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Im Rhonetal

Johanna Spyri: Im Rhonetal - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Spyri
titleIm Rhonetal
publisherFriedrich Andreas Perthes A.-G.
printrunFünfte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080315
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Viertes Kapitel.

Die sonnigen Herbsttage kamen und gingen wolkenlos. Lag auch zuweilen ein leichter Morgennebel um die Berge, trat nur erst die Sonne recht heraus, so war er spurlos verschwunden, und das leuchtende Blau lag über den dunkeln Felsenzacken, und südliche, warme Farben schimmerten über den herbstlich geröteten Kastanienwäldern.

Hedwig hatte auf ihren Gängen eine Bank entdeckt, die, an den Abhang gelehnt, über dem der Waldessaum sich hinzieht, weit hinab ins grüne Tal, hinauf zum schneeigen Gipfel der nahen Tent du Midi und hinüber auf die leuchtende Kette der fernen Gletscher schaut und so in einem Blick die mannigfaltige Herrlichkeit des Landes umfassen und genießen läßt. Jeden Abend stieg Hedwig jetzt den sonnigen Weg, den Rebenhügeln entlang, hinauf, bis zu der einsamen Bank. Da ließ sie sich nieder und erwartete den Sonnenuntergang. Dann legte sich das Abendlicht golden auf den grünen Talgrund; die Fenster des grauen Kirchleins funkelten weithin wie lichtes Gold; Tal, Wald und Hügel schwammen in Duft und Gold, und alle dunkeln Felsenhöhen stammten wie Purpur, bis hinter den Savoyerbergen die letzte Abendglut erlosch.

Die Römerin mußte, gleichwie Hedwig, eine besondere Vorliebe für die rebenumkränzte Waldhöhe gefaßt haben. Täglich trafen sich die beiden auf dem Wege am Hügel hinauf, oder Hedwig saß schon auf ihrer Bank, wenn die Fremde heraufkam und vorbeiging. Sie setzte sich nie auf die Bank, auch wenn sie die erste oben war; sie ging daran vorüber und weiter in den Wald hinein. Auch sie hatte wohl ein bestimmtes Ziel, wohin ihr Weg sie täglich führte. Sie ging immer allein, tief in ihre Gedanken versunken.

Des Morgens, wenn die Kurpflichten erfüllt waren, wanderte Hedwig gewöhnlich zu dem lahmen Kinde hinauf, das an schönen Tagen immer ganz verlassen unter seinem Baume saß und etwas erwartete. –

Die projektierten Partieen hatten begonnen. Jeden Morgen zog ein Teil der Gesellschaft zu Wagen ins Land hinaus; der Baron war immer dabei. Am Abend, wenn alle heimgekehrt waren, fand man sich im Saal zusammen, in allerlei Gruppen verteilt. Auch da war der Baron eine Hauptperson. Immer heiter, immer angeregt und gesprächig, ward er täglich reicher an Freunden und von allen Seiten in Anspruch genommen. Hedwig setzte sich immer so, daß sie irgendwie die Römerin in Sicht bekam, die ihre Gedanken täglich mehr beschäftigte und die allabendlich gesenkten Auges ununterbrochen an ihrer Arbeit fortfieberte. Der letzte Tag des milden Septembermonats war in besonderer Klarheit ungebrochen. Die schöne Morgenluft hatte Hedwig früher als gewöhnlich hinausgelockt. Obschon sie nicht erwartete, ihre kleine Bekannte schon zu sehen, schlug sie doch den Weg ein, der an ihrem Häuschen vorbeiführte, es war immer ihr erster Gang. Unerwarteterweise traf sie die lahme Juliette schon unter ihrem Baume sitzend, denn in aller Frühe waren heute die Eltern mit den Kleinen weggegangen. Das Kind saß bleich und fröstelnd in die Ecke des Sessels geduckt. Es mußte einer seiner schlimmen Tage sein, da der schwache Rücken von herben Schmerzen gefoltert war. Als Hedwig sich nahte, zeigte das Kind mit seinen mageren Händchen gegen Westen hin, es kannte präzis die Stelle, wo die Sonne in diesen Tagen unterging.

