Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Walloth >

Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

17.

Es brütete heute ein grauer müder Regenhimmel über der Stadt, dessen öde Nachmittagsnüchternheit dennoch eine gewisse eigenartige poetische Stimmung in uns hervorruft, die melancholische Stimmung der Lebenslangweile, des Alltagselends.

Der Zufall – oder Schicksalsfügung – hatte es gewollt, daß an diesem Regenmittag, als Emma Dorn auf der Plattform des elektrischen Trambahnwagens stand, mit ängstlicher Hast Herr Direktor Körn, um sich vorm Regen zu schützen, auf denselben Wagen sprang. Wie das oft zu geschehen 297 pflegt, bemerkte er das Fräulein erst, nachdem er sich, um seinen Büchern unterm Arm mehr Luft zu verschaffen, in dem Menschenknäul ein wenig herumgedreht hatte. Er grüßte ganz bestürzt; sie grüßte ebenfalls nicht ohne Beklommenheit.

»Entsetzliches Gedräng!« bemerkte er geistreich, was sie durch eine ähnliche Bemerkung errötend bestätigte. Er suchte nach einem schönen mythologischen Vergleich, in Folge seiner mißlichen Lage oder seiner gelinden Verlegenheit wollte ihm indes kein poetisches Bild einfallen und er mußte es nach einiger Zeit aufgeben, vor dem Fräulein als geistreicher Gelehrter zu glänzen. Neben ihr stand halb verquetscht ein kleines Kind, das beständig schrie und mit den Beinen strampelte. Neben ihm hing eingeklemmt ein angetrunkener zwischen Schlafen und Wachen kämpfender älterer Arbeiter, dessen rotangelaufener Kopf sich allmählich immer tiefer herabsenkte, um auf der Schulter des ehrwürdigen Schulmonarchen eine Stütze zu suchen. Der Direktor deutete dem mit Mühe das Lachen unterdrückenden Fräulein durch resignirte himmelwärts flehende Dulderblicke an, wie unsäglich widerwärtig ihm das allzunahe Antlitz des Betrunkenen sei. Nun begann der Wagen heftig zu schwanken, so daß es unter den zusammengepreßten Fahrgästen eine kleine Verschiebung gab. Auf einmal war Emma mit Gewalt gegen seinen Körper hingepreßt, so daß er sich sehr verlegen entschuldigen mußte, ihr Unbequemlichkeiten zu verursachen. Mit sehr verdrießlicher Miene schalt er auf 298 die drangvoll fürchterliche Enge, die ihm doch eigentlich recht willkommen war; denn das passirte dem früheren großen Weiberverehrer nicht alle Tage, daß ein so reizendes Weibernäschen ihm aus allernächster Nähe ins Gesicht atmete. Ihr Atem berauschte ihn, – seine Nase war höchstens drei Zentimeter von ihren rosigen Lippen entfernt. Es zog ihn magnetisch zu ihr hin, als seien ihre Lippen ein Rosenabgrund in den er sich unbedingt stürzen müsse und es erwachte in seiner Schulmeisterseele die alte Studentenromantik, der Traum der seeligen Burschenzeit mit ihrem Idealismus, ihrem verwogenen Ulk. Ein neuer Ruck des Wagens, dann ein Schaukeln und ehe er sichs versah, hatte er dem schönen Fräulein auf die große Zehe getreten, was sie durch ein erschrockenes Au dankend quittirte. Er entschuldigte sich entsetzt, sie lächelte höflich: »Hat nichts zu sagen!« während sie die schmerzende Zehe am andern Fuß reibend, dachte: hat der Herr etwa einen Pferdehuf im Stiefel verborgen?

Nun hielt der Wagen. Ein Fahrgast der aussteigen mußte, quetschte sich gewaltsam durch die andern, wodurch der beneidenswerte Direktor so dicht an Emma hingedrückt wurde, daß ihm ein wonniger Schauer über den Rücken rieselte. »Es ist gerade wie in einem zu engen Ballsaal«, flüsterte er, dem Hören und Sehen verging.

»O ja!« stöhnte sie.

