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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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17.

Schon während Veit heulend im Dämmerdunkel des Treppenhauses verschwunden war, hatte sich die Glut der Empörung auf dem Antlitz der Frau verflüchtigt; es wurde wieder starr und weiß wie von Stein. Sie nahm den Zipfel ihrer breiten, blauleinenen Schürze und wischte dem kleinen José den Schweiß von dem erhitzten Gesichtchen. Dabei vermied sie jedoch beharrlich, in seine verweinten Augen zu sehen; sie hatte auch kein beruhigendes Wort für das Kind, und als es auf ihren Wink hin, mitzukommen, seine Hand vertrauensvoll in die ihre schob, da zuckten die hartgearbeiteten Finger zusammen, als sei dieses weiche, warme Kinderhändchen ein zusammengeringeltes Reptil.

Es war damals auch so eine Spätnachmittagstunde gewesen, als die heimlich aus Königsberg abgereiste Offiziersfrau den Vorsaal der Giebelwohnung betreten hatte. Da waren auch zögernde kleine Füße neben ihr hergetrippelt, und ein blondes Cherubimköpfchen hatte sich ängstlich an die Mutter geschmiegt, die mit harter Entschlossenheit das Einsiedlerleben auf dem Klostergute gegen eine immerhin glänzende Stellung eintauschte, um ihren Mann grausam zu strafen, ihn geflissentlich vor der Welt zu brandmarken ... damals hatte sie gemeint, das Kind an ihrer Hand so leiten zu können, daß es nie nach dem »leichtsinnigen« Vater zurückverlangen werde und für alle Zeit ihr ausschließliches Eigentum bleibe – eine furchtbare Katastrophe hatte sie eines anderen belehrt.

Ob das alles in diesem Augenblick durch den Frauenkopf flog, über dessen wachsweißer Stirne die starkgebleichte Flechte noch immer so glatt und elegant als Diadem geordnet lag, wie einst das glänzende, vielbewunderte Dunkelhaar? –

Sie führte den kleinen José in das Giebelzimmer mit den braungebeizten Wandschränken, vor das altfränkische Tischchen, auf dem das Waschzeug stand – genau auf dieselbe Stelle hatte sie damals ihren Knaben geführt, ihm den Reisestaub vom Gesicht zu waschen und das von ihrem Bruder so sehr angefeindete blaue Samtröckchen mit einem Hauskittel zu vertauschen ...

Ihre großen starren Augen blickten wie unter einem Schleier, während sie das Handtuch in frisches Wasser tauchte und die verschwollenen Lider des Kindes betupfte, und die Fingerspitzen hüteten sich augenscheinlich, die rosige Wange selbst zu berühren.

»Sprich nicht!« gebot sie mit harter Kürze, als er geängstigt in weichen, sanften Tönen von Tante Mercedes, Jack und Deborah zu reden begann – ein anderes Ohr, als das des erschrocken verstummenden Kindes, hätte gehört, daß ein Laut mehr, als die zwei rauhen Worte, das Brechen der Stimme verraten müsse.

Er hatte wohl sagen wollen, daß er dürste – nun wagte er kein Wort mehr; aber seine Augen hingen begehrlich an der Wasserflasche, und der kleine, heißatmende Mund war verdorrt vom Schreien, von der brütenden Sonnenglut und dem Staub in der Dachkammer. – So sanft fügsam war der Knabe auch gewesen, der vor fünfundzwanzig Jahren seinen Spielwinkel dort in der Fensterecke gehabt, und dessen kleines Lager, hinter dem grobwollenen Türvorhang, dicht am Bett der geschiedenen Frau gestanden hatte ...

