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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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16.

Inzwischen hatte José den allzu dienstfertigen Pirat scheltend in seinen Schlafraum, eine Kammer hinter dem Atelier, eingeschlossen. Er war dann seines verschüchterten Kaninchens unter Tränen und Mühen wieder habhaft geworden und trug es nun auf dem Arme, atemlos vor gespannter Beobachtung, denn das Tierchen fraß ihm zutraulich die Grashalme aus der Hand.

Der Kleine, über dessen blonden Scheitel noch vor Wochen die tropische Sonne geleuchtet hatte, spielte wie ein echtes Germanenkind am liebsten unter den Teichlinden. Er liebte das bienendurchsummte Wipfeldach, den kleinen Wasserspiegel mit seinen glitzernden Furchen, welche die mückenhaschenden Karpfen zogen, den ihn umschließenden Rasenring, auf den die Enten watschelnd und schnatternd heraufstiegen, um segelmüde den metallisch schillernden Leib in das weiche Gras zu ducken. Und in diesen feuchtkühlen, lockenden Schatten trug er auch jetzt seinen kleinen Spielkameraden, nachdem er den sonnenheißen Garten kreuz und quer durchwandert. Er setzte das Tierchen behutsam in das Gras und kauerte sich daneben. Mit sanften Händen streichelte er das seidenweiche Fell; er sah entzückt in die seltsamen rotglühenden Augen und beobachtete aufmerksam das Spiel der Ohren, bis ihn plötzlich ein kreischendes Lachen aufscheuchte.

Drüben im Klostergarten, auf einem dicht am Zaun stehenden, hohen Birnbaum saß Mosje Veit. Er schlenkerte die langen Beine in der Luft, und die weißen Zahnreihen des weiten, lachenden Mundes blinkten wie die eines kleinen Raubtieres.

»Ach, der dumme Kerl! Der Einfaltspinsel! er denkt Wunder was er hat! – 's ist ja ein ganz gewöhnliches Karnickel – weißt du denn das nicht?« schrie er herüber.

»Ein Karnickel?« wiederholte das verblüffte Kind, das neue Wort mit fremdartigem Akzent betonend, und sah zweifelhaft bald das Kaninchen, bald den fremden Knaben an, den es noch nie gesehen, und der sich hoch oben auf dem weit hinausragenden Ast so sicher gebärdete, als säße er auf einem Stuhl ... Und jetzt lief dieser wunderbare Junge mit affenartiger Geschwindigkeit auf allen vieren den Ast entlang und glitt am Stamm nieder. Einen Augenblick war er vollständig verschwunden; man hörte nur ein Rauschen und Knicken im Gezweig, dann kam der haarstarrende Knabenkopf unten durch den Zaun, und gleich darauf stand Veit auf seinen dünnen Beinen und lief nach dem Teich.

Sein Erscheinen hatte auch hier dieselbe Wirkung wie im Klosterhof – das Kaninchen flüchtete in das Gebüsch und einige Enten, die behaglich im Grase gelegen hatten, fuhren schnatternd empor und stürzten kopfüber in das Wasser.

»Laß es doch laufen, du dummer Junge!« rief er und vertrat José, der das kleine Tier wieder einzufangen suchte, den Weg.

Und der Kleine blieb gehorsam stehen und sah in scheuer Bewunderung zu dem kecken Burschen empor, der vielleicht nur um ein Jahr älter als er, ihn fast um Kopfeslänge überragte.

José hatte bis dahin nie einen Spielgefährten gehabt, und nun stand da plötzlich einer vor ihm, der wundervoll klettern konnte, der mir nichts dir nichts durch stachlige Zäune kroch und die imponierende Tatsache wußte, daß das Kaninchen eigentlich nur ein Karnickel sei.

»Die kennen mich!« sagte Veit, nach den fliehenden Enten zeigend. »Paß auf, wenn ich ihnen eines auf den Pelz brenne!« Und mit behender Geschicklichkeit warf er Kiesel um Kiesel hinüber und machte die erschrockenen Tiere der Reihe nach untertauchen. Sie peitschten mit ihren Flügeln das hochaufspritzende Wasser und schrien mit vorgestreckten Hälsen um die Wette, und dazwischen lachte Veit wie toll und patschte sich vor Wonne mit seinen dürren, sonnverbrannten Händen die Knie.

