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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Als Karl am anderen Tag um 12 Uhr aus der Schule kam, begegnete ihm sein Freund Otto Grüner, der bereits 25 Jahre alte Kunstmaler.

Otto war ein langaufgeschossener Mensch mit dünnen roten Haaren auf dem Schädel. Sein Gesicht war so stark von Sommersprossen besteckt, daß es beinahe, statt weiß, goldgelb aussah. Um seine Häßlichkeit zu vollenden, hatte ihn die Natur noch mit einem im Nacken rot aufgeschwollenen, von kleinen Geschwüren bedeckten Hals begabt; aber sie war dabei doch so gnädig gewesen, ihm den Vorzug der Kröte zu verleihen –: sehr schöne, intelligent und herzlich blickende Augen, aus denen Talent und Herzensgüte strahlten, fesselten so sehr, daß der Beschauer die übrigen Gesichtsfehler kaum bemerkte. Dazu kam ein eigentümliches, harlekinhaftes Betragen, das er sich als Künstler auf der Akademie angeeignet hatte. Mit Hilfe seiner an Galgenhumor streifenden Lebensauffassung brachte er es fertig, sich über die meisten Unannehmlichkeiten seiner Künstlerlaufbahn geschickt hinweg zu setzen. Schon die Art, wie er den jüngeren Freund begrüßte, war charakteristisch für ihn, den leichtlebigen Phantasiemenschen.

»Endlich wieder mal?« rief er mit burlesker 77 Verdrehung des Oberkörpers. »Endlich mal im Leben ein Wiedersehen? also noch nicht gestorben? Na – leb leider auch noch! bin tief erschüttert.«

Er fuhr sich mit dem Zeigefinger erst ins eine, dann ins andere Auge, als schnicke er eine unsichtbare Träne auf das Straßenpflaster.

Karl ging auf den Scherz, der vielleicht einen anderen beleidigt hätte, ebenso humorvoll pathetisch ein. »Man sieht dich ja gar nicht mehr,« schluchzte er mit komischer Rührung; »hatt solche Sehnsucht nach deinem rotangelaufenen Hals und den prächtigen roten Haaren!«

»An mir ist alles rot,« scherzte Otto. »Der reinste Sozi.«

»Hat sich denn immer noch keine Wand über deinen »Sokrates vor den Richtern« erbarmt?« fragte der Freund. »Trauert das Gemälde noch in deinem Atelier?«

»Immer noch!« seufzte der Künstler. »Sokrates ist immer noch nicht verurteilt, – d. h. ich hab ihn längst verurteilt. Das Bild entspricht nicht mehr meiner neuesten Richtung. Hab jetzt eine ganz neue Technik gefunden. Endlich hab ich meine mir eigne Handschrift entdeckt.« Das Letzte sagte er in ernsterem Ton; das war nun echte Herzenssache.

»So? Das ist jetzt bereits das vierte bis fünfte Mal, daß du deine ›Handschrift‹ wechselst. Erst hast du à la Feuerbach gemalt, dann à la Böcklin, – jetzt wahrscheinlich à la Lenbach?«

»Spott so lang du willst, aber zuerst sieh selbst. Marsch! Da sind wir schon an meinem Atelier, – 78 komm auf n Sprung rauf, wirst vor Begeisterung auf n Rücken fallen. Solche Farbenakkorde hat noch kein irdisches Aug erblickt, – das ist aus der vierten Dimension!«

»So!« spottete Karl, während er dem ulkenden und dennoch ernstlich auf sein Urteil gespannten Kameraden in die große Mietskaserne folgte; »gibst du dich auch mit der Modekrankeit, dem Spiritismus ab?«

»Und wie! Ich hab kürzlich ein Medium bei mir gehabt. Ich sag dir: es gibt ein Jenseits!«

»Die Medien, die ihr Maler bei euch habt, kennt man; sind eure Modelle.«

»Nebenher ists auch Modell; das tut ihren übernatürlichen Fähigkeiten keinen Eintrag.«

»Und ihren natürlichen auch nicht?«

»Du kannst dich halt noch nicht ins Metaphysische emporschwingen!«

»Nu ja,« meinte Karl, »Konrad Stern hat mir gestern auch so ein theosophisches Werk geliehen. Ich bin zwar noch nicht überzeugt, kann aber nicht leugnen, daß das Buch einen großen Eindruck auf mich gemacht hat. Vielleicht ist das die Religion der Zukunft!«

»Ich meine, du willst selbst eine neue Religion gründen?« spottete der Künstler.

