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Im Reiche des silbernen Löwen II

Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen II - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleIm Reiche des silbernen Löwen II
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20239-1
senderhille@abc.de
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Ein Rätsel

Wenn schon bei mündlichen Erzählungen Wiederholungen dehnend oder gar störend wirken, so muß man von dem Verfasser einer schriftlichen Erzählung erst recht verlangen, daß er das, was er schon einmal ausgesprochen hat, nicht wieder sage. Wenn aber ein Autor Zwecke verfolgt, wie die meinigen sind, Zwecke, welche sich auf den Glauben an Gott, auf den Sinn für alles Gute, Schöne und Edle beziehen, so giebt es für ihn Gedanken und Betrachtungen, die er – es sei mir ein landläufiger Ausdruck erlaubt – nicht oft genug wiederholen kann. Eine dieser meiner zuweilen wiederkehrenden Betrachtungen ist die, daß die Ereignisse nicht nur des Völkerlebens, sondern auch im Leben des Einzelmenschen unter einander in einem Zusammenhange stehen, welcher sich dem ungeübten Auge zwar oft entzieht, aber trotzdem vorhanden ist und grad dann, wenn man es am wenigsten erwartet hat, zur Offenbarung kommt. Wie die nach irdischen Begriffen fast endlos weit von einander entfernten Sterne des Firmamentes durch ewige Gesetze zusammengehalten werden, so sind auch die Handlungen des Menschen und die Ereignisse seines Lebens, mögen sie noch so entfernten Zeitpunkten angehören, doch so eng mit einander verbunden, daß nicht gar selten in einem Vorgange des Greisenalters die Folge einer That der doch schon längst vergangenen Jugendzeit zu erkennen ist. Es giebt im innern und äußern Leben des Menschen nichts, was man als vollständig und für immer abgeschlossen bezeichnen darf, vielmehr ist alles, was geschieht, die Frucht eines vergangenen Tages, welche den Kern zur Weiterentwicklung ihrer Art in sich trägt. Ihrer Art! Ich sage das mit Vorbedacht, denn eine gute That kann nur Gutes und eine böse nur Böses gebären. Das ist ein ewiges und unerschütterliches Gesetz, an dem man zwar deuteln mag, ohne es aber ändern zu können. Wie häufig kommt es vor, daß ein ganz guter, herzensbraver Mensch ganz plötzlich die Konsequenzen einer That über sich hereinbrechen sieht, die, damals bereut und seitdem längst vergessen, Jahrzehnte weit hinter ihm zu liegen schien, ihn aber doch bis heut begleitete! Und ebenso ist es zu erleben, daß die Ausführung einer freundlichen Eingebung, an die kein Mensch mehr zu denken schien, völlig unerwartet nach langen Jahren Lohn und Segen bringt!

Ich, der ich diese Erfahrung so häufig nicht nur an mir selbst, sondern auch an andern gemacht habe, bin der festen Überzeugung, daß die Jahrtausende alte Sage von dem Engel, welcher jeden Gedanken, jedes Wort und jede That des Menschen in das »Buch des Lebens« einträgt, eine ebenso schöne wie treffliche Versinnbildlichung des göttlichen Ratschlusses ist, daß jeder Mensch die Folgen seiner seelischen und körperlichen Handlungen zu tragen habe, und zwar nicht ausschließlich hier, sondern mehr noch in jenem Leben, wo nichts mehr verheimlicht werden kann, sondern alles bekannt und offenbar wird. Es ist das für den einen ein fürchterlicher und für den andern ein tröstlicher Gedanke, der jenen zur Ein- und Umkehr mahnt, diesem aber Mut, Geduld und Zuversicht verleiht.

Man hört so häufig sagen, daß das Schicksal den Gerechten leiden, den Ungerechten aber fröhlich leben lasse. Könnten die, welche dies behaupten, doch diesen Ungerechten sehen, wenn er sich unbeobachtet glaubt! Und könnten sie sich an der stillen, frohen Hoffnung dieses Gerechten erbauen! Das Schicksal?! Wie ungern höre, spreche und schreibe ich dieses Wort! Wenn wir unter dem Schicksale das Ergebnis von Ursachen verstehen, die nicht von der Macht des Menschen abhängen, so besitzt er doch so viel geistige Freiheit und Selbstbestimmung, daß er gar wohl befähigt ist, in dieses ihm von der Natur und den Verhältnissen vorgeschriebene Schicksal umgestaltend und bessernd einzugreifen und sich also als Herr desselben zu zeigen. Und wenn dazu die Überzeugung kommt, daß das irdische Leben nur die Vorstufe eines höhern Daseins ist, für welches diese Ursachen und ihre Wirkungen zu überwinden, zu besiegen sind, so ist es nicht eine Last, sondern eine Freude, den Kampf mit ihnen aufzunehmen, und mit unfehlbarer Sicherheit stellt sich die Erkenntnis ein, daß wir nicht Sklaven, sondern Meister des sogenannten Schicksals sind. Nur dürfen wir uns nicht von ihm wie auf einem ruder- und steuerlosen Floße treiben lassen, sondern müssen die Augen offen halten, um unsere Thaten in uns entstehen zu sehen und ihnen nach außen hin Kraft, Gestalt und Richtung geben zu können. Dann werden wir die Genugthuung haben, nicht nur den äußern Verlauf unsers Lebens in der Hand zu halten, sondern auch die enge Beziehung seiner Einzelheiten untereinander zu erkennen und sogar bestimmend in das Dasein anderer, willensschwächerer Menschen einzugreifen. Sein Schicksal selbst zu lenken und mit demselben auf dasjenige anderer einzuwirken, ist so schwer, wenn man den Blick dabei nicht nach dem jenseits richtet, und doch so leicht, wenn man sich nur nach dem einen, einzigen Gesetze richtet, welches die Welt, die Erde, den Menschen und das für uns unsichtbare Stäubchen regiert – die Liebe!

Warum ich in dieser Weise philosophiere, moralisiere und spintisiere, anstatt einfach weiter zu erzählen? Gut, ich erzähle!

Ich hatte unsere Reise nach Schiras gleich oder doch nur kurze Zeit nach unserer Rückkehr vom Birs Nimrud fortsetzen wollen, da aber trafen wir in Bagdad einen Händler, welcher eine in der Dschesireh außerordentlich berühmte Schönheitssalbe verkaufte, deren Verfertigerin oben in der Gegend von Kirmanschah zu suchen war. Es war in einem Kaffeehause, wo der Mann sein Mittel ausrief und es auch uns anbot. Ich glaubte, daß Halef ihn einfach fortweisen werde; er ließ sich aber in ein Gespräch mit ihm ein, indem er ihn fragte:

»Darf ich dich vielleicht bitten, mir zu sagen, von wem du dieses Wundermittel der Schönheit beziehst?«

»Ich kenne keinen Grund, es dir zu verschweigen,« antwortete der Tutschar, »denn ich bin stolz darauf, der einzige zu sein, dem die Verfertigerin den Verkauf für diese Gegend gestattet hat. Ich habe von ihr die Erlaubnis, sie jährlich zweimal zu besuchen, um mir die Marham ed Dschamahl von ihr zu holen. Da warten schon alle Harimat auf mich, um in den Besitz der Wundersalbe zu kommen.«

»Bewirkt sie wirklich die Wunder, von denen man überall erzählt?«

»Oh, mehr, viel mehr, als man erzählen kann! Sobald man mit ihr das Gesicht nur berührt, verschwinden alle Runzeln, Falten und sonstigen Übel, welche den Glanz der Wangen zu entstellen vermögen.«

»Du übertreibst!«

»Nein, bei Allah, nein! Könntest du den Stamm besuchen, dem die Verfertigerin der Salbe angehört, so würdest du nur Frauen und Mädchen finden, deren Angesichter wie das Weiß des Schnees und wie der holde Glanz des Morgenrotes leuchten.«

»Weißt du, woraus das Mittel bereitet wird?«

»Nein. Wie kannst du denken, daß sie so unvorsichtig sein könne, mir dies mitzuteilen! Sie hat das köstliche Geheimnis durch ihre Urgroßmutter von deren Ur-Urgroßmutter geerbt; diese hatte wieder eine Urahne, deren Ur-Urahne, die eine außerordentlich fromme Frau war, es als Belohnung für ihre große Tugenden vom Erzengel Dschebräïl bekam, der es aus dem höchsten Himmel des Paradieses brachte, wo es zur ewigen Jugend der dort wohnenden Seligen bereitet wird.«

»Wie heißt diese Frau?«

»Ihren eigentlichen Namen kenne ich nicht, da sie von jedermann nur Umm ed Dschamahl genannt wird.«

»Wo wohnt sie?«

»Nirgends, denn ihr Stamm ist nicht seßhaft, sondern zieht bald hierhin und bald weiter. Es ist die Unterabteilung Idiz des Bachtijarenvolkes und meist jenseits Kirmanschah zu suchen.«

»Aber wenn du die Salbe brauchst, mußt du doch wissen, wo die Frau zu finden ist!«

»Das erfahre ich stets beim Attar von Kirmanschah, welcher das Mittel auch verkauft und von ihrem Aufenthalte stets unterrichtet ist. Dann suche ich sie auf und laß mir von ihr geben, was ich brauche. Ich sage dir, sie ist eine alte Frau, aber es ist noch nicht das kleinste Fältchen in ihrem Angesicht zu sehen. Wieviel Büchsen willst du von mir kaufen?«

»Wieviel kostet eine?«

»Einen Rijal medschidi

»So kaufe ich keine.«

»Warum?«

»Weil das mir zu teuer ist.«

»Zu teuer! Du scheinst entweder von Sinnen oder ein großer Geizhals zu sein. Wem für die Schönheit seines Harems eine so geringe Summe zu viel ist, dem muß ich meine Achtung entziehen. Erst legst du mir eine ganze Menge von Fragen vor, und nachdem ich sie dir alle mit der bereitwilligsten Höflichkeit beantwortet habe, bist du so undankbar, mir die Größe meiner Teurung an den Kopf zu werfen, so daß mir die Röte der Scham auf das Angesicht treten würde, wenn diese Teurung wirklich teuer wäre! Allah verderbe dich!«

Nach diesen Worten entfernte sich der Handelsmann. Zu meinem Erstaunen nahm der sonst so schnellhitzige Hadschi das Kraftwort ruhig hin. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte zu mir:

»Ich würde diese Marham ed Dschamahl nicht gekauft haben, selbst wenn sie nur einen Para gekostet hätte, denn Hanneh, die unvergleichlichste unter allen Lieblichkeiten der Erde, würde nicht damit einverstanden sein.«

»Warum?« fragte ich.

»Weil – – – hm!«

Er hielt verlegen inne und fuhr erst nach einer Pause fort, indem er mich fragte:

»Wenn ich es dir aufrichtig sage, wirst du dann falsch von Hanneh denken, welche die unvergleichlichste Person unter allen persönlichen Unvergleichlichkeiten ist?«

»Nein, gewiß nicht!«

»So bitte ich dich, mir die Wahrheit einzugestehen: Hat Dschanneh, die niemals verschwindende Abendröte deines Harems, Runzeln im Gesicht?«

»Nein.«

»Oder wenigstens Falten?«

»Nein.«

»Kein einziges? Kein einziges ganz, ganz kleines Fältchen, so daß man es kaum sieht?«

»Nein.«

»Besinne dich, Sihdi! Ich bin überzeugt, wenn du genau nachdenkst, wird dir gewiß eine Falte einfallen, wenn auch nur diese eine, diese allereinzige.«

Ich wußte, was ihn zu dieser Dringlichkeit bewegte. Die orientalischen Frauen altern schnell, und Hanneh war eine Orientalin; sie hatte Falten. Das that seiner Liebe freilich nicht den geringsten Eintrag; sie war für ihn heut noch ganz so wie vor Jahren die schönste aller Schönen. Darum antwortete ich jetzt in schonender Weise:

»Meine Dschanneh hat wirklich keine Falten. Aber bedenke die Reihe der Jahre, in denen deine Hanneh in treuer Liebe für dich, für Kara Ben Halef und für den ganzen Stamm der Haddedihn zu sorgen hatte! Sorgen aber bringen Falten. Ehre sie!«

Da fiel er schnell und in zufriedenem Tone ein:

»Effendi, du bist ein guter Mensch, ein ganz genau so guter Mensch wie ich! Es läßt sich nicht verheimlichen, und da du so gute Augen hast, wirst du bemerkt haben, daß, obgleich meine Hanneh die schönste unter allen Frauen des Erdreiches ist, ihre Wangen doch angefangen haben, sich allmählich zu zerknittern. Seitdem liebe ich sie aber grad mit doppelter Stärke! Sie hat alles, alles gethan, dieser Zerknitterung Einhalt zu thun, doch vergeblich. Glaube mir, die Runzeln sind das Ungeziefer der Schönheit: Hat sich erst einmal eine eingestellt, so vermehrt sie sich ins Ungeheure. Es ist wie bei den Näml: Erst sieht man eine, dann zwei, dann drei, hierauf fünfzig, achtzig, hundert, und schließlich wibbeln und kribbeln sie zu Tausenden durcheinander. So auch die Furchen und Rinnen im Gesicht; es werden ihrer so viele, daß man sich bei der Betrachtung beinahe verirrt und fast nicht wieder zurecht finden kann. Es sollte jede Frau so klug sein, die erste Falte gar nicht aufkommen zu lassen; aber, wie du weißt, besitzen die Weiber nicht diejenige Vorsichtigkeit, welche nur eine hervorragende Eigenschaft von uns Männern ist; Allah bewahre uns diese Vorzüglichkeit! Da deine Dschanneh, die holde Spenderin deiner Glückseligkeit, noch keine Runzel besitzt, so hast du gar keine Ahnung, wie tief die Falten des Gesichtes in das Herz und in die Seele des Weibes schneiden, zumal wenn keine Salbe Änderung und kein Pflaster Hilfe bringt! Hanneh, die herrlichste Rose unter allen Rosenarten des Morgen- und des Abendlandes, teilte mir nach langen, vergeblichen Bemühungen mit, daß sie nur von der Salbe der berühmten Umm ed Dschamahl die beseligende Wiedergeburt ihres Wangenglanzes erhoffen könne. Diese Bachtijarenfrau ist nämlich wirklich und außerordentlich berühmt infolge ihres Wundermittels, vor welchem die Runzeln davonlaufen wie die Ameisen, wenn man Tabakwasser in ihre Nester gießt. Aber es ist so sehr weit von uns aus bis hinauf zur Gegend, wo man sie zu suchen hat. Darum war die unvergleichliche Gefährtin meines Erdenlebens ganz entzückt, als sie vernahm, daß du wünschtest, ich solle mit dir nach Persien reiten. Sie erteilte mir die Erlaubnis, dich zu begleiten, sehr gern, stellte mir aber die Bedingung, ihr von der echten Marham ed Dschamahl soviel mitzubringen, wie nötig ist, die unheilvolle Zerknitterung ihres Angesichtes wieder auszuglätten.

»Mir hat sie leider nichts von dieser ihrer Absicht gesagt!«

»Dir? O, Effendi, wie bist du in der Beurteilung eines Harems doch so jung und unerfahren! Wenn Hanneh, die einzige Sonne am Himmel meines Frauenzeltes, wüßte, daß du auch nur eine einzige ihrer Falten gesehen hättest, sie legte sich sofort hin, um vor Scham und Gram zu sterben. Und da meinst du, daß sie mit dir davon hätte reden sollen! Ich will mich dein erbarmen und dir ein Geheimnis, ein sehr großes Haremsgeheimnis mitteilen. Merke dir folgendes genau: je mehr Runzeln eine Frau im Gesichte hat, desto glatter will sie dir erscheinen. Du mußt also, wenn du glücklich bleiben willst, jede Falte, welche deine Dschanneh einst besitzen wird, vor ihr so geheim wie möglich halten. Du darfst sie nicht sehen; du darfst sie nicht einmal ahnen, wenn du verhüten willst, daß die Ruhe und Behaglichkeit deines Zeltes und deines Lebens auch runzelig und zerknittert wird. Ich kenne das, Sihdi; nimm also gute Lehre von mir an! Auch ich will keine Falte mehr sehen; die Salbe soll mir dazu verhelfen; ich kaufe sie für Hanneh und für mich.«

»Auch für dich?«

»Ja. Schau mich doch an. Du wirst sehen, daß sich auf meiner Stirn auch schon einige kleine Rillen eingenistet haben, die ich gern verjagen möchte. Es freut mich darum sehr, vorhin von dem Händler erfahren zu haben, wo man sich nach der Umm ed Dschamahl erkundigen kann. Wir werden schleunigst hinauf nach Kirmanschah reiten.«

»Wir? Wer ist da gemeint?«

»Du und ich natürlich. Ich denke doch nicht, daß du mich allein fortlassen willst, um hier zu warten, bis ich wiederkomme!«

»Das fällt mir gar nicht ein! Unser Weg geht nach Schiras, nicht aber nach Kirmanschah, wohin du gar nicht zu reiten brauchst, weil du die Salbe so leicht hier bekommen kannst. Warum hast du vorhin keine gekauft?«

»Warum? O, Sihdi, wie ist die Länge deines Verstandes doch so wenig auf Wunder- und Runzelsalben eingerichtet! Hier kaufen? Das ist es ja eben, was Hanneh, der weibliche Inbegriff meiner männlichen Glückseligkeit, mir auf das strengste verboten hat! Glaube mir, Effendi, es wäre mir kein Preis zu hoch gewesen, wenn ich von der Echtheit der Marham ed Dschamahl hätte überzeugt sein können; aber die Händler vermehren die Einreibung, indem sie sie verfälschen. Sie machen, um recht viel Geld zu verdienen, aus einer Büchse hundert; sie rühren Dinge hinein, welche nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sind, und dann kann es einer Frau, die sich damit bestreicht, sehr leicht geschehen, daß aus sieben Falten, die sie hat, schnell siebenundsiebzig werden. O Allah, Wallah, Tallah! Soll ich etwa denken, daß du meiner Hanneh so eine elffache Vermehrung ihres sorgenvollen Angesichtes gönnst? Nein! Sie will die Salbe echt haben, und sie soll sie echt und unverfälscht bekommen, direkt aus der Hand der Umm ed Dschamahl selbst, und darum müssen wir sofort hinauf nach Kirmanschah!«

Der liebe, kleine Kerl sagte das in einem so bestimmten und energischen Tone, als ob es sich um Leben und Tod handle und alle meine etwaigen Einwände unbedingt erfolglos sein würden. Ich begann einzusehen, daß ich ihm wahrscheinlich ein Opfer bringen müsse, versuchte aber natürlich doch, ihn umzustimmen:

»Halef, fast habe ich Lust, deine Worte für Scherz zu halten; aber ich höre, daß du im Ernste sprichst. Weißt du, wie weit es von hier aus bis hinauf nach Kirmanschah ist? Es wird gewiß eine Woche vergehen, ehe wir wieder nach Bagdad kommen. Sollen wir diese lange Zeit wegen einer Salbe opfern, die, wie ich vollständig überzeugt bin, keine Wirkung hat?«

»Sihdi, es handelt sich nicht um die Salbe, sondern um die Verjüngung, Verschönerung und Entrunzelung eines Angesichtes, welches mir das liebste auf der ganzen Erde ist. Und keine Wirkung? O Effendi, ihr Franken seid stets bereit, alle Klugheit und Wissenschaft nur für euch in Anspruch zu nehmen; aber Allah hat uns in seiner Güte hier Gaben verliehen, die euch trotz aller eurer Gelehrsamkeit versagt worden sind. Du hast ja gehört, daß der Erzengel Dschebräïl diese Salbe aus dem höchsten, also aus dem siebenten Himmel geholt hat, und da ihr keinen siebenten Himmel habt, so könnt ihr diese Marham ed Dschamahl nicht besitzen; das ist doch klar! Und daß sie wirklich hilft, daß sie von außerordentlich großer und ganz erstaunlicher Wirkung ist, das kannst du an Hunderttausenden und an Millionen von Runzeln sehen, die alle durch sie verschwunden sind. Du weißt, welchen Glauben ich dir schenke und welches Vertrauen ich in jedes deiner Worte setze, aber in dieser Salbe darfst du mir nicht herumrühren, die darfst du mir nicht zu Wasser machen, die kenne und verstehe ich besser als du. Oder bist du etwa bei der Ur-Urahne jener Ur-Urgroßmutter gewesen, von welcher der Händler vorhin sprach?«

»Nein,« antwortete ich ganz der Wahrheit gemäß.

»Hast du sie probiert und versucht? Hast du ein Harem damit bestrichen, ohne daß die Runzeln desselben verschwunden sind?«

»Nein.«

»Also! Ich bitte dich, erkundige dich in den Harimat der Dschesireh und bei allen Frauen und Töchtern des Grenzgebietes; frag auch in Teheran, in Ispahan, in Kerind und Hamadan, so wirst du erfahren, daß vor der Salbe der Umm ed Dschamahl jede Verunzierung des Gesichtes verschwindet. Jedermann weiß das; ich selbst habe es mehr als hundertmal gehört, und ich bitte dich, mich nicht zu erzürnen!«

Er war außerordentlich in Eifer geraten. Ich sah ein, daß jede Belehrung vergeblich sein werde, und versuchte, ihn auf andere Weise von seinem Vorhaben abzubringen, indem ich sagte:

»Unsere Reise führt uns wahrscheinlich von Schiras nach Ispahan und Teheran; da kommen wir über Kirmanschah zurück. Ich denke, daß es dann auch noch Zeit ist, uns nach der Verfertigerin der Salbe zu erkundigen.«

»Weißt du wirklich gewiß, daß wir diese Tour machen werden?«

»Ich denke es.«

»Denken! Wenn du es bloß denkst, so steht mir meine Salbe höher als deine Gedanken. Oder kannst du vielleicht mit diesen deinen Gedanken Runzeln vertreiben?«

»Da muß ich eingestehen, daß ich das noch nicht versucht habe.«

»Ein solcher Versuch würde auch nichts nützen, weil zwar die Salben, aber nicht die Gedanken aus Fett bereitet werden. Und selbst wenn es sicher wäre, daß wir nach Kirmanschah kämen, welche Zeit würde bis dahin von heute an vergehen?«

»Einige Monate allerdings.«

»Einige Monate! Allah Kerihm! Was kann während dieser langen Zeit aus dem geliebten Angesichte meiner Hanneh geworden sein! Du hast ja gehört, daß die Falten das Ungeziefer der Schönheit sind. Willst du diesem Ungeziefer Zeit lassen, sich so auszubreiten, daß wir später zehnmal soviel Salbe brauchen, als jetzt nötig ist? Und wenn ich meiner Hanneh die Salbe mitbringe, muß ich warten, bis die Wirkung sich nach und nach entwickelt; ich will aber die Wonne meiner Augen gleich bei meiner Heimkehr unzerknittert sehen; darum muß ich ihr schon vorher die Salbe senden; darum reite ich schon jetzt nach Kirmanschah, und darum suche ich schon jetzt die berühmte Bachtijarenfrau, um mir die süße Wonne des Angesichts meiner Hanneh von ihr geben zu lassen. Ich mache diese Reise gleich jetzt und unbedingt. Wenn du mich nicht begleiten willst, so muß ich allein reiten; aber es würde meiner Seele bitter wehe thun, die Erfahrung machen zu müssen, daß dir ein solcher Herzenswunsch deines Halef, der allezeit für dich in den Tod gehen würde, gleichgültig ist!«

Hierauf wendete er sich von mir ab und schwieg.

Dieser unglückselige Salbenhändler! Warum mußte er grad während unserer Anwesenheit in dieses Kaffeehaus kommen und meinen Hadschi an die »Zerknitterung« seines Harems erinnern! Es war wirklich ein Unsinn, eines kosmetischen Mittels wegen einen so weiten, zeitraubenden und nicht ganz ungefährlichen Ritt zu unternehmen! Aber der Orientale hat keinen Sinn für die Kostbarkeit der Zeit, und so besaß Halef auch kein rechtes Verständnis für die Versäumnis, welche er von mir verlangte. Freilich konnte auch ich von einer Versäumnis im strengen Sinne eigentlich nicht sprechen. Ich hatte diesen Ritt unternommen, um Eindrücke und Erfahrungen als Stoff für reiseschriftstellerische Werke zu sammeln, und da konnte ein Abstecher von einigen Tagen recht wohl unternommen werden, ohne daß meine Absichten darunter zu leiden brauchten; ja, es war gar nicht unmöglich für uns, auf diesem Seitenpfade Interessanteres zu finden als auf dem Hauptwege. Und wenn ich diese Route eine nicht ganz ungefährliche nannte, so konnte ich nicht gegenteilig behaupten, daß der Weg den Tigris hinab und über den Golf nach Schiras hinüber nicht gefährlich sei. Sodann hatte ich mit den Eigenschaften meines Halef zu rechnen. Er liebte seine Hanneh über alles und ließ ganz gewiß keine Gelegenheit, ihr einen Wunsch zu erfüllen, unbenutzt vorübergehen; hier handelte es sich aber nicht um einen gewöhnlichen, sondern um einen sehr großen Wunsch von ihr. Wieviel kosmetische Mittel sind wohl auf dem Toilettentisch einer abendländischen Dame zu finden! Und eine Morgenländerin hat in dieser Beziehung einen noch ganz andern, größeren Bedarf! Der unvertilgbare und keineswegs unberechtigte Trieb des weiblichen Wesens, in Beziehung auf die äußere Erscheinung möglichst eindrucksfähig zu sein, ist im Oriente viel, viel stärker als im Abendlande. Wie konnte ich es der guten Hanneh verdenken, daß sie den Wunsch hatte, ihrem Halef möglichst schön zu erscheinen! Und hier handelte es sich um ein Hauptschönheitsmittel. Mochte ich von demselben denken, was und wie ich wollte; mochte ich immer annehmen, daß die Wirkungen der Salbe gleich Null seien, ich hatte doch kein Recht, ihn zu hindern, zu thun, was ihr und also auch ihm Freude machte. Er hatte für mich so oft sein Leben gewagt und meinetwegen jetzt wieder Weib und Kind und seinen Stamm verlassen; er war zu jedem Freundesopfer für mich bereit; konnte ich ihm da nicht einige Tage schenken? Daß der Grund ein für mich sonderbarer war, für den ich unkosmetischer Westmann kein so rechtes Verständnis hatte, durfte doch nicht maßgebend sein. Zudem fiel mir ein, daß mehrere Unterabteilungen der Bachtijaren Ali-Ilahis sind und also zu einer Sekte gehören, von welcher ich zwar gehört und gelesen, aber keine Angehörigen persönlich kennen gelernt hatte. Vielleicht bot sich mir da oben in der Gegend von Kirmanschah die Gelegenheit, diese Lücke auszufüllen. Das waren wohl genug Gründe, auf den Wunsch Halefs einzugehen, zumal es mir höchst gespaßig vorkam, einen wochenlangen und anstrengenden Ritt vorzunehmen, um von einer alten, persischen Medikasterin eine »Einreibung« zu holen, doch machte ich noch einen Versuch, den Hadschi von seinem Vorhaben abzubringen.

»Kennst du die Unterabteilung der Bachtijaren, zu welcher die Umm ed Dschamahl gehört, lieber Halef?« fragte ich ihn.

»Nein,« antwortete er kurz.

