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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Der Direktor benutzte, wie immer, die elektrische Trambahn, wußte aber zwischen sich und den übrigen Fahrgästen durch sein würdevolles Benehmen eine solch hohe geistige Scheidewand zu errichten, daß keiner es wagte ihn anzureden. Er konnte es nie vergessen, daß er einst ›Das Wunderkind‹ gewesen war. Traf er einen Bekannten, so überschüttete er ihn mit einem Schwall wohlgesetzter Redensarten, in der Meinung, daß der Hörer die Quantität für die Qualität nehmend, ihn für einen eminent geistreichen Kopf halten müsse. Gewaltsam schlug er sich 23 jetzt die Erinnerung an sein trauriges Familienleben aus dem Sinn und grübelte, während ihn das Rasseln des Wagens umdröhnte, darüber nach, welches Aufsatzthema er seinen Primanern stellen sollte, – ein Thema, das er dann später selbst bearbeiten könnte, denn in seiner Prima waren gute Köpfe, deren Gedanken ihm schon manche Anregung gegeben hatten.

Doch ehe er etwas gefunden, geriet seine professorale Größe dadurch sehr ins Gedränge, daß sich dicht vor ihn hin ein außerordentlich dickes Gemüseweib aufpflanzte, in deren hoch vor ihm aufgebauschter Kleiderwölbung sein Gesicht fast verschwand. Aufstehen konnte er nicht. Nur gut, daß ihn kein Schüler in seiner üblen Lage sah, die er endlich mit philosophischer Resignation ertrug.

Dann beschäftigten ihn einige Erziehungsprobleme. Sein Sohn hatte ihm vorgestern bei Tisch gesagt: »Da preist man uns ewig die alten Griechen! wenn wir uns aber mal deren Leben ernstlich zum Vorbild nehmen würden, wollt ich sehen, wie wir aus dem Gymnasium flögen!« Wie konnte man die Sitten der Alten in eine höhere Verbindung bringen mit dem Leben unserer Zeit? Halt . . . das war ja ein famoses Aufsatzthema!

Doch hatte er keine Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Die Trambahn hielt; mit elegantem Sprung stieg er aus – er war stolz auf seine jugendliche Rüstigkeit – und trat durch das eiserne Gittertor in den großen Hof, in dem der Sandsteinprachtbau der Geisteskaserne (wie sein Karl das Gymnasium nannte) sich hinter grünen Bäumen 24 erhob. Jetzt gelangte er durch den breiten Korridor in sein hübsches Direktorzimmer.

Hier fühlte er sich als Herrscher, hier störte ihn keine kleinliche Familienrücksicht, hier erlosch die keifende Stimme Katharinas, der Fisch war in seinem Element. ›Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!‹ Nachdem er in seiner elegant-würdevollen Weise Hut und Mantel abgelegt, trat er in das anstoßende Lehrerzimmer, in dem bereits die meisten Lehrer sich versammelt hatten.

Alle grüßten den vom Kultusminister hoch geschätzten Pädagogen sehr achtungsvoll; einige mit kriechender, süßlicher Liebenswürdigkeit, andere wußten sogleich allerlei Schmeicheleien über sein Aussehen geschickt anzubringen.

Besonders der sehr stämmig gebaute protestantische Theologe Dr. Georg Simmer, heimlicher »Märzler«, ein ungemein korrekter Streber, verstand es, dem Direktor mit wahrhaft christlicher Selbstverleugnung den Hof zu machen, was den sonst doch scharfsichtigen Vorgesetzten indes durchaus nicht etwa abstieß. Wie der Kater, wenn er gestreichelt wird, behaglich schnurrt, nahm der Direktor die oft sehr plumpen Lobeserhebungen mit dankbarem Grinsen in Empfang. Dem Theologen gegenüber fühlte er sich nun in einiger Verlegenheit. Da er merkte, daß der Herr bis jetzt noch nicht wußte, wer ihn in so beleidigender Weise angegriffen, schwieg er über diese Sache. Dr. Simmer besaß absolut kein Talent, die Schüler an sich zu fesseln; im Gegenteil, es ging eine herzlose Kälte von seinen grünlich 25 schielenden Augen auf die Zöglinge über. Seine Strafen waren hart; von christlicher Nächstenliebe war im Wesen dieses Zionswächters nichts zu bemerken. Seinen Religionsunterricht hätte man einen seelenlosen Geschichtsunterricht nennen können. Man erkannte an den ungeschlachten Bewegungen seiner plumpen Glieder den Metzgersohn vom Land. Seine starren, maskenhaft bleichen Gesichtszüge flößten den feinfühligeren Knaben Grauen ein, weckten die Spottlust der derberen.

