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Im Rhonetal

Johanna Spyri: Im Rhonetal - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Spyri
titleIm Rhonetal
publisherFriedrich Andreas Perthes A.-G.
printrunFünfte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080315
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Drittes Kapitel.

Am folgenden Morgen verließ Hedwig früher als gewöhnlich das Frühstückszimmer und eilte sofort durch den Garten dem Weg unter den Walnußbäumen zu. Als sie sich dem Häuschen nahte, das in die Wiesen schaut, sah sie das lahme Kind schon unter seinem Baume sitzen und emsig Wolle zupfen.

»Bist du schon allein, Juliette?« fragte Hedwig herantretend, »sind sie schon alle auf dem Felde?«

Das Kind streckte der Ankommenden die mageren Händchen entgegen: »Ja, alle fort. Erzählen Sie mir heut' die Geschichte, jetzt gleich?« fragte es mit erwartungsvollem Blick.

»Ja, jetzt gleich«, antwortete Hedwig, sich auf ein Stück Holz niedersetzend, das unter dem Baume lag. »Ich will dir vom armen Käthchen erzählen.«

Das Kind saß regungslos, die Augen weit aufgesperrt. Hedwig erzählte: »Es war einmal ein armes, kleines Käthchen, das konnte nicht mit den anderen Kindern springen und fröhlich sein, denn es hatte lahme Beinchen wie du. Wenn es nun traurig auf seinem Bettchen saß und dachte: Alle Kinder haben es gut und freuen sich draußen auf allen Wegen, und ich kann nie mit hinaus und über die Wiesen den Blumen nachlaufen, dann kam die Mutter zu ihm heran und sagte: ›Ja, Käthchen, jetzt hast du's nicht gut, aber wart nur stille noch ein Weilchen. Einmal kommt über Nacht ein Engelein und nimmt dich aus deinem Bettchen und trägt dich in den Himmel, dann hast du's gut. Da ist lauter Sonnenschein und so schöne Blumen weit umher –‹.«

»Das kann ihm nichts helfen«, fiel Juliette rasch ein, »es ist lahm und kann nicht nach den Blumen laufen.«

»Hör nur weiter«, sagte Hedwig fortfahrend. »Die Mutter lehrte das arme Käthchen beten, daß es der liebe Gott einmal zu sich in den Himmel kommen lasse; da würde ihm so wohl werden, daß es sich gar nicht mehr denken könne, wie das Leidtun sei. Sie sagte ihm, wenn es recht bete, so werde es ihm wohl im Herzen, und das sei der Bescheid vom lieben Gott, daß er es beten gehört habe und auch erhören wolle. Und das arme Käthchen betete gern und vergaß es nie. So wurde es Weihnachten. Da lag am Abend das arme Käthchen in seinem Bette in der dunkeln Kammer und konnte nicht schlafen, denn es war sehr krank. Und auf einmal kam ein heller Schein in seine Kammer, und es saß auf im Bette und schaute sich um, woher er komme. Da sah es drüben im Nachbarhaus alle Fenster hell funkeln, und in der großen Stube stand ein hoher Weihnachtsbaum mit vielen, vielen Lichtern, und alle Kinder sprangen um den Baum herum und in die Höhe und jauchzten. Da sagte das arme Käthchen leise: ›O wie haben es die Kinder da drüben gut!‹, und es wollte ganz traurig werden. Da kam ihm in den Sinn, was die Mutter gesagt hatte, und es faltete seine Hände und sagte sein Nachtgebetlein. Dann fiel es auf sein Bettchen zurück und entschlief. Und wie es aufwachte, da war noch ringsum der helle Schein, aber noch viel heller, und wie es so recht die Augen auftat, da war ringsum lauter goldener Sonnenschein, und schöne Blumen dufteten und glänzten darin, und viele, viele Kinder, wie rosige Engelein, sprangen umher und jauchzten und freuten sich. Das arme Käthchen stand stumm vor Erstaunen und durfte sich nicht regen. Da kamen die rosigen Kinder zu ihm heran, und eines nahm seine Hand und sagte freundlich: »Komm, Käthchen, komm, spring mit uns!« Da sagte das Käthchen schüchtern und traurig: »Ich kann nicht mit euch springen, ich bin lahm.« Aber das rosige Kind lachte fröhlich und sagte: »Nein, nein! im Himmel ist keines mehr lahm. Sieh, ein Engelein hat dich heraufgeholt über Nacht, jetzt bist du bei uns im Himmel; probier einmal deine Beinchen!« Da schaute das Käthchen auf seine Füße, die waren ganz neu und rosig anzusehen, und es hob erst eines der Füßchen in die Höhe und dann das andere, und es ging so leicht, als hätte ihnen nie etwas gefehlt. Und mit einem Mal sprang das Käthchen in die Höhe und rannte durch den ganzen sonnigen Himmel hin und alle Engelein hinter ihm drein. Und das Käthchen rannte in unsäglicher Freude immer zu, bis alle Engelein ganz müde waren und niedersaßen mitten in die Blumen hinein. Da sagte das fröhliche Käthchen: »Ihr habt die Freude immer gehabt und ich erst heute, und sie ist so groß, daß ich ein ganzes ewiges Leben lang nie davon müde sein werde.« So freut sich das Käthchen droben immer noch fort und hört nicht auf.«

