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Im Rhonetal

Johanna Spyri: Im Rhonetal - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Spyri
titleIm Rhonetal
publisherFriedrich Andreas Perthes A.-G.
printrunFünfte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.

Eine lange Reihe von Jahren war dahingegangen. Das Kind Hedwig war eine Frau geworden. Mit einem empfänglichen Gemüt für Freud' und Leid begabt, hatte sie beides in all den Jahren reichlich erfahren, so reichlich, daß ihr war, sie habe schon viel länger gelebt als ihre Altersgenossen, mit denen sie verkehrte.

Seit jener Zeit, da sie um ihren Vogel geweint, hatte sie noch anderes zu Grabe tragen müssen, das ihr noch mehr am Herzen gelegen als das Tierchen, das draußen unter der Vogelesche lag. Es stand kein Monument auf jener Stelle. Wochen und Monate lang hatte vor Zeiten Hedwig nach ihrem Freunde ausgeschaut, ob er nicht den Weg herauf komme und hinter ihm her ein wundervolles Monument auf einem ungeheuren Wagen. Aber er kam nie. Die Apfelbäume hatten ihre Früchte gebracht, der weiße Schnee war darauf gefallen, sie hatten wieder geblüht und hatten wieder entblättert dagestanden. Und immer wieder, durch die vollen und die leeren Zweige hatte Hedwig nach den Pferden ausgeschaut, die dort unten erscheinen sollten: aber sie kamen nicht.

Der Besuch der Baronin v. K. in Hedwigs Familie war durch die gemeinsamen Freunde herbeigeführt worden; dabei blieben die Beziehungen stehen und hatten keine weitere Berührung zwischen den beiden Familien zur Folge. Dafür hatte Hedwig kein Verständnis. Der junge K. war ihr Freund geworden, er mußte wiederkommen, wie er versprochen hatte. Lange freute sie sich auf seine Wiederkehr; dann grämte sie sich, daß er immer nicht kam; dann vergaß sie Gram und Freude über neuem Gras und neuen Blumen, die darüber wuchsen und abfielen, und so wurden Jahre daraus, und ein gutes Stück vom Leben lag schon hinter ihr.

Eben war Hedwig aus einer Krankheit erstanden, die sie den ganzen heißen Sommer lang in die Stille des Zimmers gebannt hatte. Schon röteten sich die Blätter im Walde, und die Morgen- und Abendnebel zogen um die heimatlichen Fluren der Genesenden, als ihr der Arzt verordnete, die Herbstwochen in einer sonnigeren Luft zuzubringen, im milden Rhonetal, wo, von Bergen rings umschlossen, ein grünes Plätzchen Erde liegt, geschützt vor allen Winden, geschmückt mit Weinlaub und Kastanienwald bis an den Fuß der grauen Felshörner hinan, deren Schneegipfel hoch ins Himmelblau ragen.

Hedwig war in dem ihr empfohlenen Pensionshause angekommen. Diejenigen ihrer Bekannten, die von dem Orte wußten, hatten ihr das Haus als eine der kleineren Pensionen geschildert, die reichlich an den Ufern des sonnigen Leman bis weit hinauf ins Rhonetal ausgesäet sind. So hoffte Hedwig mit wenigen Personen sich da zusammenzufinden, sie traf aber gegen sechzig Gäste an. Im ersten Augenblick war ihr sehr unbehaglich dabei zu Mute; aber bald besann sie sich und fand, daß der einzelne in der Schar sich eher verlieren könne als unter wenigen, und diese Aussicht war ihr lieb, denn ihr Wunsch war, für sich zu bleiben, in der Stille das schöne Land zu durchstreifen und alle lieblichen Wege zu entdecken, die durch diese Wälder und Gründe und über die grünen Hügel hin führen mußten. Hier, wo keiner nach ihr fragte, konnte sie auch so ungestört ihrem Hang zum Sinnen und Träumen folgen. Hedwig hatte von einer Bekannten einen Gruß mitgebracht an eine Frau v. L., die sich im Pensionshause befinden mußte. Es war eine freundliche Fürsorge der Bekannten für Hedwig, daß diese jemanden finden sollte, zu dem sie sich halten konnte, um sich nicht verlassen zu fühlen unter all den fremden Gestalten. Aber Hedwig ließ Tag um Tag dahingehen, ohne den Empfehlungsbrief abzugeben; sie empfand gar kein Verlangen, Frau v. L. aus all den Gästen herauszusuchen und sie anzureden, und da dies ja nur zu ihrem eigenen Besten geschehen sollte, konnte sie es gut unterlassen.

