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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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12.

In der Nähe des Hauses sprang Baron Schilling vom Pferde. Ein Stallbedienter eilte herbei, das Tier in Empfang zu nehmen, und auf einen Wink des Gebieters kam auch Hannchen vom Säulengang her.

»Hier, mein Kind, das trägst du in das Atelier – du weißt schon, wo die anderen liegen.« – Er holte einige kleine Baumschwämme aus der Tasche und warf sie dem Mädchen in die Schürze. – »Und diese hier« – behutsam nahm er ein Sträußchen frisch aufgeblühter Heckenrosen aus dem Knopfloch – »die gibst du der Birkner und sagst ihr, ich hätte auch heute nicht vergessen, die ersten, die ich gesehen, für sie zu pflücken, was ich mir schon als kleiner Junge nicht habe nehmen lassen.«

»Er ist verrückt!« murmelte die Baronin, die mit scharf lauschendem Ohr jedes herüberklingende Wort aufgefangen hatte, in namenloser Erbitterung; und jetzt bog sie sich wieder über die Brüstung, und ihre Finger pflückten mechanisch an dem Rebenlaub, während die Augen mit zorniger Verachtung die Gruppe drunten fixierten. Noch stand Baron Schilling neben dem Pferde, dessen Zügel der Stallknecht in die Hand genommen hatte; er liebkoste das edle Tier und gab ihm mit der weichsten Modulation seiner schönen Stimme sanfte Schmeichelnamen.

»Mein Gott, das sieht sich ja an, wie eine Trennung fürs ganze Leben!« sagte die Frau droben, jetzt völlig beherrscht, in trockenem Tone. »Welcher Mensch mit gesundem Empfinden mag eine solche Liebesverschwendung an ein Tier ruhig ertragen!« – Sie ergriff ein Paket Zuschriften und hielt es über die Geländerbrüstung. »Arnold, ich habe Briefe für dich!« rief sie hinab – ihr Ton klang scharf, hell und hochliegend wie eine grelle Kinderstimme.

Baron Schilling sah hinauf. Er zog grüßend den Hut unter einer leichten Verbeugung – dann schritt er auf das Haus zu.

Die Stiftsdame schob das gebrauchte Geschirr zusammen, prüfte die eine der verdeckten Schüsseln, ob sie noch warm genug sei, und war im Begriff, einen frischen Teller aufzustellen, als ihre Hand mit einem unwilligen Druck weggeschoben wurde.

»Lasse das!« raunte die Baronin gebieterisch. »Ich biete ihm nie etwas an, wenn er sich von der gewohnten Ordnung freigemacht und allein gefrühstückt hat – mag er noch so hungrig heimkommen.«

Mit raschen Schritten trat er auf die Terrasse heraus. Er hatte den Hut im Salon abgelegt, und der Zugwind hob leicht die dunklen Ringel, die sich stets eigenwillig aus dem zurückgestrichenen, mühsam gebändigten krausen Haar lüften, von der breiten gebräunten und kantigen Stirn, nach welcher die Frau Baronin die Schillings als viereckige Köpfe bezeichnete. Im übrigen wich dieser letzte Vertreter des ritterlichen Geschlechtes jetzt bedeutend von denen ab, die im Mittelsaal die alten, gewundenen und vergoldeten Holzrahmen mit ihren herkulischen Gestalten füllten. Er hatte sich verändert, er war nicht mehr vollwangig, wie vor acht Jahren – das Vertiefen in seine Kunst hatte an ihm gezehrt: sie hatte die Züge, in denen sich drüben bei den alten Haudegen und den gewaltigen Jägern vor dem Herrn viel Jovialität und derbe Genußsucht widerspiegelten, verschärft und veredelt, sie hatte der hohen Figur jede Spur jener stattlichen Behäbigkeit genommen und dafür die Bewegungen geschmeidigt.