Gar nicht leiden konnte diesen süßlich-schwerfälligen Mann Gottes der Physiker Külper. Auch am Unterricht hatte der dicke, kleine Mathematiker gar keine Freude; er hätte sich am liebsten ganz in seine Höhle, die Wissenschaft, zurückgezogen. Er sah ungefähr aus wie ein italienischer Baß-Buffo, hatte auch ähnliche groteske Manieren und humoristische Aussprüche. Seine Schüler lernten nicht viel bei ihm. Mit den Talentvollen stand er in behaglich-heiterem Verhältnis, die Faulen ließ er ruhig gewähren und nannte sie mit burlesker Verachtung: seinen Sumpf. Er ging den anderen Herren ängstlich aus dem Weg, sogar mit dem Direktor verkehrte er nur, wenn es unumgänglich nötig war. Prächtig anzusehen war der dicke Herr, wenn ihn, den ausgesprochenen Freigeist, eine feierliche Gelegenheit, etwa das Abendmahl bei der Konfirmation, in seinen engen Frack und in die Kirche trieb. Die älteren Schüler merkten ihm dann seinen inneren Ärger über die Ceremonie an, den er vergeblich unter einer gottergebenen Miene zu verbergen suchte.

26 Dann war hier der Kantor Mangsilber, der Singlehren. Er war Vorstand eines Gesangvereins, für den er mehrere Oratorien im alten Mendelsohn-Styl komponiert hatte. Er trug eine Perrücke, die ihm bei Musikaufführungen, wenn er leidenschaftlich den Taktstock schwang, auf die linke Gesichtshälfte herunterrutschte, haßte alle moderne Musik und hielt sich für ein verkanntes Genie. In seinen Manieren ahmte er den Sebastian Bach nach, gab sich schlicht, derb, strenggläubig.

Endlich war noch der Lehrer Dr. Pennig da, ein ungemein dünner, langer Herr, mit einem verrunzelten, trocknen, faltenreichen Magistergesicht und begabt mit einer so scharfen Fistelstimme, daß seine Schüler behaupteten, man könne sich mit ihr rasieren. Seine Schüler nannten ihn nur den »Mehr oder weniger«, weil diese Phrase in allen seinen Sätzen ewig wiederkehrte. Seine Stunden wären für seine Zöglinge sehr langweilig gewesen, wenn er es nicht verstanden hätte, durch unfreiwillige Komik sie ein wenig anziehender zu gestalten.

Dies waren die Herren Lehrer, die nun, spärlich und leise plaudernd, in unlustiger Morgenstimmung umeinanderstanden, bis es Zeit war, den Unterricht zu beginnen und ein Wink des Direktors sie auf die versammelte Jugend losließ, einen jeden in seine Klasse.

Lebhafter ging es zu, als in der ersten Unterrichtspause die Lehrer wieder in ihrem Zimmer beisammen waren.

Der Theologe hatte ein Zeitungsblatt aus der 27 Tasche gezogen und las daraus die Kritik über die jüngste Aufführung des Hamlet im Hoftheater vor.

»Ist das nicht köstlich?« bemerkte er dazu. »Dieser Blaustrumpf Emma Dorn orakelt da über die tiefsinnigste Dichtung und setzt dabei die Komma ganz falsch!«

»Ja,« gab ihm der Direktor recht, »dieses Frauenzimmer verderbt den Geschmack. Wie kann ein nicht akademisch gebildeter Mensch überhaupt über Hamlet schreiben! Sie hat ja gar nicht die gesamte Hamletlitteratur durchstudiert; das wäre doch das Wichtigste. Statt die berühmten Autoritäten anzuführen, wagt sie es, eigene Gedanken zum Besten zu geben; bedenken Sie, meine Herren, eigene Ideen über einen Gegenstand, den unsre Wissenschaft völlig erschöpft hat.«

»Gewiß, Herr Direktor,« bestätigte der Theologe, »Sie haben vollkommen recht! Und dieser abscheuliche, geistreichelnde Feuilletonstyl! Das soll Grazie sein, – man merkt aber, daß ihr Geist weder durch Latein, noch durch Griechisch die gehörige Dressur erhalten hat.«

Schon vor einigen Minuten war lebhaft und frisch der ganz modern empfindende Dr. Wilhelm Köhler eingetreten. Er las alles Neue, stand mit seinen Ansichten ganz auf naturwissenschaftlichem Boden und war ziemlich unbeliebt bei seinen Kollegen. Da er aber ein ansehnliches Vermögen besaß, wagte man nicht ihn direkt anzugreifen; er hätte ja sonst, ohne sich lange zu besinnen, seinen Abschied genommen. Der lebhafte junge Mann, der die letzten 28 Worte des Theologen gehört hatte, wagte es, den »Blaustrumpf« sogleich mit Ostentation in Schutz zu nehmen.

»Eine ganz neue Idee!« sagte er begeistert. »Sie packt das Problem von einer ganz neuen Seite. Sie hat vielleicht recht –: Hamlet gehört in die ›Psychopathia sexualis‹.« Nun entwickelte er den Ideengang ihres Artikels mit so viel Feuer, daß er dadurch allgemeines Kopfschütteln erregte. Das war ja eine ganz naturalistische Weltanschauung; er sprach sogar dem Menschen den freien Willen ab! und vor acht Tagen hatte doch der Herr Kultusminister in einer langen Rede (während eines psychologischen Kongresses) betont, daß er erwarte, die Herren Professoren würden die Freiheit des Willens nicht antasten.