Der kleine José verwandte kein Auge von ihm. Der frechkluge Blick der tiefliegenden, schmalgeschlitzten Funkelaugen, die Sicherheit und Gewandtheit in jeder Bewegung dieses langen Jungen, seine rohen Manieren, die er den Knechten des Klostergutes abgelernt hatte, übten eine dämonisch anziehende Wirkung auf das Kind.

»So, die haben genug für heute!« sagte Veit und ließ mit einem leisen Pfiff den letzten Stein über das Wasser sausen.«Jetzt kommst du mit! Ich will dir meine Lapins zeigen. Da wirst du gucken! Die sind freilich anders, als dein schauderhaftes Stallkarnickel.«

José sah scheu nach der Stelle im Zaun, aus welcher Veit gekommen war. Undurchdringliches Blattwerk breitete sich dort aus – man bemerkte nicht die kleinste Lücke. »Ich kann nicht durch,« meinte er verzagt.

»Dummes Zeug! Kann ich doch durchkriechen. Ich hab' mir das Loch selbst durch den Zaun gemacht und bin alle Tage drüben in eurem Garten – ihr wißt es nur nicht. Komm nur mit – es geht ganz gut!«

Er sprang hinüber, schob die Blätter auseinander und war im nächsten Augenblick verschwunden. Und José kroch ihm nach. Sein kleines Herz pochte heftig in einem Gemisch von Angst und geheimnisvoller Wonne – die Dornen zerrten schmerzhaft an seinen Locken, und für das blaue Kaschmirhöschen war der stachlige Weg sehr bedenklich – aber es ging tapfer weiter in dem grünen Tunnel, der schräg durch den Zaun lief und drüben vor einem Zwiebelbeete mündete.

Das war nun eine ganz andere Welt, jenseits des struppigen Zaunes. Da gab es keine schlängelnden Kieswege, keinen Teich, keine Allee mit eleganten gußeisernen Möbeln. Wie lange, geradlinige Dominosteine reihten sich die Gemüsebeete aneinander, nur einmal von dem schmalen, mit Buchsbaum eingefaßten Mittelweg durchschnitten. – Für herumtollende Kinderfüße gab es hier keinen Platz, selbst auf dem Stück Grasboden nicht, das sich weit hinten nach der Straßenmauer zu an die Beetreihen anschloß; dort breiteten sich festgepflöckt lange, lange Streifen bleichender Leinwand hin, ein Laufbrunnen rauschte, und um seinen Steintrog stand ein ganzes Regiment Gießkannen. Das sah alles so ernsthaft aus – drum kroch Mosje Veit immer durch den Zaun. Es war nur etwas da für Kinderaugen – die schönen Beerensträucher hinter den Buchsbaumgirlanden des Hauptweges. Die grünen, dickköpfigen Früchte der Stachelbeere zogen schwer die Zweige zu Boden, und die schaukelnden Johannisbeertrauben nahmen schon Farbe an und leuchteten schön hellrot in der Sonne.

Veit hob seine Reitpeitsche auf, die er vorhin unter dem Birnbaum zurückgelassen hatte, und hieb im Vorüberlaufen so derb auf die Sträucher, daß ein förmlicher Blätter- und Beerenregen zwischen die Selleriestauden und Salatköpfe niederfiel. »Man kann sie immer noch nicht essen,« sagte er mit einem tückischen Blick auf die kleinen, harten Früchte, die seine Geduld auf eine so lange Probe stellten.

Er steuerte auf die Mitteltür des Hintergebäudes los, die gerade auf den Hauptweg mündete. Sie war grauverwittert, hing schief in den Angeln und sah wenig einladend aus; daß es aber so stockfinster hinter ihr sein würde, hatte der kleine José doch nicht gedacht. Er klammerte sich mit beiden Händen ängstlich an Veits Samtkittel, als die Tür hinter ihnen zufiel.

