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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19.

Endlich hatte Karl sein Maturitätsexamen mit Nummer 1 bestanden. Den Vater freute des Sohnes Fleiß und Glück ungemein, doch ließ er sichs nicht merken. Er reichte ihm zu Hause nur die Hand und sagte: »Das ist besser abgelaufen als ich dachte! Was willst du studieren?« Karl entschied sich für alte Philologie. Nun lagen noch herrliche Ferien vor ihm, die er recht durch Spaziergänge in Wald Flur und am Fluß hin ausnützen wollte. Nebenher schrieb er an einem Lustspiel.

Heute besuchte Emma gegen Abend den Direktor Körn; sie brachte ihm ihr Romanmanuskript. Er empfing sie sehr zuvorkommend, mit einer gewissen altväterischen Galanterie. Er hatte soeben einen Stoß Aufsatzhefte durchgesehen und war nun froh diese trockne Beschäftigung mit einer unterhaltenderen vertauschen zu können. Sie las ihm sogleich das erste Kapital des noch unvollendeten »Sokrates« vor. Und er war sehr befriedigt. Außer einigen Irrtümern über den griechischen Götterkultus und einige Stylungleichmäßigkeiten hatte er nichts zu tadeln.

Dann zeigte er ihr in einem kulturhistorischen Werk bildliche Darstellungen aus der griechischen Mythologie und hielt dabei einen ziemlich gelehrten 320 Vortrag über die Entstehung einiger Sagen. Nur gehörte diese Auseinandersetzung gar nicht hier her. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste und endigte schließlich bei den Ausgrabungen Schliemanns in Troja. Seine Gattin schrieb im Nebenzimmer an ihrem Göthebuch, Eduard spielte im Salon auf dem Flügel.

Emma machte den Direktor darauf aufmerksam, daß er vom Thema abschweife, was er damit beantwortete, daß er nun zur griechischen Skulptur überging. Dabei bemerkte sie mit Befremden, daß er das eigentlich Künstlerische der Werke ganz außer Acht ließ, vielleicht auch kaum verstand, daß es ihm hauptsächlich nur darauf ankam, die vorhandenen Kunstwerke in Perioden einzuteilen und festzustellen, unter welchen politischen Verhältnissen sie etwa entstanden sein konnten. Kurzum, das was man aus Büchern lernen kann, hatte er genau inne; das was angeboren sein muß, das künstlerische Empfinden, kam wenig zu Wort.

Nun hatte sich auch Karl eingefunden und sie begrüßte ihn als Studenten.

»Hoffentlich,« meinte sein Vater, »wird er auch wirklich studieren. Man macht nämlich oft die Erfahrung, daß begabte Schüler seines Schlags das Gymnasium glänzend absolvieren, dann aber als Studenten verbummeln.«

»Fürchten sie das bei Karl?« fragte Emma.

»Ja!« sagte der Direktor mit einem Seitenblick auf sein Kind. »Er haßt jedes trockne Studium; was ihm nicht gleichsam von selbst anfliegt, 321 begreift er nicht. Dazu seine phantastischen ästhetischen Anwandlungen . . . Kurz ich fürchte Schlimmes.«

Karl ging auf dies Thema nicht ein. Er wolle vom Vortrag des Vaters profitieren, erklärte er; dabei lächelte er eigen, verhielt sich aber sonst sehr zurückhaltend. Als er gelegentlich andeutete: Hier, in anatomischen Fragen, scheine ihm der Vater doch über Gegenstände zu urteilen, von denen er nur sehr undeutliche Vorstellung habe, gab der Direktor es großmütig zu.

»Ja, sehen Sie, das ist eben der Mangel in unserer modernen Erziehung, den ich auch empfinde! Was nützt uns alles Wissen, wenn wir nicht schauen, künstlerisch schauen können! Unser Auge kennt die Schönheit des nackten Körpers zu wenig, man sollte der Jugend schon ein feines Formgefühl beibringen.«

In dieser Beziehung konnte ihn sogar Fräulein Dorn, die lange Jahre gezeichnet und gemalt hatte, über manches belehren, was er auch dankbar anerkannte. Sein Einblick in die griechische Poesie war indessen tiefer, als der in die bildende Kunst. Doch schwärmte er besonders für die spärlichen Reste der antiken Malerei. Ganz begeistert erzählte er von den Köpfen mehrerer Männer und Frauen, die man auf Holz gemalt in Grabstätten gefunden hatte.