»Dieses Frauenzimmer,« brach der Direktor das eisige Schweigen, »soll soeben einen höchst unmoralischen Roman veröffentlicht haben. »Finstre Dämonen«. Ich werde den Roman lesen. Verhält es sich wirklich so, – dann sollte man das Buch dem Staatsanwalt überantworten.«

»Das werde ich auch tun,« versetzte der Theologe streng.

»Ich gebe Ihnen vollkommen recht,« beglückwünschte ihn Körn zu seiner Initiative; wir haben die Pflicht, nicht nur den guten Geschmack, auch die guten Sitten zu retten.«

Dr. Wilhelm Köhlers offene Züge verfinsterten sich, er strich sich nervös über seinen schwarzen Spitzbart und meinte: »Ich möchte nicht den 29 Angeber spielen. Übrigens ist das Buch nicht so schlimm . . .«

Der Direktor brach diesen ihm peinlichen Gegenstand ab und fragte einige der Herren nach den Leistungen seines Sohnes. Man lobte, ja bewunderte ihn allgemein. Dr. Köhler war der Einzige, der dem Vater die Wahrheit ins Gesicht zu sagen wagte.

»Ihr Sohn, Herr Direktor,« meinte er, »ist vielleicht ein Genie, – aber ein krankhaftes. Ein Treibhausgewächs. Er weiß jetzt schon mehr als wir alle hier von Philosophie und andern Fächern. Sein Buch über Nietzsche strotzt von wunderlichen Gedanken, die er in eine seltsame, farbenschimmernde Sprache kleidet. Geben Sie acht, Herr Direktor, aus solchen frühreifen Talenten wird meistens nichts. Oft gehen sie im Leben bald völlig zu Grund.«

Alle waren erstaunt über den Freimut des jungen Philologen. Der Direktor drückte ihm indessen die Hand.

»Sie sind vielleicht tiefer in das Seelenleben meines Kindes eingedrungen, als ich. Meinen Sie nicht, ich müsse recht streng gegen ihn sein?«

Dr. Köhler zuckte die Achseln. »Bei einem so ungewöhnlichen Fall versagt jede pädagogische Regel. Ich wage da wirklich nicht eine Meinung zu äußern.«

»Nun,« fuhr der Direktor fort, »ich versuchs zunächst mit Strenge.«

»Bei der Reizbarkeit seines Gemüts könnte Strenge unter Umständen gefährlich werden,« warf Dr. Köhler hin. »Vielleicht wäre echte Milde, Weichheit und Liebe eher am Platz.«

30 »Dadurch,« meinte der Vater, »wird seine Großmannsucht, sein geistiger Hochmut noch gesteigert.«

»Allerdings, diese Gefahr liegt nahe.«

»Ich muß ihm andeuten, daß er noch garnichts ist. Ich werde ihm sogar das poetische Produzieren verbieten.«

Die Herren gaben ihn vollkommen recht. Später als das allgemeine Gespräch sich in Sonderunterhaltungen aufgelöst hatte, zog der Direktor, nach einigem Besinnen, den Dr. Simmer in eine Fensternische.

»Lieber Herr Doctor,« begann er, bald blaß, bald rot werdend, »ich habe ein paar Worte . . . . ich muß . . . muß Ihnen eine Aufklärung geben . . .«

»Eine Aufklärung?« sagte der Theologe, während über seine kalten Züge ein süßliches Lächeln glitt, mit dem er, in Folge eines Augenfehlers, nach einer ganz anderen Richtung zu sehen schien.

»Ja,« stammelte der Direktor; »es wird mir schwer von dieser Sache zu reden . . .«

»Das sehe ich Ihnen an.«

»Nun . . . wie dem nun auch sei . . . Tatsache ist: Sie haben einen Band geistliche Lyrik herausgegeben?«

»Wie? Woher wissen Sie . . .«

»Leugnen Sie?« scherzte der Direktor.

»Ich bin auf der Tat ertappt!« lachte der Theologe.

»Nun . . . wie dem nun auch sei . . . man gratuliert Ihnen zu Ihrer poetischen Ader.«

»Ja,« gestand der Mann Gottes, mit mildem Lächeln und stillem Augenaufschlag, »ich habe meine 31 Seele zuweilen in frommen Liedern zu Gott erhoben. Ich denke man sieht nun höheren Orts, was ich als Bildner der Jugend zu leisten vermag. Denn wohl nie hat ein Sänger so leidenschaftlich den modernen Unglauben, den Geist des Umsturzes angeklagt.«

»Sehr löblich,« stammelte der Direktor. »Man wird höheren Orts gewiß mit hoher Achtung auf Sie blicken und eine solche Lehrkraft zu schätzen wissen. Indes . . . die Kritik! die böse Kritik!«

»Sie erinnern mich mit Recht an die Kritik,« fiel ihm Dr. Simmer entrüstet ins Wort. »Der gemeine Ton der Kritik in Deutschland verdient unsre tiefste Verachtung. Auch mich hat man in den Kot gezogen, auch mein hohes Streben hat man als Speichelleckerei oder Liebedienerei oder Heuchelei lächerlich zu machen gesucht.«

»Ich weiß,« entfuhrs dem beklommnen Körn.