Es waren liebliche Herbsttage. Jeden Morgen, wenn Hedwig auf die sonnenbeschienene Veranda am Hause hinaustrat, kam sie die Sehnsucht an, auszuziehen zu dem noch dichtbelaubten Kastanienwald hinüber, der die alte Schloßmine umkränzt, oder hinauf, den Rebenhügel entlang, bis zu der Bank am Waldessaum, wo wieder die reichbelaubten Kastanienbäume ihre Kronen im Blau des Himmels wiegen und der schmale Weg sich immer weiter schlängelt durch Mooslager und duftende Waldgründe bis hinauf zum Signal der Berghöhe.

Nachsinnend, welchen Weg sie einschlagen wollte, stand Hedwig am fünften Tage nach ihrer Ankunft in der Veranda und wollte eben ihre Wanderung beginnen, als eine ältere Dame mit kurzen, trippelnden Schritten ihr nahte und sich ihr als Frau v. L. zu erkennen gab.

Durch einen Brief der gemeinsamen Bekannten von Hedwigs Anwesenheit in Kenntnis gesetzt, hatte die Dame diese sofort herausgefunden aus der Menge und wollte sich ihr, wie sie sagte, gerne freundlich bezeigen. In der Art und Weise der Frau v. L. lag etwas Huldvolles, fast Gnädiges; ein gütiges Lächeln lag auf ihrem Gesichte, wenn sie sprach. Eine schwarze Hülle, halb Tuch, halb Schleier, hing ihr um den Kopf und sah etwas tragisch aus. Die glatt gestrichenen Haare darunter waren noch ganz ohne Grau, doch machte das Gesicht und die ganze Erscheinung eher den Eindruck von vorgerückterem Alter. Die spitze Nase gab dem Ausdruck des ganzen Wesens etwas Scharfes. Die Stimme der Frau hatte einen bestimmten, fast harten Ton, aber sie sagte eher liebevolle Worte: »Und warum haben Sie sich nicht gleich an mich gewandt, meine Werteste? Wie sehr hatte ich mich gefreut, etwas für Sie tun zu können.«

Hedwig war beschämt von der Freundlichkeit, die sie so wenig verdient hatte. Sie wollte etwas ähnlich Freundliches darauf antworten, aber sie brachte nichts heraus, die Worte blieben ihr im Halse stecken. Noch einmal machte sie eine Anstrengung, aber es ging nicht. In der Art und Weise der Frau v. L. war etwas so Befremdendes für Hedwig, daß sie sich nicht darin zurechtfinden konnte. Sie war fast unangenehm von dieser Art von Freundlichkeit berührt; aber gleich nachher warf sie sich's innerlich vor: wie konnte sie so undankbar gegen ein wohlwollendes Entgegenkommen sein? Sie dankte Frau v. L. für ihre Zuvorkommenheit und sagte der Wahrheit gemäß, sie habe gern diese ersten Tage dazu benutzt, sich auf den schönen Wegen umzusehen und ringsum Feld und Wald kennen zu lernen, wobei sie sich nie einsam fühle; auch sei ihr das Alleinsein nie zur Last.