»Ich glaub' es wohl«, sagte Juliette, ihren angehaltenen Atem tief heraufholend. »O das war eine schöne Geschichte! Gibt es denn unter all den vielen, vielen gar nicht ein einziges lahmes Engelein im Himmel?« fragte sie nach einer Weile des Nachdenkens.

»Nein, gar keines«, versicherte Hedwig.

»Ich will auch nie mehr einschlafen, ohne zu beten«, sagte das Kind erregt. »Kann ich auch einmal so erwachen am Morgen und im Himmel sein und neue Füße haben?«

»Gewiß wirst du einmal so erwachen, Juliette, dann wirst du für immer froh und gesund sein. Da ist etwas, das du erwarten kannst; darauf kannst du dich sicher freuen.«

»Jetzt habe ich so viel zu erwarten!« sagte Juliette, und ihre Augen glänzten vor Freude. »Erst das Alte, das alle Tage kommen kann, und dann das Erwachen im Himmel. Wie wird das Käthchen sich verwundert haben, als es so rennen konnte.«

Noch lange wollte Juliette Hedwigs Hand nicht loslassen, als diese aufgestanden war, um fortzugehen; immer fielen ihr wieder neue Fragen und Bemerkungen zu der Geschichte ein. Eines sah Hedwig deutlich: auch diese Geschichte hatte das Kind erfaßt, schon war sie in sein Leben übergegangen, aber verdrängt hatte sie den Eindruck der ersteren nicht, der war zu tief gegründet. Die feste Erwartung auf die große Erdenfreude blieb in dem Herzen fest sitzen, wie lebendig auch die Aussicht auf das Erwachen im Himmel dasselbe Herz erfüllen mochte.

Hedwig sagte sich leise: »So haben wir's alle.« Sie verließ das Kind.

Eine alte Frage brannte in ihrem Herzen auf, wer löste sie? Da kommen sie ins Leben, so viele von ihnen, mit dem vollen Anrecht auf die Erdenfreude, und den zerrissenen Wechsel darauf tragen sie schon in der Hand mit.

Als Hedwig durch das Pförtchen in den Garten eintrat, kam der Baron von der anderen Seite hereingerannt. Er lief ihr entgegen. Eben waren seine Freunde abgereist, er hatte sie zur Station geleitet; nun sei er ganz verwaist, meinte er, denn er habe weiter gar keine Bekannten hier.

