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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12.

Am andern Tag stand es in allen Zeitungen, daß Emma Dorns Roman ›Finstere Dämonen‹ beschlagnahmt worden sei. Daraufhin wurden die Buchhandlungen förmlich gestürmt. In den Leihbibliotheken ward der Roman stundenweise ausgeliehen. Beim Verleger konnten nur etwa vierzig Exemplare eingezogen werden, die übrigen waren bereits in der Welt zerstreut.

Im Lehrerzimmer des Gymnasiums verursachte dieses Ereignis eine lebhafte Debatte. Dr. Köhler nahm das Buch in Schutz. Es sei durchaus nicht unmoralisch, sondern ehrlich. Der Dichter habe so gut wie der Naturforscher das Recht, über jeden Gegenstand, über alles Menschliche, seine Meinung zu äußern; Untersuchungen, Beobachtungen anzustellen: es komme nur darauf an, wie er seinen Stoff darstelle. Man dürfe auch nicht einzelne Stellen herausgreifen, sondern müsse sie im ganzen Zusammenhang mit dem Kunstwerk prüfen.

238 Der Theologe Dr. Simmer hütete sich sein Denunziantentum zuzugeben, obwohl man ihm ein Geständnis nahelegte, ja es ihm fast ins Gesicht sagte, daß er den Staatsanwalt in Bewegung gesetzt. Doch bestritt er die Ansichten Köhlers; es gebe gewisse Dinge, die ewig von der dichterischen Darstellung ausgeschlossen seien. Köhler erlaubte sich allerlei Seitenhiebe auf pfäffische Heimtücke und philisterhafte Heuchelei, so daß ihm Dr. Simmer gereizt sagte: »Wir wissen es ja Alle, – Sie haben keine Religion!«

»Ich hab nicht den kalten Aberglauben, den Sie Religion nennen!« versetzte ihm Köhler zornig. »Ich habe ›keine Religion‹ – aus Religion!«

Der Direktor legte sich nun ins Mittel. Zur allgemeinen Verwunderung nahm auch er das Buch in Schutz; natürlich auf eine sehr vorsichtige diplomatische Weise, so daß seine Verteidigung die Gefühle des mutmaßlichen Angebers unmöglich verletzen konnte.

Später zog der Direktor den Dr. Simmer in eine Fensternische und teilte ihm mit, daß Emma Dorn ihn besucht habe und daß sein Sohn Karl ihn, den Dr. Simmer, feierlich um Verzeihung bitten werde. Dr. Simmer erklärte sich bereit die Entschuldigung des Beleidigers in Empfang zu nehmen; nicht aus Ehrbegier, um seinen Gegner zu demütigen, – das liege ihm gänzlich fern! – nur, um ihn zur Reue zu bewegen, um seinen Charakter zu sittlicher Läuterung empor zu führen.

Dann flüsterte ihm der Direktor lächend zu: 239 »Gestehen Sie, – Sie haben die Finstern Dämonen denunzirt?«

»Aber ich bitte Sie, Herr Direktor!« gab er, seine grünen Schielaugen verdrehend, zurück, »was denken Sie denn von mir! ich tadle wohl, aber ich vernichte nicht.«

Nun ging der Direktor diplomatisch zu Werk. »Sagen Sie mirs nur ganz offen!« heuchelte er. »Ich bin ja auch wesentlich auf Ihrer Seite; ich verdamme ja das Buch wie Sie, nur darf man das nicht so öffentlich sagen. Wenn Sie die Behörde aufmerksam gemacht haben. so haben Sie ein gutes Werk getan; ich würde diese hochmoralische Handlungsweise in einem Bericht an die Schulbehörde lobend erwähnen . . .«

Dr. Simmers Augen begannen nun bei dieser Aussicht zu strahlen, – er ging in die Falle. »Ja, Ihrem Scharfsinn bleibt doch nichts verborgen! so will ichs nur gestehen: ich hab es allerdings für meine Pflicht gehalten, dieses schändliche Machwerk dem Staatsanwalt vorzulegen!«

Der Direktor drückte ihm zwar mit vielsagendem verständnisinnigem Lächeln die Hand, als billige er seine Tat; im Stillen aber dachte er: »vor dem Menschen muß man sich in Acht nehmen! ich werds ihm geben in meinem Bericht an die Oberschulbehörde!« Denn das Schicksal der Dichterin ging ihm sehr nahe. Er malte sich ihren verzweifelten Gemütszustand aus und merkte, daß gerade das Unglück, das nun über dies herrliche Weib hereingebrochen war, sie seinem Herzen noch näher 240 brachte. Er begann den Verursacher dieses Schicksalsschlags, den Dr. Simmer, zu hassen.

