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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Es waren etwa acht Tage vergangen.

Für den heutigen Abend hatte der Direktor einige Lehrer des Gymnasiums eingeladen. An solchen Abenden war Körn ein entzückender Gesellschafter, dem man den Schulmeister nur wenig anmerkte. Es ward auch musizirt, – doch war die moderne Musik streng verpönt. Obwohl Körn im Stillen z. B. das Lohengrinvorspiel und viele Stellen aus 199 Tristan, Parsifal u. s. w. sehr gern hörte, durften diese Töne nie vor seinem Ohr angeschlagen werden. Nur wenn er sie zufällig hören mußte, etwa beim Vorübergehen an einer auf der Straße spielenden Militärkapelle, lauschte er ihnen . . . mit einem Genuß, den er sich freilich selbst wieder durch Kritik zu zerstören suchte.

Die Herren Lehrer umschmeichelten wie gewöhnlich ihren Direktor; die Frau Direktor gab sich alle Mühe, ihre Haushaltungstalente glänzen zu lassen. Sie tat das um so mehr, weil sie wußte, daß ihr Gatte sich überall über ihre Unordnung beschwerte. Nun wollte sie der Gesellschaft zeigen, daß ihr Mann ihr Unrecht tue, daß sie eine musterhafte Hausfrau sei.

Der Direktor, der so ungemein gern sein großes Rednertalent glänzen ließ, war mit seinen Herrn Lehrern in eine hitzige politische Debatte geraten. Natürlich war er mehr konservativ als liberal, während der freimütige Dr. Köhler fast in blutiger Morgenröte vor ihm erglänzte. Köhler besaß ein scharfes Mundwerk und genirte sich nicht, seinem Vorgesetzten wacker die Zähne zu zeigen, ja ihm zuweilen Eins drauf zu geben, was diesem oft das Blut zum Kopf trieb. Die andern Herrn lauschten mit gruslichem Behagen den heftigen Angriffen und gönnten im Stillen ihrem konservativen Vorgesetzten die Hiebe, die er dankend quittieren mußte; obwohl sie natürlich taten, als ob sie die scharfen Ausfälle Köhlers misbilligten. Als Köhler seinen Trumpf ausspielte und rief: »Konservativ sein, heißt 200 im letzten Grund: barbarisch sein!« ertönte ein andauerndes »Oho« aus den weinschlürfenden Lippen der Erzieher.

»Ich bitte Sie, Herr Doktor!« ächzte der fromme Dr. Simmer, im Stillen vor Wonne fast platzend, »wie können Sie unsern hochverehrten geistreichen Herrn Direktor barbarisch nennen?«

»Wie?« fragte Köhler, »hab ich unsern Herrn Direktor barbarisch genannt? Ich habe einen allgemeinen Satz aufgestellt, – weiter nichts. Wären wir immer konservativ geblieben, so lägen wir immer noch mit den alten Germanen auf den Bärenhäuten.«

»Da wären wir,« versetzte Körn, »besser daran als jetzt in unseren verzärtelnden Wohnungen. Nein, meine Herren, das Neue ist selten das Gute. Das Alte ist wenigstens erprobt. Natürlich verwerfe ich nicht alles Neue. Nur muß der Fortschritt nicht mit blinder Hast drauflosstürmen; der Fortschreitende soll sich gewissermaßen bei jedem Schritt zweimal um sich selbst herumdrehen.«

»Oder so oft, bis ihm vor lauter Drehen schwindelig wird,« spottete Köhler.

»Oho! vom Schwindel wird gerade der Fortschritt befallen!« witzelte Körn. Dieser fade Scherz ward mit einem allgemeinen begeisterten »Bravo!« gefeiert. Die Lehrer wollten mit ihrem übertriebenen Beifall dartun, daß sie die Debatte für beendet und ihren Meister für den Sieger hielten. Dr. Köhler schwieg verstimmt. Der fette Külper hatte indessen eine halbe Taubenpastete aufgegessen und eine 201 solche Menge Sherry hinter die Krawatte gegossen, daß ihn eine kaum zu unterdrückende Lustigkeit befiel. Er rief beständig: »Es lebe unser Herr Direktor! Aber auch unser verehrter Köhler soll nicht sterben. Zwar gänzlich unbrauchbar für die Welt, – aber ideal! aber ideal! Sehr ideal!«

»Aber,« krähte der dürre Pennig mit seiner hohen Fistelstimme, »so benimm dich doch anständig, du hast ja nen Kapitalsrausch.«

»Ach was!« wies ihn Külper zurück, der mit ihm zusammen studiert hatte. »Und die alten Germanen sie tranken noch Eins! Nimm mirs nicht übel, Pennig, du bist auch einer von den Moralfexen, mit denen die moderne Zeit endlich aufräumt. Veraltet, gänzlich rückständig, gänzlich unbrauchbar für die Welt. Aber ideal! Gebs zu: ideal! Aber das Ideale hat kein Wert mehr für uns!«

Die Musikvorträge Eduards brachten dann das Gespräch auf Richard Wagner und die moderne Musik. Auch hier brach Köhler eine Lanze für den Fortschritt. Eduard spielte, um zu zeigen, daß doch Wagner auch Melodien erfinden konnte, Stellen aus Lohengrin, die Körn mit dem größten Misbehagen mit anhören mußte, obwohl er eine gewisse Ergriffenheit nicht unterdrücken konnte.

»S ist doch auch was Nobles in der Musik,« meinte der gerührte Külper kleinlaut.

»Ah pah,« lehnte Körn ab, »es geht nichts über Mozart. Fühlen Sie denn nicht heraus, meine Herren, wie die Melodien Wagners so schwerflüssig sind?«

202 »Wie geschmolzenes Gold,« wagte Köhler einzuwenden.

»Gold, Gold!« stieß Körn ärgerlich heraus. »Eduard spiel mal gleich was von Mozart, da werden die Herren fühlen, was ich meine.«

Eduard erfüllte den Wunsch seines Vaters und spielte ernste Stellen aus Don Juan. Natürlich geberdeten sich die Erzieher bei dieser Musik ganz überschwenglich glücklich. Auf den weinseeligen Külper hatten indessen die Töne des Konzerts einschläfernd gewirkt. Als Eduard aufhörte zu spielen, erscholl aus der rechten Zimmerecke auffälliges Schnarchen. Der hagere Dr. Pennig stieß seinem Freund vergebens den dürren Ellbogen in die fette Hüfte . . . er röchelte ruhig weiter. Allgemeines Gelächter.

»Lassen wir ihn gut verdaun,« scherzte der Direktor.

»Er macht wenigstens, wenn auch nicht der Kunst Ihres Sohnes, doch der Kochkunst Ihrer Frau Gemahlin alle Ehre,« schmeichelte in der höchsten Stimmlage Pennig.

»Ach, die Kochkunst meiner Frau . . .« seufzte Körn, unterdrückte aber den satirischen Einfall, als Katharina ihn mit einem wütenden Seitenblick streifte.