»Ich glaube gar, du fürchtest dich, du Lump! Willst du wohl deine Hände wegtun!« schalt der lange Junge und schlug auf die kleinen Finger, die ihn festhielten. »Das ist unser Holzstall, und da habe ich meine Lapins.« – Man hörte Pferdegestampf und die Brummstimmen der Kühe dumpf herüber, und der heiße Dunst des Kuhstalls schlug durch irgend eine offene Luke herein. Allmählich wurde es auch heller – der Tagesschein dämmerte vom Garten her durch kleine, mit Eisenstäbchen verwahrte Fensterlöcher, vor denen dichtes Weinblättergespinst lag; und dieses ungewisse Licht beschien auch die Lapins in ihrem Bretterverschlag, über welchen hinweg eine Treppe in die oberen Räume lief.

Dieses steile, dunkle Holztreppchen ging es im Sturmschritt hinan, nachdem Veits grausame Hände die unglücklichen Kaninchen an den Ohren herbeigezerrt und verschiedenemal durch die Luft geschlenkert hatten – und José lief mit auf Tritt und Schritt... Das zarte Kind, das von seiner ersten Lebensstunde an behütet worden war wie ein Prinzenleben, es kletterte in diesem weitläufigen, verlassenen Hintergebäude über halsbrechende Treppen und Leitern, über freischwebende Balken, und lief arglos an den dunkelgähnenden Schlünden hin, durch welche die Getreidebündel auf die Tenne hinabgeworfen wurden – immer ohne einen Laut des Widerspruchs dem unruhig vorwärts hastenden, großen Burschen wie seinem Leitstern auf den Fersen folgend, und eifrig bemüht, ebenso herzhaft zu tappen und aufzustampfen wie er – genau so kräftig klang es freilich nicht – der hatte aber auch »wundervolle« kleine Hufeisen auf seinen Absätzen.

Ach, wie schön war es doch, daß man auch einmal so ein rechter Junge sein konnte! Jack und Deborah waren nicht da mit ihrem ewigen Bitten und Warnen, und man durfte sich auf den fremden Treppen und Gängen austoben, ohne der Mama oder Minna den Besatz von der Schleppe zu treten, was allemal einen Heidenlärm gab. Und wie süß das kaum eingefahrene, frische Heu duftete, in das man bis über die Knie weich einsank – und was war das für ein wonniger Schrecken, wenn plötzlich aus einer ganz entlegenen Ecke eine aufgejagte Henne ängstlich gackernd und schreiend emporfuhr und halb fliegend, halb rennend das Weite suchte, ihr verschlepptes Nest mit blanken, weißen Eiern zurücklassend! ... In jedem Sonnenstrahl, der als langes, scharfabgekantetes Goldband durch die Dachluken fiel, wimmelten Myriaden von Stäubchen geräuschlos lebendig – man hörte das Rucksen der Tauben in nächster Nähe auf dem Dache und konnte durch einzelne verschobene Ziegel hinabsehen in den großen, gepflasterten Hinterhof mit seinen Truthühnern, den dumm einhertrottenden Kälbern und dem großen, einsamen Baum in der Ecke, in dem die vielen aus- und einfliegenden kleinen Vögel brüten mochten.

Und oben unter dem Dach des zweistöckigen Seitengebäudes, das an das Klosterhaus selbst stieß, fauchte plötzlich auch eine schöne, buntgefleckte Katze aus einer halboffenen Kammertür – sie schien die Knaben angreifen zu wollen; vor Veits hochgeschwungener Reitpeitsche aber ergriff sie sofort die Flucht und kletterte angstvoll am Sparrwerk empor.

»Ei was – die Miez hat junge Katzen!« – schrie Veit und rannte in die Kammer hinein. Auf dem Boden eines alten, halb aus den Fugen gegangenen Bastkorbes hockten in der Tat drei noch sehr junge Kätzchen. »Werd's gleich dem Papa sagen; Fritz muß sie heute noch ersäufen – das gibt allemal einen Hauptspaß!« jubelte er.

