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Im Rhonetal

Johanna Spyri: Im Rhonetal - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Spyri
titleIm Rhonetal
publisherFriedrich Andreas Perthes A.-G.
printrunFünfte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Als Hedwig nach einer unruhig verträumten Nacht früh ihre Fenster aufmachte, um an dem frischen Morgenhauch sich zu erquicken, hörte sie schon die Stimme des Barons im Garten erklingen; zu sehen war er zwar nirgends. Jetzt gewahrte sie ihn in der Tiefe, wie er eben dem »Familienloch« entstieg und auf die Oberfläche der Erde trat. Er war in großem Eifer, machte die lebhaftesten Gebärden in das Loch zurück und lief dann in der Richtung der Stallungen den Garten entlang, hinter ihm her der Hauswirt und zuletzt der Bediente des Hauses, alle drei im Sturmschritt. »Da wird eine Partie im Gange sein«, dachte Hedwig. Sollte sie dem Baron, bevor er wegging, die Freude machen, ihm mitzuteilen, daß der erste Schritt gegen seine Römerin getan sei und der zweite bald folgen werde? Sie ging nach dem Garten hinunter; es war noch stille ringsum, die Fensterläden überall am Hause noch geschlossen. Der Morgenwind wehte frisch durch das Tal. Groß und dunkel standen die Berge auf dem lichtblauen Horizont; noch war die Sonne nicht über den waldigen Berggipfel herübergestiegen. Hedwig stand an dem Pförtchen und schaute, wie drüben die hohen Felsenzacken der Diablerets sich leise röteten im Aufgehen der Sonne. Ein Handkarren rollte des Weges daher; der Bediente des Hauses zog ihn. Wunderlich hohe, ganz unförmlich aufgetürmte Ballen lagen darauf; hinterher kam der Baron gelaufen.

»Schon auf Reisen?« fragte Hedwig, als die Expedition herannahte.

»Jawohl! Jawohl!« entgegnete der Baron eilig und ging rasch vorbei. Er war sichtlich verlegen.

Hedwig konnte ihm nicht sagen, was sie im Sinne hatte; er hatte offenbar keine Lust, still zu stehen. »Gewiß eine Partie nach amerikanischem Stil, und der Baron muß den Proviantwagen vorausführen«, sagte sich Hedwig, »das mochte ihn etwas verlegen machen.« Als sie gegen das Haus zurückkam, trat ihr Frau v. L. entgegen.

»Meine Werteste«, sagte sie mit etwas steifer Freundlichkeit, »ich hatte verstanden, Sie wollten sich vorzugsweise allein halten und keinen Umgang pflegen; ich muß aber annehmen, daß Sie in letzter Zeit Ihren Sinn etwas geändert haben. Es ist mir, da sie einmal an mich empfohlen sind, eine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß eine gewisse Art von Umgang wirklich besser vermieden würde. Dieser Herr Baron, den Sie zu kennen scheinen, hat das Betragen eines außerordentlich leichtsinnigen, frivolen Menschen, von dem Sie sich zurückziehen müssen, um ihm zu zeigen, daß er durch seine tadelnswerte Weise wahre Freunde von sich entfernt. So allein können Sie etwas zu seinem Besten tun, wenn Sie sich für ihn interessieren sollten. Ich habe gestern im Saale allem beigewohnt. Ich will nicht entscheiden, wer jenes äußerst frivole Motto zu seinem Namen hingeschrieben hatte; aber das muß ich Ihnen wiederholen: das Wohl solcher Menschen kann man nur dadurch fördern, daß man sich von ihnen wendet.«

Hedwig hatte ruhig zugehört, bis Frau von L. zu Ende war.

»Ich kann Ihre Ansicht nicht teilen, Frau v. L.«, erwiderte sie nun; »der Baron ist kein frivoler Mensch; wo er sich etwas leichtfertig ausdrückt, wie in seinem Motto, das Sie ohne Ungerechtigkeit ihm selbst zuschreiben dürfen, da legt er immer noch einen ernsteren Sinn hinein, als er sich den Anschein geben will, davon bin ich überzeugt. Daneben ist er eine so gerade, so vollkommen ehrliche Natur, daß er wohl zu denen gehört, von denen es heißt: ›Den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen.‹ Auch nimmt er schon ein ernstes Wort an, wo er fühlt, daß es aus wahrer Teilnahme für ihn herkommt. Glauben Sie wirklich, Frau v. L., daß wir den Menschen mehr wohltun können und sie eher für alles, was uns teuer und heilig ist, gewinnen, wenn wir ihnen den Rücken kehren, als wenn wir in Freundlichkeit mit ihnen umgehen und sie unsere Teilnahme an ihrem Wohlergehen fühlen lassen?«

»Ich sehe«, sagte Frau v. L. kühl, »daß unsere Wege mehr auseinandergehen, als ich erwartet hatte. Vielleicht wird Ihnen noch manches Licht aufgehen, bis Sie mein Alter und meine Erfahrung haben. Mögen Sie bis dahin nicht selbst Schaden leiden im vermeintlichen Wohltun gegen andere. Möge Ihnen auch die Erkenntnis aufgehen, daß Sie nicht im Gehorsam wandeln, sondern nach eigenem Gutdünken.«

Damit entfernte sich Frau v. L. – Hedwig suchte sich den Sinn dieser Schlußworte klar zu machen: »nach eigenem Gutdünken«. Allerdings hatte sie an ihrem eigenen Herzen erfahren, wie anders wohltuend und gewinnend ein teilnehmendes Eingehen in die Entwicklung und den Lebensgang Andersdenkender und ein liebevolles Verständnis für ihr Wesen, als ein bestimmtes Sich-abwenden von ihnen wirkt. Daß dieses letztere von entschiedenen Christen den unentschiedenen gegenüber als das von Gott Geforderte anzusehen sei, hatte sie nie so verstanden, noch war sie so gelehrt worden. Hedwig fühlte wohl, daß sie in ein näheres Verhältnis mit Frau v. L. nicht kommen würde, doch wollte sie suchen, wenigstens in Frieden mit ihr auszukommen und ihr kein Ärgernis zu geben; ihren eigenen Weg aber gedachte sie, ihrer Überzeugung treu, weiter zu gehen.

Doch noch vor dem Frühstück sollte sie erfahren, daß sie ihren guten Vorsatz nur zum Teil ausführen könne.

Als Hedwig ins Eßzimmer eintreten wollte, kam ihr Frau v. L. wieder entgegen.

»Ich erwartete Sie hier«, sagte sie; »wie konnte ich nur die Hauptsache vergessen, die ich Ihnen mitteilen wollte. Es findet morgen früh, wie jeden Sonntagmorgen, eine Versammlung statt unten am See, ein Gottesdienst der wirklichen Christengemeinde, d. h. der ›Brüder‹. In einer kleinen Stunde können wir mit der Eisenbahn unten sein.«

»Ich gehe in die Kirche am Sonntagmorgen«, entgegnete Hedwig, »und diejenigen, die mit mir dahin gehen, halte ich alle für wirkliche Christen oder für solche, die es werden wollen, weil sie dahin kommen, und im Werden sind wir ja doch alle begriffen.«

»Ich will lieber annehmen«, entgegnete Frau v. L. in kurzem Ton, »es fehle Ihnen an der rechten Erkenntnis, als am guten Willen. Suchen Sie jene zu erlangen, ich sage es zu Ihrem Besten.« Damit verließ sie die Veranda. –

Zu ihrem Erstaunen bemerkte Hedwig am Frühstückstisch sowohl den Baron, als auch alle seine Freunde, die Amerikaner, Hamburger, Sachsen, Irländer und was zum Partieenklub gehörte. Die Morgentour des Barons mußte nur eine Vorbereitung zur Partie des Tages gewesen sein.

Ohne die allgemeine Morgenbegrüßung, die regelmäßig nach dem Frühstück auf der sonnigen Veranda stattfand, abzuwarten, eilte Hedwig fort, heute einmal ihren Plan auszuführen, zu der Ruine auf dem Waldhügel hinaufzusteigen. Der lahmen Juliette schnell einen Morgengruß zu sagen, wollte Hedwig nicht versäumen; führte auch ihr Weg nicht gerade da vorbei, so konnte sie ja nachher doch schnell über die Wiesen hin aus den Waldweg gelangen. Als sie die Anhöhe hinaufging, von wo sie gewöhnlich schon das Kind in seinem Sessel erblickte, bot sich ihr ein ganz neuer Anblick dar. Nicht das kranke Kind konnte sie sehen, aber eine Menge anderer Kinder, die da herumstanden und sich drängten und pufften; Frauen, die sich ganz aufgeregt gebärdeten, einige Männer, die verwundert dastanden; – was konnte das bedeuten zu einer Zeit, da sonst all' diese Leute bei ihrer Arbeit waren? Sollte der kranken Juliette etwas zugestoßen sein? Hedwig eilte hinzu. Da saß das Kind in seinem Sessel, mitten in all' den lärmenden Kindern und Frauen, umstellt, bedeckt, eigentlich überflutet von einer Fülle von durcheinander geworfenen Gegenständen, so daß Hedwig wie verwirrt stehen blieb; sie wußte absolut nicht, was sie vor sich sah. Die Augen des Kindes leuchteten wie Flammen, das sonst so bleiche Gesichtchen war hochrot, und in fieberhafter Erregung langten die schmalen Hände von einem Gegenstand zum anderen. Als das Kind Hedwig erblickte, rief es, leidenschaftlich mit beiden Armen sie herbeiwinkend: »Kommen Sie! Kommen Sie schnell! Es ist eingetroffen! Es ist alles begegnet!« Hedwig konnte endlich durch den Kinderknäuel vordringend zu dem Sessel gelangen und sah nun die Dinge im einzelnen. So etwas war ihr aber noch nicht vorgekommen: auf-, in- und übereinander lagen Tücher, Bänder, Kleidungsstücke, Schachteln, Bücher, Bilderbogen, Spielzeug, Kuchen und Zuckerwerk. In den Händen der Frauen, der Kinder, noch in Paketen auf dem Boden liegend – überall lag es wie gesät in allen Farben und Formen. Das Kind war vollkommen außer sich. Es klatschte die mageren Händchen zusammen, es schenkte auf alle Seiten; die großen, feurigen Augen schienen sein ganzes, volles Glück einsaugen zu wollen. Die Frauen und Kinder machten ihrer Verwunderung durch solchen Lärm Luft, daß kein Wort zu verstehen war. Hedwig trat nun ganz nahe heran und, die zitternde Hand des Kindes erfassend, sagte sie:

