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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Gegen Abend saß der Rechtsanwalt Wilhelm Meyer in seinem breiten Lehnsessel direkt vorm Fenster, das den Ausblick bot auf den kleinen Garten des Körnschen Hauses. Er sah von seiner Münzensammlung, deren Kästen vor ihm am Fenster standen, mit trüber Miene empor. Die römischen Kaiserköpfe auf den Kupfer- oder Silbermünzen fesselten ihn nicht länger. Es kam ihm allmälich vor, als grinsten ihn die toten Metallgesichter höhnisch an. Sein rundes, dickes Gesicht legte sich in sorgenvolle Falten, seine sonst so joviale, von lustigen ›Krähenfüßchen‹ umzirkten Augen blickten melancholisch hinüber auf die gelb und gelber sich färbenden Bäume des Hausgartens.

Es ging schon auf sechs Uhr. Die Dampfröhre an der linken Seite der großen Druckerei verpustete allgemach, immer langsamer kamen die sterbenden Töne, pft! pft! – jetzt stand das Herz der Maschine still. Die Setzer, deren Blusen blau verschwommen durch die breiten Glasscheiben schimmerten, verschwanden allmälich; öd stierten die finstern Scheiben über die Mauer des Gärtchens.

95 Dem Anwalt kam das Gebäude jetzt in der Abenddämmerung vor wie ein grinsender Totenschädel mit seinen hohlen, leeren Augenhöhlen. Am großen Wohnhaus blinkten in den Fenstern fröhlich rotgoldene Lichtpünktchen auf. Er sah die Küchenmädchen hinter den Abgußsteinen stehen oder sich rasch bewegen. In den engen Hof rollte jetzt, von zwei hemdärmeligen Metzgerburschen geschoben, der gelbe Metzgerkarren, aus dessen Segeltuchüberwurf die weißen Schweinsbeine heraushingen. Die stämmigen Bursche luden die Schweinshälften auf die mächtigen Schultern und trugen sie nach der Wurstküche. Jetzt kamen sie aus dem Anbau wieder zurück, sie schäkerten mit den Dienstmädchen, neckten sich, balgten sich.

Wie peinlich den Anwalt heute dieses lockere Treiben berührte. Aus jeder Lachsalve, die gedämpft durchs geschlossene Fenster herüberwehte, klang ihm ein Vorwurf ins Herz. Die Dampfröhre hatte, als sie vorhin noch ihre Wolken ausstieß, ihm voll Verachtung zugepustet: »pfui! pfui! pfui!« Als der Pfiff der Maschine den Schluß der Arbeitszeit verkündet hatte, wars dem Gemütskranken gewesen, als pfeife die ehrliche Welt ihn aus, stoße ihn aus, den Schurken! sein ganzes Leben war eine ausgepfiffene Komödie!

Jeder Laut erschreckte ihn. Wenn draußen auf dem Hausgang seine Frau oder das Dienstmädchen vorüber eilte, erbebte er; wenn ein Blatt vom Tisch fiel, sah er erschrocken um, nach der Türe; wenn draußen die Klingel ertönte, erbleichte er. 96 Waren es Schutzleute? Unsinn! so weit wars ja nicht. Otto Grüner wußte ja noch garnichts davon! wie konnte er also die Gerichte in Bewegung setzen? Aber dem von Gewissensbissen Zerquälten schien zuweilen das Unmögliche das Wahrscheinlichste.

Nun stand der wohlbeleibte kleine Mann auf. Nervös hüstelnd ging er einmal schwerfällig durchs Zimmer; die fetten Hände fingerten zu beiden Seiten seines grauen Schlafrocks nervös hin und her. Neben dem eisernen Ofen stand der stählerne Geldschrank. Er drückte auf die Feder, die gepanzerte Tür sprang auf. Mechanisch griff er nach der Stelle, wo früher ein stattliches Paket Staatspapiere geruht hatte, – nichts! nichts mehr war davon zu sehen! Aber statt der knisternden Papiere – griff die zitternde Hand ein kleines, glänzendes Metallinstrument. Die Pfandbriefe hatten sich in eine seltsame Kostbarkeit verwandelt, in den Schlüssel, um aus diesem Drang des Irdischen zu entstehen, – in einen kleinen, netten Revolver. Der bleiche Mann betrachtete das zierlich gearbeitete Werkzeug. Er malte sich aus wie das sein mußte, wenn man das Ding an die Schläfe setzte . . . Er tat es. Jetzt bedurfte es nur eines harmlosen Fingerdrucks und – die irdische Gerechtigkeit konnte ihm nichts mehr anhaben. Er hörte nicht mehr die Flüche des Beraubten, die Vorwürfe seiner Frau! Ruhe, süße Ruhe umdämmerte dann sein brennendes Hirn. Oder nicht? Begann von da ab . . . vielleicht . . . ein neues Drangsal?

Gerade als er, wie zur Probe, den Revolver an die Schläfe drückte ward still die Tür geöffnet. Nata 97 trat in ihrer sinnenden, ein wenig verdrossenen Weise herein und sah gerade noch zu ihrer größten Bestürzung, wie ihr Vater die blinkende Waffe in den Kassenschrank warf.

Eine andere Tochter hätte wohl gefragt: »Wie? du hast einen Revolver?« Natalie aber tat dies nicht. Sie schritt mit weit aufgerissenen Augen auf ihren Vater zu, der eigentümlich vor sich hinlächelte, gleichsam beschämt. »Noch ne alte Leidenschaft aus meiner Studentenzeit,« sagte er in möglichst jovialem Ton. »Für schöne Waffen hab ich ne verfluchte Schwäche, hätt eigentlich Offizier oder Förster werden sollen. Juristerei hat mir nie Freud gemacht. – Nu, Kind, und du?« sprang er hastig auf ein anderes Thema über. »Und du?« Er wußte nicht, was er hinzusetzen sollte.

Sie hatte sich zärtlich an den Vater geschmiegt und blickte ihm mit ihren großen schönen Kinderaugen geheimnisvoll fragend ins bleiche Gesicht. Sie hatte schon seit Wochen mit dem mystischen Ahnungsvermögen einer reinen Kindesseele gefühlt, daß im Innern des Vaters eine Veränderung vorgegangen war. Deshalb blickte sie ihn auch jetzt so dringend um Antwort heischend an. Ihm war, als bliebe ihr nichts in ihm verborgen. Er konnte ihren tiefeindringenden Blick nicht vertragen, er wendete sich ab, setzte sich auf seinen Strohsessel und bedeckte die feucht werdenden Augen mit der Hand.

»Meine Augen werden immer schlechter,« klagte er.

98 »Nicht wahr, lieber Papa,« flüsterte sie, »du hast in letzter Zeit viel Unangenehmes erlebt?«

»Das bleibt keinem Geschäftsmann erspart, liebes Kind,« sagte er.

»Ja,« fuhr sie mit zitternder Stimme fort, »ich hab auch schon daran gedacht, mich selbständig durch die Welt zu bringen.«

»Wie kommst du auf den Gedanken!« tadelte er. »Das hast du nicht nötig.«

»Aber trotzdem!« versetzte sie; »es ist besser so! Ich trete aus der Schule und will etwas verdienen. Ich hab schon etwas!«

»Wie? Was hast du?«

»Ich hab mit dem Vorstand des Maschinenschreibbureaus Eigner gesprochen; dort kann ich in drei Tagen eintreten.«

»Aber hör mal!« entfuhrs ihm; »so selbständig handelst du? ohne etwas zu sagen?«

Sie umschlang zärtlich seine Schultern.