»Sie wissen?«

»Leider . . .«

»Sie haben jenen schändlichen Angriff in der ›Litterarischen Wacht‹ gelesen?«

»Leider!«

»Ich habe auch bereits Strafantrag gestellt.«

»Schon?«

»Meinen Sie, ich könne solche pöbelhafte Beleidigungen auf mir sitzen lassen?«

»Nein, nein! es ist nicht in Abrede zu stellen, – der Artikel strotzt von Roheiten.«

»Man brandmarkt mich geradezu als trottelhaften Heuchler! Ist solch ein Ton erhört?«

32 »Sie sind völlig im Recht,« stotterte der Direktor, dessen Kopf blutrot anlief, »völlig! Verklagen Sie den Menschen. Kennen Sie den Kritiker?«

»Nein; er nennt sich Paolo Reddi – oder Reddig . . .«

»Es tut mir leid, es sagen zu müssen . . . ich bin unglücklich, tief unglücklich . . . bedauern Sie mich . . . es ist mein ungeratner Karl.«

Dr. Simmer prallte zurück. »Wie? Paolo Reddig ist . . . Ihr Sohn?«

»Ich bin tief betrübt, dies eingestehen zu müssen und ich bitte Sie – Strafantrag zu stellen. Er soll diesen Denkzettel davontragen. Man hat mit ihm darüber gesprochen. Sie tun mir geradezu einen Gefallen, wenn Sie ihn verklagen.«

Dr. Simmer kämpfte heftig mit sich selbst. Seine an sich schon harte Miene nahm einen fanatisch-starren Ausdruck an. »Ich bin allerdings,« stammelte er betreten, »so tief in meiner Ehre verletzt . . ., daß ich in der Tat . . . nicht weiß . . .«

Der Direktor schüttelte dem Gekränkten die Hand. »Bleiben Sie bei Ihrer Klage,« sagte er, gewissermaßen den zweiten Brutus spielend, »mein ungeratner Sohn soll seine unverschämte Anmaßung büßen! Ich habe im gesagt: »Du mußt aus der Schule; noch vorm Examen. Also – bleiben Sie bei Ihrer Klage.«

Er drückte dem Beleidigten noch einmal die Hand und eilte davon, nach seiner Klasse. Die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Wiederbeginn des Unterrichts gegeben.

33 »Ich werde mir die Sache überlegen, Herr Direktor!« rief ihm der Theologe nach.

»Überlegen Sie nichts!« gab Körn zurück, »handeln Sie, Herr Doktor.«

Während dieser Gespräche im Lehrerzimmer, hatte Karl Körn im großen Schulhof gestanden und träumerisch den immer gelber sich färbenden Wipfel der Linde betrachtet, die sich als traurige Einsiedlerin mitten in der kahlen Sandwüste dieses Hofs erhob. Dem sensibeln Menschen hauchten die Schauer des nahenden Herbstes durch die Seele.

Er stand gerade in jenem Alter, in dem der Sinn für die Lyrik – Uhland, Lenau, Mörike – dem jugendlichen Deutschen zur Religion wird, in dem Alter, in dem ein fallendes Blatt uns Tränen entlockt, der feuchte, kühle Herbstwind uns erzählt von den Gräbern der Lieben, deren dürre Kränze er des letzten Blätterschmucks beraubt.

»Tote, ihr auch müßt entbehren,
Was euch Liebe möcht gewähren!«

hatte er selbst gesungen.

