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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Die Frau Direktor hatte heut morgen aus christlicher Nächstenliebe die Pflichten des ein wenig leidenden Dienstmädchens übernommen. Sie war frühzeitig aufgestanden, hatte Feuer im Herd entzündet und wollte höchst eigenhändig den Kaffee kochen. Dies Kunststück mißlang ihr gleich von Anfang an. Der Herd zog nicht . . . entsetzt mußte 264 sie die qualmende Esse verlassen und sich wieder in die Schlafstube zurückziehen.

»Ich weiß nicht, was das ist!« klagte sie dann dem noch im Bett liegenden, tief in die Kissen vergrabenen Direktor. »Der Herd raucht heut ganz entsetzlich.«

Der Schultyrann reckte schnüffelnd die spitze immer Strafbares witternde Herrschernase aus dem weißen Federkissengrab und sog in langen, feierlichen Zügen die Atmosphäre ein; er fühlte seine Nasenschleimhaut sehr unangenehm berührt.

»Mir scheint das auch so!« erklärte er mit pedantischer Würde. »Pfui Teufel, man erstickt ja, das ist kein Geruch mehr, das muß man bereits als Gestank bezeichnen.«

Bald drangen dichte Rauchwolken bis ins Heiligtum des ehelichen Schlafgemachs.

»Katharina, was hast du angerichtet?« rief sehr ärgerlich der Präzeptor. »Das wird ja immer stärker . . .«

»Unbegreiflich!« flötete die verlegene Götheforscherin. »Das Feuer brannte doch ganz schön und nun – dieser Rauch!«

»Immer toller, immer toller!« pustete der Homererklärer. »Man sollte denken, hier würde Troja zum zweitenmal verbrannt.«

Der ordnungsliebende Direktor sprang, einen Brand befürchtend, geängstigt im Hemd aus dem Bett, eilte mit unbehosten Beinen in die qualmende Küche und fiel, nachdem er den furchtbar rauchenden Familienaltar besichtigt, vor Entrüstung beinahe 265 auf den Rücken. Seine teure Gattin, die vom bösen Gewissen getrieben ihm nachgeschlichen war, erbleichte. Er riß eine breite Tür des Herds auf, – ein Wutschrei! – sie hatte in naiver Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse das Feuer in den Bratofen anstatt in das vom Ofensetzer mit weiser Vorsicht dazu bestimmte Feuerloch angelegt.

»Du bist doch eine Haupt- und Staatsschlampe!« schrie der wohl mit Recht empörte Rektor. »Nicht einmal Feuer kannst du an der richtigen Stelle anzünden! Ich will jeden meiner Sextaner herrufen, – er wird dir zeigen, wo das Ofenloch ist.«

»So beruhige dich doch!« eiferte sie.

»In deinem Kopf sitzt das Feuer auch nicht an der richtigen Stelle,« tobte der hosenlose Schulmann und riß die brennenden Holzscheite aus der qualmenden Öffnung, in der sonst Kuchen friedlich ihrer Reife entgegen zu backen pflegten.

»So was kann doch vorkommen,« bemerkte sie eigensinnig, »wenn man wie ich, die ganze Nacht darüber nachgegrübelt hat, ob Göthe am fünfzehnten August oder am sechzehnten . . .«

»Göthe wird noch im Jenseits beklagen, daß sein Geist dir in die Hände gefallen ist! Entsetzlich! Hab ich eine Häuslichkeit! Die Handlung macht dich reif für eine Heilanstalt.«

»Du hättest halt eine Dienstmagd heiraten sollen, anstatt eine gebildete Frau!« belehrte sie ihn. »Ich habe an andere Dinge zu denken. Geistreiche Menschen sind oft zerstreut. Dir natürlich passiert so was nicht; in deinem Kopfe bewegen 266 sich lauter abgelagerte alte, eingetrichterte Begriffe. Du warst ein Musterknabe, ein Musterschüler, ein Musterstudent, bist ein musterhafter Staatsbürger und wirst einmal im Himmel mit der Etikette versehen werden: Muster ohne Wert! während wir geniale Naturen uns mühsam durchs Leben kämpfen müssen, überall Anstoß erregen, dafür aber nach dem Tod ins Pantheon der Weltgeschichte wandern.«

Er hatte hierauf nur ein höhnisches Lachen.