»Das geht nicht so rasch,« lachte Karl, »ich muß erst alle Systeme durchproben, um das Beste von allem zu behalten.«

»Ja, ja,« rief Grüner. »Du hast alle acht Tage eine neue Weltanschauung entdeckt.«

79 »Wie du – eine neue Maltechnik.«

»Genau so! Wenn du endlich einmal dein System fest begründet hast, sag mirs; ich werde sofort dein begeisterter Apostel.«

»Ich war schon als kleines Kind ein Philosoph,« bemerkte Karl. »Ich versteckte zuweilen kleine Steinchen im Sand und fragte mich: sind die eigentlich jetzt noch in der Welt? Es sieht sie ja kein Mensch; folglich sind sie auch nicht da; der erste Menschenblick, der auf sie fällt, gebiert sie wieder ganz neu. Was sagst du zu solch kindlichen Einfällen?«

»Du bist vielleicht ein Genie?« spottete Otto.

»Alle Kinder sind Genies,« lachte der Andere. »Unser größtes Unglück ist, daß wir aufwachsen. Nur das Unreife ist schön, neu, interessant.«

Beide waren die schachtartig, vom Glasdach her trüb beleuchtete, unendlich hohe Treppe hinaufgeklommen. Auf jedem Treppenabsatz mündeten vier Türen. Ganz oben unterm Dach lag das kleine Atelier. Sie traten ein.

Das schiefaufstrebende, breite Fenster ließ nur den grauen Herbsthimmel und etliche Schornsteine erblicken; auf einem dieser Kamine kletterte oben wie eine Katze der schwarze Feger, um seine Kugel herunter zu lassen.

»Teufel, das gäb n Bild!« rief Otto. »Schau, wie der da naufturnt, – was?«

»Sind aber keine Farben drin,« meinte Karl trocken.

»Allerdings, nur schwarz und grau. – Na, so 80 sieh her! was ist das?« Er drehte eine große Leinwand gegen das Licht.

Karl stand vor einem wohl zwei Meter langen Gemälde. Ein schlafendes Weib in orientalischem Kostüm; hinter der fieberhaft in Träume Versunkenen schwebte ein blutender, gräßlicher Kopf, der sie mit starren Totenaugen fixierte.

»Nicht schwer zu erraten!« sagte Karl. »Salome, der Johannes als Gespenst erscheint.«

»Nu – und wie ists?«

»Gar nicht übel!« kritisierte Karl. »Hast große Fortschritte gemacht; wirklich! Die ganze Malweise ist eigen. Dieser sonderbar gespenstisch-verschwommne Nebelton! Du warst wohl selbst n bischen benebelt, als du das schufst?«

»Du kannst natürlich nie unterlassen, deinem Lob einen hinkenden Pferdefuß folgen zu lassen.«

Karl lachte. »Nein, aufrichtig, – s ist das Beste was du bisher gemacht. Wenn du so weiter fortfährst, kommst du gelinde in die Art des Gabriel Max hinein.«

»Schon wieder!« lehnte sich Otto auf. »Du willst mir die ganze Freud verderben.«

Karl lachte stärker. »Etwas Eigenes ist entschieden darin, – nämlich das: man merkt dem Bild an, daß du keinen rechten Sinn für das Schauerliche halt. Du hast dir das Gruseliche nur angequält.«

Otto fühlte, daß der scharfsinnige Freund nicht ganz unrecht hatte.

»Meinst du?« sagte er kleinlaut. »Kannst recht 81 haben, Alter; mir liegt das Lebensheitere besser. Unsinn, daß man immer gleich die Mode mitmachen will! So gehts vielen Talenten; sie suchen stets nach Erfolg und versäumen darüber etwas Eignes zu leisten. Jetzt fällts mir wie Schuppen von den Augen! ich seh jetzt, daß ich geglaubt hab, originell zu sein – und daß ich einfach nur der Mode nachlaufe . . .«

»Was seh ich denn da?« rief nun Karl, der an ein Bild gestoßen war, das am Fußboden stand. Das Bild war umgefallen, er hob es auf, – es stellte das reizende Köpfchen Nataliens dar.