»So geht es Ihnen wie mir«, erwiderte Hedwig, »auch ich habe keine Bekannten.«

»Das ist ja merkwürdig! Sind Sie denn allein hier? Ohne Freunde? Da muß ich mich ja gleich zu Ihrem Beschützer aufwerfen!« »Nein«, rief er dann, die Hände zusammenschlagend, aus, »wer hätte denken können, daß wir nach so langer Zeit uns wieder zusammenfinden sollten.«

Hedwig fand es auch merkwürdig. Lange genug, meinte sie, habe sie auf seine Wiederkehr gewartet und manche Stunde vergeblich nach dem herrlichen Monument ausgeschaut, das da kommen sollte.

»Ja, wahrhaftig«, brach der Baron mit ungeheurem Lachen aus, »wir wollten ja ein Monument errichten, köstlich! Und Sie erwarteten mich nachher wirklich damit? wie war das?«

Hedwig erzählte ihm, wie sie lange Zeit nachher täglich an der Gartenhecke gestanden und auf den Weg hinabgeschaut hatte, ob er nun ankomme, und hinter ihm her das Monument auf einem ungeheuren Wagen, der in der langen Erwartung immer großartigere Dimensionen angenommen hatte. Der Baron lief hin und her auf der Veranda und rief ein Mal ums andere: »Köstlich! köstlich!« und lachte dabei, daß es von den Wänden widerhallte.

In diesem Augenblick trat eine auffallend große Frauengestalt aus dem Saal und schritt über die Veranda; sie schaute im Vorübergehen mit großen, erstaunten Augen auf den lachenden Baron.

»Kennen Sie diese Dame?« fragte Hedwig, als die Fremde verschwunden war, in welcher sie sogleich die fieberhaft Arbeitende vom vorhergehenden Abend erkannt hatte.

Der Baron hatte sich beruhigt.

»Dies ist die Römerin«, erklärte er, »Adlernase, kühne Haltung, hohe Gestalt, stolzer Gang, karge Worte, – ist nicht meine Cloelia fertig?«

Hedwig schaute den Baron fragend an: »Ist sie wirklich eine Römerin?«

Er lachte. »Das weiß ich nicht, sie könnte es aber sein.«

»So wissen Sie gar nicht, wer sie ist?« rief Hedwig enttäuscht aus. »Schon gestern Abend mußte ich immer wieder nach dem edlen Angesichte sehen, das, von aller Umgebung abgekehrt, auf eine innere Welt gerichtet schien. Sie ist die einzige Persönlichkeit unter der Menge, die ein Interesse, und dazu ein tiefes Interesse, in mir erweckt hat.«

»In mir auch«, sagte der Baron.

»Wissen Sie denn aber gar nichts von ihr?« fragte Hedwig wieder. »Sie sind doch schon längere Zeit mit ihr hier zusammen gewesen?«

»Was ich von ihr weiß, ist, daß kein Mensch sie kennt, daß sie mit niemand spricht, daß sie immer allein ihre Gänge macht, sich allein in einer Ecke des Saales hält, keinen Menschen an sich kommen läßt und nicht einmal um sich schaut. Im Fremdenbuch steht sie mit einem englischen, eigentlich schottischen Namen eingeschrieben. Sie kann aber keine Engländerin sein, ich hörte sie mit dem deutschen Zimmermädchen verkehren, seither halte ich sie für eine Deutsche, sie spricht durchaus kein erlerntes Deutsch.« –

Der Baron hatte eine Menge Pläne gemacht, die Umgebungen des lieblichen Tales zwischen den Felsenhöhen, wo er einige Zeit zu verweilen gedachte, durch viele Streifzüge kennen zu lernen. Er schlug deren mehrere vor für die nächsten Tage; seine alte Freundin sollte mit dabei sein; vielleicht würden auch noch andere Gäste des Hauses daran teilnehmen. Hedwig fand die vorliegenden Touren teilweise sehr zweifelhaft ausgedacht. Sie meinte, erst müßte man darüber den Hausherrn zu Rate ziehen, der die Gegend kenne, was der Baron richtig fand und gleich auszuführen vorschlug, damit die schönen Tage nicht unbenutzt vorübergingen. Die Freunde begaben sich gleich zusammen nach den Zimmern des Hausherrn, wohin man vom Garten her einige Tritte in die Erde hineinzusteigen hatte.

