel zwischen den Bäumen; Schlummerrollen und farbenglänzende Kissen lagen umher, und aufgestellte, reichdekorierte Wandschirme bildeten behagliche, vor dem Zugwind geschützte Plauderwinkel.

Das Fremdartigste aber war die Dame, die in diesem Augenblick neben dem Säulenhaus hervorkam – sie ging, offenbar wartend, langsam auf und ab ... Arnolds Mutter war früh gestorben, eine Schwester hatte er nie gehabt, darum war das weibliche Element, soweit Felix zurückdenken konnte, immer nur durch die gute, dicke Wirtschaftsmamsell vertreten gewesen. Nun schimmerte eine blauglitzernde Seidenschleppe durch den Alleeschatten, und Frauengeist und Frauenwille durften nach fast zwanzig Jahren wieder neben dem Regiment des alten Freiherrn ebenbürtig im Schillingshofe walten.

Als Felix vor zwei Monaten zur Beisetzung der Tante auf dem Klostergute gewesen war, da hatte zur selben Zeit auch Arnolds Hochzeit in Koblenz stattgefunden – der Freund hatte vorher nur kurz und trocken angezeigt, daß er »das lange Mädchen«, die Koblenzer Cousine, heirate ... Das war sie nun, die junge Frau, die neue Herrin des Schillingshofes, eine überschlanke Gestalt mit schmalen Schultern, an Brust und Rücken flach und dürftig, vornübergeneigt, wie die meisten großen Leute, und doch vornehm, sichtlich eine Dame von Stande in jeder ihrer lässig schleppenden Bewegungen. Das Gesicht konnte er nicht voll erfassen, in scharfer Profilstellung erschienen ihm die Züge langgestreckt, von englischem Typus, und blaß angehaucht; doch besaß die junge Frau einen herrlichen Schmuck in dem reichen, hellblonden Haar, das zwar elegant, aber so locker aufgesteckt war, als schmerze und beschwere diesen jungen Kopf peinlich jede Haarnadel. Sie sah öfter mit leisen Zeichen der Ungeduld abwechselnd nach den Fenstern und der Tür unter der Säulenhalle und ordnete und rückte wiederholt an den Tassen und Kuchenkörben.

Dann kam eine junge Person im weißen Latzschürzchen, augenscheinlich die Kammerjungfer, aus dem Hause. Sie legte ihrer Gebieterin einen weichen Schal um die Schultern und zog ihr Handschuhe an. Und die Dame stand da wie ein Automat; sie hielt die langen, schlanken Hände unbeweglich hingestreckt, bis jedes Knöpfchen geschlossen war; sie regte sich nicht, als das Mädchen vor ihr niederkniete und eine aufgesprungene Spange an dem farbigen Schuh wieder befestigte. Sie sprach auch nicht und zog nur schließlich, trotz der durchsonnten, köstlich warmen Juniluft, fröstelnd den Schal über der Brust zusammen. »Verwöhnt und nervös!« dachte Felix, während sie sich unmutig in die mit roten Kissen gepolsterte Ecke einer Bank sinken ließ.

Inzwischen war Adam, der langjährige Diener des alten Freiherrn Krafft, aus der Tür des Säulenhauses gekommen. Er wohnte im Schillingshofe, war Witwer und hatte sein einziges Kind, ein zehnjähriges Mädchen, bei sich. Das führte er jetzt an der Hand.

Die Kammerjungfer ging mit einem schnippischen Achselzucken an ihm vorüber, und die Dame auf der Bank sah nicht, daß er grüßte. Felix hatte den stillen, ernsthaften Diener sehr gern, dessen äußere Ruhe und Gelassenheit im Schillingschen Hause sprichwörtlich waren. Deshalb befremdete ihn die aufgeregte Hast, mit welcher der Mann den Rasenplatz umschritt und den Schillingshof verließ, um nach wenigen Minuten in den Hof des Klostergutes einzutreten. Sein kleines Mädchen schrie ängstlich auf und klammerte sich an ihn fest – ein großer Puter lief zornig kollernd auf es zu, als habe er die Absicht, ihm das rote Röckchen vom Leibe zu reißen.