Karl war eine eigenartige Natur. Er war als Kind von äußerst zarter ätherischer Gestalt, bleich, mit Träumeraugen, nervös zuckend. Schon von frühester Jugend an lebte in ihm ein heftiger Drang, Gott zu ergründen. Kein Mensch wußte, daß er sich, wenn er als Zwölfjähriger einsam durch die Waldungen wandelte, die Probleme, die der Religionslehrer in der Stunde aufgeworfen, auf seine Art zurecht zu legen suchte. Zunächst grübelte er darüber nach, ob Gott wohl in der Welt sitze oder 34 sie von außen lenke, und kam zu dem Resultat, daß die Welt gewissermaßen Gottes Kleid sei. Kein Mensch ahnte seine jugendlichen Kämpfe. Nur seine alte, jetzt verstorbene Großmutter hatte eine dunkle Ahnung von des Knaben tiefem Gemüt. Er erinnerte sich, daß sie ihn einst, als etwa Zehnjährigen an ihr Krankenbett hatte rufen lassen. Er wäre gern mit den Kameraden draußen herumgetollt, doch der armen Kranken zu lieb, hielt er es im halbdunkeln Zimmer aus. Sie wollte nichts, als ihn betrachten, seine Hand halten, wenn er neben dem Bett auf dem Stuhl saß. Ihn griff diese weihevolle Bewunderung einer schwer Leidenden heftig an, ohne daß er sich zu erklären vermochte warum? Sie sprach so sanft und innig zu ihm: »Sieh Karlchen, du bist nicht wie andre Menschen, du bist ein Ausnahmegeschöpf, du wirst im Leben sehr unglücklich werden. Dein Gemüt, dein Geist ist zu fein für diese rohe Welt. Liebe nur immer die Natur, versenk dich in ihre Geheimnisse, sie spricht zu dir, sie gibt dir Trost und Mut. Du hast zu viel Phantasie, du wirst ewig ein großes Kind bleiben. Die Menschen werden dich nicht verstehen, dich gar hassen; aber laß dichs nicht kümmern und geh ruhig deinen Weg weiter. Weißt du noch, wie du als fünfjähriges Kind gern durch alle Zimmer gestürzt bist und riefst: ich kann fliegen, ich kann fliegen? Du fühltest damals schon an dem inneren Aufstreben deiner Seele, daß dein Reich nicht von dieser Welt war!« Dann starb die alte Großmutter, das einzige Wesen, das er geliebt und hinter dessen 35 Leichenwagen er in Schmerz aufgelöst einherwandelte, während der Schnee vom grauen Himmel in leichten Flöckchen wirbelte. Später grübelte er weiter nach über das Wesen Gottes. Auf seinem jetzigen Standpunkt sagte er sich: Gott ist die Leidenschaft! Er erblickte Gott stets in den Empfindungen, die ihn augenblicklich durchströmten . . . Das waren schon seit Monaten jugendliche Herzensangelegenheiten! Er liebte Emma Dorn mit der ganzen Kraft seiner bald zwanzigjährigen Seele und diese Leidenschaft verwob er nun mit der Naturbetrachtung. Die Natur trat ihm, infolge seines leidenschaftlichen Begehrens, menschlich näher. Sie redete deutlicher zu ihm als früher; er erblickte das Gesicht Gottes durch ihre schöne Maske, er ahnte durch ihr prächtiges Kostüm die Körperformen des Ewigen.

So versank er auch jetzt in jenes behagliche Herbstfrösteln, das die Phantasie so lebhaft anregt.

Da war nun die alte Linde, die er vom Schulfenster aus schon seit acht Jahren beobachtet. Er kannte sie, wenn im Hochsommer der Mittagsonnenbrand ihre vergoldeten Zweige ermattet niederzudrücken schien; er hatte mit ihr gelitten, wenn der Herbstwind ihr das Blätterkleid stahl, und sie bewundert, wenn der Winter sie zu einem phantastischen Silberkrystall umzuwandeln suchte. Im Augenblick empfand er das intensive Goldgelb mehrerer Blätter, das sich so prachtvoll abhob vom zarten Blau des Himmels. Wahrlich, sagte er zu sich, die gelbe Farbe darf ich künftig nicht mehr verachten; welch feine Nüancen: braungelb, blaugelb, grüngelb, 36 rotgelb, – herrlich, wie dazu das tiefe Blau des Hintergrunds stimmt.

Während er diese Betrachtungen anstellte, umtoste ihn das Spiel von einigen hundert Knaben und Jünglingen. Der Schulhof glich, da es geregnet hatte, einem zerstampften Morast. Lautes Lachen, Geschrei ringsum, umeinanderwirbelnde Gesichter, ein buntes Gewoge von Kleidern und Köpfen. Vorm schwarzen Gittertor rollten die blauen Trambahnwagen vorbei. Dort draußen hastete die böse, geldgierige Welt nach Erfolg; hier sollte die noch unverdorbne Jugend mit Idealen genährt werden. Wie wenige aber von diesen Jünglingen, die hier am Busen der Wissenschaften sogen, mochten sich in das schmutzige Weltgetriebe noch ein paar Ideale hinüber retten? Die meisten, dachte er, werden öde Vergnügungsmenschen oder Streber.

Nun kam Konrad Stern auf ihn zu mit seinem Lieblingsgruß: Gut'n Tag! Diverse Schnäpse!« Das war eine seiner stehenden Redensarten, die er alle Halbjahr wechselte. »Du,« erzählte der kleine, dicke Konrad, der Sohn eines Subalternbeamten, »hör nur, was gestern in der Obersekunda passiert ist. Kommt der Dr. Simmer ins Klassenzimmer, hatte offenbar wieder sein ewiges Nervenkopfweh, . . . nu – kommt also rein und ruft in die lärmende Klass: ›Ich bitt euch, seid doch ein wenig stiller!‹ Dann deutet er auf seinen Kopf und fährt fort: ›Ihr wißt ja, wo mirs fehlt . . .‹ Ist das nicht köstlich!? Diverse Schnäpse!«

Karl lachte: »Ihr wißt ja, wo mirs fehlt? Nu 37 gut, das wirs endlich wissen; wir werdens nicht vergessen. Es fehlt ihm übrigens noch wo anders,« setzte er boshaft hinzu und deutete aufs Herz: »Hier! – Weißt du, was mir passiert ist?« sagte er dann ernsthaft.