»Solche Bildwerke,« meinte er, »wären gewiß noch viele zu finden, wenn nur ein zweiter Schliemann käme und tüchtig nachgraben ließe.«

»Legen Sie soviel Wert auf diese Bilder?« fragte sie von einem seltsamen Ideengang durchblitzt.

322 »Gewiß,« belehrte er. »In diesen Gemälden sehen wir sozusagen den alten Griechen durchs Auge in die Seele hinein, während wir in den Steinbildwerken eigentlich immer nur – das Fleisch sehen!«

»Nun ja,« gab sie zu, »die Malerei gibt Stimmung, Charakter, Seele, besser wieder, als der kalte Stein.«

»Die Alten stehen,« sagte er, »in diesen Farben wieder lebendig vor uns, fast wie in ihrer Poesie.«

»Wissen Sie was, Herr Direktor,« lächelte sie, »wenn ich diesen Roman gut verkaufe, mache ich eine Reise nach Griechenland und durchforsche die alten Grabstätten und Trödelbuden des Orients. Wer weiß, – vielleicht entdecke ich ein antikes Gemälde.«

Er lachte. »So unmöglich ist das gar nicht. So gut ein Schliemann alten Schmuck fand, könnte man auch noch ein altes Gemälde finden. Vielleicht hat schon mancher türkische Hirt oder osmanische Reiter sein Feuer mit einer kostbaren, von Apelles bemalten Holztafel angezündet . . . «

»Gut, gut,« scherzte Emma. »Helfen Sie mir nur, daß mein Roman recht schön wird, ich reise für das Honorar nach Athen und bringe Ihnen ein Gemälde von Apelles eigener Hand mit . . .«

Er schloß vor Entzücken die Augen.

Dann las er ihr Stellen aus Theokrits Gedichten vor. Wenn er auch zuviel Wert auf das äußerlich Formelle legte, immerhin war ihr manche Bemerkung des Gelehrten wichtig. Besonders ergriff sie das düstre, von unheimlicher Eifersucht durchglühte Lied 323 der verlassenen Simaitha, das er mit gutem Ausdruck vortrug.

»Wie naiv ist das!« sagte sie bewegt, »und doch wie groß! wie weich, wie zart und zugleich wie wuchtig und mächtig. Ich wüßte ihm nichts Modernes an die Seite zu setzen. Nicht einmal Göthe!«

»Sie haben recht,« sagte er, hocherfreut darüber, daß er ihr Innerstes getroffen. »Nur Göthe hat einen blassen Abglanz dieser griechischen Sonne in seiner Kunst, aber auch ihm fehlt die wuchtige Größe. Man merkt dieser griechischen Poesie an, daß sie von Menschen ausging, deren Brust nicht von staatlichen und gesellschaftlichen Zwangsjacken halb zerquetscht war. Sie kümmerten sich nicht so ängstlich wie wir um die Meinung oder Nachrede ihrer Mitmenschen; jede Leidenschaft durfte, kaum geboren, gleich mündig werden und leben. Der Mensch konnte noch bis ins Individuellste hinein originell sein. Ihr einziger Zügel war dabei das freie Gefühl für das Schöne! Natürlich, wo das Gefühl für das Schöne mangelhaft entwickelt ist, wie bei unserem modernen Geschlecht, da muß die staatliche Zuchtrute die Sitten tyrannisieren, der gesellschaftliche Drill vorschreiben was recht ist.«

»Ein schlechter Ersatz,« meinte sie, »für das freie Empfinden maßvoller Schönheit!«

»Freilich,« wendete hier Karl ein, dem das vorgelesene Gedicht alle Gluten der Eifersucht mächtig angeschürt hatte. »Ich wenigstens möchte lieber an einer schönen Leidenschaft zu Grund gehen, als in solchem Spießbürgerdasein zu hohen Ehren kommen . . .«

324 »Du übertreibst gleich wieder jugendlich,« tadelte der Direktor. »Aber ein bischen Wahrheit steckt allerdings in deinen Worten.«

»Was ist schuld daran,« fuhr Karl fort, »daß wir statt Leidenschaft nur noch Leiden, statt Liebe nur noch Verliebtheit haben, daß Jeder von uns den Staat – anstatt ihn zu lieben – nur als eine feindselige Macht empfindet, daß die Schönheit aus dem Leben geflohen und die Kunst ein armseliger Broderwerb geworden ist, – was ist daran schuld? Nur ein falsch verstandenes Christentum!«