Er reichte seiner Frau die Hand, und sie legte zögernd, wie unter einem inneren Widerspruch, die dünnen Fingerspitzen hinein, während die Stiftsdame seinen höflichen, aber sehr kühlen Gruß ebenso reserviert und frostig erwiderte. Sie setzte sich ziemlich entfernt nieder, zog einen großen Arbeitskorb an ihre Füße heran und begann, in ein Stück feinsten, violetten Tuches herrliche Arabesken mit Silberfäden zu sticken.

»Donna de Valmaseda hat geschrieben,« sagte die Baronin mit ironischer Betonung des fremdklingenden Namens und schob den Brief auf die Tischecke.

Baron Schilling öffnete das Kuvert und überflog die wenigen Zeilen, die das Briefblatt enthielt. »Wir können unsere Schützlinge in acht bis zehn Tagen erwarten,« berichtete er; »aber du wirst dem Einquartierungsprogramm ein wenig verändern müssen, Klementine. Frau von Valmaseda wird ihre Schwägerin begleiten, weil, wie sie hier zum erstenmal ausspricht,« – er deutete auf die Zellen – »Felix das ganz ausdrücklich gewünscht habe –«

»So ... Gott mag wissen, wie viel Wünsche dieser gute Felix noch gehabt hat, die zu erfüllen wir nolens volens verpflichtet sein sollen,« unterbrach ihn die Baronin gereizt. Sie verharrte nichtsdestoweniger in ihrer nachlässigen Haltung, aber die im Schoße liegende Rechte drehte im nervösen Spiel unaufhörlich ein paar abgerissene Rebenblätter zwischen den Fingern. »Für diesen anmaßenden Menschen ist eben der Schillingshof stets eine Art Hotel gewesen; das haben wir ja schon erlebt, als er uns vor acht Jahren mit seiner Entführten ohne Umstände in das Haus fiel ... Ich protestiere ganz entschieden gegen einen solchen Zuwachs, Arnold – genug, daß ich mich herbeilassen will, die Witwe mit ihren lärmenden Kindern in unserem stillen Haus zu dulden.«

Baron Schilling hatte sich in einem Korbstuhl niedergelassen. Er sah dieser Opposition gegenüber sehr unbewegt aus. Zu Anfang seines Ehelebens hatte noch der Ausdruck fürsorglicher Güte und des Strebens nach Verständigung dieses Männergesicht beseelt – jetzt zeigte es in jeder Linie eine unanfechtbare Gleichgültigkeit. Er schob den Brief in das Kuvert und sagte gelassen: »In diese Änderung werden wir uns finden müssen.«

»Mit nichten. Es ist beispiellos aufdringlich von der Frau, daß sie ihre Schwägerin durchaus begleiten will –«

»Ich sagte dir, daß sie das muß,« versetzte Baron Schilling stirnrunzelnd.

»Gleichviel – für uns ist es durchaus kein »Muß«, sie zu beherbergen. Der Schillingshof ist nicht groß genug für eine solche Menschenkarawane.« – Sie richtete sich in steigender Erregung empor und streute mit hastigen Händen die Reste der zerzupften Blätter in die Lüfte.

»Wir haben so viel Raum, daß du mit den Fremden gar nicht in Berührung zu kommen brauchst, so wenig wie ich,« entgegnete er. »Klementine, sei gut und verständig. Bedenke, daß wir mit berufen sind, verwaisten Kindern zu ihrem guten Rechte zu verhelfen –«

»Ja, mit diesem rührenden Hinweis hast du mir auch meine Einwilligung abgelockt. Aber ich bin mir inzwischen bewußt geworden, daß ich unrecht tue, wenn ich mich an dem Plan beteilige – frage Adelheid, als was sie ihn bezeichnet –«

»Als eine unerlaubte Intrigue!« rief die Stiftsdame mit ihrer sonoren Stimme herüber.