»Sie scheint nicht aus Leuten zu bestehen, denen man viel Vertrauen schenken darf.«

»Wieso?«

»Du hast vorhin von dem Händler den Namen gehört, welcher Idiz lautet. Weißt du vielleicht, welche Bedeutung dieses Wort besitzt?«

»Auch nicht.«

»Idiz ist ein kurdisches Wort und heißt Spitzbube. Du willst also Spitzbuben aufsuchen!«

»Warum das nicht? Grad weil sie Spitzbuben sind oder heißen, will ich nun erst recht zu ihnen! Vielleicht erleben wir etwas bei ihnen; dazu machen wir ja unsere Reise. Nun freue ich mich doppelt auf den Ritt hinauf zu ihnen. Du würdest es später ganz gewiß sehr bedauern, ihn nicht mitgemacht zu haben! Sag doch nur, mein lieber Effendi, kannst du es denn gar nicht begreifen, daß Hanneh, die Morgen-, Mittags- und Abendwonne meines Lebenstages, gern so schön wie möglich sein will, wenn ich sie erblicke?«

»Oh, das, das ist mir sehr verständlich; aber Fett auf die Wangen streichen, das will mir nicht in den Kopf.«

»Es soll ja auch nicht in den Kopf, sondern eben nur auf die Wangen! Deine Dschanneh giebt sich doch wohl auch alle Mühe, dir zu gefallen?«

»Nein, denn sie weiß, daß sie mir ohne alle Mühe gefällt.«

»Weil ihr Angesicht noch glatt und ohne Knillen ist! Aber trotzdem wird sie sich ganz gewiß verschiedener Mittel zur wonnigen Erhöhung ihrer Schönheit bedienen?«

»Ich weiß von nichts.«

»Sie thut doch wohl Bumada in das Haar?«

»Nein. Ich mag den Geruch der Bumada nicht haben.«

»Und Dakik ins Gesicht?«

»Auch nicht. Die gesunde Wangenröte ist schön, und was schön ist, soll man doch nicht mit einer Schicht von Mehl bedecken.«

»Da hast du freilich recht, denn das Mehl ist zum Backen des Brotes aber nicht zur Verpackung des Gesichts bestimmt. Aber deine Dschanneh bestreicht ihre Lippen doch mit Hennah?«

»Nein. Ihr Mund, mit dem sie zu mir spricht, bedarf der Farbenlüge nicht.«

»Aber schwarze Farbe thut sie an die Augen, um die Eindringlichkeit ihres Blickes zu erhöhen?«

»Auch das nicht. Ihr schönes, klares Auge meidet jedes Dunkel.«

»Welchen Koku pflegt sie anzuwenden, um deiner Nase lieblich zu erscheinen?«

»Keinen.«

»Auch nicht ein wenig Misk? Den man von heut bis nach zwei Wochen riecht!«

»Den nun gar nicht! Mit Misk könnte man mich zur Flucht auf Nimmerwiederkehr verleiten. Ich kann ihn nicht erriechen. Künstliche Düfte unterstützen die Unwahrheit. Es ist in meinen Augen eine Sünde, den leisen, keuschen Duft einer gesunden Frau durch solche Mittel zu verdrängen.«

»Oh, Sihdi, was bist du doch für ein Salym! Wenn an deiner Dschanneh nichts, gar nichts künstlich sein darf, wie soll sie da die schöne Zeit verbringen, welche andere Frauen mit solcher Seligkeit auf die sorgfältige Verschönerung ihres Körpers verwenden?«

»Sie unterrichtet mich.«

»Allah akbar – Gott ist groß! Dich? Dich!!!«

»Ja.«

»Sihdi, das ist unmöglich! Ich kenne dich doch! Dein Geist ist reich und scharf und vielerfahren. Was könntest du von Dschanneh, deiner Seele, lernen!«

»Das ist ja eben der große, der unbegreifliche Fehler der Menschheit, daß sie den Geist nicht zur Seele in die Schule schicken will! Sie kennt das Verhältnis beider nicht und glaubt ganz falscher Weise, daß die Lehrerin vom Schüler zu lernen habe.«

»Das verstehe ich nicht!«

»Laß dich das nicht betrüben. Es geht Unzähligen so wie dir; diese aber meinen, es besser zu verstehen! Sie lassen die Seele verkümmern und putzen, bemalen und parfümieren den Geist, damit er herrschender Eunuche werde!«

»So gelten dir also selbst die herrlichen Haremsdüfte nichts?«

»Welche Frage! Im Ben Schir steht zu lesen. Allah war erst Schöpfer und dann Poet. Als er die Erde geschaffen hatte, schenkte er ihr zur Verherrlichung seiner Schöpfung ein göttliches Gedicht, nämlich das Weib. Was sagst du nun dazu, lieber Halef, daß dieses Gedicht sich mit Bumada und Mehl bestreicht und sich mit dein Geruch aus dem Beutel des Moschustieres umhüllt, daß es sich die Lippen, die Wangen, die Augen und die Hände färbt, und sich überhaupt alle mögliche Mühe giebt, durch künstliche Mittel den göttlichen Wohlklang zu zerstören, der ihm von dem himmlischen Dichter und höchsten Kenner des wahrhaft Schönen verliehen wurde?«

»Was ich dazu sage, Sihdi? Ich verzichte auf dies Alles, doch auf die Schönheitssalbe nicht.«

»Ich habe Hanneh einmal ein Gedicht genannt. Ihre Falten sind die Dankbarkeit und Ehrfurcht erweckenden Zeilen desselben.«

»Du hältst also die Marham ed Dschamahl, die ich holen will, für überflüssig?«

»Ja.«

»So scheinen die Falten des Abendlandes nicht so betrübend zu sein wie die des Morgenlandes. Nach unserm Geschmacke ist ein faltenloses Gesicht viel schöner als eines, welches Runzeln hat, und wenn ich meiner Hanneh die Glätte der Wangen verschaffen kann, so will ich sehr gern auf die vielen Ehrfurcht erweckenden Zeilen verzichten. Ich reite also trotz der holden Natürlichkeit deiner Dschanneh hinauf nach Kirmanschah. Nun entscheide, ob ich diesen Ritt allein unternehmen werde oder nicht! Ich hoffe, daß deine Liebe zu mir nicht geringer ist, als die meinige zu dir!«

»Diese Hoffnung soll nicht betrogen werden, lieber Halef. Ich reite mit.«

Er hatte sich im Schmollen halb von mir abgewendet; jetzt drehte er sich schnell wieder herum und sagte, indem seine Augen leuchteten:

»Wirklich? Ist es wahr?«

»Ja.«

»Du scherzest nicht?«

»Nein.«

»Hamdulillah! Ich habe gesiegt, gesiegt über Kara Ben Nemsi Effendi, den noch kein Mensch überwunden hat! Sihdi, ich danke dir; ich danke dir von ganzem Herzen! Wir werden nicht nur die Salbe der Schönheit holen, sondern dabei Heldenthaten verrichten, deren Ruhm sich auf unsere Kinder, Kindeskinder und Urenkelstöchter vererbt!«

»Die Salbe auch mit?«

»Schweig, Sihdi! Ich meine natürlich unsere Heldenthaten nur! Komm, laß uns heimkehren zu unserm Bimbaschi, der jetzt zum Mir Alai erhoben worden ist. Wir müssen ihm sagen, daß wir morgen nach Kirmanschah aufbrechen werden. Er wird sich schon im voraus auf die Thaten der Tapferkeit freuen, die wir vollbringen werden, und auf die Werke der Kühnheit und des Sieges, die er nach unserer Rückkehr zu hören bekommt. Wie bin ich froh und glücklich, deinen Widerstand überwunden zu haben! Denn« – – fügte er mit listigem Augenblinzeln hinzu – – »ich muß dir nur sagen, daß ich ohne dich den Ritt gewiß nicht unternommen hätte.«

»Pfiffikus!«

»Ja, pfiffig bin ich; das weiß ich nur zu wohl. Das ist mir angeboren und wurde« – fuhr er in vertraulichem Tone fort –»seit ich einen Harem habe, noch weiter ausgeübt.«

Jetzt war der kleine Hadschi ja wieder der Alte. Daß er unsern Ritt nach Kirmanschah gleich mit »Werken der Kühnheit und des Sieges« in Verbindung brachte, verstand sich bei ihm ganz von selbst.

Wir verließen das Kaffeehaus und gingen nach unserer Wohnung. Dort angekommen, teilten wir unsern Entschluß dem »früheren Bimbaschi und jetzigen Mir Alai« mit. Er frug nach dem Zwecke dieses Abstechers hinauf in die persisch-kurdischen Berge. Halef teilte ihm denselben in aller Aufrichtigkeit mit, und ich hörte dann zu meiner Verwunderung, daß ihm der Alte beistimmte. Auch dieser kannte den Ruf, in welchem die Umm ed Dschamahl stand, und versicherte mir, daß er vollständig begründet sei; er habe unzähligemal gehört, daß das Mittel wahre Wunder wirke, und Kepek, der Diener, welcher das hörte, fügte, indem er seine Worte mit schweren, gewichtigen Gesten begleitete, in bestätigendem Tone hinzu:

»Ja, die Umm ed Dschamahl führt diesen ihren Namen mit vollstem Rechte. Ihre Salbe verschönt das häßlichste Gesicht, und ich habe in den Kaffeestuben, die ich besuche, schon oft erzählen hören, daß sogar auch Männer die Wohlthätigkeit der Salbe an sich erfahren haben. Ich aber kaufe sie nicht!«

Ja, für ihn war sie freilich vollständig überflüssig, denn das ihm wohlgeneigte Fatum hatte ihm die Haut mit Fett – es sei gesagt – so fürsorglich ausgestopft, daß die Existenz einer Falte oder gar Runzel in dieser Rundung zu den absoluten Unmöglichkeiten gehörte.

Der Ritt, zu welchem ich mich so ungern entschlossen hatte, wurde ein höchst interessanter. Was wir dabei erlebten, ist bereits an anderer Stelle erzählt worden, so daß es genügt, hier kurz zu sagen, daß wir die Umm ed Dschamahl viel schneller fanden, als wir gedacht hatten, und zwar als Nezaneh der Unterabteilung ihres Stammes. Eine günstige Fügung wollte es, daß wir Gelegenheit fanden, ihr einen Dienst zu erweisen, den sie uns sehr hoch anrechnete; wir wurden Gäste des Stammes, dessen Gebieterin mich mit ihrer ganz besonderen Zuneigung erfreute. Noch ehe wir von diesen Leuten schieden, bekam Halef von der Nezaneh nicht nur einen mehr als genügenden Vorrat von Salbe geschenkt, sondern auch einen Boten gestellt, welcher dieses Geschenk zu Hanneh zu bringen hatte. Mir aber wurde noch eine viel größere Gunst zu teil, indem die Umm ed Dschamahl mir, natürlich unter vier Augen, das Rezept des Geheimmittels mitteilte, von dem sie behauptete, daß ein Vorfahre von ihr, der ein berühmter Hekim war, es einst von Scheheresade, dem Liebling Harun al Raschids, aus Dankbarkeit dafür erhalten hatte, daß es seiner Kunst gelungen war, sie, die berühmte Erzählerin von »Tausend und einer Nacht«, von einer tödlichen Krankheit zu erretten.

Als wir dann von ihr und ihren Leuten Abschied nahmen und ihr sagten, daß wir nicht über Kirmanschah, Kerind und Khanekin nach Bagdad zurückkehren würden, weil dies ein zu bedeutender Umweg für uns sei, riet sie uns, nach dem Tschaifu, einem Zuflusse des Djala, zu reiten, warnte uns aber von einem Zusammentreffen mit den räuberischen Hamawands und Dawuhdijehs, zwei ebenso »unternehmenden« wie »ruchlosen« Kurdenstämmen, die grad jetzt in Feindschaft miteinander lebten, weshalb die betreffende Gegend doppelt unsicher sei. Diese Warnung war gut gemeint, konnte uns aber nicht abhalten, die angegebene Richtung einzuschlagen, weil wir dies auch ohne den Rat der Umm ed Dschamahl gethan hätten, Wir hatten in Beziehung darauf, daß man die Kurden Räuber nennt, unsere eigenen, persönlichen Ansichten, welche sich aus unsern Erfahrungen und dem aus diesen entspringenden objektiven und unparteiischen Urteile ergaben.

Diese viel verleumdeten und auch von abendländischen Zeitungen oft angegriffenen Stämme üben an Reisenden, welche ihnen freundlich gesinnt sind, eine Gastlichkeit, welche die größte Anerkennung verdient; selbst der Todfeind steht so lange und so weit unter dem kräftigen Schutze des Zeltes oder des Lagers des gegnerischen Stammes, in dessen Hut er sich vertrauensvoll begeben hat, wie die Zusage und Macht desselben reicht. Freilich, wer mit zweifelhaften Absichten kommt oder, wie manche, besonders europäische Reisende es thun, sie wie minderwertige, tief unter ihm stehende Menschen behandelt, die seine Suprematie bescheiden anerkennen und seine Nichtbeachtung ihrer Sitten und Gewohnheiten ruhig hinnehmen sollen, der darf von ihnen nicht erwarten, daß sie ihm Ursache bieten, sich lobend über sie auszusprechen. Wenn sie für die Erlaubnis, durch ihre Gebiete zu reisen, von solchen Leuten eine entsprechende Gegenleistung fordern, ist das zum Tadel ganz gewiß kein Grund. Und wenn sie, falls man ihnen diese Leistung verweigert, sich mit Gewalt in den Besitz der Forderungen setzen und dann auch wohl mehr als das vorher Verlangte nehmen, so wird ein Kenner der dortigen Verhältnisse sie trotzdem noch nicht als Räuber bezeichnen. Der Begriff des Wortes Raub und die Ansichten darüber sind bei diesen Leuten eben andere als bei uns. Wenn unsere darauf bezüglichen Anschauungen für den größten Theil des Orientes keine Geltung haben, dürfen wir nicht grad und speziell von den Kurden verlangen, daß sie sich ihnen zu ihrem materiellen Schaden fügen. Als ich mich einst mit einem dortigen hohen Beamten über diesen Punkt unterhielt, antwortete er mir, indem ich ein beinahe zweideutiges Lächeln auf seinem Gesicht erscheinen sah:

»Raub? Räuber? Allah bewahre dich vor Ungerechtigkeit! Ich kenne einen Mann, der in eurem Lande gewesen ist; außerdem hat er viel über euch gelesen und mir davon erzählt; ich weiß also, wie es steht: Bei uns giebt es den geraden, offenen, ehrlichen Raub, bei euch den höflichen, den heimlichen, den versteckten. Ihr nennt das Bankerott, Ruin, Krach, Trust, Gründung und Spekulation, womit ihr nicht etwa nur Fremde, sondern eure eigenen Stammesangehörigen schädigt. Ihr setzt den Leuten eure Messer in versteckter Weise auf die Brust; die, welche ihr hier Räuber nennt, thun das, indem sie es aufrichtig sagen, und nur gegen Fremde, gegen Feinde, niemals gegen einen, der zu ihrem Volke gehört. Welche Räuber sind da mehr zu tadeln, die unserigen oder die eurigen?«

Konnte oder mußte ich ihm unrecht geben? Man hat grad in der Jetztzeit die Kurden so oft und mit solcher Erbitterung als Räubervolk verschrieen und ihnen die ganze Schuld an den vielbesprochenen armenischen Wirren zugeschrieben. Ich habe es schon gesagt und sage es hier wieder, natürlich im allgemeinen gesprochen und den Durchschnitt gemeint, daß mir ein Kurde zehnmal lieber ist als ein Armenier, obgleich der letztere ein Christ ist. Wenn und wo auch im Oriente irgend eine Niederträchtigkeit geschieht, da hat gewiß ein Levantiner, ein Grieche oder, was noch viel leichter denkbar ist, ein habichtsnäsiger Armenier die Hand im Spiele. Und was die erwähnten Wirren betrifft, so weiß man ja, wie und wozu sie entstanden sind oder, richtiger gesagt – »entstanden wurden!« Ich habe nicht nötig, meine Ansichten zu wiederholen, sondern füge einen kurzen Zeitungsartikel bei, welcher, während ich dieses schreibe, mir zu Händen liegt. Er stammt aus der Feder eines geistlichen Herrn, welcher während der »Kaiserreise« in Konstantinopel war und folgendes schreibt:

»Am letzten Abend, den wir in Konstantinopel verbrachten, waren wir im deutschen Handwerkerkasino. Es war ein unvergeßlich schöner Abend. Gott grüße euch, ihr deutschen und österreichischen Brüder am Bosporus! Welcher Handwerkerverein hat einen solchen Musikdirigenten, wie ihr? Und wo ist so viel Anhänglichkeit ans Vaterland, als bei diesen Männern, die theilweise 30 oder 40 Jahre unter Türken, Griechen, Juden und Armeniern ihr deutsches Gewerbe hochhielten? Die ältesten von ihnen haben die Zeit noch erlebt, wo kein starkes geeintes Deutschland hinter ihnen stand. Aus verlorenen Söhnen der deutschen Erde sind Pioniere der deutschen Zukunftsmacht geworden. Unter dem Schutze der deutschen Botschaft leben sie ein gesichertes Leben, und eben, während wir bei ihnen sitzen, üben sie die deutschen Lieder für die Ankunft Wilhelms II. Gemeinsam sangen die Jerusalemfahrer und der Konstantinopeler Handwerkerverein ein lautes »Deutschland, Deutschland über alles« ... Es war im Handwerkerverein, wo wir über die Armenier redeten. Uns gegenüber saß ein deutscher Töpfermeister, der 19 Jahre in Konstantinopel lebt und auch Anatolien kennt. Er sagte etwa folgendes: »Ich bin ein Christ und halte die Nächstenliebe für das erste Gebot, und ich sage, die Türken haben recht gethan, als sie die Armenier totschlugen. Anders kann sich der Türke vor dem Armenier nicht schützen, von dem seine Noblesse, Trägheit und Oberflächlichkeit auf das unverantwortlichste ausgenutzt wird. Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt. Er verkauft seine Frau, seine noch unreife Tochter, er bestiehlt seinen Bruder. Ganz Konstantinopel wird von den Armeniern moralisch verpestet. Nicht die Türken haben angegriffen, sondern die Armenier. Wir sind am Tage des Angriffs auf die Ottomanische Bank auf der Straße gewesen und wissen, wie es zuging. Den unierten Armeniern hat man nichts gethan, sondern nur den orthodoxen, denn diese sind die unverbesserlichen. Daß die Armenier in Kleinasien besser seien, ist eine englische Lüge. Ich bin auf den Dörfern gewesen und kenne die Dinge. Auch dort ist es der Armenier, der allein Wucher treibt. Daß die deutschen Christen Armenierkinder erziehen, hilft gar nichts. Diese werden später ebenso schlecht, wie die übrigen. Ein geordnetes Mittel, um sich gegen die Armenier zu schützen, giebt es nicht. Der Türke handelt in Notwehr!« –

Es verdient Beachtung, daß diese Darstellung unseres Landsmannes die Zustimmung seiner Freunde hatte. Wir haben keine Stimme gehört, die sich anders äußerte. Teilweise war die Wut über die Armenier eine brennende. Der Armenier ist der Revolutionär, den die Engländer benutzen, um den Sultan zu stürzen. Das war der Refrain von rechts und links. Wir geben diesen Auszug unseres Gespräches ohne weitere Bemerkungen, da unsre grundsätzliche Haltung in dieser Sache den Freunden in Deutschland hinreichend bekannt ist. Allseitig wird anerkannt, daß die Türkenherrschaft trotz unleugbarer persönlicher Vorzüge, die der Türke neben seiner Bummelei hat, nicht für alle Zeiten haltbar ist. Der Fremdkörper im Leibe Europas wird einmal ausgestoßen werden. Wann das geschieht, hängt von vielen Dingen ab, keineswegs bloß von Mittelmeerfragen.«

Wenn ich hier eine Art von Ehrenrettung für den Kurden versuche, so geschieht dies in rein menschlicher Absicht, weil ich meine, daß man jedermann nach den Verhältnissen beurteilen soll, die ihn erzogen haben und ihn noch jetzt beherrschen. Es sind das in Beziehung auf den Bewohner Kurdistans so ungefähr unsere mittelalterlichen Verhältnisse, die Zeiten des Faustrechtes, wo gar mancher auf hoher Burg thronende Herr aus einfachen Existenzrücksichten nach unsern heutigen Begriffen zum Räuber werden mußte. Ob ihn deshalb seine Nachkommen wohl vom Stammbaume gestrichen haben? Grad so ein ritterlicher Balduin von Eulenhorst oder Kuno von Felsenstein ist auch der Kurde, der sein Thun für vollständig gesetzmäßig hält und den Vorwurf, daß er kein Ehrenmann, sondern ein gemeiner Dieb und Wegelagerer sei, mit unerbitterlicher, blutiger Rache beantworten würde. Ich bin von Kurden als Feind behandelt, nie aber von ihnen nach armenischem Muster hinterrücks bestohlen oder übervorteilt und betrogen worden. Ganz dieser meiner Ansicht war auch Hadschi Halef Omar, der trotz seiner lustigen Eigenheiten von jeder niedrigen Gesinnung abgestoßen wurde, und zwar bei mancher Gelegenheit sehr wacker auf die Kurden räsonniert, doch nie von ihnen als von gemeinen, ehrlosen Menschen gesprochen hatte. Darum sagte er auch jetzt, als wir vor den Dawuhdijehs und Hamawands gewarnt worden waren, zu mir:

»Das klingt, als ob wir uns vor ihnen fürchten sollen, Sihdi. Vor Leuten, die uns offen mit den Waffen in der Hand entgegenkommen, brauchen wir beide keine Angst zu haben, und hinterlistige Feigheit giebt's bei ihnen nicht. Ich würde mich sogar auf einen kleinen Zusammenstoß mit ihnen freuen. Du weißt, daß ich einem fröhlichen Kampf nie aus dem Wege gehe.«

»Und solltest es aber doch!« antwortete ich.

»Warum?«

»Muß ich dich wirklich an den letzten Wunsch deiner Hanneh erinnern, Halef?«

»Den letzten? Effendi, ich sage dir, daß dies nicht der letzte ist, denn sie wird nach meiner Heimkehr noch sehr viele, viele haben! Und was diesen, den du meinst, betrifft, so ist er nicht gegen mein berühmtes Heldentum gerichtet, sondern nur gegen Unbedachtsamkeiten, vor denen wir uns hüten sollen.«

»Wir?«

»Ja, wir! Wer sonst.«

»Unter diesen Wir habe ich doch wohl dich und mich zu verstehen?«

»Natürlich!«

»So muß ich dir sagen, daß Hanneh von einer Unbedachtsamkeit meinerseits nicht gesprochen hat!«

»Gesprochen? Nein, das thut sie nicht. Dazu ist die Wonne meines Daseins viel zu höflich. Aber gemeint hat sie dich doch, und du bist klug genug, dies einzusehen, ohne daß ich es dir zu sagen brauche.«

»So will ich dir in aller Demut gestehen, daß ich diese Klugheit leider nicht besitze.«

»Wirklich nicht? So muß ich wieder einmal sehr tief beklagen, daß ich nur die Länge deines Verstandes anerkennen kann; aber in die Breite, in die so notwendige Breite, welche doch die Hauptsache ist, geht er leider nicht. Ich glaube, du meinst gar vielleicht, daß sich der Wunsch meiner Hanneh, welche die lieblichste unter allen Lieblichkeiten der Erde ist, nur ganz allein auf mich bezogen hat!«

»Das habe ich allerdings angenommen.«

»So glaubst du also, daß Hanneh nur bei mir eine That der Unbedachtsamkeit für möglich gehalten habe?«

»Ja.«

»Sihdi, nimm es mir nicht übel, daß ich nun endlich einmal ganz aufrichtig und ohne dir etwas zu verbergen, mit dir spreche. Ich bin so lange still gewesen, kann es nun aber nicht länger zurückhalten, daß du mich mit dir und dich mit mir verwechselst.«

»Wieso thue ich das?«

»Um dir dies klar und deutlich zu machen, muß ich dir einige Fragen vorlegen. Wirst du sie mir so beantworten, wie es die Wahrheit erfordert?«

»Ja.«

»Gut! Also: Wenn du jemanden etwas zu sagen hast, und er ist bei dir, wirst du es ihm da direkt sagen oder dich eines dritten als Boten bedienen, der es ihm ausrichten soll?«

Ich erriet, was er wollte, antwortete aber doch:

»Wenn er bei mir ist, sage ich es ihm direkt.«

»Schön! War ich abwesend, als du dich bei uns im Lager der Haddedihn befandest?«

»Nein.«

»Ich war da, war bei meiner Hanneh?«

»Ja.«

»Konnte sie mit mir sprechen?«

»Ja.«

»Kann also das, was sie dir gesagt hat, an mich gerichtet sein?«

»Du mußt dich anders ausdrücken, lieber Halef. Gerichtet war es an mich, gesagt aber für dich.«

»Damit widersprichst du dir selbst, denn du hast soeben geäußert, daß man das, was man jemandem direkt sagen kann, nicht durch einen dritten sagt. Ich war ja da! Wollte Hanneh mich vor Unvorsichtigkeiten warnen, so hätte sie das zu mir selbst gethan. Sie hat es aber zu dir gesagt; folglich gilt es dir, nicht mir!«

»Sie hat aber doch extra deinen Namen genannt und nicht von meiner sondern von deiner allzu großen Schnellfertigkeit gesprochen.«

»Das ist zwar wahr, aber siehst du denn nicht ein, warum sie grad so und nicht anders gesprochen hat?«

»Um dich zu schonen, dich nicht zu betrüben. Sie war zu zart, um es dir selbst zu sagen.«

»Zu zart! Effendi, das ist das richtige, das einzig richtige Wort; aber deine Auslegung ist nicht richtig, sondern falsch, denn nicht gegen mich, sondern gegen dich ist Hanneh zart gewesen, diese unvergleichlichste Frau aller Weiber der Erdenrunde. Begreifst du das?«

»Ich begreife nur, was du sagst, und auch den Grund dazu.«

»Du hast nicht meinen Grund, sondern den Grund meiner Hanneh zu begreifen, denn nicht ich bin es, sondern sie ist es gewesen, die mit dir gesprochen und dich gewarnt hat!«

»Das ist richtig. Mich hat sie gewarnt, aber nicht vor mir sondern vor dir.«

»Sihdi, das ist ja eben die große, die fast unverzeihliche Verwechslung der Personen, die du dir zu schulden kommen lässest! Mich hat sie genannt, aber dich gemeint. Das ist die hohe, die unvergleichliche Zartheit, mit welcher sie dich in mich und mich in dich verändert und dadurch die Personen umgedreht und der Unbedachtsamkeit, welche sie meinte, eine rücksichtsvolle Vertauschung der bestehenden Verhältnisse gegeben hat. Sie ist wegen deines großen Wagemutes in banger Sorge gewesen; sie hat dich bitten wollen, vorsichtiger zu sein, als du gewöhnlich bist; weil sie aber geglaubt hat, dich mit dieser Bitte zu betrüben, hat sie dich hinübergeschoben und mich dafür herübergeholt. Darum sprach sie mit dir allein und nicht in meiner Gegenwart, weil diese Betrübnis, die keinen treffen sollte, sonst auf mich gefallen wäre.«

»Glaubst du wirklich, was du sagst, Halef?«

»Ich glaube daran, wie ich an meine Hanneh glaube, deren Zartgefühl über die Feingefühle überhaupt aller irdischen Gefühlsarten steigt.«

»Auch ich erkenne ihr Zartgefühl an. Sie hat es dadurch bewiesen, daß sie die Bitte, welche dich geärgert hätte, nicht an dich, sondern an mich richtete.«

»Was höre ich! O Mangelhaftigkeit des Verstandes! O Fehlerhaftigkeit der Einsicht! O Unbegreiflichkeit des Nichtbegriffenwerdens! Effendi, wie schmerzlich ist mir das! Du bist sonst ein so außerordentlich kluger Mann, aber ich habe dir schon einmal sagen müssen, daß es in deinem Kopfe eine Stelle giebt, welche ausgebessert werden muß. Wie kannst du die Zartheit meiner Hanneh auf mich und nicht auf dich beziehen!«

»Weil sie nicht meine, sondern deine Frau ist. Sie hat also zart nur gegen dich, nicht aber gegen einen andern Mann zu sein. Verstanden?«

»Allah! Dagegen kann ich freilich kein Wort sagen, denn es ist wahr, daß ihr feiner Ton, ihr Anstand, ihre gute Lebensart und ihre lieblichen Umgangsformen nur mir gehören. Wollte sie gegen andere ebenso lieblich sein wie gegen mich, so würde ich mir das sehr verbitten! Der rechtmäßige Besitzer aller ihrer Vorzüge und erquickenden Eigenschaften bin nur ich allein!«

»Gut, so sind wir also einig. Ihre Zartheit galt nicht mir, sondern dir, also war nicht von meiner, sondern von deiner Unbedachtsamkeit die Rede.«

»Ich schweige; aber ehe ich mich in dieses Schweigen ganz und vollständig einhülle, muß ich dir sagen, daß es mir vorkommt, als ob die betreffende Stelle deines Verstandes ganz plötzlich ausgebessert worden sei, lieber Effendi. Du hast mich mit der Zartheit meiner Hanneh so vollständig besiegt und überwältigt, daß ich jetzt selbst an meine Unbedachtsamkeit glauben würde, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Hanneh sich da im größten Irrtum, den es geben kann, befindet. Wir haben ihr ja oft von unsern Heldenthaten erzählt, bei denen du zuweilen wohl allzu kühn gehandelt hast. Das ist schon lange her, und so darf es uns nicht wundernehmen, daß sie mich an deine Stelle gesetzt und die Personen dadurch vertauscht und umgewendet hat, daß sie meinen anstatt deinen Namen nennt. Sie ist es also, welche sich diese unverzeihliche Verwechslung hat zu schulden kommen lassen, und ich nehme hier den Vorwurf zurück, den ich vorhin dir gemacht habe.«

»Lieber Halef, ich denke, daß du es bist, welchem diese Verwechslung vorgeworfen werden muß, nicht sie und auch nicht ich. Hoffentlich giebst du das zu?«

»Nein, niemals! Wenn du noch immer nicht einsiehst, daß ich recht habe, so sehe ich mich gezwungen, dir ganz ausführlich zu erklären, daß –--«

»Wolltest du dich nicht vorhin ganz und vollständig in Schweigen hüllen?« unterbrach ich ihn.

»Ja, das sagte ich,« antwortete er.

»So bitte, hülle dich hinein! In dieser Angelegenheit ist das Schweigen für dich ein Mantel, welcher dich am besten kleidet. Ich fordere dich also hiermit ernstlich auf, ihn umzuhängen!«

»Gut, Sihdi! Er hängt schon; ich stecke schon drin. Nun siehe aber auch zu, wie du mich wieder herausbekommst!«

Er schlug, um seinen Worten eine äußere Bekräftigung zu geben, die vorher offenstehenden Vorderteile seines Burnus eng und fest um sich herum, senkte mißmutig den Kopf und blieb von jetzt an für lange Zeit im Burnus und im Schweigen tief verwickelt. Aber als wir dann an ein schmales, kleines Wasser kamen, wo ich halten blieb, um aus der Gestaltung des vor uns liegenden Terrains auf den mutmaßlichen Lauf dieses Baches zu schließen, vermochte er doch nicht, länger zu schweigen. Er fragte:

»Denkst du, daß dieses Wasser schon zu dem Tschaisu gehört, von welchem die Frau gesprochen hat?«

»Ich denke, du willst schweigen!« antwortete ich.

»Das war vorhin, wo es sich um eine Verwechslung der Personen handelte. Jetzt aber, wo sich eine Verwechslung der Gegenden ereignen könnte, muß ich reden. Übrigens frage ich dich: Wozu hat man die Augen?«

»Zum Sehen.«

»Und die Ohren?«

»Zum Hören.«

»Wirst du die Augen und die Ohren schließen, wenn und wo es etwas zu sehen und zu hören giebt?«

»Nein.«

»So hat man den Mund zum Sprechen, und ich sehe nicht ein, weshalb ich schweigen Soll, wenn die Notwendigkeit zum Reden so vorhanden ist wie hier. Ich will dir nämlich gestehen, daß ich den Namen Tschaisu nicht kenne; ich habe ihn noch nie gehört.«

»Ich auch nicht.«

»Und da wollen wir ihn suchen und auch finden?«

»Warum nicht? Der Name ist für uns Nebensache. Tschaisu ist ein türkisch-kurdisches Wort. Tschai bedeutet Fluß; Su heißt sowohl Wasser im allgemeinen als auch Fluß. Der Name ist also eigentlich ein sehr unbestimmter. Wahrscheinlich haben wir es hier mit der oft vorkommenden Gewohnheit zu thun, einem Gegenstande eine beliebige Bezeichnung zu geben. Für die Umm ed Dschamahl war der betreffende Fluß eben nur ›der Fluß‹; wie er eigentlich heißt, das ging sie nichts an. Jedenfalls handelt es sich um einen rechtsseitigen Zufluß der Djalah, und da wir uns auf dieser Seite befinden, werden wir gewiß auf ihn treffen. Ich hielt nur an, um zu überlegen, ob wir diesem Bache folgen sollen oder nicht. Er führt links tief hinab in das Thal, welches einen weiten Bogen schlägt, während die Höhe in gerader Richtung weiterstreicht. Bleiben wir oben, so stoßen wir sehr wahrscheinlich wieder auf ihn, und zwar heute abend, wenn wir lagern und also Wasser brauchen. Ihm zu folgen, würde ein Umweg sein.«

»Den wir nicht machen werden. Wir bleiben also oben.«

Wir hatten die Bachtijaren nämlich früh am Morgen verlassen, und jetzt war der Mittag schon vorüber. Wir befanden uns auf der Höhe des kurdischen Gebirges. Die Berge lagen wie mitten im Seesturme erstarrte, grün bekleidete Meereswogen um uns her. Vor uns strich in ziemlich gerader Richtung eine lange Höhenlinie hin, welche zwar nicht mit Hochwald aber mit ziemlich reichlichem Buschwerk bestanden war; ihr folgten wir, weil sie nach Südwest verlief, der Richtung, welche unser Ritt zu nehmen hatte.