Der Direktor vermied es als Staatsbeamter auf diese heikle Frage einzugehen. »Um wieder auf unser Gedicht zurückzukommen,« sagte er, »auf welch naiv-raffinirte Weise weiß Theokrit durch den abwechselnden Refrain die Phantasie des Hörers in ein mystisches Gebiet zu rücken!«

»Ja,« fuhr Emma fort, »man schaudert vor der unterdrückten Glut dieser verzehrenden Leidenschaft! und dann, – den Schluß! den bewundere ich besonders. Nach dieser leidenschaftlichen Beschwörung besteht die letzte Steigerung gerade in einer Abschwächung. Der Dichter fühlt: höher kann er nicht mehr steigen! Deshalb schließt er mit einer wunderbaren das Gemüt beruhigenden Naturbetrachtung; sie sagt dem Mond und den Sternen: Lebt wohl! – ›der schweigsamen Nacht am Wagen gesellte Begleiter‹.«

Dann las er noch den Klagegesang der Aphrodite an der Leiche des Adonis. Als er an die Stelle kam: 325

. . . Bleib o Adonis!
Bleib unselger Adonis, damit ich dich letztlich berühre,
Daß ich dich fester umschmieg und die Lippe verschmilzt mit der Lippe!

– waren ihm Tränen in die Augen getreten. Den trockenen Schulmann so begeistert zu sehen, erfüllte sie mit einer ernsthaften, tiefen Zuneigung, – sie ließ sich hinreißen und drückte ihm die Hand; sie dankte ihm tief ergriffen. Das sei freilich das Höchste, was man in der Lyrik leisten könne. Da sei Lyrik, Epik und Drama aufs Innigste verbunden, alle Sinne werden in Bewegung gesetzt, um dadurch einen hohen geistigen Eindruck zu erreichen.

Karl hatte diese Gefühlsausbrüche mit wechselndem Mißbehagen beobachtet. Nun versetzte er gereizt: »Was für ein Widerspruch! Man sucht uns griechische Schönheitsideale einzuprägen und steckt uns in das moderne Röhrensystem von Kleidern, wir lernen und lesen von Leidenschaften; dürfen aber diesen Gefühlen im Leben fast bei Todesstrafe nie nachgeben. Auf diese Art erzieht man Affen und Heuchler! Vielleicht wärs barmherziger, man verschlösse uns alle Poesie und erzöge uns nur mit dem Katechismus, dann wären wir wenigstens von einer glücklichen Einseitigkeit durchdrungen, die an das süße Hinträumen auf der Wiese ruhender Wiederkäuer erinnert.«

Der Direktor hatte diese Worte so aufgefaßt, als wäre der Sohn darüber erfreut, daß sein Vater Spuren so jugendlicher Phantasieüberschwenglichkeit 326 an den Tag legte. »Nun,« meinte er lächelnd zu Emma hinübergebeugt, »wenn Ihr Roman nur einen Abglanz dieser Poesie erhält, dann bin ich schon zufrieden. Nehmen Sie die Gedichte Theokrits mit nach Hause und lesen Sie eifrig darin. – Ich bin übrigens begierig, wie Sie die Handlung weiterführen.«

»Das sag ich Ihnen nicht,« lächelte sie;»Sie sollen in Spannung bleiben.«

»Gut!« sagte er. »Seien wir gespannt.«

Karl verhielt sich still beobachtend. Im Nebenzimmer fiel ein Buch zur Erde. Sofort verzog sich des Direktors eben noch so heitere Miene zu einer finsteren Maske. Karl fühlte, daß der jetzt unliebsam an seine Frau erinnerte Mann bei Emma eine Stütze, eine Erleichterung suchte. Er konnte sich ganz in die Lage seines Vaters setzen, als dieser jetzt mit zitternder Stimme sagte: »Ja, liebes Fräulein, besuchen Sie mich recht oft. Sehen Sie, die Unterhaltung mit Ihnen lenkt mich ab von so vielem Peinlichen . . . Ich fühle, daß ich Sie nicht leicht mehr entbehren könnte. Obwohl ich Sie noch nicht lange kenne, sind Sie mir ein Bedürfnis geworden; ich meine, ich müßte Ihnen meine geheimsten Herzensfalten enthüllen . . . Ich weiß, Sie verstehen mich.«

Sie nickte, gerührt von der traurigen Miene, mit der er sie ansah. Karl fühlte, daß der Vater mit diesen Worten vor dem Sohn leise seine Zuneigung für Emma rechtfertigen wollte und er geriet dadurch in eine seltsame Gemütsverfassung: er bemitleidete den Vater, aber auch die Mutter . . .