»Nun, Juliette, willst du mir denn nicht ruhig erzählen, was da geschehen ist? Sieh, ich begreife nichts von allem!«

»Ja, ich glaub's wohl, daß Sie's nicht begreifen«, rief das Kind, außer Atem vor Aufregung; »niemand begreift's, aber es ist alles gekommen, wie ich's erwartete. Am Morgen früh setzte mich die Mutter schon hinaus, denn sie sollten alle früh aufs Feld und erst spät heimkommen; und sie ging noch einmal ins Haus. Und ich schaute nach den Felsen, wo die Sonne fortgeht, und dachte: Wie lange wird's währen, bis sie wieder dort ist! Aber an einem so langen Tag kann man auch etwas erwarten. Und so war ich wieder froh. Und auf einmal kam ein Mann von dort herauf mit großen, weißen Knöpfen auf dem Rock und einer blauen Kappe, und er zog einen Karren, und große, hohe Bündel waren darauf. Und er kam hier heran und fragte: ›Wo ist das lahme Kind?‹ Ich sagte: ›Hier sitze ich‹. Da sagte er: ›Das ist alles für dich!‹ und legte alle Pakete hier zu mir her, eins nach dem anderen. Und ich bekam so starkes Herzklopfen und fragte: ›Wer schickt mir's?‹ Er sagte: ›Das weiß kein Mensch und wird nie ein Mensch wissen.‹ Und er fuhr weg. Nun hatte ich es immer erwartet, es müsse einmal so kommen; aber wie es nun wirklich gekommen war, o da war's noch ganz anders! Und ich zitterte so, daß ich kein Paket aufmachen, nicht einmal der Mutter rufen konnte, so war es mir vor den Atem gekommen; aber sie kam bald, und hier! hier! das war alles in den großen Bündeln.«

Hedwig mußte nun alles besehen, Stück für Stück, immer entdeckte das glückselige Kind wieder etwas Neues. Einen solchen Festtag hatte es in seinem Leben noch nicht gehabt. Es ließ Hedwigs Hand nicht los, sie mußte dableiben, sie mußte all das wundervolle Spielzeug erklären, die Bilderbücher durchsehen; sie mußte sich mitfreuen, daß die Mutter ein schönes Tuch bekomme und Mariette eines und dann erst noch eins bleibe. Auch alle die Schachteln und Büchschen mußte Hedwig aufmachen – es nahm kein Ende.

Aber auf einmal legte sich das Kind in seinen Sessel zurück; es war plötzlich stille geworden, die Freude hatte seine Kräfte erschöpft. Hedwig brach zum Fortgehen auf, mußte aber versprechen, morgen wiederzukommen und nachher noch jeden Tag, da wäre ja immer noch was Neues wieder zusammen anzusehen, meinte das Kind. »Jetzt ist die Freude für immer«, sagte es dann, nachdenklich seine großen Augen auf Hedwig richtend. »Jetzt kommt jeden Tag die Freude an dem allen und zuletzt am Ende noch die große Freude vom Käthchen im Himmel.« Das Kind war wieder bleich geworden, aber seine Augen leuchteten fort in heller Freude.

Hedwig konnte nicht mehr an ihren Gang nach der Waldhöhe denken, sie kehrte zurück, den Weg entlang, wo sie heute früh den Baron gesehen hatte mit seinem hochbeladenen Handkarren. Sie wußte nun, wohin er diesen gesandt hatte und womit er beladen war. Ihm hatte sie von dem Kinde erzählt und von seinem täglichen, wie sie meinte, vergeblichen Erwarten. In welcher Weise hatte er daran gedacht! Ein wenig fühlte sie sich beschämt von ihm. Freilich, es ihm gleichtun konnte nicht jeder. Aber auch wenige, die es konnten, hätten es ihm gleichgetan. In dieses freudenlose Kinderleben einen solchen Sonnenschein zu werfen, dazu brauchte es vor allem ein warmes, teilnehmendes Herz, nicht nur das nötige Metall.

Dort stand der Baron im Garten. Er wollte wohl nicht, daß man ihn errate, er war ja so verlegen geworden bei ihrem Gruß am Morgen; aber Hedwig konnte nicht anders; sie lief zu ihm hin und streckte ihm bewegt ihre Hand entgegen.

»O hätten Sie das Fest mit ansehen können! Sie haben das freudenarme Kinderherz in Glückseligkeit getaucht. Das will ich Ihnen mein Leben lang nicht vergessen!«

Der Baron war ein wenig rot geworden, wohl vor Überraschung, daß er so schnell erkannt worden war; aber in seinen ehrlichen Augen lag ein Ausdruck großer Vergnüglichkeit. –

Im späteren Nachmittag, als die Sonne schon dem Berggipfel nahte, hinter den sie so früh sich niedersenkte, trat Hedwig aus dem Hause. Sie sah das Fräulein die Treppe des Nebenhauses herunterkommen, bereit zum verabredeten Gange nach dem Rebenhügel.

»Wohnen Sie hier im Nebenhaus?« fragte Hedwig verwundert.

»Jawohl«, war die Antwort, »und mein Fenster sieht zu Ihnen hinüber; ich bemerkte: es heute früh, als Sie hinausschauten.«

»Und ich habe gestern Abend Ihr Licht gesehen, ohne zu wissen, daß es das Ihrige war«, erwiderte Hedwig. »Wie spät erst haben Sie es ausgelöscht!«

»Ich kann nicht früher einschlafen, meistens auch dann noch nicht, wie spät ich das Licht auch auslösche«, bemerkte das Fräulein.

»So sind Sie krank?« fragte Hedwig teilnehmend.

»Ja, ich bin krank.«

Die Antwort war so kurz gegeben, daß Hedwig nicht weiter fragen mochte, wie groß auch ihre Teilnahme war. Sie waren nun am Hügel angekommen und stiegen schweigend den sonnenbeschienenen Weg hinan. Jetzt zeigte sich die Bank auf der Anhöhe. »Dort ist Ihre Bank«, sagte das Fräulein, »die meinige ist weiter weg und schaut nicht auf diesen bewohnten, lebendig bewegten Talgrund hinab. Die Aussicht ist sehr still dort oben und niemand kommt dahin.«

»Wir wollen doch zu Ihrer Bank hinaufgehen, wenn es Ihnen lieber ist.«

Die Wandernden setzten ihren Weg fort, erst eine Strecke weit über trockenes Weideland hin, dann in den Wald hinein, wo die noch blätterreichen Kastanienbäume dunkle Schatten über den moosbedeckten Boden breiteten. Dann führte der schmale Pfad wieder aus dem Walde hinaus, dem steilen Abhang zu, der auf das steinige Flußbett der wilden Gyronne niederschaut. Hier stand die Bank, im Angesicht der dunkel emporragenden Felsen der Dent du Midi, die rauh und zerklüftet nach dieser Seite hin wie drohende Gewalten sich erheben. Vom Abhang bis ins Tal hinunter schloß auf der einen Seite der dichte Wald die Landschaft ab, und sein tief tönendes Rauschen war der einzige Laut, der zu der einsam-stillen Höhe empordrang.

Die Frauen setzten sich auf die Bank nieder und blickten eine Weile schweigend auf die düsteren Felsenhöhen vor sich.

Hedwig war noch ganz erfüllt von dem Eindruck des heutigen Morgens. Sie erzählte dem Fräulein die Geschichte des lahmen Kindes und was sie heute mit ihm erlebt hatte. Das Fräulein hörte mit großer Teilnahme zu, und wie Hedwig zu der erfüllten Erwartung und dem überflutenden Glück des Kindes kam, da fuhr ein Freudenstrahl durch die traurigen Augen, der Hedwig einen Augenblick ganz von ihrer Erzählung abzog. Wie wunderbar konnten diese traurigen Augen aufleuchten! Die ganze Persönlichkeit war verwandelt dadurch.

»Könnte ich doch dem jungen Mann die Hand drücken, ich möchte ihm danken für seine Tat«, sagte das Fräulein mit Wärme; doch schon lag der alte Schatten wieder auf dem schönen Angesicht.

Hedwig bemerkte, es sei wohl besser, wenn weiter nicht von der Sache gesprochen werde und der Baron nicht höre, daß sie davon erzählt habe; er hatte so deutlich gezeigt, daß er unentdeckt bleiben wollte. Aber den Baron dem Fräulein vorstellen, wollte Hedwig sehr gerne, es würde ihm auch große Freude machen, das wisse sie. Gar zu jung sei er übrigens nicht mehr, setzte Hedwig hinzu, die bemerkt hatte, daß das Fräulein ihn fortwährend als jungen Menschen bezeichnete.

»Er macht mir einen sehr jugendlichen Eindruck«, erwiderte das Fräulein, »das mag ich gerade so gerne an ihm. Wenn ich ihn so herauslachen höre, oder wenn er so freudeverheißend herumrennt, als wäre das ganze Leben ein endloser Festtag, da schaue ich ihm so gerne zu und denke dabei: Könnte ich doch nur ein einzig Mal mit einem solchen leichten Kinderherzen um mich schauen!«

»Sollte das Leben schon so schwer auf Ihnen liegen?« fragte Hedwig. »Es tut mir weh, Sie so traurig und gedrückt zu sehen und Ihnen nicht zeigen zu können, wie sehr es mir zu Herzen geht, wie gerne ich etwas für Sie tun möchte.«

»Eine warme Teilnahme fühlt man sich bald ab, wie die Sympathie des Herzens. Aber« – das Fräulein zögerte – »beide sind so leicht zu verscheuchen.«

»Doch nicht, indem wir andere wissen lassen, daß wir Leid tragen«, wandte Hedwig ein.