»Hier kann Niemand mehr herauf!« beschwerte sich der Schulmann, als nun eine enorm dicke 299 Bierbrauersgattin die Plattform besteigen wollte. »Ah! das geht doch nicht . . . Jetzt ist mir auch noch mein Billet davongeflogen! – Schaffner, muß ich noch einmal zahlen?« setzte der gewissenhafte Pedant hinzu.

Als der Wagen wieder in Bewegung kam, wachte der betrunkene Maurer auf, preßte stöhnend beide Hände auf den Mund und bestrebte sich das Geländer der Plattform zu erreichen. Der ahnungsvolle Direktor bemerkte an den verzerrten Gesichtszügen des Menschen, daß ein Unheil im Anzug war. Angstbeklommen wollte er dem Bekaterten ausweichen, – es ging nicht! und ehe der vom Schaukeln des Wagens völlig seekrank Gewordene noch den Rand des Wagens erreichen konnte, – explodierte die Bombe! Mit einem aus tiefster Seele aufsteigenden Ach- und Wehlaut entlud sich der ganze Mageninhalt des Betrunkenen in den Rockärmel des armen Schulbeherrschers. Allgemeines Schimpfen, Fluchen, Jammern! die Taschentücher flogen. So war dem Direktor seine bierfröhliche Studentenzeit noch deutlicher vor Augen geführt.

Man leistete dem schwer Besudelten die erste Hilfe, doch sah man bald, daß durch Betupfen mit Taschentüchern der Schaden nicht gut zu machen sei; denn da der Direktor gerade den Arm gesenkt hatte, war ihm der Erguß bis an den Ellbogen durch Manschette, Oberhemd und wollenes Unterhemd gedrungen.

»Was soll ich beginnen?« klagte der 300 Verunreinigte. »Ich kann doch in diesem Zustand nicht vor meine Klasse treten!«

Der Wagen hielt.

»Wissen Sie was, Herr Direktor?« erklärte ihm die mitleidige Emma. »Ich wohne gleich hier; kommen Sie mit, ich wasche Ihnen die Stelle aus, sonst ist Ihnen der ganze Überzieher ruiniert.«

»Ach, das wär eine Rettung!« rief der besudelte Schulmeister erfreut. »Nur um Gotteswillen diese ekelhafte grüngelbe Feuchtigkeit vom Leib! mir wird ohnmächtig, ich falle fast um! Nach Hause kann ich nicht mehr, dazu reicht die Zeit nicht, – so bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag sehr dankbar!«

Bald hatten die Beiden die ganz in der Nähe liegende Wohnung erreicht. Es war etwas über halb zwei Uhr, so daß noch Zeit war, um den Schaden mit Ruhe und Vorsicht auszubessern. Als sie den dunkeln Torweg durchschritten, klopfte dem an solche Abenteuer längst nicht mehr gewöhnten Direktor das Herz. Doch im Gefühl, daß kein billig Denkender es ihm verübeln konnte, diese freundliche Einladung angenommen zu haben, schritt er dem hold errötenden Mädchen nach, bis sie am Gartenhaus Halt machte, die Glastür aufschloß und ihn ins Innere einließ.

Luise war nicht zu Hause. Emma führte ihren Gast in ihr Schlafzimmer. Beinahe fand der ordnungsliebende Mann in dem sauberen Raum nichts zu tadeln; nur Eines fiel ihm auf: aus der Türe des Kleiderschrankes lugte das eingeklemmte Ende eines blauen Kleides. Seltsam! diese gelinde 301 »Schlamperei,« die er bei seiner Frau streng getadelt hätte, erfüllte ihn hier mit ahnungsvollem Entzücken; er hätte das blaue Kleidende küssen mögen.

Es blieb dem Pädagogen nichts anders übrig, er mußte den Rock ausziehen, so daß er jetzt in Hemdärmeln vor ihr stand.