327 »Aber Papa,« begann er, »wieviel Peinliches könnte sich in Angenehmes verwandeln . . .«

»So?« meinte Körn zwischen Ernst und Scherz schwankend. »So verwandle nur vor allen Dingen dich selbst ein wenig.«

»Nein,« fuhr Karl errötend fort, zu Emma gewandt. »Ich spiele hier auf unsere Mutter an. Sie ist eine geistig hochstehende Frau und hat daher wenig Sinn für Haushaltung; das ist eigentlich das Einzige was man ihr vorwerfen kann.«

»Das Einzige?« lächelte Körn trüb. ». . . Was ist denn das für ein Geruch?« unterbrach er sich ärgerlich, die Nasenflügel bewegend.

»Ja,« sagte Emma, »ich rieche auch etwas . . . Brenzliches . . .«

Der Direktor erhob sich und öffnete die Tür zum anstoßenden Zimmer. Ein dicker Qualm schlug ihm entgegen. Man sah durch diese trübe Rußwolke hindurch die Flamme der Lampe wie einen dunkelroten Punkt leuchten. Es gab zwar auch Gas im Hause, doch ward es in der Familie wenig benutzt, da das grelle Licht den Augen wehe tat.

»Um Gotteswillen was ist da los?« hustete der Schulbeherrscher, einem Erstickungsanfall nahe und riß die Fenster auf, während Emma die Lampe herabschraubte.

»Meine Forschungen!« klagte Katharina, als der Luftzug in ihre Zettel fuhr. »Es fliegt mir ja alles davon!«

»Desto besser!« tobte der empörte Schultyrann.

»Meine Studienblätter sind mir wichtiger als das 328 bischen Rauch!« rief sie aus, eilte von Fenster zu Fenster, um sie wieder zu schließen. Er riß die Fenster von neuem auf, sie schlug sie wieder zu. Emma hatte Mühe ein Gelächter zu unterdrücken.

»Da sehen Sie nun, was ich für einen Haushalt habe!« klagte der schwergeprüfte Mann und zog sich zornig in sein Studirzimmer zurück, während Fräulein Dorn sich mit diplomatischer Schlauheit nach den Forschungen der Frau Direktor erkundigte und durch die liebenswürdige Art, mit der sie auf alle ihre Schrullen einging, oder sie sogar zu verteidigen wußte, sich im Flug das Herz der gelehrten Dame eroberte.

Später saß die ganze Familie am Teetisch, der diesmal tadellos mit kalten Speisen besetzt und sehr nett hergerichtet war. Die Frau Direktor wollte wieder einmal zeigen, daß sie auch eine tüchtige Hausfrau sein konnte.

Da Konrad Stern seinen Freund besucht hatte, wurde er auch eingeladen. Mit seiner schnodderigen Redensart: »Diverse Schnäpse!« hatte er sich eingeführt, er murmelte sie auch während des Essens oft vor sich hin, so daß der Direktor einmal fragte: was er gesagt habe? Karl lachte, der fette Jüngling geriet in Verlegenheit und Karl klärte dann den Vater auf: sein Freund habe sich diese dumme Redensart so sehr angewöhnt, daß er sie bei jeder Gelegenheit von sich geben müsse.

»Das sind,« sagte Emma, »solche ganz leise krankhafte Nervenstimmungen oder Zwangsideen. Manche Menschen müssen z. B. beständig ihre Westenknöpfe 329 zählen. Andere fühlen den Drang plötzlich zu schreien oder um einen gewissen Stein auf der Straße dreimal herumzugehen.«

Karl dachte an seinen krankhaften Haß und sagte: »Die Grenzlinie zwischen Gesundheit des Geistes und Krankheit läßt sich überhaupt nicht ziehen. So wenig als es einen ganz gesunden Körper gibt, so wenig gibt es einen völlig normalen Geist. Ich möchte fast sagen, ein bischen Verrücktheit macht die Menschheit erst interessant. Ein vollkommen normaler Mensch wäre eine entsetzlich langweilige Maschine, ein Automat! Dazu möchten uns aber die Irrenärzte gern machen. Jede Leidenschaft ist dort eine Art Wahnsinn! Was wäre aber,« setzte er mit einem Blick auf Emma hinzu, »das Leben ohne Leidenschaft? Wenn es künftige Geschlechter einmal dahinbringen ganz normal zu sein, dann lebwohl Kunst und Poesie! Dann singt nur noch die platte Nüchternheit.«

Man stimmte ihm im allgemeinen bei.

