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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Der tapfere Kater Peter war leidend! Alle kühnen Liebesabenteuer hatten ihren Reiz für ihn 166 verloren; die schönste, anmutsvollste Kätzin weckte keine Sehnsucht mehr in seinem Busen; sein feuriges Auge, das so zärtlich liebäugeln, so grimmig in der Eifersucht Blitze schleudern konnte, war halb erloschen. Teilnahmlos lag er in Fieberträumen versunken auf seinem Kissen, das man ihm auf den alten Großvatersessel sorgsam bereitet.

Der Unglückliche hatte eine nicht mehr ganz frische Wursthaut verschluckt und fühlte sich darauf entschieden unwohl, Luise und Emma standen sorgenvoll an seinem Krankenlager. Er ward von den beiden Mädchen sorgsamer gepflegt als mancher Mensch; jedes Symptom seines Leidens ward mit tränenden Augen beobachtet und lange besprochen; man holte schließlich sogar den Tierarzt. Der äußerte sich bedenklich und verschrieb ein Mittel. Doch kostete es viel Mühe, bis sich der hohe Patient dazu herabließ, einen Löffel voll Medizin zu nehmen. Luise mußte ihm den Kopf halten und den Rachen öffnen, Emma paßte dann den richtigen Moment ab und suchte ihm gewaltsam die Arznei zwischen die Zähne zu gießen. Über diese unwürdige Prozedur war der edle Dulder höchst ungehalten. Er sträubte sich mit allen vier Beinen und wollte die heilsame Notwendigkeit dieser Einflößungen absolut nicht begreifen. Als er aber endlich doch die Arznei glücklich im Leib hatte, geruhte er bald sich besser zu fühlen. Die Eßlust kehrte zurück, zur Freude der Damen, die ihm sein Lieblingsgericht, rohes Pferdefleisch, schabten; auch begann er wieder mit den Nachbarkätzinnen vom 167 Schlafzimmerfenster herab zu liebäugeln, was ja bei Tier und Mensch stets ein sicheres Zeichen der Genesung sein soll.

Die Kur riß ein ordentliches Loch in die magere Kasse der beiden Freundinnen. Sie mußten sich für einige Tage des Fleisches enthalten, aber dafür war die Freude um so größer, als der schöngefleckte Raufbold wieder hinaus begehrte ins Freie, als die Jagd, der Kampf, die Minne wieder neue Reize für ihn hatten.

Luise gab Unterricht am Pianino. Dabei ließ sie die Augen vom Notenblatt stets durch das halbgeöffnete Fenster schweifen, denn draußen im kleinen Hausgarten mischten bald jämmerliche, bald zärtliche Katzensehnsuchtslaute sich in die Sonate, die von den Stümperhänden der kleinen Schülerin heruntergehackt wurde. Oft stürzte Luise, für ihren Liebling besorgt, mitten im Spiel hinaus, um den edeln Kämpfer aus den Klauen mehrerer Nebenbuhler zu befreien. Schließlich trug sie den Fauchenden auf dem Arm herein, schloß Tür und Fenster und verbot dem Söhnchen ernstlich sich in neue Kämpfe zu begeben.