José kauerte sich auf die Dielen und sah mit großen, strahlenden Augen in den Korb – er hörte gar nicht, was der andere sagte. Drei so allerliebste, geschmeidige Tierchen, weich gebettet auf allerlei buntem Lappenzeug, in einem Korbe beisammen, das war ja noch hübscher, als das Zaunkönignest, das ihm Onkel Arnold neulich in einem großen Weißdornbusch gezeigt hatte! – Mit scheuem Finger strich er zärtlich über die weichen Fellchen.

Diese mädchenhafte Sanftheit reizte und ärgerte den großen Jungen. »Du bist doch noch schrecklich dumm!« schalt er. »Macht doch der Einfaltspinsel ein Wesens mit dem Viehzeug, wie die Tante Therese mit ihren jungen Truthühnern!« – Er nahm eines der Tiere aus dem Korbe und stellte es derb auf seine schwachen Beinchen – es blieb breitspurig stehen und miaute kläglich.

Auf diese Laute hin kam die Katzenmutter wieder über die Schwelle gestürzt; aber sie mochte Veits Gertenhiebe zur Genüge kennen – die Furcht siegte abermals über die Mutterliebe – sie floh vor der gehobenen Reitpeitsche seitwärts an der Wand hin und kletterte an einem Regal empor, und Veit sprang auf einen daneben stehenden Stuhl und schlug nach ihr. Was auf dem oberen Brett stand, alte Hutschachteln, halbzerbrochenes Porzellan und dergleichen, es stürzte alles unter den flüchtenden Füßen der Katze auf die Dielen herab – das polterte und klirrte, erstickende Staubwolken wirbelten auf, und unter Veits kreischendem »Hü, Hü!« flog die arme Gehetzte auf der anderen Seite des Regals wieder hinab und zur Tür hinaus.

Währenddem hatte José die kleine Katze wieder auf ihr Lager gebracht. Dem zartgewöhnten Kind war der wilde Lärm der Hetzjagd sehr peinlich; es sah sich scheu um nach den zerschmetterten Porzellanscherben und atmete auf, als die Katze zur Tür hinauslief – er hörte noch, wie ihr Veit mit heftig stampfenden Füßen durch den langen Gang draußen nachsprang, dann war es so hübsch still, und man konnte ungestört mit den Kätzchen spielen.

Er strich das Lappenzeug im Korbe glatt, wie es Deborah immer mit seinem Kopfkissen machte, ehe er einschlief. Und die Sonne kam durch die erblindeten Scheiben des Rumpelkammerfensters und warf bunte Regenbogenfarben auf seine geschäftigen kleinen Hände – das machte ihm Freude – er hielt sie immer wieder empor und badete sie in dem flimmernden Schein ... Dann rastete auf dem Fensterbrett draußen ein kleiner Vogel – er verspeiste die zappelnde Mücke, die er im Schnabel mitbrachte, und guckte mit seinen beerenschwarzen Augen scheu in die Kammer. Man hörte sein Gezwitscher so stark und hell herein; auch das Miauen der kleinen Katzen wurde so laut, und bei jeder Bewegung des Knaben ächzte und quiekte die Diele, auf der er kauerte – es war ja aber auch so still, so totenstill geworden – der große Junge, der eigentlich nicht eine Sekunde lang ruhig auf seinen Beinen stand, rührte und regte sich nicht mehr; und er mußte doch längst wieder hereingekommen sein, denn wie lange, lange war es schon, daß er die Miez hinausgejagt hatte!

Das Kind wandte sich arglos um – der große Junge war nicht da, und da, wo vorhin die Katze mit ihrem Verfolger verschwunden war, in der Türöffnung, dämmerten halbverwischte, seltsame, graue Schnörkeleien, und man konnte nicht mehr in den Gang hinaussehen ... Das unschuldige Kind begriff im ersten Moment seine Situation nicht – die große, gemalte Fläche dort war eine Türe, die man selbstverständlich aufmachen konnte, und der lange Junge stand natürlicherweise draußen auf dem Gange.

José stand auf und lief durch die Kammer; aber die Türe ließ sich nicht aufdrücken – es war auch kein Griff, kein Schlüssel zu sehen; nur an der Stelle, wo ehemals das Schloß gesessen, war ein kleines Loch im Holz verblieben, durch das man in den dunkel dämmernden Gang hinauslugen konnte. Da draußen aber war es grabesstill und durch die festanschließende Tür, die nicht wich, noch wankte, konnte keine Maus schlüpfen ...