»Ja,« sagte Otto; »soll eine Überraschung werden für die Familie.«

»Siehst du,« lobte Karl, »da bist du entschieden in besserem Fahrwasser. Da liegt deine Stärke, – im Portrait!«

»Meinst du?«

»Ganz gewiß! Du hast das Kindlichmütterliche des Gesichtchens prächtig getroffen. Es ruht so was Liebes, Gutmütiges über diesen runden, von der Natur gleichsam genial skizzierten Zügen. Auch den scheuen Blick der Kleinen hast du herausgefühlt.«

»Ach, das ist nichts!« unterbrach ihn Otto unzufrieden, nahm ihm das Bildchen ab und warf es in eine Ecke.

Karl wollte weiter loben.

»Nein,« fiel ihm Otto ins Wort. »Ich muß das Zeug ganz anders anpacken. Muß überhaupt ein anderes Leben beginnen . . . . Das blödsinnige 82 Wirtshausleben versimpelt den Geist. Da gießt man des Abends so viel Bier in sich hinein, daß man am Morgen keine Stimmung findet. Und die unflätigen Unterhaltungen, – diese öden Gespräche und Kellnerinnenabenteuer, – wie kann da ein Talent aus so nem Sumpf aufwachsen! Ich werd jetzt Abends zu Haus bleiben, was Gescheidts lesen, nicht mehr mit dem boshaften Kritiker Weinerl saufen und lumpen. Dem Kerl ward ja ohnehin nachgewiesen, daß er sich hat bestechen lassen! Wie kann ich auf die Art was leisten! Vor allen Dingen . . .« Er brach plötzlich verstimmt ab.

»Nu – was hast du?« fragte Körn.

»Es geht nicht mehr anders,« brummte der Künstler vor sich hin, »ich muß mein kleines Kapital zurückziehen!«

Karl erinnerte sich, daß der Rechtsanwalt Wilhelm Meyer, der im Haus des Direktors Körn, gerade über ihm, im dritten Stockwerk wohnte, Ottos Vormund gewesen war. »Wie?« fragte der Oberprimaner, »du bist doch längst volljährig? Hast du dein Geld nicht vom Vormund zurückerhalten?«

»Das ists eben,« klagte Grüner, »was mich schon seit Jahren verstimmt . . .«

»Wie so? Was braucht dich da zu verstimmen?«

»Ja – das ist so ne eigne Geschicht. Als ich volljährig geworden, ließ ich mein kleines Kapital – zwanzigtausend Mark – meinem Vormund zur Verwaltung. Man riet mir sogar von der Obervormundschaft dazu, ich sei zu weltunerfahren, zu unpraktisch, ich könne das Geld völlig einbüßen, 83 wenn ichs ungeschickt anlege. Na gut! ich ließ es also beim Vormund. Für diese kleine Mühewaltung bezieht Herr Meyer aber ein übergroßes Honorar.«

»Wie viel denn?« fragte Karl.

»Dreihundert Mark.«

»Was? dreihundert Mark? Das ist freilich viel . . .«

»Natürlich, viel zu viel,« fuhr Otto fort. »Früher, als der Anwalt noch mein eigentlicher Vormund war, da ließ ich mir ja so ne Summe noch gefallen, – aber jetzt? Diese dreihundert Mark kann ich mir auch selbst verdienen. Übrigens möcht ich mir für das Kapital ein kleines Häuschen kaufen, vor der Stadt, recht idyllisch gelegen, mit einem netten, großen Atelier.«

»Sehr vernünftig,« lobte Karl.

»Ja,« fuhr Otto erregt fort, wobei er wieder in seinen drollig-ernsten Ton verfiel, »dann könnt ich erst was leisten, ha? Denk dir, so n kleines, in Büschen verstecktes Nestchen, – n kleines Weibchen drin, he? die mir die Haushaltung besorgt und zugleich als Modell dient? Ist das nicht paradiesisch?«

»Ja, warum zögerst du noch ins Paradies zu treten?« fragte der Freund.

»Die irdischen Paradiese erschließt man nur mit Geld!« versetzte Otto lachend.

»Nu – du hasts ja!«

Der Künstler schnitt eine burlesk tragische Grimasse. »Habs eben nicht, Freundchen!« schrie er.