Emma saß heute am Fenster des Wohnzimmers und malte nach einer kleinen Photographie ein großes Bild. Sie verdiente sich durch ihr bescheidenes Maltalent zuweilen auf diese Art nebenher ein paar Mark. Der Zufall hatte es gewollt, daß die kleine Photographie, die sie vergrößern sollte, den Direktor Körn darstellte. Einige Schüler wollten beim Abgang aus dem Gymnasium ihrem geschätzten 168 Lehrer dadurch eine Freude bereiten, daß sie das lebensgroße Brustbild des Direktors für den Lehrsaal der Oberprima stifteten. Der Photograph hatte den Schülern geraten sich an Fräulein Emma Dorn zu wenden, die diese Arbeit gewiß zur Zufriedenheit der Auftraggeber vollenden werde. So war es gekommen, daß Emma die Züge ihres Feindes liebevoll mit Farben betupfen mußte. Beim Anblick dieser Züge, die die Vorstellung eines eingebildeten Schultyrannen in ihr erweckten, fiel ihr das Verbot wieder ein, das er dem Sohn gegenüber ausgesprochen. Wie kam dieser Mann dazu, sie für eine Person zu halten, die seinem Sohn verderblich werden könnte? Ein wahrer Ingrimm stieg in ihr auf, der so heftig ward, daß sie kaum weiter malen konnte. Ihr leidenschaftliches Herz suchte nach einer Tat, begehrte nach Rache. Ja, sie wollte sich rächen, aber wie? auf welche Art? Sie konnte ihn doch nicht öffentlich beohrfeigen! mit der Hundspeitsche angreifen! Sie arbeitete sich in eine solche Wut hinein, daß sie aufstand und erregt durchs Zimmer schritt. Es war eine Eigentümlichkeit ihres Charakters, daß sie auf Beleidigungen niemals gleich reagierte; immer erst nach einigen Tagen stellte sich, in Folge der Reflexion über den Fall, die Entrüstung ein.

Vor allen Dingen wollte sie den Direktor persönlich kennen lernen; denn die feinste Rache, die sie an dem dünkelhaften Menschen nehmen konnte, war – ihm zu gefallen, ihn womöglich zu ihren Füßen schmachten zu sehen. Freilich war 169 dies ein Wagestück. Ob so ein eingetrockneter deutscher Magister überhaupt sich weiblichen Verführungskünsten zugänglich zeigte? Nun, Körn schien nicht gerade zu den Philistern zu gehören. Er sollte ein sehr flotter Bruder Studio gewesen sein und jetzt noch alljährlich in Paris sein Leben genießen. Vielleicht war seine Sittenstrenge nur Maske?

Sie kleidete sich an, um den Dr. Simmer aufzusuchen. Das tat sie nicht nur, um den armen Karl zu retten, auch um durch diese Tat den Direktor günstig für sich zu stimmen und einen Grund zu haben, ihm demnächst einen Besuch abzustatten.

Jetzt verließ sie das Haus und eilte rasch durch die Straßen, ganz in ihre Rachepläne versunken. Bald hatte sie das Haus des Theologen erreicht. Ein großer, düsterer Hof nahm sie auf. Ringsum Magazine, Werkstätten, Fässer. Ein ohrenbetäubendes Hämmern beleidigte aus einer Schlosserei dringend ihr Ohr. Sie erkundigte sich bei einem Schlossergesellen, ob hier Dr. Simmer wohne?»Drei Stiegen hoch, im Vorderhaus!« war die Antwort. Sie grüßte freundlich und stieg die Treppen hinauf! Endlich stand sie vor der Glastür.

Ein Dienstmädchen öffnete und fragte nach dem Namen des Besuchs. Emma murmelte absichtlich ein ganz unverständliches Wort, das etwa Horn oder Korn oder so ähnlich lautete, vor sich hin. Das Mädchen, das anstandshalber nicht zweimal fragen wollte, führte sie in den Salon. Das war ein puritanisch einfach ausgestattetes Gemach, durch 170 dessen Türe Säuglingsgeschrei herüberhallte. Während das Gewinsel sich steigerte, öffnete sich die Tür. Ein abgehärmter Frauenkopf erschien in der Spalte, fuhr aber gleich wieder zurück. Dann hörte sie eine herrische Männerstimme hinter der Tür, einen kleinen Wortwechsel, ein leises unterdrücktes Weinen. Gleich darauf kam ein bartloser Mann, dessen Gesicht man ansah, daß es von einem eben durchgekämpften Ärger sich mühsam zur grinsenden Liebenswürdigkeit durchrang, eine vierschrötige, plumpe Gestalt mit kalten, strengen, fuchsartig schlauen Zügen, die durch schielende Blicke noch widerwärtiger gemacht wurden. Der Theologe konnte den reichen Metzgersohn vom Dorf nicht verleugnen; seine Manieren waren gravitätisch-tölpelhaft, heuchlerisch-freundlich.

