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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16.

Etwa nach drei Tagen besuchte Karl seine Freundin Emma. Diese unterhielt sich eben gerade mit Luise über das Mystische im Tiergeist.

Sie behauptete: Der Kater Peter lege entschieden stets eine größere Zärtlichkeit an den Tag, sobald ihr ein Unglück drohe. Das Tier ahne nahendes Unheil voraus. Karl ging auf diesen Gedanken ein. Im Tier, im Kind und in den Dummen, meinte er, sei überhaupt stets etwas Mystisches verborgen. Dann erzählte er den Vorfall, der sein Familienleben beunruhigt hatte.

282 Emma suchte ihm seinen unkindlichen Haß auszureden. Vielleicht habe der Arzt doch recht, vielleicht bereite sich im Geist seiner Mutter langsam ein tieferes Leiden vor. Was sie von den Seltsamkeit der arme Frau gehört, sei denn doch wirklich Besorgnis erregend.

Karl bestritt das heftig: Der Vater wolle die Mutter nur los sein. Überhaupt die Ehe! wie sich die moderne hochgebildete Gesellschaft nur ein solch mittelalterliches Institut aufzwingen lasse.

Sie lachte. Sie sei ja auch eigentlich Ehefeindin; die Unglücklichen, die nun aber mal in die Pfaffenfalle hineingeraten seien, solle man nicht schmähen, sondern bedauern, ihnen eher heraushelfen.

»Da haben Sie recht,« meinte er. »Mein Vater sollte sich von der Mutter trennen, das wäre die einzig richtige Lösung der Frage.«

Während dieser Unterredung entdeckte sie zum erstenmal unzweifelhaft im Benehmen des jungen Mannes etwas ihr sehr Peinliches, eine leise, naive Liebesannäherung. Sie hatte ihm vorgeschlagen, sie wolle mit seinem Vater über ihn und die Mutter reden; da ergriff er sonderbar erregt ihre Hand und warf ihr einen glühenden Blick zu, der sie sofort mit Kälte übergoß. Sehr enttäuscht ja erschrocken zog er, als er ihr kühles Benehmen bemerkte, seine Hand zurück und blickte erbleichend unter sich, mit sich selbst höchst unzufrieden.

»Wärs nicht doch besser,« sagte sie, »Sie befolgten das Gebot Ihres Vaters?«

»Welches Gebot?«

283 »Mich nicht zu besuchen.«

»Aber er hats ja zurückgenommen.«

»Nun ja. Aber offenbar ungern.«

»Wenn Sie mir Ihre Wohnung verbieten,« stammelte er schmerzlich bewegt, »denn allerdings . . . muß ich . . .«

Nun tat er ihr wieder leid. Sie flüsterte weich: »Na gut, – so kommen Sie denn.«

Ihr Mitleid demütigte ihn. Er nahm sich vor, nicht mehr zu kommen, doch zerriß dieser Vorsatz sein Herz. Das ganze Zimmer drehte sich mit ihm, er glaubte er müsse die Wände hinausdrücken.

»Geistig sehr hochstehende Menschen,« begann sie nun zu philosophieren, »sollten nie von Leidenschaften verzehrt werden, sie sollten immer frei über den Stürmen des Lebens schweben.«

»Ich meine, im Gegenteil,« versetzte er. »Geistig hochstehende Menschen sollten alle Stürme des Lebens im Busen durchkämpfen.«

»Ich verliere sofort das Interesse an einer Person,« sagte sie bedeutsam, »wenn sie von ihrer Höhe in die Niederungen der Leidenschaft sinkt. Der Adler ist nur schön, wenn er über den Bergen schwebt; im Sumpfe watend wird er lächerlich.«

Er wiegte leise den Kopf, als wolle er andeuten: ich verstehe! Ein pressender Krampf hielt ihm die Kinnbacken umspannt; er durfte keine Miene verziehen, sonst wären seine Tränen aus den Augen geflossen. –

