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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
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18.

Die Magd öffnete mit scheuer Hand das Gartentor des vornehmen Hauses und eilte spornstreichs nach dem Klostergut zurück, während José auf das Säulenhaus zulief ... Es war sehr still im Vorgarten – man hörte die eilenden Schritte des Kindes auf dem knirschenden Sand.

Auf diese Laute hin kam plötzlich die dicke, schwarze Deborah um die südliche Ecke des Hauses – sie stieß einen Schrei aus und stürzte unter grotesken Sprüngen und Armbewegungen auf den Knaben zu. »O mein Jesus – bist du es denn wirklich, Kind?« stammelte sie, und aus den dickverschwollenen Augen schossen erleichternde Tränen. »Liebchen, Liebchen, was machst du für Sachen! Kommst, da von der fremden Straße her, von der fremden Straße, wo niemand unseren süßen Jungen kennt! – o Jesus! – Bist ja noch nie fortgewesen, böses, liebes Kind – noch nie! Konntest überfahren werden – und Jack und Deborah sind nun schuld – haben nicht aufgepaßt, oh! ... Seit Stunden rennt alles nach dir, und jetzt suchen sie unser Goldkind im Teich, im schwarzen, schlammigen Wasser bei den Fischen – hu! – Arme, arme, gute Tante – sie stirbt vor Angst!«

Das alles stieß sie keuchend, in einem seltsamen Gemisch von Deutsch und Englisch hervor, während sie mit dem Knaben durch Allee und Garten nach dem Teich rannte.

Dort unter den Linden waren alle Leute des Schillingshofes, auch der Herr des Hauses und Jack, in Tätigkeit. Wie ein Schwan hob sich die weiße Gestalt der schönen Amerikanerin aus dem Durcheinander der Hantierenden – sie lehnte regungslos an einem der Lindenstämme und hielt Josés Hütchen, das man am Teich gefunden hatte, mit beiden Händen fest gegen die Brust gedrückt. – Diese Frau, »die, den Sarraß am Gürtel und den Revolver in der Hand, in die Nähe des Feindes vorgedrungen, die den Transport eines schwerverwundeten Mannes durch weite, verwüstete Landstrecken energisch durchgeführt,« sie konnte allerdings nicht zu denen gehören, die ihrer Angst durch Schreien und Wehklagen Luft machen. –

»Er ist da!« schrie Deborah hinüber.

Wie eine hineinfallende Bombe jagte dieser Aufschrei die Versammelten auseinander. Beim Anblick des Kindes, das heil und unversehrt an Deborahs Hand quer über den nächsten Rasenplatz stolperte, klärten sich die Gesichter auf – man sah sich lächelnd an und begriff mit einemmal nicht mehr, wie man sich habe einbilden können, es müsse durchaus ertrunken sein.

Donna Mercedes gab bei diesem jähen Wechsel von Todesangst und Freude nicht einen Laut von sich, und als sie das Haupt nach den Kommenden zurückwandte, da lag noch der Ausdruck des stieren Entsetzens, mit dem sie in die Wassertiefe geblickt hatte, wie versteinert auf dem farblosen Gesicht. Man sah, sie war im Hause durch alle staubigen Winkel und draußen zwischen unwegsamem Gebüsch und dornigen Hecken suchend geirrt. Der weiße Musselin schleifte zerfetzt und beschmutzt auf dem Boden nach, und das Dickicht hatte an dem Haarnetz gezerrt – ein Teil des wundervollen dicken »Zigeunerhaares«, wie Lucile es bis auf den heutigen Tag nannte, wogte im tiefbläulichen Glanze, noch halb von den Seidenschlingen gefangen, über die rechte Schulter.

Mit einknickenden Knien ging sie dem Kind entgegen – Baron Schilling bot ihr die stützende Hand, aber sie wies sie zurück: ihr Blick hing brennend an dem Knaben, der, im zerrissenen Höschen und noch glühend vor Erhitzung, in ihre Arme lief.

»Du bist ungehorsam gewesen, José, du bist fortgelaufen,« sagte sie mit bebender Summe, aber dennoch mit ernststrafendem Ton.

Der Knabe versicherte aufweinend, daß er es nie, nie wieder tun wolle, und dann beichtete er nach Kinderart in sprunghafter, abgebrochener Redeweise sein Abenteuer auf dem Klostergute, während sich die Leute des Hauses auf einen Wink ihres Herrn entfernten.

Und der Kleine erzählte von der schrecklichen Rumpelkammer und dem großen, boshaften Jungen, von der Frau, die ihm so streng und rauh verboten, zu sprechen, und »dem furchtbar bösen Mann«, der nach ihm hatte schlagen wollen.

Diese Mitteilungen waren von unbeschreiblicher Wirkung auf die junge Frau. Ihr heißes Blut, meist durch einen überlegenen Verstand kräftig niedergehalten, wallte empor – die Hände auf den Busen gepreßt, irrte sie fassungslos auf dem schmalen, nach dem Säulenhause laufenden Weg hin und her und schüttelte ungeduldig die Hand Deborahs ab, die schüchtern den Versuch machte, ihr das gelöste Haar unter das Netz zu stecken – was kümmerte sie in diesem Augenblick ihr Äußeres? ...