Frau v. L. erwiderte, es sollte doch jeder fühlenden Seele lieber sein, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, als allein zu bleiben; es wäre auch jedem von größerem Gewinn; es würde ihr daher Freude machen, Hedwig hier und da auf ihrem Zimmer zu empfangen zu einem für beide wohltätigen Gedankenaustausch. Auch könnten sie gemeinsame Spaziergänge unternehmen, um sich dabei an guten Gesprächen zu erfreuen und zu erheben. Es war alles wie mit Vorwurf gesprochen, obschon er in keinem Worte ausgedrückt war. Es war aber doch nur Wohlmeinenheit und die beste Absicht, die Frau v. L. zu diesen Vorschlägen treiben konnte; warum konnte nur Hedwig keine Freude daran haben, warum konnte sie nicht mit Herzlichkeit auf das Anerbieten eingehen und sich der Frau anschließen? War es diese deutlich zu Tage tretende, wenn auch noch so gute Absicht? War es der Mangel alles Einnehmenden im Wesen, wie in der Erscheinung dieser Frau; war es das Zwiespältige, das in einer unverkennbaren Schärfe des Tones und den freundlichen Worten, die sie sprach, lag, was auf Hedwig einen erkältenden Eindruck ausübte, während sie sich alle Mühe gab, sich innerlich der Frau v. L. zu nähern? Hedwig war nicht im stande, auf die gemachten Vorschläge einzugehen; sie antwortete ausweichend, sie tue wohl besser, für sich zu bleiben, ihr seien lange und häufige Gänge vorgeschrieben, die für andere leicht ermüdend wären.

»Sie haben wohl schon andere Bekannte unter der Menge gefunden«, sagte Frau v. L., diesmal mit unvermischt herbem Tone; »jeder sucht sich seinen Umgang nach seinem Herzen.«

»Ich kenne keinen Menschen hier«, entgegnete Hedwig, »habe auch nichts getan, irgend welche Bekanntschaften zu machen, ich war am liebsten allein.« »Wie dem auch sei«, bemerkte Frau v. L., in einen milden, resignierten Ton übergehend, »Sie werden in mir immer eine teilnehmende Freundin finden, wenn Sie je das Bedürfnis nach einem tieferen Umgang empfinden sollten.« Nach diesen Worten entfernte sich die Dame mit den kurzen, trippelnden Schlitten, die ihr eigen waren. –

Diese erste Begegnung mit einem der Kurgäste machte Hedwig keinen Mut zu anderen Anknüpfungen, sie wollte bei ihren einsamen Wanderungen verbleiben. Sie ging durch den Garten dem hölzernen Pförtchen zu und trat auf die schmale Straße hinaus, die unter den großen Walnußbäumen hin in den Wiesengrund und nach dem bewaldeten Ruinenhügel hinaufführt. Ein milder Sonnenschein lag auf dem Wege, der schon mit gelben Herbstblättern bestreut war. Durch die hohe Weißdornhecke drüben schimmerte es weiß herüber, es mußte die Mauer sein, die rings um den Gottesacker führte. Ob man hineingehen könnte? fragte sich Hedwig. Überall suchte sie gern diese Stätte auf, wo es wie Friedensluft um all' die Hügel weht, da die ruhelosen Herzen ausruhen und aller Aufruhr stille wird. Das Tor war geschlossen; aber weiterhin die kleine Pforte stand halb offen, Hedwig ging hinein. Es sah ziemlich verwildert aus auf den Gräbern, aber der Sonnenschein lag lieblich auf dem grünen Rasen, und da und dort blühten noch ein paar späte Rosen am halb entblätterten Strauch. Hedwig setzte sich auf den trockenen kurzen Rasen, der ein Grab bedeckte, das keinen Namen trug. Völlig still und von allem Erdenverkehr abgetrennt lag die Stätte, kein lebendes Wesen war über die hohe Mauer hin mehr sichtbar, nur die beschneiten Felsenhäupter und die dunkeln Wipfel des fernen Waldes schauten groß und schweigend hinein. Hedwig hatte, in ihre Gedanken versunken, lange dagesessen, als sie von lauten Stimmen aufgeweckt wurde, die sich dem Friedhof nahten.

»Da drinnen geistet's«, schallte es jetzt über die Mauer.

