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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Emma Dorn saß am Pult und schlürfte behaglich ihren Morgenkaffee, der ihr unentbehrlich war, um ihr Gehirn vom Druck des Schlafs zu befreien. Ohne Kaffee konnte sie kaum ein paar Zeilen ausarbeiten, so sehr hatte sie ihre Nerven an das erregende Gift gewöhnt. Sie aß zum Kaffee nur einen einzigen Friedrichsdorfer Zwieback, um ja den Magen nicht zu überlasten, was die feine Gehirntätigkeit beeinträchtigt hätte. Neben ihrer Tasse saß Peter und langte zuweilen mit der Pfote nach dem Zwieback. Peter wollte fein und respektvoll behandelt werden. Als sie ihn streichelte, merkte sie, daß das ehrgeizige Tier ordentlich stolz wurde 232 auf ihre Liebkosung. Dann verließ er den Pult und legte sich so breit-bequem auf ihren Schoß, daß die zarte Rücksicht auf den Verwöhnten sie einige Unbequemlichkeit beim Schreiben kostete.

Draußen auf dem Vorplatz erschallte ein lebhafteres Wortgefecht. Die beiden Freundinnen lagen nämlich stets mit dem alten einsamen Fräulein Stricker im Kampf, das in der Mansarde über ihnen hauste. Diese ältliche pensionierte Elementarlehrerin war mit allerlei lästigen Angewohnheiten behaftet; so litt sie an der Manie die Hausflurfenster aufzureißen, weil es nach der Küche rieche; auch hatte sie die Eigenheit, ihre Zimmerchen gerade zu der Zeit einer gründlichen Reinigung mit Schrupper und Besen zu unterziehen, wenn andere Menschen sich zu Bette legen und schlafen wollen. Emma lauschte dem Wortstreit.

»Aber Fräulein,« schrie die Stricker, »das erste Gesetz der Gesundheitspflege lautet: Luft, Luft und Licht! Wie kann der Körper gedeihen, wenn alle Gangfenster hermetisch verschlossen sind?«

»Aber ich bitte Sie, Fräulein,« gab Luise sanft zurück, »meine Freundin kann den Durchzug nicht vertragen; wir haben so beständig Gliederreißen, und daß es nach unserer Küche rieche, ja du lieber Himmel! das läßt sich nicht ändern. Ihre Küche, besonders wenn Sie Zucker brennen, riecht auch nicht nach Ambra.«

So wogte der Wortstreit noch einige Zeit.

Emma griff lächelnd zur Feder. Sie mußte rasch ein Kapitel ihres neuen Romans umarbeiten.

233 Auf einmal hörte sie, daß sich in den weiblichen Diskant des Wortstreits eine männliche Baßstimme mischte. Sie legte die Feder erstaunt hin. Gleich darauf eilte Luise schreckensbleich ins Zimmer, hinter ihr drein schimmerten Uniformknöpfe. Der Kater nahm sofort ängstlich Reißaus, vors halboffene Fenster hinaus.

»Emma . . . um Gotteswillen!« stotterte die zitternde Luise, »sieh doch her!«

»Was ist denn los?«

»Eine Haussuchung!«

»Bei mir? Weshalb?« Sie bekämpfte mühsam ihren Schreck und erhob sich. Ein Wachtmeister mit zwei Schutzleuten trat ihr grüßend entgegen.

»Sie wünschen?«

»Fräulein Emma Dorn,« klärte sie der dicke, schnaufende Wachtmeister auf, »mir ham den Auftrag Ihren Schreibpult zu durchsuchen. Hier is die Vollmacht.« Er überreichte ihr ein Schriftstück.

»Den Pult zu durchsuchen?« versetzte sie erregt. »Zu welchem Zweck?«

»Mir missen s Manuskript von ihrem Roman ›Finstere Dämonen‹ suchen.«

»Ach – so?«

»Ja un de Brief von Verleger un n Vertragg.«

»Ja weshalb denn?«

»Ihr Romann is vom Staatsanwalt beschlagnammt worrn.«

Die arme Luise mußte sich, einer Ohnmacht nahe, setzen.

»Tun Sie Ihre Pflicht!« sagte Emma, nachdem 234 sie das amtliche Schriftstück überflogen. »Der Gewalt muß ich weichen.«

Gerade als die Schutzleute über die Schubladen des Pults herfielen, trat Karl, die Schulmappe unterm Arm, ins Zimmer. Die sanfte Luise teilte dem Erstaunten weinend mit, um was es sich handelte. Emma bezwang herrisch ihre trübe Stimmung.