Körn wurde indes auch mitten im Lärm der heiteren Gesellschaft den Eindruck von Emmas Liebreiz nicht los. Jeder Ton auf dem Klavier zauberte ihm ihr Bild wieder vor Augen.

Das kleine Fest verlief sehr heiter. Eduard mußte singen, Karl deklamieren. Die Herren Lehrer tranken unpädagogische Mengen von Alkohol und 203 wußten sich vortrefflich in ihre herrliche Studentenzeit zurückzuversetzen.

*

Während aus dem zweiten Stock Klavierspiel, Gelächter, das dumpfe Gemurmel eines von vielen Menschen geführten Gesprächs, durch den Fußboden des dritten Stockwerks heraufscholl, saß Rechtsanwalt Meyer in seinem Arbeitszimmer, über seine Münzen gebeugt, die aus den Kästen ihm entgegenglänzten. Er hatte einen alten Rock an und rauchte, was er stets tat, sehr stark. Das ganze Zimmer war in einen fast undurchdringlichen Zigarrendampf gehüllt, dessen Nebel die elektrische Lampe kaum durchdringen konnte. Nebenan, im kleinen Zimmerchen das ans Schlafzimmer stieß, saß Nata. Sie hatte sich eine amerikanische Schreibmaschine angeschafft und machte Abschriften für Geschäftsleute und Schriftsteller. In stillen Momenten hörte man das einförmige Klappern der Maschine bis hier herüber. Auf dem Büro arbeitete sie nicht mehr, sie verdiente zu Hause mehr. Drüben im Wohnzimmer plauderte schon seit einer Stunde Otto mit Emilie. In jedem Augenblick konnte er an die Tür klopfen, – das Verhängnis war nahe. Die Schläfen pochten dem Anwalt wie im Fieber, er stützte den Kopf auf den Arm und starrte vor sich hin. Ein Gefühl, als müsse er in einem wüsten Halbschlaf versinken, kam über ihn. Die glänzenden Münzen flimmerten ihm vor den verschleierten Augen wie ferne, ferne Sterne. Er begann tatsächlich vor Erregung zu phantasieren. Die alten Cäsarenköpfe 204 auf den Goldstücken kicherten ihm zu: »Hi hi! Du Hallunke! Ei, Kerl, du bist ja noch weit schlechter als wir! Hi hi hi! wir haben doch nur im Großen gestohlen, du – im Kleinen! pfui Teufel!«

Unten bei Direktor Körns begann eben Eduard die Cis-moll-Sonate, deren ergreifende Akkorde durch die Zimmerdecke drangen. Plötzlich fuhr der Anwalt empor, – es hatte an der Tür geklopft. »Herein!«

Otto trat ein; seine Verlegenheit verbarg sich hinter seinen burlesken Manieren. »So, Herr Rechtsanwalt! ich muß jetzt bald gehen!« rief er mit humoristisch sein sollendem Tonfall der Stimme. »Jetzt möcht ich nur unsere geschäftliche Angelegenheit rasch ordnen. Haben Sie Zeit?«

»Aha . . . geschäftlich . . .« stotterte Meyer ganz aschfahl im Gesicht und hob seinen dicken Oberkörper schwerfällig vom Strohstuhl auf. »Ge . . . schäft . . . natürlich . . . Sie meinen doch . . . das . . . das Geld? ja! wie?«

»Natürlich!« suchte Otto zu scherzen; »s Wichtigste im Leben!«

»Ja, ja . . . leider,« stammelte der Anwalt. »Haben recht . . . was? . . . schönes Wetter heut . . . was?«

»Was meinen Sie?« fragte Otto verwundert.

»Schönes Wetter?« schrie der Anwalt ganz laut, da ihm vor Erregung die Stimme umschlug.

»O ja! n wenig frisch!« sagte der Künstler durch das seltsame Gebahren des Anwalts eingeschüchtert.

»Bitte . . . nehmen Sie . . . nehmen Sie!« rief Meyer. »Ja, so nehmen Sie doch . . .!«

205 »Was soll ich nehmen?«

»Platz! frisch ja! . . . n wenig frisch . . . hab ich auch beobachtet! Hier im Zimmer ists auch . . . n wenig frisch . . . oder kommt mirs nur so vor? Wollen Sie n Gläschen Schnaps? Mich friert kannibalisch! Sie auch?«

»Nein – nein,« stammelte Otto immer verwirrter. »Aber was haben Sie denn, Sie sind ja . . . Sie sehen aus . . . Sie zittern!«

Der Anwalt schlotterte an allen Gliedern und sah aus wie ein schwer Betrunkner. Das Geständnis, das er jetzt ablegen sollte, verwirrte ihm dermaßen die Sinne, daß er gerade das Gegenteil von dem tat, was er hätte tun sollen. Statt mit demütiger Stimme zu flehen, nahm er einen scheinbar hochmütigen lauten Ton an; er schrie, um seine Angst zu maskieren.

»Sie wollen Ihr Geld?« schrie er wie ein Verrückter. »Ihr Geld?«

»Allerdings,« flüsterte Otto, dem ein entfernter Verdacht aufzudämmern begann, während vom Fußboden herauf rauschendes Klavierspiel seine Stimme begleitete.

»So? so?« lachte Meyer gellend auf, wie ein Wahnsinniger. »Ihr Geld wollen Sie? Ja, lieber Herr! . . . s ist nichts mehr da! einfach nichts mehr da! gar nichts, absolut nichts!«

Otto starrte den von einem leisen Krampf befallenen Anwalt verständnislos an . . . der Anwalt starrte ihn an . . . so blickten sich beide wie zwei Narren im Narrenhaus in die irren starren Augen.

206 »Nichts . . . mehr da?« lallte Otto fragend.

»Nichts mehr da!« lallte der Anwalt.

Lebhaftes Händeklatschen belohnte jetzt unten das plötzlich abbrechende Spiel Eduard Körns.

»Sie scherzen wohl!« brachte endlich Otto heraus, mit einem Lächeln auf den verzerrten Lippen.

Der Anwalt bewegte sich nicht. Von unten schallte jetzt lebhafteres Stimmengewirr herauf. Im Nebenzimmer klapperte die Maschine, – jetzt hielt sie plötzlich inne. Der Anwalt empfand das mitten in seiner Verzweiflung. »Sie lauscht,« dachte er; »das arme Kind!«

Dann erhob sich Otto so rasch, daß der Stuhl nach hinten hin umfiel.