»Ah!« ertönte eine andere, helle Männerstimme, »laß 'mal sehen! Wahrhaftig! das ist die weiße Dame!« Und einen tiefen, schauererfüllten Ton annehmend, fuhr sie fort:

»Die weiße Dame, mich ängstet sie.
Funkelnden Blickes gespenstet sie.«

Hedwig schaute auf. Über der Mauer waren drei Köpfe sichtbar, weiter gar nichts, ganz so, als lägen sie auf der Mauer und hingen mit nichts weiter zusammen.

»Sie hat uns gehört«, sagte jetzt einer der Köpfe.

»Gehört!« höhnte der zweite. »Kein Mensch spricht deutsch hier herum, und die fremden Gäste gehen nicht auf die Kirchhöfe.« Die Köpfe verschwanden. Ein Heller Gesang ertönte, erst nah, dann weiter weg:

»Die weiße Dame kann uns hören« – –

Nun erlosch der Ton.

Hedwig stand auf; sie hatte ja eigentlich den Ruinenhügel besteigen wollen. Sie ging unter den Walnußbäumen hin dem Wiesengrunde zu, wo die letzten unscheinbaren Häuser des Fleckens sich nach und nach verlieren. Beim letzten Häuschen stand ein alter Kirschbaum, der seine Äste weit ausbreitete; Hedwig kam nahe daran vorbei.

Unter dem Baume, an den Stamm gelehnt, stand eine Art von Lehnstuhl, darauf saß eine kleine Figur, von der nur Kopf und Arme zu sehen waren, der übrige Körper war bis hoch hinauf mit einer weiten, grauen Decke zugedeckt.

Hedwig trat näher, sie dachte, eine Kranke oder eine gebrechliche Alte suche hier Erholung an der frischen Luft. Es war ein Kind, das in dem Sessel saß. Ringsum war alles still und leer, kein Mensch war zu sehen noch zu hören. Hedwig trat zu dem Kinde heran. Mit den mageren Händchen zupfte es emsig Wolle; das blasse Gesichtchen hatte einen leidenden, fast alten Ausdruck.

»Bist du krank, Kind?« fragte Hedwig.

»O nein«, antwortete das Kind, indem es mit zwei eigentümlich forschenden Augen zu Hedwig aufschaute und sie eine Weile nachdenklich auf dieser ruhen ließ. Es legte nun seine Wolle beiseite und wartete sichtlich auf die Folge des Gesprächs. Hedwig fragte nach der Mutter und den Geschwistern und warum es denn ganz allein da sitze. Sie seien alle im Felde und kämen erst zum Mittag und manchmal auch erst am Abend wieder, berichtete die Kleine.

»Du mußt aber doch krank sein«, sagte Hedwig, »du würdest wohl sonst auch mit ihnen gehen.«

»O nein, ich bin nicht krank«, entgegnete das Kind; »aber ich sitze immer hier, nur nicht im Winter. Es ist so, weil ich nicht bin wie die andern; ich kann nicht gehen.«

Hedwig schaute nach des Kindes Füßen; sie waren beide völlig wie Lappen, ganz ohne Knochen, das Kind mußte so geboren sein, das konnte keine Krankheit verursacht haben.

»So konntest du nie gehen, nie auf deinen Beinchen stehen?« fragte Hedwig teilnehmend.

»Nein, nie, und ich habe so oft zugeschaut, wie sie's machen.« Das Kind wurde ganz eifrig. »Mariette und Annette und Battiste und François, alle machen nur so mit den Beinen, wie ich mit den Armen tun kann, und dann kommen sie schon vorwärts und ganz schnell, und ich konnte es nie nachmachen und habe es so viel probiert.«

»Du armes Kind«, entfuhr Hedwig unwillkürlich, »Kannst du auch nichts anderes tun, als Wolle zupfen? Tust du so immerfort dasselbe?«

»O nein«, sagte das Kind, »ich weiß auch eine Geschichte, und darum erwarte ich immer etwas, vielleicht kommt es noch, wenn Sie ein wenig dableiben.«

Hedwig schaute das Kind genau an. Nein, einfältig konnte es unmöglich sein; diese forschenden Augen hatten einen durchaus geistigen Ausdruck.