»Krankheiten, die nicht zu heilen sind, müssen die Menschen abschrecken; Sie kennen wohl keine solchen«, gab das Fräulein zurück und blickte bei diesen Worten fast scheu auf ihre Begleiterin.

Hedwig entgegnete, sie glaube, alle wahre Teilnahme am Leiden hänge mit dem Einblick in dasselbe nah zusammen. Wer einmal selbst in tiefem Leid gelegen, der könne nie mehr solchem begegnen, ohne es mitzufühlen und das Verlangen zu haben auch mitzutragen, wo dies Erleichterung bringen könnte.

»Es gibt Leiden, die kein Recht haben auf solche Teilnahme« – das Fräulein hielt einen Augenblick zögernd inne –; »wie können sie nur ausgesprochen werden vor guten Menschen, die keine Schuld kennen?«

»Wo sind diese?« fragte Hedwig.

Das Fräulein schaute sie erstaunt an. Sie schwiegen beide.

Die Walliser Höhen standen dunkelragend auf dem klaren Abendhimmel; drüben an den grauen Felsen der Dent du Midi verglomm der letzte Strahl der Sonne; nun war sie fort. In den Bäumen im nahen Walde hatte sich der Abendwind gelegt, es wurde völlig still rings um sie her. Ob das kranke Wesen neben ihr nicht wohltuend von der Abendfülle angeweht wurde? dachte Hedwig, ihre Nachbarin anblickend. Diese schaute nicht auf; unverwandt waren ihre Blicke auf den Boden geheftet, sie bemerkte nicht, was um sie, nur was in ihr war. Auf einmal fuhr sie aus ihren Gedanken empor:

»Wenn ich doch das Kind sehen könnte in seiner Freude! Können wir nicht gleich noch hingehen?« fragte sie bittend. »O könnte ich dem Kinde meine Lebenskraft geben und es gäbe mir sein fröhliches Herz dafür!«

»So lassen Sie uns schnell gehen«, sagte Hedwig aufstehend; »sonst finden wir das Kind nicht mehr unter dem Baume sitzend. Aber lassen Sie ihm sein fröhliches Herz, der liebe Gott hat wohl auch noch eines für Sie, wenn Sie es von ihm begehren.«

»Wie dürft' ich!« war die kurze, wie abschließende Antwort.

Beide wanderten schweigend nebeneinander den Berg hinunter, an den Häusern des Fleckens vorbei nach dem Weg unter den Nußbäumen hin. Hier, im langsamen Aufwärtsgehen, bat Hedwig das Fräulein, ihr doch einmal ihren Familiennamen auszusprechen, sie kenne ihn immer noch nicht genau.

»Er ist auch so weitläufig«, gab das Fräulein zur Antwort; »ich heiße Alice und mag es sehr gern, wenn Sie mich so nennen wollen.«

Hedwig und Alice waren bei dem Kirschbaum angekommen; aber da war niemand mehr zu sehen; das Kind mit all seinen Herrlichkeiten war verschwunden. Sonst war es um diese Zeit noch da zu finden, wenn die Luft mild war, wie heute. Jetzt trat die Mutter aus dem Hause; sie hatte die Damen gesehen und kam, sie zu benachrichtigen. Das Kind hatte sich so müde gefreut, daß es plötzlich, noch ganz früh, in seinen Sessel zurückgefallen und in tiefen Schlaf gesunken war. Es mußte mit all seinen Schätzen ins Haus getragen werden, wo es nun fortschlief.

»Wie glücklich wird das Kind beim Erwachen sein!« sagte Fräulein Alice.

»Jawohl«, meinte die Frau. So etwas sei auch noch gar nie erlebt worden. Sie kenne ja keinen Menschen, der das hätte tun können; nur an eine Dame habe sie gedacht, weil diese so oft das Kind besuche. Damit schaute die Frau fragend auf Hedwig hin. Diese erklärte aber entschieden, da sei die Frau im Irrtum, die Überraschung sei ihr wohl von jemand gemacht worden, der Teilnahme für die kranke Juliette habe, wenn sie den Wohltäter auch nicht kenne.

»Dann weiß ich nicht, wie so etwas sein kann«, sagte die Frau, sichtlich aufs neue verwundert. »So hat es unser Herrgott im Himmel selbst einem ins Herz gegeben, daß er eine solche Tat tue.« Nicht nur all das schöne Zeug, das dem Kinde vor Freude darüber fast den Kopf verdrehe, meinte sie, auch so manches gute Stück zum Warmhalten, nun es bald nötig werde, habe der Wohltäter ausgesucht, und ein paar Sachen, die sie schon so lange für die Kinder nötig gehabt hätte und zu denen sie nicht gelangen konnte, das sei ihm auch sicher extra ins Herz gegeben worden, denn der liebe Gott wisse wohl, wie schwer es ihr oft werde mit all den Kindern und Sorgen und zu aller Not noch immer die Mühe und den Kummer um das kranke, bei dem gar kein Gesundwerden abzusehen sei. Die Frau seufzte schwer auf und wischte sich die Augen.

»Ach Frau«, sagte Fräulein Alice, »Ihr habt es noch gut, Ihr könnt Euch trösten im Gedanken, daß Ihr unverschuldetes Elend leidet; das drückt nicht wie eigene Schuld, und man hat den lieben Gott für sich.«

Die Frau wischte sich die Augen heftiger.

»Wenn einem nur nicht die schweren Gedanken noch dazu kämen«, sagte sie schluchzend; »aber es weiß auch niemand, wie's unsereinem werden kann, wenn ihm die Sorgen über den Kopf zusammenschlagen, daß man keinen Weg mehr vor sich sieht und auf alle Art das Kind verwünscht, das noch kommen soll, die Not zu vermehren. Und nachher frißt es einem am Herzen, wenn das Kind da ist und so elend daliegt und so ist, daß man denkt, es müsse die Verwünschung an seinem Leibe herumtragen.«

Alice mußte die Gewissensnot der Frau besser verstanden haben, als ihr äußeres Elend. Mit einem Ausdruck des Schreckens sagte sie: »O, arme Frau, so möge Euch Gott helfen!«

Sie wandte sich sogleich und ging. Hedwig blieb noch einige Augenblicke bei der Frau stehen, es drängte sie, der Weinenden noch ein Wort der Teilnahme zu sagen und sie darauf hinzuweisen, daß wir ja doch in jeder Not Trost finden können, wenn wir uns an den rechten Tröster wenden. Die Frau war sehr bewegt und sagte, die Sache habe sie lange schon geplagt und sie habe mit niemand darüber reden können; daß sie es jetzt doch einmal habe aussprechen können, habe ihr schon das Herz erleichtert, und wenn einem so mit Teilnahme eine Hand gereicht werde, so komme man auch eher wieder zum Gefühl, daß der liebe Gott auch barmherzig sei und ein armes Geschöpf nicht vergessen und verlassen wolle.

Fräulein Alice mußte eilig zurückgegangen sein, Hedwig holte sie nicht mehr ein. Am Gartenpförtchen stand der Baron.

»Auf was für Pfaden irren denn Sie umher, daß man Sie gar nicht mehr sieht?« rief er ihr entgegen.

»Auf solchen, die ohne Zweifel Ihren Beifall haben werden«, entgegnete Hedwig eintretend, und nun mit dem Baron durch den Garten wandernd, erzählte sie ihm, daß sie schon gute Bekanntschaft mit seiner Römerin geschlossen habe, schneller und tiefer, als sie sich's möglich gedacht hätte; daß sie in ihr aber gar nicht die stolze, kalte Majestät, die sie erwartet, sondern ein herzgewinnendes, ganz menschlich fühlendes Wesen entdeckt habe, das aus lauter Menschenfreundlichkeit auch den Wunsch hege, den Baron kennen zu lernen.

Er war sehr erfreut darüber und hatte gleich noch ein Dutzend Fragen bereit, die neue Bekanntschaft betreffend; aber die Glocke, die eben als Ruf zum Teetisch ertönte, schnitt alle weiteren Besprechungen ab. Nur das Versprechen mußte Hedwig ihm noch geben, daß sie gleich den Abend noch die Vorstellung herbeiführen werde.

Zum ersten Male, seit die Gesellschaft sich zusammengefunden, saß an diesem Abend im Saale die als Eremitin bekannte Dame nicht mehr allein in ihrer Ecke: Hedwig saß neben ihr; vor ihnen stand der Baron. Er war ganz Leben, Witz und Humor. Solche Rednergabe hatte er noch nie entwickelt; er sprühte völlig von geistreichen Einfällen und überraschenden Wendungen. Wurde er hier und da vom Komischen der Begebenheiten, die er schilderte, selbst so überwältigt, daß plötzlich sein helles Lachen hervorbrach wie ein Wasserstrom, dann ging ein leises Lächeln auch über Alicens Züge und einen Augenblick schauten die dunkeln Augen erglänzend auf – aber es ging schnell vorüber; die Schatten lagen gleich wieder tief auf den schönen Zügen. Die Arbeit ließ sie heute ruhen. Früh schon stand das Fräulein auf, um den Saal zu verlassen. Hedwig trat mit ihr hinaus auf die Veranda. Die Nacht war mild und sternenhell. An dem dunkelblauen Himmel stand der junge Mond, ringsum flüsterten die Zweige, leise vom Nachtwind bewegt. Die beiden hatten eine Weile schweigend und lauschend dagestanden, als Hedwig meinte, hier könnten sie nicht länger bleiben, nach und nach würde es zu kühl, wie schön auch die Nacht sei. Sie fragte, ob Fräulein Alice sich schon zurückziehen oder noch einmal in den Saal eintreten wolle.