»Ja,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit. »Ich war gewiß stets eine gehorsame Tochter und wenn ich so still hinter eurem Rücken Schritte getan habe, um mir mein Brod selbst zu verdienen, hat das seine besonderen Gründe. Du kannst das nur loben, lieber Papa. Du weißt, ich bin in allen schriftlichen Arbeiten tüchtig; ich hab mich in der Stenographie und Maschinenschrift ausgebildet. Ich bekomme dafür in dem Büro täglich eine Mark und achtzig Pfennig. Übrigens hab ich noch einen Plan, – davon erfahrt ihr aber bis jetzt nichts!« Sie lachte leise vor sich hin.

99 »Du bist ein Teufelsmädel!« sagte der Vater gerührt, und küßte sie.

»Du erlaubsts also?«

»Frag die Mama.«

»Hab ich schon!«

»Nun – und?«

»Die lobt meinen Entschluß.«

»Dann hab auch ich nichts dagegen.«

Sie umarmte mit ungewohnter Heftigkeit den Papa und eilte dann hinaus, um die Mutter zu benachrichtigen.

Nun lauschte der Anwalt auf die Stimmen der beiden Wesen, die ihn allein noch an dies verhaßte Leben fesselten. Ja, die Stimme seines koketten Weibchens hielt ihn fest am Irdischen. Wer weiß . . . .? Sie liebte ihn; vielleicht, wenn sie Alles wußte . . . wenn sie wußte, daß er ihr zu lieb zum Verbrecher geworden . . . vielleicht verzieh sie ihm dann! Und er brauchte ja nichts weiter, nur ihre Verzeihung. Was sonst die Welt von ihm denken werde, das war ihm gleichgiltig, wenn nur sie, sein kleines Vögelchen, sein Püppchen einsah, daß er aus Liebe gefehlt, daß er ihr das Leben so gern verschönert hätte, daß er den ersten verhängnisvollen Griff in das Eigentum seines Mündels getan, um ihr, nach ihrer schweren Krankheit, das Leben zu retten durch einen Winteraufenthalt an der Riviera.

Und Otto? O Gott! Der mußte ja Mitleid mit ihm haben. Er bewunderte ja auch seine Emilie; er mußte doch einsehen, daß man einem solchen 100 Kind jedes, auch das teuerste Spielzeug kauft, daß man ihm jedes Opfer bringt, daß man an der Seite eines solchen Engels das Leben genießen muß, daß man ein solch entzückendes Wesen nicht sterben lassen darf.

Und Nata? Wie würde sie es vertragen, wenn sie ihren Vater als Betrüger gebrandmarkt sähe? Nein! so weit durfte es nie kommen! Wenn Otto Strafantrag stellen sollte, – dann fort aus dieser Welt! Dann wollte er nie mehr in jene vier Augen sehen, selbst wenn sie ihn verstanden und ihm seinen Fehltritt verzeihen würden.

Dann wars ihm wieder, als müsse er dem kalten, harten Stahl des Schranks noch ein paar Papiere erpressen können! . . . Der Kassenschrank kam ihm jetzt so unbarmherzig vor; er war im grausamen Einverständnis mit der Börse. Alles, alles hatte sie verschlungen; jede Spekulation war fehl geschlagen, durch die er den Verlust wieder zu decken gesucht, . . . bis nichts mehr da war. An einem Tag hatte er in Serbischen Papieren zehntausend Mark verloren.

Wenn er nur wenigstens dem Maler seine Idee ein Haus zu kaufen ausreden könnte! Die Zinsen des Kapitals waren ja noch aufzutreiben, und vielleicht in einem oder zwei Jahren kam er wieder durch einen Glücksfall zu Geld.

Vielleicht hatte Otto bis dahin Glück mit einem Gemälde? Dann fragte der leichtsinnige Künstler wohl gar nicht mehr nach dem kleinen Kapital.

Der bleiche Anwalt hatte den metallenen Schrank 101 wieder geschlossen. Es klopfte an die Zimmertüre.

»Willy, darf ich hinein?«

»Gewiß, lieber Goldfisch!«

Seine Emilie huschte ins Zimmer. Ihre weichen, an feine, zerbrechliche Conditorwaren erinnernden Glieder schwammen in einem weißen, weiten, von Spitzenwolken umwogten Hauskleid.

»Venus, wie sie dem duftenden Schaum entsteigt!« lächelte der um fast zwanzig Jahre ältere Gatte.

Über ihr elfenbeinzartes Gesichtchen, über die rosigen Lippen, flog ein herzliches Lächeln. Ein berückender girrender Zärtlichkeitslaut entquoll ihren feinen Lippen. Dann schmiegte sie sich an ihn: »Immer hast du eine Schmeichelei bereit!« hauchte dieser niedliche Mund.

O Gott! Daß eine so bezaubernde junge Rosenelfe ihn den alten häßlichen Bären liebte! War es denn denkbar? Sein jovialer Humor hatte sie ihm erobert; sie gehörte zu den Frauen, die das gesetzte Alter der leichtfüßigen Jugend vorziehen.

»Wir brauchen wieder Kohlen, Männchen,« sagte sie, »gleich dreißig Zentner; und Wein, auch Wein!«

»Soll angeschafft werden. Hier hast du mal einstweilen fünfzig Mark.«

Wie reizend ihre weiche Nasenspitze beim Sprechen sich bewegte, welch süßes Schmachten in der Art lag, mit der sie sich jetzt auf seine Schultern stützte. Und wieder der behaglich-girrende Zärtlichkeitslaut.

»Ah, hast du eine neue Münze?« fragte sie dann, indem sie sehr schlau ein großes Interesse für die 102 alten, grünspanüberzogenen Kupferstücke heuchelte, die ihr eigentlich ein Greuel waren.

»Ja – hier! eine seltene, goldene, aus Byzanz!« erklärte er. »Schau, die scharfe Prägung . . . wie frisch aus der Münze . . . Ist tausend Jahr alt!«

»Sehr schön,« lobte sie zerstreut und blickte dabei nach dem Hausgarten. »Mein Gott! hör nur, wie Eduard da unten wieder das Klavier malträtiert! Da spielt er jetzt schon seit einer Stunde die Stelle aus der Cismoll-Sonate; immer dieselbe Stelle! Das ist zum Rasendwerden.«

»Ja,« erwiderte der Anwalt, »ich begreif den Direktor nicht. Wie kann er den Sohn Musiker werden lassen! Und ich glaub, – da zanken sie schon wieder?«

Man hörte die donnernde Kommandostimme des Direktors von unten durch den Fußboden dumpf heraufgrollen; jetzt wurde eine Türe dröhnend ins Schloß geworfen, dann verlor sich das Stimmengewirr in der Ferne.

»Schrecklich!« flüsterte Emilie. »Ist das ein Eheleben! so gebildete Leute und können sich garnicht vertragen. Wie schön haben wirs doch dagegen, Willy, he? Bei uns fällt doch kein böses Wort.«

Wieder jener rührende Zärtlichkeitshauch.

Über des Anwalts gutes, bleiches, dickes Gesicht flog ein gequälter ängstlicher Zug. Er dachte an die Zukunft, an die Katastrophe, die wie ein fernes Gewitter am Horizont seines Lebens schwarz herauf dämmerte.