Was den Bach betrifft, so zeigte es sich, daß ich seinen Lauf ganz richtig erraten hatte. Der Thalbogen, auf dessen Grunde er floß, hatte erst sehr weit nach links ausgeholt, kam aber dann, je weiter wir ritten, desto näher zu uns zurück, und als wir gegen Abend das Ende unseres Höhenzuges erreicht hatten, sahen wir ihn unten quer vorüberfließen, um sich mit einem Wasser zu vereinigen, welches rechts aus einem Seitenthale kam. Beide bildeten in dieser ihrer Vereinigung sehr wahrscheinlich eine Gabel des Nebenflusses, welchen wir zu finden hofften.

Wir ritten in das Thal hinab und suchten nach einem als Lagerplatz geeigneten Orte. Wir fanden einen solchen ganz in der Nähe des Zusammenflusses. Dort stiegen wir ab, ließen die Pferde trinken und wuschen sie dann, was wir überhaupt, falls es Wasser gab, nach einem solchen Ritte stets zu thun pflegten. Während man ein Pferd niemals mit warmem Wasser waschen soll, ist kaltes zu seiner Gesundheit so unbedingt erforderlich, daß man keine Gelegenheit, es ihm zu bieten, versäumen darf. Der Naturtrieb macht darauf aufmerksam. Ich habe im Westen der Vereinigten Staaten sehr oft wilde Mustangs sogar während ungewöhnlich kalter Tage in das Wasser gehen sehen.

Während unsere Hengste dann weideten, machten wir es uns unter einer Gruppe von Nadelbäumen bequem, deren dichte Wipfel versprachen, den Tau der Nacht von uns abzuhalten. Wir hatten den Platz so gewählt, daß wir die ganze Krümmung des Hauptthales übersehen und auch einen Blick in die Mündung des Seitenthales werfen konnten. Ein Feuer anzuzünden, hielten wir nicht für nötig; unser Abendessen bestand aus kaltem Fleische, welches uns die Umm ed Dschamahl mitgegeben hatte; Stechmücken, welche man durch Rauch von sich abzuhalten pflegt, gab es nicht; die Temperatur war mild, so daß wir keine künstliche Wärme brauchten, und so hätte ein Feuer nur die eine mögliche Wirkung gehabt, daß wir durch sein Licht und seinen Geruch verraten werden konnten. Es fiel uns zwar nicht ein, Angst vor irgend einer Begegnung zu haben, aber wenn man sich in einer solchen Gegend befindet, fühlt man sich in der Gesellschaft mit sich selbst am sichersten.

Aber dieser Wunsch, allein zu sein, sollte uns nicht erfüllt werden. Wir hatten vielleicht noch eine halbe Stunde bis zum Beginne der Dunkelheit, da sahen wir aus dem Seitenthale einen Reitertrupp kommen, welcher aus sechs wohlbewaffneten Personen bestand, die sich durch ihre Kleidung als Kurden kennzeichneten. Sie alle trugen rote Schulwars, eng anliegende Röcke, welche von ledernen Gürteln zusammengehalten wurden, und darüber weite Antaris von dunkler Farbe. An ihren Hüften hingen krumme Säbel; Pistolen und Messer steckten in den Gürteln, und als Langwaffen hatten sie lange, dünne Kurdenflinten, welche kaum bis zur Hälfte des Laufes geschäftet waren. Fünf von ihnen trugen Mützen von jener sonderbaren Form, die ihnen das Aussehen gegerbter Riesenspinnen giebt, deren halbkugelförmiger Leib den Kopf bedeckt, während die vielen Beine hinten und an den beiden Seiten herunterhängen. Der sechste hatte einen Turban von beinahe vier Fuß Durchmesser. Man bekommt so riesige Amajim besonders häufig in Kurdistan zu sehen. Hierbei sei bemerkt, daß das Wort Turban eigentlich Dülbend heißt und nur das Stück Musselin bezeichnet, welches man zur Bildung des Amami entweder um den Fez oder direkt um den Kopf wickelt. Beritten waren sie, wie wir auf den ersten Blick sahen, außerordentlich gut mit lauter Stuten derjenigen kurdischen Zucht, welche sich durch langen, ausdauernden Atem und, was in den Bergen die Hauptsache ist, durch sichern, nie strauchelnden Tritt auszeichnet.

Wie wir diese Reiter gleich gesehen hatten, so waren auch wir ihnen sofort aufgefallen, denn der Blick zwischen ihnen und uns hin und her war frei und durch kein Hindernis verdeckt. Unsere vor der Baumgruppe grasenden Pferde waren ihnen zuerst in die Augen gekommen, und dann hatten ihre Blicke auch uns gefunden. Sie hielten an, betrachteten uns kurze Zeit, berieten sich dann eine kleine Weile und kamen endlich, die Flinten schußfertig in den Händen, auf uns zugeritten, der Turbanträger voran. Sein Gesicht war bartlos, während die andern alle dichte Vollbärte trugen. Ihre Haltung zu ihm zeugte von Respekt und Unterwürfigkeit, so daß wir in ihm den Anführer vermuten mußten.

Ich habe gesagt, daß sie außerordentlich gut beritten waren, doch hätten wir keines unserer Pferde gegen fünfzig oder gar hundert der ihrigen umgetauscht; unsere Rappen waren ja überhaupt unverkäuflich, weil unschätzbar. Das sahen auch die Kurden. Sie warfen im Näherkommen bewundernde Blicke auf sie und machten einander leise Bemerkungen, die sich, wie wir wohl bemerkten, auf die Hengste bezogen. Als sie uns bis auf vielleicht zwanzig Schritte nahe gekommen waren, blieben sie halten und betrachteten uns mit argwöhnischen Augen.

»Sallam!« grüßte der Anführer.

Sein Gruß war nicht kurdisch, weil er uns ansehen mochte, daß wir keine Kurden seien. So kurz wie er grüßt man nur Ungläubige oder Leute, denen man nicht traut.

»Sallam!« antwortete ich ebenso mißachtend, obgleich ich mir mit einem kurzen Aaleikum den Respekt auch nicht vergeben hätte; es wäre aber doch höflicher als diese Wiederholung des Sallam gewesen.

Die Stimme des Grüßenden war ein hoher, gutturaler Tenor oder tiefer Alt, der mit dem unbärtigen Gesicht im Einklange stand. Die Züge desselben waren außerordentlich regelmäßig, für einen Mann zu weich, fast weiblich schön. Das Alter ließ sich nicht bestimmen; ich fragte mich vergeblich, warum. Ich hätte behaupten mögen, daß dieses Gesicht noch niemals rasiert worden sei. Da aber kam mir der Gedanke: Hätte dieser Reiter nicht so sicher und nach wohlgeübter Mannesart im Sattel gesessen und wäre er nicht als Mann gekleidet gewesen, so hätte ich ihn für eine Frau gehalten, obgleich der Blick so männlich ernst, so selbstbewußt und ruhig forschend war, wie ihn nur ein Mann, der seine Würde kennt und seinen Willen durchzusetzen weiß, zu haben pflegt. Diese Erwägungen erforderten aber keine lange Zeit; sie gingen mir blitzschnell durch den Sinn. Als meine kurze Erwiderung verklungen war, zog der Kurde die Stirn in zornige Falten und fuhr fort:

»Maschallah! Ihr scheint sehr vornehme Leute zu sein, da du so sparsam mit den Worten des Grußes bist?«

Er bediente sich auch jetzt der arabischen Sprache. Ich antwortete:

»Nach deiner eigenen Sparsamkeit zu schließen, bist du nicht weniger vornehm als wir beide.«

»Sag, wer ihr seid!«

Das klang gebieterisch, wie aus einem Munde, welcher gewohnt ist, Befehle zu erteilen.

»Weißt du nicht, daß derjenige, welcher schon hier war, das Recht der Frage besitzt? Der später Angekommene hat zu antworten!«

Er drehte sich um, seinen Begleitern eine leise Bemerkung zuzuflüstern; dann wendete er sich mir wieder zu und sagte, indem ein leises Lächeln um seine vollen Lippen spielte:

»Es kommt nicht darauf an, wer vorher und wer später kommt, sondern darauf, wer und was man ist. Der Niedrige hat dem Höherstehenden Auskunft zu erteilen. Darum werdet ihr wohl sagen müssen, wer ihr seid. Ich fordere das!«

Er hatte das in einem so selbstbewußten Tone gesagt, daß mein Hadschi Halef, dessen Eigenschaften in dieser Beziehung man ja kennt, gar nicht darauf wartete, was ich dazu sagen würde, sondern sehr schnell und mit bekanntem Eifer das Wort ergriff:

»Was höre ich da? Sagen müssen? Müssen, müssen? Du forderst es? Höre wohl, von fordern, fordern hast du gesprochen! Wer von jemandem etwas fordert, so gebieterisch fordert, wie du es dir erlaubst, muß höher als dieser andere stehen. Nun sage uns doch einmal, wie viel Kamelsbuckel du über uns erhaben bist!«

»Ich stehe so hoch über dir, daß ich Ehrerbietung und Gehorsam von dir verlangen kann!«

»So? Also gleich zweierlei? Ehrerbietung und auch noch Gehorsam dazu! Also haben wir wahrscheinlich das unendliche Glück, den Padischah, unsern von Allah begnadeten Sultan und Kalifen aller Gläubigen vor uns zu sehen?«

»Nein, der bin ich nicht.«

»Oder den erlauchten Schah-in-Schah, den berühmten Herrscher des persischen Reiches?«

»Nein.«

»Vielleicht den Kaiser von Iswitschera, den König von Girid oder gar den unvergleichlichen, weltbekannten Regenten von Elpes daghlary und dem großen Reiche Hyrwatlyk

»Auch nicht.«

»Nicht? Sonderbar! Du thust, als ob du der größte Beherrscher der Erde seist, und bist doch nichts von alledem, was ich genannt habe! Ich sage dir aber: Selbst wenn du einer dieser hohen Männer oder wenn du sie sogar alle wärst, würdest du uns dadurch nicht die Ehrerbietung und den Gehorsam abzwingen, von denen du gesprochen hast. Mit unserer Ehrerbietung beglücken wir nur uns selbst, aber keinen anderen Menschen, und nach Gehorsam suchst du bei uns überhaupt vergeblich. Wir thun stets nur, was wir wollen, und wer da glaubt, daß wir uns nach seinem Willen richten, dem beweisen wir sehr rasch, daß bei uns auf keinen Fall etwas zu wollen ist!«

»So steht ihr also höher als der Padischah und auch höher als der Schah?« lächelte der Kurde. »So bitte ich euch also in aller Demut und Unterwürfigkeit, uns gütigst mitzuteilen, welche überaus hohe Herren wir jetzt vor uns haben!«

»Wir werden das nicht eher thun, als bis wir wissen, wer ihr seid.«

»Das sagen wir nicht!«

»So schweigen auch wir!«

»Wir werden euch zwingen!«

»Versucht es doch!«

»Wir sind sechs Männer, ihr nur zwei!«

»Und wenn ihr sechshundert oder sechstausend wäret, würden wir doch thun, was wir wollen!«

Da ließ der Kurde ein mehr lustiges als zorniges Lachen hören, in welches seine Begleiter einstimmten. Er stieg vom Pferde, trat näher zu uns heran, die wir noch gar nicht aufgestanden waren, sondern noch immer am Boden saßen, und sagte:

»Wir hatten hier diesen Platz zum Bleiben während der Nacht bestimmt. Ihr werdet uns Platz machen!«

»Nein, das werden wir nicht!« antwortete Halef.

»Wir zwingen euch!«

»Womit?«

»Mit unsern Waffen.«

»Das laßt ja in Allahs Namen bleiben! Es giebt auf der ganzen Welt keine einzige Waffe, vor welcher wir uns fürchten. Und wenn ihr jeder zehn oder noch mehr Kanonen bei euch hättet, die alle geladen wären, so würden wir doch darüber lachen!«

»Du bist verrückt! Ich würde schon längst zornig über dich geworden sein, wenn ich nicht sähe, daß du zu der bemitleidenswerten Sorte von Menschen gehörst, welche man als Musucha bezeichnet. Darum kannst du mich nicht erzürnen, sondern nur mein Erbarmen erwecken. Verlaßt gutwillig diesen Platz, wenn ihr nicht wollt, daß wir euch dazu zwingen! Du siehst, daß ich jetzt Ernst mache. Wenn ihr nicht sofort gehorchet, schieße ich euch nieder!«

Er nahm eine Pistole aus dem Gürtel und ließ den Hahn derselben knacken.

Es ist schon gesagt worden, daß nichts den Hadschi so empören konnte, als wenn ihm die Kleinheit seiner Gestalt vorgeworfen wurde. So auch hier. Er sprang schneller, als selbst ich es ihm zugemutet hatte, auf, schlug dem Kurden die Pistole aus der Hand, faßte ihn an beiden Armen, schleuderte ihn neben mich nieder, kniete ihm auf den Leib, drückte ihm die linke Hand auf die Kehle, zog mit der rechten sein Messer, hob es zum Stoße empor und rief:

»Kerl, du sollst den ›Mesach‹ kennen lernen! Rühre dich nicht! Und wenn einer von euch es wagt, seine Waffe auch nur zu berühren, stoße ich dir das Messer augenblicklich in das Herz! Ich soll zu den Mesucha gehören! Ich sage euch, das kleinste Glied meines kleinsten Fingers reicht vollständig dazu aus, euch zu beweisen, daß ihr mir gegenüber nur wie Säuglinge seid, die sich nicht wehren können! Wagt ja keinen Widerstand, sonst steche ich ihn augenblicklich tot!«

Es war interessant, zu sehen, wie unbeweglich die fünf Kurden auf ihren Pferden saßen. Einen so blitzschnellen, gewaltthätigen Streich hatten sie dem kleinen Kerl nun freilich nicht zugetraut. Seine stoßfertige Klinge, der energische Ton seiner Stimme und die blitzenden Augen, deren Blick er drohend auf sie richtete, machten einen solchen Eindruck auf sie, daß sie nicht nur ihre Hände still hielten, sondern auch kein einziges Wort zu sagen wagten. Auch der Anführer lag vor Schreck ganz unbeweglich unter den Knieen und der Hand des Hadschi, weicher, nun zu ihm gewendet, fortfuhr:

»Nun zwinge uns doch einmal, diesen Ort zu verlassen, zwinge uns doch, euch Platz zu machen! Ich bin sehr neugierig, zu erfahren, wie du das anfangen willst! Versuche es ja nicht, dich frei zu machen! Meine Klinge würde dir sofort bis an das Heft ins Leben gehen! Denke ja nicht, daß ich scherze! Wenn du meinst, daß es auf die Höhe und die Breite der Gestalt ankommt, so irrst du dich gewaltig. Vor mir haben schon die größten Riesen des Erdkreises tief im Staub gelegen, und du bist ja nicht einmal ein so großer Kerl, daß du dich über einen andern lustig machen dürftest. Ich verlange, daß du uns sofort sagst, wer ihr seid. Zögere ja nicht, sonst ist mein Messer schneller als deine Zunge!«

»Laß mich erst los, sonst kann ich nicht reden!« stöhnte der Kurde unter dem festen Handgriffe Halefs hervor.

»Gut, ich will dir Luft lassen; aber versuche ja nicht, dich frei zu machen! Also antworte! Wer seid ihr?«

»Wir sind Kurden,« konnte der Gefragte nun deutlicher sagen, weil seine Kehle nicht mehr von dem Hadschi zusammengepreßt wurde.

»Das sehen wir. Wir wollen aber natürlich wissen, zu welchem Stamme ihr gehört.«

»Zum Stamme Dumbeli.«

»Wo befindet der sich jetzt?«

»Hier in ' der Nähe. Den genauen Ort kennen wir nicht. Wir sind von ihm weit fortgewesen und kehren jetzt wieder heim. Um nicht nach ihm suchen zu müssen, haben wir bestimmt, von dieser Stelle abgeholt zu werden. Darum müssen wir hier bleiben und forderten euch auf, den Ort zu verlassen. Gebt mich frei, und nehmt euch in acht, denn wenn unsere Krieger kommen und erfahren, daß ihr uns feindlich behandelt habt, werden sie blutige Rache nehmen.«

»Wir fürchten uns vor ihnen und ihrer Rache ebensowenig, wie wir uns vor euch gefürchtet haben! Du hast dein Maul so weit aufgerissen und es gewagt, uns Befehle zu erteilen, als ob du nicht zu den gewöhnlichen Kriegern deines Stammes gehörtest. Wie steht es damit?«

»Ich bin der Häuptling.«

»Wie heißest du?«

»Mein Name ist Adir Beg.«

»So will ich dir, Adir Beg, jetzt eine Mitteilung machen. Wenn du diese befolgest, gebe ich dich wieder frei, doch nur aus gutem Willen und nicht etwa, weil wir uns vor euch fürchten. Also höre, was ich dir sage!«

»Warte damit noch!« forderte ich ihn jetzt auf, denn ich durfte ihm nicht erlauben, Bestimmungen zu treffen, ohne mich vorher gefragt zu haben. Dies war schon um des Prinzipes wegen und dann auch deshalb, weil es nicht so unbedingt, wie er dachte, sicher war, daß seine Anordnungen dann auch meinen Beifall fanden.

»Hast du einen Einwand?« fragte er mich.

»Ja.«

»Welchen?«

»Dieser Mann hat dir die Wahrheit nicht gesagt; er ist kein Dumbeli-Kurde.«

»Du meinst, daß er mich belogen habe?«

»Ja. Auch der Name Adir Beg ist ein falscher.«

»Es ist mein richtiger Name,« fiel da der Kurde ein. »Und auch meinen Stamm habe ich der Wahrheit gemäß genannt. Warum sollte ich euch andere Namen sagen!«

»Weil – – – doch davon vielleicht später. Uns kannst du nicht betrügen!«

»Du sprichst vom betrügen? Wie dürft ihr mich des Betruges zeihen, ihr, die ihr, wie wir sehen, keine Kurden seid und also unsere Verhältnisse nicht kennt!«

»Ich kenne sie wahrscheinlich besser als ihr selbst,« entgegnete ich; »ich will dir das beweisen, obgleich ich gar nicht nötig habe, darüber zu sprechen. Du hast zwar jetzt nicht kurdisch, sondern arabisch gesprochen, aber ich höre doch an deiner Aussprache, daß dein Stamm den Kurmandschidialekt des Kurdischen redet, nicht die Sazamundart; die Dumbeli aber sind Sazakurden, und der falsche Name Adir, den du dir beigelegt hast, ist ein Sazawort.«

»Wie klug du bist!« antwortete er, halb verlegen und halb höhnisch. »Du scheinst gar nicht zu wissen, daß aus verschiedenen Mundarten sehr oft Worte herüber und auch hinüber gehen!«

»Das weiß ich sehr wohl. Aber ebenso genau weiß ich, daß sich die Dumbeli nicht hier in dieser Gegend, sondern sehr, sehr weit von hier befinden. Du hast uns belogen, und wer nicht aufrichtig mit uns ist, der darf auf keine Nachsicht von uns rechnen.«

Der Kurde zögerte, mir gleich wieder Antwort zugeben. Er sah mir lange forschend in das Gesicht; dann endlich sagte er:

»Ich möchte behaupten, daß du ein guter Mensch seiest! Böse Leute haben andere Augen und auch andere Gesichtszüge als du. Darum will ich dir, obgleich es meiner Seele widerstrebt, offen eingestehen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt habe. Aber ich darf nicht sagen, wer wir sind. Wir haben Allah ein Nadr vor den Thron gelegt, welches uns zum Schweigen zwingt. Glaubst du das?«

»Ja; ich sehe dir an, daß du jetzt die Wahrheit sagst; ich glaube es.«

»Wenn du uns zu einer Antwort zwängst, würden wir dich wieder belügen müssen. Nur aus diesem Grunde haben wir nicht gesagt, wer wir sind. Andere Ursachen, unsern Namen und unsern Stamm zu verschweigen, giebt es nicht. Wir können im Gegenteile so stolz darauf, wer und was wir sind, sein, daß wir eher Ursache hätten, zuviel anstatt zu wenig davon zu sprechen. Nachdem du das gehört hast, wirst du dich wohl nicht länger weigern, uns Auskunft über euch zu geben! Welchem Stamme gehörst du an?«

»Keinem.«

»Du bist doch ein Beduine! Wenn ein solcher zu keinem Stamme gehört, so ist er wegen ehrlosen Verhaltens von dem seinigen ausgestoßen und von keinem andern dafür aufgenommen worden. Aber wie ein Ehrloser, wie ein Ausgestoßener kommst du mir nicht vor!«

»Ich bin kein Beduine.«

»Also Perser?«

»Nein.«

»Türke?«

»Auch nicht. Ich bin ein Christ und stamme aus dem Abendlande.«

»Es soll dort mehrere Länder geben, welche verschiedene Namen haben. Wie heißt das deinige?«

»Dschermanistan.«

»Dschermanistan? Das ist ein berühmtes Land, von welchem jetzt oft gesprochen wird. Der Sultan desselben heißt Wirhem?«

»Wilhelm, willst du sagen!«

»Sein Großwesir ist ein Riese von Gestalt, welcher Bismara heißt?«

»Bismarck ist die richtige Aussprache.«

»Und sein Muschir wird Molekeh genannt?«

»Moltke muß es heißen!«

»Wir können diese Namen nicht so aussprechen, wie du sie sagst; aber wir haben von diesen drei berühmten Männern viel, sehr viel gehört. Man erzählt bei uns von ihnen große Thaten, die unvergleichlich sind. Es muß in Dschermanistan sehr viele tapfere Männer geben!«

»Warum denkst du das?«

»Weil ihr den großen Stamm der Feransawi besiegt habt, dem noch niemals ein Feind hat widerstehen können. Auch Hadschi Kara Ben Nemsi soll ein Krieger aus eurem Lande sein.«

Kaum war dieser Name ausgesprochen worden, so fiel Halef schnell ein-.

»Hadschi Kara Ben Nemsi? Kennst du den?«

»Ja.«

»Woher?«

»Wer sollte ihn nicht kennen, nicht von ihm und seinem treuen Gefährten Hadschi Halef Omar gehört haben! Diese beiden Männer haben manchem Stamm gegen andere, feindliche Stämme beigestanden und ihm zum Siege verholfen, weil sie unübertrefflich tapfer sind und sich ganz und gar nach den Kampfes- und Kriegsregeln des Landes Dschermanistan verhalten, welche weit besser und vorteilhafter als die unserigen sind. Wer diese klugen Regeln und Gebräuche anwendet, der kann von keinem Feinde überwunden werden. Darum sind Kara Ben Nemsi und sein Halef niemals überwunden worden, und ihre Namen leben nicht nur im Munde der Freunde, sondern sie werden auch von den Feinden mit Achtung und Ehrerbietung genannt.«

Halef hatte noch immer fest auf dem Kurden gekniet; aber sobald der »treue Hadschi Halef Omar‹, genannt wurde, nahm er zuerst das linke Bein und bei den Worten »unübertrefflich tapfer« dann auch das rechte weg, so daß er den am Boden Liegenden frei gab und dieser sich aufsetzen und ohne den bisherigen Druck weitersprechen konnte. Das Messer behielt er freilich noch immer in den Händen. Doch als der Kurde zuletzt gar von »Achtung und Ehrerbietung« sprach, entfernte der Kleine auch diese drohende Waffe und sagte in freundlichem Tone:

»Das hättest du gleich erst sagen sollen, nämlich daß du diese beiden weltberühmten Helden kennst! Da hätten wir ganz anders mit euch geredet, als wir bisher zu euch gesprochen haben. Du bist frei, ganz frei!«

»So kennst du sie wohl auch?« erkundigte sich der Kurde, indem er rasch aufsprang und sich nach seiner Pistole bückte, um sie wieder aufzuheben.

Ohne dieses letztere zu beachten, antwortete der Hadschi: »Natürlich kenne ich beide, und zwar gut, sehr gut!«

»Ihr habt von ihnen gehört?«

»Nicht bloß das!«

»Sie gar gesehen?«

»Nicht bloß das!«

»Mit ihnen gesprochen?«

»Nicht bloß das!«

»Vielleicht bei ihnen gelagert, mit ihnen gegessen, getrunken und wohl auch geschlafen?«

»Nicht bloß das!«

»So seid ihr etwa gar mit ihnen gereist, mit ihnen geritten, habt euch längere Zeit bei ihnen befunden?«

»Nicht bloß das!«

»Was denn noch? Es kann ja gar nichts weiter geben, als das, was ich dich gefragt habe!«

»Oh, noch viel mehr!«

»Was?«

»Daß wir uns stets bei ihnen befinden.«

»Du meinst doch wohl zuweilen, nicht stets?«

»Nein, stets.«

»So müßtet ihr auch heut, auch jetzt bei ihnen sein!«

»Das sind wir ja auch!«

»Wie? Wirklich, wahrhaftig? Wo sind sie denn? Sage es schnell, sehr schnell! Sie sind wohl für einige Zeit fortgeritten und werden wiederkommen? Ihr erwartet sie?«

»Nein.«

»Was denn?«

»Sie sind hier!«

»So müßten wir sie sehen!«

»Ihr seht sie ja!«

»Wir sehen nur euch. Haben sie sich versteckt? Sind sie zurückgewichen, als sie uns kommen sahen?«

»Nein, sie sind hier!«

Diese kurzen Fragen und Antworten folgten sehr schnell aufeinander. Der Kurde zeigte einen ganz besonderen Eifer, und sein Ton wurde bei jeder Frage dringlicher. Jetzt ließ er seinen Blick erstaunt zwischen Halef und mir hin und her gehen; er wußte nicht, was er sagen sollte. Da aber rief einer seiner Begleiter aus:

»Die Pferde, die Pferde, die wir schon bewundert haben! Wer hat solche Pferde?«

Dadurch veranlaßt, drehte sich der Anführer nach den Rapphengsten um, wendete sich aber uns sehr rasch wieder zu und rief aus-.

»Halef soll sehr klein sein, und Kara – –«

»Klein nur von Gestalt, aber ungeheuer groß an Mut und Tapferkeit!« fiel ihm der Hadschi rasch in die Rede.

»Und Kara Ben Nemsi Effendi,« fuhr der Kurde nach dieser Unterbrechung fort, »soll die Zähne von selbsterlegten Bären, Löwen, Tigern und Panthern am Halse tragen. Du bist klein, und dein Begleiter hat zwei solche Halsbänder, wie ich sehe! Solltet –---«

Er hielt vor Überraschung inne.

»Solltet – – was?« fragte Halef.

»Solltet ihr diese beiden sein?«

»Warum nicht!«

»Du Hadschi Halef Omar?«

»Ja.«

»Der oberste Scheik der Haddedihn – – –? Vom großen Stamme der Schammar?«

»Natürlich!«

»Und er ist Kara Ben Nemsi?«

»Gewiß!«

»Ist das wahr? Keine Lüge?«

»Was ich sage, kannst du glauben!«

»So sei der Augenblick gesegnet, der uns zu euch hierher führte! Wir sehen die beiden Männer, welche einmal zu treffen, mein größtes Sehnen gewesen ist! Wir begegnen ihnen zu einer Zeit und an einem Orte, wo uns ihr Rat unendlich wert und willkommen sein muß! Steigt von den Pferden, ihr Leute, und begrüßt diese beiden Klugen und Unüberwindlichen mit der Hand, wie man gute, liebe Freunde begrüßt, deren Anblick das Herz frohlocken läßt!«

Wir standen auf. Sie stiegen von ihren Pferden, legten die Waffen ab und schüttelten uns die Hände mit einer Herzlichkeit, als ob wir liebe, alte, lange nicht mehr gesehene Kameraden und Freunde von ihnen seien, deren unerwarteter Anblick doppelt froh überrascht. Dann machten sie es ihren Tieren bequem und setzen sich bei uns nieder, nachdem sie sehr höflich um die Erlaubnis dazu gebeten hatten. Das Bild war plötzlich ein ganz anderes geworden.

Der Anführer saß mir gegenüber; er war mir eine hochinteressante Person, und ich hätte ihn gar zu gern beobachtet, um mit mir über ihn ins reine zu kommen, leider aber war es schon zu dunkel dazu, denn der Abend brach jetzt herein, und die Kurden erklärten, unserm Beispiele folgen und kein Feuer anbrennen zu wollen.