Die Majorin schüttete etwas Wein, Fruchtsaft und Wasser in einem Trinkglas zusammen und hielt es mit weggewendetem Blicke dem Kinde an die Lippen. Das war eine Labung, wie sie auf dem Klostergute hie und da dem erschöpften armen Reisenden gereicht wurde – warum nicht auch dem – wildfremden Kinde, das der kleine Sohn des Hauses gemißhandelt hatte? ... Und es mochte furchtbar gelitten haben durch den Sonnenbrand und die innere Angsthitze; es war kaum anzusehen, wie es ihr mit beiden Händen das Glas entzog und den Inhalt gierig bis auf den letzten Tropfen austrank ... Und dann hob sich der Kleine auf den Zehen und reckte die Arme empor, um – wie er stets mit allen tat, die ihm Liebes erwiesen – die fremde Frau dankbar zu umarmen; aber sie bemerkte es wohl nicht. Sie stellte das leere Glas weg und nahm eine Kleiderbürste vom Nagel, um das blaue Kaschmirröckchen von Heu- und Strohhalmen und dem dicken Staub der Rumpelkammer zu säubern. – Sie fuhr ihm auch noch einmal mit dem nassen, kühlen Handtuch über das Gesicht, aber sein Haar, dieses wundervolle, goldglänzende Gelock, das ihm schweißdurchnäßt auf der Stirne klebte, vermied sie zu berühren, als fürchte sie, es könnten elektrische Funken daraus hervorspringen ...

Wer von den Leuten hatte diese Frau je unsicher gesehen! Selbst in der dringendsten Arbeit verloren ihre kräftigen Bewegungen nie die überlegene, maßvolle Ruhe – und jetzt hatte ihre Hand unachtsam Wasser verschüttet, und die Bürste war ihr zweimal entglitten und auf die Dielen gepoltert ... Nun schob sie in schweigender Unruhe und Hast das Kind nach der Tür und trat mit ihm hinaus auf den Vorsaal.

Da kamen schwere Männertritte über ächzende Stufen, und der kurzgeschorene, graue Kopf des Rates tauchte aus der dämmernden Tiefe der Treppe.

»Ei zum Kuckuck – du hast ja Besuch, wie ich sehe!« rief er, noch ehe er die oberste Stufe erreicht hatte. Das Treppensteigen mochte ihm sauer geworden sein – er war atemlos. Wie er aber den Estrichfußboden des Vorsaales betrat, war er auch heute noch das unveränderte Bild zäher Kraft und einer fast wilden Energie. Nur am Gesicht hatte die Zeit gearbeitet, sei es, daß sich die buschigen Brauen zu stark überhängend entwickelt hatten, oder waren die Augen so tief eingesunken, den freien, hochmütig trotzigen Blick dessen, der auf sein gutes Recht pocht, hatten sie nicht mehr – sie brannten wie versteckte Funken in den Höhlen.

Ein solch glimmender Blick fuhr über den kleinen José hin, der sich scheu vor dem Manne mit der starken, schneidigen Stimme zurückzog und sich mit beiden Händchen ängstlich der Rechten seiner Begleiterin bemächtigte, die sie beim Verlassen der Stube in die Kleiderfalten geschoben hatte, als bemerke sie nicht, daß er das Verlangen habe, geführt zu werden.

»Wem gehört der Junge?« fragte der Rat seine Schwester kurz und rauh und schwer atmend.

»Weiß ich's?« fragte sie unter Achselzucken zurück und starr in seine funkelnden Augen sehend – sie zuckte mit keiner Wimper. – »Ich ging in meine Stube, da hörte ich vom Boden her ein Kind schreien – dein Veit hatte sich den Spaß gemacht, das Kind fremder Leute in unsere Rumpelkammer zu sperren –«

»Und dafür hast du ihn gemißhandelt?« brach er los, wie rasend vor Wut und Erbitterung.

»Gemißhandelt!« wiederholte sie mit kalter Ironie. – »Ich habe ihm die wohlverdienten Fünfundzwanzig aufgezählt, die ihm von Rechts wegen gebührten,« setzte sie in ihrer gewohnten energischen Ausdrucksweise hinzu.