»Was denn?«

»Ich hab, ohne es zu wissen, den Dr. Simmer in der ›Litterarischen Wacht‹ angegriffen und – beleidigt.«

»Was?« schrie Konrad, »wieso?«

Karl erzählte seinem Intimus die Sache ausführlicher. Konrad fand den Spaß köstlich, rief gleich ein paar Kameraden herbei, erzählte laut den Vorfall und bewirkte dadurch, daß sich die Kunde von dem bevorstehenden Prozeß bald im ganzen Schulhof unter den älteren Schülern verbreitete.

»Mir ist die Sache nicht so spaßhaft,« sagte Karl mit melancholischem Lächeln, »was fang ich an, wenn mich mein Vater aus der Schul wirft?«

Der bleiche, dicke Konrad sah seinem Freund begeistert in das jugendliche Professorengesicht und erwiderte mit tragischem Pathos: »Diverse Schnäpse! – wir gründen eine Zeitschrift.«

»So?« lachte der Sohn des Direktors mit überlegenem Sarkasmus; »und wo das Geld hernehmen?«

»Dumm, daß das Geld so ne einfältige Rolle in der Welt spielt,« meinte Stern finster.

»Wir können unmöglich solang warten,« versetzte Karl, »bis der sozialistische Zukunftsstaat das Geld abschafft.«

38 »Wer weiß,« fiel ihm Konrad erregt ins Wort, »s kann jeden Augenblick n Krach gebend

»Ach Unsinn!«

»Sprich nicht so wegwerfend! Es gährt im Volk! Noch ein paar neue Steuern oder so was dergleichen – und wir haben die Revolution.«

»Ich seh dich schon mit der roten Mütze und »Diversen Schnäpsen« auf der Barrikade stehen,« spottete Körn. »Nein! so schnell geht das nicht und mit Gewalt erreicht man dauernde Erfolge im Staatsleben auch nicht. So was kommt langsam; auf geistigem Gebiet.«

»Ich bin für Blut und Feuer!« schrie der Dicke. Karl schmunzelte, als Konrad fortfuhr seine bluttriefende zukünftige Heldenschaft auszumalen. »Diesem Philisterpack kann man nur durch Mord und Brand imponieren! Diverse Schnäpse! Sollst sehen, wie sich da unsre Schultyrannen verkriechen. Wir sollten schon im Kleinen anfangen –: einfach n paar Schulmeister durchprügeln; oder sie auf Spaziergängen ins Wasser schmeißen; oder wenn so ein Unbeliebter in die Klasse tritt, ihm sämtliche Bücher an den Kopf bombardieren.«

Ein vorüberstürmender, von anderen verfolgter Tertianer hatte dem heftig gestikulierenden Revolutionär aufs linke Hühnerauge getreten, so daß er nun vor Schmerz, »Diverse Schnäpse!« schreiend, auf dem rechten Fuß herumtanzte, aber doch nicht wagte, den sehr kräftigen Tertianer, der ihn herausfordernd auslachte, anzugreifen.

»Siehst du?« spöttelte Karl. »So gehts euch 39 Anarchisten; die andern sind euch doch noch zu mächtig. Ich bin ja auch für Freiheit, ja Gesetzlosigkeit,« setzte er weise hinzu; »aber da muß erst das Menschengeschlecht dazu herangebildet werden! Vielleicht trag ich einmal dazu bei,« meinte er ernsthaft, fuhr dann aber wieder resigniert fort: »Nein, wenn mich mein Alter aus der Schul wirft, muß ich Journalist werden.«

»Und ich werd Schauspieler!« rief Konrad.

»Ach du!« spottete Körn; »mit deiner Nase – Schauspieler?«

»Die Nase ist doch in der Mimik nicht die Hauptsache!«

»Und deiner blechernen Stimme? Deiner fetten Kurzatmigkeit? Eher könnt ich auf die Bühne.«

Jetzt kam der kleine Benjamin Rosental, der Sohn des reichen Bankiers, der von Karls bevorstehendem Schicksal gehört, klopfte ihm mit Gönnermiene auf die Schulter und sagte: »Wenn du kommst in Not, lieber Karl, komm nur zu mir.«

Karl bat ihn sogleich um drei Mark; da war Benjamin sehr betreten; er wollte ihm zwar das Geld geben, verlangte aber 10 Pfennig Zinsen.

»Du Wucherer!« schalt ihn Körn. »Dir werd ich je wieder an deinen Aufsätzen helfen!«

»Wart nur,« drohte Benjamin, »ich werd deinem Alten sagen, daß du beim Buchhändler Kolb 500 Mark Schulden hast.«

Die schrille Schulglocke machte dem bedenklich werdenden Gespräch ein Ende. Der Tumult im Schulhof ließ sofort nach, in den Gängen des großen 40 Hauses rauschten dumpfe Schritte, bis dieses Rauschen in den ehrwürdigen Hallen immer leiser in geheimnisvollem Gemurmel erstarb. Hie und da schmetterte noch eine Türe zu, – dann folgte auf die vorhergehende laute Heiterkeit ein tiefer durch die düstern Räume schwebender Ernst. Die Säle hatten sich mit erwartungsvollen Jünglingsgesichtern gefüllt. Manches junge Herz begann im Gefühl der versäumten Lernpflichten ängstlich zu klopfen. Die Herren Lehrer traten mit vorbildlich würdevollen Gesichtern in ihre Klassen, – der staatliche Riesentrichter der Weisheit tat abermals seinen Mund auf.