»Mit was kann ich dienen?« begrüßte der Lehrer seinen Gast und lud ihn zum Sitzen ein.

Emma war schlau genug, zur Einleitung sogleich die geistlichen Gedichte des Herrn, die sie übrigens gar nicht gelesen hatte, zu loben. »Ich wollte Ihnen zunächst meinen tiefgefühlten Dank für den Genuß dieser ›Palmblätter‹ aussprechen . . .«

Er korrigierte leise: »Herbstblätter« und fuhr mit vor Wonne ordentlich zerfließender Miene fort: »Es tut dem Herzen so wohl eine mitfühlende Seele zu finden! Sie machen mir in der Tat durch Ihre Anerkennung eine unendliche Freude . . . Der Sinn für glaubensstarke Lyrik ist heutzutage fast erloschen! Desto herrlicher erhebt es die Seele, wenn sie eine Seele findet, die sich in dem Herrn 171 mit ihr vereint.« Sein Schielauge warf einen grüngelben Blitz zur Decke. Unwillkürlich war er dem schönen Fräulein ein wenig näher gerückt, hatte seine Hand ausgestreckt und die ihm entgegenkommende Hand der ihn stark anziehenden Schönen ergriffen. Nun legte er mit pastoraler Würde auch seine Linke auf die weibliche Hand, so daß er sie ganz zudeckte, als wollte er sie sorgsam vor jedem sündhaften Anhauch der Welt bewahren. Emma lenkte einen anbetenden Blick in seine Augen, der ihm außerordentlich wohl zu tun schien. Nun flüsterte er sanft, mit verbindlichem Lächeln: »Aber verzeihen Sie . . . ich habe ganz Ihren werten Namen überhört. Darf ich fragen, mit wem ich . . .?«

So war sie doch gezwungen ihren Namen zu nennen. Kaum war er ihren Lippen entflohen, so bemerkte sie ein entschiedenes Nachlassen des entzückten Lächelns auf dem schlauen Fuchsantlitz. Die spitze, scharfe Nase schien Unrat zu wittern, die pfiffigen dünnen Lippen preßten sich feindselig boshaft aufeinander, die kalten Schielaugen warfen einen grüngelben Blick auf das Mädchen. Dies Auge kam ihr jetzt mit seiner gallertartigen Pupille vor wie der ekle Auswurf eines Lungenkranken. Ihre Hand ließ er sofort los. Doch konnte er nach einer solch herzlichen Einleitung unmöglich plötzlich einen schroffen Ton anschlagen, auch war die Sünderin wirklich zu anmutig.

»Ach so . . . so . . .« stotterte er, unruhig auf dem Stuhl rückend und sich in seinem Zimmer 172 umschauend, als würden dessen keusche Wände entweiht, durch die Gegenwart einer Lasterhaften.

»Ja,« sagte sie errötend, »verzeihen Sie dem Weltkind, wenn es im Vertrauen auf die Frömmigkeit, die aus Ihren Versen leuchtet, Trost und Hilfe in Anspruch nimmt.«

Sogleich als er an seine Verse erinnert wurde und an sein geistliches Amt, hellte sich die Miene des Gottesmannes wieder auf. »Sie sprachen von Hilfe?« sondirte er vorsichtig. »Geistlichen Trost verweigere ich gewiß keiner Seele; darf ich nicht verweigern.«

»Darf ich frei reden?« fragte sie bescheiden ängstlich.

Er lehnte sich würdevoll zurück und erwiderte mit salbungsvoller Milde: »Reden Sie, bitte.«

»Hilfe – ja,« entgegnete sie eifrig. »Hilfe begehre ich, aber nicht für mich. Ich kenne einen jungen Menschen, dessen Lebensglück auf dem Spiele steht . . .«

»Wie?«

»Ja, und Sie könnten ihn retten.«

»Ich . . . einen jungen Menschen . . . retten?«

»Ja. Ich will Ihnen seinen Namen nennen, dann wissen Sie alles. Karl Körn.«

Der Theologe zuckte empor. »Wie? Sie kennen diesen jungen Mann?« fragte er mit einer Betonung, in der ein leiser Verdacht lag.