103 »O da leben wir freilich anders!« sagte er. »So bleibt es auch hoffentlich zwischen uns, wie?«

»Warum sollts anders werden?« lächelte sie. «Sind wir nicht glücklich? Ist Nata nicht ein prächtiges Kind? denk dir, sie will ihr Brot selbständig verdienen.«

»Sie hat mirs eben gesagt,« bemerkte er kleinlaut.

»Ich halte den Gedanken für sehr vernünftig,« setzte sie hinzu; »man kann ja im Leben nie wissen, was an einen herankommt. Wenn sie auf eigenen Füßen stehen kann, desto besser! Besser als wenn sie sich auf den Mannfang begeben müßte. Heutzutage gehen die Männer nicht mehr so eifrig in die Netze.«

Ihr Gatte seufzte auf. Sie fuhr schäkernd fort: »O, was macht mein Männchen auf einmal für ne trübe Miene? Bildest du dir wirklich ein, ich könnt mal zum keifenden Weib werden? ha! ha!«

Sie hatte ein eigenes behaglich-inniges Lachen, bei dem ihr ganzes kleines Körperchen, wie von einem süßen Krampf des Wohlbefindens geschüttelt, mitlachte. Ihr Gesichtchen zerschmolz dabei ordentlich in Wonne.

O, dachte der berückte Gatte, wenn sich nur dies herzerquickende Lachen nie verwandelt in Weinen!

Von einem plötzlichen inneren Drang fortgerissen, fragte er leise: »Emilchen?«

»Wie?«

»Wirst du mich auch immer lieb haben?«

»Lieb haben? Wie kommst du Närrchen auf so dumme Fragen?«

104 »Nun, ich mein . . . Weißt du im Leben treten oft schwere Prüfungen an einen heran. Denk dir . . . ich . . . ich würd von einer schweren Krankheit heimgesucht . . . Nein! das mein ich nicht,« korrigierte er sich, als sich ihre Miene ängstlich trübte, »es würd irgend etwas . . . etwas Dunkles zwischen uns treten?« Er brachte es nicht über sich, das Wort, das ihm auf den Lippen schwebte, auszusprechen; sie begriff ihn daher auch nicht.

»Etwas Dunkles zwischen uns treten?« fragte sie.

»Ja, irgend ein Unheil,« fuhr er fort. »Denk dir, ich würde erwerbsunfähig . . .«

»Wie kannst du nur so dumm daher reden, Willy,« tadelte sie, ihn am Ohrläppchen zupfend. »Ich denk, eine richtige Frau soll ihren Mann nie verlassen?«

Der Anwalt seufzte.

»Was bist du nur so sonderbar,« fuhr sie fort, sich an ihn schmiegend, »so hab ich dich nie gesehen. Du mußt dich mal ausspannen, eine Reise machen. Wart mal, ich will das Licht aufdrehen. Dein Gemüt braucht Licht.«

Gleich darauf übergoß der elektrische Kronleuchter ihr pikantes, elfenbeingelbliches Gesichtchen mit der dichten schwarzen, tief in die Stirne herein wuchtenden Haarkrone. Er wagte nicht, sie weiter auf die Probe zu stellen; nur an seinem gedrückten Benehmen ließ er sie erraten, daß Unheimliches in ihm vorging. Doch legte die Harmlose die Verstimmung ganz falsch aus.

105 »Ich glaub du bist unzufrieden mit mir?« begann sie zögernd.

»Mit dir? wie so?«

»Nun . . . ich habs neulich bemerkt. Es gefällt dir nicht, daß ich mich mit Otto so viel unterhalte.«

»O, im Gegenteil!«

»Mein Gott, er kommt auch gar so oft. Und ich kann ihn doch nicht hinauswerfen? Ich kann ihn auch gut leiden; er bringt mir manche Kenntnisse in der Malerei bei . . . Obwohl mir viele seiner Eigenheiten unausstehlich sind, ja! einfach unausstehlich! Er ist stets so schlumpig angezogen, oft gar nicht richtig gekämmt; er wechselt die Unterkleider so selten, führt oft so gar frivole Atelier- und Modellgespräche. Aber, du weißt, ich muß da gute Miene zum bösen Spiel machen.«

»Unterhalt dich nur recht gut mit ihm,« unterbrach sie ihr Mann. »Dagegen hab ich garnichts. Aber sobald er darauf zu reden kommt, er wolle sein Geld zurücknehmen, wende deine ganze Beredsamkeit auf . . .«

»Daß ers dir zur Verwaltung läßt?« fragte sie. »Ja, weißt du, gerade die Sache ist mir etwas peinlich. Er fing vorgestern schon wieder leise davon an.«

»So? wieder?«

»Er läßt sich nicht davon abbringen. Er will sich ein Häuschen kaufen in . . .«

»Das darf er eben nicht.«

Er hatte diese Worte so bestimmt herausgeschleudert, daß sie ihn ganz verwundert ansah.

106 »Ja – du kannst ihm das doch schließlich nicht verbieten?« meinte sie.

Der Anwalt geriet in nervöse Erregung. »Wenn du ihm gut zuredest, unterläßt ers.«

»Diesmal hab ich keinen Einfluß auf ihn.«

»Gib dir Müh! Er ist so bestimmbar. Mach ihn auf alle Unannehmlichkeiten eines Hausbesitzers aufmerksam; sag ihm, es sei doch viel beruhigender, wenn das Geld im eisernen Kasten liegt. Er ist wahrhaftig nicht zum Hausbesitzer geschaffen.«

»Hab ich ihm schon vorgestellt. Tu ich aber nicht wieder! denn er gerät da jedesmal in einen gereizten Ton. Schließlich, was kann uns an den dreihundert Mark jährlich gelegen sein? Wenn er wieder kommt, gibst du ihm einfach das Geld zurück.«

Der Anwalt schritt, nervös hüstelnd, mit den Fingern am Schlafrock nestelnd, im Zimmer hin und her.

»Bedenk doch, Kind,« stotterte er, »was das bedeutet. Dreihundert Mark sind schon was! Es wär mir ein schrecklicher Schlag, wenn er das Kapital zurückverlangt. Ich sag dir, . . . das vertrag ich nicht . . .«

Sie blickte den Aufgeregten etwas bestürzt an und fragte: »Wie? das erträgst du nicht?«

Er fühlte, daß er sich vergessen hatte und suchte einzulenken.

»Nun ja!« rief er ganz aufgebracht. »Es kommt mir vor, als . . . als . . . traue er mir nicht . . . Es wirft ein schlechtes Licht auf meine Praxis. Du willst doch jedes Jahr deine kleine Reise machen, 107 gelt? Unsre Tochter kostet viel . . . Kurz es wär ein Schlag für uns, . . . ein sehr unangenehmer Schlag.«

»Wir müssen halt ein wenig einfacher leben?« meinte sie kleinlaut.