Dem Lehrplan gemäß kam jetzt die Religionsstunde. Dr. Simmers Gesicht trug heute einen noch kälteren Ausdruck als je zuvor. Seine Stimme klang schärfer, von christlicher Nächstenliebe war noch weniger an ihm zu merken als früher. Karl fühlte sich äußerst unbehaglich. Er bemerkte, daß ihn der Theologe mit kalter Verachtung behandelte. Einige Sticheleien über die modernen Freigeister, »die das Denken für ein Schwitzen des Gehirns halten«, mußte er direkt auf sich beziehen. Auch eine Bemerkung über Bürschchen, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind und doch schon das große Wort führen wollen, konnte er auf sich deuten. Seine Kameraden merkten natürlich, wohin der ergrimmte Poet zielte und zischelten lebhaft untereinander. Schließlich versuchte der Theologe die Erdbebenkatastrophe von San Franzisko mit der Väterlichkeit Gottes in Einklang zu bringen. Einige Schüler, die er aufrief, widersprachen ihm. Er suchte 41 die Einwände zu widerlegen, was ihm nicht leicht fiel, denn die meisten Schüler hatten bereits einige Philosophen – Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche – gelesen, andere Schüler hatten eine völlig materialistische Weltanschauung. Am Schluß eiferte der eifrige Mann Gottes gegen die Grundsätze der Sozialisten und stellte die Knechtseligkeit als die höchste Tugend auf.

Karl wußte nun, daß sein Vater dem Theologen mitgeteilt hatte, wer unter dem Pseudonym Paolo Reddi die Kritiken in der ›Litterarischen Wacht‹ schrieb.

»Du, gib acht!« sagte in der nächsten Pause Konrad zu ihm. »Die Sach wird schlimm; s ist ein schlechtes Zeichen, daß dich Simmer nicht jetzt in der Pause vornimmt.«

Karl zuckte die Achseln. Er hatte allerdings erwartet, daß ihn der Beleidigte zur Rede stellen werde. »Er bleibt unversöhnlich,« sagte er. »Er wird mich verklagen, ich bleib aber bei meinem Urteil. Keine Silbe nehm ich zurück, jetzt erst recht nicht!«

»Ganz recht so,« belobte ihn Konrad. Auch seine übrigen Kameraden bestärkten ihn in seinem Widerstand.

Nun folgte eine Mathematikstunde. Karl hatte, so begabt er war, für Mathematik absolut kein Talent. Der dicke, kleine Herr Külper ging aber von der Ansicht aus, daß derjenige ein Esel sei, der seine Lehrsätze nicht begriff. Vom Wort Lichtenbergs, daß man ein großer Mathematiker und dabei ein sehr beschränkter Kopf sein könne, wußte er als 42 Litteraturfeind nichts. Er behandelte daher alle die Schüler, die in der Mathematik nichts leisteten, mit tiefster Verachtung und schimpfte hochmütig auf alle anderen Lehrfächer, besonders die ästhetischen. »Wos?« rief er oft in seinem derben Dialekt. »Da lerne die Kerls Lieder auswendig: ›Saß ein Knabe an dem Bach‹. Unsinn! en Backstein holtet n hin und frogts: Was hat der für Dimensionen? – do derbei lernens mehr!« Seine Lieblingsredensart, wenn ein Schüler an der Tafel Fehler machte, war ein mit tiefstem Bierpathos herausgebrummtes: »Es ist das nächts!« Die Mathematikstunden waren Karls Verzweiflung; er atmete stets auf, wenn er nicht an die Tafel mußte; das Glockenzeichen am Schluß der Stunde klang ihm wie die Erlösung dem Verdammten.

Dann gab es Griechisch bei dem sehr zart besaiteten, herzleidenden Dr. Wilhelm Köhler. Diese Stunde war für Karl auch gerade kein Genuß. Karl meinte, es sei viel belehrender die Klassiker gleich vollständig in guten Übersetzungen zu lesen, als sich Jahre lang mit ein paar Zeilen aus dem Homer oder Sophokles herumzuplagen, wodurch die Schönheiten zu Langweiligkeiten, die Gedanken zu Regeln, die anschaulichen Bilder zu abgedroschenen Begriffen erniedrigt wurden. Dr. Köhler sagte ihm: »Das ist auch meine Meinung, aber nicht die des Oberschulrats. Ich kann das nicht ändern, ich muß mein vorgeschriebnes Pensum durcharbeiten.«