Dem Direktor ward dies Gespräch lästig. Er tat als stimmte er mit den Ansichten seines Sohnes überein, sprang aber auf ein anderes Thema ab. Die Poesie gehe der Menschheit immer mehr verloren, erklärte er. Er sei deshalb auch ein Gegner der Friedensbestrebungen. Gerade im Gräßlichen des Krieges liege eine hohe Poesie. Überhaupt lege man zuviel Gewicht auf das Einzelwesen.

Dem widersprach nun Karl. »Im Lauge der Jahrtausende,« meinte er, »werden die äußeren Kämpfe der Menschen immer mehr in innere verwandelt; 330 die Poesie, die du, Papa, suchst, wird immer mehr eine innere werden, eine Darstellung der Leidenschaften. Homer schildert nur körperliche Kämpfe, Betätigungen der Muskelkraft; Shakespeare stellt fast nur Seelenkämpfe dar, wie auch der moderne Roman. Krieg muß auf Erden nur noch so lange fortgesetzt werden, bis es keine barbarischen Volksstämme mehr gibt.«

»Und keine Verbrecher mehr gibt!« wendete Emma ein, »denn die Justiz ist auch ein Krieg und die Verbrecher sind die Barbaren, die Wilden, die mitten unter uns Civilisirten unsre Kulturarbeit bedrohen.«

Karl schrak zusammen. War er denn nicht auch solch ein »Wilder«, der mitten in dieser Familie seine zerstörenden Pläne spann?

Dieser Gedanke zernagte seinen Geist, während sein Bruder Eduard am Klavier saß und Beethoven spielte. Je inniger die erhabenen Töne seine Seele umarmten, desto deutlicher empfand er seinen Haß, seine Eifersucht, als etwas Unnatürliches; es war ihm, als hätte sich über seine sonst reine Haut ein ekler Ausschlag gezogen. Sobald aber die Töne verstummten, trat dieses Gefühl in ihm zurück; dann fand er seine Eifersucht wieder selbstverständlich.

Emma, die ihn beobachtet hatte, sagte mit Bezug auf sich selbst: »Ist es nicht merkwürdig, daß wir einen Fehler klar für einen Fehler erkennen können, und ihn doch nicht abzulegen vermögen? Ich leugne deshalb auch die Macht der Erziehung.«

»Ganz recht,« bemerkte Karl, »die Erziehung 331 vermag weiter nichts, als unsere schwachen Stellen zu verdecken. Ändern können wir in uns nichts.«

»Ja!« setzte Emma hinzu, »das hab ich zu meinem Ärger schon an mir selbst erfahren.«

Der Direktor war anderer Meinung. Man könne doch Fehler ablegen.

»Nun ja,« versetzte Karl, »die Erziehung ist wie der Arzt, der die äußeren Symptome der Krankheit eine wenig ersticken kann; die angeborne Krankheit bricht aber zu gelegener Zeit wieder durch!«

Emma sah sinnend vor sich hin; sie dachte an ihren Mystifikationsdrang, Karl dachte an seinen Haß, der Direktor an seine aufkeimende Leidenschaft und Katharina an ihre Absonderlichkeiten.

Karl unterbrach die eingetretene Stille: »Da es so schwer ist Andre zu erkennen und noch viel schwerer sich selbst zu erkennen, müssen wir immer ein großes Verzeihen bereit haben. Wie langweilig wäre das Leben, wenn wir uns nichts mehr zu verzeihen hätten!«

»Ja, ja!« flüsterte Emma vor sich hin; »auch der Tugendhafteste rühme sich nicht seiner Tugend.«

Der Direktor widersprach: »Es gibt denn doch in sich gefestigte Charaktere.«

»Die gerade deshalb am leichtesten zu Fall kommen,« meinte Karl, »weil sie bei ihrem sittlichen Dünkel das leise Heranschleichen der Gefahr garnicht bemerken.« –

Emma verließ die Gesellschaft gegen halb elf Uhr. Konrad ging auf Karls Zimmer, um seinen Mantel anzuziehen.

