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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18.

Wenn jetzt Kommerzienrat Weihals zu Meyers kam, war er nicht mehr derselbe wie früher. Selbst die naive Nata hatte das Gefühl, als ob der reiche Mann oft eine gewisse gönnerhafte Unverschämtheit und Befehlshaberei an den Tag lege. Er tadelte mehr als je, war oft verdrossen, fast brutal, und Meyer ließ sich dies abscheuliche Benehmen gefallen.

Der Rechtsanwalt war stets sehr niedergeschlagen; er beobachtete oft seine Frau mit ganz seltsamen Blicken und sie wußte auch wohl, welcher Verdacht im Herzen ihres Mannes aus dem unverschämten Benehmen des Kommerzienrats immer neue Nahrung sog. Es kam dem Rechtsanwalt vor, als ob Emilie den Mann nicht mehr mit der pikanten Delikatesse wie früher zurückweise, ja keinen Widerstand mehr entgegensetze. Wirklich aber gab sie sich redlich Mühe; ja schließlich bat sie den Kommerzienrat, ihre Wohnung nicht mehr zu betreten. Doch der Rechtsanwalt hatte sich in seine eifersüchtigen Vorstellungen so tief hineingearbeitet, daß er nun erst recht an ein Einverständnis der Beiden glaubte. Sie wollen keinen Verdacht erregen! meinte er; sie wollen sich nur außerhalb des Hauses treffen!

312 Eines Abends kam der Kommerzienrat trotz des Verbots. Emilie saß am Klavier. Weihals stand hinter ihr. Er hatte heute wieder einmal eine sentimentale Anwandlung, die häufig bei ihm mit brutalem Protzentum abwechselte. Ein kühler Herbstregen besäte die Fenster wie mit Tränen, eine trübselige Dämmerstimmung brütete über den Möbeln, als fühlten sie die Misstimmung in der Familie trauernd nach. Auch die weiße Niobe auf dem gelben Porzellanofen sandte verzweifelte Blicke nach der unschön bemalten Zimmerdecke empor. Emilie empfand die Abhängigkeit von Weihals schmerzlicher denn je; am liebsten hätte sie ihn aus dem Zimmer gewiesen. In seinem Benehmen zitterte wieder eine unheimliche Annäherungssucht, die ihr ganz widerwärtig vorkam. Sie hatte sich einmal erlaubt, schroffer gegen ihn zu sein, da hatte er ihr Undankbarkeit vorgeworfen: jetzt habe er seine Schuldigkeit getan, jetzt könne er gehen!?

»Sie wollen mich doch nicht unglücklich machen!« sagte sie einen Akkord anschlagend; »deshalb bitt ich Sie, kommen Sie nicht mehr. Mein Mann hegt Verdacht, – er traut Ihnen so viel Edelmut nicht zu.«

»Aber Frau Rechtsanwalt,« flehte er, »s ist mer zum Lebensbedürfnis geworde Sie zu sehen.« Er beugte sich mit Tränen in den Augen zu der Sitzenden nieder, ergriff ihre auf den Tasten ruhende Hand und drückte einen Kuß darauf.

In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und 313 Willy, der draußen schon gelauscht, trat ein. Weihals fuhr in die Höhe.

Der Anwalt tat, seinen Grimm verschluckend, als habe er nichts bemerkt. Er brachte das Gespräch auf gleichgültige Dinge . . . Musik . . . das schlechte Wetter. Weihals merkte, daß der Anwalt verstimmt war und entfernte sich bald.

Kaum war er gegangen, so fuhr der Anwalt wütend seine Frau an: »Nun? leugnest du jetzt noch, daß der Kommerzienrat ein Äquivalent erhalten für die zwanzigtausend Mark?«

Sie erhob sich vom Klavier.

»Ich meine, wir hätten genug Elend,« sagte sie scheinbar ruhig und schloß den Deckel des Flügels, daß es laut in den Seiten nachdröhnte; »du hättest nicht nötig, dich mit so einem lächerlichen Verdacht herumzuquälen.« Ihre Miene war schmerzlich verzogen, wie Niobes, zu der sie jetzt die Blicke empor sandte.

»Du weichst mir aus!« versetzte er. »Das ist verdächtig. Du antwortest nicht auf meine Frage.«

»Steh ich etwa vorm Untersuchungsrichter?«

»Diese Antwort ist nun auch wieder merkwürdig.«

»Komm nur doch nicht ewig mit dem alten Unsinn! das wird nachgerade unerträglich beleidigend. Ich kann nicht mehr sagen als ich gesagt hab und werd jetzt überhaupt keine Antwort mehr geben.«

Er schritt gequält, mit seinen dicken Fingern an den Hüften spielend, auf und ab. Es war düstrer geworden, Niobe war nur noch als ein weißes Gespenst sichtbar.