Körns Schüler ahnten in der nächsten Stunde nicht, warum er diesmal so zerstreut unterrichtete, warum er manchmal mitten im Vortrag abbrach, vor sich hinstierte und dann mit seinem langgezogenen äh – – äh – den Faden seiner Auseinandersetzungen wieder anknüpfte. Nur Karl hatte eine dunkle Ahnung vom Gemütszustand seines Erzeugers. Er fühlte instinktiv, daß es Teilnahme an dem Schicksal Emmas war, was den sonst so kräftigen Blick des von Gesundheit strotzenden Mannes oft verdunkelte. Mit dem Scharfsinn der Eifersucht hatte er entdeckt, daß im Herzen des Vaters für Emma ein Gefühl erwacht war, das über das gewöhnliche Wohlwollen hinausging. Er erkannte es auch daran, daß der sonst in der Familie ziemlich schweigsame Mann, häufig von Emma zu reden begann.

So wieder heute beim Mittagessen. Ganz unvermittelt brachte der Direktor das Gespräch auf die ›Finstern Dämonen‹, die er nun zu Ende gelesen. Karl suchte absichtlich Einiges an dem Buch zu tadeln. Der Vater widersprach heftig. Er geriet beinahe in eine nervöse Erregung, die er aber geschickt zu unterdrücken verstand. Gerade diese künstliche Unterdrückung seiner Aufregung wurde dem Sohn verdächtig; gerade durch die erzwungene äußere Ruhe verriet der Direktor seine innere Unruhe.

Karl lenkte dann, um weitere Nachforschungen 241 anzustellen, das Gespräch auf die Ehe. Er meinte: die Ehe sei nur Übergangsstadium; der Mensch einer weiter vorgeschrittenen Zeit werde die Einzelhaft der Ehe mit einer allgemeinen Liebesfreiheit vertauschen.

Hier widersprach ihm seltsamerweise der sonst so konservativ urteilende Vater nicht. Sogar als sich Karl zu der Behauptung verstieg: »Geistig bedeutende Naturen werden sich nie fürs ganze Leben mit einem einzigen Gegenstand ihrer Liebe begnügen,« tadelte der sonst so Strenge diese Äußerung nicht. Karl führte dann seine Gedanken noch weiter aus: »Je reicher der Geist oder das Gemüt eines Menschen ist, desto mehr muß ihn die Enträtselung anderer Geister oder Gemüter reizen. Nur der Philister, der geistig Arme, fühlt diesen phantasieanlockenden Enträtselungsdrang nicht. Ihn reizen keine unentdeckten Länder der Leidenschaft. Was kümmert den ängstlichen Kleingeist der Nordpol der Liebe, den nur der kühne Abenteurer der Sinne im Luftschiff der Poesie zu erreichen hofft?«

Diesmal machte der Direktor, leicht errötend, doch Einwendungen. Er murmelte etwas von sittlichem Kompaß, den jeder brave Bürger in sich tragen müsse. Überhaupt habe Karl in solchen Fragen keine Erfahrung, hier könne nur das Alter mitsprechen. Doch gab er dieses Urteil nicht mehr mit der früheren Entschiedenheit und Sicherheit ab; man merkte ihm an, daß er einen inneren Kampf zu verbergen hatte.