»Herr Rechtsanwalt!« keuchte er drohend, »ich hoffe . . . Sie scherzen?«

Meyer hatte sich ebenfalls erhoben und riß sich konvulsivisch den Hemdkragen vom Hals, als brauche er Luft, um nicht zu ersticken. »Scherzen!« stotterte er ächzend. »Ja, – wärs das! Herr Otto, ich . . . ich bin ein Schurke! sagen Sie mirs nur ins Gesicht! Sie waren immer ein so guter Mensch . . . ich weiß! Und ich! ach Gott!« Er brach in krampfhaftes Schluchzen aus. »Wenn Sie einen Begriff hätten von meinen Verhältnissen! Sie hätten Mitleid! Sie täten mir nichts . . . meiner lieben Frau wegen, meiner Tochter wegen . . . Sie hören sie ja auf der Maschine klappern . . . Sehen Sie, ich bin eine pathologische Natur! s ist mir ja entsetzlich, Ihnen das gestehen zu müssen!« Er war auf sein ausgesessenes hartes Sopha gesunken und hatte schluchzend 207 das dicke, hochgerötete Gesicht bedeckt. »Entsetzlich! Sehen Sie, meine Frau – Sie wissens ja – war so krank, nach der Lungenentzündung. Sie mußte nach Italien; ein Jahr lang. Ich begann an der Börse zu spielen, . . . ich wollt reich werden, rasch, rasch, im Handumdrehen reich. Wer will das heute nicht?«

Er stockte. Otto wankte, hielt sich kaum aufrecht. Wars denn möglich?! War das nur eine Theaterszene? Ein wüster Traum?

»Herr Rechtsanwalt!« hauchte er einer Ohnmacht nahe. »Sie reden da so unsinniges Zeug durcheinander. Bitte wollen Sie mir mal klaren Wein einschenken? und vernünftig reden? Also – mit einem Wort?«

»S ist nichts mehr da!« flüsterte Meyer tonlos.

»Nichts . . . mehr da?« wiederholte Otto mechanisch. »Nichts mehr da? Das . . . heißt also: ich bin ein Bettler? und Sie . . . sind ein Schurke?«

Der Anwalt zuckte empor, als habe man ihm eine Ohrfeige versetzt. Nebenan klapperte die Schreibmaschine ruhig weiter.

»Wenn Sie wüßten,« stöhnte er, »wie ich dazu gekommen bin, – Sie hätten Erbarmen . . . wenigstens mit meiner armen, armen Frau . . . meiner herzensguten Tochter! Um dieser beiden Unglücklichen willen . . . gehen Sie nicht mit uns ins Gericht! Haben Sie noch ein paar Wochen Geduld, – vielleicht finden sich Mittel das Verlorene zurückzugewinnen. Ich flehe Sie an . . . ich flehe Sie an . . .«

Er hatte in theatralischer Weise die Arme 208 erhoben und machte Miene, sich vom Sopha herab dem Künstler zu Füßen zu werfen. Otto, der nicht bemerkt hatte, daß leise die Türe geöffnet worden war, daß die Frau Rechtsanwalt, die schon seit einigen Minuten gelauscht, nun eingetreten war, hatte seine Besinnung wieder gewonnen.

»Ich weiß noch nicht, was ich tu,« knirschte er zwischen den Zähnen, »ich weiß noch nicht . . . Ich . . . ich will wenigstens wieder unter ehrliche Menschen . . .«

Wie er sich empört umdrehte, stieß er auf Emilie, aus deren geisterbleichem Gesicht, aus deren unnatürlich großgewordenen Augen ihm ein irrer Schmerz entgegen leuchtete.

»Herr Grüner,« stöhnte sie, »ich bitte Sie . . . ich bitte Sie . . .« Weiter kam sie nicht.

In seiner Entrüstung schrie er sie an: »Und Sie? haben Sie auch von der Sache gewußt?«

»Ich?!« keuchte sie, die beiden Hände auf der Brust faltend. »Sie werden doch von mir nicht glauben . . . o Gott!«

»Meine Frau weiß nichts!« erwiderte der Anwalt. »Ich allein . . . ich allein . . .«

»Ich bin ein Bettler!« schrie Otto außer sich, »ein Bettler! wissen Sie, was das für mich heißt?«

»Herr Grüner!« schluchzte sie auf, »ich flehe: unternehmen Sie nicht gleich Feindseliges. Machen Sie noch keine Anzeige! Ich verspreche Ihnen: Sie sollen Ihr Geld erhalten! Sie werden Ihr Eigentum bei Heller und Pfennig erhalten! Hören Sie? ich schwörs!«

209 »Ja – wie denn?« seufzte Grüner, den ein Blick in die geisterhaften Augen der Frau von seiner Wut heilte.

»Das ist meine Sache!« hauchte sie. »Gedulden Sie sich noch zwei bis drei Tage. Dann können Sie immer noch tun, was Ihnen beliebt.«

Otto atmete gepreßt, als breche er unter einer ungeheuren Last zusammen.

»Ich . . . warte,« ächzte er. »Ihnen zu lieb. Nur . . . Ihnen zu lieb . . . Drei Tage.«

»Ich danke Ihnen,« flüsterte sie.

Otto rannte zur Tür hinaus wie ein Träumender. Auf der Treppe besann er sich. Sollte er Karl aufsuchen? Eine Aussprache konnte ihn ein wenig zerstreuen, die zermalmende Last einen Augenblick ihm von den Schultern nehmen. Er klingelte im zweiten Stock. Das Dienstmädchen ließ ihn ein. Er mußte in Karls Zimmer einen Augenblick warten. Vom Hausflur herüber klang Klavierspiel. Dann brach das Spiel kokett ab. Gelächter dröhnte lauter durch den Flur, sobald eine Tür geöffnet wurde, dann klangen, sobald sich die Tür schloß, die Stimmen wieder gedämpft. Otto brütete dumpf vor sich hin.

Endlich wurde die Türe lebhaft aufgerissen. Karls neuropathischer Blick war heute lebhafter durch den Wein. Ein Backenbärtchen, das sich um sein Kinn allmählich entwickelte, gab ihm ein immer männlicheres, professoraleres Aussehen.

»Du? So spät?« rief er ein wenig weinselig. »Recht so! mußt ein Glas Wein mittrinken; wir 210 haben heut Gäste. Denk dir, ich kriech zu Kreuz! ich bitt den schlechten Poeten um Verzeihung, daß mir seine Verse solche geistigen Leibschmerzen verursacht! Dieses Fräulein Dorn . . .! ich sag dir, ein Engel! ein wahrer Engel. Und mein Vater ist entzückt von ihr, – auch meine Mutter. Aber was hast du?«

Otto war aufgestanden und taumelte zur Tür, um sich zu entfernen.

»Mensch . . . was ist dir?« rief Karl, lief ihm nach und packte ihn am Arm. »So bleib! sag doch wenigstens: Lebwohl!«

»Laß mich!« murmelte Otto. »Ich weiß garnicht, wie ich hier her komm. Laß mich! muß fort!«

»Wohin denn?«

»Ja . . . wohin?«

»Nu ja, wohin denn? Gehst nach Haus?«

»Nach Haus? Ich hab kein zu Haus mehr!«

»Otto, faselst du?«

»Ja, ja! Laß mich.« Er riß sich los.