»Was? brauchsts nur vom Anwalt zu holen.«

»Ja – wenn das so einfach wäre!«

84 »Was ist denn da so Kompliziertes dabei, du unpraktischster aller Rafaels?«

»Verstehst du halt nicht! Sind ganz verwickelte Verhältnisse.«

»Was? Der Meyer wird doch das Geld nicht etwa veruntreut haben?«

»Um Gotteswillen! so was denk ich nicht!«

»Nu – also?«

»Ja, siehst du . . . was mich davon abhält, mein Geld zurückzufordern, ist . . . übergroßes Zartgefühl, oder sagen wir: Dummheit? Ich weiß nicht . . . es wird mir entsetzlich schwer.«

»Ja warum denn?«

»Ich weiß nämlich, daß Anwalt Meyer die dreihundert Mark jährlich sehr gut brauchen kann.«

»Die könnte schließlich Jeder brauchen,« meinte Karl trocken.

»Ja, aber er hat mir schon so Andeutungen gemacht . . . Seine Tochter Natalie kostet ihm viel; seine Frau war lange krank. Seine Praxis geht schlecht, er interessiert sich mehr für Münzenkunde als für seine Prozesse. Möglich, daß er auch seiner Münzenleidenschaft zu große Geldopfer gebracht hat. Kurz, es scheint mir fast, als ob . . .«

»Als ob das Geld knapp wär in der Familie Meyer?« schloß Karl den Satz.

»So ists!« grinste Otto, sich über den roten Hals fahrend.

»Hast du ihm denn schon einmal angedeutet, du möchtest dein Geld zurückhaben?«

»Schon zweimal.«

85 »Nun? und er?«

»Ich merkte deutlich, daß ihn die Sache sehr fatal berührte. Du kennst ja seine joviale Art . . .«

»Freilich; er hat also in seiner jovialen Art . . .?«

»Ausflüchte vorgebracht. Wie ich mir einfallen lassen könne, der ich von Geldsachen nichts verstehe, auf einmal mein Vermögen zu verwalten! Ein Haus zu kaufen sei ganz verkehrt; da habe ich Steuer zu zahlen; so ein Haus koste jährlich Reparaturen; man wohne da furchtbar teuer, u. s. w. u. s. w.«

Karl schwieg einen Augenblick. »S ist jedenfalls auffallend,« meinte er, »daß der Anwalt Meyer nicht bei deinem ersten, leisesten Versuch, das Geld zurückzuziehen, dir gleich entgegenkam und daß er es so krampfhaft festzuhalten sucht.«

»Du kennst doch die Familie als Hausgenosse!« forschte der Künstler. »Wie leben die Leute denn? Merkst du etwas von besonderer Verschwendung?«

»Ich habe nichts derartiges bemerkt,« versicherte der Gymnasiast. »Übrigens, du kennst ja die Familie selbst. Du unterhälst dich ja alle drei Tage oft stundenlang mit der kleinen Frau Rechtsanwalt?«

Otto ward verlegen und schüttelte sich in seiner Hanswurstenart. »Das ists eben,« kreischte er. »Ich war halt gar zu vertraut mit der Familie. Die junge Frau Rechtsanwalt hat mirs eine Zeit lang n bischen – na ja – angetan. Du weißt: sie ist nicht nur reizend von Gestalt und Gesicht, – sie hat auch ein so fesselndes Benehmen, so was . . .«

86 »So was Ruscheliches?« fiel ihm Karl ins Wort, »so was wie Rauschgold?«

»Ja ja,« nahm Otto seinen Satz wieder auf; »das läßt sich gar nicht beschreiben, so was Urgemütliches. Man fühlt sich so urbehaglich in ihrer Nähe. Ich war gewiß nicht verliebt in sie, aber ihre Unterhaltung verbreitete eine merkwürdig wohlige Stimmung über meine Nerven.«

»Aha, und deshalb,« bemerkte Karl verständnisvoll lächelnd, »wird dirs jetzt fast unmöglich, der Familie das Geld zu entziehen?«

»Fast unmöglich! Ja!« bestätigte der Künstler. »Ich komme mir vor wie n Räuber, als wollt ich die Leute ins Unglück stürzen.«

»Nu, hör mal! ins Unglück stürzen? Der Rechtsanwalt wird hoffentlich noch über andere Hilfsquellen zu verfügen haben.«

Der Maler zuckte komisch-gequält die Achseln. »Ich komme aus der ganzen Geschicht nicht raus,« seufzte er.