»Wenn du doch, statt an deine Statue in Pantheon zu denken, jetzt den Kaffee machen wolltest!« ereiferte sich der Direktor.

Das tat sie nun auch, aber wie! Zuerst goß sie das vorhandene Wasser in die leere Maschine, so daß natürlich auch das reine Wasser unten abfloß. Als sie endlich ihren Irrtum bemerkte, war es schon so spät, daß der arme Mann wütend erklärte, er werde heute im Kaffeehaus frühstücken. So stürzte er davon.

Um acht Uhr bestieg er den Katheder. Er war garnicht bei der Sache, – aber wehe dem Schüler, der heute auch nicht ganz bei der Sache war.

»Ich möchte wissen, wo Sie heute Ihre Gedanken haben!« höhnte der Direktor in seinem pathetischsten Entrüstungsanfall.

»Ich will Ihnen Ihre Zerstreutheit austreiben!«

»Äh, äh, man hat wieder einmal nichts gelernt! man setze sich!« So gings in einem fort.

Beim Mittagessen hatte der Direktor den zweiten Ärger des Tags. Die Suppe war versalzen, das 267 Fleisch verbrannt. Karl würzte das Essen mit verachtungsvollen Ausfällen gegen das Denunziantentum und stichelte ziemlich deutlich auf seinen Vater, da er noch nicht ganz sicher war, ob dieser nicht im Verein mit Dr. Simmer Emma Dorns Buch dem Staatsanwalt angezeigt hatte. Der Direktor blieb aber diesen bald leisen bald schroffen Anspielungen gegenüber ganz gleichgültig, ja er ergriff sogar die Partei seines Sohns und tadelte scharf jede unehrliche Kampfweise. Trotzdem ließ dessen verbittertes Gemüt nicht ab von seinem Verdacht.

Nach dem Essen fand Karl einen Brief auf seinem Zimmer, den ihm die Mutter heimlich hingelegt, damit ihn der Vater nicht öffnen sollte. Karl las und eilte sehr erfreut gleich hinüber in das Studierzimmer seines Vaters, der sich eben ein wenig zum Mittagsschläfchen niedergelegt hatte. Jetzt gilts! dachte Karl; jetzt will ich beobachten.

»Was ist los?« fragte der Direktor, der eben die Augen geschlossen hatte.

»Ich dachte, es interessiere dich,« keuchte der Primaner, vor Erregung zitternd, »sonst hätt ich gewartet.«

»Was denn?«

Karl sah ihm scharf in die Augen. »Eben schreibt mir Fräulein Dorn, daß ihr Roman . . .« er zögerte einen Moment, der Vater erbleichte leicht, ». . . freigegeben ist.«

Der Direktor schnellte in die Höhe. »Ah, freigegeben?« rief er, indes ein heller Freudenblitz 268 sein braunes Auge durchzuckte. »Das ist schön, das hab ich erwartet. Das war man ihr schuldig! Sehr gut!«

Er war ganz außer sich vor Glück, bemerkte es aber sogleich selbst und dämpfte klüglich seinen Wonnerausch, indem er mit gekünstelter Gleichgültigkeit hinzusetzte: »Nun ja; man gönnt ihr diese Rechtfertigung. Zeig einmal her! ist das ihr Brief? Laß mich lesen.«

Karl überreichte das Schreiben.

»Hm . . . alles richtig, – man wird ihr ein paar Zeilen schreiben. Wart, du kannst meinen Glückwunsch selbst hintragen, vor der Schule.«

Er der sonst in grimmigen Zorn geraten konnte, wenn man ihm seinen wohlverdienten Mittagsschlaf störte, dachte gar nicht mehr ans Schlafen, sprang auf, eilte erregt an seinen Pult und schrieb.

Durch Karls Herz schnitt ein tiefes Weh. Er hatte sich in seiner verbitterten jugendlichen Phantasie bereits den Vater als schwarzen Angeber ausgemalt, den er also mit Grund hätte verachten dürfen. Damit wars nun nichts und es war ihm schließlich doch auch wieder angenehm, daß er ihn achten durfte. Wenn nur . . . Ja, wenn er sich nur nicht gar zu lebhaft für die schöne Emma interessiert hätte! Ob sie sich dann auch für ihn interessierte? Das war jetzt die Frage, die sein junges Gemüt folterte.