314 »Du hast mich zwar gerettet,« murmelte er, »aber . . . hättest du mich untergehen lassen, – es wäre mir tausendmal lieber, . . . als das!«

»Dein Mistrauen ist empörend! Doch kann ich mirs erklären. Wer selbst nicht reinen Herzens ist, kann es auch Anderen nicht zutrauen! Dein Vergehen zwingt dich förmlich dazu, überall Vergehen zu wittern.«

»Hätt ich doch das Geld nicht angenommen!« seufzte der Anwalt, »ich bin nun weit unglücklicher als vorher! Ich kann beim besten Willen nicht an deine Unschuld glauben! – und wenn du mirs beschwörst, daß er dich nicht berührte! Ich möcht dich lieber tot sehen als von diesem ekelhaften Weihals angetastet . . .«

Sie begann zu weinen. Eine tiefe Abspannung kam über sie, diese ewigen Anklagen ermatteten ihre Seele. Das düstre Zimmer kam ihr vor wie eine Folterkammer.

»Wie soll ich dir beweisen . . .?« schluchzte sie. »Du glaubst mir nicht, ich kann reden, so viel ich will. – Frag ihn doch selbst!«

»Ihn fragen?« lachte er höhnisch. »Du bist sehr naiv. Er wird mir wohl die Wahrheit sagen?«

Sie merkte jetzt erst, daß sie in ihrer Nervenabspannung eine Dummheit gesagt und ärgerte sich darüber.

»Tu was du willst!« stöhnte sie. »Mir ist alles eins.«

»Aber,« entgegnete er »so gesteh wenigstens zu, daß er dir Anerbietungen gemacht. Nicht wahr? das hat er?«

315 »Ich glaube,« sagte sie, »es wär dir wahrhaftig eine Erleichterung, wenn ich löge und sagte: ja! das hat er!«

»Aha!« frohlockte er höhnisch. »Das hat er? Du gibst zu, daß er zudringlich geworden ist? daß er Wünsche angedeutet hat?«

Sie schwieg. Er fragte noch einmal: »Gibst du das zu?«

»Wenn dich das beruhigt,« sagte sie ganz kalt, »ja!«

»Ja!« fuhr er auf. »So laß mich mehr hören! – Was hat er gesagt? Er hat also gesagt: Du sollst seine Geliebte werden? Gelt? Das hat er? Oder so ähnlich?«

Sie schwieg. Er drang in sie, er faßte sie am Arm und zerrte sie wütend. Sie, empört über seine Behandlung, schrie: »Ja, ja, ja! das hat er und wenn du mich noch weiterquälst, so verlaß ich dich und werde seine Geliebte.«

»Ah,« rief er, »das hat er also? O der Schurke! Das hat er? Er soll mir noch einmal ins Haus kommen! Ich erwürg den Schuft! Das hat er? Jedenfalls hat er dich auch geküßt? Gelt?«

»Nein.«

»Das glaub ich nicht! wer A sagt, muß auch B sagen und so wird das ganze Abece herunterdeklamiert.«

Jetzt hielt sies nicht länger aus. »Ich hab mehr als meine Pflicht getan, und du verbitterst mir das Leben?! Wenn du mich nicht endlich in Ruhe läßt, lauf ich dir heut noch davon!« Sie schrie es wie wahnsinnig, so daß er es für geraten fand, einzulenken.

316 »Nun ja! nun ja!« suchte er sie zu besänftigen. »Lassen wirs gut sein.«

Doch wiederholten sich solche Szenen jetzt häufiger.

»Du verdienst meine Aufopferung gar nicht!« sagte sie ihm manchmal. »Du bist weit roher als Weihals.«

Der Anwalt suchte sich zwar zu beherrschen, konnte es aber doch nicht verhindern, daß seine krankhafte Eifersucht bei jeder Gelegenheit wieder zum Vorschein kam. Emilie ward durch dieses Mistrauen, diese ewige Nörgelei ganz schwermütig. Ja es kamen Augenblicke, wo sie sich selbst einbildete: Weihals habe sie erniedrigt. Schon der Umstand, daß sie nicht mehr zu ihrem Mann emporsehen konnte, wäre hinreichend gewesen, ihr Gemüt zu verdüstern. Sein unwürdiger Verdacht untergrub nun völlig ihre Nervenkraft.