Baron Schilling sah über die Schulter nach ihr zurück. »Ah, daher die plötzliche Umkehr!« sagte er halb zornig, halb sarkastisch. »Ich hatte nicht an deinen geheimen geistlichen Rat gedacht, Klementine.«

Die großen, schwarzen Augen der Stiftsdame funkelten durch das Laub des Orangenbaumes, der zwischen ihr und dem Hausherrn stand, aber sie entgegnete mit würdevoller Gelassenheit: »Klementine wird mir bezeugen, daß ich mich jeglichen Rates enthalten habe –«

»Schön!« – unterbrach er sie kalt – »ich würde mir Ihre Einmischung auch ganz entschieden verbitten, Fräulein von Riedt!«

Diese strenge, scharfe Zurechtweisung bewirkte bei der Stiftsdame nur ein ausdrucksvolles Achselzucken; die Baronin aber fuhr tiefgereizt auf. Sie hatte Momente, wo in ihren mattgrauen, glanzlosen Augen ein unheimliches Licht aufflackerte, das kaum noch auf das Gebiet ihrer vielgenannten Nervosität zurückzuführen war. Mit einem solchen Blick und den ausgeprägtesten Eigensinn auf der Stirn, sagte sie grollend: »Ich bitte mir's aus, daß du nicht fremden Schultern aufbürdest, was ich nach eigener Einsicht beschlossen habe. Ich nehme mein gegebenes Wort zurück – ich will nicht mehr, durchaus nicht! – Und nun bitte ich dich, schweige, Arnold, – treibe mich nicht zum Äußersten!«

»Inwiefern?« fragte er mit unzerstörbarer Ruhe und fixierte unverwandt die vor Aufregung bebende Frau – er mochte allzu genau die aufeinanderfolgenden Stadien ihrer Leidenschaftlichkeit kennen. Ihre Augen wichen seitwärts unter dem starrfragenden Blick, und ein schattenhaftes Lächeln entblößte flüchtig ihre großen weißen Zähne; allein an ein kluges Einlenken war hier nicht zu denken – sie sagte mit trotziger, wenn auch etwas unsicherer Stimme: »Du darfst nicht vergessen, daß ich verbriefte Rechte an den Schillingshof habe!«

Baron Schilling erblaßte leicht, aber er blieb ganz ruhig. »Ich vergesse das so wenig, wie mein gutes Recht, kraft dessen ich Herr im Hause bin. Jetzt werde ich mit der Birkner über die Aufnahme der Kommenden verhandeln.«

»So gehe! – Selbstverständlich wirst du nicht über die mir zustehenden Gasträume verfügen. Es fällt mir nicht ein, diese – diese spanische Bettlerfamilie unter den kostbaren Vorhängen meiner Gastbetten schlafen zu lassen – mag sie sich doch drunten in den spukhaften Zimmern einquartieren –«

»Das war bereits beschlossen,« unterbrach er sie mit einer Handbewegung, die jedes weitere heftige Wort abschnitt. hoffentlich ist diese Fremde nicht so gut klösterlich erzogen, um so unverantwortlich abergläubisch und unwissend zu sein.« – Er stand auf, schob die für ihn eingegangenen Briefe in die Brusttasche und ging hinaus, ohne auch noch ein Wort zu verlieren.

Die Baronin hatte sich inzwischen erhoben und stand einen Augenblick unbeweglich, als besinne sie sich – ihr Blick huschte nach der Stiftsdame hinüber, die scheinbar teilnahmslos ihre Silberfäden durch das Tuch zog – dann flog sie zur Tür hinaus, ihrem Mann nach. Wie flink diese Füße laufen konnten! Wie die Barben der Morgenhaube flatterten und die weiße Schleppe den Fußboden fegte!

Baron Schilling stieg eben die untersten Stufen der breiten Wendeltreppe hinab, als seine Frau droben erschien.

»Arnold!« rief sie hinab.

»Was wünschest du?«

Eine Pause erfolgte. Die Baronin hörte, wie ihr Mann unbeirrt die letzte Stufe verließ und auf dem hallenden Steinfußboden weiterschritt.