Der Oberprimaner murmelte: »Hm! Das sieht beinah so aus . . .« Er stockte.

»Nun?« half ihn der Maler weiter.

»Ich will lieber schweigen. Was geht mich die Sach an? hab selber genug durchzufressen.«

»Ich weiß, was du sagen willst,« murmelte der Künstler.

»Man hat im ganzen Haus darüber gesprochen,« flüsterte Karl.

»Von was?«

»Von . . . nu, daß du immer soviel bei der kleinen 87 Frau sitzest, und der Mann – euch soviel allein lasse.«

Der Künstler erbleichte ein wenig.

»Wirklich?« stotterte er betreten lächelnd.

»Ja,« fuhr der Schüler fort. »Du brauchst dir aber deshalb nicht etwa einzubilden, die Frau Mayer sei verliebt in dich.«

»Das hab ich mir auch nie eingebildet.«

»So? Nun, desto besser. Ich weiß nämlich genau, daß das nicht der Fall ist.«

»Wie so?«

»Na,« fuhr der Gymnasiast mit sarkastischer Miene fort, »weil sie zuweilen mit mir über dich gesprochen hat.«

»Wie? Sie hat über mich gesprochen?«

»Ja – und in nicht gerade sehr bewunderndem Tonfall.«

»In . . . nicht sehr . . .?« stotterte der Maler.

»Durchaus nicht. Sie meinte, du lebest ziemlich leichtsinnig . . . liederlich . . . mit deinen Modellen. Sie glaubte: mit deinem Talent seis auch nicht weit her. Natürlich versteht sie davon nichts.«

»Natürlich,« warf der Künstler enttäuscht, zwischen Humor und Ärger schwankend, hin.

»Auch deine körperlichen Vorzüge schien sie wenig zu bewundern.«

»So so?« fragte der Maler. »Spottet sie auch über meinen roten Hals?«

»Ja und du wechslest die Wäsche zu selten, du seiest immer ganz verschwitzt, seist überhaupt echt künstlerisch unreinlich.«

88 Otto lachte laut auf.

»So? Das hat sie mir freilich nie ins Gesicht gesagt!« kreischte er, sich vor Lachen schüttelnd.

»Wegen der dreihundert Mark!« bedeutete ernsthaft Karl.

»Ich hab mir wahrhaftig eingebildet,« schrie der Maler, »sie hätte ein tieferes Interesse an meinem Seelenleben!«

»An deinen dreihundert Mark!« dozirte professoral der Andere.

»Ich glaubte, sie halte was von meinen Bildern.«

»Von deinen dreihundert Mark!«

»Und sie ertrug doch den Geruch meiner durchgeschwitzten Hemden stets mit solcher Liebenswürdigkeit!«

»Wegen der dreihundert Mark!«

»Meine Liederlichkeit schien ihr so interessant!«

»Deine dreihundert Mark hüllten auch die größten Liederlichkeiten in einen Tugendmantel.«

»Hat sie dir auch erzählt, daß wir uns oft sehr intim über die Liebe unterhielten?«

»Ja. Sie war entrüstet über die Unverschämtheit, mit der du solch heikle Themata besprachst.«

»Entrüstet? entrüstet?«

»Sie hörte deinen philosophischen Erklärungen jedenfalls nur zu, weil deine dreihundert Mark ihr ein süßes Pflaster aufs wunde Ohr drückten.«

»Jetzt geht mir endlich ein Licht auf!« brummte der Maler verdrießlich.

»Aha! merkst du, weshalb sich der Mann stets in seine Studierstube vergrub, sobald du kamst?«

89 »Ich – Esel!«

»Und du bist noch ein größerer Esel, wenn du jetzt nicht ernstlich Schritte tust, dein Geld sofort zurückzuerhalten!«

Der Künstler rieb sich die Hände. »Hast recht, Alterchen! Mir sehr lieb, daß du mir die Augen geöffnet, mich in die richtige Stimmung versetzt hast; jetzt hab ich den Mut. Aber hast du mir auch nichts vorgeflunkert? ist die kleine Frau Rechtsanwalt wirklich so wenig von meiner Unterhaltung erbaut gewesen?«