»Jetzt,« sagte Karl, der anfing Angst zu bekommen, »jetzt will ich aber ernstlich wissen, was das ist. Komm herein! setz dich, und tu den Mund auf!« Er hatte den matt Widerstrebenden ins Zimmer zurückgezogen. »So!« sagte er und stieß den Wankenden auf einen Stuhl. »Jetzt bleibst du da sitzen. Was ist los? bist du krank? oder was ist?! Wo bleibt denn dein alter Humor?«

Otto griff sich an den Kopf. »Ja, ich glaub, ich werd verrückt,« murmelte er gepreßt. »Ich bin . . . Entsetzlich . . . nicht wahr?«

211 »Was denn?«

»Ich bin ein Bettler!« flüsterte er. Dann flossen endlich seine Tränen; er weinte auf eine Art, die Karl beinahe humoristisch zu nehmen versucht war, so etwa wie ein Zirkusklown, der vom dummen August eine Ohrfeige erhalten hat. Karl mußte wirklich an sich halten, um nicht zu lachen.

»Ein Bettler?« fragte er. »Aha! errat ich? Der Rechtsanwalt? gelt?«

Otto nickte und wiederholte in einem fort die Phrase Meyers im selben Tonfall: »s ist nichts mehr da . . . nichts mehr da . . .«

Zwischen Lachen und Mitleid schwankend, fragte Karl: »Unterschlagen?! Mensch! dein ganzes Vermögen?«

»Alles fort! ein Bettler steht vor dir. Es ist nichts mehr da . . . nichts mehr da.«

Karl schritt einmal, erregt vor sich hin hüstelnd, durchs Zimmer. Er war in einer sonderbaren Stimmung, er mußte tatsächlich eine gewisse Heiterkeit in sich niederkämpfen.

»Das hätt ich nicht erwartet!« murmelte er unaufhörlich vor sich hin. »Nein! Das hätt ich nicht erwartet! Also . . .« Dann platzte er in einem Lachkrampf heraus, dem er aber, sich selbst innerlich tadelnd, hastig eine ernste Tonfärbung zu geben suchte, so daß er einem Hustenanfall glich.

»Also so stehen die Sachen?« pustete er. »Für so n Schuft hätt ich ihn doch nicht gehalten. Schau, schau! Die Menschen sind ja noch viel viel gemeiner als wir Pessimisten uns träumen lassen! 212 Unterschlagen? ha! ha! ha!« Er lachte wieder bitter auf. »Sehr gut! Und wir wollten zusammen ziehen? Ja! jetzt macht das Schicksal nen dicken Kohlenstrich durch die reizende Zeichnung. Verlaß sich Einer auf nen Glücksfall. Na also mir nicht allein, – anderen Leuten gehts auch schlecht? Und du? was willst du jetzt anfangen? Du nervöser Mensch? Du Unglücksgeschöpf?«

»Ins Wasser springen,« murmelte Otto, auf eine so possirliche Art, daß Karl krampfhaft sein Lachen unterdrücken mußte.

»Da hast du immer noch Zeit,« meinte er;»s Wasser lauft dir nicht fort, – s ganze Weltmeer steht dir zur Verfügung. Warts erst ab! Freilich . . . bei deinen Nerven! wo du nichts verdienst! Na! warts erst ab! ersäuf Katzen und junge Hunde!« Sein Blick streifte den mit kläglicher Miene Dasitzenden. Sein inneres Lachen verwandelte sich jetzt endlich in ernste Teilnahme. Er ging auf ihn zu, legte dem Bekümmerten die Hand auf die Schulter und fragte mit bewegter Stimme: »Ist denn auch wirklich gar nichts mehr da? Kein roter Heller mehr?«

»Sie macht mir Versprechungen,« seufzte der Künstler, »die sie aber wohl nicht halten kann.«

»Versprechungen? Wer? Die Frau Rechtsanwalt?«

»Ja! Sie will mir das Geld irgendwoher verschaffen . . . ich weiß nicht . . . So hab ich sie wenigstens verstanden.«

»Ach so! nu dann warts ab. Vielleicht haben sie Verwandte, die ihnen aus dem Schlammassel 213 helfen. Mach nur nicht gleich eine Anzeige beim Gericht! Was hast du davon?«

Otto schüttelte den Kopf. »Überhaupt,« sagte er, »sprich auch du nicht von der Sache; s ist nur wegen der armen Frau und der Tochter. Die sind ja ganz unschuldig.«

»Ja,« meinte Karl, »für die tut mirs auch leid. Von mir erfährt keine Seele etwas; ich schweige. Das Übrige ist deine Sache.«

Otto war aufgestanden. Karl reichte ihm die Hand und sagte treuherzig: »Verlier den Mut nicht, und . . . was mein ist, ist auch dein. Nur ist halt sehr wenig mein.«

»Danke,« stammelte der Künstler. »Für die erste Zeit reichts noch. Ich hab ein paar Illustrationen für ne Zeitschrift verkauft; aus der Villa wird nun freilich nichts.«

»Kann man nicht wissen!« meinte Karl, ergriffen vom Schmerz des Freunds. »Vielleicht bringen sie doch noch was zusammen. Ich kann nur wiederholen: warts ab. Und dann kannst du – als letztes Mittel – immer noch die Gerichte zu Hilfe rufen.«

Der Künstler nickte traurig. Ohne Gruß, ohne ein Wort weiter, taumelte er dann aus dem Zimmer. Auf dem Hausflur empfing ihn schmetternder Gesang, rollendes Klavierspiel, das aus dem Salon der Familie herüberschallte. Die Töne schnitten ihm weh durchs Herz.

Karl begleitete ihn bis vor die Glastüre. »Nimms nicht so tragisch!« versuchte er noch zu trösten. »Du bist ja doch Theosoph. Es hat so kommen 214 müssen und ist für deine Seelenentwicklung vielleicht notwendig.«

»Das sag ich mir auch,« versicherte Otto gedrückt; »Leiden sollen ja bessern.«

»Nur schlimm,« meinte Karl, »daß solche philosophischen Reflexionen – wie gewisse Heilmittel – im Augenblick da uns der Schicksalsschlag betroffen, wenig nützen; erst wenn der Schlag vorüber, trösten sie die kranken Seelen. Die Tröstungen der Religion wirken, da sie anschaulicher sind, rascher. Übrigens ists sehr die Frage, ob Leiden – bessern? Mich verschlechtern Leiden; sie verbittern mich. Ich gestehe: sie sollten es nicht! Aber mein Charakter ist nun einmal so, und der liebe Gott« setzte er lächelnd hinzu, »sollte darauf ein wenig Rücksicht nehmen.«

Otto seufzte. »Leiden lähmen die Tatkraft; ohne Tatkraft keine Selbsterziehung! Der liebe Gott hat die Welt solange schon versucht durch Züchtigung zu bessern und sie durch Schmerzen zur Liebe zu zwingen, – er hat wenig Erfolg damit gehabt. Er sollte es mal versuchen, seinen Geschöpfen recht viel Glück zu bescheren; vielleicht erreichte er dadurch mehr?«

»Wir müssen halt denken, wie jener persische Dichter:

Ist einer Welt Besitz für dich gewonnen,
sei nicht in Freud darüber! – es ist nichts.
Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen.
sei nicht in Leid darüber! – es ist nichts.
Vorüber gehn die Schmerzen wie die Wonnen;
geh an der Welt vorüber! – es ist nichts.«

215 Karl hatte diese Worte mit solch innigem Ausdruck gesprochen, daß ihm der Künstler erschüttert und wirklich ein wenig getröstet, die Hand reichte. Dann eilte er die Treppe hinab.