Sie war hierauf gefaßt. »Ich kenne ihn,« fuhr sie offen und klar fort, den vorwurfsvoll prüfenden Blick des Lehrers mit Ruhe und Würde aushaltend. 173 »Ich interessiere mich lebhaft für seine Arbeiten. Er hat sich vor längerer Zeit an mich gewendet, da ihn einer meiner schriftstellerischen Versuche – ich darf wohl sagen: begeisterte. Ich versprach ihm, ihn zu fördern. Ich weiß wohl, daß sein Vater nicht gerne sieht, daß er mit mir umgeht.«

»In der Tat . . .« ließ Dr. Simmer einfließen.

»Ja,« fuhr sie gleichgültig fort, »ich habe auch dem jungen Herrn angedeutet, es sei mir lieber, wenn er mich nicht mehr besuche. Ich hoffe, er stellt den Verkehr ein. Doch das nebenher. Um nun auf den Zweck meines Besuchs zu kommen . . .«

»Ich ahne diesen Zweck!« unterbrach er sie gereizt. »Aber . . . ich fürchte . . .«

»Ich weiß,« fuhr sie fort, »er hat Sie in jugendlicher Hitze schwer beleidigt. Ich misbillige diese Kritik sehr. Sie hat auch schwere Folgen gehabt für den Verfasser; sein Vater will ihn nicht zum Examen zulassen.«

»Sein Vater,« tadelte der Theolog heftig, »sollte gar nicht erlauben, daß er jetzt schon unter die Schriftsteller geht; ein Schüler hat nur für die Schule zu arbeiten.«

»Ganz einverstanden!« gab ihm Emma recht, um ihn nicht noch mehr zu reizen. »Die Kritik über Ihre Lyrik ist noch so unreif . . .«

»Das sagen Sie auch?« rief er. »Das sagt Jeder, der meine Gedichte kennt! Unreif? o – schmählich, verrucht ist diese Kritik! Er ist ein Gottesleugner! wo soll das hin? Er wird im Zuchthaus endigen! Eine solche Pestbeule darf nicht ansteckend um sich 174 greifen, sie muß so rasch als möglich aus dem gesunden Organismus geschnitten werden! Der Herr Direktor ist derselben Meinung; er hat mir selbst den Rat erteilt Strafantrag zu stellen.«

»Eben deshalb,« fiel ihm Emma ins Wort, »sollten Sie christliche Großmut und Nächstenliebe walten lassen. Sie sollen nicht nur siebenmal dem Irrenden verzeihen, sondern siebenmal siebzigmal.«

Der Theologe sah finster vor sich hin. »Ich verzeihe ihm,« sagte er dann; »selbstverständlich verzeihe ich ihm – als Christ. Aber bedenken Sie die Folgen, die ansteckende Kraft der Sünde für Andere! Und seine eigene Reue und Besserung!«

»Sie wollen sagen: nur Strafe bessert?« erwiderte sie. »Bei diesem Charakter irren Sie sich, Herr Doktor. Diesen Menschen bessert nur großmütiges Verzeihen, Liebe! Strafe würde ihn nur verbittern.«

»Da mögen Sie vielleicht recht haben,« gab der Lehrer zu.