»Bringst du das fertig?« rief er ärgerlich. »Willst du etwas entbehren? Mir kanns recht sein; ich bin bedürfnislos; aber du?«

Sie sah schuldbewußt zu Boden. »Aber,« meinte sie betreten, »wenn du dir nur ein bischen mehr Mühe gäbst, in der Praxis . . .«

»Ach, Emilie,« unterbrach er sie zornig, »du weißt, daß die Klienten sich nicht herbei kommandieren lassen. Ich bin ohnehin kein guter Verteidiger; ich bin Anwalt geworden, weil mein seliger Papa Advokat war. Eigentlich hab ich immer mehr Lust zur Naturwissenschaft oder zur Altertumswissenschaft in mir gefühlt; die Juristerei ist mir . . . beinah verhaßt. Ja! verhaßt! Ich bin kein Redner! Nu, jetzt ists mal so, – jetzt muß ich mich damit abfinden. Aber sorg du nur dafür, daß Otto sein Kapital in meiner Verwaltung läßt. Da ist schon viel gewonnen . . .«

»Ja,« sagte sie leise, »wie soll ich das anfangen?«

»Wie du das anfangen sollst?« stieß er gereizt heraus. »Red doch nicht so dumm daher! du hast Einfluß auf ihn; du brauchst nur recht liebenswürdig mit ihm zu reden. Man kann ihn ja um den Finger wickeln! Unter Umständen kannst du auch ein paar Tränen vergießen.«

Sie sah ihn an. »Tränen vergießen?« 108 wiederholte sie unwillig. »Nein, zu solchen Mitteln greif ich denn doch nicht, – nie! Wie käm ich dazu?! Wenn er sein Geld durchaus will, soll ers holen!«

»Aber man kann doch bitten!«

»Betteln?!« rief sie.

»Freundschaftlich bitten ist nicht betteln.«

»Wenn ich ihm was vorweinen soll?«

»Überleg dirs Kind. Du tusts ja mir zu lieb, deiner Tochter zu lieb. Ihr Weiber habt doch so mannigfache Hilfsquellen, das Herz eurer Anbeter zu rühren, – ohne dabei natürlich gewisse Grenzen zu verletzen. Ein klein wenig Schlauheit, weibliche Gefallsucht, vermischt mit der Wirkung auf das Mitleid, die Rührseligkeit . . . Mein Gott! du hast mir gegenüber diese Mittel ja auch schon angewendet, und ich konnt dir ja auch keine Bitte abschlagen.«

Sie mußte lachen. »Das ist was ganz anderes!« rief sie errötend. »Gegen den eigenen Mann hat die Frau das Recht alle Verführungs-, Überredungs- und Rührungskünste spielen zu lassen. Aber wie könnt ich Achtung vor dir haben, wenn du . . .« sie stockte.

»Du hast mich falsch verstanden!« entschuldigte er sich. »Selbstverständlich würd ichs dir sehr übel nehmen, wenn du zu weit gingst, – auch nur einen kleinen Schritt . . .«

Sie mußte wieder lächeln über die großväterliche Art, in der er diese Mahnung erteilte. Sie schmiegte sich an ihn und liebkoste ihn von einem innigen Mitleid hingerissen. Sobald er diesen 109 jovial-philisterhaften Ton anschlug, glaubte sie im Gatten zugleich den Vater zu lieben.

»Nun,« sagte sie herzlich, »ich will schon mein Möglichstes tun. Wenn er aber darauf besteht, sein Kapital an sich zu ziehen, mußt dus ihm halt in Gottes Namen geben.«

»Was bleibt mir dann anders übrig?« seufzte er verstört.

»Wir kommen auch ohne die dreihundert Mark aus!« fuhr sie in ihrer herzlich-geschwätzigen Weise fort, ihm die Wange streichelnd. »Und siehst du, ich gönne eigentlich dem armen Otto sein Häuschen mit dem Atelier. Der elternlose Mensch dauert mich so. Wie ist er als Kind überall herumgestoßen worden, von einer Familie in die andere. Die Nahrung war da oft recht mangelhaft. Seine Erziehung wurde auch vernachlässigt. Hätt er Eltern gehabt, die hätten ihn dazu angehalten, was Ordentliches zu lernen. Er mag ja ein hübsches Talent haben, – aber wie schwer ists als Künstler sich durchzubringen! Sein kleines Kapitälchen ist eigentlich der einzige Notretter für den überdies noch kränklichen Menschen . . .«

Dem Anwalt begann bei diesen gutgemeinten Worten zu schwindeln, so daß seine Frau es merkte und den Wankenden bestürzt fragte: »Was hast du denn?«

»Ach – nichts!« seufzte er. »Ich leide seit einiger Zeit zuweilen an Schwindelanfällen.«

»Du mußt was dagegen tun,« sagte sie besorgt. »Morgen frag ich den Dr. Müller, sobald er zu Körns kommt. Jetzt geh ein wenig herüber,« setzte 110 sie freundlich hinzu, »Kommerzienrat Weihals ist drüben. Hörst du? er spielt.« Man vernahm aus der Ferne mittelmäßiges Klavierspiel.

»Ich komme gleich – doch noch Eins!«

»Was?«

»Hat denn Otto Grüner niemals eine leise Neigung für unsere Nata durchblicken lassen?«

»Das hast du schon einmal gefragt. Gott! mir wäre das ja auch ganz lieb. Otto ist ein guter Mensch. Aber, wahrhaftig, – leider – ich glaub, Nata hat eher eine Abneigung gegen ihn.«

»Bearbeite sie ein wenig,« wendete er ein, »eine Mutter vermag so viel über das Herz ihrer Tochter.«

»Nun – ich will mir Mühe geben.«

»Es wäre die beste Lösung!« stieß er heraus, setzte aber gleich hinzu, »wollt sagen: dann blieb das Vermögen wo es ist.«

»Wir wollen sehen!« versetzte sie. »Geh nur n bischen herüber.«

»Ich komme gleich,« sagte der Anwalt mit belegter, rauher Stimme.

»Übrigens,« setzte er nach einer Pause hinzu: »wie steht es denn mit dem Kommerzienrat Weihals?«

»Wieso?«

»Ich meine . . . es kam mir manchmal so vor, als ob . . . Ja als ob er sich für unsere Nata interessierte.«

»Um Gotteswillen, Willy, was fällt dir ein!«

»Warum? Weihals ist doch ein gutmütiger, ehrenhafter Mensch?«

»Vielleicht, obwohl wir darüber gerade keine 111 bestimmten Beweise haben. Aber daß unserer Nata der Kommerzienrat gefallen könnte, das glaubst du doch selbst nicht?«

»Warum nicht? Seh ich nicht ein!«

»Ach, Willy, sprich kein solches Zeug!«

»Auch in diesem Falle kann die Mutter auf das Herz der Tochter einwirken.«

»Das werd ich tun! Du weißt doch, daß ich den ungebildeten Weihals nie leiden konnte. Meine Nata würde mir leid tun, wenn . . . Nein ich würde ihr sogar ganz entschieden abraten.«

»Aber er spricht doch so gern mit ihr?«

»Um Gotteswillen, hör nur auf mit solchen Einfällen! verkaufen wollen wir unser Kind doch nicht?«

Sie verließ das Zimmer. Der Anwalt betrachtete noch einmal seine geliebten Münzen, – von denen er sich trennen wollte, für immer. Die Sammlung war 5–600 Mark wert. Das reichte doch für ein paar Monate, um an Otto Zinsen zu zahlen. Seine Frau hatte recht. Das kleine Kapital war der einzige Notanker des kränklichen Menschen und er hatte ihm diesen Notanker aus dem Grund gerissen.

Eine tiefe Schwermut überschlich auf einmal die Seele des Anwalts, tiefes Grauen vor seinem Ich, das er so gern anders gestaltet hätte und das doch einmal so blieb wie es war.

Und der Betrogene tat ihm unendlich leid. Er sah im Geist das bleiche Gesicht, die starr auf ihn gerichteten Augen des jungen Malers, dem er zuflüstern mußte: »Du hast nichts mehr! Du bist ein Bettler!« Meyer murmelte jetzt mit aschfahlen 112 Lippen diese Worte vor sich hin: »Du . . . hast . . . nichts . . . mehr.« Noch niemals hatte ihn ein so herzzerfleischendes Mitleid mit seinem Opfer gequält, wie jetzt, – er sank wankend in seinen breiten Strohsessel, stützte den Kopf auf den Arm und weinte.