»Was nun?« fragte sie mit schneidendem Lächeln, als José verstummte.

Baron Schilling hatte ihm eben Schweigen gebietend die Hand auf den kleinen Mund gelegt, der in fieberhafter Aufregung immer wieder auf das Erscheinen »der großen Maus« und auf den Augenblick zurückkam, wo sich die entsetzliche Tür zwischen der Welt draußen und den kleinen Eingesperrten geschoben hatte ... Auf die Frage der jungen Dame richtete sich Baron Schilling empor und sah in das schöne Antlitz mit dem zornigen und doch durch einen feuchten Hauch verschleierten Blick. »Standhaft bleiben!« versetzte er ruhig.

»Aber ich kann und will nicht!« rief sie heftig und zog den Knaben in leidenschaftlicher Innigkeit an sich heran. »Ich werfe die entsetzliche Pflicht, mit Roheit und Gemeinheit kämpfen zu müssen, von mir – die Last, die Felix weit unterschätzt hat, ist zu schwer für mich!«

»Tragen wir sie nicht zusammen? Bin ich nicht auch da?« fragte er mit mildem Vorwurf.

Die ernste Güte, die Sanftheit in diesen Lauten übten eine überredende, fast bestrickende Macht, die aber sofort durch ein Gefühl verletzten Frauenstolzes unterdrückt wurde. »Tragen wir sie nicht zusammen?« hatte er gesagt – damit war eine Gemeinschaft zwischen ihnen bezeichnet ... Dieser Mann hatte aber eine Frau, die boshafterweise sein Haus verlassen hatte, um den Ankommenden, sofern sie taktvoll waren, jeden Verkehr, jede nähere Beziehung zu ihm unmöglich zu machen ... Mercedes war ein Mädchen, obwohl sie den Frauentitel führte – sie hatte einen Geist, furchtlos, energisch und tatkräftig wie ein Mann; allein daneben behauptete sich das echte Weib in ihr, keuschempfindlich wie eine Mimose. Ein undefinierbares Gemisch von Scham und Abscheu überkam sie. – Sie antwortete nicht – nur ihre kaltfunkelnden Augen unter finstergefalteten Brauen streiften ihn ausdrucksvoll.

»Ich bin zwar nicht gerichtlich bestellter Vormund für die beiden Kinder,« sagte er gelassen, – das Beleidigende ihres Wesens schien ihm nicht aufzufallen; »aber Felix' Briefe und mein Versprechen geben mir die feste Stellung, von der ich nicht um eine Linie weichen werde. Ich habe demnach nicht zu erörtern, ob mich die Roheit und Gemeinheit der Leute, mit denen ich rechnen muß, zurückstößt und entmutigt, ob überhaupt mein persönliches Gefühl dabei beleidigt wird« – er sprach mit erhöhter Stimme – »das muß völlig aus dem Spiele bleiben ... Felix ist verarmt gestorben –«

Sie zuckte zusammen, als schneide dieser unumwundene Ausspruch wie ein Schwert durch ihre Seele. »Nun ja – er hat keinen Dollar klingenden Vermögens hinterlassen,« bestätigte sie in grollenden Tönen, »alles, was mein Vater für ihn zurückgelegt hatte, steckte in seiner schönen Plantage... Jetzt wächst das Unkraut lustig auf den verwüsteten Ländereien,« setzte sie bitter lächelnd hinzu; – »sie haben allen Wert verloren, seit die Hände, die sie bebauten, falsche Ringe an den Fingern tragen und freien Herren gehören... Felix ist ein Bettler geworden, wie der ganze Süden finanziell vollständig ruiniert ist... Bah, was rede ich davon! Für den deutschen Rechtsbegriff ist ja das nur die notwendige Sühne alten Unrechtes!«

In ausbrechender Erbitterung wandte sie ihm den Rücken; und jetzt hob sie die Arme, um die Haarmassen, die ihr bei der jähen Bewegung über den Busen geglitten, selbst unter das Netz zu stecken. In dieser Stellung waren die Linien des schlanken Körpers entzückend für ein Malerauge. Und die weitfaltigen Ärmel fielen zurück, und auf dem gelblichen Marmor des rechten Oberarmes schlüpfte es feurig rot hervor wie eine dünne, purpurne Schlange...

Über dieses junge Weib war das Unglück in zermalmender Wucht hingeschritten – Vater, Bruder, Bräutigam hatte der Krieg von ihrer Seite gerissen, und sie hatte den eigenen zarten Körper ergrimmt hineingeworfen in die Greuel des Kampfes, wohl auch, um mit unterzugehen; aber er hatte ihr nur sein glühendes Mal aufgezeichnet – und nun ging sie ihren Weg einsam weiter, verbissenen Schmerzes, verbittert, in kalter Menschenverachtung.