»Wehe, wenn sie losgelassen!« deklamierte er. »Auch das Hemd ist angefeuchtet; der Kerl hat ein miserables Bier getrunken.«

Gleich war sie mit der Waschschüssel bei der Hand und wusch zunächst den Hemdärmel gründlich aus. Sie tat das mit einer solch dezenten Grazie, daß der gute Magister völlig faszinirt sich nicht zu rühren wagte und auf einmal in die Worte ausbrach:

»Aber Fräulein, was haben Sie für eine klassisch geformte Hand!«

Worauf sie versetzte: »Ach, wenn das was die Hand schreibt, doch auch klassisch wäre!«

»Nun,« meinte er galant, »das kann es noch werden.«

Jetzt erwachte in ihr der Drang sich möglichst tief in die Gunst des Gestrengen einzuschmeicheln.

»Ach Herr Direktor,« seufzte sie, »meine Schreiberei könnte nur dann einen höheren Aufschwung erhalten, wenn . . . ja wenn . . . ein Mann wie Sie sich ein wenig ihrer annehmen wollte.«

»Was verstehen Sie, liebes Kind, unter annehmen?« fragte er mit fast zärtlichem Tonfall der Stimme.

302 »Ich möchte . . . Ihre Schülerin werden,« gestand sie zaghaft.

»Meine Schülerin?« lächelte er. »Sehr schmeichelhaft für mich. Wirklich, ungemein schmeichelhaft! Doch – was soll ich Ihnen denn beibringen?«

»Ja, sehen Sie,« erwiderte sie; »ich bin eben daran einen Roman aus dem griechischen Altertum zu schreiben; einen »Sokrates«. Ich studiere zu diesem Zweck eben eine Menge Bücher über griechische Kulturgeschichte; auch die ganze griechische Lyrik kenne ich aus guten Übersetzungen. Aber natürlich fehlt mir als nicht klassisch gebildetem Geschöpf noch gar viel, um in den griechischen Geist tiefer einzudringen.«

»Ah,« sagte er ganz berauscht von der Art, wie sie beim Abwaschen des Hemds, zuweilen ihm mit dem Schwamm aus Versehen auch über den Arm strich. »Da meinen Sie . . . ich begreife . . . ich soll Ihnen mit meinen Kenntnissen . . . ach das wäre ja eine sehr lohnende Aufgabe, gewiß! Ich würde Ihre Arbeit gern fördern!«

Nun fing er gleich an, in echt professoraler Gelehrsamkeit sich über die griechische Litteratur zu verbreiten. Obgleich ihm dabei Verhältnisse wichtig waren, die Emma gar nicht besonders interessierten, die ganz außerhalb des Rahmens ihres Romans lagen, freute sie sich doch an der echten Begeisterung des Mannes für das Schöne, Hohe und Gute dieser großen Zeit. Er begann zu schwärmen, er ward ganz jugendlich, als er von Alkibiades, Aspasia, Perikles, zu erzählen anfing.

303 »Es waren doch schönere Zeiten als wir sie jetzt haben!« meinte sie. »Der Mensch konnte sich mehr seiner Natur nach entwickeln. Selbst der Sklave lebte freier, als jeder durch Polizeiparagraphen eingeengte moderne Staatsbürger.«

»Da haben Sie recht!« meinte er mit feuchten Augen. »Wir sollten danach streben, daß diese schönen Zeiten wieder erwachten! Sehen Sie, man darf es ja nicht laut sagen, – aber unsere ganz auf der christlichen Entsagungslehre aufgebaute Moral taugt gar nichts. Die erzieht nur Heuchler! Katzen, die lüstern um den heißen Brei herumstreichen.«

»Das ist auch meine Meinung!« bekannte sie.

Er fuhr fort: »Jetzt ist es ja so weit gekommen, daß man die Enthüllung des schönen Körpers an sich schon für sündhaft hält und der Jugend die Betrachtung derartiger Bilder in den Schaufenstern verbietet! Weil es verführe! Da sollte man lieber so rasch als möglich auch den Delikatessenhändlern verbieten, ihre appetiterregenden Leckerbissen den hungrigen Sozialisten in den Schaufenstern zu zeigen. Das verführt doch weit gesellschaftsgefährlicher!«

»Mein Gott, Herr Direktor,« lachte Emma, »ich habe Sie für einen Philister gehalten, bemerke aber mit Freuden, daß Sie ja von freisinnigen Ansichten nur so strotzen!«

Sie hatte ihm ganz begeistert ihre Hand hingehalten, die er ergriff.

