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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
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19.

Donna Mercedes betrat sonst nie Luciles Gemächer – sie hatte keine Veranlassung dazu. Die Mahlzeiten nahm man im großen Salon mit den holzgeschnitzten Wänden ein – auch der Tee wurde abends da getrunken, trotz Luciles täglich sich erneuernden Protestes – und die Kinderstube war nur durch Mercedes' Schlafzimmer von diesem Salon getrennt.

Draußen lag noch heller Sonnenglanz; von Westen her zu rötlicher Glut entfacht, machte er die Welt in einem doppelt grellen Lichte schwimmen; er fiel breit und lästig durch die Fenster und kroch als feuriges Schlänglein in alle Türspalten und Ritzen. Mercedes drückte geräuschlos die Türe zu Luciles Wohnzimmer auf und wich erstaunt zurück.

Da drin war, mittels fest vorgelegter Läden und zugezogener Gardinen, intensive, von Kerzen- und Lampenlicht durchstrahlte Nacht hergestellt. An der Decke brannte der kleine Kronleuchter, zu beiden Seiten des deckenhohen Pfeilerspiegels flammten Kerzen auf den Bronzearmen, und das Licht hoch auf Wandbretter gestellter Kugellampen floß weiß hernieder – man suchte unwillkürlich nach dem schwarzbehangenen Katafalk, auf den dieses Glanzmeer zu strömen habe; aber es war etwas ganz anderes – es war Bühnenlicht.

Vor dem Spiegel gaukelte ein Schmetterlingswesen. Die zierlichsten Beinchen, die je ein Menschenkind getragen, steckten in fleischfarbenen Trikots, und darüber bauschte sich ein ganz kurzes Röckchen von gleißendem, goldgelbem Atlas; dann kam ein silberbesetztes rotlila Samtmieder, das eine zerbrechlich dünne Mädchentaille umschloß, und bei jeder Bewegung der schlanken, weißgeschminkten Arme, bei jedem Schritt flatterten und wehten glänzende Bandstreifen wie Flügel von den Schultern, wogte das dunkel niederrollende, mit weißen Rosen durchflochtene, lange Gelock über den Nacken, fast bis auf die Hüften herab... Das war kein Tanz – weit eher ein fast gespenstisches Schwimmen und Schweben, als habe sich die Luft verdichtet und trage mühelos den kleinen, biegsamen Feenleib – Lucile war in der Tat eine Tänzerin ersten Ranges.

Sie hatte eine seltsame musikalische Tanzbegleitung. Die Kammerjungfer Minna stand, den Rücken der Türe zugekehrt, inmitten des Zimmers und summte eine Melodie, so scharf akzentuiert im Rhythmus, so gewohnheitssicher, als sei sie seit Jahren das begleitende Orchester bei den Übungen ihrer Herrin. Sie schlug dabei leise klatschend in die Hände, machte jede Wendung und Schwenkung mit wiegendem Oberkörper unwillkürlich mit und war in ihre Aufgabe ganz ebenso vertieft, wie die Tänzerin selbst. – Sie hatten beide keine Augen für die kleine Paula, die auf dem Teppich saß und in verschiedenen Kartons kramte. Die Kleine hatte sich, jedenfalls »genau wie Mama«, geschmückt, hatte einen weißen Kranz verkehrt aufgesetzt, Schuhe und Strümpfchen ausgezogen und wickelte eben einen gelben Seidenschal um die kleine, nackte Büste, von der sie das lose, weiße Kleidchen nach den Hüften hinabgeschoben hatte.

»Lucile!« rief Donna Mercedes mit dem schrillen Klang zorniger Überraschung.

Die Tänzerin vor dem Spiegel fuhr erschrocken herum. »Minna, dummes Ding, du hast vergessen, die Türe zu verriegeln!« platzte sie erbost heraus; aber im nächsten Augenblick schon brach sie in ein gezwungenes, schallendes Gelächter aus. Baron Schilling strich sich mit einem charakteristisch heiteren Lächeln den Bart – diese Sylphide sah nicht aus, als werde sie noch nachträglich über das Erlebnis ihres kleinen Sohnes in Ohnmacht fallen. Während er, José an der Hand, der Schwelle nahe stehen blieb, schritt Mercedes, ohne ein Wort zu sagen, durch das Zimmer; sie nahm der kleinen Paula, die sich unter gellendem Geschrei lebhaft widersetzte, den Kranz vom Köpfchen, zog ihr das Kleid über die Schultern, Schuhe und Strümpfe an die Füße, und redete ihr dabei mit sanfter Stimme begütigend zu.