Emma bemerkte, das der Gestrenge schon versöhnlich gestimmt war und nutzte dieses zu ihrem Vorteil aus. »Wenn Sie ihm verzeihen, würde er auch vielleicht seinen Gott wiederfinden.«

»Seinen Gott?« fragte der Theologe, »wie meinen Sie das?«

»Nun ja!« fuhr sie errötend fort. »Das Verzeihen ist eine göttliche Tugend; auf den Menschen, dem ein großes Unrecht verziehen wird, fällt ein Strahl der Gottesliebe.« Dann setzte sie mit seiner Betonung und gut gespielter innerer Bewegung hinzu: »Er würde gleichsam in Ihnen, seinem großmütigen 175 Lehrer, die göttliche Milde und Gnade verkörpert finden.«

Der Theologe machte lächelnd eine abwehrende Handbewegung. »Nun,« sagte er behaglich schmunzelnd von dieser Schmeichelei schon halb besiegt, »Sie verstehen es in der Tat, den Sünder wie der beste Anwalt in Schutz zu nehmen. Merkwürdig, was ein hübsches Weib alles durchsetzen kann! Ich hatte mir vorgenommen, diesmal unerbittlich zu bleiben; aber Sie, Sie schlaue Schlange,« er drohte ihr schalkhaft mit dem Finger, »Sie schmelzen die Rinde von meinem Herzen. Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Dorn: wenn der junge Mensch zu mir her kommt und aufrichtige Reue an den Tag legt, mich ernstlich um Verzeihung bittet, natürlich auch öffentlich in der Litterarischen Wacht seine harten Ausdrücke zurücknimmt, – dann will ich ihm nicht nur verzeihen, sondern sogar auch seinen Vater bitten, ihn zum Examen zuzulassen.

»Das ist nicht mehr als recht und billig,« sagte Emma aufatmend, »das können Sie verlangen. Herr Doktor, ich danke Ihnen einstweilen im Namen meines Schützlings.«

Sie erhob sich.

»Was würde auch sonst aus ihm werden,« bemerkte er noch, »wenn er jetzt aus dem Gymnasium gestoßen würde? – Ein Litterat!« setzte er verächtlich hinzu.

»Hoffentlich bringt ers, wenn er im Gymnasium bleibt, – zum Professor!« Sie hatte das letzte Wort mit derselben Verachtung herausgestoßen.

176 Er errötete leicht. Dann reichte er ihr die Hand. »Ich muß gestehen,« sagte er höflich, »ich hegte allerlei Vorurteile gegen Sie. Schriftstellernde Damen werden ja so leicht von der Klatschsucht verfolgt. Ich freue mich indes, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Sie widerlegen von selbst alle bösen Gerüchte.«

»So geht es immer im Leben!« versetzte sie mit liebenswürdigem Lächeln. »Wir horchen zu viel auf die schablonenhaften Meinungen der Welt. Die Theologen sind ja auch meist nicht halb so fanatisch und beschränkt, als sie in den Augen der Liberalen erscheinen.«

Er empfand den leisen Stich, nickte mit etwas verdutztem Lächeln und entließ sie. Trotz ihres Erfolges ging sie mit schwerem Herzen, denn sie zweifelte, daß der eigensinnige Karl den Theologen persönlich um Verzeihung bitten werde.

Dr. Simmer aber setzte sich an seinen Pult und schrieb einen langen Brief, in dem er die Staatsanwaltschaft aufforderte, den Roman: »Finstere Dämonen« von Emma Dorn als ein höchst unmoralisches Werk in Beschlag zu nehmen. Das war seine Rache. Seinem Beleidiger mußte er aus christlicher Nächstenliebe verzeihen; wenn er aber den Denunzianten spielte, war das schließlich doch auch ein Gott wohlgefälliges Werk und der Staatsanwalt durfte ja seinen Namen nicht nennen. Er nahm sich übrigens vor, den ihm von seiner Studienzeit her persönlich bekannten öffentlichen Ankläger zu besuchen und ihn zu bitten, doch ja dafür zu sorgen, 177 daß sein Name dabei nicht ins Spiel komme. Auch dem Direktor gegenüber wollte er jetzt ein anderes Gesicht aufsetzen; er wollte den Roman des Fräuleins sogar loben und ihn für harmlos erklären. Das mußte den Verdacht des Denunziantentums gewiß von ihm ablenken.

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