»Nein, nein, Fräulein!« verteidigte er sich, »ich bin kein Philister! ich möchte die Welt gern 304 erlösen von Sittenzwang und Formelwesen, wie unser edler Platen sagt. Aber leider kann ich als Einzelner, noch dazu in einem solchen Beruf, nur ein sehr geringes Scherflein beitragen zur Erlösung des Menschengeschlechts von der mittelalterlichen Dunkelkammer, in der die staaterhaltenden Gesetzes-Bilder bekanntlich heute bei rotem Licht entwickelt werden.«

»Bei rotem Licht ist gut,« lachte sie.

»Also,« setzte er lächelnd hinzu, »besuchen Sie mich bald und lesen Sie mir Ihre neue Arbeit vor. Ich werde Ihnen gern dabei helfen, wo ich kann.«

Er hatte galant ihre kleine Hand an die Lippen geführt. Er gefiel ihr in seinem jugendlichen Enthusiasmus außerordentlich, als er ihr ganz traumverloren in die Augen blickte.

»Mein sehnlichster Wunsch wäre eine Reise nach Griechenland!« sagte sie. »Sobald ich einmal ein größeres Honorar erhalte, reise ich nach Athen.«

»Sie Glückliche!« seufzte er. »Aber ich will Ihnen was sagen: als ich hier studierte, brachte mir mein Studiengenosse, der Athener Hafzidakis, das Neugriechische bei . . .«

»Wie? Sie können Neugriechisch?«

»Ja. Ich habe ein besonderes Sprachtalent; ich lernte in einem halben Jahr gewandt neugriechisch sprechen. Wenn Sie wollen, geb ich Ihnen Unterricht.«

»Und wie gern!« frohlockte sie, »zwar . . . lerne ich fremde Sprachen nicht leicht . . .«

»Das gibt sich!« meinte er.

Sie rief: »Ja, ich bin so begeistert für dies 305 herrliche Land, daß ich hoffe: die fremden Laute fliegen mir nur so ins Gedächtnis!«

»Aber nun muß ich in die Schule,« sagte er, sich von ihrem Anblick losreißend. »Noch zehn Minuten bis Zwei.«

Sie lachte: »Wie? so wollen Sie fort? Ohne Rock?« Er sah sich verwundert um.

»Ja so! wo war ich denn!« scherzte er, ihr mit dem Finger drohend. »Bei allen Göttern, ich weilte bei Circe! Zeigen Sie her, ist der Ärmel jetzt trocken?«

Sie holte den Rock aus der Küche, wo er in der Nähe des noch warmen Herdes gehangen.

»So ziemlich,« sagte sie, das Futter befühlend.

»Sollt ich nicht lieber nach Hause fahren und mich umkleiden?« überlegte er sinnend.

»Nicht nötig!« meinte sie.

»Nicht? Nun ja . . . geben Sie den Rock. – So! nun bin ich wieder der Schulmeister. Nun schlag ich wieder die Helden des Homer tot! Ach Fräulein! – ›das Beste was du wissen kannst, darfst du den Jungen doch nicht sagen!‹ Ja, sehen Sie, wenn wir so alles was wir auf dem Herzen haben, der Jugend beibringen dürften! ah, da wärs eine Lust Bildner der Jugend zu sein, aber . . . so? brrr!« Er schüttelte sich lachend.

Sie lächelte melancholisch: »Ihr Amt wird Ihnen zuweilen schwer?«

Er sagte bedeutungsvoll: »Haben Sie nicht schon weit mehr gebildete Männer kennen gelernt, die einen wahren Haß gegen ihre Schulerziehung 306 und ihre Lehrer im Herzen tragen, als solche die mit Hochachtung oder gar Liebe von ihren Lehrern reden?«

»Sie haben recht!« bestätigte sie; »es ist erstaunlich wie gerade bei den Höherbegabten eine Abneigung herrscht gegen alles was Schulmeister heißt.«

»Nun,« meinte er, »das muß doch seine Gründe haben?!«

Dabei hatte Emma freilich ein wenig die Empfindung, als ob er, um ihr zu gefallen, seine freisinnigen Ansichten über das Erziehungswesen mit übertriebener Stärke hervorkehre. Reden, dachte sie im Stillen, ist leichter als Handeln. Doch diese seine leise Koketterie mit modernen Grundsätzen schmeichelte ihr; er gefiel ihr sehr gut in seiner lebhaften Erregung, die ihm die Wangen rötete und das schon an sich lebhafte Auge noch heller aufblitzen ließ.