»Das Alter! immer sitzt das Alter am Ruder 242 und schreibt der Jugend Gesetze vor!« wendete Karl ein. »Laßt einmal die Jugend regieren! sie gibt euch statt Erfahrung – neue Ideen!«

»Nun,« bemerkte der Direktor lächelnd, »ich habe nichts gegen die Jugend.«

Katharina erkannte ihren Mann gar nicht mehr wieder. Er redete ihr nichts mehr drein, wenn sie ihren Götheforschungen oblag und ließ sich sogar versalzene Suppen und völlig misratene Speisen widerspruchlos gefallen.

Karl ging nach dem Essen auf ein halbes Stündchen ins Freie mit seinem Freund Konrad, dem er heute sein Herz ausschüttete.

»Siehst du,« sagte der junge Körn, »ich bin doch mehr eine analytisch-grüblerische Eule, als ein rein poetischer Schmetterling. Ich merke das daraus, daß ich mir so deutlich, fast kühl, möcht ich sagen, bewußt bin: du liebst zum erstenmal! Das kann ein reiner Poet nicht; der zerlegt seine Gefühle nicht, der liebt reflexionslos. Ich werde den angebornen Präzeptor nicht los! Es wird mir mal gehen wie dem Nietzsche, von dem ich sage: Als Dichter philosophiert er zu viel, als Philosoph dichtet er zu viel!«

Auf eine Bemerkung Konrads erwiderte er: »Einerlei ob meine Leidenschaft zum Ziele gelangt, oder ob sie wie ein Wüstenglutsturm an der Felsenküste der Resignation erstirbt, – sie ist da, sie ist sich selbst Zweck. Ich liebe die Liebe! ich liebe was Leiden schafft, ich liebe die Selbstzerfleischung der Sinnenglut, – aber ich hasse die Friedhofsruhe der Weisheit. Die Weisheit ziert nur die Götter; 243 uns Menschen macht nur die Torheit liebenswürdig . . . Ich liebe in Emma nicht dies eine Weib, sondern das Weib! Ich liebe in ihr die Schönheit, die Schaffenskraft der Natur und ich möchte, wie es die Alten getan hätten, ihr Tempel bauen oder mit ihr mich in den glühenden Erzmoloch stürzen. Ganz wörtlich!«

»Der glühende Erzmoloch ist heutzutage die Ehe«, bemerkte Konrad trocken.

»Die Ehe?« rief Karl. »Nenn doch dies entsetzliche Wort nicht! Die Ehe ist freilich das Grab der Liebe. Weh dem der zuerst die Ehe erfunden hat! mög er von ewigen Eheketten gefesselt am Felsen der Philisterhaftigkeit hängen, und der Geier der Langweile soll ihm die Leber fressen! – Vielleicht bin ich noch zu jung, um in Emma ein besonderes Einzelwesen lieben zu können? Mir ist sie noch der Inbegriff aller Schönheit, der Extrakt der Weiblichkeit. Deshalb ist meine Leidenschaft auch so weltumspannend! Wie eine revolutionstrunkene Riesenmelodie möchte sie die ganze Menschheit zur Freiheit, zur Aufklärung fortreißen. Blut und Feuer ist in dieser Liebe! Ich bin ein Anarchist der Liebe!«

Dann ward er wieder sentimental. »Siehst du, der finstere Wald, der die Wiese so in sich versunken umarmt, erweckt mir traurige Gedanken. Ich sage mir: einst kommt ein Tag, da wird das Weltgetriebe weiter hasten, wie jetzt; doch ohne dich! Der Sturm wird rauschen, – durch die Straßen rollen die Wagen . . . . doch du hörst es 244 nicht; die Menschen eilen ihren Geschäften nach . . . du siehst es nicht; in den Theatern klatscht man pikanten Witzen Beifall . . . dich kann kein Scherz mehr reizen, denn dein Gesicht hält der nie lachende Tod in Bann. Jetzt dünkst du dir so wichtig; hat dein Herz aufgehört zu schlagen, – bist du unwichtiger als ein lebendiger Sperling. Du hast dein Hirn, in dem sich Sonnen und Milchstraßen spiegelten, für den Mittelpunkt der Welt gehalten; ist einst sein Spiegel zertrümmert, – wird ein Wurm aus deinem Schädel seine Wohnung machen, er ist weniger wert, als die Laterne im Fahrrad eines Gecken.«

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