Karl konnte nicht mehr zu den Gästen in den Salon zurück kehren. Er dachte nicht an sich, nur an das Schicksal des armen Künstlers. Seine jugendliche Gefühlsweichheit überwältigte ihn. Er warf sich aufs Bett und Tränen rannen aus seinen schwimmenden Augen in seinen jugendlichen Kinnbart hinab, den sein Freund Konrad spottend: einen unausgereiften Matrosenbart nannte.

Seine Mutter schoß in ihrer aufgeregten Weise, den Sohn suchend, ins Zimmer, prallte aber, als sie ihn von einem hysterischen Weinkrampf befallen auf dem Bette liegen sah, erschrocken zurück. Dann kam sie näher und umarmte den Schluchzenden.

»Ja, was hast du denn, armes Kind?« rief sie, mit ihm weinend, »komm doch herüber, die Gäste fragen nach dir. Warum weinst du?«

»Nicht um meinetwillen,« stammelte er, seine Tränen mühsam verschluckend.

»Um wen?« rief sie besorgt. »Ich, deine Mutter darf das doch wohl wissen? Komm sag mirs, – sag mir Alles, was dich drückt.«

»Wenn du mir versprichst, daß Niemand weiter davon erfährt?«

»Keine Seele! Ich schwörs, keine Seele!«

Dann erzählte er ihr den Vorfall. Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen.

216 »Nicht möglich!« rief sie. »Wankt denn heutzutage jede Stütze? Dieser Rechtsanwalt, – den ich für ein Ehrenmann gehalten? Da sieht mans wieder! Das sind die morschen Stützen unserer Gesellschaft. Immer nur rasch reich werden! ideale Güter gibts nicht mehr. Immer nur materiell weiter kommen in der Welt, auch wenn der Nebenmensch dabei zu Grund geht, von unseren Ellbogenstößen. Meyer war immer so ein Lebemann! Und wie schrecklich, daß gerade ein Mann des Gesetzes solche Bübereien verübt! Auf wen kann sich ein ehrlicher Mensch noch verlassen?«

Karl sah diesen Fall wieder von einer andern Seite. »Wie uns doch absichtlich jede schöne Hoffnung im Leben zerstört wird!« rief er. »Es ist wirklich gerade, als sollte uns mit Gewalt die Freude am Leben vergällt, als sollte der böse Lebenstrieb in uns ausgerottet werden. Wie schön hätte dieser talentvolle Künstler zum Nutzen der Welt nun große Werke schaffen können, in seiner behaglichen Villa! Jetzt muß er, nur um leben zu können, Kinderbücher mit schlechten Illustrationen versehen. Und wie doch ein Mensch des anderen Wolf – nicht nur ist, sondern geradezu sein muß! Wenn mans genau überlegt, kann man vielleicht die Handlungsweise dieses Rechtsanwalts entschuldigen. Er mußte vielleicht so handeln; die äußeren Umstände und die eigenen Triebfedern seiner pathologischen Natur zwangen ihn zu seinem Verbrechen.«

»Ach geh, sag so was nicht!« rief sie in ihrer 217 pathetisch-theatralischen Weise. »Du sprichst dem Menschen den freien Willen ab! Das läuft wieder darauf hinaus, daß es keine Sünde und keine Tugend gibt!«

»Dein Meister Göthe«, versetzte er, »würde ebenso urteilen. Ich kann mich so sehr in die Seelen Anderer versetzen und aus ihrer Notwendigkeit herausempfinden, daß es weder Gut noch Bös für mich gibt. Das ganze Weltall kommt mir vor wie ein ungeheures Uhrwerk: ein Zahnrad schlägt seine Zähne grausam in die Zähne des anderen, damit das Ganze weiter zum Ziel getrieben wird. Wenn wir nur wüßten, wo die Feder sitzt, um sie zur Verantwortung zu ziehen!«

Sie hörte nicht mehr auf seine Worte. Die Pflichten der Hausfrau drängten und Karl hatte allmählich im Lauf des Gesprächs seinen seelischen Gleichmut so weit wiedergefunden, daß er der Mutter hinüber zu den Gästen folgen konnte.

*

Während sich dies im zweiten Stock des Hauses zutrug, lag im dritten Stockwerk der Rechtsanwalt Meyer wie ein schwer Kranker, bleich, verstört, schwer atmend, auf dem Sopha seines Arbeitszimmers. Emilie schritt geisterbleich auf ihn zu und lispelte tonlos, mit einem furchtbar anklagenden Blick: »Also – ein Betrüger?«

Der Anwalt, der diesen Blick nicht ertragen konnte, erhob sich ein wenig in den Kissen. »Betrüger?« entfuhrs ihm mit heiserer Stimme, »Ja! 218 aber durch wen? Wer war die geheime Ursache meiner Unterschlagung?«

»Wie? Was willst du damit sagen?« bebte es von ihren blauen Lippen.

»Ich will dir nicht weh tun, Emilie,« fuhr er mit zitternder Stimme fort, »ich will auch meine Schuld nicht verringern, – du weißt wie ich dich liebe, du weißt, daß ich dir keine Bitte abschlagen kann; du weißt, wie viel du jährlich verbraucht hast. – Dann kam deine Krankheit, dein langer Aufenthalt an der Riviera. Meine Praxis trug mir soviel nicht ein, – ich bin kein glänzender Anwalt, mein Beruf ekelt mich an! Da – kam der Spielteufel über mich. Ich gewann, – verlor, – verlor alles!«

»Aber warum hast du mir das nicht gesagt?« unterbrach sie ihn entsetzt, »warum hast du mich schalten und walten lassen? Ein Wort und ich hätte mich eingeschränkt!«

»Emilie!« flehte er mit zartem Vorwurf in der brechenden Stimme, »wie oft hab ich dir angedeutet: wir müssen sparen! es geht so nicht weiter! – Du hast meinen Wink nicht verstanden, ihn nicht ernst genommen.«

»Weil ich glaubte, du scherzest! Du hast die Gewohnheit, das Alles in einem so jovialen Ton zu sagen! Wärst du doch rauh und energisch aufgetreten!«

»Das konnt ich nicht. Ich wollte meinem lieben Kind das Spielzeug nicht zerbrechen. Ich war 219 schwach, Emilie, schwach, aus Liebe. Kannst du mich deshalb verdammen?«

Er sah ihr mit einem so bittenden Blick in die Augen, daß sie nur zwischen Mitleid und Entrüstung schwankend, die Arme ringend, ausrufen konnte: »Willy, Willy! was hast du getan!«

»Was ich freilich nicht hätte tun sollen!« stammelte er stöhnend. »Ich hab auch schon . . . sieh her!«

Er erhob sich mühsam, riß die eiserne Schranktüre auf und zeigte ihr den Revolver. Sie stieß einen unartikulierten Ton des Entsetzens aus, als er die Waffe ergriff und an die linke Schläfe setzte.