Natürlich war es uns zunächst darum zu thun, nun der Wahrheit gemäß zu erfahren, von welchem Stamme die Kur den seien. Halef drückte diesen Wunsch in seiner bekannten Weise aus:

»Ihr wolltet uns zwingen, euch zu sagen, wer wir sind. Ihr habt es erfahren, obgleich wir uns nicht zwingen ließen, das zu thun, was ihr so gebieterisch von uns verlangtet. Nun euch dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, seid auch ihr uns Rechenschaft über eure Personen schuldig, und ich hoffe, daß ihr das bisherige Geheimnis nun nicht länger um euch herumschlagen werdet, wie einen Mantel, durch welchen man erst blicken kann, wenn er alt und zerrissen ist!«

Hierauf antwortete mein Gegenüber:

»Wir haben euch schon mitgeteilt, daß wir ein Gelübde gethan haben und dadurch zur Verschwiegenheit gezwungen worden sind. Wir können euch der Wahrheit gemäß nur sagen, daß wir zum Stamme der Hamawandi-Kurden gehören.«

»Bist du der Scheik derselben?«

»Nein, er selber nicht, aber ein naher Verwandter von ihm.«

»Und dein Name?«

»Auch dieser ist Geheimnis. Nenne mich – –« – er dachte einige Augenblicke nach und fuhr dann fort: »nenne mich Adsy; ich werde darauf hören.«

Vielleicht dachte der Kurde an das türkische Wort adsys, welches soviel wie »ohne Namen« bedeutet. Halef nickte ihm zustimmend zu und fuhr dann fort:

»Ein Gelübde darf man nicht verletzen; darum genügt es uns, wenn du uns einen Namen nennst, der deinem Ohre wohlgefällt. Wir sind oben bei der Bachtijari gewesen und wollen nun wieder nach Bagdad hinab. Da ich euch dies sage, dürfen wir vielleicht erfahren, nach welchem Orte ihr reitet?«

»Das ist es, weshalb wir euch um Rat fragen werden. Eigentlich ist dieser ganze Ritt auch ein Geheimnis, aber ein so gefährliches, daß ich mich gar nicht erst besinne, ob ich es euch mitteilen kann. Es hat mich ja grad darum so außerordentlich gefreut, euch, grad euch getroffen zu haben, zwei Männer von solcher Klugheit, solcher Erfahrung und solcher Tapferkeit, daß es für uns nur von größtem Nutzen sein kann, wenn ihr uns sagt, wie ihr an unserer Stelle handeln würdet. Vor allen Dingen aber möchte ich vorher wissen, was und wie ihr über die Dawuhdijeh-Kurden sagt und denkt.«

»Was wir denken? Hm! Und was wir sagen? Auch hm!« antwortete Halef ausnahmsweise einmal so vorsichtig. Dann fuhr er, zu mir gewendet, fort: »Es ist mir lieber, wenn du an meiner Stelle redest, Effendi. Du weißt ja, daß ich überhaupt gern so wenig wie möglich spreche, zumal wenn es mir nicht bewußt ist, was und wie ich alles sagen soll!«

Damit hatte er die Schwierigkeit auf mich abgewälzt. Was ich als Diplomat hätte reden müssen, das wußte ich ja auch nicht, weil mir nicht bekannt war, ob die Hamawands mit den Dawuhdijehs grad jetzt in Frieden oder in Feindschaft lebten, und darum hielt ich es für am besten, meine Meinung ganz der Wahrheit gemäß mitzuteilen:

»Die Dawuhdijehs halten den Raub für keine Schande; sie sind tapfer und gewaltthätig. Ihr Scheik Ismael Beg ist auch tapfer; größer als diese seine Tapferkeit aber ist seine Schlauheit, wie er schon sehr oft bewiesen hat.«

»Das ist wahr, unbestritten wahr, Effendi! Hast du ihn schon einmal gesehen?«

»Nein.«

»Er dich?«

»Wohl auch nicht. Aber gehört habe ich genug von ihm, um mir ein Bild von ihm machen zu können.«

»Es ist ganz genau das Bild, welches auch ich mir von ihm mache, denn auch ich habe ihn noch nicht gesehen. Wir wollen zu ihm.«

»So! Lebt euer Stamm in Freundschaft mit dem seinen?«

»Freunde sind wir nicht, aber jetzt auch nicht Feinde. Der letzte Fall von Blutrache zwischen uns ist ausgeglichen, also hat kein Stamm dem andern etwas vorzuwerfen; aber bei Leuten, zwischen denen soviel Blut geflossen ist, wie zwischen uns und ihnen, ist in jedem Augenblicke die Möglichkeit vorhanden, daß wieder welches vergossen wird.«

»Da ist also euer Ritt zu ihnen nicht ganz ungefährlich?«

»Oh, er ist viel gefährlicher, als du denkst! Wir sind sogar fest überzeugt, daß wir unser Leben wagen, indem wir die Nähe der Dawuhdijehs oder gar sie selbst aufsuchen. Aber wir müssen, denn ich habe erfahren, daß sie meinen Bruder bei sich festhalten.«

»Warum?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aus welchem Grunde befindet er sich bei ihnen, bei denen er doch, wie er wohl wissen mußte, so wenig sicher ist?«

»Er mußte hin, um das Leben seines Sohnes zu retten, der sich mit einer vergifteten Waffe verwundet hatte.«

»Das ist mir unklar. Ich bitte dich, es verständlicher zu erzählen!«

»Diesen Wunsch werde ich dir gern erfüllen. Ich habe einen älteren Bruder, welcher Schevin heißt. Allah gab ihm einen Sohn, einen lieben, schönen, kräftigen kleinen Knaben, welcher der Stolz und die Freude seines Vaters und seiner Mutter ist. Khudyr ist sein Name. Dieser Knabe bekam unvorsichtigerweise ein vergiftetes Kriegsmesser aus Hindistan in die Hand. Vielleicht weißt du, wie gefährlich dieses Gift ist, welches man Antschar nennt?«

»Ja, ich weiß es. Es wird auch Upas oder Tschettikgift genannt, welches starke Krämpfe und darauf den Tod bewirkt, wenn es durch die Wunde in das Blut aufgenommen wird.«

»Ich höre, daß du es kennst. Jedermann hat erfahren, daß dieses Gift das gefährlichste aller Gifte der Erde ist. Es wächst auf einem Baume, welcher im ›Todesthale‹ steht und seinen verderblichen Geruch mehrere Tagereisen weit nach allen Richtungen verbreitet, so daß kein Baum, kein Strauch, keine Blume, ja kein einziger Grashalm entstehen und wachsen kann. Jedes Tier, welches in die Nähe kommt, wird durch diesen Gifthauch sofort getötet, und auch jeder Mensch muß sofort sterben, wenn er sich dorthin verirrt oder so vermessen ist, sich heranzuwagen.«

»So schlimm ist es doch nicht ganz!«

»Nicht? Wenn du das behauptest, kennst du dieses Gift doch nicht genau. Ich sage dir, es ist die reine, volle Wahrheit, daß jeder Mensch, jedes Tier und jede Pflanze in der Gegend, wo dieser Baum des Gifttodes steht, sofort und unbedingt zu Grunde geht. Darum ist das ›Thal des Todes‹ mit den Gerippen von Menschen und Tieren so dicht besäet, daß die Knochen den Boden allüberall vollständig bedecken!«

»Ich werde dir sogleich beweisen, daß du dich irrst.«

»Das kannst du nicht!«

»Ich kann es; es ist sogar sehr leicht. Du behauptest also, daß jeder Mensch, welcher sich in dieses Todesthal wagt, unbedingt zu Grunde gehen muß?«

4a, unbedingt und sofort!«

»Weißt du, daß es Tausende von Klingen und Pfeilspitzen giebt, welche mit dem Gifte, von dem du sprichst, getränkt und versehen worden sind?«

»Ja.«

»Es muß also doch wohl Leute gegeben haben, die es aus dem Thale des Todes holten?«

»Natürlich!«

»Die haben es gebracht, sind also nicht gestorben! Wie stimmt das mit deiner Behauptung überein?«

»Hierauf weiß ich freilich nicht zu antworten, Effendi. Was ich gesagt habe, ist mir ganz genauso erzählt worden, und jedermann glaubt es.«

»Ich will dir zu deiner Entschuldigung sagen, daß dieses Märchen von dem Todesthale auch bei uns im Abendlande erzählt und von vielen Leuten, die nicht darüber nachdenken, geglaubt wird. Es giebt kein Todesthal und auch nicht diesen einzelnen oder einzigen Upasbaum, welcher dieses Verderben ganz allein verbreiten soll, sondern es wachsen auf Java und noch andern dortigen Inseln viele solcher Bäume, Sträucher und Schlinggewächse, von deren Milchsaft das Upas- oder Antschargift bereitet wird. Diese Bäume und sonstigen Gewächse gedeihen an solchen Stellen am besten, wo unterirdische, giftige Gase aus der Erde treten. Diese Gase sind schwerer als die Luft; sie steigen nicht in die Höhe, sondern bleiben unten in der Nähe des Bodens, besonders in Thälern, wo der Wind keinen Zutritt hat und sie also nicht mit sich fortführen kann. Wer sie einatmet, der muß sterben. Darum, aber auch nur darum findet man in solchen Thälern dort sehr oft Gerippe von Menschen und Tieren liegen, welche an diesen Gasen zu Grunde gegangen sind, aber nicht an den Giftpflanzen, welche allerdings gern an solchen Stellen wachsen, deren Saft aber nur dann schädlich wird, wenn er durch den Hieb oder Stich einer Waffe mit dem Blute in Berührung kommt. Das ist die wahre Sache an dem Märchen, welches man nicht bloß erzählen hört, sondern sogar in Büchern lesen kann. Damit soll freilich keineswegs gesagt werden, daß dieses Gift nicht oder weniger schädlich sei, als man von ihm berichtet. Ich selbst habe gesehen, daß die Verwundung mit einer solchen Waffe binnen kurzer Zeit den Tod herbeiführte.«

»Deine Erklärung mag die Wahrheit enthalten, und richtig ist es unbedingt, daß dieses Gift verderblich wirkt. Der Knabe Khudyr hatte sich mit dem Kriegsmesser, von dem ich sprach und welches er ohne Wissen seines Vaters und seiner Mutter in die Hand genommen hatte, nur ein wenig geritzt, und doch traten sehr bald fürchterliche Krämpfe ein, die ihn umbringen wollten. Sie wiederholten sich häufig, und stets, wenn sie kamen, war er dem Tode nahe. Sein Anblick dabei war kaum zu ertragen. Welche Angst und Sorge da auf den Herzen der Seinen lastete, kann ich nicht beschreiben!«

»Habt ihr kein Gegenmittel angewendet?«

»Man sagt doch, daß es kein Mittel gebe! Dennoch holten wir aus der Nähe und auch aus der Ferne alle Hukama und arzneikundige Leute zusammen, doch niemand konnte helfen. Eine Frau gab es aber wohl, welche das richtige Gegenmittel wußte, doch war es mit großer Gefahr verknüpft, zu ihr zu kommen.«

»War der Weg zu ihr zu beschwerlich?«

»Nein; aber sie befand und befindet sich jetzt noch bei den Dawuhdijeh-Kurden, mit denen wir, als die Verwundung geschah, noch in Blutfehde standen; also durfte sich niemand von uns zu ihnen wagen. Wir gaben uns des Knaben wegen sogleich alle Mühe, diese Fehde beizulegen. Die Gegner machten es uns zwar sehr schwer, aber wir kamen doch endlich zum Ziele und konnten dann daran denken, die Frau aufzusuchen, um das Mittel von ihr zu holen.«

»Seid ihr denn überzeugt, daß sie das richtige Mittel wirklich kennt und besitzt?«

»Ja, denn sie kann jede Krankheit heilen, also auch so eine vergiftete Wunde.«

»Hm! Möglich ist es, aber wundern sollte es mich doch! Besser wäre es gewesen, du hättest mich eher getroffen!«

»Dich?« fragte er aufhorchend.

»Ja.«

»Weißt du denn dieses Mittel auch?«

»Ob mein Mittel dasselbe ist, welches diese Frau kennt, das kann ich nicht sagen; aber daß mein Mittel hilft, das darf ich getrost behaupten.«

»Maschallah! Ist es ein Geheimnis, oder darfst du es mir mitteilen?«

»Ich mache kein Geheimnis daraus. Es besteht aus dem Safte von Dabahh und Sukutan, äußerlich angewendet, wozu man sehr heißes Wasser trinkt, in welchem wilder Kurat gekocht worden ist.«

»Und das hilft, Effendi, das hilft?«

»Ja, sicher!«

»Hätten wir das gewußt! Aber vielleicht ist es auch jetzt noch Zeit! Es ist ja möglich, daß die Alte ein Mittel hat, welches nicht hilft. In diesem Falle bin ich überzeugt, daß Allah dich zu uns gesendet hat, das Leben unsers – – unsers – – unsers Khudyr zu retten!«

Der Kurde hatte jedenfalls eine andere Bezeichnung für den Knaben auf den Lippen gehabt, sie aber zurückbehalten und durch den Namen ersetzt. Auch fiel mir auf, daß er von ihm mit einer Liebe, einer so innigen Besorgnis sprach, wie sie ein männlicher Verwandter, ein Oheim, wenigstens im halbwilden Kurdistan und Fremden gegenüber nicht zu zeigen pflegt.

»Mein Mittel ist nicht so ohne weiteres anzuwenden, wie du zu denken scheinst,« bemerkte ich. »Man muß den Patienten kennen und die Wunde untersuchen, die vielleicht jetzt schon nicht mehr offen ist. Sodann sind die beiden Pflanzensäfte nur in einer besonderen Mischung zu geben, weil Dabahh weniger Schärfe als Sukutan besitzt, und auch vom Kurat ist nur eine gewisse Menge, nicht zu viel und nicht zu wenig, zu nehmen.«

»So müßtest du wohl dabei sein, wenn man diese Pflanzen in Anwendung bringt?«

»Es ist wünschenswert, wenn auch nicht unbedingt nötig.«

»So bitte ich dich, Effendi, deine Güte über uns leuchten zu lassen, indem du bei uns bleibst!«

»Das ist ein sehr kühner Wunsch!« antwortete ich in aller Aufrichtigkeit.

»Ja, das weiß ich wohl. Du bist ein so berühmter Mann, daß ein großer Mut dazu gehört, dir – – –«

»Das meine ich nicht,« unterbrach ich ihn. »Das Wort Kühnheit hatte sich nicht auf meine Person zu beziehen, sondern darauf, daß du mich aufforderst, bei dir zu bleiben, obwohl weder du weißt, ob ich Zeit und Lust dazu besitze, noch ich von dir erfahren habe, welche Wege du jetzt reitest und was auf diesen Wegen alles vor dir liegt. Nimm also deinen Wunsch einstweilen wieder zurück, und erzähle uns von dem Knaben weiter!«

»Gut, das werde ich thun; aber ich sage dir, daß ich meine Bitte doch wieder aussprechen werde! Als die Blutrache endlich beseitigt worden war, machte sich der – – – machte sich Schevin mit dem Knaben auf, um ihn zu der alten Frau zu bringen.«

Er hatte wieder gestockt, wahrscheinlich abermals einen andern Namen nennen wollen. Mich interessierte dies sehr, doch sagte ich kein Wort dazu, sondern ließ ihn ungestört in seiner Rede fortfahren.

»Er nahm einige tüchtige Krieger mit, um unterwegs und auch dann bei den Dawudijehs nicht ohne allen Schutz zu sein. Wir wußten, wie lange die Hinreise und auch die Rückkehr dauern würde und wann er also ungefähr wiederkommen müsse. Diese Zeit verging und dann noch fast eine Woche, ohne daß er kam. Da wurden wir natürlich bange und schickten einige Kundschafter aus, um zu erfahren, warum er so lange bliebe. Als sie heimkehrten, meldeten sie uns, daß er nicht kommen könne, weil er mit dem Knaben und seinen Begleitern festgehalten werde.«

»Warum hält man ihn zurück?«

»Das wissen wir nicht.«

»Haben die Kundschafter gar nichts über diesen Punkt erfahren können?«

»Gar nichts!«

»Sonderbar, höchst sonderbar!«

»Was?«

»Ihr alle, die ihr doch beteiligt seid, wißt nichts davon, und ich, der Fremde, ahne den Grund!«

»Du? Ahnst ihn? ja, man erzählt freilich von deinem Scharfsinne, daß ihm nichts entgehen könne, aber daß du hier das Richtige triffst, das ist doch gar nicht zu denken! Das würde fast ein Wunder sein.«

»Ein Wunder? Gar nicht! Man hat gar nichts weiter nötig zu thun, als richtig nachzudenken. Wer folgerichtig zu denken und einen Punkt aus dem andern zu entwickeln versteht, vor dessen Auge liegt schnell manches klar, was andere nur verspätet oder wohl auch gar nicht zu erfahren vermögen.«

»Dürfen wir erfahren, Effendi, was du vermutest?«

»Ja, obgleich du damit von mir verlangst, daß ich gegen dich aufrichtiger sein soll, als du in deinen Mitteilungen gegen mich gewesen bist.«

»Du aufrichtiger? Wieso?«

»Das wirst du gleich hören. Beantworte mir nur meine jetzige Frage der Wahrheit gemäß! Heißt der, den du deinen Bruder nennst, also der Vater des Knaben, wirklich Schevin?«

»Warum giebst du mir diese Frage?« erwiderte er ausweichend.

»Weil sie hier von größter Wichtigkeit ist. Das Kurmandschiwort Schevin heißt Schäfer, Hirte. Wenn ich erraten soll, ob ein kurdischer Krieger, der gar der Sohn des Häuptlings oder wenigstens ein Verwandter desselben sein soll, wirklich so heiße oder sich diesen friedlichen Namen nur beigelegt habe, um seinen eigentlichen, richtigen und sehr kriegerischen zu verbergen, so entscheide ich mich nicht für den ersteren, sondern unbedingt für den letzteren Fall. Dein sogenannter Bruder heißt nicht Schevin, sondern hat einen andern Namen.«

Wenn es hell gewesen wäre, hätte ich auf dem Gesicht des Kurden jedenfalls den Ausdruck der Überraschung bemerkt; da es nun aber hier unter den Bäumen ganz dunkel war, sah ich nichts, doch ließ eine längere Pause, welche jetzt eintrat, vermuten, daß meine Worte den beabsichtigten Eindruck hervorgebracht hatten. Dann klang seine Stimme im Tone eines plötzlichen, schnellen Entschlusses:

»Gut, nimm einmal an, du habest recht! Was folgt in Beziehung auf die Dawuhdijehs daraus?«

»Ich nehme zunächst an, daß euer Stamm mit dem ihrigen häufig zusammengetroffen ist?«

»Das ist richtig.«

»Wenigstens die hervorragendsten von euren Kriegern sind ihnen bekannt?«

»Ja.«

»Schevin ist ein solcher Krieger?«

»Ja.«

»Sie wissen, wie er eigentlich heißt?«

»Ja.«

»So denke also: Sie kennen ihn, sie wissen seinen wirklichen Namen; jetzt kommt er plötzlich anders zu ihnen, als sie ihn bisher gesehen haben, und giebt sich einen andern, einen falschen Namen! Was werden sie da denken? Was werden sie da wohl thun?«

Da antwortete der Kurde rasch und im Tone der Besorgnis:

»Effendi, mit deinen Worten geht die Befürchtung in Erfüllung, die ich seit einigen Tagen hegte! Ich will dir gestehen, daß er allerdings anders heißt, daß er sich einen falschen Namen gegeben hat.«

»Aber warum denn das?«

»Um leichter durchzukommen, um weniger Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.«

»Er mußte sich aber doch sagen, daß er grad das Gegenteil erreichen werde!«

»Grad das hat er sich nicht gesagt. Er glaubte, wenn er unerkannt bliebe, werde man sich weniger um ihn kümmern, als wenn man wisse, wer er sei.«

»Aber man mußte ihn doch erkennen, weil er eine bekannte Persönlichkeit ist, und dann war es doch gar nicht anders zu erwarten, als daß man der Verheimlichung seines wirklichen Namens schlechte Absichten unterschob. Das siehst du wohl ein!«

»Ja, ich sehe es ein. Und leider ist mir dieser Gedanke erst nachträglich gekommen, als es schon zu spät war, eine Änderung zu treffen, denn Schevin war schon fort. Glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm, wie du denkst. Da er wirklich keine bösen Absichten hat, kann man ihn wohl mißtrauisch, aber doch nicht feindlich behandeln.«

»Ob er solche schlimme Absichten wirklich hat, das ist Nebensache. Bei Leuten, wie die Dawuhdijehs sind, genügt es vollständig, daß er sie zu haben scheint. Nach diesem Schein wird er behandelt, nicht nach der Wirklichkeit.«

»Das klingt schon schlimmer, als ich meinte; aber es giebt auch hierbei noch einen erleichternden Gedanken: Die alte Frau ist nicht direkt bei den Dawuhdijehs zu finden, sondern sie ist ihnen nur zur Bewachung anvertraut worden. Sie wird von den Türken festgehalten und einige Dawuhdijehs sind stets bei ihr, um aufzupassen, daß sie den Ort, an dem sie sich befindet, nicht verlassen kann. Wer sie aufsucht, hat also nicht nötig, den eigentlichen Sitz des Dawuhdijeh-Stammes aufzusuchen.«

»Diese alte Frau erweckt mein höchstes Interesse, doch werde ich dich erst später nach ihr fragen. Jetzt muß ich mich zunächst mit dem Widerspruche beschäftigen, welchen ich in deinen Worten und deinem Verhalten entdecke.«

»Welchen Widerspruch meinst du, Effendi.«

»Du suchst alle möglichen Trostes- und Beruhigungsgründe hervor und hast mir doch schon gesagt, daß Schevin in die Hände der Dawuhdijehs gefallen sei und von ihnen nicht wieder fortgelassen werde. Ja, du scheinst dich sogar schon zu seiner Befreiung unterwegs zu befinden. Wie stimmt das zusammen? Sage es mir!«

»Du wirst das gleich begreifen, wenn ich dir mitteile, daß man Schevin zwar zurückhält, ihm aber nichts zu thun wagt, weil man ihm die Absichten, welche man vermutet, nicht nachweisen kann. Sobald aber ein einziger unserer Hamawand sich das geringste gegen irgend einen Dawuhdijeh zu schulden kommen ließe, was zu jeder Stunde sehr leicht geschehen kann, so würde man die Rache sofort gegen Schevin richten, und das ist es, was mich um ihn, der mein älterer Bruder ist, in so große Sorge versetzt. Daß dann auch der Knabe sich in der größten Gefahr befände, daran darf ich überhaupt gar nicht denken!«

Auch jetzt war bei diesen letzten Worten der Ton seiner Stimme ein so tief klagender, wie ich es von einem kurdischen Oheim gar nicht erwarten konnte.

»Haben eure Kundschafter denn mit Schevin sprechen können?« erkundigte ich mich.

»Was denkst du? Das ist ja gar nicht möglich!«

»Warum nicht?«

»Ein Kundschafter darf sich doch nur ganz heimlich nähern und sich nur höchst vorsichtig erkundigen. Wie kann er da bis ganz zu der Person vordringen, nach welcher er zu forschen hat, die man aber verborgen hält?«

»Was das betrifft, so bin ich schon sehr oft Kundschafter gewesen und weiß, was man erreichen kann. Haben diese Leute ihn denn nicht wenigstens gesehen?«

»Nein.«

»Aber sich nach ihm erkundigt?«

»Ja.«

»Haben sie erfahren, wo man ihn versteckt hält?«

»Nicht genau, denn was sie mir darüber sagen konnten, klingt bald so und bald anders. Über allen Zweifel sicher ist es nur, daß man ihn nicht wieder fortgelassen hat und auch nicht fortlassen will.«

»So ist er erkannt worden?«

»Wahrscheinlich. Wir sind also dreihundert Mann stark aufgebrochen, um ihn zu holen.«

»Was sagst du?« fragte ich ihn erstaunt. »Dreihundert Mann? Das ist ja nach den Verhältnissen dieses Landes und dieser Gegend ein ganzes Heer!«

»Das ist es! Es gilt seine Befreiung, zu welcher keine Zahl zu groß sein kann!«

»So ist er unbedingt ein sehr hervorragender Mann eures Stammes, und da du sein Bruder bist, so gehörst auch du nicht zu den gewöhnlichen Kriegern?«

»Nein. Auch die fünf Männer, welche hier bei uns sitzen, sind auserlesene Leute. Wir sind unserm Heere vorangeritten als Führer und ›scharfe Augen‹, denen die andern in sicherer Entfernung zu folgen haben.«

Es trat eine Pause ein, während welcher ich nichts sagte, weil mir diese Angelegenheit zu denken gab. Darum fragte Adsy nach einer Weile:

»Du schweigst. Du bist ein abendländischer Krieger und denkst also nicht so wie wir über das, was hier geschieht. Hat vielleicht etwas von dem, was ich gesagt oder gethan habe, deine Zustimmung nicht?«

»Ich bin mit den dreihundert Hamawands nicht einverstanden. Verzeih, daß ich dies sage!«

»Aus welchem Grunde bist du dagegen?«

»Kaum habt ihr die Blutrache zum Schweigen gebracht, so unternehmt ihr einen Zug, durch welchen der Haß und die Rache sehr leicht zu noch viel höher lodernden Flammen entfacht werden können als vorher. Das ist es, was ich auszusetzen habe.«

»Es ist das jetzt noch kein Kriegszug, kann aber einer werden. Wenn die Dawuhdijehs unsere Forderung erfüllen, Schevin und seine Begleiter herauszugeben, ziehen wir friedlich wieder heim.«

»Wißt ihr, warum sie ihn zurückgehalten haben? Kann er nicht etwas unternommen haben, womit er ihnen Grund zu diesem ihrem Verhalten gegeben hat?«

»Das werden wir erfahren. Wir sind zum Frieden, aber auch zum Kampf bereit. In beiden Fällen würden wir es als eine von Allah gesandte Hilfe betrachten, wenn Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sich bei uns befänden.«

»In beiden Fällen?«

»Ja.«

»Wieso?«

»Wenn ihr euer Wort in die Wagschale des Friedens legt, wird es mehr gehört, als wenn wir alle sprächen. Und wenn es trotzdem zum Kampfe käme, so würden deine Zaubergewehre, von denen wir schon so oft und so viel gehört haben, allein hinreichen, uns zum Siege zu verhelfen. Ich bitte dich also sehr, Effendi, an diesem unserm Zuge teilzunehmen!«

Aha! Sehr klug! Da ich aber doch nicht so grad heraus sagen konnte, was ich über diese naive Zumutung dachte, antwortete ich in ablehnender Weise:

»Die Erfüllung deines Wunsches würde uns ein Vergnügen bereiten, welches für uns gewiß stets eine schöne Erinnerung wäre; aber leider haben wir keine Zeit dazu.«

»Keine Zeit – – –?!« warf mir Adsy im Tone des größten Erstaunens entgegen, denn der Orientale hat ja immer Zeit; er besitzt nicht das mindeste Verständnis für den Wert, den jede einzelne Lebensstunde für den Menschen haben soll und auch wirklich hat.

»Ja, keine Zeit!« wiederholte ich. »Wir sind schon bei den Bachtijaren länger geblieben, als wir wollten – – –«

»Was ihr für diese thatet, könnt ihr auch für uns thun!« fiel er ein.

»Wir werden von Freunden in Bagdad erwartet – –«

»Sie mögen warten!«

»Auch haben wir vor, von Bagdad nach Basra nicht zu reiten, sondern mit dem Schiff zu fahren –--«

»Es mag warten!«

»Das wartet nicht, sondern fährt pünktlich ab.«

»So fährt später ein anderes! Kein Mensch stirbt eher, als Allah will, und ihr kommt keinen Augenblick früher oder später nach Basra, als es euch im Buche des Lebens vorgeschrieben ist!«

»Du denkst nicht daran, daß ich kein Moslem, sondern ein Christ bin. Ich habe also in Beziehung auf das Kismet eine ganz andere Meinung als du.«

»Ich halte unsern Glauben für besser als den deinigen, obgleich ich diesen nicht kenne; aber kluge Leute scheint ihr doch zu sein, denn die alte Frau, welche die Wunde unsers Knaben heilen soll, ist auch eine Gläubige des Propheten aus Nasirah

»Eine Christin? Etwa aus dieser Gegend?«

»Das weiß ich nicht, aber man sagt, sie sei hier fremd. Sie soll so alt sein, daß man ihre Jahre gar nicht zählen kann. Ihr Antlitz ist das Angesicht des Todes, und die Zöpfe ihres langen, weißen Haares scheinen aus der Zeit zu stammen, in welcher Muhammed, der Prophet Allahs, noch auf Erden wandelte.«

Kaum hatte er diese Worte gesagt, so rief Halef mit vor Überraschung lauter Stimme:

»Sihdi, Sihdi, hast du es gehört? Hamdulillah, wir sehen sie wieder, sie, die wir längst im Lande des Todes wähnten! Diese alte Frau ist nämlich –--«

»Still!« unterbrach ich ihn, ehe er den Namen aussprechen konnte.

»Still? Warum soll ich still sein, warum soll ich schweigen, wenn die Freude mir im Herzen wohnt? Du verstehst mich nicht; du weißt nicht, wen ich meine. Wenn es gilt, etwas zu erraten, so reicht die Länge deines Verstandes gewöhnlich weiter als die Breite des meinigen; dieses Mal aber scheint meine Breite viel, viel eher zugegriffen zu haben als deine Länge. Ich weiß, welche alte Frau gemeint ist; ich weiß es ganz genau, du aber hast es nicht erraten, und – – –«

»Ich bitte dich,« fiel ich ihm in die Rede, »die ganze berühmte Breite deines Verstandes festzuhalten, damit er dir ja nicht verloren gehe! Habe ich dich jemals mitten in dem, was du sagen wolltest, unterbrochen, ohne einen Grund dazu zu haben?«

»Nein,« antwortete er, sichtbar frappiert.

»Und jetzt glaubst du, in einem Wettrennen zwischen deiner Breite und meiner Länge mich überholt zu haben? Lieber Halef, erlaube, daß ich dich an deine Hanneh erinnere! Oder nicht?«

Jetzt verstand er mich. Er sah ein, daß es den Hamawands gegenüber wahrscheinlich geraten war, uns im Betreff der vermutlichen Bekanntschaft schweigsam zu verhalten und antwortete also:

»Ja, Sihdi, erinnere mich immerhin an sie, welche nicht nur die duftigste der Rosen, sondern auch die klügste Besitzerin der bedachtsamsten Frauenlippen ist. Sie ist jedenfalls tausendmal schöner und jünger als diese alte Christin, deren Antlitz als das Angesicht des Todes beschrieben wird!«

Der Kurde, welcher nicht wußte, was mit unserm kurzen Redewechsel gemeint gewesen war, ergriff diese Gelegenheit, beschreibend fortzufahren:

»Ja, sie soll das Aussehen einer aus dem Grabe zurückgeholten Leiche haben. Vielleicht hat sie sich auch wirklich schon im Grabe befunden und ihre Seele ist während dieser Zeit bei den Geistern der Abgeschiedenen gewesen und dann wieder in den Körper zurückgekehrt, denn sie weiß von jenem Leben zu sprechen, als ob sie es kennen gelernt hätte, und kann Dinge sehen und hören, welche andern Sterblichen streng verschlossen sind.«

»Das klingt ja außerordentlich!« warf ich im ungläubigen Tone ein, um ihn dadurch zu weiteren Mitteilungen, die ich wünschte, aufzustacheln.

»Es klingt nicht nur so, sondern es ist auch wirklich so, Effendi!« beteuerte er.