Derselbe Lehrer gab auch Deutsche Litteraturgeschichte. Hier durfte er seine Prinzipien schon 43 eher zur Geltung bringen. Er würzte seinen Unterricht mit interessanten naturphilosophischen Andeutungen, die freilich nicht nach dem Geschmack des Theologen waren, durch die aber die jungen Leute Lehren der Weisheit und Tugend fürs ganze Leben in sich aufspeicherten. Dr. Köhler war ein großer Bienenzüchter. Jedes Jahr machte er sich den Spaß, einen großen Topf, voll der neuen süßen Honigernte, mit in die Prima zu bringen. Dann mußte sich jeder Schüler auf seine Rechnung eine Semmel kaufen und der Lehrer bestrich auf dem Katheder höchst eigenhändig jede Semmel mit seinem köstlichen, selbstgezogenen Honig. Durch solche an patriarchalische Zeiten erinnernde Züge wußte der seltsame Freigeist seine Zöglinge an sein Herz zu fesseln.

Den Schluß des Morgenunterrichts machte die französische Stunde beim Direktor. Körn wußte seinen Unterricht ganz interessant zu gestalten, nur spielte er zu sehr den Tyrannen und suchte zu sehr den Ehrgeiz seiner Schüler aufzustacheln. Seinen Sohn behandelte er weit strenger als die anderen Schüler. Heute war er ganz besonders schlechter Laune. Sein vernichtendes »Man hat wieder einmal nichts gelernt!« ertönte in allen Tonarten, vom tiefsten majestätischen Baß bis zum grimmigscharfen Diskant.

Der frühreife Karl schrieb am Schluß der Stunde in sein Tagebuch: »Es ist ein Unglück, daß so selten ein Erzieher es aus Lust und Liebe geworden ist. Meist treibt diese Herren die Aussicht auf 44 Staatsversorgung in ihr Amt; im Stillen bleibt ihnen dann ein ewiger Groll im Herzen zurück, den sie an ihren Schülern auslassen. Wie wenig ›geborne Erzieher‹ haben wir doch!«

Kaum verkündete die Glocke den Schluß des Morgenunterrichts, so eilte Karl sofort in die R . . . . straße, wo die Schriftstellerin Emma Dorn in einem isoliert stehenden Gartenhinterhäuschen wohnte. Er wußte, daß er immer noch früh genug zum Mittagessen kommen werde, wenn er um ein Uhr zu Hause sei. Neben ihm her schritt sein Intimus Konrad Stern.

Karl machte seinem gepreßten Herzen durch weidliches Schimpfen auf das ganze Schulwesen Luft. Die Schulmappe krampfhaft an die Hüfte pressend, sprudelte er in seiner hysterischen Gereiztheit in seinem oft barocken Styl heraus: »Jetzt sieh dir nur mal das moderne Leben auf der Straße an! Dies Röhrensystem von Kleidern, das die verkümmerten, entarteten Gestalten noch gänzlich wie Leichen in Tuchsärge einpreßt. Und wo findest du heutzutag noch eine reine Haut? Tabak und Bier haben Wimmerl und Pickel in die Gesichter gesät. Wo findest du heute die freien, heiteren Sitten der Griechen? Eine ewige Angst: ›stoß ich nicht an? benehm ich mich auch anständig?‹ quält die Gemüter unserer Ehrenmänner. Aus dieser Angst wird dann Prüderie, Heuchelei! Damals: das Leben von der Kunst durchdrungen, selbst ein Kunstwerk. Heute: die Kunst von den Pfaffen als Sittenverderberin gebrandmarkt, verachtet! Wahrhaftig, ein gescheidter Mensch kann gar nichts Besseres tun, 45 als solch einem Leben schleunigst entfliehen; wies bekanntlich Lessings Sohn schlauerweise getan hat.«

»Ich hab mich kürzlich mit theosophischen Schriften bekannt gemacht,« versetzte Konrad. »Die solltest du auch lesen. Ich sag dir, das gibt eine ganze Umwälzung im Gehirn. Die Theosophie hat auf alle Fragen eine Antwort.«

»Aber was für eine!« unterbrach ihn Karl.

»Ich sag dir weiter nichts, als sieh dir die Bücher an!«

»Da müßt ich zuvor den spiritistischen Unsinn studieren?«

»Tus! Du hältst dann vielleicht doch nicht alles für Unsinn . . .«

Karl sann vor sich hin. »Im allgemeinen hab ich eine starke Hinneigung zum Mysticismus,« sagte er. »Deshalb sollt ich gerad dem Spiritismus aus dem Weg gehen. Er wird mich noch nervöser machen. Ich hab als Kind hysterische Zustände gehabt, so daß ich fast ein Medium geworden bin.«

»Desto besser!« bemerkte Konrad. »Hier sind wir an meiner Wohnung; wart n Augenblick! ich spring nauf und bring dir das Buch.« Er eilte davon.

Karl rief ihm nach: »Du willst mich in die Hexenküche führen? Meine Seele auf dein Gewissen!« Er wartete aber, bis Konrad herunterkam und ihm das theosophische Buch brachte.

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