»Arnold, komme! Ich will gut sein, ich will – abbitten!« rief sie halblaut, und in diesem unterdrückten Ton lag so viel Glut, er klang so verräterisch sehnsüchtig, daß man sich unwillkürlich die hageren, zur Umarmung ausgestreckten Arme vergegenwärtigen mußte.

»Wozu das? – Ich zürne nicht!« scholl es herauf, dabei aber verdoppelten sich drunten die eilenden Männerschritte. Die Tür nach dem großen Garten wurde geöffnet, und Baron Schilling trat hinaus auf die Freitreppe. In diesem Augenblick stand aber auch schon seine Frau neben ihm ... Sie war so lautlos hinter ihm hergeschlüpft, als habe sich die lange, schwanke Gestalt zu einem Schatten verflüchtigt. Ihren Arm fest um den seinen schlingend, sah sie ihm unter das Gesicht und ertappte noch den Ausdruck einer stillen Verzweiflung, eines unbezwinglichen Widerwillens auf diesen Zügen.

»Arnold,« murrte sie drohend, da er, durch ihr plötzliches Erscheinen überrascht, eine unwillkürliche Bewegung machte, als wolle er sie wie ein unheimliches Traumgespenst von sich schütteln. »Versündige dich nicht! Denke an den Ausspruch der Ärzte, der dich verpflichtet, mich um meines schwächlichen Nervenlebens willen vor jedem Ärger zu behüten.«

Er antwortete nicht. Sein« Zähne gruben sich tief in die volle, kirschrote Unterlippe, und er stieg langsam die Freitreppe hinab.

Seine Frau ging mit. Sie hing noch an seinem Arm und hatte die Arme verschränkt – für fernstehende Beobachter mußte das Paar, das langsam wandelnd in die schattige Platanenallee einlenkte, das glückliche Bild ehelicher Eintracht sein.

»Arnold, verzeihe! Es war eine Unbesonnenheit von mir, dich an die Ansprüche der Steinbrücks zu erinnern,« hob die Baronin wieder an.

Ein Zug von Ekel ging durch sein Gesicht, als er, von ihr weggewendet, seine Augen droben durch das Geäst der Platanen gleiten lieh. »Lasse doch das auf sich beruhen, Klementine – verdirb mir nicht mit dem leidigen ›Mein und Dein‹ den strahlenden Morgen!«

»Aber ich will dir ja nur sagen, daß ich im Grunde an diese Ansprüche so wenig denke wie du,« entgegnete sie hartnäckig.

»Darin irrst du wieder. Ich denke sehr oft daran; so oft, als ich unter diesen lieben, alten Bäumen hingehe und den Blick auf das Säulenhaus richte; so oft ich durch eine neue Sparsumme das Kapital erhöhe, das deine Hypothek von diesem Grundstück wenigstens, von meinem Vaterhause, ablösen soll.«

»Unsinn! Bist du nicht Mitbesitzer alles dessen, was mir gehört?«

»Nein. Ich habe mich nur in diese Rolle zu finden gesucht, solange mein Vater lebte. Du führst deine Bücher musterhaft und wirst deshalb auch ohne diesen meinen Protest wissen, daß ich seit seinem Tode mich auch nicht für eine Stunde länger als Mitbesitzer betrachtet habe.« Bei diesen Worten klärte sich sein verfinstertes Gesicht auf. Diese zurückkehrende unanfechtbare Ruhe war der nebenher gehenden Frau sicher noch verhaßter, als sein Widerspruch. Sie zog ihren Arm aus dem seinen und sagte in erbittertem Tone: »Es ist ja recht liebevoll von dir, mir so unverschleiert ins Gesicht hinein zu sagen, daß ich dir entbehrlich bin –«

»Dein Geld, Klementine –«

»Wie richtig ist der Instinkt gewesen, mit dem ich gleich zu Beginn unserer Ehe in deiner Kunstausübung meine Todfeindin gesehen habe!« fuhr sie unbeirrt in wachsender Leidenschaftlichkeit fort. »Du pochst auf das, was sie dir einbringt!«