»Diese Lokalität nenne ich das Familienloch«, sagte der Baron im Einfahren.

Im ersten Zimmer stand die Hauswirtin, selbst auf den Herrn wartend, der im innern Raum, dessen Türe offen stand, einer Dame Bescheid erteilte. Die Eintretenden wollten sich gleich wieder entfernen; die Frau bat sie jedoch, einen Augenblick zu warten, es handle sich nur um eine Zimmerangelegenheit, die auch gleich erledigt sein werde.

Eine tiefe, klangvolle Frauenstimme sprach in perfektem Französisch zu dem Herrn, so leicht und schnell, daß in wenigen Minuten alles abgetan war. Die Sprechenden traten heraus, die Dame war die Römerin. Sie verneigte sich etwas majestätisch und ging weg. Der Hausherr gab die erwünschten Anweisungen und brachte auch noch einige neue, lohnende Ausflüge in Anregung. Als die beiden dem Familienloch entstiegen, bemerkte Hedwig: »Nun werden Sie Ihre Römerin kaum mehr für eine Deutsche halten, nachdem Sie ihr Französisch gehört haben.«

»Mir steht der Verstand still«, erwiderte der Baron. »Dieses Wesen muß drei Muttersprachen haben; wie das zuging, ist nicht auszudenken.«

Hedwig fragte ihn dann, mit wem er eigentlich alle seine Partieen zu machen gedenke.

»Erstens wären Sie dabei«, erklärte er; »dann habe ich einige Anknüpfungen unter den Gästen gemacht, mit mehreren Herren aus Hamburg, mit einem Sachsen, einem Herrn aus Danzig und seiner Schwester, mit zwei Damen aus Irland und drei Amerikanern samt Frau und Kind.«

»So ziemlich mit der ganzen Pension«, sagte Hedwig lachend. Vor der Hand, meinte sie, wolle sie lieber nicht an den Partieen teilnehmen. Zunächst wünsche sie, die nähere Umgebung sich recht anzusehen, auch kenne sie ja von all den Leuten niemand.

»So werden Sie gerade alle kennen lernen und sich darüber freuen«, entgegnete der Baron lebhaft. »Auf dem Kirchhof lernt man die Menschen nicht kennen, und das schöne, reiche Menschenleben ist nicht so jammervoll, daß uns nur auf der Stätte wohl sein könnte, wo es aufhört.«

»Gewiß nicht, wenn das Leben dort aufhörte. Aus einem Gottesacker wird mir weniger um des Aufhörens als um des Anfangens willen wohl, weil da, wo das jammervolle Vergängliche zu Ende geht, das ewig Bleibende in Fröhlichkeit auferstehen wird.«

»Da sind wir wieder«, rief der Baron mit komischem Schrecken. »Schon in früher Jugend haben Sie mich in religiöse Streitfragen verwickelt. Erinnern Sie sich jener, die wir am Grabe des Vogels zu erledigen hatten?«

Hedwig erinnerte sich wohl daran.

»Ihre Bittschrift an den lieben Gott hat mir aber damals Eindruck gemacht, das kann ich Ihnen sagen; ich mußte noch lange nachher darüber nachdenken.«

Hier wurden die beiden, die im Gespräch im Garten still gestanden, durch einen ungeheuren Lärm unterbrochen. Eine Schar efeu- und distelnbedeckter Menschen kam den Weg entlang und drängte sich mit Mühe durch das enge Pförtchen in den Garten hinein. Es waren die drei Amerikaner mit Frau und Kind, die beutebeladen von einem ihrer Streifzüge zurückkehrten. Unter dem Buschwerk hervor rief es von allen Seiten den Baron an und forderte ihn zur Bewunderung der Girlandenfülle auf. Er ging lachend dem wandelnden Wald entgegen, Hedwig trat in das Haus ein.

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