»So weit muß die Sonne gehen, ehe es wieder Abend wird«, sagte es seufzend. »Das währt lange.« Dann, wie elektrisiert, fuhr es plötzlich auf: »Aber an einem so langen Tage kann auch viel begegnen; da könnte es wohl einmal kommen, glauben Sie nicht auch?« Das Kind schaute Hedwig mit seinen forschenden Augen erwartungsvoll an. Hedwig hatte nicht den Mut, dem Kinde Hoffnung auf eine Freude zu machen, an die sie selbst nicht glaubte; ihm aber diese einzige beglückende Aussicht zu rauben, das vermochte sie auch nicht. »Einmal, Juliette, gewiß einmal kommt auch für dich der Tag der Freude«, sagte sie. –

Hedwig war zurückgekehrt; sie stand stille am Gartenpförtchen und schaute um sich; so hatte sie Himmel und Erde noch nicht gesehen, seit sie dieses Tal des zauberhaften Farbenglanzes betreten hatte.

Vom Hause her kam der Baron ihr entgegengelaufen.

»Und wie geht es Ihnen in diesem Jammertal?« fragte er, einen tragikomischen Blick auf die leuchtenden Berge hin werfend, in deren Anblick Hedwig versunken war.

»Für Sie und mich ist freilich der Jammer nicht groß, solange wir in solchem Sonnenschein auf der schönen Erde herumgehen«, erwiderte Hedwig; »aber deswegen ist der Erdenjammer doch nicht ausgetilgt. Wollen Sie das bestreiten, wenn ich Ihnen ein junges Leben zeige, das in Entbehrung und Leiden dahinwelkt, ehe es nur aufgeblüht hat?«

»Wirklich, hier in diesem Wundertale? Ist's möglich? Wo denn? Wer denn?« fragte der Baron mitleidig.

Hedwig war noch ganz erfüllt von dem Eindrucke, den ihr die verlassene Kleine heute besonders gemacht hatte; sie erzählte mit warmem Herzen von dem lahmen Kinde und seinem freudlosen Dasein.

Der Baron wurde ganz erregt. »Das arme Wesen! Das arme kleine Ding!« rief er einmal ums andere. »Hat es denn gar keine Lebensfreude?«

Nun sprach Hedwig von der sonderbaren Erwartung des Kindes, die wirklich eine Art von Lebensfreude bei ihm war, da sie für dasselbe jeden Tag mit einem Hoffnungsschimmer anhauchte. »Aber es wird ja der vergeblichen Hoffnung bald müde werden und auch diese Art von Freude verlieren«, setzte sie hinzu. »Das arme Kind, was sollte auch Wunderbares in dieses elende Leben hineinfallen!«

»Woher das Kind nur die Idee hat, immer 'was Besonderes zu erwarten; das gefällt mir!« sagte der Baron mit lebhafter Teilnahme.

Hedwig teilte ihm mit, wie es von einer Geschichte herkomme, die man ihm erzählt hatte, und schloß: »Das Kind muß starke Eindrücke haben und lange daran arbeiten im stillen. Wie wenig Wechsel ist auch in diesem Leben ohne alle Bewegung! So anders, als alles Kinderleben ist und sein sollte.«

Der Baron und Hedwig waren in der Veranda angekommen und gingen darin auf und nieder. Hedwig fragte, ob denn keine Partie vorliege für den heutigen Tag.

»O! mehr als eine«, rief der Baron aus, »drei, eigentlich sechs.« Vor lauter Auswahl sei man noch zu keinem Entschluß gekommen, sie müßten aber alle fertig gebracht werden. Mit Hedwig war er nicht zufrieden, denn noch hatte sie an keiner der Partieen teilgenommen, und mit der Römerin sei gar nichts anzufangen, die lehne erst recht alles ab. Er hatte einen der Amerikaner dahin gebracht, sich ihr zu nähern, selbst hätte er den Mut dazu nicht gehabt; aber der Mensch sei mit all seinen Anträgen schmählich abgeblitzt, wie der Baron diese Erfahrung bezeichnete. Er fand es aber zu schade, daß ihr nicht beizukommen sei, und meinte, Hedwig sollte einen Ausweg ausfindig machen; sie würde ja gewiß zuerst dafür belohnt werden, dessen wäre er sicher.

Während des Gesprächs war Frau v. L. über die Veranda gegangen; sie hatte ernst und schweigend gegrüßt; jetzt kehrte sie wieder zurück, nochmals einen langen, strengen Blick auf die Sprechenden werfend.