»Du solltest das Kind nicht Zeuge deiner Amüsements sein lassen,« sagte sie zu Lucile, nachdem sich die Kleine beruhigt hatte.

»Ah bah, warum denn nicht?« versetzte die kleine Frau trotzig und herausfordernd. »Wenn du glaubst, ich gebe es jemals zu, daß Paula auch so philisterhaft erzogen wird, wie du mit José bereits den Anfang gemacht hast, da irrst du dich gründlich! – Das arme Ding hat ohnehin eine jammervolle Kindheit. Was bin ich dagegen für ein glückliches Kind gewesen – oh, wie glücklich! – Gehätschelt, bewundert, in Saus und Braus, in Glanz und Herrlichkeit bin ich groß geworden – oh, mein schönes, geopfertes Paradies!« – Sie streckte sehnsuchtsvoll die Arme gen Himmel, diese zarten Arme, die in der Tat überschlank geworden waren – die Ärzte hatten doch wohl recht mit ihrem furchtbaren Ausspruch, nach dem dieses in Lebenslust glühende Wesen den Todeskeim in der Brust tragen sollte, die eben unter beängstigend heftigen, zitternden Atemzügen flog.

Sie griff nach den Blumen über ihrer Stirne, riß sie halb ergrimmt, halb im Übermut aus den Locken und schleuderte sie nach den Kartons. »Meine Amüsements, sagst du?« fuhr sie impertinent lächelnd fort. »Mein Gott, ja, armselig genug sind sie – aber was will man machen? – Ein jedes eben nach seinem Geschmack und Bedürfnis, Donna Mercedes! – Du spielst Bach auf deinem Flügel und stellst dich ganz entzückt über den alten Zopf – und ich, nun ich tanze, ich krieche dann und wann wehmutsvoll in die alten, lieben Theatersachen –«

»Der Anzug ist neu – ei ist noch nie in einem Koffer verpackt gewesen,« unterbrach sie Mercedes kalt und unerbittlich und zeigte nach dem Kostüm.

Lucile lachte verlegen auf und drehte sich wie ein Kreisel in gemachter Lustigkeit auf der feinen Fußspitze, und Minna, die wie verscheucht in den Hintergrund des Zimmers zurückgetreten war, bückte sich schleunigst, um die verstreuten Blumen zusammenzulesen.

»Nun, und wenn?« fragte die kleine Frau – sie hielt plötzlich inne mit ihren Fußschwingungen und trat erbittert auf ihre Schwägerin zu. »Und wenn, Donna Valmaseda? Was geht es schließlich dich an, wenn ich mir ein paar Ellen Samt und Atlas kaufe? Geht es etwa aus deinem Beutel – wie? ... Ich bitte Sie, Baron Schilling, sehen Sie sich meine gestrenge Schwägerin an! Der Spitzenbesatz, den sie da zerrissen auf dem Teppich nachschleift, ist so kostbar, daß ihn eine deutsche Herzogin auf ihrer Staatsschleppe tragen könnte – diese Baumwollenprinzessinnen leisten das Menschenmögliche in der Verschwendung, sag' ich Ihnen! Ich armer Tropf aber soll mir nicht einmal den Spaß machen, mich auch einmal in einem neuen Kostüm bei meinen einsamen Amüsements zu sehen! – Es ist unverantwortlich von dieser Vormundschaft, daß sie die Auszahlung meiner Nadelgelder in Mercedes' Hände gelegt hat –« Sie trat zornig mit dem atlasbekleideten Füßchen den Teppich. – »Aber ich bin auch immer so dumm und leichtgläubig, ich lasse mir alles bieten! – Weiß ich denn, ob dieses behauptete Recht nicht ein angemaßtes ist?? – Nun wird mir jede Stecknadel, jeder Seidenfaden nachgerechnet –«