Zur selben Zeit saß Otto Grüner neben Luise am Klavier auf dem kleinen Drehstuhl. Sie gab ihm 284 Unterricht. Im Schweiß seines Angesichts hatte er schon eine Viertelstunde mit krampfgekrümmten Fingern darauflosgehackt, zuweilen, wenn die Lauschende tadelte, mit der linken Hand nervös sein blondes Schnurrbärtchen streichend. Seine Finger waren sehr weich, die Nägel waren so weit zurückgeschnitten, daß jeder Finger, gleich einem Froschfinger, in einem runden Ballen endigte. Haare hatte der junge Mann nicht mehr viel auf dem Kopf, sein Hals bis an den Nacken hinab schimmerte röter als je und goldgelb glänzten im Gesicht die unzähligen Sommersprossen. Nun hielt der hagere Herr, der seine Jugend schon etwas allzu stark genossen hatte, seufzend im Spiel inne.

»Ich gebs auf!« sagte er in seiner harlekinhaften Weise.

»Warum denn?«

»Ich hab n Gehör wien Maulwurf.«

»Das Gehör läßt sich heranbilden.«

»Ah was, ich hab ja eigentlich auch nur Unterricht genommen, – um nichts zu lernen.«

Sie lachte.

»Ja! um Sie spielen zu hören! Also . . . spielen Sie mir was, so was recht . . . Ideales, Sentimentales.«

Er quetschte wie in burlesker Sehnsucht ersterbend die Augen zusammen und gab mit possirlichem Gesichtsausdruck schmachtende Seufzer von sich. Sie mußte laut auflachen. Er verstärkte das grunzende Sehnsuchtsgestöhn. Dann rückte er bei 285 Seit und ließ die immer noch Lachende auf den Drehstuhl.

»Gehn Se, spielen Se mir – n Wagner.«

»Daß unmusikalische Leute so gern Wagner hören!«

»Wagner hat expreß für uns geschrieben. In seiner Kunst ist Etwas, das auch den Laien packt, etwas Nervöses.«

Sie setzte sich. Ihre durchsichtigen Finger leuchteten weiß. Wie die Finger einer eben vom Kreuz abgenommenen Märtyrerin! dachte Otto. Er glaubte die edelgeformte Hand noch in der Mitte bluten, die durchgeistigten Fingerspitzen schmerzhaft zucken zu sehen. Ihr großes, blaues Auge hing flehend an dem überm Klavier aus dem Goldrahmen herabweinenden Christuskopf; die rührend dünnen, schmerzdurchseelten Linien ihres Gesichts hoben sich zart vom allmählich dunkler werdenden Hintergrund des Zimmers ab. Das dünne, zarte Kinn, die wie in verhaltenem Kummer unter die Oberlippe zurückgezogene Unterlippe gemahnte ihn an jene Engelsgestalten der Prärafaelitischen Kunst, und das farblosgraue, enganschließende Kleid mit dem langen, feierlichen Faltenwurf verstärkte diesen Eindruck.

Sie spielte nicht Wagner. In dieser Musik lag ihr eben zu viel Theater. Eine Sonate von Beethoven entquoll ihren Fingern. Otto war ganz Andacht und diese echte Kunstbegeisterung, die aus den geistvoll herzlichen Augen strahlte, goß über den häßlichen Kopf eine höhere geistige 286 Schönheit. Neben ihm saß der Kater Peter. Er streichelte das zarte, schwarzweißgestreifte Fell des Tiers. Durch die feierlichen Töne angeregt wars ihm als schlössen sich vor ihm die Türen der Vergangenheit und der Zukunft auf; es offenbarten sich ihm tiefe Geheimnisse. Er sah die Präexistenz und Futuralexistenz des Katers vor sich, wie er einst als böser Dämon im Weltall gehaust, und nun durch dieses Erdenleben sich auf sein nächstes Erdenleben in dem er Mensch sein sollte vorbereiten wolle.

Es ging schon gegen Abend. Die Flügeltüre, die in den herbstlich geröteten Hausgarten führte, stand offen. Über die Schwelle trug raschelnd der kühle Herbstwind einige gelbe Blätter, kleinwinzige welke Gerippe, die tanzten im Zimmer ihren Totentanz. Das brechende Sonnenauge warf einen ersterbenden Strahl über die Dächer und vergoldete nocheinmal mit trübviolettem Purpur die einfachen Möbel des beinahe ärmlichen Zimmers. Und draußen in dem gelbgrünroten Gemisch der welkenden Büsche blinkte die große goldne Gartenglaskugel auf, deren spiegelnde Wölbung einen seltsamen phantastisch-chinesischen Eindruck auf den Maler machte.