»Daß sie überirdische Dinge hört und sieht?«

»Ja. Oder hältst du Mogizat für unmöglich?«

»Gott thut täglich Wunder!«

»Allah, nicht allein, sondern sie werden auch von Menschen verrichtet. Muhammed, der Prophet aller Propheten, war doch auch Mensch und hat viele, viele Wunder gethan. Und von euerm Isa Ben Marryam erzählt man sich dasselbe; er soll auch viele Wunder gethan haben, obgleich sie nicht an die großen, herrlichen und erhabenen unsers Muhammed reichen.«

»Du irrst. Zwar wollen wir uns nicht über religiöse Dinge und Personen streiten, aber Christus hat gesagt: ›Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!‹ Und daß er diese Macht wirklich besaß, hat er durch seine Wunder bewiesen –«

»So glaubst du, daß er höher stehe als Muhammed?«

»Ja,«

»So müßte auch El Kuds, die heilige Stadt der Christen, höher stehen als Mekka, die wir verehren!«

»Wollen wir uns wegen des Ranges zweier Städte bekämpfen?«

»Nein; aber El Kuds hat nur den einen Vorzug, daß dort das Gericht des jüngsten Tages abgehalten wird; sonst aber steht Mekka unendlich höher, weil sich dort, wie du weißt, die heilige Kaaba befindet.«

Ich lasse mich nicht gern in unnütze religiöse Gespräche ein, denn es fehlt zu den da aufgestellten Behauptungen meist die Zeit, die dazu gehörigen Beweise zu bringen; selten aber versäume ich eine Gelegenheit, wie die jetzige war, ein Streiflicht auf den eigentümlichen Umstand zu werfen, daß es in der Lehre und in den Traditionen des Islam Stellen giebt, durch welche das Christentum höher gestellt wird als der Muhammedanismus. Es gewährt mir dann immer ein heimliches Vergnügen, bemerken zu können, wie stutzig es den Moslem macht, so etwas anhören zu müssen, ohne daß er zu widersprechen vermag. So sagte ich auch jetzt:

»Was den Ort betrifft, an welchem das jüngste Gericht abgehalten wird, so giebt es bei den Muhammedanern zwei verschiedene Annahmen, die sich widersprechen. Nach der einen wird Christus an diesem Tage vom Himmel auf die Moschee der Ommajaden zu Damaskus niedersteigen, um von da aus einem jeden Lebenden und Toten sein Urteil zu sprechen. Also Christus wird das thun, nicht Muhammed; das sagt eure eigene Religion. Wer steht da höher?«

»Effendi, hierauf kann ich nicht sogleich antworten, das muß ich mir erst überlegen.«

»Gut, denke darüber nach! Und nach der andern Anschauung wird das jüngste Gericht in Jerusalem stattfinden. Wenn einst die Posaunen dieses Tages ertönen, werden die Seelen aller Menschen dort im Thale Josophat versammelt werden, Muhammed mitten unter ihnen; ein Säulenschaft, welcher aus der Mauer ragt, zeigt schon heut die Stelle an, wo er stehen wird. Hoch über ihm und den versammelten Geistern aber wird Christus auf dem Ölberge thronen, so daß er alle überblickt und ihm keiner entgehen kann, wenn er die Schafe von den Böcken scheidet. Da wird es der Brücke es Ssireht, von welcher eure Lehre an anderer Stelle spricht, nicht bedürfen, sondern es wird ein dünnes Seil über das Thal gespannt, über welches sämtliche Seelen schreiten müssen. Dabei werden die Gläubigen, die Frommen, an beiden Händen von ihren Schutzengeln gehalten und geleitet werden, so daß sie glücklich hinüberkommen; die Ungläubigen aber, die Gottlosen, werden keine lichten Führer haben und also hinab in die Finsternis und schauerliche Tiefe stürzen. Also auch hier thront Christus über Muhammed. Das sagt ihr selbst!«

»Du scheinst nicht nur eure, sondern auch unsere Lehre ganz genau zu kennen, Effendi; ich aber muß auch hierauf schweigen. Doch wirst du mir gewiß das zugeben, daß unsere Kaaba zu Mekka das größte Heiligtum der Erde ist?!«

»Nein, auch das gebe ich nicht zu.«

»Weil du ein Christ bist. Wenn du ein Moslem wärest, würdest du mir recht geben!«

»Um dir das Gegenteil zu beweisen, will ich jetzt einmal nicht als Christ, sondern als Moslem sprechen. Du kennst doch wohl die Gesetze der Höflichkeit, nach denen Menschen miteinander verkehren?«

»Ja.«

»Wenn von zwei Männern der eine höher steht als der andere und ein Besuch zwischen ihnen nötig ist, welcher hat da zu kommen?«

»Der, welcher niedriger steht.«

»Also derjenige, welcher besucht wird, ist der höhere? Antworte der Wahrheit gemäß!«

»Ja, er ist der vornehmere, der höhere.«

»So will ich dir noch folgendes sagen: Das Heiligtum der Muhammedaner in Jerusalem heißt Haram esch Scherif, und eure Lehrer sagen, daß am jüngsten Tage die Kaaba von Mekka nach Jerusalem kommen werde, um den Haram esch Scherif zu besuchen und mit ihm dem jüngsten Gerichte beizuwohnen. Hörst du wohl?«

»Ist das wahr, Effendi?«

»Ja. Erkundige dich, so wirst du erfahren, daß es so ist, wie ich sage!«

»Die heilige Kaaba besucht den Haram esch Scherif! Das wußte ich noch nicht.«

»Wer ist da der höhere, die Kaaba oder der Haram esch Scherif?«

»Der letztere!«

»Welcher Ort ist der höhere, Mekka, die Stadt des Islam, oder Jerusalem, die Stadt der Christen?«

»Jerusalem!«

»Wirst du nun auch jetzt noch behaupten, daß die Wunder Christi nicht an die Wunder Muhammeds reichen?«

»Effendi, ich kann mich nicht mit dir messen, denn ich habe die Worte nicht, welche dir zur Verfügung stehen!«

»Dir fehlen nicht die Worte, sondern die Beweise. Ihr gebt die Wunder Christi ohne alle Widerrede zu; wir aber kennen nicht ein einziges Wunder, welches Muhammed gethan hat. Muhammeds Wunder werden nur von der Überlieferung erzählt! Christi Wunder aber werden von Muhammed bestätigt und sind im heiligen Buche verzeichnet, aus welchem Muhammed geschöpft hat. So sag mir nun einmal, wessen Wunder werden wohl glaubhaft sein?«

»Schweig, Effendi, ich bitte dich! Hast du vielleicht die Absicht, mir meinen Glauben zu rauben? Ich wollte doch nicht von den Wundern Muhammeds und von den Wundern Isa Ben Marryams sprechen, sondern von denen, welche man sich von der alten Frau erzählt!«

»Erzählt! Aber wahr sind sie nicht!«

»Sie sind wahr! Ich habe unheilbare Kranke gesehen, von denen sie durch das Gebet und das darauf folgende Auflegen ihrer Hände die Krankheit genommen hat. Sie kennt die Gedanken eines jeden Menschen; der zornigste Mann wird vor ihr zum stillen Lamm, und sogar die Tiere sind ihr unterthan!«

»Wie heißt diese Frau?«

»Ihren Namen kenne ich nicht; ich habe ihn noch nie gehört. Man nennt sie nur es Sahira

»Kennst du ihre Heimat?«

»Nein. Doch meint man, sie müsse aus der Gegend von Hakkiari oder auch Rowandiz sein, weil sie zuweilen Namen von Orten nennt, die es dort giebt. Etwas Sicheres wird wohl nur der Pascha von Suleimania wissen.«

»Der? Du nennst ihn Pascha? Wenn er das erführe, würde er sich sehr darüber freuen, daß er zu einem solchen Rang erhoben worden ist. Warum meinst du, daß er die Heimat der Frau kennt?«

»Weil er es ist, der sie gezwungen hat, in dem Kulluk zu wohnen, den sie nicht verlassen darf.«

»Er hat sie nicht bei sich in Suleimania?«

»Nein. So nahe will er sie nicht haben, denn er fürchtet sich vor ihr. Er hat sie in die Berge schaffen lassen, wo hoch oben das dicke Gemäuer des Kulluk steht, welcher vor langer, langer Zeit zur Bewachung der Grenze gebaut worden ist. Dort steckt sie unter der Aufsicht der Dawuhdijehs, welche aufpassen müssen, daß sie sich nicht entfernt.«

»Also eine Gefangene?«

»Ja.«

»Und doch sagst du, daß sie Kranke heile und noch sonstige Wunder thue?«

»Das habe ich gesagt, und es ist wahr.«

»So scheint es doch, als ob man sie nicht allzu streng bewache?«

»Man läßt keinen Menschen zu ihr in den Turm. Wenn jemand mit ihr sprechen will, darf sie bis an die Thür kommen, wofür man den Dawuhdijehs ein Geschenk zu geben hat.«

»So ist zu schließen, daß sie eigentlich niemanden zu ihr lassen sollen, dies aber des Bakschisch wegen nicht so scharf nehmen, wie der Pascha es befohlen hat. Sonderbar ist es, daß er sie nicht durch Soldaten, sondern durch die Dawudijehs bewachen läßt!«

»Den Grund kenne ich nicht.«

»Wie lange steckt sie wohl schon in dem Kulluk?«

»Das weiß ich nicht; es ist aber schon lange her, seit ich zum erstenmal von ihr hörte.«

»Welche Sprache spricht sie?«

»Man kann arabisch, türkisch, kurdisch und auch persisch mit ihr reden.«

»Kennst du die Gegend, in welcher der Turm liegt?«

»Ja.«

»Aber so genau, daß du mir als Führer dorthin dienen könntest?«

»Ja. Wir sind schon einigemal dort gewesen, früher, als der Kulluk leer stand und es Sahira noch nicht hinter seinen starken Mauern steckte.«

»Das ist mir lieb, denn ich kenne ihn noch nicht.«

»Willst du hin?« fragte er schnell.

»Ja.«

»Ich denke, du hast keine Zeit!«

»Ich habe allerdings so wenig Zeit, daß ich mich durch gewöhnliche Gründe nicht abhalten lassen würde, direkt und ohne alles Säumen nach Bagdad zu reiten; aber um eine Frau zu sehen, welche Wunder thut, kann man schon ein solches Opfer bringen.«

»So werdet ihr also bei uns bleiben?«

»Ja.«

»Hamdulillah! Wenn dies der Fall ist, können wir sicher sein, daß wir Schevin mit dem Knaben und auch ihre Begleiter zurückbringen werden! Effendi, ich danke dir! Du konntest mir keine größere Freude bereiten! Nun mögen die Dawuhdijehs vorhaben, was sie wollen, wir brauchen keine Sorge zu haben. Selbst wenn es zwischen ihnen und uns zum Kampfe käme, würde dieser für uns ein siegreiches Ende nehmen!«

»Was das betrifft, so will ich nicht zögern, dir ein notwendiges Wort zu sagen. Du hast, wie du uns vorhin mitteiltest, viel von uns gehört; da wirst du wahrscheinlich auch erfahren haben, daß wir zwar furchtlose Männer sind, aber den Frieden lieben und darum so viel wie möglich jeden Streit, jede Feindseligkeit zu umgehen suchen. Genau so werden wir uns auch jetzt verhalten.«

»Aber wenn die Dawuhdijehs nun weniger friedlich gesinnt sind und uns zum Kampfe zwingen!«

»So bleibt uns vorher noch immer die List, durch welche man ohne Opfer an Blut und Leben oft mehr erreicht als durch sofortiges Dreinschlagen mit den Waffen. Wir haben diese Erfahrung sehr oft gemacht.«

»Wir sind ja auch gar nicht darauf versessen, das mit Gewalt zu erzwingen, was wir ohne sie erreichen können. Ich habe die dreihundert Krieger aber mitgenommen, um für alle Fälle gerüstet zu sein.«

»So bin ich mit dir einverstanden, und wir können uns also über die notwendigen Maßregeln, welche zu treffen sind, besprechen.«

»Welche Maßregeln meinst du da?«

»Ich meine, daß wir doch wissen müssen, wohin wir uns zu wenden haben, um die Gesuchten zu finden.«

»Ja, wo sie stecken, das wissen wir nicht. Ich habe dir schon gesagt, daß die Aussagen und Vermutungen unserer Kundschafter in Beziehung auf diesen Punkt nicht miteinander übereinstimmen.«

»Hm! Da ist es ja grad so gut, als hättet ihr gar keine Späher ausgeschickt! ich meine, daß solche Leute gar nicht eher zurückkehren dürfen, als bis sie wissen, woran sie sind; so habe wenigstens ich es stets gehalten. Soviel ich weiß, giebt es nomadische Dawudijehs und auch solche, welche zwischen Bazian und Kafri seßhaft sind. Um welche handelt es sich?«

»Um alle, denn die Seßhaften schließen sich stets den andern an, wenn es ein gewinnbringendes Unternehmen gilt; der Unterschied zwischen beiden ist nicht groß.«

»Wo sind die nomadisierenden jetzt zu suchen?«

»Links oberhalb Suleimania.«

»Und wo liegt der Kulluk, in welchem die wunderbare Sahira festgehalten wird?«

»Grad östlich und ungefähr einen Tagesritt von hier.«

»Wie weit sind deine dreihundert Mann hinter dir?«

»Sie kommen morgen früh eine Stunde nach dem Beginn des Tages hier an.«

»Wann wolltet ihr diese Stelle hier verlassen?«

»Sofort wenn es Tag geworden ist.«

»Also noch ehe eure Krieger hier eintreffen?«

»Ja.«

»Würden diese denn wissen, wohin sie sich hinter euch her zu wenden haben?«

»Ja, denn wir haben Zeichen mit ihnen verabredet.«

»Wohin von hier aus würdet ihr sechs morgen geritten sein, wenn ihr uns nicht getroffen hättet?«

»Das wollten wir heut abend hier beraten.«

»So beratet es jetzt! Ich bin neugierig, was ihr da beschließen werdet.«

»Willst du uns nicht helfen?«

»Ich will wissen, was ihr thun würdet, wenn wir nicht dabei wären. Vielleicht sage ich euch dann das, was ich denke. Wir wollen euch in eurer Beratung nicht stören und uns also für kurze Zeit entfernen. Komm, Halef!«

Wir standen auf und spazierten langsam am Wasser hin. Als wir uns bis außerhalb Hörweite der Hamawands entfernt hatten, sagte der kleine Hadschi:

»Gut, daß du diesen Vorwand vorschobst, um für einige Zeit von ihnen wegzukommen! Da können wir sprechen, ohne daß sie hören, was wir sagen. Du warst zornig, als ich den Namen nennen wollte?«

»Zornig nicht.«

»Aber ich sollte schweigen?«

»Ja. Wunderst du dich darüber?«

»Ich glaubte, es sei gleichgültig, ob sie wissen oder nicht, daß wir diese alte Frau so gut kennen.«

»Bei einem Zusammentreffen mit solchen Leuten kann das, was man thut oder spricht, nie gleichgültig sein. Du siehst hier wieder einmal, daß du nicht bedachtsam genug bist. Warum schwieg denn ich? Warum habe ich den Namen nicht sofort genannt?«

»Ich glaubte, du errietest gar nicht, wer diese Frau eigentlich ist!«

»So wenig kennst du mich? Ich pflege solche Sachen doch gewöhnlich eher zu erraten als du. Das könntest du doch nun bald wissen! Übrigens ist es nicht so über allem Zweifel erhaben, wie du denkst, daß sie es ist. Es ist möglich, daß wir uns irren.«

»Wie? Es wären noch Zweifel möglich?«

»Ja.«

»Daß es Marah Durimeh ist?«

»Ja.«

»Sihdi, wenn sie es nicht ist, darfst du mich für einen so dummen Knaben halten, wie es keinen dümmeren geben kann. Ich täusche mich nicht!«

»Ich glaube auch, daß wir uns nicht irren; aber es giebt noch mehr alte Frauen hier in Kurdistan.«

»Hundertjährige?«

»Wahrscheinlich.«

»Die Christinnen sind?«

»Ja.«

»Und aus der Gegend von Hakkiari stammen?«

»Ja.«

»Es ist möglich, ja; aber es liegt die unerschütterliche Gewißheit in mir, daß dieser Kurde kein anderes Weib gemeint hat, als unsere Marah Durimeh.«

»Grad so liegt es auch in mir, doch schwören können wir nicht darauf. Und wenn sie es ist, so haben wir doch nicht nötig, so vorschnell zu sagen, daß wir sie kennen. Wir wissen ja gar nicht, wie sich diese Angelegenheit entwickeln wird. Sie scheint gefangen zu sein. Man hält sie für eine Zauberin. Aber wie denkt man sonst von ihr? Freundlich oder feindlich? Besonders da sie Christin ist! Wir müssen sie herausholen. Dürfen wir das den Hamawands sagen? Oder würden sie das den Dawuhdijehs verraten, um dafür ihre Leute loszubekommen? Du hörst, daß es hier verschiedenes zu überlegen giebt, und daß wir nicht so, wie du wolltest, vor lauter Freude mit beiden Beinen zugleich hineinspringen dürfen! Nur vorsichtig sein, Halef! Denke an Hanneh!«

»Sihdi, an die denke ich zu aller Zeit; sie kommt mir keinen Augenblick aus dem Sinne, denn sie ist der holdeste Inbegriff aller Seligkeit und Wonne, die es im Morgenlande und auch im Abendlande giebt!«

»Behalte sie getrost nur für das Morgenland, denn das Abendland hat sogar die Holdseligkeit meiner Dschanneh noch nicht begreifen können!«

»Gut, du sollst deinen Willen haben! Nun sag aber auch, wie wir es anfangen werden, um in den Turm zu Marah Durimeh zu kommen!«

»Das kann ich doch jetzt noch nicht wissen!«

»Nicht? Ich habe geglaubt, daß dir die berühmte Länge deines Verstandes zu jeder Zeit zur Verfügung stehe!«

»Wenn ich Gedanken brauche, werden sie sich einstellen; jetzt sind sie noch nicht nötig.«

»Ich dächte, doch!«

»Nein! Erst müssen wir die betreffenden Umstände kennen lernen.«

»Wenn du mit den Umständen soviel Umstände machst, werden sie sich dir bald als Übelstände zeigen!«

»Hältst du diesen Witz vielleicht für einen guten? Wir können jetzt noch nichts bestimmen, weil wir noch fast gar nichts wissen. Vor allen Dingen müssen wir den Kulluk kennen lernen. Bevor wir ihn gesehen haben, ist es nicht möglich, einen Plan zu entwerfen. Überlaß dies mir, und sorge dich nicht! Komm!«

Der Anführer der Hamawands hatte uns gerufen. Als wir hinkamen, teilte er uns mit:

»Wir sind mit unserer Beratung fertig, Effendi, und werden euch mitteilen, was wir beschlossen haben.«

»Nun?«

»Wir werden morgen früh doch nicht gleich fortreiten, sondern hier bleiben, bis unsere Krieger kommen.«

»Warum?«

»Weil sie euch sehen sollen. Ich will, daß sie sich mit ihren eigenen Augen überzeugen, was für seltene und berühmte Männer wir hier getroffen haben und zu unsern Freunden zählen dürfen. Ich muß dabei sein, wenn sie sich darüber freuen, und will nicht haben, daß ich diesen Anblick versäume.«

»Ich bin damit einverstanden, daß wir warten, bis sie kommen; doch nicht aus persönlichen, sondern aus Klugheitsgründen. Eine so große Menge von Kriegern so nahe hinter euch kann alles verderben.«

»Wieso?«

»Erkennst du denn nicht ganz von selbst, was ich meine?«

»Nein. Ich glaubte bisher, damit, daß ich diese dreihundert Leute mitnahm, sehr vorsichtig und vernünftig gehandelt zu haben, und nun höre ich, daß du aus Gründen der Klugheit dagegen sprichst!«

»Ich thue das mit vollem Rechte. Sag mir doch, warum ihr nicht sofort mit diesen dreihundert Mann aufgebrochen seid, sondern erst Kundschafter schicktet!«

»Weil wir doch unbedingt erst wissen mußten, wie es mit unsern Freunden steht, die nicht zurückkehren.«

»Nun, wißt ihr das denn jetzt?«

»Nein. Wir haben weiter nichts erfahren können, als daß sie von den Dawuhdijehs zurückgehalten werden.«

»Also, obgleich eure Kundschafter das nicht erreichten, was sie erreichen sollten, habt ihr das gethan, was ihr nicht eher thun wolltet und auch wirklich nicht eher thun durftet, als bis die Aufgabe der Späher gelöst worden war! Du giebst zu, daß es falsch gewesen wäre, mit dreihundert Mann auszurücken, ohne die Verhältnisse vorher erst zu erkunden, und jetzt seid ihr ausgerückt, obwohl sie nicht erkundet worden sind. Ist damit der Fehler eingestanden oder nicht?«

»Effendi, du verstehst die Fragen so zu setzen, daß man grad so antworten muß, wie du es wünschest!«

»Gut; diese Worte enthalten das von mir gewünschte Eingeständnis! Das, was die Kundschafter versäumt haben, muß unbedingt nachgeholt werden. Ihr seid sechs Personen, vollständig genug, dies zu thun. Ich meine sogar, daß es zwecks solcher Späherschaften stets besser ist, so wenig wie möglich Personen dazu zu nehmen, die aber allerdings auch möglichst erfahren, vorsichtig und listig sein müssen. Sechs Personen würden mir schon zu viel sein. Anstatt dies einzusehen, schleppt ihr gar noch dreihundert Männer hinter euch her. Ich sage dir, ihr gleicht da Kundschaftern auf einem Flusse, welche zwar so klug gewesen sind, den kleinsten und schnellsten Kahn für sich auszuwählen, aber ein großes, schweres, unbewegliches Floß angehängt haben, welches sie nun mühsam hinter sich herschleppen. Ihr müßt so ungebunden, so leicht, so unabhängig wie möglich sein, um euch, sobald es nötig ist, nach jeder Richtung wenden zu können und hängt doch an diesen dreihundert Mann wie flüchtig sein sollende Pferde fest, welche vor einen schwerbeladenen Ochsenwagen gespannt worden sind!«

»So meinst du, daß wir diese Krieger zurücklassen und uns zunächst auch nur als Späher betrachten sollen?«

»Ja, das meine ich.«

»Aber wohin sollen wir uns da wenden? Wir wissen ja nicht, wo Schevin versteckt gehalten wird!«

»Durch diese Unwissenheit wird der Fehler nur vergrößert, der in der Mitnahme so vieler Krieger liegt. Erfahrt ihr das, was ihr nicht wißt und doch wissen müßt, etwa durch die Begleitung dieser Leute?«

»Nein.«

»Es scheint, ihr habt nicht richtig nachgedacht. Ich an eurer Stelle wüßte, wohin ich mich zu wenden hätte.«

»Ich bitte dich, es uns zu sagen!«

»Sehr einfach, nach dem Kulluk, in welchem die alte Sahira steckt.«

»Dorthin? Warum?«

»Aus keinem andern Grunde, als grad eben weil diese Frau sich dort befindet. Ich habe keine Ahung, warum der sogenannte ›Pascha‹ von Suleimania sie dort festhalten läßt; aber daß er sie nach diesem Wartturme hat schaffen lassen, ist mir ein Beweis dafür, daß dieser Ort der in der ganzen Umgegend geeignetste dazu ist. Das wissen natürlich auch die Dawuhdijehs, denen ja die Bewachung dieser Gefangenen anvertraut worden ist, und so liegt der Gedanke, daß sie auch Schevin dorthin gebracht haben, doch sehr nahe, denn erstens giebt es keinen besser passenden Ort dazu, und zweitens ist die nötige Bewachung schon vorhanden.«

»Effendi, dieser Gedanke ist gut, sehr gut. Ich wundere mich jetzt darüber, daß wir nicht auf ihn gekommen sind, da er doch eigentlich der allernächste war.«

»So siehst du also ein, daß ich recht hatte, als ich sagte, ihr hättet nicht richtig nachgedacht. Ihr seid in eurer Wut über die Dawuhdijehs sofort mit dreihundert Kriegern losgeplatzt, ohne nur zu wissen, weshalb sie Schevin festgehalten haben, und ohne euch zu sagen, daß man Gewalt erst dann anwendet, wenn man eingesehen hat, daß weder Güte noch List zum Ziele führen. Ich an eurer Stelle würde die dreihundert Mann hier zurücklassen und zunächst nach dem Kulluk reiten, um nachzusehen, wie es dort steht. Das ist doch wenigstens ein fester Anhaltepunkt, und selbst wenn sich Schevin mit seinen Begleitern nicht dort befinden sollte, sind dort jedenfalls Winke zu erhalten, die nach dem Orte deuten, an welchem er zu suchen ist.«

»Das leuchtet mir auch ein. Effendi, ich sehe, daß wir euch zu unserm Vorteile hier getroffen haben. Sag noch einmal, ob du bei uns bleiben und uns begleiten willst; ich bitte dich darum!«

»Was ich gesagt habe, gilt. Ich bleibe.«

»Ich danke dir. Wenn ihr bei uns seid, wird alles gut gehen; ich bin überzeugt davon. Darum werde ich nichts thun, ohne daß ich euch vorher frage.«

»Daran thust du wohl. Ich will dir aufrichtig gestehen, daß ich euch für noch viel unvorsichtiger halte, als ich euch bis jetzt gesagt habe.«

»Da bin ich überzeugt, daß diese deine Annahme grundlos ist. Wir sind keine unerfahrenen Hirten, sondern geübte Krieger, und wenn ich den Fehler begangen habe, es für richtig zu halten, gleich mit einem so großen Trupp aufzubrechen, so ist das eben eine Ansicht gewesen, deren Unbrauchbarkeit von dir zwar behauptet, aber doch noch nicht bewiesen worden ist. Es kann sich noch immer herausstellen, daß dieser mein Gedanke richtig war!«

Der mißmutige Ton, in welchem er diese Worte vorbrachte, bewies mir, daß er mir die meinigen übelgenommen hatte. Wäre ich nicht Kara Ben Nemsi gewesen, so hätte ich wahrscheinlich eine scharfe Zurechtweisung erfahren. Diese sechs Männer waren hervorragende Krieger ihres Stammes und besaßen also jedenfalls ein sehr ausgeprägtes Ehrgefühl, welches ich nicht geradezu beleidigen durfte; aber als mir der Anführer sagte, daß er uns immer vorher fragen werde, hatten zwei von ihnen sich in einer Weise geräuspert, welche ihr Mißfallen andeuten Sollte, und so kam es mir nun darauf an, ihnen zu zeigen, daß sie gar wohl Grund hatten, sich um unsere Ansichten zu bekümmern. Darum fuhr ich jetzt, um seine Einrede ganz unbeirrt, fort:

»Ich kann das, was ich jetzt erwähnen will, nicht behaupten, sondern ich vermute es nur; trotzdem aber ist es nötig, dich darüber zu fragen. Du sagtest, daß eure Kundschafter Erkundigungen eingezogen haben?«

»Ja; natürlich thaten sie das.«

»Bei wem?«

»Bei Dawuhdijehkurden, denn bei andern hätten sie doch nichts erfahren können.«

»Wenn man sich nach jemandem erkundigt, ist man gezwungen, seinen Namen zu nennen, ihn zu beschreiben, irgend eine bestimmte Angabe über ihn zu machen?«

»Ja.«

»Das haben eure Kundschafter also auch gethan?«

»Selbstverständlich!«

»Es wäre mir sehr lieb, wenn du mir sagen könntest, wann, wo, bei wem und in welcher Weise sie ihre Erkundigungen eingezogen haben.«

»Sie haben sich zerstreut und einen Ort bestimmt, an welchem sie sich wieder treffen wollten; dann hat jeder von ihnen einen Dawuhdijeh, den er traf, ausgefragt.«

»Und was haben diese Dawuhdijehs gethan?«

»Wie meinst du das?«

»Meinst du, daß sie nur Auskunft gegeben haben?«

»Was sonst?«

»Zunächst ist es sehr fraglich, ob sie die Wahrheit gesagt haben; ich wenigstens würde mich von keinem Fremden ausfragen lassen. Sodann haben diese Dawuhdijehs nicht etwa nur geantwortet, sondern jedenfalls sich dabei ihre heimlichen Gedanken erlaubt. Sie haben ferner zu andern Dawuhdijehs unbedingt von diesen Erkundigungen fremder Männer gesprochen, und auf diese Weise ist es bekannt geworden, daß – –sag, wieviel Kundschafter sind es gewesen?«

»Acht.«

»O wehe! So viele?! Also auf diese Weise ist es bekannt geworden, daß acht Fremde sich an verschiedenen Stellen und bei verschiedenen Dawuhdijehs nach ganz denselben Personen erkundigt haben. Das hat natürlich Aufsehen erregen, Verdacht erwecken müssen, und darum bin ich vollständig überzeugt, daß die Dawuhdijehs erraten haben, wer diese Fremden waren. Sie müßten sehr dumme Menschen sein, wenn sie das weitere nicht vermutet hätten, und so kannst du fast mit Sicherheit darauf rechnen, daß sie auf den Empfang deiner dreihundert Krieger vorbereitet sind!«

»Effendi, ist das wirklich deine Meinung?« fragte er schnell und im Tone der Besorgnis.