»Du weißt sehr gut, daß ich das nie tue,« fiel Mercedes ruhig ein – auf ihrer Stirne lag ein Schimmer wahrer Seelenhoheit. – Die zwei Frauengestalten verhielten sich zu einander wie eine hohe, stolze Lilie, die von einer kleinen Stechmücke mit glitzernden Flügeln umkreist wird. – »Ich finde es nur sehr unrecht und geradezu widersinnig, daß du zu diesen Übungen, die dir von seiten der Ärzte streng verboten worden sind, sogar auf neue Kostüme sinnst ... Felix ängstigte sich stets und hielt dich zurück, wenn du im Übermut in irgend eine Tanzweise verfallen wolltest.« –

»Ja – aus Eifersucht. Er konnte es nicht ertragen, der gute Felix, wenn auch andere Augen als die seinen mein Talent bewunderten; gewisse Leute machen es ebenso, sie verzehren sich vor Neid. – Und das haben die Speichellecker, die zwei weisen Salomos, unsere Ärzte, recht gut gemerkt; sie haben sich sofort auf die Seite der Großmacht im Hause gestellt – natürlich! – und sich alles Ernstes eingebildet, ich ließe mich ins Bockshorn jagen, wenn sie mir mit geheimnisvollem Achselzucken verkündigten, meine Gesundheit sei angegriffen – die Schlauköpfe!« Mit unbeschreiblicher Komik und Grazie machte sie die Geste der langen Nase und drehte sich abermals wie ein Wirbelwind auf der äußersten Fußspitze, und ihr Töchterchen haschte aufjauchzend nach dem gelben Atlasröckchen, das sich wie eine goldglänzende Sonnenscheibe über dem leichten Gewölk der Gazekleider mit der Tänzerin drehte.

In Mercedes' Wangen stieg ein helles Rot. Sie ergriff schweigend Paulas Hand, um das Kind aus dem Zimmer zu führen; allein Lucile vertrat ihr den Weg. »Oh nein – Paula bleibt bei mir, bei ihrer Mama, wohin sie gehört!« sagte sie bestimmt. »José magst du meinetwegen mit Beschlag belegen. Ich habe ihn auch lieb, sehr lieb; aber ich habe keine Macht über den großen Bengel. Das Schicksal ist doch manchmal wie mit Blindheit geschlagen bei seinen Fügungen – solch einem jungen, unerfahrenen Ding wie mir die Erziehung eines wilden Jungen zuzuweisen – Unsinn! ... Mein süßes Mädchen dagegen, meine kleine Paula, behalte ich für mich, so wie einst Mama und ich zusammenstanden – daß du es weißt –«

»Felix hat die endgültige Verfügung über beide Kinder vorläufig in Frau von Valmasedas Hand gelegt,« unterbrach sie Baron Schilling mit ernstem Nachdruck.

Lucile wandte ihm rasch das Gesicht zu und maß ihn mit einem spöttischen Blick. »Auch du, Brutus?« rief sie pathetisch. »Nun ja, ich konnte das wissen! – Drüben unterwarfen sich ja auch alle ihren Orakelsprüchen, alle unsere Herren, ihr Vater, Felix, der arme Valmaseda ... Diese dämonischen Frauen mit den finsteren Mienen sind leidenschaftlich im Herrschen und Gebieten und zurückhaltend im Gewähren – das ist die ganze Kunst! – Sie war eine sehr kühle Braut, diese Donna de Valmaseda –«

»Schweige!« unterbrach Mercedes mit flammenden Augen die boshafte Verräterei.

»Mein Gott, ich bin ja schon still!« wich die kleine Frau mit einer drolligen Furchtgebärde zurück. »Aber Baron Schilling ist mein Freund, mein guter, alter Freund noch aus der himmlischen Berliner Zeit – ich darf nicht leiden, daß er auch hineintappt, ich leide es durchaus nicht! Er hat ohnehin schwer zu tragen am Leben, der unglückliche Mann –«

»Unglücklich?« fuhr er mit zorniger Überraschung auf. »Wer sagt Ihnen denn, daß ich mich unglücklich fühle? –«

»Mein Gott, ich denke – oder wäre sie hübscher geworden, Ihre Frau? Und liebenswürdig?« rief sie, jetzt wirklich überrascht, mit großen Augen; aber sie senkte sie doch einen Augenblick erschrocken über den Ausdruck des Manneszornes, den ihre taktlose, vorwitzige Zunge geweckt hatte.