»Sie stützen Ihre Machtvollkommenheit hauptsächlich auf diese Verarmung, wie ich annehme?« sagte sie plötzlich aufblickend, nachdem sie die letzte widerspenstige Haarsträhne unter den Seidenschlingen geborgen hatte.

»Allerdings,« versetzte er.«Meine Aufgabe ist es, den Kindern um jeden Preis zu ihrem Erbe zu verhelfen –«

»Das leidige Geld!« – Sie zuckte mit den Schultern, und in ihrem Ton lag dieselbe kalte Verachtung, mit der sie vor wenigen Stunden im Atelier gesagt hatte: »Ja, mit dem Gelde seiner Frau!«

Er verfärbte sich leicht; aber jetzt stand er nicht vor ihr als der Künstler mit dem meist träumerisch gesenkten Kopf und dem tiefsinnenden, wie nach innen gekehrten Blick – er erschien genau als einer von denen, die droben im Mittelsaale die alten gewundenen Holzrahmen füllten, fest, kraftvoll, wie ein Mann, der sich in seinem braven Wollen nicht beirren läßt. – »Ja, das leidige Geld!« wiederholte er fest betonend. »Ich leugne seine Macht nicht, so wenig wie es Felix getan, der das Erbe für seine Kinder gerettet wünschte – und er hatte recht, sie brauchen es! – Ich weiß, daß ich mit diesem Ausspruch ein böses Vorurteil nähre; aber ich muß mir das gefallen lassen.«

Sie sah auf den Kies zu ihren Füßen – dann flog ein geringschätzender Zug um ihre Lippen. »So fürchten Sie, die Kinder müßten Hungers sterben ohne das Geld der alten Frau?« fragte sie, seine letzte Bemerkung übergehend.

Er lächelte. »Die Kleinen haben eine sehr energische Tante, die wohl schlimmsten Falles zur harten Arbeit greifen würde, um ihre Lieblinge nicht Mangel leiden zu lassen. Mehr weiß ich nicht; aber ich brauche und wünsche auch keinen tieferen Einblick in die Verhältnisse, weil ich trotz alledem bei meiner Ansicht beharren muß. Ich rechne mit den Mächten, die unseren Lebensweg kreuzen –« er zögerte und jetzt suchte sein Blick den Boden – »Sie sind sehr jung –«

»Aber fest genug, um einem Toten die Treue zu halten,« – unterbrach sie ihn verständnisvoll, mit düsterem Ernst.

Ein augenblickliches Schweigen trat ein – man hörte Josés Stimme, der sich, unfern auf einer Gartenbank stehend, unter Deborahs ordnenden Händen befand und dabei unausgesetzt von seinem Erlebnis auf dem Klostergute sprach.

»Nur eines möchte ich wissen,« begann Baron Schilling wieder – man hörte an seinem veränderten Ton, daß er von dem verfänglichen Thema ablenkte. – »Warum belassen Sie die kleine Frau in dem Wahn, daß sie reich, ›ungeheuer reich‹ sei? – Einmal muß sie ja doch die Wahrheit erfahren.«

»Ich halte das nicht für nötig, solange sie nicht ihr Geschick von dem meinigen trennt,« versetzte Donna Mercedes gelassen. »Lucile würde sterben an dem Gedanken, daß sie nicht mehr über Reichtümer zu verfügen habe... Felix hat sie geliebt bis in den Tod. Die Angst um die Zukunft dieses kindischen, genußsüchtigen Wesens hat ihn noch mehr gequält, als die Sorge um José und Paula. Ich habe ihm heilig gelobt, über sie zu wachen, und so betrachte ich sie wie eine ältere Schwester ihrer Kinder, als welche sie sich ja auch am liebsten gibt.« – Ein leises, verächtliches Lächeln stahl sich flüchtig um ihren Mund. – »Lucile ist brustschwach – die Ärzte behaupten, sie befinde sich bereits in den ersten Stadien der Lungenschwindsucht,« fuhr sie ernst fort. »Es ist mithin meine Aufgabe, ihr jede wirkliche Aufregung fern zu halten. Aus dem Grunde habe ich auch vorhin streng verboten, daß sie von Josés Verschwinden benachrichtigt werde, ehe wir eine Gewißheit hatten.«

Sie rief den Knaben herbei und ergriff seine Hand... Welche Kraft wohnte in dieser jungen Seele, die, leidenschaftlich, herrisch, ja despotisch angelegt, einen steten Kampf mit sich selbst bestand, weil der Egoismus eines geliebten Sterbenden ihr Wort in das Grab mitgenommen hatte!

»Vielleicht begleiten Sie mich zu Lucile,« sagte sie zu Baron Schilling. »Es ist möglich, daß sie nunmehr von dem Vorfall erfahren hat – sie regt sich oft nachträglich noch unnötig auf, und das wird Ihr Besuch verhindern.«

Sie gingen nach dem Säulenhause.

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