»Mir kanns gleich sein, wie du darüber denkst!« lachte Karl. »Ich hab ja nichts davon. Mich amüsierts höchstens, zu beobachten, wie nun deine gekränkte Eitelkeit nach grimmiger Rache sucht.«

Der Künstler griff nach seinem Überzieher. »Je nun!« verteidigte er sich. »Künstler sind sehr menschliche Menschen. Übrigens will ich mich nicht rächen! will nur das was mir gehört. Mich amüsierts, zu hören, wie unsere guten Freunde hinter unserem Rücken von uns denken und reden. Ich hätt auf die echte Freundschaft dieser Frau geschworen! sie schien mich wirklich hoch zu schätzen, für mein Talent zu schwärmen . . .«

Karl dozirte: »Machs wie ich; werd Menschenfeind und Pessimist. Dann hast du erst den wahren Genuß vom Leben. Als Menschenfeind erwartest du stets nur das Schlimmste von den Menschen. Triffst du dann ausnahmsweise mal eine bessere Regung an, so freuts dich doppelt; wie wenn du unter Eis und Schnee ein Veilchen entdeckst.«

90 Beide verließen das Atelier. Auf der Straße unterhielten sie sich von anderen Gegenständen, bis der Maler wieder das Gespräch auf das frühere Thema lenkte. »Ich hätt allen Grund ein Pessimist zu werden. Als Waise, wie ichs vom ersten Lebensjahr an war, lernt man die Menschen so recht in ihren Schwächen kennen. Meine Schulzeit war scheußlich. Meine Lehrer hielten mich für unbegabt, ja dumm, weil ich, in Folge meines plastischen Anschauungsvermögens, mich in ihrer dürren Begriffswelt nicht zurecht finden konnte und mich sämtliche Lehrfächer aufs erbärmlichste langweilten.«

Karl meinte: »Gewöhnlich werden ja die talentvollsten Schüler aus der Schule hinausgeworfen!«

Otto gab ihm recht und fuhr fort: »Leider war ich noch nicht mal so talentvoll! Es ist ein Jammer, wie wir moderne Menschen erzogen werden. Die ewige Aufregung in der Schule um mitzukommen hat meine Nerven ruiniert. Wie viel Nervenkraft müssen wir nur später verschwenden, um die falschen Vorstellungen, die uns der Religionsunterricht in den Geist geprägt, wieder loszuwerden. Ich war ein Jahr lang tatsächlich gemütskrank; erst Schopenhauer hat meinen Geist gerettet.«

»Mir ging es in diesem Punkt ähnlich,« unterbrach Karl lebhaft. »Schopenhauer war auch mein Erlöser. Ich erinnere mich noch, wie ich zufällig die erste Zeile von ihm las, – das brachte sofort eine kolossale Umwälzung in mir hervor. Jetzt bin ich freilich schon über diesen Philosophen hinaus.«

»Ich ja auch,« fuhr Otto fort. »Aber hör weiter! 91 Mein bischen Vermögen haben Diejenigen dezimiert, die gerade dazu angestellt waren, es dem Waisenkind zu erhalten. Mein erster Vormund hat sich Unterschlagungen zu schulden kommen lassen. Die Pfarrerfamilie, in der ich erzogen wurde, wollte natürlich einen Profit aus mir ziehen. Die Nahrung war daher ungenügend. Es lebten nämlich drei Söhne auf der Universität; die Studenten kosteten was! Dann kam ich in eine andere, eine Künstlerfamilie. Die Leute brauchten auch Geld, da die Bilder des Mannes nicht abgingen. Man überredete mich ganz weltunerfahrenen Menschen, ich möchte doch meinem ›zweiten Vater‹ dreitausend Mark vorstrecken. Ich tats natürlich . . . und hab das Geld nie wiedergesehen. Nun so gings weiter. Mein kleines Kapital ist meine einzige Stütze im Leben.«

»Und die wackelt bedenklich!« meinte Karl.