»Laß die Leute nur suchen; das ist ihre Pflicht,« sagte sie ernst. »Ich mache mir gar nichts aus der Sache. Sogar ein Prozeß wäre mir gerade recht; ist ja die beste Reklame.«

Karl trat mit verstörtem Gesichtsausdruck näher. »Da steckt natürlich der Dr. Simmer dahinter!« sagte er mit vor Zorn funkelnden Augen. »Vielleicht ist auch mein Papa mit schuldig.«

»Nein,« wies ihn Emma zurecht. »Ihr Papa hat mein Werk gelobt und in Schutz genommen. Dem frommen Dr. Simmer trau ich das aber zu.«

Nun hörte man die Stimme des Schubladen durchwühlenden Wachtmeisters: »Nur was zu unserm Auftragg gheert wird mitgenommen, versteht r? alles sonst geht uns nix an, verstehtr?«

»Ich glaub auch,« sagte Karl leise, »daß mein Vater Sie nicht denunziert hat. Es ist wahr, er schwärmt geradezu für Ihr Buch. Gestern las er uns daraus vor und sprach den ganzen Abend davon; ich habe ihn noch nie so begeistert gesehen. Was er früher wohl getadelt hätte, gewisse Derbheiten, – lobte er; er sah Schönheiten, wo er sonst Fehler gesehen, so daß ich annehmen muß: sein Urteil ist durch Ihre Liebenswürdigkeit 235 bestochen; Ihre Schönheit hält den schützenden Schild vor Ihren Geist.« Er lächelte bei diesen Worten ein wenig sarkastisch; ein leiser Klang von Eifersucht zitterte durch seine Stimme.

»Meinen Sie?« sagte Emma. »Nun, wenn ich ihm gefalle, – desto besser.«

»Desto besser?« fragte er erstaunt.

Ihm waren diese Worte aus Zerstreutheit entfahren.

»Nun ja,« warf sie hin. »Warum soll ich ihm nicht gefallen? Das schadet mir doch nicht und Ihnen auch nicht?«

Karl sah ihr prüfend ins Auge. Ihr fiel sein düsterer verzehrender Blick unangenehm auf; sie spürte seine Eifersucht und nahm sich vor, ihm so bald als möglich klaren Wein einzuschenken, denn bei seinem phantastischen Naturell konnte aus diesem Gefühls-Ei ein Ungeheuer schlüpfen.

Neben dem Pult auf einem Stuhl saß Peter; er hatte sich wieder herein gewagt und verfolgte aufmerksam mit sittenstrenger Miene die Bewegungen des amtierenden Wachtmeisters, der sorgfältig Blatt auf Blatt, Heft auf Heft häufte. Emma machte sich nun das Vergnügen, dem Wachtmeister, gleichsam um ihm seine Aufgabe zu erleichtern, ganz unwichtige Papiere – Rechnungen, Waschzettel, Einladungskarten – vorzuhalten und ihn jedesmal mit ernsthafter Miene zu fragen: »Hat dies Dokument vielleicht Wert für Sie?« Der dicke, schweißtriefende Mann des Gesetzes, dem seine Aufgabe ohnedies keine Freude bereitete, überflog 236 dann jedesmal das vorgehaltene Blatt und stammelte zerstreut: »Nein . . .« Dies grausame Spiel setzte sie zur Freude Karls so lange fort, bis der Wachtmeister endlich den Vertrag, die Briefe und das Manuskript entdeckt und triumphirend an sich genommen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der niederen Stirn, ließ sie ein Protokoll unterschreiben und entfernte sich dann höflich grüßend mit seinen Begleitern. Auch für Karl war es höchste Zeit; er mußte gehen.

Kaum waren die beiden Fräulein allein, so schluchzte Luise: »Das hast du nun von deiner Schriftstellerei! Ärger, Verdruß, Prozesse!«

>Die Dichtkunst ist ein Moloch!« versetzte Emma. »Wen sie einmal erfaßt hat, den verzehrt sie. Sieh, ich kann nicht anders schreiben als das Herz mir gebietet und wenn ich zehn Prozesse bekäme. Was ich empfinde, muß aus mir heraus.«

»Aber wie wird man jetzt über dich herfallen, hier in der Vorstadt? Du wirst deine Schülerinnen verlieren, ich die meinen!«

»So steh ich halt allein im Leben!« seufzte Emma. »Ich würde dir sogar raten, liebes Kind, zieh dich bei Zeiten von mir, der verworfenen Person, zurück, damit man nicht mit Fingern auf dich deutet.«

Luise mußte in ihrem Schmerz lächeln. »Was sagst du?« rief sie vorwurfsvoll. »Ich soll dich jetzt verlassen, wo du mich am nötigsten brauchst?«

»Wenn ich dir aber schade? Eine so sittenlose, giftumsichspritzende Kröte!«

»Geh, sei still! Dein Schicksal ist das meine! 237 Wenn du zu Grund gehst, will ich auch nicht länger leben!«

Emma umarmte die Schluchzende. »Gute Seele,« sagte sie ergriffen, »so müssen wir halt sehen, wie wir uns zusammen durchs Leben schlagen . . . Ich habe noch Hoffnung. Es werden sich ja einzelne überprüde Personen von uns zurückziehen, doch nicht alle; beruhige dich!«

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