»Glaubst du auf diese Art deine Schuld zu sühnen?« rief sie vorwurfsvoll, ihm den Revolver aus der Hand entwindend, »denk an bessere Mittel!«

Er ließ sich gutwillig die Waffe abnehmen, denn es war ihm nicht recht ernst mit seinen Selbstmordgedanken. Sie indes hatte das leise Theatralische dieses ganzen Spiels mit der Schußwaffe nicht bemerkt.

»Sei ein Mann!« fuhr sie fort. »Ertrag das Unglück, das du über dich und deine Familie gebracht, entflieh ihm nicht! Sonst trägt es nicht zu deiner Besserung bei, im Gegenteil, dann ist deine Seele völlig verloren. Ich will dir keine Vorwürfe darüber machen, – du bist gescheit und gewissenhaft genug, um dich selbst anklagen zu können. Auch klag ich mich selbst an. Ich habe blind in den Tag hineingelebt wie ein verzogenes Kind, ich war die geheime Triebfeder deiner bösen Tat. Mir tut nur der arme Otto so leid. Was 220 soll er, der Unpraktische, der Künstler, beginnen? Von seiner Kunst kann er nicht leben . . .«

»Mein Gott!« stöhnte Meyer, »Otto gehört ja fast wie zu unserer Familie, deshalb schlug mir auch das Gewissen nicht so heftig, als ich mit seinem Geld spielte. Es war mir als ob ich mit dem Geld meines erwachsenen Sohnes arbeitete. Er ist ein guter, so guter Mensch, er wird nicht gleich den Staatsanwalt in Bewegung setzen. Zeit gewonnen, alles gewonnen.«

Sie näherte sich dem Sopha, brachte es aber nicht über sich, die Hand ihres Mannes zu berühren. »Ich bin ja mitschuldig,« meinte sie. »Ich hab dich, ohne es zu wollen, so weit getrieben; wir müssen Beide diese Schuld sühnen. Beide! Vor allen Dingen muß Otto sein Geld erhalten. Dein Name darf nicht entehrt werden!«

Er sah schüchtern wie ein abgestraftes Kind zu ihr empor, die scheinbar ihre Fassung wieder erlangt hatte und mit maskenhaft starrem Gesichtsausdruck vor sich niedersann.

»Was willst du tun?« fragte er leise, scheu.

Sie fuhr wie aus bösen Träumen empor. »Laß mich das letzte Mittel versuchen!« murmelte sie; »ich hoffe – auf Weihals.«

»Du meinst, der Kommerzienrat . . . werde . . ?«

»Ich glaube, er wird mir helfen.«

»Mir hat er meine Bitte abgeschlagen!«

»Wie? Du hast ihn gebeten?«

»Ja.«

»Und er hat abgelehnt?«

221 »Ja.«

»Seltsam! Mir hat . . .« sie brach ab. Sie wollte von seinen Andeutungen sprechen, aber sie schwieg. Dann murmelte sie verzweiflungsvoll vor sich hin: »So mach ich den Versuch; er wird meinen Tränen nicht widerstehen.«

»Es wäre das letzte Rettungsmittel!« hauchte er.

»Ich versuchs. Ich halte ihn für gutmütig.«

Meyer zuckte die Achseln, als halte er nicht viel von Weihals Edelmut. Emilie brachte es nicht über sich, dem Niedergeschmetterten Beweise ihrer Teilnahme, ihrer immer noch nicht ganz erstorbenen Liebe zu geben. Achten konnte sie ihn nicht mehr; es blieb nur noch in ihrem Herzen für ihn das eheliche Pflichtgefühl, eine gewisse Gewohnheitsneigung, Zusammengehörigkeitsgefühl und Mitleid.

Aber der gute Name der Familie mußte gerettet werden, das stand ihr fest. Natalie durfte nie erfahren, was sich zugetragen; nicht der leiseste Hauch eines ehelichen Zerwürfnisses durfte den glatten Spiegel ihrer unschuldigen Seele streifen. Emilie forderte deshalb ihren Mann auch mit beinahe strengem Ton auf, herüber zu kommen zum Nachtessen und dem Kind eine Miene zu zeigen, die ja auf keine inneren Kämpfe schließen ließ. Er gehorchte ihr stillschweigend, beinahe demütig. Sie beobachtete ihn während der Mahlzeit beständig und gab auch auf ihren eigenen Gesichtsausdruck, ihre Stimme, ihre Gebärden acht, damit sie nicht von innerem Kummer erzählen sollten. Sobald ihr Gatte während des Essens einmal traurig vor sich 222 hinstarrte, rüttelte sie ihn sofort durch irgend eine heitere Bemerkung wieder aus seiner Melancholie, oder wenn ihr selbst die Tränen allzu heiß in die Augen steigen wollten, erhob sie sich rasch und tat als ob sie dem Dienstmädchen einen Befehl zu erteilen hätte. Trotzdem, bei aller Vorsicht, konnte sie es doch nicht verhindern, daß der scharf beobachtenden Nata das Benehmen der Eltern auffiel. Sie mißte den Klang der Herzlichkeit in den Stimmen, das Ungezwungene im Benehmen der ihr so vertrauten Personen. Das Kind gab nur kleinlaut Antwort und blickte mit scheuverstohlener Besorgnis auf das Elternpaar.

Natas Bestreben ging von diesem Augenblick an dahin, herauszubringen, welches Unheil wie auf düsteren Eulenflügeln durch das Haus schwebte. Nicht aus Neugier forschte sie, nur um helfend eingreifen zu können. Daß sie auf eine Frage keine Antwort erhalten würde, ahnte sie. Deshalb wollte das kleine resolute Persönchen, mochte daraus entstehen was wollte, sich gleich an den Urheber des Familienzwists wenden. Für diesen Urheber mußte sie Otto Grüner halten. Sie ahnte auch, daß es sich um Geldangelegenheiten handelte. Jede Andere hätte die folgenden Nächte in einem Zustand fieberhafter Schlaflosigkeit verbracht. Die sonst so kindliche, wenn es aber sein mußte, äußerst willensstarke Nata jedoch sagte sich: die Nacht zu durchwachen, hat keinen Zweck, macht dich nur unfähig die Leiden des Tags zu ertragen; also, nun befehl ich dir: schlafe! Sie schlief.

223 Am anderen Morgen sah sie ihrer Mutter an, daß diese nicht geschlafen hatte; auch ihr Vater sah übernächtig, schlaff aus.