332 »Ich kann begreifen, daß du in sie verliebt bist!« sagte der fette Student. »Sie ist ja reizend. Aber gib acht, – dein Vater hat ein Auge auf sie!«

Karl erschrak. »Was? das hast du bemerkt?«

»Das muß doch ein Blinder sehen. Er guckt sie ja beständig an, beobachtet jede ihrer Bewegungen . . .«

Karl sann verdrossen vor sich hin.

»Überhaupt,« fuhr der asthmatische Konrad fort, »wo soll das hinaus? Sie ist doch zu alt für dich. Da wüßt ich dir schon was Besseres, – ganz in deiner Nähe.«

»Was?«

»Die reizende Natalie Meyer.«

»Ach die.«

»Ist das nicht ein köstliches Madl?«

»O ja,« lächelte Karl drollig; »wems gfallt!«

»Übrigens will ich dir was sagen: du liebst die Emma Dorn auch gar nicht.«

»Wie?!«

»Nein! Du steigerst dich nur künstlich mit deiner enormen Phantasie in diesen Seelenjammer hinein. Vielleicht grade deshalb, weil dein Vater sie verehrt.«

Karl lächelte trüb. »Da magst du wohl recht haben,« sagte er. »Ich könnts vielleicht noch unterdrücken; aber ich will nicht, weil mirs so in diesem Schmerz behaglich ist. Wenn ich mir ihn weg denke, ekelt mich die Farce des Daseins so kraß an, daß ich dem Selbstmord nahe komme. So ist also dieses Seelenleid noch das kleinere von zwei Übeln.«

»Pah,« schnaufte der fette bleiche Konrad, »was 333 ist eigentlich an der Liebe auch des schönsten Mädels gelegen? Diverse Schnäpse sind besser!«

»Das seh ich ein, Bester!« gab ihm der Freund recht. »Hast du dich nur selbst, so brauchst du Niemand zu deinem Glück; hast du dich nicht selbst, bist du dir selbst eine Null, so muß dich erst die Neigung eines Andern zur Zahl erheben.«

»Diverse Schnäpse!« murmelte der Dicke dazwischen.

»Ich habe aber noch anderen Kummer,« fuhr Karl fort. »Doch darüber ein andres mal.«

Konrad drückte dem Freund die Hand und verließ das Haus. Karl saß allein in seinem Zimmerchen vor der kleinen Studirlampe. Drüben die Druckerei lag in tiefer Finsternis. Die sonst so hellen Fenster stierten schwarz wie leere Augenhöhlen herüber. Dumpf rollte zuweilen eine Droschke auf der fernen Straße vorbei. Der viele Tee, den er getrunken, ließ ihn nicht schlafen. Seine Schläfen brannten. Schon seit acht Tagen arbeitete eine Idee in ihm, ein Gedanke, den er noch nicht recht in Worte, in eine Form kleiden konnte. Jetzt kam es plötzlich über ihn, wie aus innerer Erleuchtung. Er ergriff die Feder und schrieb in sein Tagebuch:

Wann wirst dem Treiben du entronnen sein?
Wann wird auch dir die Parze lächelnd sagen:
Es ist genug? – O! nur kein langes Leben,
Ihr Götter, häuft auf den Unglücklichen!
Denn dieses Leben ist die fürchterliche,
Schlau ausgedachte Strafe eures Scharfsinns,
Der mit dem Opfer grause Spiele treibt!
Man straft auf Erden den der Tiere quält. 334
Gibt es im Himmel denn kein Strafgericht
Für den der Menschen quält? Kann nie das Schicksal
Vors Tribunal gezogen werden?
Kann nie dem Menschen Antwort werden auf
Die Frage: Sprich, warum denn muß ich sein?
Warum mich reißen aus dem dunkeln Schoß
Des holden Nichts das mich umschlungen hielt?
Warum in diese giftgen Sonnenpfeile
Den Unglückselgen stellen? Hab ich denn
Vor der Geburt gesündigt, daß mich nun
So jammervolle Strafe trifft? Ha! oder . . .
Habt ihr gesündigt, fürchterliche Götter?
Und wollt nun gleich den Narrenkaisern Roms
Ersticken des Gewissens heißen Aufschrei
Im Qualgeröchel blutger Gladiatoren?
Ist euch die Erde nur ein heitrer Circus,
Wo eure Löwen mit den Schächern ringen?
Schaut ihr vergnügt aus Wolkenbaldachinen
Dem Kampfspiel zu und lacht des roten Blutes,
Der aufgerissnen Wunden? klatschet Beifall,
Wenn euch des Sterbenden Gezuck ergötzt?
Sind euch die Menschen lächerliches Spielwerk?
Und schafft ihr sie nur um sie zu zerstören?
O! hütet euch! seht die geballten Fäuste
Der Sterbenden zu euch im Fluch erhoben!
Es könnte einst ein Tag erscheinen, der
Euch bange macht! Es könnte einst gewaltig
Ein fürchterliches weltdurchtönendes
»Genug!« in euren Himmel von der Erde
Heraufgedonnert kommen! Müd der Qual
Wird dann die ganze Menschheit tun, was sonst 335
Nur Einzelne mit kühnem Griff gewagt.
Dann schüttelt eure Häupter und bestaunet
Das Riesenfest: den Selbstmord einer Welt!