Das Kind stieß plötzlich einen markerschütternden Schrei der Furcht und Angst aus; aber es schwieg ebenso rasch wieder und drückte mit zurückgehaltenem Atem aufhorchend das Ohr an die Türfuge – draußen schlich es über die knarrenden Dielen. »Ach, lieber Junge, mache mir doch auf!« bat der Kleine flehentlich.

Keine Antwort, keine Berührung der unbarmherzigen Türe, die ihn einsperrte zwischen diese schrecklichen vier Wände.

Er pochte unter herzbrechendem Weinen mit den kleinen Fäusten aus allen Kräften auf die schmutzigen Bretter, und dazwischen rief er mit seiner zärtlich bittenden Kinderstimme nach Tante Mercedes, nach Jack und Deborah, nach allen, die ihm zu Hause jederzeit helfend die Hände entgegenstreckten – bis er heiser und erschöpft auf der Schwelle niedersank.

Dort kauerte er, hoch oben im alten Falkennest, auch ein schönes, verirrtes, von unbeschreiblicher Furcht geschütteltes Vögelchen, wie einst der arme, einfliegende »Kolibri«. – Wenn das der Verstoßene gewußt hätte, der weit drüben über dem Meere, an Floridas Küste, unter Magnolien und Lorbeerbäumen den ewigen Schlaf schlief! ... Er hatte sie ja auch gekannt, diese wüste, sonnenheiße Dachkammer, in der alles aufgestapelt wurde, was sich als dienstuntauglich erwies – diese Wände, behangen mit wackligen Rahmen, in denen hie und da noch ein Spiegelsplitter steckte, oder ein Fetzen geölter Leinwand eine Ecke füllte – diese altfränkischen Truhen voll alter Schmöker und Kalender, aus denen ganze Mottenwolken wirbelten; die ???Garnweifen und Spinnräder mit ihrem abgenutzten Trittbrett, die viele Generationen der Wolframs, von der Wiege bis zur Gruft, in die unverwüstliche Hausleinwand gehüllt hatten ... Da hockten auch wurmzerfressene Stuhlgestelle übereinander, auf denen vielleicht noch die Tuchweberfamilie gesessen hatte, die vor drei Jahrhunderten aus dem engen Stadtgäßchen auf das Klostergut übergesiedelt war; und in einer Ecke waren die Reste groben Kinderspielzeuges zusammengekehrt – auch die halbentkleideten, kopflosen Puppenbälge, die einst die jüngsten Töchter des Wolframschen Hauses, die flachshaarigen Mägdlein der armen Frau Rätin, gewiegt und geherzt hatten, lagen dort ...

Der Sonnenschein glitt allmählich weg vom kleinen Dachfenster, und der Vogel auf dem Sims war schon beim ersten gellenden Aufschrei des Kindes erschreckt fortgeflogen. Die jungen Katzen waren jetzt auch still; sie lagen zusammengeduckt wie ein graues Knäuel in dem Korbe und hoben nur schlaftrunken die Köpfe, wenn der kleine Eingesperrte auf der Türschwelle in ein lauteres Jammern ausbrach. So oft das Kind die verschwollenen Lider furchtsam hob, sah es auf die von Alter und Abnutzung entstellten und verzerrten Gegenstände. Alle Spukgeschichten, die ihm Deborah so fleißig erzählt hatte, wurden lebendig – sie glotzten aus dem zeigerlosen Zifferblatt der hölzernen Uhr an der Fensterwand, aus dem übriggebliebenen Menschenauge auf einem der Bilderfetzen; sie huschten aus den Truhen und durch das Gewirr von aufeinanderhockenden Stuhlbeinen und winkten und haschten mit den bleichen Lederarmen der Puppenbälge. Auch die Geschichte von fortgelaufenen Kindern, die sich zur Strafe verirrt, ging durch die gemarterte junge Seele. »Ich will's nie wieder tun, Tante! Ich will nie wieder fortlaufen!« murmelte er aufschluchzend und reuevoll, als läge er, die kleinen Arme um ihren Hals schlingend, geborgen am Herzen der schönen Tante und flüsterte ihr, wie immer, seine Abbitte ins Ohr.