Sein Blick fuhr wie ein Blitz seitwärts über das Antlitz der Frau hin, die vor wenigen Stunden mit vernichtend drastischer Betonung gesagt hatte: »Der Mann hat sich verkauft.« ... Er ertappte eine sichtliche Spannung, aber auch kaltlächelnden Hohn in den geistreichen Zügen.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Frau Lucian – Sie sind die Barmherzigkeit selbst,« sagte er, ihre indiskreten Fragen völlig übergehend, mit scharfem Spott. »Aber Sie dürfen sich beruhigen, ich kann Ihnen versichern, daß ich an meinem Los nichts auszusetzen habe.«

Er legte die Hand auf den Türgriff, und José, der sich während der ganzen Zeit fest an ihn geschmiegt, ja, sich hinter ihm förmlich versteckt hatte, trat dicht an die Türspalte, um beim Öffnen sofort hinauslaufen zu können – es sah aus, als brenne dem Kind die Schwelle unter den Sohlen.

»Wir waren gekommen, Ihnen diesen kleinen Ausreißer heil und unversehrt zuzuführen –« sagte Baron Schilling, auf den Knaben deutend, immer noch mit finsterem Gesicht und eigentümlich harter Stimme.

»Ach ja –« fiel Lucile ein – »er war ja wohl für einen Augenblick nicht zu finden? Man hat ihn auch bei mir gesucht – War es nicht der Bediente Robert, den du an der Türe abfertigtest, Minna?« Sie zog die Schultern empor. »Ich habe nicht weiter daran gedacht – solch ein großer Bursche kann ja doch wahrhaftig nicht verloren gehen wie eine Stecknadel!« – Sie trat näher und legte die Hand schmeichelnd auf den Kopf des Kindes. »Wo hast du denn gesteckt, mein Junge?«

Der Knabe, der ihr immer noch den Rücken zukehrte, schüttelte in wilder Aufregung die Hand von sich. »Nein, Mama, nein!« schrie er auf, ohne ihr das Gesicht zuzuwenden – er drückte die Stirne so fest an die Türe, als wolle er sie in das Holz einbohren.«Ziehe deinen langen Schlafrock an – ich kann dich nicht ansehen! – Du bist gar nicht meine Mama – nein!«

»Einfältiger Junge!« zürnte sie und faßte ihn an der Schulter, um ihn gewaltsam umzudrehen; aber bei dem Kinde machte sich jetzt offenbar die erlittene heftige Nervenerschütterung geltend, sonst so sanft und fügsam, sträubte es sich und verfiel dabei in ein konvulsivisches Weinen und Schreien, in das sein erschrockenes kleines Schwesterchen aus Leibeskräften einstimmte. »Gott im Himmel, das ist ja zum Verrücktwerden!« schrie Lucile, und beide Hände auf die Ohren pressend, floh sie in das Nebenzimmer, dessen Türe sie schmetternd hinter sich zuwarf, während Baron Schilling schweigend den Knaben auf seinen Armen hinaustrug und Donna Mercedes im Verein mit der Kammerjungfer die kleine Paula zu beruhigen suchten ...

»Mir steht das Getue bis an den Hals – ich mag gar nicht mehr hinsehen,« sagte der Bediente Robert draußen entrüstet und mit verachtungsvollem Blick, nachdem Baron Schilling mit dem Knaben an ihm vorüber in die Kinderstube gegangen war.

Er stand mit dem Gärtner an der offenen, nach dem großen Garten führenden Türe der Flurhalle, und Mamsell Birkner, die eben aus den unteren Räumen kam, um Deborah das Gebäck für den Teetisch zu bringen, trat auch hinzu.