Er wandte langsam den Kopf und sah die Frau an, die jetzt, ohne seine Stütze, mit nachlässig krummem Rücken, den gesteiften, schleppenden Morgenrock mit beiden Händen mühsam über dem morgenfeuchten Kies haltend, in nervöser Hast neben ihm herschritt. »Meine heilige Kunst!« sagte er, und ein schönes, sanftes Lächeln glitt flüchtig um seinen Mund. »Wenn ich in ihre Sonnenaugen sehe, wie bergestief liegen da materielle Interessen unter mir! ... Aber du hast recht. Zu ihren Segnungen gehört allerdings auch die, daß sich ein Frauenfuß nicht so tyrannisch auf meinen Nacken setzen darf, wie er gern möchte. – Übrigens lasse dir sagen, Klementine – auch wenn ich Stift und Pinsel nicht zu führen verstünde, du gelangtest doch nie und nimmer zu dieser Herrschaft, denn ich bin auch ein fleißiger Jurist gewesen – Mittel genug für den Mann, um aus eigener Kraft zu existieren.«

Sie blieb bei seinen letzten Worten stehen und reckte den zusammengesunkenen Oberkörper steif empor. »Nun, da wären mir ja fertig!« warf sie in seltsam trockenem Tone hin. »Du wiederholst es mit gründlicher Beweisführung, daß ich in deinem Leben ein Nichts bin – und ich bin auch albern genug, dir so lange pflichtschuldigst zuzuhören. Aber ich wäre eine Törin, wenn ich dich nicht auch einmal fühlen ließe, wo ich dir fehlen werde – ich verreise. Du hast meine Fürsorge, mein Walten in bezug auf deine häusliche Ordnung und Bequemlichkeit bisher ohne Dank hingenommen, als verstünde sich das ganz von selbst, und auch die Art und Weise, wie ich unser Haus repräsentiere, hat dir nie auch nur das leiseste Beifallszeichen entlockt, während die gute Gesellschaft das ganz anders zu würdigen weiß ... Gut denn! lerne einmal erkennen, was es heißt, wenn die Frau im Hause fehlt; steh, wie du allem fertig wirst mit den fremden Hungerleidern, die den Schillingshof überschwemmen werden, und mit unserer einfältigen Wirtschaftsmamsell, deren Verstand nicht weiter reicht als ihr kleiner Finger ... Ich trete morgen meine längst beabsichtigte Wallfahrt nach Rom an.«

Ihr glühte das Rot der tiefsten Erbitterung auf den Wangen, und er lächelte kalt. »Tue das nicht, Klementine!« warnte er. »Du weißt am besten, daß diese Wallfahrtsaufregungen wahres Gift für dich sind – du bringst stets schlimme Nervenanfälle mit heim.«

»Oh – das ist wieder einmal eine deiner Lästerungen! Was man zur Ehre Gottes tut, das kann niemals schaden ... Und nun genug und übergenug! Ich reise morgen!«

»So geh du in Gottes Namen – ich mache keinen Versuch mehr, dich zurückzuhalten!« – Er schritt gleichmütig weiter – seine kräftigen, weißen Finger gruben sich in alter Gewohnheit in den krausen, dunklen Kinnbart, und der aufleuchtende Blick suchte das Atelier, das eben hell und fensterblitzend, heimisch und genußverheißend zwischen dunklem Taxusgebüsch hervortrat – und sie wandte sich um; einen Augenblick schwankte sie, und verstohlen das Gesicht zurückwendend, schien sie zu hoffen, daß auch sein Auge in Reue sie suche; aber er ging elastischen Schrittes weiter und weiter, als habe er bereits vergessen, was hinter ihm liege; und nun schritt sie hastig nach dem Säulenhause zurück... In ihrem Ankleidezimmer schellte sie der Kammerjungfer und befahl das sofortige Herbeischaffen der Reisekoffer, dann trat sie wieder hinaus auf die Terrasse.