»Nein, nein!« rief diese abwehrend aus. »Ich hatte keine Ruhe mehr drinnen unter den vielredenden Menschen; aber auf mein einsames Zimmer zu gehen, erschreckt mich auch, die Nacht ist so lang!«

»Wollen Sie mit mir in meine Stube hinaufkommen?« fragte Hedwig; »da sind Sie nicht allein und auch nicht unter vielredenden Menschen.«

Alice willigte sogleich ein. Sie stiegen zusammen nach der Eckstube hinauf, wo in das eine Fenster die Kirche herüberschaute und vor dem anderen die dunkeln Walnußbäume leise rauschten und ihre Schatten auf den mondbeglänzten Wiesengrund warfen. An diesem Fenster setzte sich Alice nieder.

»Kommen Sie hierher zu mir und machen Sie kein Licht«, sagte sie, »Mond und Sterne machen hell genug, und man sieht die Landschaft besser so.«

Hedwig setzte sich neben Alice hin. Diese fing bald von der Mutter des lahmen Kindes zu sprechen an; sie war sichtlich noch ganz erfüllt von dem Eindruck, den die Worte der Frau auf sie gemacht hatten.

»Wer doch der armen Frau helfen könnte!« wiederholte sie nochmals in bewegtem Tone. »So viel Not und Kummer und dazu noch einen Vorwurf im Gewissen! Wer doch einen Trost für sie hätte!«

»Fräulein Alice«, sagte Hedwig, »so, wie Sie von dem Jammer dieser Frau erfüllt sind, und noch viel mehr und viel tiefer, bin ich von Ihrem eigenen Kummer erfüllt, den ich nicht kenne, aber wohl jedem Ihrer Worte abfühle. Immerfort und schmerzlich verlangend heißt es für Sie in meinem Herzen: ,Ach wer ihr doch helfen könnte! Wer doch einen Trost für sie hätte!'«

Alice ergriff Hedwigs Hand und hielt sie zwischen den ihrigen fest. »Ich verdiene nicht, daß jemand so warmen Anteil an mir nimmt; aber es tut so wohl! Ich stehe so ganz allein hier – nicht nur hier«; – sie hielt wieder inne und blieb stumm.

Hedwig fragte sie, ob sie zu den Naturen gehöre, die besser tun sich verschlossen zu halten, weil sie sich über ein Aufschließen ihres Wesens nachher mehr grämen, als über ihr Alleinstehen; oder ob sie beide sich noch zu wenig kennten, um gegenseitig ein volles Vertrauen zueinander gefaßt zu haben.

»Nein, nein, das ist's nicht«, sagte Alice lebhaft; »ich hatte bald Vertrauen zu Ihnen, ich fühlte auch Ihre Teilnahme für mich und hätte gerne schon zu Ihnen geredet, um einmal jemand zu zeigen, wer ich bin, und es auszusprechen, wie schlecht ich bin. Ich meine, schon das hatte mich erleichtern müssen. Aber – es ist bitter, zu denken, eine warme Teilnahme könnte sich in Abneigung, in Verachtung verwandeln.«

»Könnten Sie das glauben?« fragte Hedwig, indem sie Alice tief in die Augen schaute. »Sie so von einer schweren inneren Last niedergedrückt zu sehen, hat mein Verlangen erweckt, Ihr Vertrauen zu gewinnen, und ich glaube, wir müßten uns wohl verstehen können. Was meinen Sie, wird der Gerettete am Lande mit Verachtung auf den hinschauen, der draußen noch mit den bitteren Wogen kämpft, denen er selbst gnädig entrissen worden ist?«

Alice legte ihren Arm um Hedwig: »Ich möchte wohl mein Herz Ihnen ausschütten – wenn ich's kann«, setzte sie leise hinzu. Die entgegenkommende Liebe löste ihr die Worte von den Lippen.

Hier im Sternenschein, auf den stillen Wiesengrund blickend, saßen die beiden lange Stunden. Alice hatte ihr Herz aufgeschlossen und ohne Rückhalt legte sie, was ihr auf der Seele lag und was sie noch nie hatte aussprechen können, vor die Freundin und ließ diese einen Blick in ihren ganzen Lebensgang tun. Alicens Vater war ein Schotte. Seine Güter lagen an den Ufern des dunkelgrünen Tay. Von dem alten grauen Hause aus, hoch oben unter den Eichen, hörte man das Rauschen seiner Wellen, Nur wie an einen Traum erinnerte sich Alice der Zeit, die sie da verlebt hatte. Ihre Mutter war eine Norddeutsche gewesen; Alice hatte sie nie anders als leidend gekannt. Sie litt an einer Halskrankheit und die Ärzte fanden den Zustand bald so gefährlich, daß sie dem Vater rieten, ein milderes Klima aufzusuchen. Er verließ seine Güter und zog nach Südfrankreich, wo er in der Nähe eines besuchten Kurortes in abgeschlossener Lage eine Villa nach seinem Sinne fand, die er ankaufte, um sich da mit seiner Familie niederzulassen. Erst hier begannen Alicens klare Erinnerungen. Die Familie lebte sehr abgeschieden; die Mutter war krank, der Vater, durch diesen Zustand noch ungeselliger geworden, als er schon von Natur war, hatte hier in der Fremde gar keine Beziehungen angeknüpft. Alice wurde mit einer jüngeren Schwester von einer deutschen Erzieherin erzogen. Diese war jahrelang ihr einziger Umgang, so daß Alice nur deutsch sprach und ausschließlich von deutschem Wesen beeinflußt wurde. Kaum zwölf Jahre alt – die jüngere Schwester zählte noch nicht neun –, verlor sie ihre Mutter.

Ihr Vater mußte den neuen Wohnort lieb gewonnen haben, es war nie von einer Rückkehr in die Heimat die Rede. Die Mädchen lebten mit ihm und der Erzieherin fort in einer Abgeschlossenheit, in der, wie Alice sich ausdrückte, »eine Menschenseele ermatten, oder zu krankhafter innerer Erregung gesteigert werden mußte.«

»Ich kam zu dem letzteren, nachdem das erstere mir gedroht hatte. Ich war an die Bibliothek meines Vaters geraten und war da mit Geistern in Berührung gekommen, die das gebannte Leben plötzlich in mir lösten. Ich las alles, was ich vorfand, und ich fand vieles, denn mein Vater brachte seine ganze Zeit mit Lesen zu, und was er schätzte, kam in seine Bibliothek. Da sah ich, was ein Menschendasein ist draußen in der Welt, wo das Leben pulsiert, wo die Geister Leben erweckend sich berühren. Es kam wie ein Fieber in mich, das regungslose Dasein konnte ich nicht mehr ertragen, ich mußte hinaus, ich mußte, und es war ja leicht, dies auszuführen. In einer Stadt des Nordens, wo die Wellen des geistigen Lebens hochgehen, wohnen die nahen Verwandten meiner seligen Mutter, die mich oft schon zu sich gebeten hatten. Ich dachte nun Tag und Nacht darauf, wie ich meinen Plan ausführen und meinen Vater für die Sache gewinnen könnte. Um diese Zeit kam ein Prediger der schottischen Kirche in dem nahen Kurort an, der hier das Amt des Geistlichen für längere Zeit angenommen hatte. Er brachte Empfehlungen an meinen Vater mit und besuchte uns nun oft. Schon daß dadurch die Einförmigkeit unserer Tage unterbrochen wurde, machte uns seine Besuche lieb, viel mehr aber die Bemerkung, daß mein Vater dabei zu einer geistigen Lebendigkeit erwachte, wie wir sie an ihm nie gekannt hatten. Der Prediger ist ein feingebildeter Mann, der lange auch auf deutschen Universitäten studiert hat und auf allen geistigen Gebieten wohlbewandert ist. Wo immer mein Vater Auskunft zu haben wünschte, er hatte sich nur an den Prediger zu wenden, und er war sicher, ins klare zu kommen. Mein Vater pflegte von ihm zu sagen, von diesem Manne gelte nicht nur das Wort, er habe auf jedem Felde gepflügt, besser könne man von ihm sagen, er habe darauf gearbeitet vom Samenstreuen bis zum Fruchtschneiden. Bald konnte auch mein Vater diesen Umgang gar nicht mehr entbehren. Wir hatten unsere besondere Freude an dem Verhältnis, meine Schwester und ich trugen auch unseren Gewinn davon. Die feine Art in Wort und Wesen des Predigers gefiel uns wohl, und seine Unterhaltung war so lehrreich und anregend, daß uns jeder seiner Besuche zu neuen Studien leitete und neue Blicke auftat. Pastor A. war sehr ernst; aber es lag etwas Poetisches in seinem Wesen, in seinen Worten, in seiner ganzen Erscheinung. Er las uns die Werke der deutschen Dichter vor und machte uns auf ihre Besonderheiten aufmerksam. Wir lernten so viel Schönes durch ihn kennen, und alles, was er erst selbst aufgenommen hatte und uns dann wiedergab, gewann einen neuen, lebendigen Sinn und eine tiefe Bedeutung.

Mir ging durch ihn jeden Tag ein neues Verständnis auf; es steigerte sich mein Verlangen, dahin zu kommen, wo solch geistiges Regen und Bewegen nicht nur die spärliche Gabe des einzelnen blieb, sondern von allen Seiten aus voll sprudelnden Quellen fließen würde. Mit einem Male empfand ich – glaubte ich zu bemerken, daß Pastor A. nicht mehr ganz derselbe war, wie ich ihn von Anfang an gekannt hatte; es war in seinem ganzen Benehmen etwas anders geworden, und ich fühlte bald, daß er nur gegen mich verändert war; mit Lucy und dem Vater hatte er das gewohnte, trauliche Wesen beibehalten. Es kam ein ängstlicher Gedanke über mich. Dann sagte ich mir wieder, es sei alles nur Einbildung von mir, und so ging es eine Zeit lang weiter. Pastor A. war nun unser täglicher Gast geworden, mein Vater konnte ihn nicht mehr entbehren, ein Abend ohne ihn war für uns alle wie verloren. Pastor A. las uns damals Schleiermachers Briefe vor. Eines Abends, wie er eben eine Bemerkung über das gewinnbringende Zusammenstießen so vieler geistiger Elemente in jenen Kreisen Berlins gelesen hatte, ruft Lucy plötzlich aus:

›Das kannst du dann alles aus der ersten Hand haben, bist du einmal dort, und gibt es noch solche Leute da heutzutage.‹

Der Pastor legte das Buch nieder.