Draußen herrschte fort und fort die tiefe, hoffnungslose Stille – nur selten klang ein Hahnenschrei wie aus weiter, weiter Ferne vom Hofe über das Dach her. Aber in der Kammer selbst machten sich jetzt Geräusche bemerklich – es tappte auf leisen Sohlen, Papier raschelte, und plötzlich klirrten die Porzellanscherben auf den Dielen – eine freche junge Ratte, die trotz der Katzennähe ihr Heimatsrecht in der Rumpelkammer behauptete, hatte offenbar Speisereste an dem Porzellan entdeckt; sie tummelte sich schnobernd zwischen den Scherben; und diese Erscheinung war noch viel schrecklicher als die vermeintlichen Spukgestalten. Der Knabe hatte eine Abneigung vor Mäusen – nun lief da eine so »entsetzlich große« – sie konnte im nächsten Augenblick auf ihn zuhuschen. ...

Unter furchtbarem Schreien schnellte er empor. Die Ratte verschwand unter dem Regale; aber das entsetzte Kind rannte wie toll von Wand zu Wand, fast ohne Unterbrechung gellende Hilferufe ausstoßend; nicht einen Augenblick wagte es, zu rasten aus Furcht, das Tier könne wieder hervorkommen und an ihm emporspringen ... Es lief und lief, zuletzt atemlos, schweißbedeckt, unter einem kreischenden Lallen – da wurde plötzlich draußen ein Riegel weggeschoben und die Türe aufgerissen.

Eine große Frau trat auf die Schwelle; das Kind taumelte mit ausgestreckten Armen auf sie zu und stammelte: »Ach, mache die Tür nicht wieder zu! ... Ich will ein guter Junge sein! Ich will nie wieder fortlaufen!«

Es war ein totenbleiches Gesicht, das sich über ihn bog, und durch den Körper der Frau ging es wie ein Schaudern, als die Kinderarme sich um ihre Hüften schlangen – aber sie ergriff den Knaben und führte ihn hinaus auf den Gang.

Und da war ja auch mit einemmal der lange Junge. Er kam hinter einem Schornstein hervor und trampelte vor Vergnügen mit seinen Hufeisen wie ein ausgelassenes Füllen. »Gelt, es ist schön in der Rumpelkammer? – Hast du nun lange genug mit den Katzen gespielt?« schrie er und lachte aus vollem Halse.

»Du hast ihn heraufgelockt und eingesperrt?« fragte die Frau kurz, mit seltsam tonloser Stimme.

»Freilich – wer denn sonst?« – Er hieb mit der Reitpeitsche durch die Luft, und seine schiefgestellten, verschmitzten Augen schielten frech an der Frau empor. – »Aber was hast denn du danach zu fragen? – dich geht es ja gar nichts an! ... Ich kann den Zierbengel nicht ausstehen – er ist noch schrecklich dumm und läuft einem nach wie ein junger Hund. Einen Spitzenkragen hat er um, der Affe, und seine Schuhe sind –«

Er kam nicht weiter. Mit einem raschen, festen Griff hatte die Frau ihn gepackt und züchtigte ihn weidlich mit ihren großen, kräftigen Händen – dann stellte sie ihn auf die Beine und stieß ihn nach der offenen Tür, die vom Gange in das Klosterhaus führte.

Zuerst hatte er, stumm vor Überraschung, keinen Laut von sich gegeben. Er war in seinem ganzen jungen Leben noch nicht geschlagen worden – wer von den Leuten hätte sich auch je an dem vergötterten Ratssöhnchen auf dem Klostergute vergreifen mögen? – Er wußte nur, daß andere Geschöpfe unter seinen Gerten- und Peitschenhieben aufschrien, und nun schrie er selber, aber erst in dem Augenblick, wo ihn die unerbittliche Hand auf die Füße stellte ... Nun rannte er wie besessen durch den Gang und die Treppen hinab; die eisenbeschlagenen Absätze tosten über die Stufen; er kreischte wie ein Tier – je tiefer er hinab kam, desto durchdringender. Das gellte von den Treppenwänden und hallte aufschreckend durch die weite Flur des alten Klosterhauses. Das Gesinde lief zusammen, und der Rat kam entsetzt aus dem Amtszimmer und fing seinen auf ihn zustürzenden Sprößling in den Armen auf.