Bei ihrer Rückkehr in das Haus und der Kammerjungfer gegenüber war sie vollkommen die Frau mit der mattgebeugten Haltung, der apathischen Miene und dem langsam schleppenden Gang gewesen; angesichts der Freundin aber brach der Seelensturm wieder durch. »Packe deine Altardecke zusammen, Adelheid!« rief sie mit fliegendem Atem. »Dein heißester Wunsch wird erfüllt – wir gehen morgen nach Rom!«

Die Stiftsdame ließ augenblicklich ihre Arbeit in den Korb sinken, klappte den Deckel zu und erhob sich. Sie stand in ihrer ganzen imposanten Höhe vor der aufgeregten Frau – ein düsteres Feuer glomm in ihren Augen. »Hüte dich, Klementine!« warnte sie mit aufgehobenem Finger. »Du spielst um deine Seele! Deine unselige Liebesleidenschaft treibt dich von einer Sünde zur anderen. Du gehst nicht nach Rom in Glaubensinbrunst – weit entfernt – Trotz und Zorn treiben dich fort, und der geheime Wunsch, durch deine Abwesenheit Sehnsucht in dem Herzen deines kalten, gleichgültigen Mannes zu wecken –«

Die Baronin fuhr empor, als wolle sie sich auf die scharfsichtige, unerbittliche Mahnerin stürzen und ihr mit der Hand den Mund verschließen, aber die stand da wie in den Boden gewurzelt; sie hob nur die schöne Rechte in stummer Abwehr, die schwarzen, kräftig gezeichneten Brauen hoben sich und gaben den großangelegten Zügen den Ausdruck eiserner Strenge. »Mich täuschest du nicht,« fuhr sie fort, »so wenig wie unseren gemeinschaftlichen Seelsorger, den ehrwürdigen Pater Franziskus – wir sehen voll Schmerz, wie du dich in dem Bemühen verzehrst, Macht über den Mann zu gewinnen, der seine armselige Kunst zum Götzen macht ... Und wenn dir dein Mühen glückte? – Geh – was für ein erbärmlicher Sieg! ... Kämpfe lieber gegen dich selber! Du Hast allen Halt verloren, bist eine launenhafte Frau geworden, die in einem Atem Entschlüsse faßt und verwirft; jetzt aber sage ich dir – autorisiert durch Pater Franziskus und die frommen Schwestern, die deine Kindheit behütet haben – »bis hierher und nicht weiter!« Hast du die Pilgerfahrt nach Rom infolge grenzenloser Selbstsucht beschlossen, so kannst du diese Sünde nur büßen, indem du das unlautere Feuer in deiner Brust bekämpfst und die Reise wahrhaft reuig antrittst. Ein »Zurück«, wie du es dir seit Jahren erlaubst, gibt es hier nicht mehr! Nicht Laune, nicht Trennungsschmerz, nicht einmal Krankheit werden dich zurückhalten – nötigenfalls lässest du morgen dich in den Reisewagen tragen. Abreisen werden wir um jeden Preis!«

Wie verscheucht war die Baronin bis zur Glastür zurückgewichen. – Diese Frau trug eine Kette am Fuß, deren äußersten Ring das Klosterinstitut in seinem Grund und Boden festgenietet hatte. Sie brach meist zusammen unter einer direkten Mahnung von dorther, aber in diesem Augenblick behielt doch die fieberhafte Aufregung, mit der sie aus der Platanenallee zurückgekehrt war, hörbar die Oberhand, als sie auf der Schwelle sich umwendend, trotzig rief: »Wer sagt denn, daß ich meinen Entschluß ändern will? – Ich gehe, und sollte ich mich todkrank von Ort zu Ort schleppen!«

Damit ging sie, um das ganze Haus, behufs ihrer Reisevorkehrungen, zu alarmieren.

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