›Sie denken an ein Fortgehen von uns?‹ fragte er, etwas überrascht.

Ich sah meinen Vater an.

›Es hat Zeit‹, bemerkte dieser.

›Ich denke wohl daran‹ sagte ich nun; ›sobald der Vater einwilligt, reise ich und viel lieber heute als morgen.‹

Es entging mir nicht, welchen Eindruck meine Worte auf Pastor A. machten. Er sprach kein Wort mehr. Meine Schwester forderte ihn auf, weiter zu lesen; er entschuldigte sich, seine Stimme sei nicht gut. Mein Vater wollte einige schottische Verhältnisse mit ihm besprechen, mit denen der Pastor wohlbekannt war, und er, den ich noch nie zerstreut gesehen hatte, gab ganz unzusammenhängende Antworten. Viel früher als sonst verließ er uns. Mein Vater bemerkte nach seinem Fortgehen, Pastor A. müsse heute Abend von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen gewesen sein, was ihm begreiflich sei, denn der Mann gehöre seinen Kenntnissen und Fähigkeiten nach auf einen ganz anderen Posten; er werde aber alles tun, ihn festzuhalten, das würde jeder tun, der mit ihm zusammenhänge. Ich schlief nicht in jener Nacht. Daß es nur zu keinem Aussprechen kommen möchte, war meine große Sorge; daß nur alles so bleiben könnte und ich nicht schuld an einem unersätzlichen Verlust für meinen Vater sein müßte! Daß ich nun so bald als möglich reisen wollte, das stand mir fest, denn fort mußte ich, jetzt mehr als je! Es kam ein kalter Schrecken über mich beim Gedanken, hier für alle Zeit festgebannt zu bleiben, oder gar nach den Einöden der schottischen Hochlande verschlagen zu werden, was der Pastor als Ideal in der Seele trug. Niemals! Ich war entschlossen, die erste günstige Gelegenheit zu benutzen, so klar zu reden, daß Pastor A. mich verstehen müßte; ich mußte suchen, so schnell als möglich mein Ziel zu erreichen, damit nur keine Worte fallen könnten von seiner Seite, die uns allen leid tun müßten. Kaum war er auch erschienen am folgenden Tage, als ich sogleich unser Buch herbeiholte und weiter zu lesen begehrte, weil mir in dieser Luft weit und wohl werde. Nur in solchen Umgebungen könnten die Menschen sich entfalten und das Leben einen wirklichen Wert für sie bekommen. Von allen bedauerlichen Existenzen fände ich die allerbedauernswerteste diejenige einer Frau, die ihr Schicksal in einen einsamen Landwinkel geworfen habe, um sie da geistig verarmen und verdorren zu lassen. Das Beste für sie sei dabei noch, wenn sie niemals zu einem bewußten Dasein erwache, denn was sollte sie mit ihrem Leben tun, wo alles tot um sie sei! Mir wäre eine solche Existenz dem Begrabenwerden gleich. Was ich noch sagte, weiß ich nicht mehr, ich war wie im Fieber.

Es hätte wohl nicht so viel gebraucht. Pastor A. sagte nicht ein Wort. Er war für den Vater aufmerksam wie immer; nur das Vorlesen, bat er, möchten wir ihm für heute erlassen, noch könne er seine Stimme nicht recht gebrauchen. Dann ging er weg und kam viele Tage nicht wieder. Schon am zweiten Tage seines Ausbleibens hatte mein Vater nach ihm ausgeschickt, um zu wissen, was mit ihm sei, denn er vermißte seine Gesellschaft schmerzlich. Der Pastor ließ ihm sagen, er sei unwohl geworden; sobald er es tun könne, werde er wieder kommen. Er kam auch wieder.«

Hier hielt Alice inne, als wäre sie zu Ende. Sie hatte den Kopf in ihre Hände gelegt; auf einmal brach sie in Schluchzen aus.

»O wär' er nicht wieder gekommen, so wäre alles nicht geschehen. Ich kann's nicht mehr ertragen.«

Hedwig stand auf: »Ich will Sie nach ihrem Zimmer bringen«, sagte sie, Alicens Arm in den ihrigen legend, »wir kommen ein andermal wieder zusammen.«

»Nein, nein«, rief Alice erschrocken aus, »nur nicht nach dem einsamen Zimmer; da sitze ich die halben Nächte und noch länger in der lautlosen Stille und sage mir immer dasselbe, immer dasselbe und sehe keine Rettung aus dem Unerträglichen! Hier sind Sie doch und haben Mitleid mit mir«

Hedwig konnte die Arme wohl eine warme Teilnahme empfinden lassen; ihr ganzes Herz war bewegt für sie.

»Ich will alles erzählen«, sagte Alice nach einer Weile mit ruhigem Ton, »ich will einmal alles aussprechen. Pastor A. kam wieder, aber wie war alles anders geworden zwischen uns! Er war ausnehmend höflich gegen mich, so höflich, daß es mir ins Herz schnitt. Er fragte nicht mehr mit Wärme nach meinem Urteil, oder nach dem Eindruck, den das Vorgelesene auf mich machte. Er lauschte nicht mehr vor allem nach meiner Zustimmung zu seinen Worten; er hatte kein herzliches Wort, keinen frohen Blick des Wiedersehens mehr, wenn er kam, wie ich es bei ihm gekannt hatte. Gegen den Vater und Lucy war er nicht verändert, doch war er schweigsamer als vorher, und ich bemerkte auch wohl, daß er nicht mehr mit der ganzen Seele bei unseren Gesprächen oder bei einer Lektüre war, wie ich das bei ihm zu finden gewohnt war. Ich weiß nicht, wie es kam, ich beschäftigte mich jetzt viel mehr als je vorher mit ihm. Alle seine Worte mußte ich mit denen der vergangenen Tage zusammenstellen, und war ich vorher gewohnt, daß er bei allem auf meine Zustimmung oder mein Verurteilen besonders lauschte, so lauschte ich jetzt auf das seinige. Wie wünschte ich die früheren Tage unseres unbefangenen Verkehrs zurück! Ich weiß nicht, war es meine gesteigerte Empfindlichkeit, war es völlige Einbildung, oder war etwas Wirkliches dabei: genug, ich glaubte zu bemerken, daß Pastor A. sich nach und nach immer näher zu Lucy hielt, und daß sie mehr und mehr an die Stelle trat, die ich eingenommen hatte.

Mich überfiel ein unaussprechlich marterndes Gefühl, das ich nie gekannt hatte, das mir alle Ruhe raubte und mich Tag und Nacht verfolgte. Alle Lust zum Fortgehen war mir völlig verschwunden, ich hatte keinen anderen Gedanken, keinen Wunsch mehr, als nur das eine, daß alles noch wäre, wie es einmal war, und doch wußte ich, es war für immer vorüber.

In jenen Tagen kam ein junger englischer Offizier in unser Haus, dessen Vater ein alter Bekannter unserer Familie war. Der junge Mann hatte auf seiner Rückreise nach Indien, wo er im Dienste stand, noch einige Freunde seines Hauses aufgesucht, die in der Nähe verweilten. Er warb um Lucy. Wir kannten ihn nur wenig; ich war nicht für ihn eingenommen; es lag etwas Wildes in seinem Blick, und in seinem ganzen Wesen hatte er etwas Gewalttätiges. Der Vater war nicht gegen die Verbindung, er ließ meine Schwester ganz frei entscheiden. Lucy wandte sich an mich, wie mit allen ihren Angelegenheiten, denn sie war wie Wachs in meiner Hand. Ich stieß sie in die Verbindung hinein. Sobald sie verlobt war, erkannte ich, daß Lucy entschieden dem Unglück entgegengehe; ich hatte sie dahin gebracht und ich wußte, warum. Nicht aus irregeleitetem Interesse für sie hatte ich es getan, das wäre zu verzeihen gewesen, nein, ich hatte sie geopfert aus brennender Eifersucht. Der Verlobte zeigte sich als ein innerlich roher, gewalttätiger Mensch. Lucy verlor täglich mehr ihre kindliche Fröhlichkeit; sie wurde still und sah abgehärmt aus; sie war nicht mehr dieselbe. Ich habe keine frohe Stunde mehr gehabt seither.«

»Ist sie denn schon verheiratet, ist denn kein Zurückgehen mehr möglich?« fragte Hedwig, als Alice innehielt.

»O, daran ist gar nicht zu denken«, entgegnete diese mit abschließender Bestimmtheit. »Mein Vater hat Lucy vollkommen freie Wahl gelassen; nun sie aber ihr Wort gegeben hat, würde er ihr nie gestatten, es wieder zu brechen. Meine Schwester denkt auch nicht daran. Sie nimmt ihr Los an, wie es gefallen ist, hält still und geht nun mit diesem Menschen fort nach dem fernen Indien, allein mit diesem Menschen. Sie wird es nicht lange aushalten, und ich habe alles getan, ich habe ihr junges Leben gemordet. Wie die Hochzeit nahte, die um seines Dienstantritts willen bald sein sollte, konnte ich meine Angst und Qual nicht mehr bemeistern. ich kam in einen solchen Zustand der Aufregung, daß ich Tag und Nacht ruhelos umherlief und kein Schlaf mehr in meine Augen kam, wie matt und entkräftet ich mich auch fühlen mochte. Ich weiß, was das heißt, was irgendwo gesagt ist von einem unauslöschlichen Feuer und einem ewig nagenden Wurm. So ist es in meinem Herzen. Der Arzt verordnete, ich sollte in andere Luft kommen, er schickte mich hierher. Ich ging gern, ich hoffte fern von allem die Sache ruhiger ansehen zu können, meiner Qual los zu werden; aber sie ist mit mir da. Täglich, stündlich erwarte ich den Brief, der mir die Anzeige von der Hochzeit und der Abreise meiner Schwester bringt, die ich nicht mehr sehen werde und die ich ins Elend hinausgestoßen habe.«

Alice legte ihren Kopf auf Hedwigs Schulter und schluchzte laut. Es war unterdessen spät geworden, eben hatte die alte Turmuhr drüben eins geschlagen. Hedwig stand auf. Sie nahm Alice bei der Hand und führte sie nach dem Nebengebäude hinüber in ihr Zimmer.