»Diese Erscheinung nenne ich die Schleier-Eule«, bemerkte der Baron, als sie in den Saal getreten war. »Mir wird etwas bange in ihrer Nähe, so als könnte sie einem auf einmal in die Haare fahren und großen Schaden darin anrichten.«

»Das ist Ihr böses Gewissen, das Ihnen solche Bilder vor Augen führt«, entgegnete Hedwig; »diese Frau tut niemand 'was zuleide, sie wünscht jedem das Beste und würde es ihm gern beibringen, nur auf ihre Weise.«

»Und ihre Weise ist schauerlich«, sagte der Baron, sich schüttelnd.

Eben war die Post angelangt. Der Baron lief dem Briefboten entgegen und wurde belohnt. Für sich zog er einen dicken Brief heraus, auch für Hedwig brachte er einen. »Hieroglyphenzeichen«, bemerkte er, indem er den Brief übergab. Dies war richtig; es war die kribblige, aber für Hedwig so liebe Handschrift der nahen Freundin, die eben in Südfrankreich angekommen war, um ihrer zarten Gesundheit wegen dort den Winter wieder zuzubringen. Sie erzählte von ihrer Freude am Wiederfinden aller bekannten Wege und der unvergleichlichen Schönheit der Natur, die sie rings umgab. Am Schlusse des Briefes nannte sie Hedwig einen Namen, den diese durchaus nicht entziffern konnte. Sie studierte lange daran: den Namen hatte sie nie gehört. Vielleicht konnte ihr der Baron Aufschluß geben. Er stand an einen Pfosten der Veranda gelehnt und las kichernd seinen Brief. Jetzt war er zu Ende. Eine Weile lachte er noch in sich hinein. Hedwig ging zu ihm hin. »Sie müssen recht erheiternde Nachrichten erhalten haben, der Wirkung nach zu schließen, Herr Baron.«

Nun lachte er heraus: »Nein, meine Mutter ist zu köstlich! wirklich zu köstlich! Schon in zwei Briefen schrieb sie mir weitläufig über die Heimkehr unserer jungen Nachbarin, die drei Jahre lang irgendwo in einer Anstalt war, um etwas gezähmt zu werden. Nun soll sie mit ganz goldenen Haaren und einem bewunderungswürdigen Charakter heimgekehrt sein und die Zierde des Landes ausmachen. Da ich auf die beiden Briefe mit demselben Inhalt wenig zu sagen wußte, bekomme ich heute eine ganz enorme Epistel von der besorgten Mutter; da steht dann viel geschrieben von Töchtern des Landes und von Gefahren der Fremde, und dann kommen noch einmal die goldenen Haare und die Charaktervorzüge der Nachbarin Lili. Ich habe dieses Extrawesen zuletzt gesehen vor ungefähr fünf Jahren, da war es ein zwölfjähriges, grauenhaftes kleines Wild, das mir durch den Garten nachlief, mich einzufangen, und wie es mich an meinem Rockschoß erwischt hatte, riß es so verzweifelt daran, daß er ihm in den Händen blieb und ich mich dergestalt überschoß in einen Rosenbusch hinein, daß ich völlig verwüstet wieder daraus hervorging, und nun schreibt mir die Mutter beruhigend, so 'was würde Lili heute nicht mehr ausführen. Das muß ich für ihren guten Vater hoffen; den risse sie völlig auseinander mit solcher Gewalttat. Daß aber die Mutter meint, ich sollte mich während der Zeit meiner Erholung hier ausschließlich mit dem Haarwuchs unserer kleinen Nachbarin beschäftigen, das finde ich einzig; es fehlt nur noch, daß ich ein Muster bekommen hätte von der Farbe und Länge des goldenen Vließes.«

»Nur nicht so spöttisch, Herr Baron«, sagte Hedwig; »man kann nie wissen, womit man sich noch beschäftigen wird. Kommen Sie, helfen Sie mir einen Namen entziffern; wer kann hier so heißen?«

Der Baron folgte Hedwigs Finger auf dem Papier.

»Das ist der Name der Römerin, wie er im Fremdenbuch steht«, fuhr er auf; »wer weiß etwas von ihr?«

Hedwig sah ihn überrascht an. »Sie ist's? dann hoffe ich bald von ihr zu wissen.«

Sie teilte dem Baron mit, daß ihre Freundin ihr geschrieben, es müsse in derselben Pension mit ihr eine junge Dame sich befinden, deren Bekanntschaft sie im vorigen Winter in Südfrankreich gemacht hatte und die Hedwig durchaus kennen lernen müsse; sie sollte sich sofort mit einem Gruß der Freundin bei der Betreffenden einführen.