Der Mann scheuchte das erboste Tier fort und sprach beruhigend auf das Kind hinein; aber das geschah in atemloser Aufregung, und die Wangen glühten ihm, als sei er betrunken.

Felix sah nur noch flüchtig, wie der alte Freiherr, auf den Arm seines Sohnes gestützt, in die Platanenallee trat und sich mit einer ritterlichen Handbewegung neben seiner Schwiegertochter niederließ – ein Gefühl inniger Teilnahme trieb ihn vom Fenster weg, in den Hausflur hinab. Auf der unteren Treppenwendung blieb er einen Augenblick stehen. Die Magd hatte mit Eierkorb und Buttergelte das Haus verlassen, und seine Mutter zog eben das Geflügel aus der Bratröhre.

»Mein Bruder ist nicht zu Hause, Adam,« sagte sie zu dem Manne, der an der Küchentüre stand. Sie setzte die dampfende Pfanne auf den steinernen Spültisch und trat an die Schwelle. »Ich will doch nicht hoffen, daß Sie ihn noch einmal mit der dummen Geschichte belästigen!«

»Ja, Frau Majorin,« unterbrach er sie höflich aber fest, »ich komme deswegen. Nur der Rat kann mir noch helfen; er weiß am besten, daß ich unschuldig bin – er wird der Wahrheit die Ehre geben.«

»Sie sind nicht bei Sinnen, Mann!« entgegnete die Majorin scharf und streng. »Soll der Herr Rat vielleicht beschwören, daß er mit der Dienerschaft des Herrn von Schilling niemals intim verkehrt hat?«

»Was ist denn das für eine Differenz zwischen hüben und drüben?« fragte Felix erstaunt hinzutretend.

»Ach, Herr Referendar, die Differenz bringt mich um Brot und Ehre!« sagte Adam mit brechender Stimme. Sonst hatte er den jungen Mann bei dessen Heimkunft immer freudestrahlend begrüßt – heute schien er gar nicht zu wissen, daß er ihn lange nicht gesehen hatte. »Eben hat mich mein alter, gnädiger Herr einen Duckmäuser, einen miserablen Spion genannt; er hat mir sein schönes Mundglas nachgeworfen, daß es in tausend Stücken auf dem Erdboden 'rumgeflogen ist –« »Sind ja recht schöne, adlige Manieren,« warf die Majorin trocken ein. Sie hatte währenddessen einen Bratenteller aus dem Küchenschrank genommen und hielt ihn, seine Sauberkeit prüfend, gegen das Fensterlicht.

Ihren Sohn empörte diese unbeirrte Geschäftigkeit angesichts des tief erregten Mannes. Er reichte ihm herzlich die Hand. »Ich begreife nicht, was den alten Herrn dermaßen erbittern mag, daß er sich zu Tätlichkeiten hinreißen läßt,« sagte er teilnehmend. »Noch dazu seinem treuen Adam gegenüber – er hat Sie ja immer vor allen anderen hochgehalten –«

»Nicht wahr, Herr Lucian, das wissen Sie auch? ... Ach, du mein Gott ja – und das ist nun alles aus!« rief der Mann in Jammer ausbrechend, und Tränen füllten seine Augen. »Ich ein Spion – ich! – Ich soll gehorcht haben, der Steinkohlengeschichte wegen, die mich auf der Gotteswelt nichts angeht!«

Felix sah seine Mutter verständnislos und fragend an.