»Tun Sie mir eines zuliebe, Fräulein Alice«, sagte sie mit dem Ton bekümmerter Teilnahme, »bleiben Sie nicht mehr hier sitzen, grübelnd und wachend in die Nacht hinein, immer und immer wieder sich dasselbe vorhaltend; es macht die Sache nicht ungeschehen und führt Sie zu keinem Frieden. Werfen Sie sich auf ihre Kniee und rufen Sie den an, der allein Ihnen helfen kann.« –

Von diesem Abend an waren Hedwig und Alice unzertrennlich beisammen. Am Tage zogen sie durch die stillen Waldwege und zu der einsamen Bank hinauf. Da saßen sie viele Stunden lang, die dunkeln Wipfel des Kastanienwaldes zu ihren Füßen, die felsigen Savoyergebirge vor ihnen emporragend. Ihr Gespräch bewegte sich fortwährend um denselben Gegenstand. Nun Alice einmal ihr Herz aufgeschlossen hatte, war es ihr nicht mehr peinlich; im Gegenteil, sie fand eine Erleichterung darin, sich immer voller auszusprechen, sich immer neu, immer schärfer anzuklagen. Sie fand auch das tiefste Mitgefühl bei ihrer Gefährtin. Hedwig hatte sie so auf ihr Herz genommen, daß Alicens Leiden ihr eigenes geworden war. Sie rang und flehte für die Gequälte manche bange Stunde der Nacht durch, denn immer wieder sah sie das kleine Licht drüben schimmern und wußte, daß die Arme ruhelos ihrer bitteren Reue, ihren brennenden Vorwürfen hingegeben war.

Auf ihren Gängen am sonnigen Tage konnte Alice zuweilen dazu kommen, einen Blick um sich zu tun. Sehr oft trafen die Wandernden mit dem Baron zusammen, der sich gern ihnen anschloß und manchen schönen Herbstnachmittag mit ihnen durch die Wälder streifte und über die sonnige Höhe heimkehrte. In seiner Gesellschaft schien Alice für Augenblicke ihren nagenden Wurm vergessen zu können. Seine unverwüstliche Fröhlichkeit ergoß sich über alles, das ihm nahe kam, und seine helle Freude auf jedem Schritt, über die Blumen am Wege und die Vögel auf den Zweigen, über die hochroten Äpfel am Baum, über Himmel und Erde und vor allem über den goldenen Sonnenschein darauf, war völlig ansteckend. Für Alice war der Baron von der zartesten Aufmerksamkeit und in ihrer Nähe immer so maßvoll in den Ausbrüchen seines Frohsinns, als wüßte er genau, wie viel und wie wenig davon ein trauriges Herz erträgt. Ihm allein gelang es denn auch zuweilen, die Schatten von ihrer Stirne zu verscheuchen und einen leisen Sonnenblick hervorzurufen. Aber es war alles nur ein kurzes Selbstvergessen. Kamen die stillen Abendstunden, welche die Freundinnen jetzt immer auf Hedwigs Zimmer zubrachten, so stieg mit der alten Macht das Weh ihres Herzens und die unnennbare Qual ihres Gewissens auf.

»Ach, ich bete jetzt wirklich«, antwortete sie eines Abends auf Hedwigs wiederholte Erinnerung, »ich bete so anders, als ich es je vorher in meinem Leben getan habe. Früher war mein Gebet gerade so, als ob ich noch schnell dem lieben Gott gute Nacht wünschte; aber seit ich in der brennenden Qual liege, weiß ich, was es heißt, aus tiefer Not zu ihm zu schreien. Ich sage ihm auch wahrhaftig, daß ich ja gern alles, alles daran geben will; ich will ja auch nie mehr den Menschen sehen, an dem mein Herz viel heißer hängt, als ich je wußte, da ich noch mit ihm zusammen war; ich will ja keinen glücklichen Tag mehr für mich, nur daß mich der liebe Gott von meiner Qual erlöse und das arme Kind aus den Banden befreie, in die ich es geworfen habe.«

»Es ist gewiß recht, Alice«, sagte Hedwig, »daß Sie all' Ihre Wünsche, Ihr ganzes Erdenleben opfern wollen, um gut zu machen, was Sie verbrochen haben, und daß Sie darum beten, daß alle Strafe auf Sie falle und die arme Schwester vor großem Leid bewahrt bleibe. Aber ich glaube, Sie kommen zu keiner Ruhe, solange Sie mit Ihrem Gebet von Gott fast erzwingen wollen, daß er nicht geschehen lasse, was Sie angebahnt haben. Er hat seine eigenen Wege mit den Menschen; was wir Übeles tun, kann in seiner Hand zum Guten gewandt werden, aber auf andere Weise, als wir erwarten. Beten Sie um die volle Hingebung an seinen Willen; nur so können Sie zum Frieden kommen und es hinnehmen, ohne zu verzweifeln, wenn nun erfüllt sein muß, was Sie begonnen haben.«

»Ich kann nicht, ich kann nicht«, jammerte die Gequälte. »Es kann nicht geschehen, es ist schrecklich, was ich begonnen habe, es ist zu schrecklich.«

»So peinigen Sie sich fort und fort, Ihr Gebet bringt Ihnen keinen Segen und in Ihren Anklagen können Sie sich bis zum Irrsinn steigern.«

»Das ist wahr«, warf Alice sogleich ein, »das fühle ich und sagte ich mir schon oft mit Schaudern. Aber wie den Weg zur Rettung finden? Ach helfen Sie mir nur!«

»Ich kann Ihnen nur darin helfen, daß ich mit Ihnen zu unserem Herrn stehen will, daß er Reue und Buße annehme und in Ihr Herz den Glauben senken möge, daß er erlösende Wege hat, die wir nicht voraussehen können. Und dann, liebe Alice, suchen Sie Ihr ganzes Wollen und Wesen in seinem Willen aufgehen zu lassen.«

Es fiel kein liebevoller Rat bei Alice auf unfruchtbaren Boden; wenn ein solcher den Lebenssamen der Wahrheit in sich schloß, so trug er seine Frucht in ihrem Herzen.

Die Tage gingen dahin. Schaute auch aus Alicens tiefen Augen keine Freudigkeit heraus, so konnte doch Hedwig bemerken, daß das unruhig Erregte ihres Wesens sich leise milderte und wie ein stiller, freilich traurig stimmender Ton der Ergebung aus ihren Worten klang. –

Schon ging nun der Oktober zur Neige. Um die Berge lagen die Nebelwolken länger am Morgen und am Abend stiegen sie früher auf. Die lichten Sonnenuntergänge wurden seltener, doch blieben Alice und Hedwig ihren täglichen Wanderungen unverbrüchlich treu, wenn nicht entschiedene Regengüsse sie daran verhinderten. Zogen die Freundinnen auch noch so unbemerkt auf ihre Gänge aus, so wollte doch ein beharrlicher Zufall, daß sie zum Schluß der Wanderung immer noch auf den Baron treffen sollten. Alltäglich um dieselbe Zeit, an derselben Stelle sitzend, erkannten sie den Freund von weitem schon, der jetzt, aller menschlichen Gesellschaft abgewandt, sich einem beschaulichen Anachoretenleben zuzuwenden schien.

Da saß er wieder auf der weltverlassenen Bank, tief in Gedanken versunken, als am kühlen Oktoberabend die Freundinnen ihrem gewohnten Ruheplatz nahten.

»Sie müssen seit einiger Zeit eine große Vorliebe für die Einsamkeit gefaßt haben, Herr Baron«, sagte Hedwig herantretend.

»Unbeschreiblich«, rief er aus, indem er den Damen Platz auf der Bank machte und sich vor sie hinstellte; »geschieht mir aber, daß ich in solcher Weise darin gestört werde, dann zieh' ich das Begegnen der Einsamkeit vor.«

Schon hatten die Nebelwolken die Berge eingehüllt und einen grauen Schleier um das Tal gelegt, noch ehe die Sonne untergegangen war.

»So düster habe ich das Tal kaum je gesehen«, sagte Alice.

»Ich habe eben darüber nachgedacht, meine Dame«, begann der Baron ernsthaft, »warum drei vernunftbegabte Wesen vorzugsweise diese Bank freudeloser Unwirtlichkeit aufsuchen, wo man nichts sieht, als grau starrende Felswände, und nichts hört, als das Gekrächze kummervoller Waldraben, da doch nur eine Strecke davon entfernt eine Bank von einladendstem Charakter steht, die hinunterschaut auf das lebensfrohe Tal. Da hört man Herdenglocken und Hirtenjauchzen und sieht die frisch beschneiten Gletscher schimmern. Wie ist dies Unerklärliche zu deuten?«

»Für uns dadurch«, entgegnete Hedwig, »daß Fräulein Alice die Bank freudeloser Unwirtlichkeit mehr liebt, als diejenige von einladendstem Charakter.«

»Kennen ist lieben, sagt ein großer Mann«, rief der Baron aus. »Kommen Sie nur ein einziges Mal nach der anderen Bank hin und lernen Sie diese kennen! Tun Sie mir den Gefallen, mein Fräulein! Jetzt kommt ohnehin mein Geburtstag, da machen Sie mir doch eine Freude?«

Alice willigte lächelnd ein. Den Freudentag müsse ja jemand mit ihm feiern, damit ihn nicht die Erinnerung an das Vaterhaus zu traurig stimme. Da sei wohl immer ein großes Fest gewesen an dem Tage, meinte sie.