Der Vater hatte sein Schreiben beendet, steckte es in den Umschlag und überreichte es scherzend dem Sohn. »Schau, wie sich die Zeiten ändern. 269 Ich sende dich nun selbst zu ihr, deren Umgang ich dir verbieten wollte.«

»Willst du den Brief ihr nicht lieber selbst überbringen?« prüfte der junge Mann das Herz seines Erzeugers.

Der Direktor stutzte und strich sich nachdenklich über den wohlgepflegten braunen Backenbart. »Du hast recht,« sagte er zögernd. »Ich könnte . . . ich hätte ja die beste . . . hm! Nein! das geht doch wohl nicht. Man kennt das Fräulein noch nicht genug, und du weißt ja, in welchem Ruf . . . das heißt . . . was man über sie klatscht. Und meine Herren Kollegen, wenn die von meinem Besuch erführen . . . Nein, später vielleicht einmal, wenn . . . nun ja . . . später.«

Er überreichte dem Sohn den Brief und warf ihm, gewissermaßen als Lohn für seinen Vorschlag, einen wohlwollenden Blick zu. Ja, er nickte sogar als Zeichen seiner Anerkennung, und sein rehbraunes Auge, das einzige Geniale, was von dem Wunderkind übriggeblieben war, flammte bedeutsam auf.

Karl verließ wie vor den Kopf geschlagen das Zimmer. Der Vater hatte sich herabgelassen, den Sohn zum Vertrauten seiner Seele zu wählen! Glaubte er, daß er ihn besser verstehen werde, als irgend ein andrer Mensch? Das tat dem Sohn innerlich wohl; und doch – konnte er dies Vertrauen rechtfertigen . . . in diesem Fall?

Der Direktor hielt heute keinen Mittagschlaf. Er saß noch lange an seinem Pult und träumte. 270 Bist du denn wieder zum Jüngling geworden? fragte er sich lächelnd, fängst wieder an zu dichten? Hat dich dies Frauenzimmer verhext? Dich, der doch längst zum Philister erstarrt sein sollte! in dem aber doch wies scheint noch der Romantiker, der flotte Bruder Studio schlummert? Das macht wohl der geistige Umgang mit den leichtfertigen alten Griechen? Er war in einer so behaglichen Stimmung, daß er seine professorale Würde vergessend, über sich selbst lächeln mußte.

Jetzt hörte er vor der Türe die schwerfälligen Schritte seiner Katharina . . . Da passierte ihm etwas Seltsames: ein Krampf zog ihm nach dem Herzen, immer unerträglicher, je näher ihre Schritte der Türe kamen, und als sie die Tür öffnete, befiel ihn eine solche Schwäche, daß er in den Sessel zurücksank. Er mußte die Augen schließen . . . und doch kämpfte er gegen diesen elenden Zustand an, indem er sich zurechtwies: sie kann ja nichts für ihr Aussehen, für ihre Verschrobenheit, sie meints ja ganz gut mit dir, in ihrer Weise!

Die Frau fragte ihn etwas Gleichgültiges. Als er keine Antwort gab, bemerkte sie seine Verstörtheit. Sie glaubte, er sei unwohl, fragte und wollte besorgt sein Leiden lindern. Er lehnte ab. Sie ließ nicht nach.

»Ich bitte dich, laß mich allein.«

»Aber Adolf, wenn du doch krank bist?«

»Nein! geh nur.«

Sie verließ kopfschüttelnd das Zimmer und 271 schickte heimlich das Dienstmädchen nach dem Dr. Müller.

Allmälich befreite sich der Direktor von diesem seltsamen Ekelgefühl, aber noch lange Zeit lag eine gewissen Schwäche, ein Druck über seinen Nerven, den er sich nicht zu erklären wußte.

Gerade als er das Haus verließ, um in die Schule zu gehen, begegnete ihm Dr. Müller.

»Na?« rief der joviale alte Lebemann, »wo fehlts denn?«

»Wos fehlt?« scherzte Körn. »Hab ich dich etwa rufen lassen?«

Dr. Müller klärte ihn auf. Dieser Zug seiner Frau rührte ihn; sie mußte ihn also doch gern haben. Er erzählte nun dem alten Freund den wunderlichen Vorfall.