Er mußte während des Schreibens heftig weinen. Noch einmal überlas er sein Gedicht. Dann tauchte der Traum in ihm empor, den er heute Nacht gehabt . . . Er hatte sich selbst an einem großen Holzkreuz hängen sehen. Wunderlich! Was soll das bedeuten? Ist das symbolisch aufzufassen? So grübelte er und dabei prickelte es ihm noch durch die Handflächen, bis in die Herzgegend hinab.

Da störte ihn ein Geräusch. Er blickte sich um, – seine Mutter hatte das Gesicht über ihn gebeugt und das Gedicht gelesen.

»Aber Karl,« sagte sie sanft, mit Tränen in den Augen, »wie kannst du so was Trauriges schreiben? Du in deiner Jugend solltest das Leben schön finden!«

»Ich sehe nicht ein,« gab er zurück, »wo ich einen Anlaß dazu hätte das Leben schön zu finden.«

Sie drückte seinen Kopf an ihre Brust und begann leise zu weinen.

»Nicht wahr,« schluchzte sie, »unsre häuslichen Verhältnisse? o Gott ja! Ich denk aber, nun wird alles, alles besser.«

»Nun? besser? durch wen?«

»Durch Fräulein Dorn.«

»Besser? Ich denk: im Gegenteil!«

»Nein!« sagte sie, »der Papa ist durch Fräulein Dorn ein anderer Mensch geworden. Er ist auch gegen mich verträglicher. Du hättest nur sehen sollen, 336 mit welcher Ritterlichkeit er sie die Treppe hinunter führte. Ich mußte lächeln.«

»Lächeln? Arme Mama!«

Sie sah ihn verblüfft an. »Du meinst, er hege eine Neigung für das Mädchen? Sieh, Karl, das wäre vielleicht die beste Lösung der Frage!«

Er blickte erschrocken. »Wieso?«

»Warum nicht?« sagte sie ruhig sinnend mit einem Anflug von Bitterkeit. »Er wird mir vielleicht sogar selbst den Vorschlag machen: wir wollen uns trennen!«

»Glaubst du, daß er auf eine Scheidung eingeht?« fragte er beklommen.

Plötzlich flammte ihr Auge wie im Zorn groß auf; dann füllte sichs mit Tränen.

»Das ist nun mein Dank!« flüsterte sie erbittert. »Doch nur Geduld! Laß dir nichts anmerken, Karl! auch ich werde mich verstellen und tun, als sei ich mit Allem einverstanden. Er soll in eine Falle gehen.«

Sie hatte die letzten Worte mit einer solch dämonischen Entrüstung hervorgepreßt, daß der Sohn sie tief erschüttert anstarrte. Der Haß seiner Mutter war ja noch gründlicher als der seine! Dabei ihre Unberechenbarkeit: vorher noch ganz einverstanden mit ihres Gatten Neigung; nun plötzlich empört! Er verstand die Mutter wohl, er bemitleidete sie und empfand in ihrer Nähe eine unsagbare Angst.

Nun ward sie wieder sanft und ruhig. Sie erhob sich und umarmte den Sohn. »Wir ziehen dann zusammen,« sagte sie. »Ich brauche dann nicht ewig Angst zu haben, daß er mich für geisteskrank erklärt. Ich kann mich in aller Stille meiner 337 Wissenschaft widmen. O, wir führen dann jedenfalls ein glücklicheres Leben als jetzt!«

Sie ging und ließ den Sohn im Zimmer in einer sehr gedrückten Stimmung zurück. Im Anfang kam es ihm vor, als stürze das ganze Haus auf ihn nieder; eine Ehescheidung schien ihm ein großes Unglück. Dann beruhigte er sich ein wenig. Vielleicht war ihr Leben so am Besten; die Mutter hatte recht.