Es ward ihm nicht leicht, sich von ihr zu verabschieden. Das ganze bescheidene Zimmerchen hielt ihn fest; das rebenumrankte Fenster, der Waschtisch mit dem Becken, das einfache Bett mit den rot durch den Überzug leuchtenden Kissen. Es überdrang ihn eine Art Faust-Gretchen-Stimmung. Er trat dann in das helle Arbeitszimmer des Fräuleins.

»Ah, das ist der Pult,« sagte er lächelnd, einen einfachen schon von des Lebens Stürmen mitgenommenen Schreibtisch betrachtend, »auf dem Ihre unsterblichen Werke entstehen?«

Wie anheimelnd ihm diese dürftigen Möbel, diese verblaßten Überzüge und Kissen vorkamen. 307 Ihm war, als sei er schon oft hiergewesen. Ein poetischer Duft zitterte über diesen Photographien bekannter moderner Schriftsteller, die mit welken Lorbeerblättern von ihrer pietätvollen Hand umrahmt, auf einem Büchergestell prangten. Wie nett sich das silberglänzende Teegerät ausnahm, aus dessen Tassen eine gelbe Zitrone glänzte! An den Wänden sah er einige gute Landschaften, von befreundeter Künstlerhand gestiftet; ein eleganter alter Rauchtisch für Herrenbesuche prunkte in der Nähe des ausgesessenen Sofas, kurz, den Direktor mutete es wie aus uralten und doch ewig jungen Märchen-Chroniken an. »Und hier,« sagte er gerührt, »besuchen Sie die Musen? hier küßt Apoll seine Sappho? In dieser friedlichen Stille, umgeben von diesen alten Möbeln in dem rebenumsponnenen Gartenhäuschen, – hier würde, glaub ich, auch mein vertrocknetes Schulmeistergehirn wieder poetische Blüten treiben. Sie leben so überaus einfach dahin, – Sie sind dennoch zu beneiden.«

»O, zu beneiden?« klagte sie. »Nein.«

Ihn überschlich eine stärkere Rührung. Weiterfragen mochte er nicht. Es mußte wohl oft große Ebbe in der Kasse der beiden Mädchen herrschen. Diese Armut erhöhte ihm nur den Reiz dieses Dichteridylls.

Endlich riß er sich los und ging. Eine Viertelstunde früher hätte er seinen Sohn Karl mit finsterem Gesicht um die Hausecke stürmen sehen können.

Karl hatte Emma, ehe er zur Schule ging, besuchen wollen. Gerade als er an der Haustüre die Hand zum Läuten erhob, fiel sein Blick durch das Fenster des Schlafzimmers. Wie angewurzelt, blieb er stehen, – sein Vater? Ohne Rock? in Hemdärmeln bei Emma Dorn? Unmöglich! Du träumst! Er schloß die Augen, öffnete sie wieder langsam . . . Nein! das war Wirklichkeit. Durch die dunkeln Scheiben schimmerten verschwommen die Gestalten der Beiden . . .

Er stürmte davon! Jetzt hatte seine Seele auf einmal was sie brauchte; eine wuchtige, verzehrende Leidenschaft . . . Seine Neigung zu Emma ward durch seine grimmige Eifersucht aus dem Unbestimmten in Gewißheit verwandelt, die leichte Lyrik seiner Liebesgefühle ward zum wuchtigen, handlungsreichen Drama. Dann wachte er wieder, als er durch die trambahndurchdröhnte Straße eilte, aus seinem Taumel auf. Machst du dir nicht selbst etwas vor? Woraus schließest du daß er sie liebt? oder sie ihn? Suchst du nicht förmlich in blinder Selbstzerstörungswut nach einem Grund, Beide hassen zu dürfen?