»Herrlich! köstlich! Was man nur wünschen kann!« rief der Baron hoch erfreut. »Heute noch wird ein Angriff gemacht und morgen die ganze Festung eingenommen!«

»So militärisch werde ich kaum verfahren«, meinte Hedwig, indem sie die Veranda eilig verließ, da sie bemerkte, wie das Mädchen sich eben anschickte, die gellende Tischglocke in Bewegung zu setzen.

Der spätere Abend dieses Tages war mild und sternenhell, so daß die meisten der Gäste länger als gewöhnlich im Garten hin und her gingen. Hedwig stand am Eingang der Veranda und schaute die Vorüberwandernden an: sie hoffte, die Römerin darunter zu erblicken. Seit sie ihren Brief erhalten hatte, wartete sie immer auf eine passende Gelegenheit, sich der jungen Dame zu nähern. Es wurde spät, die Gäste verloren sich nach und nach, Hedwig trat in den Saal ein. Es war fast niemand da und alles still. In einer Ecke saß Frau v. L., in einer anderen die Römerin, ganz regungslos; ihre Arbeit lag auf ihrem Schoß, die Hände untätig darübergelegt. Sie hat sich ganz vergessen; diesmal müssen ihre Gedanken mit Macht Herr über sie geworden sein, daß sie nicht mehr ruhelos diese Hände zu treiben vermögen, wie sonst immer, dachte Hedwig, und der Mut, sich der Regungslosen zu nahen, entfiel ihr. Jetzt traten der Baron und einige seiner Bekannten mit ziemlichem Geräusch herein; augenblicklich war die Römerin in emsigster Arbeit. Es blieb bei den wenigen Gästen im Saal, die meisten waren schon verschwunden, oder gar nicht hereingekommen.

»Heute ist nichts los da drinnen, wir müssen ein Gesellschaftsspiel in Gang bringen, sonst entschlafen die wenigen noch, die da sind«, rief der Baron seinen Freunden zu. Alle stimmten ihm lebhaft bei, und sogleich wurden die Sessel um den großen runden Tisch herum geordnet. Was sollte ausgeführt werden? Man debattierte nunmehr eifrig darüber.

»Wir wollen Menschen zusammenstoßen«, sagte die kleine Amerikanerin, die sich durch besondere Teilnahme an der Sache auszeichnete.

»So kann man nicht sagen«, donnerte ihr Bruder George sie an. »Du wirst nie deutsch wissen.«

»Doch, so kann man sagen, es heißt: put together; nicht wahr, so kann man sagen, Papa?«

Damit wandte die beleidigte Kleine sich an den Vater, sichtlich fest überzeugt, vor dieser Instanz zu gewinnen.

»Ja, ja, so kann man auch sagen; little Mimy hat recht«, entschied der Vater. »Wo man es dann anwendet und wo nicht, das wird Mimy schon lernen; dafür reisen wir.«

»Nein, das kann man nicht sagen, nie, you silly staring rabbit«, brummte der ergrimmte George vor sich hin. Währenddessen hatte der Baron allerlei Zeichen und Winke an Hedwig gerichtet, dahin zielend, sie möchte die Römerin mit in das Spiel hineinziehen.

Hedwig winkte entschieden ab. »Sehn Sie doch einmal nach ihr hin«, sagte sie leise; »sieht sie denn aus, als möchte sie Menschen zusammenstoßen?« Hedwig wußte freilich selbst nicht, wie das geschehen sollte. Das Spiel wurde in Gang gesetzt, und der Sinn der Sache war, daß zwei Menschen zusammengestellt werden sollten, die sich irgend eine Wahrheit sagen mußten.