Auf einmal legte er seine Hand auf die in den Tasten wühlenden Finger des Mädchens. Sie sah ihn verwundert, aber gutmütig lächelnd an, er sie mit dem schmachtend gen Himmel gerichteten Blick des losen Schalks. »Spielen Sie nicht mehr!« bat er mit einer possirlich-schwärmerischen Klangfarbe in der Stimme.

287 »Warum?«

»Weil ich Sie liebe!«

Sie lachte laut auf. »Wunderliche Logik!«

»Ihre Töne tun meiner Liebe weh.«

»Weh?«

»Weil sie ja doch nicht erwidert wird.«

»Dann spiel ich erst recht.«

Sie schmetterte einen gemeinen Schmachtlappen von Walzer herunter: »Tut das auch Ihrer Liebe weh?«

»Nein, das wiegt sie sanft ein.«

»Wie können Sie erwarten, daß ich Ihre Liebe erwidern soll,« lachte sie, »wenn Sie einen so gemeinen musikalischen Geschmack haben?«

»Sie lieben mich deshalb nicht, Luischen, weil ich nen roten Hals, rote Haare und ne Glatz habe.«

»Im Gegenteil, ich schwärme für rote Hälse; schade, daß Ihre Nase nicht auch was vom Hals abgekriegt hat, dann kennte meine Bewunderung kein Grenzen.«

»Ich werd mich erschießen, wenn Sie so spotten!«

»Ich will Ihnen gleich Ihren Trauermarsch vorspielen.«

Er hatte schon oft am Schluß der Stunde ein solches Scherzgeplänkel mit ihr aufgeführt, auf das sie stets gern eingegangen war. Diesmal kam es ihr aber doch vor, als berge sich tiefere Bedeutung hinter seinem frivolen Ton.

Emma hatte vom Nebenzimmer aus von diesem Gespräch, während ihrer Unterhaltung mit Karl, 288 etwas aufgefangen. Als Otto und Karl die Wohnung verlassen hatten, kam ein fünfzehnjähriges Mädchen, das von sechs bis sieben Uhr Unterricht nahm. Luise hörte nur sehr zerstreut auf das Spiel; ihre Gedanken weilten bei Otto, der ihr aufeinmal heute gar nicht so übel vorkam. Emma hingegen fand das Spiel des Mädchens doch gar zu wunderlich. Sie stand leise vom Pult auf, schlich auf den Zehen ins Zimmer und entdeckte beim sanften Schimmer der Klavierlampe, daß die kleine Schülerin ganz gemütlich die Noten des verkehrt auf dem Notenhalter stehenden Blattes herunterspielte. Sie brach in ein lautes Gelächter aus; Luise fuhr aus ihren Träumen, entdeckte nun auch die Ursache der grotesken Töne und ward sehr verlegen.

Nach einer Stunde ging auch das Mädchen und bald saßen die beiden Freundinnen schweigsam sich gegenüber am Teetisch, zuweilen rauschte leise die Wasserleitung, sonst herrschte tiefe Stille in dem von der Straße entfernt liegenden Gartenhäuschen. Nur selten ein dumpfes fernes Wagenrollen. Die Hängelampe warf ihren friedlichen Goldschimmer über das noch aus besseren Zeiten stammende Teegerät.

Emma fing an, eine lange Geschichte von Otto Grüner zu erzählen. Luise unterbrach sie: »Was? das hätte Otto getan? ein Modell unglücklich gemacht? Das muß ich ihm doch sagen! Woher weißt du denn das?«

Emma behauptete, sie wisse es von Karl.

289 »Spielt dir auch wirklich hier deine Phantasie keinen Streich?«

»Aber wirklich nicht!«

»Nun gut, wir werden sehen! Wenn Otto so schlecht ist, darf er uns nicht mehr ins Haus.«

Emma errötete; sagte aber weiter nichts.