»Ja, das ist sie!«

»Da wären wir ja schon unterwegs nicht sicher!«

»Das mußtest du dir schon längst sagen, scheinst aber gar nicht daran gedacht zu haben. Ich an deiner Stelle würde meine Gedanken sogar noch viel weiter schweifen lassen.«

»Wohin?«

»Nach euren Lagerplätzen.«

»I'Allah! Warum dorthin?«

»Höre mich an! Ich setze den Fall, ich sei der Scheik der Dawuhdijehs. Wir standen mit den Hamawandikurden in Blutrache, welche kürzlich ausgeglichen wurde. Da kamen mehrere Hamawands mit einem Knaben, den sie mit –--«

»Da muß ich dich unterbrechen,« fiel er ein. »Adsy und seine Begleiter haben verleugnet, daß sie zum Stamme der Hamawandikurden gehören!«

»Grad das ist ja das Schlimme! Durch diese Lüge haben sie mein Mißtrauen erweckt, und ich halte sie darum zurück. Sehr wahrscheinlich ist es dann zu Scenen gekommen, welche mich beleidigten, meine Rache herausforderten. Da kamen nach und nach acht einzelne Männer meines Stammes, von denen ich erfuhr, daß acht Fremde sich an verschiedenen Stellen nach diesen lügnerischen Hamawands erkundigt haben. Ich denke natürlich sofort, daß sie auch Hamawands gewesen sind. Ferner sag ich mir, daß diese Kundschafter daheim melden werden, daß ich die Ihrigen feindlich behandelt habe und festhalte. Ich weiß auch, daß die Hamawands nun beschließen werden, diesen Leuten zu Hilfe zu kommen. Was werde ich nun wohl thun?«

Der Kurde war zunächst still; als ich dann meine Frage wiederholte, antwortete er:

»Du willst mir Sorge machen, Effendi!«

»Ich will dir deine Angelegenheit in dem Lichte zeigen, in welchem du sie sehen mußt; weiter will ich nichts.«

»Du meinst also, die Dawuhdijehs sind überzeugt, daß wir kommen?«

»Ja.«

»Und daß sie sich vorbereitet haben?«

»Ja. Ich stamme zwar aus dem Abendlande, aber ich kenne die hiesige Gegend und die hiesigen Völker wenigstens ebenso gut, wie du sie kennst. Glaube mir, daß ein Fremder oft mehr und schärfer als ein Einheimischer sieht! Indem ich mich in die Lage der Dawuhdijehs versetze, was du auch hättest thun sollen, aber unterlassen hast, weiß ich, was und wie sie denken und thun werden. Wenn sie sich nicht auf euren Angriff vorbereitet hätten, wären sie wert, daß jeder von ihnen die Bastonnade bekäme! Ich halte sie aber für klug genug.«

»Und ich glaubte, sie vollständig überrumpeln zu können!«

»Da hast du sie unterschätzt. Ja, ich will es nicht als ganz und gar unmöglich hinstellen, daß sie unvorbereitet sind, aber dieser einen Möglichkeit stehen neunundneunzig Gewißheiten gegenüber. Ich möchte wetten, daß du morgen mit allen deinen Kriegern ins Verderben reiten würdest, wenn du hier nicht Veranlassung gefunden hättest, jetzt alle mögliche Vorsicht in Anwendung zu bringen.«

»So denkst du, daß wir umkehren sollen?«

»Nein.«

»Aber es ist doch deine Ansicht, daß sie uns erwarten, daß wir also auf sie treffen, wenn wir weiterreiten!«

»Ich habe doch gesagt, daß deine Krieger hier zurückbleiben sollen.«

»Und wir sechs? Was thun wir?«

»Ihr reitet mit uns nach dem Kulluk.«

»Das ist doch noch viel gefährlicher! Sechs Mann oder dreihundert Mann, das giebt einen Unterschied!«

»Allerdings; aber dieser Unterschied fällt zu unsern Gunsten aus. Sechs Personen, oder mit uns beiden acht, können leichter und unbemerkt hindurchkommen als dreihundert. Das mußt du dir auch sagen.«

»Du meinst also einen heimlichen Ritt?«

»Ja, einen überaus vorsichtigen Kundschafterritt. Der Haupttrupp bleibt hier zurück, um uns Hilfe zu bringen, wenn wir welche brauchen. Das ist das allein Richtige.«

»Ja, das ist das Richtige!« stimmte Halef bei. »Wenn ihr thut, was mein Effendi sagt, kann euch nichts geschehen. Wir wissen ganz genau, wie man so etwas anzufangen hat. Wir haben solche Ritte schon oft gethan, und da wir gesehen haben, daß eure Pferde gut sind, braucht ihr keine Sorge zu haben. Wir beide sind fest entschlossen, nach dem Turm zu reiten. Wenn ihr Angst bekommen habt, könnt ihr ja umkehren; wir werden uns keine Mühe geben, euch festzuhalten.«

Da rief der Kurde rasch:

»Was denkst du von uns! Wir fürchten uns nicht!«

»Es schien aber fast so!« meinte der Hadschi gleichmütig.

»Ich bitte dich, dies nicht noch einmal zu sagen! Es giebt keinen Hamawandi, der sich fürchtet, und Schevin und den Knaben können wir unmöglich im Stiche lassen.«

»Also reitet ihr mit?«

»Ja.«

»So muß ich euch eine Mitteilung machen.«

»Welche?«

»Habt ihr gute Ohren?«

»Ja,« antwortete Adsy, ohne daß er wußte, worauf Halef mit seiner Frage zielte.

»Wir auch. Unsere Ohren sind nicht nur gut, sondern sogar sehr feinfühlend, ganz außerordentlich empfindlich. Es giebt gewisse Geräusche, welche wir nicht vertragen können, zum Beispiel ein gewisses Räuspern. Ich hoffe sehr, daß du weißt, was ich meine!«

»Ich weiß es nicht.«

»Nicht? Muß ich es dir wirklich sagen?«

»Wenn es wichtig ist, ja.«

»Es ist sehr wichtig, überaus wichtig. Vorhin, als du sagtest, daß du nichts thun werdest, ohne uns zu fragen, da gab es so ein Hüsteln und Räuspern da bei den beiden, die hier neben mir sitzen. Solche Geräusche pflegen uns tief in die Ohren bis in die Hände hinunter zu klingen, und dann pflegen wir mit den Händen gewöhnlich etwas zu thun, was dem Betreffenden das Räuspern abgewöhnt. Also, wenn wir mit euch reiten sollen, so räuspert nicht zu oft; ihr könntet euch sonst verschiedene Verdrießlichkeiten zuziehen! Nun hast du mich wohl verstanden? Oder soll ich es vielleicht noch einmal sagen?«

»Nein; es genügt dies eine Mal,« antwortete Adsy verlegen. »Du schiebst diesem Geräusche eine Bedeutung unter, die es gar nicht hatte.«

»Möglich! Aber am liebsten ist es mir, wenn ich gar nicht zu schieben brauche. Ich habe alle Geräusche der Welt studiert und kenne die Bedeutung jedes einzelnen. Seid also in Zukunft vorsichtiger, denn wenn dann ich anfange, Geräusche zu machen, so sind es solche, über deren Bedeutung gar kein Irrtum möglich ist!« –

Die Stimmung wurde durch dieses kleine, von dem sehr ehrliebenden Hadschi herbeigeführte Intermezzo eine andere, und es kostete mich einige Mühe, sie wieder auf den vorherigen Stand zu bringen. Dann, als die gute Laune sich wieder bei ihm eingestellt hatte, war er so gnädig, die Unterhaltung in seine Hand zu nehmen; das heißt natürlich nichts anderes, als daß er die Schleußen seines Mundes öffnete und von unsern großen Thaten zu erzählen begann. Es gab in Beziehung auf unsern Ritt nach dem Kulluk nichts Wichtiges mehr zu sagen, und die Kurden waren ganz begierig darauf, das, was sie über uns gehört hatten, aus meinem oder seinem Munde bestätigt zu finden. Der meinige verhielt sich natürlich still; als desto beredter erwies sich der seinige, zumal ich ihn ruhig gewähren ließ und keine Veranlassung nahm, ihn zu unterbrechen.

Das, was er erzählte, hatte ich nicht nur selbst mit ihm erlebt, sondern es auch viele Male von ihm erzählen hören; es konnte mich also nicht in der Weise interessieren, daß ich ihm eine so gespannte Aufmerksamkeit wie die Kurden schenkte. Ich sah also, wie ich es stets that, noch einmal nach unsern Pferden und wickelte mich dann in meinen Haïk, um mich zur Ruhe zu legen. Einschlafen konnte ich freilich noch nicht, denn die von seiten der Zuhörer mit Ausrufen der Bewunderung gespickte Rede des Hadschi klang mir wie das ununterbrochene Geräusch einer in der Nähe niederfallende Kaskade in die Ohren, und dazu hielt mich auch der Gedanke an unser morgiges Vorhaben wach.

Besonders beschäftigte mich es Sahira, die alte Zauberin, von welcher gesprochen worden war. Wer meinen Band »Durchs wilde Kurdistan« gelesen hat, der weiß, daß ich in der kleinen Festung Amadijah Gelegenheit hatte, einem kurdischen Mädchen Hilfe gegen die Vergiftung durch Tollkirschen zu bringen. Bei dieser Patientin traf ich eine über hundert Jahre alte Ahne von ihr, Namens Marah Durimeh, welche früher Meleka gewesen war und mir infolge dieser glücklichen Kur eine Dankbarkeit widmete, deren ungeahnte Wichtigkeit für mich ich dann später zu meinem größten Vorteile erkennen sollteSiehe Karl May, »Durchs wilde Kurdistan«, Kapitel VII. Mein damaliges Zusammentreffen mit dem Ruh 'i Kulian, dem segenspendenden »Geist der Höhle«, war nicht nur ein für unsere damalige Reise wichtiges Erlebnis, sondern hat auch für mein inneres Leben Folgen gehabt, die mir bis auf den heutigen Tag unschätzbar geblieben sind. Ich bitte, dieses Kapitel nachzuschlagen und noch einmal zu lesen, damit das, was ich jetzt zu berichten habe, den notwendigen Zusammenhang gewinne! Zugleich will ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich über mein viertes und letztes Zusammentreffen mit Marah Durimeh ein besonderes Buch schreiben werde, weil diese Begegnung von einem so tiefen und nachhaltigen Einflusse auf die Richtung und den Inhalt meines Seelenlebens gewesen ist, daß ich herzlich wünsche, meinen lieben Lesern von diesen aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit hinüberreifenden Früchten anbieten zu dürfen.

Also an diese alte, mir so teuer gewordene Abkömmlingin von Königen mußte ich jetzt denken. Nie vorher im Leben und auch nicht nachher habe ich eine Person gefunden, welche mir so ehrwürdig, beinahe möchte ich sagen, so heilig erschienen wäre wie diese mit ihrem Geiste schon mehr im jenseits als im Diesseits weilende Greisin. Nur ihre wohlthätige Menschenliebe, ihre segenspendende Barmherzigkeit gehörte noch der Erde an, sonst aber zählte sie zu denen, welche hinübergegangen sind nach den »Wohnungen in meines Vaters Hause«, von denen Christus spricht. Ich hatte damals für dieses Leben von ihr Abschied genommen, doch lebte sie so ethisch rein, so geistig klar und hoch, wie ich sie kennen gelernt hatte, in meinem Herzen fort. Und nun schien es, als ob ich sie gegen alles Erwarten jetzt wiedersehen sollte! Aber war sie es denn wirklich, war es keine andere? Adsy hatte von einer uralten Frau gesprochen, deren Jahre man gar nicht zählen könne. Das stimmte. Auch seine übrigen Bemerkungen konnten sich eher auf sie als auf eine andere, uns noch unbekannte greise Frau beziehen, obgleich das Wort es Sahira, die Zauberin, nicht auf Marah Durimeh paßte. Doch war diese Bezeichnung wohl nur die Folge des niedrigen Standpunktes, von welchem aus sie von den Kurden betrachtet und beurteilt wurde. Ihnen kam das ganze Wesen und Thun der Alten fremd und unbegreiflich vor, und was dem Naturmenschen unbegreiflich erscheint, das pflegt er am liebsten mit dem Begriffe der Zauberei zu erledigen. Es war ja, wie ich schon zu Halef gesagt hatte, möglich, daß wir diese Zauberin noch nie gesehen hatten, aber es lag nicht nur eine Ahnung, sondern wie eine Überzeugung in mir, daß uns diese Begegnung mit unserm »Geist der Höhle« zusammenführen werde. Bei diesem Gedanken stiegen die damaligen Erlebnisse wieder in mir auf, jene Kämpfe bei den Teufelsanbetern und bei den muhammedanischen und christlichen Anwohnern des Zabflusses, besonders mein Aufstieg nach der geheimnisvollen Höhle des Ruh 'i Kulian und mein mehrmaliges Gespräch mit diesem Geiste. Es fielen mir die Worte des Melek ein: »Sie wird dich morgen nach der Zeit des Mittages in meinem Hause besuchen, denn sie hat dich lieb, als ob du ihr Sohn oder ihr Enkel seist.« Und dann, als sie am andern Tage mit mir in ungestörter, weihevoller Einsamkeit oben am Berge saß, erklang es aus ihrem Munde:

»Herr, blicke auf, dahin zwischen Süd und Ost! Diese Sonne bringt Frühling und Herbst, bringt Sommer und Winter; ihre Jahre sind mehr als hundertmal über mein Haupt gegangen. Siehe dieses Haupt an! Es hat nicht mehr das Grau des Alters, sondern das Weiß des Todes. Ich sagte dir bereits in Amadijah, daß ich nicht mehr lebe, und ich habe die Wahrheit gesprochen; ich bin ein – – Geist, der Ruh 'i Kulian.«

Sie hielt inne. Ihre Stimme klang dumpf und hohl, wie wirklich aus dem Grabe heraus; aber sie vibrierte doch wie unter der Regung eines lebendigen Herzens, und die Augen, welche auf das Gestirn des Tages gerichtet waren, zeigten einen feuchten Glanz tiefer, seelischer Rührung.

»Ich habe viel gehört und viel gesehen,« fuhr sie fort. »Ich sah den Hohen fallen und den Niedern emporsteigen; ich sah den Bösen triumphieren und den Guten zu Schanden werden; ich hörte den Glücklichen weinen und den Unglücklichen jubeln. Die Gebeine des Mutigen zitterten vor Angst, und der Zaghafte fühlte den Mut des Löwen in seinen Adern. Ich weinte und lachte mit; ich stieg und sank mit – – dann kam die Zeit, in der ich denken lernte. Da fand ich, daß ein großer Gott das All regiert und daß ein liebender Vater alle bei der Hand hält, den Reichen und den Armen, den jubelnden und den Weinenden. Aber viele sind abgefallen von ihm; sie lachen über ihn. Und noch andere nennen sich zwar seine Kinder, aber sie sind dennoch die Kinder dessen, der in der Dschehennah, in der Hölle, wohnt. Darum geht ein großes, ein gewaltiges Leid hin über die Erde und über die Menschen, die sich nicht von Gott strafen lassen wollen. Und doch kann keine zweite Sündflut kommen, denn Gott würde keinen Noah finden, welcher der Vater eines besseren, eines wohlgefälligeren Geschlechtes werden könnte.«

Sie machte eine neue Pause. Ihre Worte, der Ton ihrer Stimme, dieses tote und doch so sprechende Auge, ihre langsamen, müden und doch so bezeichnenden Gesten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich begann, die geistige Herrschaft zu begreifen, welche diese Frau auf die intellektuell armen Bewohner der Gegend, in welcher sie lebte, ausübte. Sie fuhr fort:

»Meine Seele zitterte, und mein Herz wollte brechen; das arme Volk erbarmte mich. Ich war reich, sehr reich an irdischen Gütern, und in meinem Herzen lebte der Gott, den sie verworfen hatten. Mein Leben starb, aber dieser Gott starb nicht; er berief mich, seine Dienerin zu sein. Und nun wandere ich von Ort zu Ort, mit dem Stab des Glaubens in der Hand, um zu reden und zu predigen von dem Allmächtigen und Allgütigen, dem Allweisen und Allbarmherzigen, nicht mit Worten, die man verlachen würde, sondern mit Thaten, die segnend auf jene fallen, welche der Gnade des Vaters bedürftig sind. Die alte Marah Durimeh und der Ruh 'i Kulian sind dir ein Rätsel gewesen; sind sie es dir auch jetzt noch, mein Sohn? Oder beginnst du, mich zu begreifen?«

Ja, ich begann damals, sie zu verstehen, und je länger ich an sie dachte, desto mehr wurde mir ihr Wesen und ihr Wollen klar. Sie war eine in menschlicher Gestalt wirkende Hand Gottes, welche sich in überquellender, erbarmender Liebe ausstreckt, die Irrenden zurechtzuweisen und die Abgefallenen zurückzuführen zum Heile, welches allen Menschen und nicht etwa nur wenigen Auserwählten beschieden ist. Indem sie nicht mehr der Erde angehörte, gehörte sie in ihrer reichen Liebe der ganzen Menschheit an!

So lag ich da, ganz in mich versunken, und sah ihre Gestalt so deutlich vor meinem geistigen Auge stehen, als ob sie in Wirklichkeit anwesend wäre. Die Stimme des erzählenden Hadschi klang nur wie ein fernes Murmeln an mein äußeres Ohr; das innere war ihr verschlossen. Ich hörte Marah Durimeh noch damals zum Abschiede sagen: »Mein Sohn, wenn du dieses Thal verlassen hast, so wird mein Auge dich nie wiedersehen, aber der Ruh 'i Kulian wird für dich beten und dich segnen, bis diese seine Augen, welche du jetzt offen siehst, sich für hier geschlossen haben!« Indem ich in meinem Innern diese Worte hörte, breitete sie die Hände segnend über mich aus; ein wonniges Gefühl des Glückes, des Friedens zog in mir ein; ich schloß die Augen zum Schlafe und wurde unendlichen, lichten Fernen entgegengetragen, die nur der Traum, nicht aber das wachende Auge kennt.

»Sihdi, wach auf; erhebe dich! Es ist längst hell, und die Hamawandikrieger werden bald kommen!«

Als ich auf diesen Ruf des kleinen Hadschi erwachte, sah ich, daß ich der einzige war, der noch gelegen hatte. Der Morgen war fast schon eine Stunde alt, und so sprang ich auf, mich meiner Langschläfrigkeit beinahe schämend.

Halef saß mit den Kurden beim Frühmahle; sie aßen dünne Brotfladen, welche in der Weise zubereitet werden, daß man die breitgearbeiteten Teigstücke an die Wände des primitiven Backofens klebt, von denen sie von selbst herunterfallen, sobald sie ausgebacken sind. Ich wurde, als ich mich im Bache gewaschen hatte, eingeladen, an diesem lukullischen Frühstücke teilzunehmen.

Wir hatten es eben beendet, als wir die erwarteten Krieger in der Krümmung des Seitenthales erscheinen sahen. Sie stutzten bei unserm Anblicke, denn sie hatten nicht erwartet, die sechs Stammesgenossen noch hier zu finden, zumal in Gesellschaft zweier fremder Männer, aus deren Kleidung schon zu schließen war, daß sie keine Kurden seien.

Ich übergehe die Scene der Begrüßung, welche nun folgte. Unsere Namen waren diesen Leuten allen bekannt; das sahen und das hörten wir. Sie brachten uns eine Achtung entgegen, von welcher Halef sich sehr wohlthuend berührt fühlte; er nahm einen passenden Augenblick wahr, mir unbemerkt von ihnen zuzuflüstern:

»Effendi, merkst du auch, was für einen Respekt diese Hamawands vor uns haben? Richte dich gerade auf, und thu so stolz wie möglich! Wir müssen ihnen zeigen, was für eine Ehre es für sie ist, mit so hochberühmten Kriegern zusammenzutreffen, wie wir beide sind!«

Diese Kurden waren durchgängig sehr gut beritten und auch, wenigstens nach dortigen Verhältnissen, zufriedenstellend bewaffnet. Wir hörten, daß sie dem erwarteten Zusammentreffen mit den Dawuhdijehs mit Zuversicht und ohne alle Furcht entgegensahen, denn sie waren überzeugt, daß sie diese Gegner vollständig überraschen würden. Darum fühlten sie sich enttäuscht, als ihnen Adsy mitteilte, was ich gestern abend über diesen Punkt gesagt hatte. Es wurde mit den – wenn ich mich so ausdrücken darf – Chargierten von ihnen eine kurze Besprechung abgehalten, an welcher wir uns auch beteiligten, und das Ergebnis war, daß meine Ansicht als die richtige erklärt und zur Befolgung angenommen wurde. Die Dreihundert blieben hier. Sie hatten vorsichtshalber Posten aufzustellen und jede in ihre Nähe kommende Person bis zu unserer Rückkehr oder bis zum Eintreffen einer Nachricht von uns festzuhalten. Sie selbst aber hatten natürlich sehr strenge Weisung, sich nicht sehen zu lassen. Man wußte, daß die Dawuhdijehs die jetzigen Lagerplätze der Hamawands genau kannten und daß es nach der Gliederung des Gebirges einen bedeutenden Umweg erfordert hätte, eine andere Richtung als die durch das Nebenflußthal, in welchem wir uns befanden, einzuschlagen. Es stand also mit Gewißheit zu erwarten, daß die Dawuhdijehs ihre auf den Angriff oder nur auf die Verteidigung gerichtete Aufmerksamkeit nach dieser Gegend lenken würden, was mich aber nicht abhielt, den Hamawands zu sagen, daß sie trotzdem auch nach rückwärts zu schauen hätten, da die Möglichkeit einer heimlichen Umgehung auch in Betracht zu ziehen sei.

Nach diesen und noch einigen andern nicht besonders zu erwähnenden Vorbereitungen traten wir unsern heutigen Ritt an. Unter diesem Wir sind natürlich die sechs schon gestern von uns getroffenen Kurden, Halef und ich gemeint. Der Hadschi lächelte still vor sich hin; als ich ihn nach der Ursache fragte, sagte er:

»Sihdi, wenn es wirklich ein Kismet giebt, was ich aber, seit ich dich kennen gelernt habe, nicht mehr glaube, so hat nicht nur das deinige, sondern ebenso auch das meinige wenigstens zehntausend Spannfedern im Leibe. Das kommt nie zur Ruhe und läßt auch uns nicht zur Ruhe kommen! Und dieser Leib mit den Spannfedern ist aus Gomelastik gemacht. Das steht nicht fest; das hat keinen Halt; das bleibt nie so, wie es ist. Das hüpft und springt nur immer hin und her; das rollt und kugelt sich bald hierhin und bald dorthin, und wir werden mitgekugelt und mitgerollt. Gesten waren wir überzeugt, direkt nach Bagdad zu reiten; heut suchen wir einen Kulluk, der wo ganz anders liegt. Wohin wird diese Gomelastik uns morgen schicken? Aber ich sage dir, ich hab das gern, sehr gern; es gefällt mir außerordentlich!«

Er hatte nicht ganz so unrecht, wenn auch seine Porträtierung des Kismet etwas idealer hätte sein können!

Es verstand sich ganz von selbst, daß wir nicht beabsichtigten, dem Bache immerfort zu folgen, denn das hätte uns den Dawuhdijehs grad in die Arme geführt. Adsy kannte, wie er versicherte, die Gegend, in welcher der Kulluk lag. Nach seiner Meinung hatten wir bis ungefähr zum Mittag in der jetzigen Richtung zu bleiben und uns dann aber rechts in die Berge zu wenden, über welche die nach dem Turme gehende Luftlinie führte. Was wir da unterwegs für Terrain haben würden, das wußte er freilich nicht; vorauszusehen war, daß es kein bequemes sei.

Unsere Begleiter waren wohl auch gewöhnt, auf solchen Kundschafterwegen, wie unser heutiger war, vorsichtig zu sein, aber die außerordentliche, sozusagen spitzfindige Art der Bedachtsamkeit, welche ich mir bei den Indianern angeeignet hatte, welche jeden Grashalm, jeden Lufthauch in Berechnung zieht, die kannten sie nicht. Selbst Halef, der mich in dieser Beziehung doch unzähligemal beobachtet hatte, war nicht geschickt, eine Späheraufgabe zu übernehmen, deren Lösung jedem erwachsenen Indianer leicht geworden wäre. Der Hadschi hatte das zu unserem Nachteile schon wiederholt bewiesen.

Ich konnte mich also nur auf mich selbst verlassen, und indem ich voranritt, hatte ich die Augen überall und ließ mir nicht das geringste, was zu beachten war, entgehen. Dabei fand ich immer auch Zeit, Adsy, welcher neben mir ritt, meine Aufmerksamkeit zu schenken. Gestern, als ich ihn zuerst sah, war es schon nicht mehr ganz hell gewesen, und seine Begleiter hatten meine Augen von ihm abgelenkt, so daß eine genaue Betrachtung nicht möglich gewesen war; dennoch hatte ich schon da einen eigenartigen Eindruck von ihm bekommen. Jetzt nun, wo ich ihn an meiner Seite hatte und es heller Tag war, gewann dieser Eindruck an Deutlichkeit. Der Sitz, die Haltung und alle Bewegungen des Kurden deuteten darauf hin, daß er ein gewandter, wohlgeübter Reiter sei. Er machte den Eindruck körperlicher Kraft und geistiger Energie; er war ein Mann. Und doch, wenn ich sein Gesicht zwar heimlich aber scharf betrachtete, wurde es mir schwer, ihm das Prädikat Mann zu lassen. Diese schmale, niedrige Stirn, aus welcher der Turban zurückgeschoben war, diese sanfte Rundung der Wangen und des Kinns, die Bartlosigkeit und Fülle der Lippen und vor allen Dingen der, wenn er sich unbeobachtet wähnte, seelisch weiche Blick des großen Auges, das alles war ganz und gar nicht männlich, sondern ausgesprochen weiblich, trotz aller Thatkraft, welche sich auch auf diesem Gesicht aussprach. Auch die Stimme lag zwar tief und hatte einen sehr bestimmten, befehlenden Ton, klang aber doch nicht so wie eines Mannes Stimme. Dazu kam ein leichter Schatten an den Rändern der Augenlider und die stumpfe, wie gebeizte Färbung der langen Wimperhaare. Das deutete auf die Gewohnheit der morgenländischen Frauen, ihre Wimpern mit Khol dunkel zu färben, um dem Auge mehr Glanz und scheinbare Größe zu verleihen. Jetzt war dieser Farbstoff weggewaschen, wodurch die Wimpern das unbestimmte, stumpfe Aussehen bekamen.

Hierdurch veranlaßt, schenkte ich nun auch dem Körper dieses Kurden mehr Aufmerksamkeit als bisher. Die Hand war eine Frauenhand, und nun sah ich auch im Innern derselben die Spur der Hennahfarbe, welche nicht zu entfernen gewesen war. Nun war ein weiterer Blick auf die Gestalt gar nicht nötig, um überzeugt zu sein, daß es kein Mann, sondern eine Frau war, welche da an meiner Seite ritt.

Und sobald mir dieses klar geworden war, wußte ich auch sofort, wer sie war. Der damals bedeutendste Anführer der Hamawands, berühmter noch als selbst der bekannte Häuptling Hussein Aga, war der Scheik Jamir, welcher zwar von ganz gewöhnlichen Eltern stammte, sich aber durch seine glänzende Tapferkeit und sonstigen kriegerischen Eigenschaften zu solcher Anerkennung und Macht emporgearbeitet hatte, daß eigentlich er der oberste Befehlshaber und die Seele jedes Unternehmens seines Stammes war. In diesem Streben nach oben stand er nicht allein; er hatte in seiner ungewöhnlich begabten Frau eine rastlose Gehilfin und treue, mutige Kameradin, welche ihn in allen seinen Unternehmungen unterstützte und begeisterte und selbst im Kampfe nicht von seiner Seite wich. Nichts ehrt der Kurde mehr als Tapferkeit, und wenn bei ihm schon die Frau im gewöhnlichen Sinne mehr Achtung und größere Freiheit genießt, als bei den andern Orientalen, so ist es wohl begreiflich, daß diese Frau Jamirs in einem für den Orient mehr als ungewöhnlichen Ansehen stand. Kein Hamawandi hätte es gewagt, einem ihrer Befehle den geforderten Gehorsam zu verweigern. Man wußte, daß sie solchen Widerstand noch strenger als ein Mann bestrafen würde.

Es stand bei mir außer allem Zweifel, daß ich diese seltene Frau jetzt an meiner Seite hatte, und nun ich das wußte, erhielt der jetzige Ritt in meinen Augen einen ganz andern Inhalt und einen ganz andern Charakter. Also darum hatte sie sich den Namen Adsy = namenlos, beigelegt! Es verstand sich ganz von selbst, daß Schevin, dessen Bruder sie sich geheißen hatte, kein anderer als Jamir selbst, ihr Mann, war. Und Khudyr, der vergiftete Knabe, war ihr beiderseitiger Sohn. Nun verstand ich auch die Pseudonymität dieses Schevin, der durch diesen Namen, welcher soviel wie Hirte bedeutet, sich als einen einfachen, ungefährlichen und friedfertigen Schäfer hinstellen wollte. Allerdings war dazu unbedingt erforderlich, daß es unter den Dawuhdijehs keinen gab, der ihn persönlich kannte und seinen eigentlichen Namen verraten konnte. Wie es damit stand, wußte ich nicht; nach allem aber, was ich bis jetzt gehört hatte, war viel eher zu vermuten, daß er erkannt und wegen der Verleugnung seines Namens als höchst verdächtig zurückgehalten worden war. Das hatte seine Frau erfahren und war sofort ausgerückt, ihn wieder herauszuholen. Zwar kühn aber auch zugleich echt weiblich dünkte mir das Beginnen, mit ihren Reitern in das Gebiet der Dawuhdijehs einzudringen, ohne vorher genau erfahren zu haben, wo Jamir zu finden sei. Ich interessierte mich ungeheuer für diese Frau und war nun entschlossen, mein möglichstes dazu beizutragen, sie wieder in den Besitz ihres Mannes und Kindes zu bringen. Dabei sollte sie nicht ahnen, daß ich sie erkannt hatte. Auch Halef wollte ich nichts davon sagen, denn dieser kleine, schnellfertige Mann hätte sich sehr leicht in einem Augenblicke des Affektes hinreißen lassen, mit diesem Geheimnisse, welches er nicht kennen sollte, herauszuplatzen. Also, jetzt war mir alles klar, und ich hatte jetzt zu diesem Unternehmen zehnmal mehr Lust als vorher. Es ist ein großer Unterschied, wenn man vor einem Wagnisse steht, ob man weiß oder nicht, für wen man es unternimmt. Diese Mutter sollte ihr Kind wieder haben!

Wir waren wohl schon zwei Stunden unterwegs, als wir den vielen und engen Windungen eines Thales folgten, wo ich meine ganze Aufmerksamkeit zusammennehmen mußte, weil hinter jeder dieser Krümmungen eine unerfreuliche Überraschung für uns stecken konnte. Ich konnte diese meine Vorsicht nicht verheimlichen. Adsy lächelte über sie und erklärte es für sehr überflüssig und zeitraubend, bei jeder Wendung anzuhalten und nachzusehen, ob hinter derselben ein Dawuhdijeh versteckt sei. Ich nahm dies ruhig und ohne mein Verhalten zu verteidigen, hin, bis die Windungen aufhörten und das Thal eine bedeutende Strecke in fast schnurgerader Richtung verlief. Es schien am Ende dieser Geraden mit einem Seitenthale zusammenzutreffen, aus weichem wieder ein Wasser geflossen kam, um sich mit dem unserigen zu vereinigen. Da dort unten nichts Verdächtiges zu bemerken war, ritten wir getrost weiter und hatten die Strecke schon beinahe zurückgelegt, als ich etwas sah, was mich bewog, mein Pferd sofort zwischen die an der Seite stehenden Büsche zu lenken.