»Noch einfacher«, bemerkte der Baron, »ist es, wenn wir nur einen Namen hinsetzen und das Publikum demselben eine Wahrheit sagen lassen.«

Der Vorschlag wurde angenommen, das Spiel begann. Man schrieb eifrig unter tiefem Schweigen, das nur hier und da von einer kindlichen Bemerkung Mimys und des Bruders markiger Zurechtweisung unterbrochen wurde. Das Werk war fertig; jeder mußte sein Blatt herunterlesen. Es kamen eigentümliche Wahrheiten heraus, meistens war deren Sinn etwas dunkel. Die Amerikaner, alt und jung, hatten ihre überseeischen Gedanken in so fremdartige Formen der deutschen Grammatik eingekleidet, daß man nie recht wußte, ob die Dinge das bedeuten sollten, was die Worte ausdrückten, oder ob damit das Gegenteil gemeint war. Der Baron wollte umkommen vor Lachen. Endlich kam die Reihe an ihn; er hatte Mühe, mit Fassung zum Ende seines Blattes zu kommen. Am Schlusse stand noch sein eigener Name. Mit Pathos las er die ihm zugeeigneten Worte:

»Kakadus wie Schleier-Eulen
können noch peccavi heulen.«

»Was ist ein peccavi?« fragte Fräulein Mimy.

»Das ist ein arges Ding«, erklärte der Baron. »Diese Worte hat mir meine Freundin als bedeutsamen Wink auf meinem Lebensweg gewidmet.« Dabei schaute er mit drohend aufgehobenem Finger auf Hedwig hin.

»Ich bin mit der Sache einverstanden«, sagte diese ruhig; »geschrieben habe ich sie zwar nicht, finde es aber viel besser, daß der Mensch aus sich selbst zu solchen Wahrheiten gelange, als daß er sie von anderen hören müsse.«

»Wieso? Wie meinen Sie das?« fragte der Baron in harmloser Weise.

»Ich meine, weil ich die Kakadus in Ruhe gelassen, so war nur noch einer, der sie mit Ihrem Namen in Beziehung bringen konnte; diese Art von Kakadus kennt nicht jeder.«

»Ich kenne 25 Arten von Kakadu«, erklärte Master George mit stolzer Miene, sichtlich bezweifelnd, daß ihm eine entgangen sein sollte, und nun mischten sich sämtliche Amerikaner in die Kakadufrage, so daß in kurzer Zeit die ganze Gesellschaft eifernd und gestikulierend mitten im Zimmer stand und alle Kakadu-Arten Südamerikas mit ihren mannigfaltigen Eigenschaften in der lautesten Weise hin und her besprach.

Hedwig entschlüpfte durch die offen stehende Glastüre; kurz vorher war die Römerin hinausgegangen. Sie stand draußen an die Balustrade der Veranda gelehnt und schaute regungslos in die Nacht hinaus.

Hedwig trat zu ihr heran.

»Fürchten Sie diese kühle Abendluft nicht?« fragte sie einleitend.

Die junge Dame fuhr zusammen. Sie mußte nicht bemerkt haben, daß ihr jemand genaht war. Sie bat um Entschuldigung, sie sei es so wenig gewöhnt, hier angeredet zu werden. Hedwig erwiderte, die Bitte um Entschuldigung müsse von ihr ausgehen; sie hätte auch nicht gewagt, die Dame anzureden, wenn ihr nicht ein Gruß für sie das erwünschte Recht dazu gäbe.

»Und daß Sie von Ihrem Rechte Gebrauch machen, kann auch mir nur sehr erwünscht sein«, entgegnete das Fräulein. Es lag eine so gewinnende Freundlichkeit im Ton ihrer Stimme, in der Art, wie sie sich zu Hedwig kehrte und ihr die Hand entgegenhielt, daß diese einen Augenblick überrascht und stillschweigend dastand. Sie hatte etwas ganz anderes erwartet. Wo war das ablehnende, stolze Wesen, das sie bis jetzt immer in der Haltung der Römerin zu sehen geglaubt hatte?

»Und der Gruß?« fragte diese jetzt, halb lächelnd.

Hedwig schaute in das edle Angesicht, daß sich zu ihr gewandt und vom Lichte der Lampe hell erleuchtet war. Nicht Kälte und Stolz, wie sie bis jetzt zu bemerken geglaubt hatte, eine tiefe Traurigkeit lag auf diesen Zügen, im ganzen Ausdruck dieses Wesens. Sie gab den Gruß ihrer Freundin ab. Das Fräulein erinnerte sich gleich des Namens und fragte, wo jetzt die Freundin sich aufhalte.