Jetzt schallte vom Hausflur herüber das silberhelle Lachen Emiliens. Nein, sagte er sich, wenn du die Wahl hättest, du würdest wieder so handeln! Dies Lachen hat dich bezaubert. Was ist dir Otto Grüner? Um dir dies Lachen zu erhalten, hättest du ein noch viel größeres Verbrechen auf dich laden können.

Als nun lustiges Klavierspiel in sein Ohr schallte, lenkten sich seine Gedanken auf den millionenreichen Rudolf Weihals, dem er einst als Anwalt aus einer peinlichen ›Weibergeschichte‹ herausgeholfen. Der hätte so leicht helfen können! was waren dem mehrfachen Millionär die 20,000 Mark? Das war noch ein Rettungsanker! Vielleicht . . . wenn er ihn um das Geld bat? Den Versuch wollte er auf jeden Fall wagen; er konnte ihm ja die Summen verzinsen!

Sofort erhob sich Meyer, vertauschte den mausgrauen Hausrock mit einem schwarzen Gehrock und eilte in den Salon. Er hatte seine jovialste Miene aufgesetzt, ein burschikoses Lächeln umspielte seine behaglichen Lippen; die Art wie er den langjährigen Hausfreund empfing, hatte etwas herzgewinnend Weltmännisches. Er war jetzt wieder der alte Burschenschafter, der seine alte Schmißnarbe, die 113 ihm den Mund scheinbar verlängerte, mit Stolz zur Schau trug. Kein Mensch hätte seinen freundlichen Augen die Sorgen angesehen, die in seiner Brust schliefen. Rund und frisch leuchteten seine Wangen und das sauber ausrasierte Kinn aus dem Bart, über der schwarzen Deckkrawatte. Ja, er hatte seine Sorgen auch wirklich vergessen! er verstand es meisterhaft das Leben von der besten Seite zu fassen.

Weihals, ein leidenschaftlicher Musiknarr, hatte zu Ehren der jetzt genesenen Frau Rechtsanwalt einen Genesungsmarsch komponiert. Er nannte es nämlich komponieren, wenn er seinem talentvollen Musiklehrer eine schiefe Melodie vorklimperte, die dieser dann aufschreiben und bearbeiten mußte. Auf diese Weise hatte der gänzlich Ungebildete schon ein Ballet komponiert, das auch am königlichen Hoftheater – natürlich nur durch Vermittlung einflußreicher Personen – aufgeführt worden war. Er malte auch ein wenig, – Otto Grüner half ihm dabei.

Von Gestalt sah der Kommerzienrat noch um vieles »verfressener« aus als der dicke, kleine Anwalt. Er war eine wahre Riesengestalt mit plumpen, bartlosen, materiellen Zügen. Sein Stiernacken war in zwei fettwulstige Abteilungen geteilt. In seiner Kleidung war er sehr nachlässig. Oft erregte er das stille Lachen seiner Gäste dadurch, daß Knöpfe, die geschlossen sein sollten, an seinem Anzug offen standen. Außer dem Essen hatte er nur noch Sinn für die »Liebe«, Musik und Geld. Richard Wagner und 114 »Papiercher« – um diese beiden Pole drehte sich sein Gespräch. Im Übrigen konnte man ihn fast einen Trottel nennen, den eine brutale Sinnlichkeit von Weib zu Weib trieb. Gegen das männliche Geschlecht war er oft im höchsten Grad beleidigend, pochte auf sein Geld und teilte im Wirtshaus häufig Hiebe aus, die ihm dann Beleidigungsprozesse eintrugen. Einmal konnte ihn sein treuer Meyer nicht mehr vor einer kleinen Gefängnisstrafe retten, als er im angetrunkenen Zustand eine abscheuliche Wirtshausszene verursacht hatte; der Richter nahm an, daß für einen so reichen Mann eine Geldstrafe keine Strafe sei. Und doch war der Millionär im Grunde, wenn man ihn zu behandeln wußte, ein gutmütiger, ja hilfsbereiter Kerl; nur seine Erziehung war vernachlässigt; seine ererbten Millionen hatten ihn verdorben. In letzter Zeit widmete er sich auch dem Automobilsport, um sich gegen herannahende Herzverfettung und Gicht etwas Bewegung zu machen.

Jetzt sah er mit wohlwollendem Phlegma auf den kleinen Anwalt, dessen Schmeicheleien und Kriechereien er sich mit bäuerisch vornehm-nachlässigem Schmunzeln gefallen ließ.

»Aber Ihr Genesungsmarsch ist reizend, Herr Kommerzienrat! Sie haben sich selbst übertroffen! wie soll ich Ihnen danken?« Emilie verfiel bei diesen Worten wieder in ihren eigentümlichen herzlichen Lachschüttelkrampf, der ihr so reizend stand. Nun hätte der fette Millionenbauer leicht ein paar liebenswürdige Schmeicheleien der Schönheit huldigend zu 115 Füßen legen können; er brachte aber, da er über keinen Funken Esprit verfügte, nur inhaltslose Phrasen heraus.

»Ach, Frau Rechtsanwalt,« stotterte er in seinem rohen Dialekt, vor Wonne grinsend, »Sie machen mich ja glücklich durch so ä Lob. Wirklich? gefällt Ihne das bische Klavier-Getrommel?«

»Entzückend!« schmeichelte sie, über die Notenblätter streichend.

»Ja, ja,« flocht der Anwalt zuvorkommend ein; »da sieht mans wieder. Die Muse ist ein verwöhntes Frauenzimmerchen! Die Muse macht sichs stets da am liebsten behaglich, wo Muße und Gold zu finden ist.«

Der fette Kommerzienrat strahlte. Er fing seinen ganz gemeinen Regimentsmarsch auf dem Klavier von Neuem an und rieb dabei seinen breiten Rücken wie ein gestreichelter Kater an der Stuhllehne.

»Mein Gott, Frau Rechtsanwalt,« sagte er dabei, in der ölig-pomadigen Klangfarbe seines Dialektes, »Sie brauchen mer net zu danken – Ihr reizend Lache is mer ja schon Danks genug.«

Das Dienstmädchen trat ein und stellte ein Teeservice auf den runden Tisch. Der Kommerzienrat redete das frische Mädchen an und sie gab unbeholfen Antwort. Dabei gebrauchte sie, um ja keinen Verstoß gegen die Etikette zu machen, unaufhörlich den Titel ›Herr Kommerzienrat‹. – ›Der Herr Kommerzienrat entschuldigen!‹ ›Der Herr Kommerzienrat wünschen?‹ Kurz, sie begann und schloß jeden Satz mit dem Kommerzienrat und flocht ihn 116 auch noch mitten hinein, so daß es selbst dem Kommerzienrat zuviel ward und er etwas betreten sagte: »Bitte, nur hie und da einmal!« Dieses: Bitte, nur hie und da einmal! ward bald in der Familie zum Sprichwort.

Und abermals, als das Mädchen draußen war, erklang der Genesungsmarsch. Herr und Frau Meyer taten, als ob sie immer neu von der trivialen Melodie bezaubert seien. Die gypserne Niobe aber blickte mit Jammermiene vom weißen Porzellanofen herab auf die vom elektrischen Kronleuchter angestrahlten roten Sammetmöbel des eleganten Salons; die arme antike Dame schien über das entsetzliche Klavierspiel in Tränen ausbrechen zu wollen. An der Wand hingen ein par leidlich gute Ölgemälde, die Otto Grüner der Familie gestiftet.