»Hier herein! Schnell herein, schnell!« forderte ich die andern auf.

Halef, welcher meine Art und Weise kannte, folgte augenblicklich; die Kurden aber zögerten, und Adsy erkundigte sich, indem er draußen halten blieb:

»Warum sollen wir da hinein? Sage es!«

»Da unten kommt jemand, oder es ist schon jemand dort,« antwortete ich. »Versteckt euch rasch hierher, ehe ihr gesehen werdet!«

Nun kamen sie, doch mit nicht allzu großer Eile. Ich vergewisserte mich, daß sie von draußen nicht gesehen werden konnten, und sagte ihnen dann:

»Wenn ich euch so plötzlich auffordere, euch zu verstecken, so müßt ihr es, ohne zu fragen und ohne einen Augenblick zu zögern, thun. Merkt euch das!«

»Hast du denn jemand gesehen?« fragte Adsy.

»Ja.«

»Wen?«

»Zwei Aßafir

»Zwei Aßafir? Und wegen dieser kleinen Vögel sollen wir uns hier verstecken?«

»Ja.«

»Ich habe sie auch gesehen. Es war ein Finkenpaar, welches uns entgegengeflogen kam, aber als es uns sah, vor uns in die Bäume flüchtete.«

»Diese Finken meine ich.«

»Aber was giebt es da für einen Grund zu deiner großen Besorgnis?«

»Einen sehr triftigen. Die Vögel haben mir gesagt, daß da unten wahrscheinlich Menschen sind.«

»Maschallah! Ich habe nur ein zweimaliges, ängstliches Pinkpink gehört. Verstehst du, was die Vögel sagen?«

Das war im Tone der Ironie gefragt; ich antwortete:

»In diesem Falle verstehe ich es. Du brauchst nicht zu lächeln; dein Spott ist überflüssig!«

»Ja, du lächelst!« warf da Halef zwar leise aber zornig ein. »Ich sage dir, wenn mein Effendi behauptet, daß er die Sprache der Vögel verstehe, so sagt er die Wahrheit. Ihm sind alle Sprachen der Menschen, der Tiere und der Pflanzen offenbar, und wer darüber lächelt, der mag sich wohl vorsehen, daß er nicht dann später dafür laut ausgelacht wird!«

Ich war abgestiegen und an den Rand des Gebüsches getreten, um hinauszusehen. Ich bemerkte noch niemand und. konnte also den Kurden erklären:

.»Die Vögel kamen rechts aus dem Seitenthale; ich habe das gesehen, denn meine Augen sind schärfer als die eurigen, auch passe ich besser auf als ihr. Sie wollten geradeaus fliegen, an unserem Thale vorüber, machten aber eine plötzliche, scharfe Schwenkung nach links, zu uns herein. Sag doch einmal, Adsy, sind sie bis zu uns gekommen?«

»Nein,« antwortete er, den ich jetzt noch als Mann bezeichnen will, weil er als solcher vor uns gelten wollte.

»Warum nicht?«

»Weil sie uns sahen und darum zwischen die Bäume flüchteten.«

»Also, weil sie uns gesehen haben, sind sie auf die Seite geflüchtet?«

»Ja,«

»Nun, was folgt aus diesem Grunde daraus, daß sie da unten plötzlich auf die Seite nach uns flüchteten?«

»Daß sie – – ah, meinst du etwa, daß sie dort auch jemanden gesehen haben?«

»Ja, das meine ich. Wenn ein Vogel seinen geraden Flug so plötzlich unterbricht, daß aus seiner Bahn ein scharfer Winkel wird, so kannst du fast mit Sicherheit daraus schließen, daß er das aus Angst, aus Schreck gethan hat. Die Finken sind auf Menschen getroffen, du magst es glauben, oder nicht!«

»Effendi, wenn das wahr wäre, so hätte man uns von dir nicht zu viel erzählt!«

»Es ist wahr. Übrigens giebt es da gar keinen Grund zur Bewunderung, denn es gehört nichts als ein wenig Nachdenken dazu, von dem Verhalten der Vögel auf die Anwesenheit von Menschen zu schließen. Jetzt paßt auf! Steigt ab, und haltet euern Pferden die Mäuler zu! Ich sehe sie; sie kommen hier vorüber!«

Es erschienen jetzt unten an der Mündung zwölf kurdischer Reiter, welche zu zweien oder dreien nebeneinander ritten und am Wasser herauf, also auf uns zu, kamen. Sie sprachen so laut miteinander, daß wir ihre Stimmen schon von weitem hörten.

Nun befolgten unsere Reiter allerdings schnell meine Anweisung. Wir waren draußen auf Steingeröll geritten und hatten also keine bedeutenden Spuren gemacht. Ein Indianer hätte sie freilich sogleich bemerkt; von diesen Kurden brauchte ich das aber nicht zu befürchten. Sie kamen ganz langsam und gemächlich herbei, als ob sie sehr viel Zeit hätten, und ritten ebenso langsam vorüber, ohne uns zu bemerken. Ich horchte aufmerksam auf das, was sie sprachen, hörte aber nichts, was von Bedeutung zu sein schien. Als das Pferd des Voranreitenden einige rasche Schritte machte, rief einer der ihm folgenden halb im Scherze:

»Ahdele mehke!«

Das heißt auf deutsch: »Übereile dich nicht!« Hieraus war, wie überhaupt aus ihrer Langsamkeit zu schließen, daß sie ihren Ritt für keinen hielten, bei dem Schnelligkeit vonnöten war. Dann hörte ich etwas vom Avik eduduahn, vom »zweiten Bach« oder vom »zweiten Wasser« sagen und auch von einem Moda gumgumuk, was eine Stelle bedeutet, wo es Eidechsen giebt. Das waren für mich ganz unwichtige Worte, welche ich aus dem lauten Wortschwalle ihrer in mehreren Gruppen geführten Unterhaltung herausgehört hatte und für vollständig wertlos hielt. Aber als sie vorüber waren und ich Adsy fragte, ob es Dawuhdijeh-Kurden gewesen seien, antwortete er:

»Ja, es waren welche, und, Effendi, sie reiten nach der Stelle, wo wir geschlafen haben und wo sich meine Krieger jetzt befinden.«

»Woher weißt du das?«

»Sie sprachen davon; sie nannten den Namen dieser Stelle: Moda gumgumuk. Höchst wahrscheinlich wollen sie sich dort verstecken, um aufzupassen, wenn wir kommen, und dann ihren Scheik davon benachrichtigen!«

»Ah! Siehst du, daß ich ganz richtig vermutet habe? Sie sind überzeugt, daß ihr kommt. Hoffentlich passen deine Leute auf und fangen sie weg!«

»Das werden sie gewiß thun. Ich bin überzeugt davon. Wüßte man nur, wo nun die eigentliche Schar der Dawuhdijehs steht, die ganz gewiß nun auf uns wartet, um über uns herzufallen!«

»Wir würden den betreffenden Ort bald finden, doch kann es nicht unsere Absicht sein, ihn zu suchen, da wir vor allen Dingen nach dem Kulluk wollen.«

»Könntest du den Ort vielleicht erraten?«

»Ja.«

»Ohne daß du schon in dieser Gegend gewesen bist?«

»Ja.«

»Effendi, ich staune!«

»Da brauchst du gar nicht zu staunen!« bemerkte Halef in sehr hohem Tone. »Bei der ungeheuren Länge des Verstandes, den mein Sihdi besitzt, und bei der unendlichen Breite des meinigen müssen uns alle Dinge offenbar werden, welche für andere Leute ein ewiges und unentdeckbares Geheimnis bleiben!«

»Wenn du es auch weißt, so sag es!« forderte ich ihn auf, um ihn für seine Großsprecherei zu strafen.

Da machte er mit den Händen eine wegwerfende Bewegung und antwortete:

»Wer ist gefragt worden, du oder ich? Und wer hat behauptet, daß er es erraten könne, du oder ich? Sprich also du; ich werde es bestätigen!«

Er verdeckte mit dieser Aufforderung seine Verlegenheit. Ich, als der alte, immer gute Kerl, wollte ihn denn doch nicht so offen blamieren und erklärte darum den darauf wartenden Kurden:

»Es unterliegt keinem Zweifel, besonders weil diese zwölf Späher hier vorübergekommen sind, daß die Dawuhdijehs am untern Laufe dieses Flüßchens postiert sind, und zwar muß es an einer Stelle sein, wo mehrere Hundert Reiter nicht nur Platz, sich zu verstecken, sondern auch Raum zum nachherigen Angriffe haben. Vielleicht ist euch ein solcher Ort, eine Verbreiterung oder Ausbuchtung des Thales bekannt?«

»Es giebt deren nur zwei; ich kenne sie,« sagte Adsy. »Aber welche mag es sein?«

»Das wirst du gleich erfahren.«

»Von dir?«

»Ja.«

»Der du hier unbekannt bist?«

»Trotzdem!«

»Effendi, bist du denn allwissend?«

»Nein; ich denke bloß nach, was du ebenso gut wie ich thun könntest. Giebst du zu, daß die zwölf Späher, welche wir jetzt gesehen haben, heut von der Stelle fortgeritten sind, an welcher die eigentliche Schar der Dawuhdijehs auf eure Ankunft wartet?«

»Ja, denn anders ist es nicht.«

»Hast du den El Chilel-Strauß gesehen, den der Voranreitende vorn an seinem Turban stecken hatte?«

»Ja. Kennst du die Bedeutung dieses Straußes?«

»Ich kenne sie. Es ist ein Aberglaube.«

»Nein, es ist kein Aberglaube, sondern es trifft wirklich zu; ich habe es oft selbst erfahren. Wer etwas unternehmen will, der muß einen Strauß von El Chilel bei sich tragen; dann gelingt sein Vorhaben, denn die Geister, welche El Chilel lieben, helfen ihm!«

»So? Dann sag doch einmal, warum er heut so einen Strauß angesteckt hat!«

»Daß sein Spähen gegen uns gelingen möge.«

»Glaubst du, daß es gelingt?«

»Nein; er wird mit seinen Leuten unbedingt von meinen Kriegern gefangen genommen.«

»Wird El Chilel also helfen?«

»Nein. Effendi, mit dir darf man sich nicht streiten!«

»Schön, daß du das einsiehst; merke es dir!«

»Warum sprichst du überhaupt von diesem Strauße?«

»Das wirst du gleich erfahren. Es kommt darauf an, ob ich diesen Aberglauben richtig kenne. Wann muß die Pflanze El Chilel gepflückt werden?«

»Beim Beginn dessen, was man thun will, nicht eher.«

»So habe ich es richtig gewußt. Wann wird dieser Dawuhdijeh also den Strauß gepflückt haben?«

»Ganz kurz vor seinem Aufbruche.«

»So ist das Alter des Straußes also grad so wie die Dauer des Rittes?«

»Ja.«

»So will ich dir sagen, daß diese Pflanzen El Chilel vor ungefähr drei Stunden gepflückt worden sind, nicht viel eher, aber auch wohl nicht später.«

»Woher weißt du das?«

»Ich sehe es. Ich besitze darin Übung, denn ich habe unzähligemal aus der Beschaffenheit eines geknickten Ästchens, eines zertretenen Grases oder einer welkenden Pflanze die Zeit bestimmen müssen, vor welcher diese Pflanze geknickt, gepflückt oder niedergetreten worden ist. Ich weiß gewiß, daß ich mich auch jetzt nicht irre. Diese Dawuhdijehs haben ihren Ritt vor drei Stunden begonnen, und man kann also die Stelle, an welcher eure Gegner lagern, in genau dieser Zeit erreichen, wenn man so langsam, wie sie geritten sind, hier an diesem Wasser immer abwärts reitet.«

»Das stimmt, Effendi, das stimmt zum Verwundern! Dort liegt der erste der beiden Plätze von denen ich sprach. Das Thal macht links einen Bogen, während die rechte Wand desselben geradeaus streicht. Dieser El Chilel hat dir die Wahrheit gesagt. Ich sehe ein, daß es gut ist, dich immer zu fragen, ehe man etwas unternimmt!«

Da rief Halef, schnell fragend:

»Will sich vielleicht wieder jemand räuspern?«

Um den Eindruck dieser Ironie des Kleinen nicht aufkommen zu lassen, fiel ich rasch ein:

»Ihr lachtet vorhin über meine Vorsicht, die ihr für überflüssig hieltet. Jetzt aber gebt ihr wohl zu, daß sie notwendig war?«

»Ja, Effendi,« antwortete Adsy. »Ohne dich wären wir diesen zwölf Dawuhdijehs in die Hände geritten, und es wäre ein Kampf unvermeidlich gewesen.«

»Das war mein Beachten des Vogelfluges. Und was mir der Strauß verraten hat, hast du auch gehört. So muß man, wenn man sich auf Kundschaft oder überhaupt unterwegs befindet, auf alles achten. Die geringste Kleinigkeit kann den Tod bringen oder vom Tode erretten. Jetzt möchte ich vor allen Dingen wissen, ob du überzeugt bist, daß deine Krieger ihre Pflicht thun und sich die Dawuhdijehs nicht entkommen lassen.«

»Sie werden sie ergreifen.«

»Wenn sie aber so unvorsichtig sind, sich vorher von ihnen sehen zu lassen, bekommen sie sie nicht!«

»Sie werden keinen Fehler machen; ich kenne sie. Sie wissen, daß sie jetzt Kara Ben Nemsi Effendi und seinem Hadschi Halef zu beweisen haben, daß sie tüchtige Krieger sind, und werden sich also tadellos verhalten.«

»Gut, so können wir weiter reiten.«

»Aber nicht so weit an diesem Wasser hinab, wie wir erst beabsichtigten!«

»Nein. Wir wollten erst um die Mittagszeit nach rechts abschwenken; aber da die Dawuhdijehs nur drei Stunden von uns entfernt sind, müssen wir das eher thun.«

»Wann und wo?«

»Sobald die Berge es uns erlauben.«

»Vielleicht nehmen wir schon dieses Seitenthal, welches da vor uns liegt?«

»Nein, das wäre zu früh. Auch vermute ich, daß es nicht nach unserer Richtung führt. Reiten wir so lange, bis wir ein passendes haben!«

Wir zogen unsere Pferde aus dem Gebüsch heraus, stiegen auf und setzten unsern unterbrochenen Ritt fort. Da stellte sich denn sogleich heraus, daß das erwähnte Nebenthal nach Nordost anstatt nach Nordwest verlief; wir durften ihm nicht folgen.

Wir konnten natürlich der notwendigen Vorsicht wegen nicht so rasch vorwärts kommen, wie wir es wohl wünschten. Es verging weit über einer Stunde, ohne daß sich uns ein Weg nach rechts öffnen wollte; da gab es wieder eine Begegnung, und zwar eine, welche wir beide, Halef und ich, nicht für möglich gehalten hätten. Es gab eine Stelle, wo der Bach sehr tief durch Felsen schnitt; wir mußten unter Bäumen auf das hohe Ufer hinauf; es waren da meist Eichen. Eben wollten wir jenseits wieder hinunter auf die wieder breitere Sohle des Thales, als wir zwei weibliche Gestalten sahen, welche da unten saßen und Körbe vor sich stehen hatten. Sie schienen auszuruhen. Die Gesichter zu erkennen, dazu waren wir ihnen noch nicht nahe genug, zumal sie die um den Kopf gewundenen Tücher vorgezogen hatten. Natürlich hielten wir an, um über unser Verhalten zu beraten.

»Es sind Frauen, die gehen uns nichts an,« meinte Adsy in wegwerfendem Tone.

»Warum nicht?« antwortete ich. »Hier kann uns jedes Kind gefährlich werden, wenn es uns verrät.«

»Es sind Galläpfelsammlerinnen, welche sich gar nicht um uns bekümmern werden; ganz arme Frauen!«

»Daß sie arm sind, sieht man ihrer Kleidung an. Für Sammlerinnen von Galläpfeln halte ich sie aber nicht.«

Es muß bei dieser Gelegenheit gesagt werden, daß Kurdistan das Hauptproduktionsland für Galläpfel ist.

»Ich bin überzeugt, daß sie Galläpfel in ihren Körben haben!« beharrte Adsy bei seiner Behauptung.

»Ich auch; aber grad das macht sie mir verdächtig!«

»Warum?«

»Welcher vernünftige Mensch sammelt jetzt Galläpfel, wo sie von der Schärfe des Winterschnees vollständig ausgelaugt sind? Wer das thut, der thut es nur zum Scheine und hat einen ganz anderen Zweck dabei. Ich kenne nördliche Kurdenstämme, bei denen die Frauen als Kundschafterinnen gebraucht werden.«

»So denkst du etwa – –?«

»Ich denke nichts, als daß sie mir höchst verdächtig sind, grad der Galläpfel wegen, und daß wir sie also sehr scharf ins Verhör nehmen müssen.«

»Sie werden fliehen, sobald sie uns kommen sehen!«

»So lassen wir uns nicht eher sehen, als bis wir sie sicher haben. Ich werde mit Halef absteigen. Wir schleichen uns an sie hinan, und erst dann, wenn wir sie festhaben, kommt ihr nach. Vorwärts, Halef! Du bleibst auf dieser Seite des Thales; ich gehe auf die andere.«

»Hamdulillah!« meinte der kleine Hadschi. »Das giebt doch endlich einmal etwas anderes als das ewige fest im Sattel sitzen. Wir gehen auf die Frauenjagd. Sidhi, ich fange sie alle beide! Du brauchst gar nichts dabei zu thun!«

»Nur keine Unvorsichtigkeit, Halef!«

»Was denkst du von mir! Bin ich schon so vorsichtig bei Hanneh, dem lieblichsten Gallapfel auf – – Allah, verzeihe mir! – – wollte sagen, der lieblichsten Blume unter allen Rosen und Blüten des Frühlings, wie werde ich mich da erst bei diesen fremden Weibern in acht nehmen! Du brauchst nicht eine Spur von Sorge um mich zu haben, Effendi!«

Er huschte fort, unter den Bäumen hin. Ich hatte erst wieder zurückzugehen und über das Wasser zu springen. Er konnte also eher dort sein als ich. Anstatt nun zu warten, bis ich käme, sprang er unter den Bäumen hervor und auf die Frauen zu, mit dem hoch erhobenen Messer in der Hand. Ich sah das und beeilte mich möglichst, um die Flucht nach der andern Seite zu verhüten, bemerkte aber bald, daß dies nicht nötig war, denn die Frauen waren aufgesprungen, bewegten sich aber vor Schreck, wie ich dachte, keinen einzigen Schritt vorwärts.

Zu meiner Verwunderung stand Halef ebenso starr wie sie. Die Hand mit dem Messer drohend erhoben, machte er nicht die geringste Bewegung. Dann aber, als er mich kommen sah, rief er mir mit schallender Stimme entgegen:

»Sihdi, komm, komm, komm! Geschwind, rasch schnell!«

Aber gleich darauf winkte er mit beiden Armen ab und schrie mich aus Leibeskräften an:

»Halt, halt, halt! Bleib stehen! Nicht weiter, ja nicht weiter, keinen Schritt mehr, keinen einzigen!«

Da blieb ich also stehen, denn wenn er dies von mir verlangte, mußte er überzeugt sein, daß die beiden Frauen uns gewiß nicht davonlaufen würden. Aber neugierig war ich, weshalb ich erst so schnell kommen und dann aber so plötzlich stehen bleiben sollte. Es handelte sich jedenfalls um eine Überraschung, aber um welche?

»Sihdi«, fuhr er nun fort, »du kannst gut raten, weil dein Verstand so in die Länge gezogen ist. Ich fordere dich auf, jetzt einmal nachzudenken!«

»Worüber?« fragte ich.

Anstatt mir gleich zu antworten, schrie er die Frauen an, welche Miene machten, sich nach mir umzusehen:

»Halt! Nicht umdrehen, nicht umdrehen! Er darf eure Gesichter nicht sehen. Schaut ihn nicht an, wenn ihr mir nicht die Wonne dieses Augenblicks ganz und gar verderben wollt! Ich bitte euch, rührt euch ja nicht!«

Und sich mir nun wieder zuwendend, gab er mir lachend die Auskunft:

»Worüber du nachdenken sollst? Natürlich darüber, wer diese beiden Frauen sind!«

»Dieses Nachdenken würde zu gar nichts führen, da ich ja gar keinen Anhalt habe.«

»Keinen Anhalt? O Sihdi, wie du doch nur so reden kannst! Keinen Anhalt! Hier stehe ich, dein berühmter Begleiter und Beschützer. Bin ich kein Anhalt für dich?«

»Bist du es denn, über den ich nachdenken soll?«

»Nein, denn du würdest trotz aller Anstrengung deiner Geisteskräfte doch nicht dazu kommen, die Höhe meines Wertes und die Tiefe meiner Weisheit zu ermessen. Aber über diese beiden Frauen sollst du nachdenken, wie ich dir ja schon ganz deutlich gesagt habe!«

»Ich soll also raten, wer sie sind?«

»Jaja, jaja! Sag es doch nur, schnell, schnell!«

Er hatte gut reden, denn er hatte ihre Gesichter vor sich; ich aber sah von ihnen nur den hintern Teil der ärmlichen Gewänder, welche so weit und faltig waren, daß sie nicht einmal die Umrisse der Gestalten erkennen ließen. Darum konnte ich nichts anderes sagen als:

»Ich kann es nicht erraten, wenn du mir keinen Fingerzeig, keinen Anknüpfungspunkt giebst.«

»Fingerzeig? Allah akbar! Da stehe ich doch und zeige mit allen zehn Fingern auf sie! Ist das etwa noch nicht genug? Und Anknüpfungspunkt? Es stehen dir doch alle möglichen hiesigen Punkte zur Verfügung, daß du sie entweder zusammen-, oder aneinanderknüpfen kannst! Und da behauptest du, daß sie dir fehlen!«

Er wollte noch mehr sagen, wurde aber von der einen Frau unterbrochen. Ich hörte sie sagen:

»Du bist Hadschi Halef Omar, den wir liebgewonnen haben. Ich habe dich sogleich wiedererkannt. Wer aber ist der Sihdi, mit welchem du sprichst und den wir nicht anschauen sollen?«

»Rate du auch einmal!«

»Welche Wonne, welche Seligkeit, wenn es der wäre, an den ich denke!«

»Nun, an wen denkst du?«

»Ist es etwa der gute Effendi aus Dschermanistan, als dessen Begleiter du damals bei uns warst?«

»Ja, der ist's. Du hast es erraten.«

»Und da verlangst du von mir, daß ich ihn nicht ansehen soll? Bist du von Sinnen? Bist du denn ganz und gar verrückt? Meine Seele hat sich nach ihm gesehnt ohne Unterlaß, wie das Mehl sich nach dem Wasser sehnt, um mit ihm in Teig verwandelt zu werden, und nun mir dieser heiße Wunsch in Erfüllung geht, soll ich meine Augen nicht aufschlagen zu dem, den meine Seele liebt! Ich drehe mich um!«

Ihre Stimme klang außerordentlich energisch. Ebenso war auch der Ruck, mit welchem sie sich dann zu mir herumschwenkte. Ich erblickte sie; ich sah ihr Gesicht, und in demselben Momente stiegen alle jene Erinnerungen an Marah Durimeh in mir auf. O du liebe, du holde, du süße –---!

Doch ehe ich den Namen nenne, muß ich ein Wort über sie sagen, die jetzt vor mir stand:

Es war an dem Tage, an welchem ich, wie bereits erwähnt, dann des Nachts hinauf zur Höhle stieg, um den geheimnisvollen »Geist der Höhle« kennenzulernen. Ich war gefangen und wurde nach einer steinernen Hütte geschafft, welche nahe dem Dorfe Schohrd in einer wilden Schlucht gelegen war. Im Innern derselben band man mich an einen Pfahl. Eine alte Frau hatte mich zu bewachen. Sie hieß Madana; ich habe sie in meinem damaligen Berichte folgendermaßen beschrieben:Siehe Karl May, »Durchs wilde Kurdistan«, Seite 482

Madana heißt auf deutsch »Petersilie«. Wie die Alte zu diesem würzigen Namen gekommen war, weiß ich nicht; aber als sie jetzt ganz nahe vor mir stand, duftete sie nicht nur nach Petersilie, sondern es entströmte ihr eine Atmosphäre, welche aus den Gerüchen von Knoblauch, faulen Fischen, toten Ratten, Seifenwasser und verbranntem Hering zusammengesetzt zu sein schien. Gekleidet war diese schöne Bewohnerin des Zabthales in einen kurzen Rock, den man bei uns wohl kaum als Scheuerlappen hätte benutzen mögen; der Rand desselben reichte bis nur wenig über die Knie herab und ließ ein Paar gespenstige Gehwerkzeuge sehen, deren Anblick zu der Vermutung führte, daß sie bereits seit langen Jahren nicht mehr gewaschen worden seien In meiner Nähe erblickte ich neben einem gefüllten Wassernapfe einen großen Scherben, der früher wohl einmal zu einem Kruge gehört hatte, jetzt aber als Schüssel benützt wurde und eine Masse enthielt, welche halb aus Tischlerleim und halb aus Regenwürmern oder Blutegeln zu bestehen schien. Später, als ich mit der Alten allein war, wurde ich von ihr gefragt:

»Willst du essen?«

»Nein,« antwortete ich voller Grauen.

»Trinken?«

»Nein.«

Da kam die duftende Petersilie herbeigekrochen, ließ sich in der Nähe meiner armen Nase häuslich nieder und nahm dann den von mir verschmähten Scherben auf ihren Schoß. Ich sah, daß sie mit allen fünf Fingern der rechten Hand in das geheimnisvolle Amalgam langte und dann den zahnlosen Mund wie eine schwarzlederne Reisetasche auseinanderklappte – – ich schloß die Augen. Eine Zeitlang hörte ich ein mächtiges Geknatsch; sodann vernahm ich jenes sanfte, zärtliche Streichen, welches entsteht, wenn die Zunge als Wischtuch gebraucht wird, und endlich erklang ein langes, zufriedenes Grunzen, welches ganz hörbar aus einer wonnetrunkenen Menschenseele kam. O Petersilie, du Würze des Lebens, warum duftest du nicht draußen im Freien! ........

Man denke ja nicht, daß die Seele dieser alten Kurdin ihrem Äußeren geglichen habe! Madana war ganz im Gegenteile ein herzensbraves gutes Menschenkind. Sie erleichterte mir meine Lage nach Kräften, und als ich dann wieder frei war, hatte sie mich so liebgewonnen, daß sie beim Scheiden mit den Worten von mir Abschied nahm:

»Leb wohl, Herr! Der Ruh 'i Kulian hat gezeigt, daß du sein Liebling bist, und auch ich versichere dir, daß ich deine Freundin bin!«

Seit jener Zeit war eine Reihe von Jahren vergangen. Ich war nicht wieder in jene Gegend gekommen und hatte ein Wiedersehen zwar gewünscht, es aber nicht für möglich gehalten. Und nun stand sie da vor mir in all ihrer Pracht und Herrlichkeit, die liebe, die holde, die süße Petersilie, zwar älter aussehend als damals, sonst aber genau noch so wie zu jener Zeit, in welcher ich sie vor mir sah, den leeren Krugscherben in der Hand, den sie ausgeleckt hatte! Das Gewand, welches sie jetzt trug, war zwar ausreichender als ihr damaliges, aber sehr viel reinlicher und besser nicht.

Kaum war ihr Auge auf mich gefallen, so kam sie mit langen Riesenschritten auf mich zu, ergriff meine beiden Hände, zog sie an ihr Herz und rief in jubelndem Tone:

»Du bist es wirklich, Herr; ich sehe es! Welch eine Wonne! Welch eine Seligkeit! Seit du Abschied von uns nahmst, ist kein Tag vergangen, an welchem wir nicht an dich dachten. Wir haben von dir gesprochen allezeit, haben alles, was du thatest, und jedes deiner Worte uns tausendmal wiederholt. Wir haben gehört, daß du wieder in der Dschesireh gewesen bist und auch wieder in unserm Kurdistan, doch aber nicht in der Gegend, wo wir wohnen, die wir dich lieben und verehren. Wir hatten für dieses Leben darauf verzichtet, dich jemals wiederzusehen, und nun hat Gott es doch gefügt, daß unsern Augen die Wonne deines Anblickes wird! O Effendi, es ist mir unmöglich, dir zu sagen, wie groß das Glück ist, welches uns dein Kommen bringt! Ingdscha, warum stehst du noch dort? Wie oft hast du still an ihn gedacht und laut von ihm gesprochen! Und nun er da ist, stehst du von fern und scheinst ihn nicht zu kennen!«

Ingdscha! Ja, sie war es, die schöne Tochter Nedschir Bey's, des Räis von Schohrd, der damals mein Freund wurde, nachdem er vorher mein Feind gewesen war. Man sah es ihr nicht an, daß Jahre vergangen waren, seit wir uns nicht gesehen hatten. Sie stand neben Halef ganz in derselben schüchternen Haltung, wie ich sie bei unserm ersten Zusammentreffen gesehen hatte, auch mit derselben Röte der Befangenheit auf ihren weichen, bräunlichen Wangen. Auch sie trug ein ganz ärmliches Gewand, wohl mit eine Ursache ihrer augenblicklichen Verlegenheit, aber trotzdem hätte ihr auch einer, der sie nicht kannte, angesehen, daß sie nicht gewohnt sei, sich in dieser Weise zu kleiden. Sie, die schöne, wohlhabende Chaldäerin, mußte einen ganz besonderen Grund haben, eine solche Tracht anzulegen. Sie blieb, ohne auf die Worte der Alten zu achten, stehen, als ob sie keinen Fuß bewegen könne. Ich ging zu ihr hin, nahm ihre Hände in die meinigen und sagte:

»Sei mir gegrüßt, du liebe Freundin aus vergangener, schöner Zeit! Auch ich habe eurer gedacht und bin so froh, daß ich euch wiedersehe. Warum sprichst du nicht? Freust du dich denn nicht auch?«

Da vertiefte sich die Röte ihrer Wangen; sie senkte, vergeblich nach Worten suchend, die Augen und begann dann, still vor sich hin zu weinen. Ich war tief gerührt; der Hadschi auch. Nur konnte er seine Rührung nicht so wie ich beherrschen; er mußte ihr in seiner Weise Luft machen und sprach also:

»Warum habt ihr euch doch umgedreht! Dieser Effendi mit dem ganz vergeblich langen Verstande hätte nicht eher erfahren, wer ihr seid, als bis er es erraten hätte, und wenn er gezwungen gewesen wäre, mit euch zehntausend Jahre lang hier in Gedanken stehen zu bleiben! Nun aber ist das ganze, schöne Geheimnis verraten, und ihr habt mich um das Glück gebracht, etwas zu wissen, was er trotz all seiner unnützen Einsicht nicht begreifen konnte! Nun lacht Madana, während Ingdscha weint! Folglich muß nun auch einer von uns beiden weinen, und der andere lacht. Aber warum soll ein Quell der Thränen fließen, während wir doch nichts als Freude fühlen? Ich sehe nicht ein, warum –--- Sihdi, drehe dich um!«

»Warum?« fragte ich, obgleich ich wohl sah, daß er sich vergeblich bemühte, die Thränen, welche in sein Auge traten, zurückzuhalten.