»Wieder in Südfrankreich«, erwiderte Hedwig; »ich verstehe aus ihrem Briefe, daß Sie in der Nähe der Villa wohnten, wo meine Freundin den Winter zubrachte und nun wieder zubringen wird.«

Das Fräulein bejahte dies kurz und fing gleich darauf von der Schönheit der Gegend zu sprechen an, die sie hier umgebe. Sie meinte, auch Hedwig müsse Freude daran haben, da sie oft allein nach dem Hügel hinauf wandere, wo sie sich schon öfters getroffen hätten.

Hedwig bejahte es und bemerkte dazu, daß sie auch nicht wüßte, wen sie zu ihren Gängen einladen könnte, da ihr die Gesellschaft fast ganz unbekannt sei.

»Ich kenne gar niemand hier«, sagte das Fräulein.

»Könnten wir nicht einmal zusammen die Bank auf dem Hügel aufsuchen?« fragte Hedwig, war aber fast erschrocken über ihren Vorschlag, denn er konnte ja der ihr noch ganz Unbekannten unwillkommen sein. Diese nahm ihn aber mit ungekünstelter Zustimmung an und schlug vor, ihn gleich morgen auszuführen.

Eben erschallte durch die halboffene Saaltüre ein ungeheures Lachen; die klangvolle Baßstimme des Barons wurde vor allen anderen gehört.

»Wie dieser junge Deutsche lachen kann! So etwas habe ich noch nie gehört«, sagte das Fräulein. »Sie kennen ihn wohl?«

Hedwig bejahte es; sie seien sehr alte Freunde, bemerkte sie.

»Ich mag diesen Menschen so gern«, fuhr das Fräulein fort; »immer sieht er aus wie der sonnige Tag, so heiter und froh, und wenn er so tief herauslacht mit dem ganzen Wesen, so wird einem ordentlich wohl zu Mut. So lacht nur einer, der das Herz leicht und das Gewissen frei hat.«

Die Gesellschaft war im Auflösen begriffen, sie nahte sich allmählich der Türe. Das Fräulein bot Hedwig die Hand, da diese sich anschickte die Veranda zu verlassen. Zum ersten Mal schaute sie recht in die tiefen, dunkeln Augen der neuen Bekannten; sie hatten einen ansteckend traurigen Ausdruck; Hedwig empfand augenblicklich diese Wirkung; wie unter einem inneren Drucke ging sie nach ihrem Zimmer hinauf. Hier setzte sie sich an ihr Fenster, den eigentümlichen Eindruck sich zurechtzulegen, den diese kurze Berührung mit der Römerin auf sie gemacht hatte. Es war durchaus nicht das Wesen, das sie sich der äußeren Erscheinung nach vorgestellt, mit dem sie sich im stillen schon so viel beschäftigt hatte. Sie hatte geglaubt, eine jener vornehm zurückhaltenden Naturen vor sich zu haben, die durch große geistige Vorzüge immer anziehen, durch kühle Ruhe und Teilnahmlosigkeit des Herzens immer wieder abstoßen. Aber schon in dieser ersten Berührung war ihr ein lebendig-warmes Wesen entgegengetreten, das etwas Weiches und Seelenvolles schon im Ton der Stimme trug, und das in der ganzen, einfachen Weise, wie es sich kundgab, mehr Gewinnendes hatte, als alle Vorzüge, die Hedwig der Römerin beigelegt, hätten haben können. Dieser Name paßte ihr aber nicht mehr für die Persönlichkeit, sie wollte sie nicht mehr so nennen. Aber woher der tiefe Schatten, der auf dieser Stirne lag, aus den tiefen Augen schaute und sich dem Nahenden gleich selbst aufs Herz werfen konnte, wie es Hedwig geschehen war, so sehr, daß sie sich gar nicht mehr davon frei machen konnte?

Längst waren alle Lichter ringsum ausgelöscht. Draußen war es längst dunkel, daß man die Bäume im Garten nicht mehr sehen konnte. Auf dem Kirchturm drüben im Flecken schlug es ein Uhr. Hedwig zog sich nun zurück. Als sie ihr Licht ausgelöscht hatte, fiel, wie jeden Abend zuvor auch geschehen war, der Schimmer eines anderen Lichtes in ihr Zimmer. Heute fiel es ihr auf; so spät war sie noch nie gewesen, und dennoch war in dem kleinen Neubau, der zur Pension gehörte, jemand noch später als sie. Immer noch sah sie den Schimmer, sie konnte lange keinen Schlaf finden –, es mußte schon nach zwei Uhr sein –, das Licht brannte noch drüben.

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