»Er meint das Kohlenlager im kleinen Tale,« berichtigte die Majorin in ihrer wortkargen Weise. »Der Alte im Schillingshofe ist von jeher ein anmaßender Patron gewesen – er denkt, was er ausklügelt, das kann keinem anderen einfallen.«

»Der gnädige Herr hat's ja nicht selber ausgedacht, Frau Majorin,« – sagte Adam – »das ist's ja eben! ... Sehen Sie, Herr Referendar, er sagt immer, die Schillings und die Wolframs hätten seit Jahrhunderten die Klosteräcker am kleinen Tale gehabt, und es war' bis auf den heutigen Tag keinem eingefallen, von dem großen steinigen Grund nebenan, der den Gotters von alten Zeiten her gehört, eine Handbreit auch nur geschenkt zu nehmen, geschweige denn zu laufen – es ist zu elender Boden; der alte Gotter hat ihn oft genug selber verwünscht, er hat's so wenig gedacht, wie seine Nachbarsleute, die jahraus, jahrein daneben gepflügt und geackert haben, daß was Gescheiteres darunter stecken könnte. Da ist aber der fremde Ingenieur hieher versetzt worden, der hat gleich auf den ersten Blick gewußt, daß gerade unter diesem Grunde ein großes Kohlenlager ist – die Kohlen lägen ja geradezu am Tage, hat er gesagt –«

»Ist auch so gewesen,« fiel die Majorin vom Küchentisch herüber ein. Sie entfaltete ein schneeweißes Tellertuch und rieb und wischte an der Bratenschüssel.

»Und weil er mit meinem gnädigen Herrn von früher her bekannt war,« fuhr Adam fort, »so hat er ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm zusammen den Grund zu kaufen und ein Kohlenbergwerk anzulegen. Mein Herr ist auch mit tausend Freuden drauf eingegangen, und sie haben alles im geheimen abgemacht. Weil aber gerade zu der Zeit die Hochzeit in Koblenz sein sollte, so ist der Ankauf des Grundstückes bis nach der Reise an den Rhein verschoben worden. Es ist ihnen ja nicht im Traume eingefallen, daß ihnen ein anderer zuvorkommen könnte – es hat ja keine Seele drum gewußt – so haben sie wenigstens gemeint – ja prosit! – wie sie nachher zum alten Gotter gekommen sind, da hat der geflucht und gewettert, er hätte sich überrumpeln lassen, er hätte dem Herrn Rat Wolfram seinen Grund um ein Spottgeld verkauft – und nun seien ja Kohlen die schwere Menge drunter, und der Herr Rat habe schon bei der Behörde auf das Grundstück Mutung eingelegt – ist das nicht die reine Zauberei, Herr Lucian?«

»Ein merkwürdiges Zusammentreffen auf alle Fälle!« rief der junge Mann überrascht.

»Das sage ich auch – es ist eben Glück dabei gewesen, und der Onkel kann nicht dafür, wenn es andere Schlafmützen vergessen,« setzte seine Mutter hinzu. »Übrigens lügt der alte Gotter, wenn er von Überrumpeln und von einem Spottgeld spricht – er hat sich zu Anfang ins Fäustchen gelacht, weil er seinen saueren Wiesengrund so vorteilhaft losgeworden ist.« Das klang so kühl und nüchtern, so fertig und abgeschlossen im Urteil. Dabei war diese Frau doch, trotz ihres bürgerlichen Gebarens, eine vornehme Erscheinung. Sie war schlank und hatte über dem schönen Gesicht nußbraunes Haar, so voll und kräftig, wie das eines jungen Mädchens; und die ehemalige Offiziersfrau vergaß bei allem Bienenfleiß ihre Stellung nicht – sie war sorgfältig frisiert und sehr gut gekleidet, wenn auch der schöne Fuß im festen Lederstiefel steckte, und eine breite blauleinene Küchenschürze augenblicklich das elegant sitzende Kleid umhüllte.

»Da iß, Kind,« sagte sie und reichte dem kleinen Mädchen des Dieners ein Stück Kuchen aus dem Fliegenschranke.

Die Kleine wandte mit finsteren Augen den Kopf weg und wehrte die Gabe ab.