»Ach,« brach der eitle Komponist sein affektiertes Spiel ab, »sehn Se, wenns kein Musik gäbe däht, möcht ich gar net auf der Welt sein. Gelte Se, Frau Rechtsanwalt, so gehts Ihne aach?«

»Ach ja,« seufzte die Angeredete gutmütig, die wußte, daß Weihals obige Phrase seinem Klavierlehrer nachplapperte. »Nichtwahr . . . Richard Wagner?«

»Ach ja! Der göttliche Richard!« flötete rein verklärt der gänzlich ungebildete Weihals, »hören Se nur – so ä Melodieche kann doch kei Annerer mache? he?« Er spielte natürlich den holden Abendstern! Seine selten bleichen Hängewangen zitterten während seines Spiels wie Gallerte; eine 117 widerlich-süßliche Sentimentalität, der man das Erheuchelte ansah, glänzte dabei in seinen gierigen Schweinsäuglein.

Nun klopfte es an die Türe, Karl Körn und Otto Grüner traten zusammen ins Zimmer. Der Anwalt erschrak, suchte aber seine Gemütsbewegung unter ausgelassener Jovialität zu verbergen. Der Kommerzienrat erhob sich und trippelte auf die beiden Freunde in seiner sonderbar glitschenden Weise zu, die ihm den Spitznamen »Der Eiertänzer« eingetragen hatte. Von Emilie wurden die Beiden mit jener weichen, innigen Herzlichkeit empfangen, die nur zum kleineren Teil durch ihre Zuckersüßigkeit an die Höflichkeitsmache der Weltdame erinnerte. Es lag auch entschieden echte Liebenswürdigkeit in diesem schmelzenden Entgegenkommen.

Nun erschien auch Natalie, die sogleich von Otto und Karl begrüßt wurde. Sie hatte indes heute wieder mal ihre herbtrotzige Laune und nahm die ihr zu Füßen gelegten Huldigungen mit kühler Verdrossenheit in Empfang. Karl flüsterte Otto ins Ohr: »Wunderliches Ding! stolz und eingebildet – auf was nur?« Otto gab leise zurück: »Jungfräulicher Seelenadel!« Beide lachten.

Natalie sprach fast kein Wort, obwohl sich auch der Kommerzienrat um sie bemühte. Sie behandelte ihn jedoch fast mit noch größerer Zurückhaltung als die übrigen Personen, so daß ihre Mutter ihr mehrmals Winke geben mußte, sie solle doch liebenswürdiger sein. Dann raffte sie sich einmal ein wenig aus ihrer Versunkenheit auf, um gleich desto 118 8tiefer hinein zu versinken. Endlich fragte sie den Gymnasiasten leise: »Wie steht es denn mit Ihrer neuen Religion?«

Der Angeredete fing sofort Feuer, da er merkte, daß sich das Mädchen tatsächlich ernstlich für diese Frage interessierte. »Ich bin wieder zu einer anderen Weltanschauung übergegangen,« begann er leise. »Ich behaupte, Gott ist die Weltphantasie.«

»Ach,« warf sie begeistert dazwischen, »ich verstehe wie Sie das meinen.«

»Da Gott« fuhr er fort, »zugleich das Vollbringen besitzt, kann er seine Phantasien sofort in Gestalten verwandeln. Die Phantasie des Künstlers ist nur ein schwächlicher Ableger der Gottesphantasie. Gott stellt sich Bilder vor – und sie sind! Wir sind die Traumbilder Gottes. Nach diesem Leben werden wir umgestaltet.«

»Und die Tugenden und Laster?« fragte sie gespannt.

»Sind auch nur die Träume von Traumbildern.«

»O!« flüsterte sie mit glühenden Blicken, »wenn ich reich wäre, ich würde Ihnen behülflich sein, Ihre neue Religion in Wirklichkeit umzusetzen.«

»Das wäre herrlich!« meinte er, »wir würden eine Gemeinde ›Die Gottsucher‹ gründen. Eine neue Menschheit sollte daraus hervorgehen!«

Indessen wurde der Tee eingeschenkt. Man nahm Platz um den runden Tisch, dessen Tassen, Gläser, Bestecke, wie Eiskrystalle im Glanz der elektrischen Lampen funkelten.

Karl geriet jedesmal, sobald er den Kommerzienrat anblickte, in seine mephistophelische Laune.

119 Otto lauschte schmunzelnd auf Karls versteckte Sarkasmen, besann sich dabei krampfhaft, wie er dem Anwalt heute die Vermögensangelegenheit beibringen wollte und rührte, durch diesen komplizierten Seelenzustand ganz in Anspruch genommen, nervös erregt in seiner Teetasse beständig herum. Mechanisch nahm er die Zuckerdose und warf in seiner Nervenaufregung ganz allmählich soviel Zuckerstückchen in die Tasse, daß bald ein weißer Zuckerberg aus der bräunlichen Flüssigkeit emporragte. Erschrocken trank er die Tasse aus, goß dann aber gleich wieder neuen Tee zu, damit man den Zuckerberg nicht bemerken sollte, der nur sehr langsam zerschmolz. Ebenfalls in Folge seiner innerlichen Benommenheit aß er fortwährend ein belegtes Brötchen nach dem andern, so daß ihm sein Freund leise Vorhaltungen machte. Der Maler erwiderte in seiner burlesken Art: bei ihm äußere sich Gemütskampf nicht wie bei andern Menschen durch Appetitlosigkeit, sondern durch eine unüberwindliche Freßgier.

Später bat Weihals den sehr musikalischen Karl, er möge doch eine schöne Stelle aus dem Tristan spielen. Karl setzte sich willig ans Klavier und spielte eine sentimentale Arie aus Gounods Faust. Der Kommerzienrat ging in die Falle und bewunderte die Tristanmusik. Als ihn der Oberprimaner aufklärte, meinte er: »No, no, – das is auch ä schön Musik, der Faust! Aber aus dem anneren Faust von Göthee mach ich mer nix; das is langweilig Zeug.«

120 Karl lachte. »Sie sind wenigstens ehrlich,« meinte er. »Merkwürdig, daß Sies bei solcher Ehrlichkeit doch zum Millionär gebracht haben.«

»Na, wisse Se,« lachte Weihals stolz, »daran bin ich am wenigsten schuld. Mein Vater war ä einfacher Bauer; mir hatte daheim in der Pfalz – net hier! – unser kleines Gut. Dann gings so: Die klein Gemeind hat einen großen Bauplatz belasse, sie wollt awer net die Steuer von sechzig Mark drauf zahle; da hat mei guter Vater den Bauplatz für n Trumpel an sich gebracht. Nachher ging die Bahn mitte durch den Platz! Was sage Se zu so me Geschäftche? So hat er noch mehr gemacht.«

»Aha«, sagte Karl, »da haben Sie natürlich ein glänzendes Geschäft gemacht. Aber auf welche Art haben Sie denn Ihren Titel ›Kommerzienrat‹ erhalten?«

»Wie?« fragte Weihals fast empört, »wisse Se das net?«

»Nein.«

Natalie errötete, da sie wußte, daß Karl den Sachverhalt genau kannte und nur aus Bosheit ihn noch einmal aus dem Mund des Kommerzienrats hören wollte. Ihr gefiel dieses Aufziehen des Millionärs nicht. Emilie legte sich, um satirische Ausfälle Karls zu verhindern, ins Mittel.