Der Baron bestätigte dies vergnüglich.

»Ich habe auch meiner Mutter geschrieben«, fügte er hinzu, »daß sie mir nur ja auf diesen Tag die Pfeffernüsse nicht vergesse, denn nur beim stillen Nagen brauner Pfeffernüsse werden die alten, echten Geburtstagsgedanken hervorgebracht.«

Die Wolken wurden dunkler und dichter; es war geraten, heimzukehren.

Als Hedwig am späteren Abend noch einmal durch den Garten ging nach dem tüchtigen Regenschauer, der aus den dunkeln Wolken gefallen war, kam der Baron von der Straße herein, er war in allem Regen herumgewandert. Er stellte sich vor Hedwig hin.

»Nein«, rief er aus, »wenn ich doch diese Augen nur einmal in Freude aufleuchten sehen könnte!«

»Ich stelle mir vor, Sie meinen Fräulein Alicens Augen, obschon es auch noch andere gibt«, bemerkte Hedwig.

»Wo gibt es denn andere, von denen man reden könnte?« warf der Baron zurück.

»Auch ich möchte Freude in diesen Augen sehen«, sagte Hedwig einstimmend. »Aber Ihnen, Herr Baron, möchte ich als alte Freundin einen guten Rat geben: beherzigen Sie doch die Briefe Ihrer Mutter wohl und besonders, was sie darin von den Töchtern des Landes und den Gefahren der Fremde schreibt.«

»Daß Gott erbarm', nun fangen auch Sie noch an!« rief der Baron jammervoll. »Fehlt nur noch, daß Sie mir auch den goldenen Haarwuchs noch ins Gedächtnis rufen.« Damit lief er fort.

Es folgten mehrere graue, dunkle Regentage. Die Freundinnen saßen meistens in ihrer Stube beisammen. Als am vierten Tage die Sonne strahlend über den Bergen aufgegangen war und das Gefilde frisch erwacht im Herbstschmuck prangte, zog es Hedwig früh hinaus; sie wollte einen Strauß der duftigen Feldblumen holen, denn heute war der angekündigte Geburtstag: der durfte nicht vergessen werden. Welch unvergleichliches Festgewand hatten doch der Himmel und die Erde angezogen, ihn zu begrüßen!

Als Hedwig nach einigen Stunden reichbeladen zurückkehrte, suchte sie gleich Alice auf, damit auch sie sich an den lieblichen Feldblumen erfreuen möge. In ihrem Zimmer war sie nicht zu finden. Hedwig ging nach ihrer eigenen Stube. Hier stand Alice marmorweiß an einen Stuhl gelehnt und hielt einen Brief in der Hand. Hedwig ging es wie ein Messer durchs Herz: das mußte der lang erwartete Brief der Schwester sein.

»Lesen Sie selbst«, sagte Alice, das Blatt hinhaltend; sie zitterte so sehr, daß es ihrer Hand entfiel; sie selbst sank auf den Sessel nieder und legte ihren Kopf in beide Hände. Hedwig ergriff das Blatt und las:

»Sei mir nicht böse, liebe Alice, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich konnte es nicht tun, ich hatte allen Mut und alle Freudigkeit verloren. Wie wirst Du aber erstaunen über die Mitteilung, die ich Dir heute zu machen habe: zwischen Eduard K. und mir ist alles abgebrochen. Ich werde nie nach Indien gehen, Major K. ist schon abgereist.«

Dann folgte die Erklärung der veränderten Lage.

Major K. hatte durch sein gewalttätiges Wesen Lucy mehr und mehr niedergedrückt. Vor dem Vater hatte er Respekt, in seiner Gegenwart ließ er sich nie gehen, so daß der Vater ihn nur von seiner einnehmenden Seite kannte. Lucys leise Klagen wurden daher vom Vater immer bestimmt abgewiesen als kindische Empfindlichkeiten, die sich geben würden, sobald sie mit dem Manne vereinigt wäre und sie sich erst recht kennen würden. Lucy verlor allen Mut, schwieg stille und suchte ihre wachsende Angst damit zu beschwichtigen, daß sie sich des Vaters Worte vorsagte, wenn sie auch kaum daran glauben konnte. Der Tag der Hochzeit war festgesetzt. Noch sollte sie im nahen Kurorte einen Tag zubringen; ein alter Freund ihres Vaters war mit seiner Familie dort angekommen. Lucy kehrte am Abend nicht zurück, wie festgesetzt worden war. Der alte Herr hatte darauf bestanden, sie am folgenden Tage selbst nach Hause zu bringen, um ihren Vater zu begrüßen. Major K. war am Abend gekommen, sie zu sehen, und hatte vergebens auf sie gewartet. Am folgenden Tage trat er mit funkelnden Augen in das Haus; er traf Lucy allein. Bevor sie reden konnte, übergoß er sie mit den heftigsten Vorwürfen über ihr Ausbleiben, da sie doch gewußt habe, daß er solches nicht ertrage; es sei zum letzten Male vorgekommen, er werde Mittel finden, ihr verständlich zu machen, daß sie sich nach ihm zu richten habe, nicht nach ihren Launen. Als sie sich leise entschuldigen wollte, sie sei festgehalten worden, und der Freund ihres Vaters werde alle Verantwortung auf sich nehmen, brach der Zorn über den alten Herrn und seine Familie los und wurde so heftig, daß der Major sich bis zu rohen Schimpfworten vergaß, mit denen er bald die Freunde, bald seine Braut bewarf. Lucy saß zitternd da und weinte. Der Major machte solchen Lärm, daß beide nicht gehört hatten, wie der Vater eingetreten war und vielleicht schon länger zugehört hatte. Auf einmal stand er zwischen den beiden. So hatte Lucy den Vater in ihrem Leben nie gesehen, sie hielt sich die Augen zu vor Schrecken. Nun ertönte seine Donnerstimme: »Major K., ich habe mein Kind einem Manne gegeben, der sein Freund und Beschützer sein soll, nicht einem Tyrannen und unwürdigen Wüterich. Wir haben uns heute zum letzten Male gesehen.« Damit hatte der Vater die Türe geöffnet, Major K. war fort. Dann folgte in dem Briefe der Schwester ein großer Erguß von Glück und Freude über die Befreiung und die Aussicht, wieder bei dem Vater und Alice bleiben zu können. Zur Erfrischung aller hatte der Vater für die nächste Zukunft eine Reise beschlossen, die auch für Alice die beste Erholung sein werde. In wenig Tagen werde er mit ihr über Genf nach dem Rhonetal kommen, um Alice abzuholen auf dem Wege nach Italien.

Das war der mit Zittern und Zagen lange erwartete Brief. Hedwig schaute auf Alice. Noch saß diese unbeweglich, ihr Gesicht in die Hände legend. Hedwig trat zu ihr heran, und, ihren Arm um Alicens Hals legend, sagte sie mit frohlockendem Herzen:

»Wenn die Stunden
Sich gefunden,
Bricht die Hilf' mit Macht herein.
Und dein Grämen
Zu beschämen,
Wird es unversehens sein,«

Alice war so ergriffen, daß sie nicht sprechen konnte. Sie saß schweigend neben Hedwig, deren Hand fest in der ihrigen haltend; ein Ausdruck unaussprechlichen Dankes lag auf ihrem Gesichte. Dann ging sie auf ihr Zimmer, es verlangte sie danach, allein zu sein. Sie mußte wohl ihr volles Herz vor dem ausschütten, der die schwere Last von ihr genommen und ihr Herz wieder fröhlich gemacht hatte.

Gegen Abend, als der wolkenlose Himmel über den Gebirgen golden zu leuchten begann, traten die Freundinnen aus der Türe. Hedwig hatte Alice den Geburtstag in Erinnerung gebracht, den sie auf der Bank des Barons mitzufeiern versprochen hatte. Alice war schnell bereit, ihr Versprechen zu lösen. Eilig gingen die beiden dem Nebenhügel zu. Schon kündeten die Purpurstreifen an den Felsen droben das Glühen der untergehenden Sonne an. Dort stand auch schon der Baron, an den Baum gelehnt, in dessen Schatten die Bank sich barg.

»Endlich«, rief er aus, sobald er die beiden gewahr werden konnte. Er lief ihnen entgegen, den Hügel hinunter, um sie im Triumph auf seinen auserwählten Sitz zu führen. Alice brachte ihre Glückwünsche zum Feste mit der gewinnendsten Freundlichkeit dar.

»Und die Pfeffernüsse, Herr Baron?« fügte sie bei, »sind sie richtig eingetroffen, so daß die echten Festgedanken sich entfalten können?«

»Gewiß, gewiß«, erwiderte er lebhaft, schaute aber mit großen, erstaunten Augen auf Alice. Es war das erste Scherzwort, das er aus diesem Munde vernahm. Es gibt Zustände, da die leiseste Veränderung des Tones empfunden wird; der Baron empfand sie sichtlich.

Die drei waren nun bei der Bank angelangt. Die Damen setzten sich hin, der Baron lehnte sich an den Baumstamm. Die Sonne war eben im Scheiden. Südlich warm erglänzte der Himmel gegen Italien hin. Die Felsenzacken ringsum standen rotglühend auf dem wolkenreinen Horizont. Über die Kastanienwälder schimmerte weithin der goldene Abendschein, bis hinauf zum grauen Turme, um den es leuchtend aufzuckte, wie Erinnerungen alter Herrlichkeit, und majestätisch schauten über Fels und Wald und das weite Tal hinab die flammenden Gletscher der fernen Montblanc-Kette.