Gleich nach Schulschluß eilte er zu Emma. Er deutete ihr an, daß er sie habe vor der Schule besuchen wollen; es sei ihm jedoch vorgekommen, als ob ein fremder Herr bei ihr gewesen sei.

»Der fremde Herr war Ihr Vater,« sagte sie heiter.

Er stellte sich erstaunt. »Mein Vater?«

»Ja!« – und nun erzählte sie ihm, ein wenig errötend, den ganzen Vorfall. Auch fügte sie hinzu: »Ihr Herr Vater hat mir versprochen, mir an meinem Roman aus der altgriechischen Geschichte zu helfen.«

309 »So?« sagte er trocken. Sie beobachtete ihn. Keine Miene in seinem jugendlichen Greisenantlitz verriet, was in seiner Seele vorging. Eher nahmen seine Züge noch einen professoraleren Ausdruck an.

»Dann werden Sie uns wohl oft besuchen?« fragte er mit erzwungener Gleichmütigkeit.

»Gewiß!« sagte sie, froh darüber, daß er die Sache so leicht nahm. »Ich komme morgen abend zu Ihnen.«

Er nickte mit finster-stolzer Miene.

Ihr gefiel dieser knabenhafte Trotz; sie dachte: er überwindet seine Neigung für mich rasch. Indessen irrte sie sich. Er brütete über den seltsamen Zufall nach, der den Vater in die Wohnung Emmas geführt.

»Mein Vater,« sagte er jetzt, »hätte eigentlich auch gerade so gut nach Hause gehen und seine Kleider wechseln können,« meinte er.

»Es war keine Zeit mehr!« versetzte sie.

Er zuckte die Achseln und lächelte bitter. »Keine Zeit! Nun, der Direktor braucht nicht vor halb drei Uhr zu kommen.«

Beide schwiegen. Dann sagte er, um den peinlichen Eindruck seines Mistrauens zu verwischen: »Nun ja . . . ich freue mich, daß Sie so gut mit ihm stehen.«

»Ihr Vater kann sehr liebenswürdig sein!« versetzte sie. »Er hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe, meine nähere Bekanntschaft mit ihm bringt Ihnen Segen. Ich werde ihm die Augen öffnen über Sie. Sie werden ihn lieben lernen.«

310 Er nickte. Er nahm sich vor, die Beiden zu beobachten und sich seine Eifersucht unter keinen Umständen anmerken zu lassen. Er wollte Beide in völlige Sicherheit wiegen, um sie dann desto effektvoller entlarven zu können. Dieser Plan hatte etwas Theatralisches, was seiner jugendlichen Phantasie ungemein wohltat, ihn vor sich selbst interessant machte, ja sogar die Schmerzen der Eifersucht und der unerwiderten Liebe ihm versüßte.

Gerade als er sich verabschieden wollte, schellte es an der Vorplatztüre. Luise öffnete. Es war wieder einmal Nata, diesmal aber nur um die Klavierstunde abzusagen. Das arme Mädchen hatte einen herben, strengen Ausdruck um den sonst so kindlichen Mund.

Karl schloß sich ihr wieder an, als sie ging. Er bezeugte sich sehr ritterlich gegen sie, suchte sie aufzuheitern, und legte ihr in jeder Weise seine hohe Achtung vor ihrem Unglück und der Art wie sie es trug an den Tag. Sie klagte, daß ihr das Schreiben auf der Maschine Kopfschmerzen verursache.

Heute mußte sie auf einem großen Schreibebüro arbeiten. Aus allen Zimmern der Wohnung rasselten und klapperten die Maschinen. Ein Schriftsteller, den sie bei Emma schon einmal gesehen, Herr Schnätz, kam und diktierte ihr ein Drama. Da hieß es aufpassen! Diese stundenlange Anspannung der Nerven wurde ihr zur Höllenqual; aber sie wollte aushalten, sie wollte ihr Brod selbst verdienen, nicht dem Vater zur Last fallen, der 311 selbst mit dem Leben schwer zu ringen hatte und halbe Tage lang auf seiner Kanzlei saß, ohne daß sich ein Klient meldete.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.