Jetzt hörte man Stimmen und Getrappel von großen und kleinen Füßen, die sich nahten. Rennend kam voran eine Schar kleiner Buben und Mädchen daher, hinterdrein folgten mehrere Frauen mit Hacken auf den Schultern, Das lahme Kind hatte sich vorgebeugt und schaute mit durchdringenden Blicken auf die rennenden nackten Füße. »Sehen Sie, sehen Sie!« rief es ganz erregt, indem es auf die Kinderfüße deutete; »so machen sie's immer ohne Mühe, O wie sie laufen, und ich kann es gar nicht nachmachen.« Eine der Frauen kam zu dem Kinde heran.

»So, Juliette, hast du Besuch?« fragte sie, indem sie sich mit höflichem Gruße zu Hedwig wandte. Es war die Mutter des lahmen Kindes. Hedwig erkundigte sich bei ihr nach dem Zustande der Kleinen und fand gleich bereitwillige Auskunft. Das Kind sei mit den lahmen Beinchen zur Welt gekommen; man habe dann alles angewandt, was hätte helfen können, den Doktor gebraucht dann eine Frau, die Kräutersalbe mache, und auch einen, der die Krankheiten mit Beschwörung heile, aber es habe alles nichts geholfen. Das Kind sei auch sonst schwächlich, der Doktor sage, es gehe nicht lange mit ihm. Sonst sei Juliette ein gutes Kind und mache es ihr nicht schwer; sie müsse eben ihrer Arbeit nachgehen und das Kind da sitzen lassen, oft ganze Tage lang. Hedwig fragte, was denn das Kind damit meine, daß es immer etwas erwarte, wie es ihr eben mitgeteilt hatte.

»Ah so«, sagte die Frau, »ich bin oft recht froh, daß es so etwas glaubt. Wenn es am Morgen weinen will, wenn wir alle fort gehn – denn die Kleinen muß ich immer mitnehmen, sonst fällt mir eins ins Wasser und eins ins Feuer, denn etwas stellen sie immer an –, sag' ich nur: ›Sei brav, Juliette, weißt du, heute könnte wohl etwas kommen, es ist mir grad' als wäre es ein Tag dazu.‹ Dann ist sie gleich zufrieden und schweigt still und sitzt ganz geduldig da den Tag hindurch und horcht auf alle Seiten hin. Es kommt von einer Geschichte her, die hat ihr einmal ein Töchterchen erzählt, das da herum in Pension war und manchmal bei Juliette niedersaß, wenn es vom Spaziergang kam. Es ist aber schon mehr als ein Jahr seither; zuletzt wird ihr schon der Glaube daran vergehen.«

Diese letzten Worte konnte Juliette nicht mehr hören; sonst hatte die Mutter alles vor ihr verhandelt, wohl wie viele annehmend, vor den Kindern könne alles ausgesprochen werden, da diese nicht verstehen, was große Leute sich sagen, obschon sie gewöhnlich so gut aufpassen, daß sie oft die Dinge schneller fassen, als die großen Leute untereinander selbst es tun.

Die Frau war mit Hedwig dem nahen Hause zugegangen. Jetzt, an der Türe stehend, entschuldigte sie sich, sie sollte hinein, um das Essen zurecht zu machen. Hedwig kehrte noch einmal zu der Kleinen zurück.