Schweigend hatten alle drei in den Abend hinausgeschaut. Jetzt rief Alice plötzlich mit einer Summe, die wie die helle Freude klang:

»Daß diese Erde so schön sein kann, das wußte ich nicht bis zu diesem Abend, und daß ich noch heute diese Schönheit gesehen habe, das danke ich Ihnen, Herr Baron. In meinem Leben werde ich diesen Geburtstag nicht vergessen.«

Der Strahl, der jetzt aus diesen Augen leuchtete, mochte dem Baron seinen Wunsch in Erinnerung bringen; das wachsende Erstaunen auf seinem Gesichte zeigte, wie wenig er erwartet hatte, ihn so bald in Erfüllung gehen zu sehen.

»Diese Bank wirkt Wunder!« war der Ausspruch, mit dem er seinem Erstaunen Luft machte. »Hier müssen wir mehr Feste feiern! Den ganzen Monat November machen wir zu einem ununterbrochenen Festtag.«

»Da werden die Gäste Platz auf der Bank haben«, meinte Hedwig. »Wir beide bleiben übrig, Herr Baron. Wenn wir Fräulein Alice noch drei Tage behalten, so ist es alles.«

Einen Augenblick sah der Baron aus, als wäre er vom Schlage getroffen. Er wollte etwas sagen, aber es war, als müsse er seine Stimme erst weit heraufholen.

»Sie denken doch an kein Fortgehen«, sagte er jetzt, zu Alice gewandt.

»Von heute an kann mir jeder Tag ein Telegramm bringen, das mich sofort zum Aufbruch ruft«, erwiderte sie. »Ich gehe nicht gern jetzt und so plötzlich von hier fort. Nur die Ankunft von Vater und Schwester versöhnt mich mit dem Gedanken, und die Hoffnung, die Freunde, die ich hier gefunden, wiederzusehen.«

Der Baron blieb stumm an seinen Baum gelehnt. Auch die Freundinnen schauten schweigend, wie über den Felsenhöhen Stern um Stern erglomm und die erbleichten Gletscher nach und nach im Horizont verschwammen. Der Abendwind wehte kühl über den Hügel hin. Die Festfeiernden standen auf von der Bank, um die für alle drei ein Hauch unvergeßlicher Herrlichkeit wehte. Sie sollten sich nicht wieder da zusammenfinden.

Alice wünschte noch einmal die Mutter des lahmen Kindes zu sehen. Die Freundinnen gingen am folgenden Abend dahin, sie wußten, daß nur um diese Zeit die Frau zu finden war. Sie kam ihnen entgegen. Hedwig ließ die beiden allein und ging dem Hause zu. Das Kind saß nicht mehr unter dem Kirschbaum, die Abende waren zu kühl geworden; über die Mittagsstunden hätte es wohl noch draußen sitzen dürfen, aber da war niemand, es hin und her zu tragen.

Hedwig trat in das Haus ein. Da saß Juliette in ihrer Ecke in der niedrigen Stube, um sie herum lagen ihre Güter. Mit besonderer Freude hatte sie sich nun auf die Bilderbücher mit den Erzählungen geworfen. Ein junges Mädchen vom Orte hatte angefangen, sie lesen zu lehren. Nun war ein ganzer Eifer dafür in ihr erwacht. Diesmal habe sie auch gar nicht weinen müssen, wie sonst, erzählte Juliette, wenn sie nicht mehr hinaus konnte, nun sei es so anders in der Stube. Sonst habe sie immer denken müssen, sie könne es nicht erleben, daß der Winter ein Ende nehme, und nun habe sie so viel zu tun; bis der Frühling käme, würde sie nicht einmal fertig, alle Bilder recht zu kennen, und dann erst noch alle Geschichten! Noch einmal mußte Hedwig sie alle ansehen und raten, was zuerst sollte gelesen werden, und einstimmen in des Kindes unermüdliches Ergötzen.

Jetzt traten Alice und die Mutter herein. Diese hatte geweint, aber sie schien wohlgemut zu sein und sprach gleich mit warmen Worten von der Erleichterung, die ihr durch die unbegreifliche Wohltat an dem Kinde für den Winter geworden sei.

Als Hedwig der Frau die Hand zum Abschied reichte, sagte diese auf Alice blickend: »Es weiß doch kein Mensch, der's nicht erfahren hat, wie wohl es einem armen Geschöpfe tut, wenn eine freundliche Menschenseele, die weiß, was Kummer und Angst ist, so tröstliche Worte zu ihm redet.« –

Am Tage darauf kam für Alice der Ruf zur Abreise. Sie hatte sich auf den folgenden Tag bereit zu machen und auf der Station mit den Ihrigen zusammenzutreffen, um das Rhonetal hinauf dem Simplon zuzueilen, der noch in diesen milden Tagen passiert werden sollte.

Am leicht bewölkten Morgen zogen einmal noch die drei, die so oft diese Wege zusammen durchwandert hatten, dem Stationsgebäude zu. Dort rannte eine Menge von Passagieren durcheinander, man wußte nicht recht, wo sich hinstellen. Der Baron bemühte sich um die nötigen Reiseanordnungen, Alice hatte sich mit ihm zu verständigen. Hedwig trat auf den Perron hinaus, wo der Zug schon angekommen war. Vor der Türe eines Waggons stand einer der Passagiere, eine große, kräftige Männergestalt. Hedwig wußte augenblicklich, wen sie vor sich sah: das edle Angesicht, von reichem grauem Haar umwallt, zeugte von unzerstörbarer Jugendfrische; er trug durchaus Alicens Züge, wenn auch mit männlichem Gepräge.

Hoch aufgerichtet stand der Mann oben und schaute mit vollkommener Ruhe auf die hastig suchende, schreiende, hin und her rennende Schar der Mitreisenden nieder. Er sah ganz aus wie einer, den nichts so leicht erregt, der aber, einmal in Aufregung gebracht, die ganze Welt zur Türe hinauszuwerfen im Stande wäre.

Aus dem Fenster schaute ein junger Mädchenkopf, rings herum suchend, mit sichtlichen Zeichen großer Ungeduld. Jetzt trat Alice heraus, gefolgt von dem schirm- und schalbeladenen Baron. Der Mädchenkopf am Fenster tat einen Freudenruf. Alice sprang auf die Stufen und verschwand mit ihrem Vater im Wagen. Aber noch einmal kam sie heraus, noch einmal wurden die Hände gedrückt zum Abschied. Dann schauten noch einmal ihre sprechenden Augen nach den Freunden aus, und nun rauschte der Zug dahin und verschwand im grauen Felsental.

Schweigend gingen der Baron und Hedwig den Weg hinein zum Pensionshause zurück, wo sie sich trennten. Warum weder das eine noch das andere ein Wort sprechen konnte, das wußte eines so gut wie das andere. Am Abend trafen sie auf der steilen Strecke am Hügelwege wieder zusammen. Sie hatten nichts verabredet, aber es kam beiden vor, als könnte es nicht anders sein, als daß sie dort hinauf gehen müßten. Bei der Bank angekommen, warf der Baron sich auf den Boden nieder, Hedwig setzte sich an die bekannte Stelle. Eine lange Weile verging, es sagte keines ein Wort. Endlich brach der Baron los:

»Hier halt' ich's nicht mehr aus; es ist geradezu, als sei die Erde ringsum wüst und leer geworden und alles vorbei.«

»Mir ist nicht viel anders als Ihnen«, sagte Hedwig; »ich kann es auch kaum ertragen, daß alles vorbei ist.«

Nun schütteten die beiden einander ihr Leid aus, es tat ihnen wohl, auszusprechen, wie weh jedem zu Mute war. Dann folgte wieder ein langes, lautloses Schweigen. Welch' reiche, schmerzliche und liebliche Erinnerungen umwehten all' die Wald- und Wiesenpfade, die man von hier erblickte, die Hedwig mit Alice durchwandert hatte.

Der Baron mochte seinen eigenen Gedanken nachgehen. Mehrere Male schon hatte er den Versuch gemacht, etwas zu sagen, aber es gelang ihm nicht. Jetzt fing er nochmals an.

»Sagen Sie mir, wollen Sie mir als gute, alte Freundin einen Rat geben?«

»Von Herzen gern und treulich«, antwortete Hedwig.

»So sagen Sie mir – glauben Sie – was meinen Sie, wenn ich auch nach Italien ginge? Ich meine, ob ich – ob sie – ob wir beide –« Der Baron stockte.

»Gehen Sie nicht nach Italien«, fiel Hedwig ein. »Sagen Sie mir nichts weiter; aber glauben Sie mir, gehen Sie nicht nach Italien jetzt.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja, ganz sicher.«

»So. Dann geh' ich heim zur Mutter«, sagte der Baron halb komisch, halb schmerzlich resigniert.

Am folgenden Morgen, als Hedwig aus dem Frühstückszimmer auf die Veranda heraustrat, stand der Baron völlig reisefertig draußen. Der bepackte Wagen vor der Tür bestätigte Hedwigs Vermutung.

»Sie reisen, jetzt gleich?« fragte sie erstaunt.

»Ja«, erwiderte er, »je schneller, je besser; nur fort jetzt, fort, aus allem weg! Aber schön war's hier!«

Noch einmal schaute er ringsum; seine letzten Blicke schweiften hinauf nach der weinumkränzten Waldhöhe. Dann schüttelte er Hedwig die Hand und stieg in den Wagen.

Wenige Tage nachher verließ auch Hedwig den lieblichen Erdenwinkel im Rhonetal, unvergeßliche Erinnerungen mit sich tragend.

Frau v. L. hatte schon längere Zeit vorher die Pension verlassen, nicht ohne Hedwig noch einmal wohlmeinend ihren Weg, den sie als den einzig richtigen erkannt wissen wollte, ins Gedächtnis zu rufen. Hedwig erkannte gern die Wohlmeinenheit an; aber auf dem Wege konnte sie nicht folgen.

Nur die lahme Juliette ließ sie allein noch als nahe Bekannte zurück, eine Bekannte, von der ihr der Abschied leid tat. Auch Hedwigs letzte Blicke beim Fortgehen suchten nach der Bank am waldumsäumten Rebenhügel.

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