»Da haben wir alle Gott gedankt, daß die Gnädige den guten Einfall hatte, ihre Minka einstweilen auswärts in Pflege zu geben –« sagte der Bediente weiter – »und jetzt gäb' ich gleich zehn Taler drum, wenn wir sie wieder da hätten, und es wär' alles beim alten! ... Man versetzte manchmal der schwarzen Kanaille einen heimlichen Knuff und Fußtritt, und da hatte man Ruhe für eine ganze Zeit ... Aber jetzt? – Zum Totärgern ist die Wirtschaft! – Wohin man tritt, liegt das Spielzeug liederlich im Wege – es wäre nötig, man machte in einem fort den Buckel krumm, den Kram wegzuräumen; und vor der wilden Bestie, dem Hund, muß man ewig auf der Flucht sein – ich wüßte schon, was ich dem am liebsten in die volle Fleischschüssel gäbe! ... Und die verzogenen Rangen alarmieren fortwährend unser ganzes Haus. Bald muß man mit Stangen rennen, um nach dem Jungen im Teich zu fischen, bald dem heulenden Ding, dem kleinen Mädchen, beispringen, wenn es auf die Nase gefallen ist, und eben haben sie beide geschrien, daß mir noch die Haare zu Berge stehen. Und dafür kriegt man nicht einen Blick, geschweige denn einen Dank von der hochnäsigen Madame, die nicht einmal ihr Essen bezahlen kann ... Dem Herrn kostet das ein Heidengeld, und dabei tut er doch, als sei er in seinem ganzen Leben noch nicht so glücklich gewesen. Damit soll er aber der Gnädigen nur kommen – sie kann das Kindervolk nicht ausstehen; man sieht ihr die stille Wut an, wenn ihr ein solch kleines Ding unversehens über den Weg läuft –«

»Ja, weil ihr der liebe Gott keine eigenen beschert,« fiel Mamsell Birkner ein und schob und ordnete an dem Gebäck auf dem Teller, den sie in der Hand hielt.

»Na, vielleicht betet sie deshalb in Rom,« lachte der Bediente.

»In Rom ist sie ja gar nicht mehr,« flüsterte der Gärtner. »Sie ist zu Besuch in einem Kloster –« er verstummte plötzlich verlegen, und auf die erstaunten Fragen der anderen hin sagte er ausweichend, er habe »ein Vögelchen davon singen hören –« daß er bei Ausübung seiner Obliegenheiten im Wintergarten und Atelier in einen offen daliegenden Brief der Gnädigen geschielt hatte, konnte er freilich nicht sagen. – »Ich glaube, sie kommt bald wieder,« meinte er mit verständnisvollem Augenzwinkern,– »nachher sollt ihr aber sehen, was geschieht! Die amerikanische Gesellschaft fliegt aus der Türe, daß es eine Art hat – denkt an mich!« –

»Das leidet der Herr nicht,« sagte die Hausmamsell ganz erregt.

»Ich bitte Sie, reden Sie doch kein dummes Zeug, Mamsell Birkner!« versetzte der Bediente grob. »Wem gehört denn der Schillingshof?«

»Uns!« platzte sie erbittert heraus. »Uns gehört er, und nicht den Steinbrücks ... Wie wir noch zusammen waren, der alte Freiherr und der Arnold – der gnädige Herr wollt' ich sagen – und ich, da gab es keine Gnädige bei uns, und wir haben auch gelebt und sind in unserem Gott vergnügt gewesen. Aber das Haus hier hatte der alte Herr allein zu befehlen, da ist er geboren und gestorben... Und gut und kreuzfidel waren alle, und die Kellerschlüssel sind auch nie auf die Reise mitgenommen worden, als wäre das Haus voll Spitzbuben –« sie hielt plötzlich inne und trat respektvoll zur Seite ...

Die schöne, stolze Frau kam mit der kleinen Paula von Luciles Gemächern her. Wie ein breiter, schwarzer Schatten lagen die Wimpern tief auf ihren Wangen; sie schritt vorbei, als seien die Leute an der Türe von Stein, wie die Statuen in den Nischen, und der lose herabhängende Spitzenbesatz ihres Kleides rieselte auf den Mamorfliesen nach wie zerflatternder Schnee ...

»Bettelprinzeß!« murmelte der Bediente Robert grimmig zwischen den Zähnen, während sie in der Türe nächst der Laokoongruppe verschwand.

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