»Willst du mir nicht auch deine Geschichte erzählen?« fragte sie das Kind. Es war gleich bereit dazu und erzählte sehr lebendig seine einzige Geschichte. Es war eine der Variationen vom armen Kinde, das tat, was es sollte, und war brav und folgsam. Es hatte aber gar nichts, das ihm gehörte; darüber war es traurig, aber es murrte nicht. Und wie es einmal am Spinnrädchen saß, kam eine schöne Dame herein und sagte: »Allen armen Kindern, die nicht murren, mache ich einmal eine Freude; was willst du haben?« Das Kind antwortete: »Ich habe gar nichts, alles macht mir Freude.« Da rollte es auf einmal auf dem Tisch herum von goldenen Nüssen und Äpfeln und weißen Semmeln und Zuckerkuchen und Bilderbüchern und allen schönen Sachen, o so schön, wie es solche nie gesehen hatte. Des Kindes Augen glänzten immer mehr, wie es die Herrlichkeiten aufzählte; es war, als sähe es sie alle vor sich liegen.

»So hörst du gerne Geschichten erzählen, Juliette?« fragte Hedwig.

»Ja gewiß«, erwiderte das Kind lebhaft, »aber ich weiß nur diese; und so kann es mir auch gehen, wenn ich nicht murre, jeden Tag kann ich es erwarten.«

»Wenn ich das nächste Mal zu dir komme, will ich dir auch etwas erzählen; willst du?« Hedwig hielt der Kleinen ihre Hand zum Abschied hin.

»O ja, ich will wohl!« entgegnete das Kind und hielt die dargebotene Hand fest, wie um erst seiner Sache sicher zu werden, bevor es sie wieder losgab. »Wann kann die Geschichte kommen?«

Hedwig versprach, schon den folgenden Tag die Geschichte zu bringen, dann ging sie. Wie sie noch einmal zurückschaute, sah sie das Kind vorgebeugt, seine klugen Augen unbeweglich auf ihre Füße gerichtet.

Als Hedwig hinter den Nußbäumen hin nach dem Pensionshause zurückging, mußte sie sich fragen, wie es möglich war, daß das Kind seine Geschichte dergestalt in die Wirklichkeit übersetzt hatte, daß sie von Tag zu Tag in seinem eigenen Leben fortspielte. Freilich, es war die einzige, die es je erzählen gehört hatte. Dazu, wie wenig kam es in Berührung mit der übrigen Welt durch seine Unbeweglichkeit, und lebendig angelegt, wie es war, wie stark mußten alle Eindrücke seine Seele erfassen und in dieser Abgeschlossenheit darin fortwirken.

Eben schlug es zwei Uhr, als Hedwig durch den Speisesaal nach ihrem Zimmer hinauf eilen wollte, sich bereit zu machen, denn die Tischglocke mußte gleich ertönen. Im Saal hielt sie das Zimmermädchen an, ein großes Buch ihr hinhaltend: der Herr des Hauses ließe sie bitten, ihren Namen einzutragen, was alle Gäste zu tun hätten, die längere Zeit dablieben. Hedwig tat, wie sie geheißen ward. Dann überflog sie die Namen der Fremden, die da standen, sie kannte nicht einen. Es waren Deutsche, Engländer, Franzosen, auch einige Schweizernamen da. Und hier? Was? Baron O. v. K.

Diesen Namen kannte sie, hatte sie wenigstens einmal so gut gekannt. Sollte es ihr ehemaliger Freund sein? Freilich, ein anderer konnte ja auch denselben Namen tragen. Wenn sie ihn nur sehen könnte, sie müßte ihn gleich erkennen, das war ihr gewiß. Ein sonnensüßer Frühlingstag stieg vor ihr auf, wie sie den Namen wiederholte und mit ihm die tief gegrabenen Eindrücke einer längst vergangenen Zeit. Sollte der alte Freund wirklich noch einmal zum Vorschein kommen? Und wenn er es war, was dann? Er wußte vielleicht nichts mehr von jenem lang vergangenen Tag der Kindheit. Wie oft schon hatte Hedwig erfahren, daß andern die Erlebnisse aus den Kinderjahren gänzlich entschwunden waren, die noch so lebendig vor ihr standen, daß ihr ein Vergessen unbegreiflich war. Es konnte ja so bei ihm sein wie bei andern. Sie wollte auch keine Annäherung suchen; aber ob sie ihn erkennen könnte, das mußte sie versuchen. Kaum hatte sie ihr Zimmer betreten, als auch schon der Ruf der Glocke erscholl und sich nach und nach die zahlreiche Gesellschaft an den zwei langen Tischen versammelte. Bald ertönte ein lautes Gewirre von allerlei Sprachen im Saal, und jeder war mit sich selbst und seiner Nachbarschaft so beschäftigt, daß Hedwig unbemerkt ihre Augen herumgehen lassen konnte, ob sie einen alten Bekannten erkennen möchten. Aber wenn sie auch hier und da auf einen blonden oder hellbraunen Kopf einen Augenblick geheftet blieben, sie gingen gleich wieder weiter; so konnte er nicht geworden sein. Aber der eine von jenen dreien, die nebeneinander saßen, alle drei hohe stattliche Figuren, hatte der nicht einen ganz bekannten Blick? Jetzt lachte er auf – das war O, v. K. und kein anderer! das waren die offenen, blauen Kinderaugen noch, das waren die immer noch etwas struppigen, blonden Haare, das war sein volles Lachen, das sie kannte.