Der Kater, der auf den Tisch herauf springen durfte, schnappte nach zugeworfenen Schinkenstückchen, turnte mit raubtierhafter Gewandtheit zwischen den Tassen hindurch und wirbelte beim Kratzen seines schönen Fells ein Wolke unzähliger weißschwarz gesprenkelter Härchen auf alle Geschirre.

»Man kann bei uns nichts zum Mund führen, ohne Katzenhaare zwischen die Lippen zu bekommen,« eiferte Emma und versetzte dem Sünder einen Klaps. Luise nahm ihn in Schutz. Dennoch wollte der in seiner Manneswürde gekränkte Peter ins Freie, was er so deutlich zu verstehen gab, daß Emma behauptete: es fehle nicht mehr viel, so werde der Kater sprechen; er sage z. B. schon ganz deutlich: Mama! Aber Luise war indes sittlich entrüstet über die nachtwandlerische Abenteuersucht ihres Lieblings. Sie verbot ihm seine Schwärmerei und hielt die Tür geschlossen, obgleich das Tier in den zärtlichsten Tönen um ein wenig Freiheit bat.

Emma lächelte. »Er will uns verlassen!« sagte sie leise. »Erst geht er, dann gehst du, dann bin ich ganz allein.«

Luise sah verwundert auf die Freundin. »Warum soll ich gehen?« fragte sie.

290 »Nu, Otto Grüner?«

»Was hältst du inne? was ist mit dem?«

»Stell dich doch nicht so!«

Luise lachte: »Versteh ich dich? Dummes Kind! an so was denkt der nicht.«

»Und du?«

»Noch weniger! Ich hab dir ja versprochen, daß ich dich nicht verlasse.«

Emma umarmte die Freundin.

»Ist das dein Ernst?«

»Wir bleiben bei einander!«

Ein ohrenzerreißendes Katzengeschrei unterbrach hier die Unterredung der Freundinnen. Luise stürzte sofort aus dem Zimmer, um ihren Liebling, der doch durch ein offenstehendes Fenster entwischt war, aus den Klauen einiger feindlichen Nachbarkater zu retten. Im Gärtchen hatte sich ein lebhafter Kampf entsponnen und zwar um eine bereits hoch im Matronenalter stehende Kätzin des anstoßenden Hofs. Diese betagte Kätzin Murrle verstand es nämlich durch geschickte Konservierung ihrer schwindenden Reize, besonders durch eifriges Lecken ihres schwarzgrauen Fells, dann aber auch durch ein bis zum Raffinement ausgebildetes System der Koketterie die ganze Katerwelt der Umgegend in die heftigste Liebesraserei zu versetzen. Sie war aber von Geschmack sehr heikel, sie schenkte ihre Gunst nur dem weißen Kater des Bäckers. Alle übrigen Liebesanträge wies sie entrüstet ab, ja sogar die prächtigen Jünglingsreize eines Angorakaters (er gehörte einem Katzenmaler) verachtete 291 sie dermaßen, daß der Besitzer eine tiefe Melancholie an seinem schönen Modell wahrgenommen haben wollte. Peter war soeben mit dem bevorzugten Liebhaber der Kätzin Murrle ins Geräufe gekommen. Sobald aber Luise im Garten erschien, stoben die sechs Kater scheu auseinander.

Später gegen acht Uhr bekamen die Freundinnen noch den Besuch von einigen Mitgliedern des Pegasusklubs; darunter war wieder der verbissene Schauerromanfabrikant Schnätz, der kürzlich ein bluttriefendes Drama in der Art von Trilby am Stadttheater angebracht hatte.

»Wisse Se,« erzählte er in seinem Pfälzer Dialekt, »wie mer das gelunge is?«

»Nun?« fragte Emma. »Es ist doch bekanntlich fast unmöglich, ein Drama an irgend eine Bühne zu bringen!«

»Freilich!« gab Schnätz zu, und stocherte sich in die Zähne, wobei er das Mißgeschick hatte, etwas von Speiseresten bombenwurfartig über den Tisch hinüberzuschleudern, sodaß die Gegenübersitzenden in Gefahr gerieten. Schnätz machte sich aber nichts daraus und fuhr fort: »Freilich! ich bin auf n schlaue Gedanke gekomme. Wisse Se was? ich hab den Direktor zum Mitarbeiter gewonne, hihihi!«

»Den Direktor?« fragte man neugierig.