Diese unerschrockene Ruhe wirkte ernüchternd – der Rat fühlte, daß er durch sein Aufbrausen an der zeitlebens behaupteten Überlegenheit einbüße. Er bezwang sich und sagte verbissen: »Eine solche brutale Züchtigung meines Kindes gestatte ich mir selbst nicht –«

»Zu seinem Schaden – aus dem Jungen wird sein Lebtag nichts!« – Noch nie war ihr dem Bruder gegenüber eine solche unumwundene Kritik entschlüpft – sie war offenbar nicht ganz Herr ihrer selbst.

»So – meinst du, Therese?« fragte er beißend. Sein tiefgebräuntes Gesicht verfärbte sich vor zorniger Überraschung; aber er fuhr nicht wieder auf – um die Mundwinkel spielte ihm nur sein schlimmes, hämisches Lächeln. – »Es wäre ja doch zu schrecklich, wenn dermaleinst auch mir mein Sohn mit einer Tanzmamsell bei Nacht und Nebel auf und davon liefe!«

Die Majorin schwieg. Sie biß die Zähne fest zusammen und entzog mit einem plötzlichen Ruck dem kleinen José ihre Hand.

Der Rat sah das – er strich sich hohnvoll mit der großen, braunen Hand über den dünnen Kinnbart. »Ach ja, ich weiß es längst – mein Veit ist nicht nach deinem Geschmack,« fuhr er fort. »Er denkt für ein Kind seines Alters zu scharf, sein Wille ist zu kräftig, und als ein echter Wolfram verlegt er sich nicht aufs Schmeicheln und Schöntun ... Solch ein Hanswurst, wie der da –« er zeigte auf den Knaben – »der gefällt dir wohl besser – wie? ... Hm, die Einbildungskraft der Weiber ist stets geschäftig – der Henker mag wissen, was du alles in ihm siehst –«

»Das, was er ist – das Kind fremder Leute,« versetzte sie mit demselben starren Blick wie vorhin; aber ihr Atem ging tief, und in dieser klangvollen Frauenstimme grollte ein Ton mit, wie der eines tiefgereizten Raubtieres.

»Ei, das versteht sich ja von selbst – freilich muß er fremder Leute Kind sein, wir Wolframs haben ja kein verwandtes Blut draußen in der Welt,« sagte er leichthin. – »Ich meinte nur, da dir mein Veit nicht gefällt, du hättest so eine Art Idealschablone, in die der Junge da mit seinem Flachskopf passe ... Wie kommt er aber in mein Haus und hier herauf, wenn nicht durch dich? – Hereingeschneit ist der Junge doch nicht?«

»Veit hat ihn jedenfalls hereingebracht –«

»Veit, und immer wieder Veit! Der arme Kerl muß es stets gewesen sein; er kriegt die Prügel, und der Bursche da ist natürlicherweise das unschuldige Lamm ... Wie bist du in das Haus gekommen?« schnauzte er, seiner nicht mehr mächtig, das Kind an, das entsetzt zurückwich und keinen Laut herausbrachte. »Wirst du wohl antworten, Bursche?« knirschte er und griff in gesteigertem Grimm nach dem Knaben, um dessentwillen sein Sohn gestraft worden war.

Bei dieser drohenden Bewegung fuhr die Majorin empor, als habe sie selbst einen Schlag erhalten, und streckte den Arm zwischen ihren Bruder und den kleinen José – ihre Augen funkelten, und unter der krampfhaft emporgezogenen Oberlippe erschien eine schöne, feste, weiße Zahnreihe. Die Frau mit dem kräftigen und doch so elastisch schlanken Gliederbau hatte in diesem Augenblick etwas von einer Tigermutter, die ihr Junges verteidigt – aber nur sekundenlang; der Rat trat unwillkürlich zurück, und sie sagte scheinbar gelassen, wenn auch mit belegter Stimme: »Du wirst dich nicht an einem fremden Kinde vergreifen, das ohnehin aufgeregt ist durch den Streich, den Veit ihm gespielt hat.«

Sie beugte sich zu José herab, um nun selbst die gestellte Frage zu wiederholen; allein es war, als gebe es für die seltsame Frau keine Sprache der Welt, in der sie mit diesem Kinde reden könne – es sah mit seinen wunderschönen, blauen, beredten Augen zu ihr auf, und da schlossen sich ihre bleichen Lippen nur noch fester aufeinander.