»Ich kenne mich selbst nicht mehr,« seufzte er. »Meine Abneigung gegen diese Frau nimmt fast einen krankhaften Charakter an. Sie tut mir ja leid, denn sie hat ein gutes Herz, trotz all ihrer Schrullen. Aber ich kann nicht mehr mit ihr zusammenleben! ich glaube, ich gehe körperlich und geistig zu Grund.«

Der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf. »Es geht dir halt wie den Andern auch,« scherzte der alte Weiberfeind. »Wer ist denn glücklich verheiratet? Nur die Dummköpfe halten es in der Ehe aus. Das Christentum hat dem Weib zu viel Rechte eingeräumt. Das Weib bleibt ewig ein – ich möchte sagen, ein ungeniales Genie, ein unkindliches Kind. Und ist es nicht entsetzlich, 272 daß ein solches Mittelding zwischen Kind und Knabe in unserer Gesellschaft, in Theater, Litteratur, Kunst und Universitätsleben den Ton angibt; daß ein geistig wie moralisch so minderwertiges Geschöpf, das eigentlich nur dazu da ist, um für die niederen leiblichen Bedürfnisse des Mannes zu sorgen, oft die gescheitesten Männer beherrscht? von Tronen herab sich in Politik und Gesetzgebung mischt? Professoren ernennt, Offiziere befördert? Büchern den litterarischen Erfolg verschafft? Den Männern eine dumme, gefährliche Prüderie aufzwingt? Die Herrschaft der Geistlichkeit aufrechterhält?«

Körn lachte: »Hast recht, Alter, da waren meine alten Griechen vernünftiger. Damals hieß es noch nicht: suchet die Frau!«

»Freilich!« tobte der alte Junggeselle mit komischem Ärger. »Deshalb sind uns die Griechen auch ewig unerreichbare Vorbilder. Mit dem Wort: suchet die Frau! stellt sich die Menschheit das Zeugnis aus, daß im Grunde die Dummheit die Welt regiert.«

»Sie verdients auch nicht besser,« lachte Körn.

»Ja,« meinte Dr. Müller mit grimmigem Hohn, »deshalb haß ich auch so diesen Göthe, der den modernen Weiberkultus so ins Riesige gesteigert hat, mit seinen Romanen und seiner ewigen Weiblichkeit. Ich kann solche Tröpfe nicht begreifen, die sich von einem halbreifen Geschöpf bis zum Selbstmord treiben lassen. Willst du genau erfahren, welch elender Narr der Mann ist, so frage nur bei edeln Frauen an . . .«

273 »Nun, nun,« begütigte der Direktor, »es gibt aber doch unter diesem Geschlecht auch wirklich edle Charaktere, hervorragende Geister . . .«

»Ach was,« eiferte der Arzt. »Was leisten diese bedeutenden Geister? Sie setzen höchstens die Goldwaren der geistigen Großkapitalisten in gangbares Kleingeld um; eigne, neue Gedanken haben sie nie! Kurzum, bester Freund, ich komme wie jener Kato wieder auf meinen ewigen Ausspruch zurück: Deine Frau muß in eine Anstalt! Nur so wird ihr und dir geholfen.«

Körn seufzte, fast wär ihm dabei sein Bücherpaket unter seiner einklemmenden Schulter heraus in eine Pfütze gefallen. Dr. Müller erwischte noch die griechische Grammatik, die lateinische aber sauste wirklich auf die Pflastersteine. Körn hob sie wieder auf und säuberte sie; dann seufzte er noch einmal schmerzlicher.

»Ich kann mich noch nicht hierzu entschließen,« sagte er. »Da müßte erst irgend ein Ereignis eintreten, das klar erweist, daß man sie nicht mehr unter normalen Menschen darf umhergehen lassen.«

»Nun ja! aber bis dahin kommts so weit, daß du nicht mehr unter normalen Menschen umhergehen kannst!« polterte der Arzt und eilte kurz grüßend davon.

Körn sah ihm zum drittenmal seufzend nach, packte seine Bücher fester unterm Arm und wandelte nachdenklich dem Gymnasium entgegen, das bereits seine mahnende Glockenstimme von fern her erschallen ließ. 274

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