»Der Herr Kommerzienrat« sagte sie ehrfurchtsvoll, »ist ein verdienstvoller Mann. Er hat einen großen Bauplatz für ein Waisenhaus der Stadt geschenkt.«

»Und dann« setzte Weihals hinzu, »hab ich ja auch 121 noch das Glockenspiel fürs Waisenhaus gestiftet.«

»Sehr verdienstvoll!« bemerkte Karl. »Sie haben dabei jedenfalls Ihren Namen gleich an die große Glocke gehängt?«

Man lachte.

»Ja,« fuhr Karl fort, »heut ists anders als zu Christi Zeit; heut habens die Reichen leicht ins Himmelreich zu kommen. Aber noch verdienstvoller wärs, wenn Sie das Glockenspiel auch selbst zum Spielen brächten! Denken Sie sich, wie Sie vor den Glocken sitzen und: Wie groß ist des Allmächtigen Güte! herunterklimpern.«

»Hi, hi,« ging Weihals auf diesen Scherz ein. »Sie sin halt ä groß Talent, Herr Körn, ich hab gehört, daß Sie auch gern so schöne Poesiegedichter mache duhn. Nu wisse Se was? ich wer mal eins von Ihre Poesiegedichter komponieren.«

»O eine große Ehr für mich!« versicherte Karl; »wenn das arme Poesiegedicht die Musik nur aushält.«

»Dann laß ichs singe,« fuhr der Kommerzienrat fort. »Die Hofopernsängerin Melder singt mers in me Conzert, kost michs was es will. Na, wisse Se, Herr Körn, ich duh die Kunst überhaupts gern unnerstütze. Soll mer auch net auf ä Reis für Sie nach Idallie ankomme.«

»Wie? Sie wollen mich nach Italien schicken?« fragte Karl freudig erregt.

»Warum net?« begann Weihals wieder, der sehr gerne versprach, was er nie zu halten gedachte. »Mache Se nur erst Ihr Examen. So ä 122 Reis nach Idallien soll ja für die Herren Bücherschreiber sehr bildend sei?«

»Gewiß,« fiel ihm hier Emilie lächelnd ins Wort; »denken Sie nur an Göthe!«

»So?« meinte der Kommerzienrat, »war der auch in Idallie?«

»Und wie!« bestätigte Karl. »Aber waren Sie, ein so reicher Mann, noch nicht dort?«

»Freilich war ich dort,« bemerkte Weihals mit verdrießlichem Gesicht, »awwer, wisse Se, auf mich hat dös Idallie gar net bildend gewirkt. Ich hab nur Ärger davon gehabt.«

»Wie so? Ärger?«

»Ja – gehn Se mer wegg mit dem Idallie! Was hab ich von de alte Bilder? mich bilde die garnet. Lauter Heilige, hie und da ä Venus, awer was haw ich von nor gemalte, wenn se aach noch so schee sind? he? Mich interessiern nur die lewendige.«

»Sie hätten sich halt dort auch eine lebendige Venus anschaffen müssen,« meinte Otto.

»Gehn Se mer wegg! bei der Hitz vergeht eim die Lieb, wisse Se. Am Dag bringt eim die Hitz um, un in der Nacht im Bett steche eim die Eskimos.«

»Eskimos?« fragte Karl lachend.

»Sie meinen wohl Moskitos!« erkundigte sich Otto. Alle unterdrückten ein Gelächter.

Die Frau Rechtsanwalt mußte rasch aufstehen, um ihren Lachkrampf zu verbergen. Otto ließ einen vernehmlichen ›Quitscher‹ durch die aufeinandergepreßten Lippen entwischen und rührte eifriger 123 als zuvor in seiner Teetasse. Nur Natalie blieb ernsthaft. Sie bedauerte den armen reichen Mann, der sich so viele hohe Genüsse hätte verschaffen können.

»Ja, Gott weiß, wie däs Deifelszeig heißt,« entschuldigte sich der reiche Mann. »Awer . . . s ist Zeit . . . ich muß ins Theater!« setzte er etwas verlegen hinzu.

»Sie müssen?« fragte Karl.

»Ja – wie will ma dann sei Zeit rum bringe? Ich weiß so wie so net, wie ich den Dag rum bringe soll; s is ä wahres Elend; ma kann doch auch net den ganze Dag komponieren?«

»Sie sollten etwas lesen.«

»Ach, gehn Se mer wegg mit dene Romane. Alles verstunke un verloge Zeig; s Theater geht noch am erste an; – da sieht ma doch ä paar hübsche Weibsleut, kann a bische Musik höre un dazwische durch auch ämal ä Nickerche duh. Ja, ja, –wenn die Lieb net wär un die Musik, mächt ich net lewe.«

Er war entschieden über das unterdrückte Lachen ein wenig verstimmt. Sein bleiches, kaltes Gesicht schwoll vor Grimm ordentlich noch dicker auf, als es schon war. Karl nannte es immer ›das richtige Ohrfeigengesicht‹. So breite fette Hängewangen, die ordentlich die Hand elektrisch anziehen und anreizen, sich im Schlag von der magnetischen Spannung zu befreien. So gemeinsinnliche Nero-Lippen, die man mit dem Stiefelabsatz noch breiter treten möchte. Überhaupt ganz der richtige Nero-Typus: die 124 plump-massige Gestalt, die tiefliegenden grausamen Augen, die wollüstig wulstige Stirn mit dem schwammigen Stiernacken. »So,« sagte er, seinen Überzieher anziehend, »Jeder kann net gebüldet sei; ich brauchs auch net.«

Frau Emilie tröstete ihn: »Die Herzensbildung ist die Hauptsache.«

»Da hawe Se recht,« meinte er gutmütig;»s Herz is die Hauptsach am Mensch, un das sitzt bei mir am richtige Fleck.«

Der Anwalt brachte es fertig, den Kommerzienrat noch, ehe er sich verabschiedete, in sein Studierzimmer zu locken, unter dem Vorwand ihm eine seiner seltensten Münzen zu zeigen. Kaum hatte er ihn im Zimmer, so sagte er, seine Erregung beherrschend: »Herr Kommerzienrat, ich muß Ihnen gestehen, daß die Ratschläge, die Sie mir betreffs Bodenspekulationen gegeben, durchaus verkehrt waren.«

»Wie so?« fragte Weihals gelangweilt und verstimmt.

»Ja – sie rieten mir Griechen zu kaufen, – diese sanken. Sie rieten mir Spanier zu kaufen, –sie sanken. Ebenso, ja noch schlimmer, gings mit den Portugiesen . . .«

»Ja – da steckt mer net drin! Ich bin net allwissend, hab auch verlore durch die verdammte Portugiese. Die ganze Stadt hat verloren! ma könnt die ganze Stadt pflastern mit Portugiese. Die Bank hat sich blamiert.«

»Ich dacht, so ein reicher Mann wie Sie verstehe 125 was vom Börsengeschäft. Ihr bester Freund ist der Bankdirektor Fuchs, der gab Ihnen doch sonst die besten Ratschläge?«

»Fuchs hat auch an die verdammte Portugiese verloren.«

»Ja, das ist mir aber sehr unangenehm.«

»Na – den Bankdirektor brauche Se net zu bedauern.«

»Nein – für mich ist das sehr schmerzlich – ich hab fast all mein Hab und Gut eingebüßt!«

»Ich auch, ich auch!« log Weihals, der schon ahnte, daß Meyer auf einen kleinen Pumpversuch hinaussteuerte.