Gleich nach dem Frühstück traf sie ihre Mutter allein im Schlafzimmer. Sie blieb einen Augenblick an der Tür stehen und sah ihr zu, wie sie sich anzog.

»Wo gehst du so früh hin, Mama?« fragte sie mit künstlich heiterem Ton.

»Einen wichtigen Gang,« sagte die Mutter.

»Gewiß zum Kommerzienrat?« entfuhrs ihr.

Die Mutter wendete erschrocken den Kopf.

»Wie kommst du darauf?«

Nata nahm eine möglichst gleichgültige Miene an und murmelte: »Ich dacht nur so.«

»Nein, nein,« flüsterte ihre Mutter.

Das Mädchen ging. Sie schlüpfte auf ihr Zimmerchen, machte sich zum Ausgehen fertig und eilte aus dem Haus, direkt nach Ottos Atelier.

Der war gerade aufgestanden und saß dumpfbrütend vor seiner Salome, als es leise an die Tür klopfte. »Herein!«

Als die Tochter seines früheren Vormunds errötend eintrat, schrak er empor. Der Stiefel, den er gerade in Händen hatte, plumpste in die große Waschschüssel, die vor ihm auf dem Fußboden halb unterm Bettrand stand. Noch im Halbschlaf sprang er auf, und trat dabei auf den Rand der riesigen Schüssel; ein Stück des Porzellans brach heraus, eine große Überschwemmung ergoß sich bis zu den Lackstiefelchen des Mädchens.

224 »Hallo,« rief der Künstler, »das kommt von meiner Kaltwasserkur. Fürchten Sie sich nicht, – turnen Sie nur hier herüber, da am Stuhl vorbei; da ists noch trocken. Ich hab ganz in Gedanken herein gerufen, . . . bin leider noch gar nicht angezogen.«

»O, das macht nichts,« stammelte sie verlegen. »Papa kam auch schon . . .« sie stockte errötend;»Papa ist darin wie Sie. Da hängt übrigens Ihr Arbeitsanzug, – soll ich Ihnen den herübergeben?«

»Ja, – werfen Sie ihn mir nur herüber, . . . so . . . halt! nicht in die Wasserlach! Da! gerade hinein.«

»O weh – jetzt haben Sie nichts anzuziehen?«

»Doch noch Einiges. Warten Sie, – da im Schrank.«

»Wir sind ja beinahe wie Bruder und Schwester,« sprudelte sie hervor, »sonst hätt ich den Gang zu Ihnen nicht gewagt.«

»Freilich, freilich.«

»Vielleicht können Sie sich auch denken, weshalb ich komme?«

»Wirklich nicht. Nur einen Augenblick . . . so, ich zieh mich hinter der offenen Schranktür rasch an. Bin gleich fertig. Reden Sie nur, ich hör alles, wenn ich Sie auch nicht seh.«

»Gewiß ahnen Sie, weshalb ich komme. Sagen Sie mir offen heraus: warum haben Sie meine Eltern in so außergewöhnlicher Aufregung verlassen? Was hat sich zugetragen zwischen Ihnen und meinem Papa?«

225 Er hielt mitten im Anziehen ein, streckte den roten Kopf hinter der Schranktür hervor und starrte sie mit seinen sonst so drolligen Augen an.

»Deshalb kommen Sie her?« sagte er, trotz des Ernstes der Situation wieder in seine burlesken Körperverdrehungen verfallend.

»Ja!« gestand sie leise.

»So, so, so?« murmelte er in komischem Schmerz. »Tut mir leid! sag so was nicht . . . geht absolut nicht! Erfahren es vielleicht mal ohne mich, armes Kind.« Er trat, seine Hosenträger um die Schultern werfend, hinterm Schrank hervor, reichte dem entsetzt blickenden Mädchen die Hand und stieß in mitleidig burlesken Ton heraus: »Nun deshalb keine Feindschaft nicht! was können Sie dafür? hab Sie immer gut leiden können.« Plötzlich, als er ihr ins Gesicht sah, das sich nun krampfhaft zum Weinen zusammenzog, erwachte ein häßlicher Verdacht in ihm. Er ließ ihre Hand los und starrte sie düster von der Seite an.

»Sind Sie wirklich aus eignem Antrieb zu mir gekommen?« fragte er mistrauisch.

»Wie? ja!« stammelte sie.

»Hat nicht Ihr Papa Sie zu mir geschickt?«

»Was fragen Sie so wunderlich?«

Er sah ihr zweifelnd in das unschuldige bleiche Gesichtchen, mit dem runden Stumpfnäschen und dem mütterlichen jetzt bekümmerten Kinderausdruck.

»Nu, nu,« stieß er barsch heraus. »Kann sein! wills glauben. Trotzdem, besser is besser, – machen Sie, daß Sie wieder naus kommen. Bitte, gehen Sie.«

226 Sie sah ihn verständnislos an.

Da geriet er förmlich in Zorn. »Bitte!« rief er, riß die Tür mit komischer Würde auf und machte eine zum Hinausgehen einladende Handbewegung. Das begriff sie. Sie nickte, sah ihn ganz verzweifelt an und eilte hastig zur Tür hinaus, die Treppe hinunter.

Dieser Hinauswurf bestärkte sie in der Annahme, daß es sich um eine wichtige Geldangelegenheit handelte, daß die Ehre dabei auf den Spiele stand. Ganz zerschlagen kam sie unten im Hausflur an. Otto hatte ihr einen entsetzlichen Eindruck hinterlassen; sie konnte den Eindruck noch gar nicht fassen. Er litt unsäglich und wollte sich seinen Jammer nicht anmerken lassen. Und sein plötzliches Mistrauen? Warum nur? Wie lautete seine Frage: »Hat Sie Ihr Papa geschickt?« Was sollte das bedeuten? Sie war stehen geblieben im zugigen Haustor. Was wollte er damit sagen? Als sie ein paar Schritte weiterging, stieß sie fast auf Karl, der eben mit seiner Büchermappe um die Ecke bog.

»Wie?« rief er, »Sie hier? Ich wollte Otto auf n Augenblick besuchen. Steck mitten im Examen! morgen beginnt der schwierigste Teil. Aber wie kommen Sie hier her?«

Als er nun ihr verweintes Gesicht erblickte, ging er anstatt zu Otto mit ihr die Straße hinauf. Er glaubte, sie wisse jetzt, in welches Unglück Otto Grüner durch ihren Vater gestürzt worden war. Sein Taktgefühl schrieb ihm vor, der Tochter des 227 Betrügers anzudeuten, daß er den Fehltritt des Vaters nicht werde dem Kind entgelten lassen. Er schloß sich aus diesem Grund ihr an und wollte ihr, sobald sich die Gelegenheit bot, ein paar Worte des Trosts zusprechen. Einige Zeit sagten sie nichts. Der Himmel drohte mit Regen, es fielen schon einige Tropfen.