Wie es oft zu geschehen pflegt, so auch hier, die Folgen der Gemütserregungen stellten sich erst später ein. Im Anfang hielt sie der Kampf ums Dasein gewaltsam aufrecht, jetzt da verhältnismäßige Ruhe eingetreten war, brach sie zusammen. Eine tiefe Todessehnsucht beschlich sie.

Als der Anwalt ihren Gemütszustand erkannt hatte, lenkte er ein und gab seiner Eifersucht nicht mehr die schroffen Formen wie früher, aber es war zu spät. Emilie sprach fast kein Wort mehr, aß fast nichts mehr, versank täglich tiefer in einen düsteren Traumzustand.

Karl besuchte sie oft. Er saß dann am Klavier, während sie am Fenster nähte. Ihm war diese 317 Schwermut der reizenden Frau äußerst sympathisch; sie weckte geheime Saiten in ihm. Er suchte den Samen des Pessimismus in ihr verdüstertes Herz zu streuen, was ihm auch gut gelang.

Zuweilen kam dann Natalie herüber. Auf dem Schreibebüro hatte sie es nicht ausgehalten. Sie mußte dort ohne Unterbrechung von Morgens acht bis zwölf und zwei bis sieben Uhr »tippen«, was ihr schließlich heftige Rückenschmerzen zuzog. Besonders nervös machte sie das Diktieren. Nun hatte sie zu Hause Arbeiten übernommen. Ihr Vater hatte seine Münzsammlung für sechshundert Mark verkauft und für diesen Erlös der Tochter eine Schreibmaschine angeschafft. Nun waren oft Reparaturen nötig; sonst verdiente sie ganz hübsch damit. Karl hatte sich bereits eine Novelle von ihr abschreiben lassen, dann eine kleines Lustspiel, das er an die Bühnen versenden wollte.

Natalie merkte von dem neuen zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter ausgebrochenen Konflikt nur wenig. Daß ihre Mutter schwermütig geworden war, konnte sie nach dem Vorgefallenen leicht begreifen. Karl mußte die stille Art, mit der das Mädchen die Mutter aufzuheitern suchte, bewundern. Die Mutter war oft so überreizt, daß sie das Tageslicht nicht vertrug und daß sie ihr eigenes Kind nicht mehr um sich sehen konnte.

Den Vater behandelte das Mädchen auch eigenartig. Sie tat als hätte sie von seinem Fehltritt keine Ahnung. Wenn er nun oft (was sonst nie geschehen war) mit einem Rausch aus dem 318 Wirtshaus nach Hause kam, paßte sie ihn ab und öffnete ihm die Glastüre, so daß er sich vor ihr schämen mußte. Vorwürfe machte sie ihm nicht, sie deutete nur durch einen traurigen Gesichtsausdruck leise an, wie niedergeschlagen sie über sein Verhalten war.

Am Abend ließ er sich meist Wein holen. Dann begann er, um zu vergessen, mehr als er vertragen konnte zu trinken. Sie redete ihm sanft zu, wenn er noch eine weitere Flasche begehrte, keine mehr zu trinken, sich zu Bett zu legen. Manchmal nahm sie ihm auch heimlich, während er redselig von seinen Münzen erzählte, die Flasche weg. Dann glaubte er im halben Rausch, er habe sie bereits geleert und ging zu Bett. Es tat ihr sehr leid, daß der Vater seine Münzen so schmerzlich vermißte. Von diesen erzählte er, besonders im Wirtshaus im angetrunknen Zustand, oft lange Geschichten, vergoß sogar zuweilen Tränen, wenn ihm ihr Verlust stärker zu Herzen ging. Dann sprang er plötzlich von diesem Thema ab und beklagte die Untreue des Geldes und des Weibs im Allgemeinen. Manchmal drängte es ihn dämonisch den Wirtshausgästen seine Veruntreuung und die Wiedererlangung des Geldes zu berichten. Mit stammelnder Zunge klagte er sich selbst an: »Was bin ich für ein schlechter Kerl! o meine Herrn, Sie wissen garnicht, mit wenn Sie verkehren. Ins Zuchthaus gehört son Kerl! Aber der Kommerzienrat . . . Respekt! edler Charakter!« Als er später selbst merkte, daß im Wein allzuviel Wahrheit 319 steckte, ging er nicht mehr ins Wirtshaus, trank aber dafür desto mehr heimlich auf seinem Zimmer.

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