»Er bekommt die Hälfte sämtlicher Einnahmen,« fuhr er bluttriefende Volksschriftsteller, der nur für den normalen Geschmack dichtete, fort. »Die Hälfte, – ohne daß er auch nur eine Zeil an dem Werk geschrieben hat.«

292 Man lachte.

»Es ist entsetzlich,« meinte Emma, »was sich ein Schriftsteller gefallen lassen muß.«

Der pensionierte Amtsrichter Meißel wollte absolut sein Weltanschauungsepos vorlesen, ein Unheil, das nur dadurch von der Gesellschaft abzuhalten war, daß sich der junge Komponist Hinrichs ans Klavier setzte und sein neuestes Lied zum Besten gab. Dies Lied machte nun der Gesellschaft auch gerade kein sonderliches Vergnügen, da es gänzlich melodielos war und nur aus seltsam verrenkten Harmonien und entsetzlichen Disharmonien bestand, es hielt aber doch die größere Gefahr, die Verlesung des Fixsternepos von den Häuptern der Gäste fern.

Hinrichs suchte schon seit Jahren nach einem Operntext; keiner paßte ihm, so daß die verschiedenen Poeten behaupteten, der Komponist mäkle nur an den Texten herum, um seine Unfähigkeit nicht offenbaren zu müssen.

Der Kritiker Ellmeister war auch da. Diesem war kürzlich die Frau durchgebrannt, weshalb er sich in ganz besonders aufgeräumter Stimmung befand. Er gehörte der niedersten Boheme an, soff wie ein Loch, wovon seine rote Nase Zeugnis ablegte, und stürzte sich von einem Liebesabenteuer ins andere, wovon andere Symptome erzählten.

Mehr im Hintergrund des Zimmers hielt sich Herr Holler auf. Ihm war vor einiger Zeit in einem Stadttheater ein Drama ausgezischt worden, 293 was einen solch niederschmetternden Eindruck auf seine Psyche hervorgebracht hatte, daß er kaum ein Wort redete, mit düstrer Miene vor sich hinstarrte und den schönen Weltschmerzler spielte. Er behauptete natürlich: nicht sein Stück, sondern das Publikum sei durchgefallen. Seine Kollegen, die sich im Stillen sehr über seine Niederlage freuten, bedauerten in tiefgefühlten Worten sein Misgeschick.

Emma durchschaute die Heuchelei, den Neid, die Genuß-, Gold- und Ehrsucht dieser Aristokraten des Geistes schon seit langer Zeit, weshalb sie sich auch vorgenommen hatte, aus dem Pegasusverein auszutreten. Sie hatte schon oft ihrer Freundin gegenüber die Bemerkung gemacht: es sei merkwürdig, daß die Kunst selten den Charakter ihrer Jünger veredle! Sie erklärte diese bedauernswerte Tatsache daraus, daß sich heutzutage leider mit der Kunst Geld verdienen lasse; das sei in früheren Zeiten immerhin besser gewesen.

*

Emma selbst war nur allzusehr in der Lage, die verderbliche Wirkung des Geldes auf die Kunst zu verstehen. Seit einiger Zeit stand sie in Beziehungen zu einem Kunsthändler, in dessen Auftrage sie alte holländische Gemälde kopierte. In solchen Arbeiten besaß sie vermöge ihres weiblichen Anschmiegungs- und Nachahmungstalents eine große Geschicklichkeit. Der wohlbeleibte Kunsthändler war entzückt von der Treue ihrer Kopien und hatte ihr versteckter Weise den Antrag gemacht, sie solle für ihn auf altes zurechtgemachtes Holz mehrere 294 dergleichen alte Landschaften im niederländischen Styl malen; er würde diese Werke gut honorieren. Emma wußte, daß derartige Altertümer dann oft als echt nach Amerika verkauft wurden. Um dem Kunsthändler zu beweisen, daß sie dieser Aufgabe gewachsen sei, hatte sie wirklich ein solches kleines Bild gemalt.