Er trat ans Fenster und blickte in die Nacht auf den stillen Hausgarten hinaus. Er dachte an den Vater. Warum ist dirs unmöglich ihn zu lieben? fragte er sich. Schon die Gestalt seines Vaters, seine etwas vordringenden Augen, die hinter den Brillengläsern wie Lockspitzel hervorfunkelten, seine beinahe stutzerhaft jugendliche Kleidung, das beständige Spielen der linken Hand an der goldenen Uhrkette, das alles war ihm deshalb so widerwärtig, weil es ihn zu sehr an seine eigene Gestalt, sein eigenes Gehaben erinnerte. Er erkannte seine eigenen Schwächen hier wie in einem Hohlspiegel verzerrt wieder, so daß seine überfeine Selbstkritik in Selbstverachtung überging.

Wie steht es, fragte er sich in bang bewegter Seele, mit deinem Suchen nach dem Absoluten? Ist Gott nicht bloß die Liebe? – auch der Haß? Der Gott des alten und neuen Testaments ist freilich auch ein Gott des Zornes und des Hasses! Lebt dieser Gott auch in dir?

Ein Grauen vor sich selbst schüttelte ihn, während sich seine Phantasie die Weltseele als ein Ungeheuer 338 vorzustellen suchte, das sich selbst quält und sein Geschaffenes haßt – und angstvoll nach Erlösung strebt. Wer sollte es erlösen? Das Geschöpf den Schöpfer? Und deshalb – sollen wir sittlich leben?

Ein Ekel vor allen Körperlichen im Menschendasein überdrang ihn. Wie widerwärtig das war, daß wir aus dem Fleisch eines anderen Wesens stammen, daß wir nicht Geisteswesen für uns selbst sein können, sondern die niederen Spuren unserer Entstehungsgeschichte mitschleppen müssen.

Tiefe Stille herrschte im Haus. Jetzt surrte noch einmal oben bei Meyers die Wasserleitung. Plötzlich schoß dem jungen Studenten ein sonderbarer Einfall durchs Hirn. Vielleicht gäbs eine Kur gegen deinen Haß? Sieh ihn im Schlaf daliegen! Dann wird gewiß deine Eifersucht einem tiefen Mitleid Platz machen. Er zog die Stiefel aus und schlich sich auf den dunkeln Vorplatz. Jetzt stand er an der Schlafzimmertür . . . Jetzt drückte er leise mit klopfendem Herzen die Klinke nieder, die Tür ging auf. Er war selbst gespannt auf den Eindruck, den dies Bild auf seine Phantasie machen werde.

Da standen die beiden Betten dicht nebeneinander. Der Mond schielte durch den Vorhang am Fenster mit seiner überwachten Leidensmiene und warf sein träumerisch blaues Glanzgeheimnis über die maskenhaften Gesichter der Schlafenden. Der Direktor schnarchte ein wenig. Seine Nase ragte aus dem Schatten spitz in die Höhe. Er schien selbst im Schlaf seine schulmeisterliche Würde noch retten zu wollen; seine Mundwinkel waren streng nach abwärts 339 gespannt; es war, als wenn er eben mit entrüstetem Pathos sagen wollte: »Man setze sich! man hat wieder einmal nichts gelernt!« Die Mutter atmete ruhig; sie seufzte einmal traurig, ihre Hand zuckte über die Bettdecke; vielleicht träumte sie, sie schreibe an ihrem Göthebuch.

Durch Karls müdes Hirn strömten allerlei träumerische Gedanken. Haben die Theosophen recht, die hinter unserem Fleischkörper noch einen Geistkörper wittern? Warum merken wir dann aber im Schlaf nichts davon?

Nun dämmerten Jugenderinnerungen in seiner Seele auf. Weißt du noch, rief es in ihm, wie dich dein Vater mitnahm in den Wald? dich auf die Naturschönheiten so liebevoll aufmerksam machte? war das keine Liebe? Das war weiter nichts als der Stolz einen Sohn zu haben! belog sich sein Haß. So lange du noch seine Puppe, sein Spielzeug warst, – ja! da liebte er dich. Sobald du aber anfingst selbständig zu denken, da warst du ihm unbequem, da solltest du genau so denken und fühlen wie er!

Langsam drehte er sich um und verließ das mondscheinhelle Schlafzimmer.

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