»Ach Sie! ein Millionär!« meinte der Anwalt bitter lächelnd.

»Hab aber net das geringste flüssige Geld,« log der geizige Millionär darauf los.

»Ach, wer Ihnen das glaubt,« lachte der Anwalt. »Bei mir ist das was anderes. Ich muß Ihnen gestehen, ich . . . bin direkt in Geldverlegenheit . . .«

»Ich auch, ich auch!«

»Ach – das glaubt Ihnen kein Mensch!«

»Ob Sie mir das glauben oder net, – so ists! Ich werd sehr überschätzt!«

»O, o,« seufzte der Anwalt leise, »ich hatte darauf gehofft, keine Fehlbitte zu tun . . .«

»Ach so? Tut mir unendlich leid. Vielleicht im nächsten Jahr eher . . . s geht werklich net, so leid mers tut. Was brauchte Se denn?«

»Hm – zwanzigtausend Mark.«

Weihals fuhr zurück.

126 »Puhu . . . ein Vermögen!«

Der Anwalt sah mit solcher Jammermiene unter sich, daß Weihals mit dem Scharfsinn, den die boshaften Dummen oft gerade in Geldangelegenheiten entfalten, erriet, daß hier ein peinliches Geheimnis in der Seele des Gequälten schlummerte. Das war ihm übrigens gerade recht. ›Es ist etwas im Unglück unserer Freunde, was uns nicht unangenehm ist.‹ Dies Wort hatte für den rohen Weihals tiefere Bedeutung. Er konnte kaum ein leises Schmunzeln auf seinem bleichen, dicken Nerogesicht unterdrücken. Er wußte, daß der Anwalt der Vormund Ottos gewesen war, daß er noch dessen kleines Vermögen verwaltete; er wußte auch, daß dies Vermögen gerade ebensoviel betrug. Nun sah er dem finster zu Boden starrenden Anwalt prüfend ins Gesicht . . . Ein böser Gedanke blitzte dem selbstsüchtigen Genußmenschen durchs Hirn. An der Wand, überm Sopha hing das von Ottos Hand gemalte Bild Emiliens. Dies reizende Gesichtchen mit seinen frischen Farben hatte es dem Weibersüchtling schon längst angetan. Zwanzigtausend Mark? eine große Summe, selbst für einen mehrfachen Millionär . . . Aber für das? für die Liebe einer solchen lebendigen Venus? Wer wußte . . .! Wie reizend, wenn er sie zur ständigen Geliebten hätte haben können! Wer läßt sich heutzutage nicht kaufen? Die größten Ehrenmänner beugen sich ja schmeichelnd vorm Geldschrank. Religion, Kunst, Wissenschaft, – pah! alle laufen der goldspendenden Fortuna nach. Für Gold kann der 127 Reiche ja alles haben . . . Emilie schien so kokett, so frei in ihren Ansichten über die Liebe, so ganz modern . . .

»Na,« platzte der Millionär heraus, »ich will mirs mal überlegen. Muß mal Abrechnung halten . . . Ich glaub zwar net, daß ichs mache kann . . . aber ich täts so gern, . . . für Sie . . . für Ihre liebe Frau . . .«

»Um Gotteswillen!« seufzte der Anwalt. »Meine Frau darf davon nichts wissen!«

»Warum net?« fragte Weihals. »Ich meine gerade . . .«

»Nein – um Gotteswillen nicht! sie darf keine Ahnung haben.«

»Ach so. No wie Sie wollen. Ich glaub doch, ich kanns net. Nein! Zwanzigtausend, däs ist zu viel. No – tut mir leid. Lebe Se wohl! . . . Wir sprechen vielleicht noch änmal darüber.«

Er verabschiedete sich hastig und bestieg unten sein bereitstehendes Automobil, das der Anwalt bis in sein Arbeitszimmer heraus schnaufen hörte. –

Natalie hatte nach dem Weggang des Millionenbauers Karl Vorwürfe gemacht, daß er diesen so gehänselt habe.

»Die Dummheit ist heilig,« sagte sie, »man soll nie über sie spotten. Sie ist die geheimnisvollste Gabe Gottes.«

Karl blickte das Mädchen ganz verwundert an.

»Sie werden ja zur wahren Pythia,« sagte er bestürzt.

»Wieso?«

128 »Weil in Ihrem Ausspruch weit mehr steckt als Sie ahnen. Haben Sie oft so geniale Momente?«

Natalie platzte heraus vor Lachen:

»Ach Sie wollen über mich spotten?«

»Nein,« rief Karl, ganz begeistert. »Ihr Ausspruch entzückt mich deshalb so sehr, weil ich selbst schon beobachtet habe, daß in der echten, rechten Dummheit etwas Mystisches enthalten ist. Die Dummheit steht viel tiefer und inniger mit dem Allgeist telephonisch in Verbindung, als die Gescheitheit. Sie berührt sich daher mit dem Genie. Ja! Genie und Dummheit sind ganz nahe verwandt.«

»Deshalb,« sagte Natalie, »ist auch der weibliche Intellekt dem männlichen im Ahnen des Übernatürlichen weit überlegen. Das wußten die alte Germanen. Wir stehen den Geheimnissen der Natur näher, als der Mann.«

»Fräulein Natalie,« versetzte Karl, »wir müssen uns manchmal miteinander unterhalten. Ich entdecke ungeahnte Talente an Ihnen. Was aber diesen Weihals anbelangt, so fürchte ich seine Rachsucht.«

»O nein,« meinte Nata, »boshaft ist er nicht.«

Beide waren aufgestanden und hatten sich ans Klavier zurückgezogen. Karl begann zu spielen. Sie lauschte.

»Ist es wahr,« fragte er, »daß Sie sich durch Maschinenschriftarbeiten selbständig machen?«

Sie bejahte errötend. Er lobte sie.

Otto hatte indeß der Frau Rechtsanwalt in seiner 129 humoristischen Weise allerlei Künstlerabenteuer erzählt, wobei er stets tüchtig übertrieb und aufschnitt. Er bediente sich dabei eines hanswurstartig-possirlichen Dialekts, sagte z. B. ›mirkwürdig‹ ›unglooblich,‹ – kurz verdrehte die Worte zu wahren Ungeheuern. Er brachte es aber an diesem Abend, obwohl ihn Karl leise dazu animirte, nicht übers Herz, sein Anliegen vorzubringen. Als dann der Anwalt in gedrückter Stimmung wieder ins Zimmer trat, wußte er sehr geschickt das Gespräch von diesem wunden Punkt abzulenken, sodaß Otto nicht zum Ziel kam. Endlich mußten beide Freunde sich verabschieden. Auf der Treppe tadelte Karl den Kameraden heftig.

»Du bekommst nie dein Geld, du wirst ewig unmündig bleiben.«

»Morgen geh ich bestimmt hier her!« versetzte Otto in komischer Verzweiflung. »Direkt moorgen! moorgen!«

»Was? Mohrchen?«

»Ich bin n Schlappsack, n Esel, n Rindvieh, n gutmütiges Kameel mit nem roten Hals un ner Weisheitsglatz. Weißt – ich bin zu gut for so ne bösi Welt! Aber mit unfehlbarer Sicherheit –: moorgen schieß ich ins Zentrum!«

Er drehte und wand sich in seiner burlesken Weise die Treppe hinab und stürmte davon. Karl fühlte durch seinen barocken Humor einen tiefen Schmerz zittern; er erriet, was dem sonst Energischen hier die Waffe raubte, – – Emiliens Liebreiz! 130

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