Hedwig war überzeugt, daß dieser Herr der Baron O. v. K. war. Aber hatte sie nicht diesen Kopf schon irgendwo gesehen, lange nach der Kinderzeit, so wie er jetzt war? Jetzt fiel es ihr ein: es war einer von denen, die heute auf der Mauer erschienen waren; es war der, welcher herunterdeklamiert hatte. Wie merkwürdig jung der Kopf geblieben war! Das war wohl mit dem ganzen Wesen des Barons der Fall, nach der heutigen ersten Begegnung zu schließen.

Man stand von der Tafel auf. Die meisten der Gäste gingen der Veranda und dem Garten zu, wo sie sich durch die Wege zu den Ruhebänken und unter die alten Nußbäume hin verloren. Hedwig stand an einen Pfeiler der Veranda gelehnt und schaute nach dem grünen Wiesengrunde hinaus, auf dem die Abendsonne lag. Erst nach einiger Zeit bemerkte sie, daß nicht weit von ihr auf dem Gartenwege die drei Gestalten mit den ihr bekannten Köpfen standen und, in gedämpftem, aber eifrigem Gespräch begriffen, von Zeit zu Zeit die Köpfe noch näher zusammensteckend, dann wieder sich umwendend, nach ihr hinblickten, um nachher Rede und Gegenrede noch eifriger aufzunehmen. Hedwig verließ den Platz und ging über die Veranda der Saaltüre zu. In dem Augenblicke kamen die drei Herren direkt auf Hedwig zu, als wären sie an dieselbe abgesandt worden. Mit Höflichkeit verneigten sie sich. Der vorderste trat näher heran – es war Baron O. v. K.; Hedwig zweifelte keinen Augenblick mehr.

»Gnädige Frau«, begann er, in demütiger Haltung vor ihr stehend, »wir kommen, Sie um Verzeihung zu bitten für einen unpassenden Scherz, den wir uns heute in Ihrer Nähe erlaubt haben. Eben haben wir Sie wiedererkannt, und da einer meiner Freunde Sie deutsch sprechen hörte, wußten wir, daß Sie uns verstanden haben mußten. Wir dürfen aber wohl hoffen, daß Sie unseren unzeitigen Spaß nicht als persönliche Beleidigung aufgefaßt haben und uns Ihre Vergebung nicht verweigern werden. Darf ich Ihnen meine Karte« – damit überreichte er diese der vor ihm Stehenden; sie las: Baron O. v. K.

»Der harmlose Scherz bedarf ja keiner Vergebung«, erwiderte Hedwig; »doch möchte ich fast wünschen, es wäre so, um mich einem alten Bekannten in dem günstigen Augenblick des Gefälligseins in Erinnerung zu rufen.«

Der Baron machte seine blauen Augen erstaunlich weit auf und schaute Hedwig so stramm an wie damals, als er an den Birnbaum gelehnt stand und sie nichts zu sagen wußte.