»Haben Sie auch heut Nacht den Herbststurm gehört?« fing er an. »Nicht wahr, dies Brausen! als ging die Welt unter! Sehen Sie, mich regt das Wetter oft zu dem Gedanken an, daß der Mensch eigentlich von der Erde nur geduldet wird. Ist es nicht, als ob Stürme, Sintfluten, Erdbeben, Gewitter, Vulkanausbrüche dem Menschen täglich predigen: erbärmlicher Wurm, du glaubst, ein liebender Vater hätte dir auf mir, deiner Mutter, eine feste, sichere Wohnstätte bereitet? Lächerlicher Eigendünkel! Meine Mutterbrust bebt, – und du fliegst davon! Ich liebe dich durchaus nicht, hasse dich auch nicht, – du bist mir höchst gleichgültig.«

Natalie murmelte ein paar Worte. Dann schwiegen sie wieder beide.

Nach einiger Zeit fragte er: »Sie waren bei Otto?«

Sie nickte.

»Ja, ja,« murmelte er; »schlimme Sache!«

Jetzt merkte sie, daß auch Karl davon wußte und suchte nun mit der Schlauheit der Verzweiflung herauszubringen, was ihr allein noch verborgen war.

»Ja, ja,« flüsterte sie, »schrecklich, schrecklich.«

228 »Haben Sie ihn gesprochen?« fuhr der junge Mann fort.

»Ja.«

»Wie fanden Sie ihn?«

»Ja, – wie man in solchen Umständen halt sein kann.«

»Tief niedergeschlagen?«

»Sehr, sehr unglücklich.«

»Das kann man sich wohl vorstellen,« sagte Karl arglos; »wenn man so leidend ist und verliert sein ganzes Vermögen.«

Nun hatte sies herausgebracht. Nur noch ein Hoffnungsschimmer leuchtete ihr; sie wußte, daß man auch durch eine schlechte Kapitalanlage, durch sinkende Papiere, sein Vermögen einbüßen kann. Vielleicht war also ihr Vater nur ein ungeschickter Geschäftsmann gewesen, kein unehrlicher! Ihre ganze Kraft zusammenraffend, sagte sie: »Ach Gott, Sie wissen ja . . . die Staatspapiere fallen oft plötzlich. Ich weiß nicht, warum? sie haben aber oft diese schlechte Angewohnheit. Mein Papa hatte, glaub ich, zu viel in . . . in Chinesen angelegt? oder . . . ich weiß nicht . . .«

Nun stieg in Karls Seele, als er diese, wie er glaubte, beschönigende Verteidigung des Verbrechens vernahm, ein heftiger Ärger, vermischt mit Mitgefühl für Otto auf.

»Nein, Fräulein,« stieß er mit bitterem Vorwurf, sich vergessend, heraus, »so wars nicht; mein armer kranker Freund ist völlig ruiniert . . .«

»Wie?« fragte sie entsetzt, »ist gar nichts mehr da?«

Er blieb stehen. Der jähe Ton ihrer Stimme fiel ihr auf. Er sah sie an, – ihr Blick! Ihm begann zu grausen. Nun wankte sie und griff sich mit der kleinen Hand krampfig nach der Herzgegend.

»Was ist Ihnen?« rief er und stützte sie rasch mit dem rechten Arm. »Ja – wissen Sie denn nichts?«

Sie fiel halb bewußtlos an seine Brust. Mit Mühe zog er sie, um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden nicht auf sie zu lenken, in die nächste Torhalle. Von da führten drei Stufen in eine kleine Weinkneipe »Zur Odinshütte«. Er stieß mit der linken Hand die Türe auf, während er mit dem rechten Arm die halb Ohnmächtige umfaßt hielt.

Die Kellnerin, die ihn bemerkt hatte, half nach. Bald saß er mit dem Mädchen an einem der Tische des düsteren Lokals. Sofort ließ er zwei Gläser Wein kommen. Dann entschuldigte er sich.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er, seine Tränen unterdrückend. »Ich vergaß ganz, wen ich neben mir hatte, . . . mit wem ich sprach. Ich dachte im Augenblick nur an Otto; mir geht es oft so, daß ich nicht objektiv genug empfinde. Jetzt da es mal so weit ist, können wir ja ganz offen reden. Ich betrachte die menschlichen Fehler als Naturwissenschaftler. An sich ist nichts gut oder bös; jeder Mensch muß so handeln wie er handelt. Ich werfe gewiß keinen Stein auf Ihren Vater. Jedenfalls bedauere ich Sie im höchsten Grad.«

Er hatte die Empfindung, daß er die richtigen Worte nicht gefunden habe. Alles was er vorbrachte kam ihm so kalt vor. Er konnte seine 230 innere Ergriffenheit nur durch Blicke kund geben, durch ein inneres Vibrieren der Stimme, das von verhaltenen Tränen erzählte.

Sie weinte leise vor sich hin. Endlich sagte sie: »Meine Eltern, davon bin ich überzeugt, werden gewiß alles tun, um diesen Verlust zu ersetzen . . . mehr kann ich jetzt nicht sagen. Ich verteidige nicht, ich klage nicht an. – Kommen Sie! wir wollen gehen, es ist mir wieder besser . . .«

Sie hatte kaum am Glas genippt. Die Kellnerin zog neugierig die Brauen in die Höhe, als Karl zahlte. Am Pianino saß ein langhaariger Kerl und schmetterte wild in die Tasten. Natalie erhob sich.

»Trinken Sie doch noch,« bat Karl. »Sie kommen dann rascher zu Kraft, das Gehen wird Ihnen sauer.«

»O garnicht,« erwiderte sie und nahm noch einen Schluck von dem Rotwein.

Nun polterten lachend neue Gäste, zwei Stutzer, in das Zimmer. Das Mädchen überlief ein Schauer, als die frech-heiteren Töne ihr Ohr trafen. Sie setzte das Glas hastig wieder von den Lippen.

»Kommen Sie, kommen Sie,« bat sie dringend den Jüngling, der sie finster betrachtete.

Beide verließen das Lokal.

»Wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein könnte?« sagte Karl, als er sich von ihr trennen mußte, »aber . . . ich wüßte nicht, wie?«

»Nein, nein . . . danke.«

»Ich habe höchstens Worte des Trostes zur Verfügung, die in solchen Fällen aber nicht viel 231 bedeuten. Verlieren Sie den Mut nicht! es geht alles vorüber. Wenn wir uns nur selbst haben, kann uns die Welt nichts rauben.«

Sie sah wie betäubt ins Weite. Er reichte ihr traurig die Hand.

»Was wird nun aus unserer neuen Religion werden?« lächelte er trüb.

»Wir sind ihr vielleicht näher als wir ahnen,« sagte sie resigniert.

Er sah sie verwundert an, mochte jedoch nicht fragen. Dann verließ er sie.

Was wollte sie mit ihren letzten Worten sagen? Lange zerbrach er sich den Kopf. Da fiel ihm ein, daß Weihals sich neulich so viel Mühe um sie gegeben; spielte sie vielleicht hierauf an?

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