Der Kleine gab jetzt die Antwort von selbst – er fühlte sich durch die Frau beschützt. »Ich bin mit dem großen Jungen durch den Zaun gekrochen,« sagte er mit seiner sanften, treuherzigen Stimme. »Er kriecht immer durch den Zaun und wirft mit Steinen nach den Enten, die auf dem Teiche schwimmen. Nachher wollte er mir seine Lapins zeigen –«

»So –« sagte der Rat; er drehte und zerrte wie zerstreut an seinem grauen Lippenbart – der befremdende, wenn auch unglaublich rasch wieder niedergekämpfte Gesichtsausdruck seiner Schwester gab ihm offenbar zu denken – »durch den Zaun also, und wir haben nur den, der uns vom Schillingshof trennt – das ist ja eine schöne Entdeckung! Mein Veit auf Schillingschem Grund und Boden! – Ich werde die ganze Zaunlinie sofort mit Dornen verbarrikadieren lassen ... Hm, ja, nun weiß ich's auch – ich sehe manchmal einen blauen Irrwisch drüben umhertollen, das ist der Bursche da! Er gehört zu der amerikanischen Familie, ›von Valmaseda‹ schreibt sie sich, wie ich höre – mag auch eine nette Gesellschaft sein! Der Mann soll sich in irgend einem Spielbad herumtreiben und hat unterdessen seine Familie, zum Skandal der Dienstleute drüben, ohne einen Groschen Geld in den Schillingshof geschickt, wo sie auf Regimentsunkosten herrlich und in Freuden leben sollen.« – Wie wunderlich kamen diese Mitteilungen, die einer Klatschbase Ehre machen konnten, aus diesem bärtigen Munde, und wie heiser gedämpft klang die stets so barsche Stimme! ...

»Die Schillings waren von jeher Narren und Verschwender!« fuhr er nach einem befreienden Aufatmen lauter fort. »Theaterleute und Abenteurer finden da stets eine gute Stätte. Der stolzen Baronin aber paßt das nicht – sie ist der sauberen spanischen Gesellschaft aus dem Wege gegangen.« –

Er hielt inne. Seine Schwester stand da wie eine Statue; sie sah seitwärts unbeweglich nach den erblindeten Vorsaalfenstern, durch die ein paar dicke Brummfliegen und eine verirrte Wespe vergebens den Weg ins Freie suchten, und erst, als der Rat schwieg, heftete sie diesen starren Blick durchdringend auf sein Gesicht. »Was geht das uns an?« fragte sie trocken. »Haben wir uns je darum bekümmert, wen der Schillingshof beherbergt?«

»Einst wohl, Therese – als der ›in Königs Rock‹ drüben nach dem schönen, betörten Wolframschen Goldfisch angelte ... Doch da ist längst Gras darüber gewachsen, ich habe die Schande ziemlich verwunden. – Jetzt aber bin ich aufs neue verpflichtet, mich darum zu kümmern, da Veit den Streich gemacht hat, sich einen Kameraden von dorther zu holen – das wäre mir ja eine schöne Bekanntschaft! ... Und du – du solltest doch nie vergessen, daß du dem Schillingschen Hause alle Schmach, die dir widerfahren ist, und deinen total verunglückten Lebenslauf verdankst ... Ich sollte meinen, schon die Luft, die dich von drüben her anhaucht, müsse dich beleidigen. – Ich für meinen Teil habe während der letzten acht Jahre – lediglich um deinetwillen – konsequent verhindert, daß auch nur eine Spur Erde an den Sohlen von dem verhaßten Grund und Boden in mein Haus getragen worden ist; und nun nimmst du diesen hereingeflogenen Unglücksvogel da auf, führst ihn direkt in deine Stube und tröstest und liebkosest ihn –«