»Du siehst natürlich wieder zu schwarz,« tadelte ihn der Maler. »Nein, nein, ich bin trotz all meinen trüben Erfahrungen kein solcher Pessimist. S wird noch alles gut. – Nur nicht verzweifeln, Otto!« ermahnte er sich in seiner burlesken Laune; »nur nicht den Glauben an die Menschheit verlieren. Und die schöne, reiche Welt! sieh doch nur mal die Beethovenstraße hinab! Dies fröhliche Menschengewühl, dies Lachen, dies Streben nach Glück! Ist nicht das Streben nach Glück auch schon Glück? Dieser milde Herbstsonnenglanz, der sich sogar herabläßt in jedes Hundehalsband Goldlichter zu drücken und der die Wangen des Bettlers ebenso zärtlich küßt wie den Federhut der reichen Dame.«

92 »Geh mir doch!« wies ihn der frühreife Schüler zurecht. »Den Sonnenschein können die Leute nicht essen und all ihre Geschäftigkeit gilt ja einzig und allein dem Magen. Was du Fröhlichkeit auf den Gesichtern nennst, halt ich für Maske. Schon aus Geschäftsklugheit zeigt Keiner gern dem Mitbruder seine Trauer auf der Straße, denn den Meisten ist es ein geheimes Fest zu entdecken, daß der liebe Nächste auch sein Teil Kummer hat. Die Meisten wollen lieber beneidet, als bemitleidet werden. Im Mitleid stecken immer fünfzig Prozent Bosheit.«

»Geh, hör auf!« ermahnte ihn der lebenslustige Künstler. »Wo kämen wir hin, wenn wir den Schatten des Daseins nicht auch kleine Lichtpünktchen abgewännen!«

»Was wir brauchen«, versetzte Karl, »das wäre . . . Ja, wie soll ich sagen? Die Menschheit ist bis jetzt weiter nichts als ein krankhafter Hautausschlag der Erde; das müßte anders werden! Eine neue Religion müßte die Menschheit gesund, lebenskräftig machen.«

»Ja,« lachte Otto, »wenn du so was fertig brächtest!«

»Ich werds ganz sicher mal versuchen. Was wir brauchen, wäre . . . die Vereinigung der altgriechischen Sinnenfreudigkeit mit moderner Stimmungsfeinheit. Im Altertum haben die Geistesmenschen geherrscht, – heute herrscht der Philister. Im unserem ganzen Staatsleben gibt die ewig dumme Menge den Ausschlag, nicht wie es sein sollte, die Aristokratie des Geistes und der Kunst. Wie einfältig, der plumpen, rohen Masse die entscheidende Stimme zu geben?«

93 »Lassen wir das gut sein,« unterbrach ihn Otto, »hier sind wir schon.«

Sie waren an dem großen Haus des Direktors angekommen, dessen dunkle Tordurchfahrt Beide aufnahm. Der kleine Hof, vom Hausgarten durch ein Gitter getrennt, führte rechts ins Treppenhaus, das einfach aber nett mit Stuckarbeiten verziert war. Der Sohn des Direktors nahm Abschied von dem Künstler, der noch ein Stockwerk höher hinauf mußte.

Als der Maler dann vor der mit weißen Vorhängen verhüllten Glastür stand, konnte er doch seine Scheu nicht überwinden. Hinter der Glastür huschte verschwommen die Gestalt des Dienstmädchens vorbei, darauf die Gestalt der reizenden Frau Rechtsanwalt. Es war doch eine unpassende Zeit den Leuten jetzt ins Mittagessen hereinzufallen, ihnen den Appetit zu verderben. Dem Musenjüngling schlug das Herz sehr unbehaglich in der Brust. Er war zu gutmütig, um der hübschen Frau ihre scharfe Kritik seines Aeußeren übel zu nehmen; er hatte Mitleid mit der kleinen Kokette. Wer wußte denn, ob nicht die dreihundert Mark die er der Familie überließ, dem reizenden Frauchen jährlich eine kleine Badereise ermöglichten? Nein verliebt war er nicht in sie, durchaus nicht, aber er hatte sich so gern mit seiner »Vormundin« unterhalten. Vielleicht hatte sie auch jene spitzigen Bemerkungen über ihn nur deshalb gemacht, um nicht in den Verdacht zu kommen, – sie liebe ihn! Ganz gewiß! So wars! So traf er das Richtige! Er braucht ihr also nicht zu zürnen.

Nein! jetzt das Geld zurückzufordern, war ihm 94 unmöglich! Er schlich sich wieder die Treppe hinab. Heut gegen abend ist auch noch Zeit, rief er sich zu.

So machte er denn einen Spaziergang, studierte die Natur, um sie dann später in ein Kunstwerk zu bannen.

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