Kreideweiß vor Schrecken trug er ihn in seine Stube, und die Hand, die das magere, braune Gesicht des Knaben beruhigend streichelte, zitterte sichtlich.

Mosje Veit wußte, daß er an Krämpfen litt – die Mägde hatten in seiner Gegenwart davon gesprochen und die Zuckungen nachgeahmt. Seitdem traten diese Erscheinungen sehr häufig auf; er warf sich hintenüber und zuckte mit Armen und Beinen, wenn irgend einer seiner Wünsche auf Widerstand stieß ... In diesem Augenblick nun durchschütterte eine wirkliche Aufregung, eine grenzenlose Wut, den dürren, schmächtigen Körper – er schlug um sich und wühlte, immer noch schreiend, den Kopf krampfhaft in die dicken Federkissen des Sofas, auf das der Rat ihn gelegt hatte. Dieser Zustand erschien allerdings beängstigend; aber die kleinen, zwinkernden Augen des Patienten schielten sehr bewußt und beobachtend dem Vater nach, der angsterfüllt nach einem Schranke eilte, um das gewohnte, krampfstillende Mittel herbeizuholen.

Da riß das Geschrei jäh ab, und das Schlagen auf dem Sofa verstummte. Diese plötzlich eintretende Stille hinter seinem Rücken machte den Rat erschreckt umsehen – Veit hatte sich aufgerichtet und starrte bestürzt nach der gegenüberliegenden Wand. Dem einen in Holz geschnitzten Heiligen dort war der segnend ausgestreckte Arm abgerissen – ein breiter dunkler Spalt trennte ihn weit vom Rumpfe. »Papa, die Wand geht entzwei – sie fällt ein!« schrie er erschrocken auf.

Mit einem fast wilden Satze sprang der Rat auf die Galerie; er bückte sich, und unter seinen schiebenden Händen schloß sich der Spalt sofort geräuschlos.

»Närrchen du!« sagte er, die Stufen wieder herabkommend. »Die dicke Wand wird doch nicht einfallen! Aber das vermorschte Holz kriegt allenthalben Risse – da muß der Tischler her und wieder einmal zusammenflicken.«

Mosje Veit war ein kleiner Skeptiker. Sein scharfer Verstand und sein Lauern und Horchen in allen Ecken hatten ihm bereits jenen Kinderglauben geraubt, der alles für bare Münze nimmt, was Erwachsene sagen. Er schielte ungläubig nach dem Heiligen, der wieder scheinbar unverletzt das Weib zu seinen Füßen segnete – aber er schwieg und fing dann wieder an zu jammern, während der Rat an einen Tisch trat und die Arznei in einen Löffel voll Wasser schüttete.

»Die Tante hat mich halbtot geschlagen, Papa!« schrie Veit, er konnte den Augenblick nicht erwarten, wo der Vater fragen würde.

Der Rat fuhr herum, als traue er seinen Ohren nicht.

»Ja, furchtbar geschlagen und gestoßen hat sie mich. – Was kann ich denn dazu, wenn der dumme Bengel mir überall nachläuft, wie ein kleiner Hund?«

»Wer? – Von wem sprichst du denn, mein Kind?« fragte der Rat bebend – er glaubte, der Knabe beginne zu phantasieren.

»Ich meine den fremden Jungen aus dem Schillingshofe,« versetzte Veit, sich ungeduldig herumwerfend; »den blauen Bengel, der immer mit seinem großen Hund drüben im Garten spielt. – Er ist mitgelaufen bis in unsere Rumpelkammer –«

»Er ist hier im Hause? – Oben bei der Tante Therese?«

Veit nickte, und der halbe Inhalt des Löffels, den sein Vater in der Hand hielt, flog verschüttet auf die Dielen.

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