»Die nimmt nichts, Frau Majorin,« sagte ihr Vater weich. »Sie hat heute noch keinen Bissen gegessen – sie kann's nicht sehen, wenn die Leute nicht gut mit mir sind, und heute hat ja das Quälen und Zanken den ganzen Tag nicht aufgehört ... Herr Lucian, ich habe viel ertragen in der letzten Zeit. Der gnädige Herr bleibt dabei, die Sache sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, er habe irgend einen ›falschen Christen‹ in seinem Hause, der gehorcht und geklatscht hätte, und weil ich, wie die Herren beisammen saßen, ein paarmal mit Wein ab- und zugegangen bin, da fällt nun auf mich armen Kerl der Verdacht ... Das ewige Sticheln Hab' ich geduldig verbissen, ich wollte ja mein Brot nicht verlieren, Hannchens wegen« – er strich mit der Linken zärtlich über die dicken Haarflechten des Kindes – »aber seit gestern, wo die Leute von nichts anderem sprechen als von dem großen Glück, das der Herr Rat mit seinem Unternehmen hat – es sollen ja Kohlen sein, so gut wie die besten englischen – da kennt sich der gnädige Herr nicht mehr vor Wut und Ärger. Ich wollte nun den Herrn Rat noch einmal ganz gehorsamst bitten, daß er's meinem Herrn begreiflich macht –«

»Das geht nicht, Adam – so viel sollten Sie sich selbst sagen,« unterbrach ihn die Majorin kurz. »Mein Bruder wird sich schwerlich herbeilassen, den Leuten auch noch gütlich zuzusprechen, die ihn heimlich anstünden, weil er ebenso gescheit gewesen ist, wie sie ... Das schlagen Sie sich aus dem Sinn – sehen Sie zu, wie Sie sich selbst heraushelfen.«

Der Mann biß die Zähne zusammen –er kämpfte schwer mit seiner Erbitterung. »Hätt' es freilich wissen sollen,« sagte er achselzuckend mit einem tiefen Seufzer; »zwischen zwei großen Herren fällt so eine armselige Bedientenehre allemal auf den Boden. Da bleibt einem armen Teufel, wie mir, ja wirklich nichts anderes mehr übrig, als – ins Wasser zu gehen!« fuhr es ihm verzweiflungsvoll heraus.

»Ach nein, das tust du nicht, Vater! Gelt, das tust du nicht?« schrie das kleine Mädchen auf.

»Reden Sie doch nicht so gotteslästerlich, Mann!« schalt die Majorin streng und entrüstet.

Felix aber nahm den Kopf des Kindes, das in ein unaufhaltsames Weinen ausbrach, sanft zwischen seine Hände: »Sei still, Herzchen,« beruhigte er, »das tut dein Vater nicht, dazu ist er viel zu brav. Ich will in den Schillingshof gehen und mit dem alten Herrn sprechen, wenn Sie es wünschen, Adam.«

»Ach nein, ich danke Ihnen, Herr Referendar!« versetzte der Mann – »ich weiß, Sie meinen es gut mit mir; aber das macht Ihnen nur Ungelegenheiten, und mir hilft es doch nichts.« Er grüßte, schlang den Arm um sein kleines Mädchen und führte es nach der Haustüre. »Komm her, wir gehen zu deiner Großmutter.«

»Ja, Vater,« sagte das Kind, augenblicklich sein Schluchzen niederkämpfend: »aber du bleibst auch dort, gelt? Du gehst nicht fort in der Nacht, Vater?«

»Nein, mein gutes Hannchen.«

Sie gingen durch den Hof, und der Puter lief wieder auf das Rotröckchen zu; aber die Kleine beachtete ihn nicht; ihre Füßchen suchten Schritt mit dem Vater zu halten, wobei sie weit vorgebogen ihm beweglich unter das Gesicht sah – sie traute seiner mechanisch gesprochenen Versicherung nicht. »Ich schlafe die ganze Nacht nicht, paß auf!« drohte sie mit ihrem angstbebenden Stimmchen.– »Ich sehe es, wenn du fortgehst!« – Und als die Hoftüre längst hinter ihnen zugefallen war, da hörte man noch über die Mauer her die unsäglich angstvolle, kindliche Drohung: »Ich schlafe nicht–ich laufe dir nach, wenn du fortgehst, Vater!«

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