Der Händler besah es und war ganz begeistert. Das sei ja der reinste Niederländer, nicht zu unterscheiden von einem echten.

Sie lachte. »Ich will nicht, daß Sie das Bild für echt verkaufen!« sagte sie. »Ich setze hier meinen Namen in die rechte Ecke, so weiß Jeder, daß dies ein modernes Werk ist.«

Kaum hatte sie ihren Namen hingemalt, so riß ihr der Geschäftsmann die künstlich alt gemachte Holztafel aus der Hand, warf ihr 200 Mark auf den Tisch und stürmte davon.

»Mir ists gleich, was er mit dem Ding anfängt,« sagte sie zu Luise. »Ich hab meine Schuldigkeit getan, du kannsts beschwören, daß ich meinen Namen in die Ecke gemalt habe. Wenn er ihn etwa wieder wegkratzt, bin ich unschuldig daran!«

»Aber du solltest doch so etwas nie mehr tun,« meinte die Freundin.

»Tu ich auch nicht mehr!« sagte sie. »Mir ist auch jetzt nicht wohl bei der Sache; der Händler soll mir nie mehr ins Haus.«

Nichts desto weniger hatte sie nach wenigen Tagen hinterm Rücken Luisens wieder einen kleinen unechten Niederländer fertig gemacht. Diesmal ließ sie 295 ihren Namen weg, setzte aber auch keinen andern dafür hin. Es war einfach das Bild eines unbekannten alten Meisters. Der Kunsthändler sah die Arbeit, zahlte reichlich und verschwand. Sie täuschte sich durchaus nicht über den Sachverhalt, denn sie wußte gewiß, daß ein Amerikaner eins dieser Bilder um eine große Summe erworben hatte.

Durch diesen Erfolg entstand nun in Emmas Seele ein unwiderstehlicher Drang, noch mehr solcher unechten Altertümer zu malen. Sie besuchte die verschiedenen Gemäldegallerien der Stadt, lernte von den alten Meistern und entwarf wenigstens im Geist allerlei Bilder. Es war nicht blos Gewinnsucht; es hatte für sie einen außerordentlichen Reiz, sich in die altertümliche Empfindungs- und Malweise zu versetzen. Sie fühlte sich dabei der Zeit entrückt, wunderbare Stimmungen beschlichen sie.

Doch waren es nicht immer Triumphe, was sie durch ihren Schwindeltrieb erlebte; auch Niederlagen fehlten nicht, die sie aber sehr leicht nahm. So bei der Klatschgeschichte über Otto Grüner.

Als sich nach ein paar Tagen Luise bei Otto erkundigte, ob er jemals mit seinem Modell Leontine intimeren Verkehr gehabt und das Mädchen ins Unglück gestürzt habe, erklärte der Künstler, er kenne gar kein Modell dieses Namens. Emma ward darüber zur Rede gestellt; Otto war entrüstet und sprach von Ehrabschneiderei, Verklagen, Verleumden! Da gab dann Emma lachend zu, sie habe die ganze Geschichte erfunden, um sie in ihrem 296 neuesten Roman zu verwerten; sie habe nur einmal prüfen wollen, welche Wirkung sie beim Erzählen dadurch erreichen könne. Es sei ihr sehr interessant gewesen, die Entrüstung Ottos zu studieren.

Der Künstler verbat sich indes solche Vivisektionen.

Karl, der zu diesem Auftritt kam, nahm Emma lebhaft in Schutz: sie sei ein Opfer ihrer Phantasie, es liege etwas Großes in der Art, wie sie mit den Menschen gleichsam experimentiere; man müsse einem solchen Talent dergleichen Geniestreiche verzeihen.

Otto dachte nicht so: er nannte Emma eine hysterische Lügnerin. Karl warf ihm vor, wenn er so denke, sei er kein Künstler. Der echte Künstler habe eine Lust am Aufschneiden und Mystifizieren.

Beide kamen hart hintereinander und trennten sich im Zorn.

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