»Liebkosen?« lachte sie wild auf und strich hart und wiederholt mit der inneren Handfläche über die blauleinene Schürze, als wolle sie die einzige Spur der Berührung wegreiben, die das Kinderhändchen hinterlassen hatte. »Du solltest wissen, daß deine Anrufung der Vergangenheit eine ganz überflüssige war,« setzte sie schneidend hinzu. »Nenne mir einen Augenblick in meinem Leben, in dem ich je vergessen hätte, daß ich eine Wolfram bin, das Kind meines Vaters und die Urenkelin derer, die vor ihm da waren. Sie haben wohl auch geirrt, aber dann, nach der Erkenntnis, sind sie auf dem Wege geblieben, der ihnen als der rechte gegolten hat, und wenn er durch Höllenqualen gegangen wäre!« ...

Sie drückte die weiße, kräftige Hand fest auf die Brust und ging mit hartgeschlossenem Mund an ihm vorüber, nach der Treppe. »Um mich kümmere dich nicht!« sagte sie noch einmal stehen bleibend. – »Ich werde mit meiner Aufgabe fertig! Aber du sei auf deiner Hut! Du bist nur noch der Schatten deiner selbst ... Hat eines heiß gewünscht, daß unser altes, braves, hoch angesehenes Geschlecht nicht erlöschen möchte, so bin ich's – ich dachte ja nicht, daß sich das Blut ändern könnte, ich habe es nie für möglich gehalten! ... Aber das weiß ich nun – soviel Söhne auf dem Klostergute geboren worden sind, nie ist ein solch heimtückischer, zerstörungswütiger Bube zur Welt gekommen, wie Veit ist – wir wären sonst nicht da, wo wir stehen, es wäre längst alles in alle vier Winde verflogen! ... Und diesen Burschen lässest du hausen, wie er Lust hat, er macht mit dir was er will – du zitterst wie Espenlaub vor jeder Zuckung, die dir der verlogene Junge vormacht! Und in seine Hand soll alles kommen, alles – Franz, ich glaube, du verschriebest deine Seele dem Bösen um dieses einen Kindes willen –« sie hielt inne, als erschrecke sie selbst vor dem leidenschaftlich gesteigerten Ausspruch, der ihren Bruder wie wütend emporfahren machte und ihm eine jähe Glut in das Gesicht trieb; allein sie widerrief oder beschönigte das Gesagte mit keinem Wort. – »Willst du, daß die Wolframs in Ehren weiter bestehen sollen,« fügte sie mit um so festerem Nachdruck hinzu, »so greife nach dem Zuchtmittel unserer braven Väter, nach dem Stock in der Ecke!«

Damit winkte sie dem kleinen José und ging, von ihm gefolgt, die Treppe hinab.

Es war gerade um die Sechsuhrstunde; auf dem Schanktische standen bereits die gefüllten Milchtöpfe, und die Leute kamen in den Hausflur geströmt.

»Der Kleine gehört in den Schillingshof,« sagte die Majorin zu der wartenden Stallmagd. »Führe ihn hinüber und mache ihm die Gartentür auf – hinein gehst du nicht!«–

Sie trat an den Schanktisch – kein Blick fiel mehr auf das schöne, vornehme, von den Leuten angestaunte Kind, das folgsam neben der Magd her ging. An der Flurtür wandte es noch einmal das dunkelrot erhitzte Gesichtchen zurück und rief treuherzig: »Schlaf wohl, gute Frau!«

Auch dieser Abschiedsgruß wurde überhört; denn die Milch schoß bereits aus dem großen Steintopf in das Blechnößel, und dabei geschah das Unerhörte, daß sie in breiter Straße die Tischplatte überströmte – das auf dem Klostergute, wo jeder Tropfen mehr oder weniger sorgsam bemessen wurde! ...

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