»Sie können mich nicht mehr erkennen, es ist zu lange her, seit wir uns gesehen haben; auch wenn ich Ihnen meine Karte gäbe, so fänden Sie keinen bekannten Namen darauf; damals, als wir uns kannten, hieß ich H. H.«

Einen Augenblick noch blieb der stramme Blick auf Hedwig geheftet; der Baron war sichtlich im dunkeln. Jetzt plötzlich schoß es wie ein helles Lachen in seine Augen.

»Was? Nicht möglich! Wahrhaftig! Haha! Haha? Hahaha! Köstlich! köstlich!«

Der Baron hatte die Hand, die Hedwig ihm zum Gruß geboten, ergriffen und schüttelte sie fortwährend.

»Nein, die Erinnerung ist herrlich! Und haben Sie auch den Vogel Kakadu noch im Sinn?«

Ein überwältigendes Gelächter kam den Baron nochmals an. »K. muß an zeitweiligem Wahnsinn leiden«, bemerkte jetzt einer der Freunde, die bisher in Erstaunen dagestanden hatten. Der Baron wandte sich zu ihm.

»So schlimm steht es nicht; daß ich aber vor lauter Freude über eine alte Erinnerung nicht aller Höflichkeit vergesse – –«

Hier stellte er den Freunden Hedwig als seine älteste Freundin vor, mit ihrem Namen mußte sie freilich selbst nachhelfen. Die Herren wurden ihr als Freunde und Vettern bekannt gemacht, die dem Baron einen flüchtigen Besuch vergönnt hatten, ihn aber schon wieder folgenden Tages verlassen wollten, um ihre Schweizerreise fortzusetzen. – Die Gesellschaft hatte sich nach und nach wieder zum Hause zurückbegeben und war durch die verschiedenen Türen hinein verschwunden. Die Abendluft wurde kühler. Drinnen im Saal ertönte Musik; Hedwig schlug vor, diese anzuhören. Die kleine Gruppe trat in den Saal, wo sich an verschiedenen Tischen je die Bekannten zusammengesetzt hatten. Nahe der Türe waren noch freie Plätze, wo die Eintretenden sich niederlassen konnten. In ihrer Nähe saß eine einzelne Dame, die Hedwig schon mehrmals bemerkt hatte, wie sie, gleich ihr selbst, allein umhergewandert war, oder an einem einsamen Platze sich niedergelassen hatte. Jetzt saß sie in ihrer Ecke, unverwandt auf ihre Arbeit niedergebeugt, und schien sich durchaus um keinen Anwesenden zu kümmern. Es wurde längere Zeit fortmusiziert. Ein junges Mädchen sang hübsche, bekannte Weisen. Jedermann war angesprochen davon und sprach leiser oder lauter seine Freude darüber aus. Nur die Dame erhob nicht ein Mal ihre Augen, noch gab sie ein Zeichen der Teilnahme von sich. Hedwig mußte immer wieder nach ihr blicken. Wie von einer drängenden Gewalt getrieben, fuhr die Nadel immer rascher dahin, und es war, als zitterte die Hand vor Hast, noch mehr, noch eiliger fortzuarbeiten. Es wurde Hedwig ganz eigen zu Mute, fast unheimlich; sie konnte ihre Augen nicht mehr von den rastlosen Händen abwenden, sie konnte auch unbemerkt darauf hinsehen, nicht ein Mal hob die Dame ihren Blick empor.

Als man sich später aus dem Saal entfernte und gegenseitig verabschiedete, wandte der Baron sich nochmals an Hedwig mit Ausdrücken der Freude über das Wiederfinden einer alten Freundin mitten unter so vielen fremden Gestalten in fremdem Lande.

»Das muß ich meiner Mutter schreiben«, schloß er; »wie wird es sie interessieren, von Ihnen zu hören, und auch beruhigen, mich in so guter Gesellschaft zu wissen. Sie steht die größten Ängste aus, was ihrem unzweifelhaft volljährigen Sohn für Gefahren drohen könnten in diesem Lande der Romantik und der Lawinen.«

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