»Ich sage: Drehe dich um!« schrie er mich an. »Du brauchst nicht zu wissen, daß Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn, eine Freundin nicht weinen sehen kann, ohne sofort mitzuthun! Also hinum mit dir, sonst reite ich fort, und du bekommst mich nie wieder vor die Augen!«

Ich drehte mich also um und sah nun, daß die Hamawands von der Thalwand herunterkamen. Sie hatten nicht länger warten wollen, weil sie neugierig waren, die Gründe unsers ihnen unbegreiflichen Verhaltens kennen zu lernen.

»Siehst du, daß ich recht gehabt habe?« sagte Adsy, indem er auf die Körbe deutete. »Ich sagte wohl, daß Galläpfel drin sein würden!«

»Und ich hatte auch recht,« antwortete ich. »Diese Frauen sind keine Galläpfelsammlerinnen.«

»Ihr scheint sie zu kennen?«

»Ja; sie sind Freundinnen von uns, die zwischen den Bergen des obern Zab ihre Heimat haben.«

»Warum kommen sie von da oben herunter?«

Da nahm, ehe ich antworten konnte, Madana das Wort-

»Das ist es ja, was ich euch vor allen Dingen sagen muß! Wie freue, freue, freue ich mich, daß wir euch getroffen haben! Nicht nur, weil wir euch lieben, sondern auch weil es ist, als hätte euch Gott geschickt, uns zu helfen! Ihr wundert euch gewiß darüber, daß wir uns so weit von unsern Wohnungen entfernt haben, und daß ihr uns als Sammlerinnen Seht, was wir doch gar nicht sind!«

»Es muß ein sehr wichtiger Grund sein, der euch, besonders Ingdscha, dazu bewogen hat!« sagte ich.

»Ja, ein sehr wichtiger Grund,« nickte sie. »Wie werdet ihr erschrecken, wenn ich ihn euch sage!«

»Wir erschrecken nicht, denn wir kennen ihn schon.«

»Schon? Wo kommt ihr her?«

»Aus Persien herab.«

»So ist es unmöglich, daß ihr ihn kennt!«

»Und ich sage dir dennoch, er ist uns nicht nur bekannt, sondern wir wollen sogar zu der, um deretwillen ihr als Kundschafterinnen hier seid.«

»Als Kundschafterinnen?« fragte sie erstaunt. »Du errätst also, weshalb wir uns als Sammlerinnen der Galläpfel hier in dieser Gegend befinden! ja, du sagst sogar, daß ihr zu jemand wollt! Wen meinst du damit?«

»Marah Durimeh.«

»Mein Gott! Es ist wahr, daß du es weißt!«

»Ich weiß sogar, wo sie sich befindet!«

»Das wissen wir nun auch. O, Effendi, was ist es für ein Glück, daß wir grad mit dir darüber reden können. Und wie wird der Räis sich freuen, wenn er erfährt, daß du dich hier befindest!«

»Welcher Räis?«

»Doch der von Schohrd, der Vater meiner Ingdscha!«

»Er ist auch in dieser Gegend?«

»Ja. Ich muß dir sagen, weshalb; doch erlaube, daß ich mich setze! Die Freude des Wiedersehens ist mir in die Beine geschlagen; ich kann nicht mehr stehen.«

»Ich fühle, daß deine Freude sehr groß gewesen ist,« nickte Halef, »denn sie ist nicht bloß in deine, sondern auch mit in meine Beine gefahren. Erlaube, daß ich mich an deine Seite setze!«

Als sie nun nebeneinander saßen, fuhr sie fort:

»Ihr wißt, daß Marah Durimeh keine bleibende Stätte hat. Sie ist bald hier und bald dort und erscheint immer da, wo man ihrer Hilfe bedarf. Man sagt, daß sie ein Liebling des Ruh 'i Kulian und seine besondere Botin sei.«

Madana wußte nämlich nicht, daß Mara Durimeh selbst der »Geist der Höhle« war. Sie sprach weiter:

»Da man nie weiß, wann sie kommt, wann sie geht und wo sie sich zu einer gewissen Zeit befindet, so ist es uns schwer, ja fast unmöglich, für ihr Wohl und ihre Sicherheit bedacht zu sein. Sie kann sogar einmal an einem einsamen Orte hilflos sterben, ohne daß es dann ein Mensch erfährt. Überall, wo man sie kennt, da liebt und verehrt man sie auch; sie kann da ohne Sorge, wie im Auge Gottes, wandeln. Aber wo man sie noch nicht kennt, kann ihr sehr leicht ein Unglück widerfahren. Darum baten wir sie, es uns stets vorher mitzuteilen, wenn sie die Absicht habe, einen Weg zu gehen, über dessen Sicherheit sie nicht beruhigt sei. Sie hat das in den letzten Jahren stets gethan, doch ohne daß es einmal nötig wurde, um sie beängstigt zu sein. Im späten Herbst des vergangenen Jahres war sie zum letztenmal bei uns in Schohrd. Als sie uns verließ, sagte sie, daß wir uns nicht um sie zu sorgen brauchten, da sie nur zu Bekannten gehe und schon nach einigen Tagen wiederkomme. Aber die Tage vergingen, ohne daß sie zurückkehrte; es vergingen Wochen und sogar Monate, ohne daß wir sie wiedersahen. Da wurde es uns angst um sie. Du weißt, Effendi, was diese Frau uns allen ist, und wirst dich also nicht wundern, wenn ich dir sage, daß alle Ortschaften sich erhoben, um nach ihr zu suchen. Wir haben das ganze Land bis zu den Dschudibergen hinauf durchsucht und während des ganzen Winters überall nach ihr geforscht, ohne aber eine Spur von ihr zu finden. Sie war vollständig verschwunden und wir beweinten sie als eine unterwegs an unbekannter Stelle hilflos Verstorbene. Da kam ein Handelsmann aus Khormadu hinauf zu uns, welcher von einer alten Frau erzählte, die in der Gegend von Suleimania in einem Kulluk wohne und große Wunder thue. Er hatte sie nicht gesehen, aber viel von ihr gehört, und was er uns über sie sagte, ließ uns vermuten, daß diese Frau unsere Marah Durimeh sei. Wir schickten natürlich sofort Boten nach Suleimania, von denen wir nach ihrer Rückkehr erfuhren, daß die Frau gefangen gehalten und von Dawuhdijehkurden streng bewacht werde, aber höchst wahrscheinlich unsere Freundin sei. Wer zu ihr wolle, müsse den Scheik der Dawuhdijehs um Erlaubnis bitten, der dafür ein Geschenk je nach dem Vermögen des Betreffenden verlange. Unsere Boten hatten nicht zu ihm gehen können, sondern sich sehr vor ihm und seinen Leuten hüten müssen, weil zwischen uns und diesem Kurdenstamme Feindschaft liegt.«

Als sie jetzt eine Pause machte, erkundigte ich mich:

»Habt ihr erfahren, weshalb diese Frau in jenem Kulluk festgehalten wird?«

»Nein. Es scheint das ein Geheimnis zu sein, welches nur wenige Personen kennen.«

»Ich vermute, daß ihr sofort entschlossen waret, Hilfe zu leisten.«

»Ja, das waren wir alle. Die Gebieter unserer Gegenden traten zu einer Beratung zusammen. Ein Kriegszug war ausgeschlossen, weil es sich um den in Suleimania regierenden Beamten des Padischah handelte. Es wurde beschlossen, zur List zu greifen. Man sprach von dir, wie du Amad el Ghandur aus dem Gefängnis in Amadijah geholt hast, und fragte, wie du es wohl anfangen würdest, für Marah Durimeh einen Ausgang aus dem Kulluk zu finden. Es wurde bestimmt, daß eine kleine Schar erfahrener Krieger ausgesandt werden solle, die Befreiung zu versuchen. Klein mußte sie sein, um sich leicht verbergen zu können. Als Kundschafter sollten nicht Männer, sondern einige Frauen dienen, weil diese selten Verdacht erwecken und meist ganz unbeachtet bleiben. Als ein Anführer gewählt werden sollte, bot sich der Räis von Schohrd freiwillig an. Es sollte das eine Buße für frühere Zeiten sein, wo er, wie du ja weißt, auf falschem Wege wandelte und damals auch dein Feind gewesen ist. Er wurde angenommen. Als das Ingdscha, seine Tochter, hörte, welche stets der Liebling Marah Durimehs gewesen ist, forderte sie von ihrem Vater, daß er sie als Kundschafterin mitnehme; sie könne keiner andern den Vorzug lassen, zur Befreiung ihrer geliebten, ehrwürdigen Beschützerin mitwirken zu dürfen. Als er nach einigem Zögern seine Erlaubnis dazu gab, konnte ich es nicht über das Herz bringen, Ingdscha ohne mich in solche Gefahren gehen zu lassen. Ich bat sie also, sie begleiten zu dürfen, und sie erfüllte meinen Wunsch.«

»Hatte denn dein Mann nichts dagegen einzuwenden?«

»Nein; er ist ja selber mit dabei. Du hast ihn damals nicht in der Weise kennen gelernt, daß du dich über ihn freuen konntest; jetzt aber wirst du mit ihm zufrieden sein. Seit jenem Abende, an welchem du unsere Gebieter hinauf zum Ruh 'i Kulian führtest, herrscht Eintracht unter denjenigen, welche sich wegen der Verschiedenheit der Abstammung und des Glaubens vorher bekämpften. Es ist seitdem kein Streit wieder vorgekommen.«

»Wieviel Personen seid ihr hier?«

»Zehn Männer, den Räis selbst mitgezählt, und zwei Frauen, nämlich Ingdscha und ich. Es wurde das für genug befunden, da wir ganz nach deinem Beispiele handeln und nicht Gewalt, sondern womöglich nur List anwenden wollten.«

»Habt ihr Erfolg gehabt?«

»Bis jetzt noch nicht. Den Kulluk haben wir gefunden. Wir wissen auch, daß es wirklich Marah Durimeh ist, die dort wohnt; aber weil wir uns nicht zeigen dürfen, haben wir uns bis jetzt vergeblich bemüht, hineinzukommen oder ihr wenigstens ein Zeichen von uns zu geben.«

»Ich weiß aber, daß andere zu ihr dürfen!«

»Ja, wir haben das auch beobachtet. Es kommen Personen, welche mit ihr zu sprechen begehren; diese dürfen aber nicht hinein, sondern nur bis an das Thor, wo sie mit ihr sprechen dürfen und dann wieder gehen müssen, ohne den Turm betreten zu haben. Als wir bei einer solchen Gelegenheit uns in der Nähe versteckt hatten, sahen wir sie und wissen nun also, daß sie es wirklich ist.«

»Also darf kein Mensch hinein zu ihr?«

»Niemand. Wir haben nur einen einzigen Fall beobachtet, daß Leute hineindurften, und die sind nicht wieder herausgekommen. Man scheint sie festgehalten zu haben.«

»wißt ihr, wer das war?«

»Wir kannten sie nicht, doch sahen wir, daß es Kurden waren. Sie hatten einen kleinen Knaben bei sich.«

Da fiel Adsy schnell ein:

»Sie sind es; sie sind es! Das war Schevin mit Khudyr und unsern Leuten! Weißt du vielleicht, warum sie nicht wieder herausgedurft haben?«

»Nein. Wie können wir das wissen, da wir uns verbergen müssen und also uns nicht erkundigen dürfen. Wahrscheinlich würden die Dawuhdijehs es auch niemandem sagen.«

Nun sprach Adsy eine Menge von Fragen aus, welche zwar von der Größe seiner Besorgnis, nicht aber von der hier so nötigen Umsicht zeugten, so daß ich ihn bat:

»Erlaube, daß ich mit Madana spreche! Du fragst mit deinem Herzen, aber nicht mit dem Verstande. Wie viel Dawuhdijehs sind es wohl, die den Turm bewachen?«

»Erst waren es wohl zwanzig,« antwortete die Alte. »Jetzt aber, seit diese Fremden auch drin stecken, sind es wohl doppelt so viel.«

»Befinden sich diese Wächter im Innern des Turmes?«

»Ja; doch stehen zwei stets vor dem Thore.«

»Bei Tag und auch bei Nacht?«

»Am Tage sind es diese zwei, doch sobald es dunkel geworden ist, wird vor dem Eingange ein Feuer angebrannt, an welchem sechs oder oft auch acht Männer sitzen.«

»Haben diese Leute einen bestimmten Anführer?«

»Ja. Das ist kein Kurde, sondern ein türkischer Mülasim, welcher fünf Soldaten bei sich hat.«

»Ah! Marah Durimeh ist also wirklich die Gefangene des sogenannten Paschas von Suleimania, und den Dawuhdijehs ist die Mitbewachung anvertraut; sie haben diesem Mülasim Gehorsam zu leisten. Wo liegt der Kulluk?«

»Man kann ihn von hier aus in einer Stunde erreichen.«

Eine Stunde nur? Ich wendete mich zu Adsy:

»Da hörst du, wie wenig du dich auf eure Kundschafter verlassen kannst. Und acht Personen sind das gewesen! Wenn wir jetzt nicht Ingdscha und Madana getroffen hätten, wären wir vollständig in die Irre geritten und hätten froh sein müssen, wenn wir nicht erwischt worden wären! Ist der Weg nach dem Kulluk auch zu Pferde zu machen?«

»Ja,« antwortete Madana. »Ihr wollt hin?«

»Natürlich! Es fällt uns nicht ein, diese Gegend eher zu verlassen, als bis wir Marah Durimeh herausgeholt haben!«

»Und unsere Leute mit, Effendi!« bat Adsy. »Du hast gehört, daß sie auch im Turme stecken. Wie aber wirst du es anfangen, ihnen die Freiheit zu verschaffen?«

»Das kann ich doch jetzt noch nicht wissen. ich muß den Kulluk und seine Umgebung kennen lernen, auch die Sicherheitsmaßregeln, welche der Mülasim getroffen hat. Auch ist es nötig, vorher mit dem Räis von Schohrd zu sprechen, um seine Ansichten zu hören. Erst dann, wenn ich alles, was überhaupt zu erfahren ist, erfahren habe, kann ich mir ein Bild über die ganze Lage machen und einen bestimmten Plan fassen, eher aber nicht. Du fragst mich also zu früh.«

»So sag mir wenigstens, ob du die Ausführung für möglich hältst!«

»Sie muß möglich sein, weil ich sie wirklich machen werde. Ich habe ja gesagt, daß ich nicht eher von hier fortgehen werde!«

»Ich danke dir! Du hast mir mit diesen Worten das Herz leicht gemacht. Freilich schwer wird die Ausführung sein!«

»Was das betrifft, so schau hier meinen Hadschi Halef Omar an! Sein Gesicht strahlt ja förmlich von Zuversicht!«

»Strahlt es wirklich?« fragte Halef lachend. »Ich sage euch, seit ich weiß, daß es sich wieder einmal um eine That handelt, zu welcher Mut und List gehört, ist ein ungeheures Wohlbefinden in mein Herz gezogen. Vor diesem Mülasim und seinen fünf Asaker und vor den vierzig Dawuhdijehs fürchten wir uns nicht. Der größte Turm der Welt war doch der Turm zu Babel, den man jetzt Birs Nimrud nennt. Wir sind vor kurzer Zeit in die finstern Eingeweide dieses Turmes gekrochen, um mit den Drachen des Mordes und der Schmuggelei zu kämpfen. Wir haben über diese Ungeheuer gesiegt und sind als ruhmgekrönte Helden wieder an das Licht des Tages gestiegen. Haben wir uns vor diesem Turm zu Babel nicht gefürchtet, wie sollten wir uns davor eurem kleinen Kulluk ängstigen? Er ist ein so lächerlich kleiner Kerl, daß wir nur mit einer einzigen Hand hineinzugreifen brauchen, um alle herauszuholen, welche man drin vor uns verbergen will.«

Es war eine Lust, den kleinen Kerl in dieser Weise sprechen zu hören, besonders da seine Zuhörer Orientalen waren und sich als solche nicht an seiner Ausdrucksweise stießen. Auch mir schien die Ausführung unsers Vorhabens nicht mit großen Schwierigkeiten verknüpft zu sein, zumal es sich um einen türkischen Offizier handelte, dem ich mit meinen Legitimationen leicht imponieren konnte. Was die gefangenen Hamawandikurden betrifft, so galt es, zu erfahren, ob es zwischen ihnen und den Dawuhdijehs vielleicht einen Zusammenstoß gegeben hatte, welcher einen blutigen Konflikt zur Folge haben mußte, was unser Vorhaben unbedingt erschweren mußte. Ich fragte darum Madana:

»Waren die Leute bewaffnet, welche mit dem Knaben in den Turm gebracht wurden?«

»Nein,« antwortete sie.

»Kamen sie zu Pferde?«

»Nein; aber die Dawuhdijehs, welche sie begleiteten.«

»Sie wurden also als Gefangene behandelt?«

»Ja. Jeder von ihnen hing an einem der Pferde.«

»War jemand von ihnen verwundet?«

»Davon haben wir nichts gesehen.«

»Wie verhielten sie sich? Leisteten sie Widerstand?«

»Nein. Sie ließen sich ohne Sträuben hineinschaffen. Einer von ihnen, welcher den Knaben trug, schien kein gewöhnlicher Krieger zu sein; das hörten wir aus den Worten, die er sprach.«

»Was sagte er?«

»Als er vom Pferde losgebunden worden war und durch das Thor gehen sollte, rief er drohend aus: ›Wir kamen in Frieden und haben euch darum unsere Waffen abgegeben. Haltet uns ja nicht zu lange fest, sonst könnte Jamir kommen und uns mit bluttriefenden Waffen von euch fordern.‹ Diese Worte habe ich selbst ganz deutlich verstanden.«

»Das beruhigt Mich, denn wir können daraus ersehen, daß nichts geschehen ist, wodurch die Thar herausgefordert würde. Wo befindet sich der Räis mit seinen Leuten?«

»In der Nähe des Kulluk. Wir haben dort für uns und unsere Pferde ein prächtiges Versteck gefunden, welches man nur schwer entdecken kann.«

»Und wie kommt es, daß ihr beide euch jetzt so weit von dort entfernt habt?«

»Wir wollten die Kundschafter beobachten, welche vor einiger Zeit hier vorübergeritten sind.«

»Kundschafter? Woher wißt ihr denn, daß diese Leute Späher waren?«

»Wir haben die Dawuhdijehs gestern belauscht. Sie stehen unter der Anführung ihres Scheikes Ismael Beg da unten am Wasser, in einer weiten Krümmung des Thales, wo sie den Angriff der Hamawandikurden erwarten.«

»Das habt ihr erlauscht?«

»Ja, Ingdscha und ich. Sie hatten entdeckt, daß Hamawandi-Späher hier gewesen waren, und nun auch Spione zu den Hamawands geschickt. Diese erfuhren, daß die Hamawands dreihundert Mann stark kommen würden. Als sie diese Nachricht brachten, rief Ismael Beg seine Dawuhdijehs zusammen, um die Feinde da unten zu empfangen, und beschloß, heut wieder Boten auszusenden, die ihm das Nahen der dreihundert Hamawands sofort melden sollen. Wir beobachteten heut früh diese Boten, weil wir gern erfahren wollten, nach welcher Richtung sie sich wenden würden.«

»Warum wollt ihr das wissen?«

»Um zu erfahren, wo die Hamawands zu suchen sind. Wir wollten sie warnen, denn weil es uns bisher noch nicht geglückt ist, Marah Durimeh zu befreien, glaubten wir, daß diese Kurden uns aus Dankbarkeit dazu behilflich sein würden. Nun wir aber dich gefunden haben, brauchen wir diese Hilfe nicht.«

»Und doch wird euch auch dieser Wunsch erfüllt, denn die Krieger, welche ihr hier bei mir seht, gehören zum Stamme der Hamawands. ich traf sie gestern Abend. Sie erzählten mir von ihren gefangenen Genossen. Sie erzählten auch von der alten Frau, welche im Kulluk bewacht werde. Ich vermutete sogleich, daß diese Frau unsere Marah Durimeh sei, und so schlossen wir uns diesen Hamawands an, um nach dem Kulluk zu reiten. So kommt es, daß wir euch hier unterwegs getroffen haben.«

»Das hat Gott geschickt, Effendi, und nun du bei uns bist, sind wir überzeugt, daß Marah Durimeh den Turm sehr bald verlassen wird. Wie sehr, wie unaussprechlich werden sich unsere Krieger freuen, wenn sie dich und Hadschi Halef Omar sehen! Sie werden fast gar nicht glauben können, daß ihr es wirklich seid! Sollen wir euch jetzt zu ihnen führen?«

»Ja; ich bitte euch darum. Hoffentlich ist die Gegend, durch welche wir kommen werden, sicher?«

»Es steht nicht zu erwarten, daß wir einem Dawuhdijeh begegnen werden.«

»Dennoch wollen wir vorsichtig sein. Kennt Ingdscha den Weg ebenso wie du?«

»Ja.«

»So mag sie bei uns bleiben, um uns zu führen; du aber gehst allein voran, um uns zu warnen, falls du jemanden sehen solltest.«

»Das wird das beste sein, Effendi. So werden wir es machen.«

Sie schüttete die Körbe aus, setzte sie ineinander, nahm sie auf den Rücken und machte sich zunächst flußabwärts auf den Weg. Einer der Hamawands stieg ab und bot Ingdscha sein Pferd an. Sie ging auf dieses höfliche Anerbieten ein, und dann folgten wir der lieben Petersilie.

Der Weg bot nur für zwei Pferde nebeneinander Platz. Ich richtete es so ein, daß Ingdscha sich an meiner Seite befand. Sie hatte sich bis jetzt vollständig schweigsam verhalten; jetzt zog ich sie in ein Gespräch, welches aber leider nicht so lebhaften Fortgang nahm, wie ich es wünschte. Sie verhielt sich sehr einsilbig; es schien ihr lieber zu sein, wenn sie ganz still bleiben könne, und so hatte ich nichts dagegen, daß, als sie einmal wegen einer schmalen Terrainstelle zurückblieb und nicht gleich wieder vorrückte, Halef sich an ihre Stelle setzte. Der liebe Kleine platzte fast vor Begierde, mir die Freude seines Herzens über diese unerwartete Begegnung auszuschütten. Er that es in einer solchen Weise, daß er fast ganz allein die Kosten der Unterhaltung trug, eine Genugthuung für ihn, die ich ihm gönnte.

Inzwischen hatte Ingdscha uns aufgefordert, abzusteigen, weil sie uns über einen Berg zu leiten habe, jenseits dessen wir dann wieder guten Weg finden würden. Wir mußten also die Pferde führen. Es ging stellenweise so steil hinan, daß wir und die Tiere sehr oft ins Rutschen kamen, doch als wir die Höhe erreicht hatten, wurde es besser, denn sie senkte sich jenseits nur allmählich nieder, und dann gab es eine wasserlose, breite Mulde, in welcher wir Platz hatten und galoppieren konnten, weil es da nur Gras und weder Baum noch Buschwerk gab. So kam es, daß wir Madana, die zu Fuß ging, jetzt wieder erreichten und nun, um sie den nötigen Vorsprung erreichen zu lassen, wieder langsam reiten mußten.

Sie hatte sich noch gar nicht weit von uns entfernt, so blieb sie stehen und winkte uns sehr lebhaft, zurückzubleiben, doch war es da schon zu spät, denn einesteils befanden wir uns ihr und auch dem Grunde ihrer Warnung schon zu nahe, und andernteils gab es hier keinen Gegenstand, hinter den wir uns hätten verstecken können. Wir sahen auch gleich die Ursache, wegen der sie uns gewinkt hatte: Es war ein einzelner Reiter, weicher, wie suchend, von seitwärts her geritten kam und froh zu sein schien, jemandem zu begegnen. Er lenkte sein Pferd auf sie zu. Da er uns nun einmal gesehen hatte und sie ihm vielleicht eine Antwort geben konnte, welche nicht zu unsern Absichten paßte, setzten wir unsere Pferde wieder in Galopp und kamen infolgedessen zu gleicher Zeit mit ihm bei ihr an. Es war ein Offizier mit den Hauptmannsabzeichen. Er wendete sich nun nicht an sie, die Frau, sondern an uns Männer, mit der militärisch kurzen Frage:

»Gehört ihr zum Stamme der Dawuhdijehs?«

»Ja,« antwortete der stets schnell fertige Halef, was mir aber in diesem Falle lieb war, da ich auf diese Weise die Unwahrheit nicht selbst zu sagen brauchte.

»Ihr kennt doch euern Scheik Ismael Beg?«

»Natürlich!« nickte der Hadschi dreist.

»Ich suchte ihn an seinem Lagerplatz, der ist aber leer; wo steckt der Mann?«

»Er steht mit unsern Kriegern da hinten am Flusse, um auf die Hamawands zu warten, die uns überfallen wollen.«

»Wieder einmal? Diese Hunde geben niemals Ruhe! Ich wollte mich von ihm nach dem Kulluk führen lassen, in welchem die alte Bagidscha steckt. Ich komme wegen ihr aus Kerkuk. Der dortige Pascha sendet mich, den Mülasim abzulösen, der nichts aus ihr herausgebracht hat.«

Dieser Mann war sehr unvorsichtig offenherzig! Bis jetzt hatte Halef sich ganz richtig verhalten; nun aber mußte ich die Sache in die Hand nehmen, wenn kein Fehler gemacht werden sollte. Darum fragte ich den Offizier:

»Warst du denn beim Kaimakam in Suleimania, dem der Mülasim verantwortlich ist?«

Der Hauptmann betrachtete mich mit einem forschenden Blicke, ob ich wohl der Mann sei, ihm eine solche Frage vorlegen zu dürfen. Das Resultat schien befriedigend ausgefallen zu sein, denn er antwortete:

»Natürlich war ich dort. Ich habe ihm des Paschas Vollmacht vorgelegt und darauf seine Unterschrift bekommen, die ich dem Mülasim vorzuzeigen habe.«

»Ist das notwendig? Kennt dich der Mülasim denn nicht?«

»Nein.«

»Aber von unsern Kriegern werden dich doch wohl einige kennen.«

»Das glaube ich nicht, denn ich bin noch nie bei euch gewesen.«

»So sollst du den Mülasim ablösen?«

»Ja.«

»Er soll also fort?«

»Ja.«

»Wann?«

»Heut gleich, oder morgen, wie es ihm beliebt; er hat nichts mehr zu sagen. Er hat kein Geschick, das Geheimnis aus diesem Weibe herauszubringen. Der Kaimakam hat mir euern Lagerplatz beschrieben; ich fand ihn leer. Dann suchte ich den Turm, bin aber, wie es scheint, ganz irr geritten. Ihr wißt doch wohl, wo er liegt?«

»Ja.«

»So führt mich hin!«

Das klang so befehlshaberisch, daß ich antwortete:

»Du scheinst zu meinen, daß wir Zeit dazu haben?«

»Zeit oder nicht! Ihr führt mich hin und zwar den geradesten Weg! Ich bin ein Offizier des Pascha. Verstanden?«

»Tahht el Amr! Wir gehorchen. Deine Gnade mag die Güte haben, hier an meiner Seite zu reiten!«

Ich winkte Madana. Sie schritt mit ihren langen Beinen weit aus, und wir folgten ihr. Der Hauptmann schien ein sehr stolzer, auf sich eingebildeter Mensch zu sein; er sprach kein Wort mit mir. Das war mir aber lieb, wie ich hier wohl gar nicht erst zu versichern braucht. Er hätte mich durch Fragen in die größte Verlegenheit bringen können. Zu wünschen war nur, daß uns niemand begegnete, denn es war ein Plan in mir entstanden, der durch das Zusammentreffen mit einem Dawuhdijeh unausführbar werden müßte, und das wäre jammerschade gewesen!

Nachdem wir längere Zeit schweigend neben einander hergeritten waren, schien der Hauptmann es doch für geraten zu halten, ein Wort zu sagen. Er fragte mich:

»Bist du ein gewöhnlicher Kurde?«

»Nein,« antwortete ich.

»Das habe ich dir angesehen, obgleich sich aber doch keiner von euch ganz verleugnen kann. Räuber bleibt Räuber!«

Das war wieder höchst unvorsichtig von ihm. Er fühlte sich in seiner Uniform wahrscheinlich unantastbar. Wie aber hätte ihm ein Kurde an meiner Stelle wohl geantwortet? Auch ich zog aus diesen seinen beleidigenden Worten die Veranlassung, ihm nun so zu kommen, wie ich nach meinem Plane mußte und wie er wohl schwerlich erwartete.

Wir hatten nämlich die WiesenmuIde hinter uns; der Wald begann wieder. Ich sah Madana seitwärts in denselben einbiegen; sie blieb vorher stehen und gab mir durch einen eigenartigen Wink zu erkennen, daß wir uns jetzt dem Verstecke ihrer Leute näherten. Ehe wir dieses erreichten, mußte ich mit dem Hauptmann fertig sein; das gebot mir die Vorsicht. Die Scene, welche uns erwartete, mußte ihn zur Erkenntnis bringen, daß wir keine Dawuhdijehs waren, und so war es geraten, ihn schon jetzt unschädlich zu machen. Darum antwortete ich:

»Räuber? Mit diesem Worte meinst du uns?«

»Ja,« lachte er, ohne verlegen zu sein.

»Weißt du, wie ein kurdischer Krieger darauf antwortet?«

»Er schweigt, denn es ist wahr!«

»Ja, er sagt allerdings nichts; aber er thut etwas.«

»Was?«

»Das!«

Bei diesem Worte holte ich aus und gab ihm einen Fausthieb ins Genick, daß er mit dem Oberkörper vorn niederknickte und mit den Füßen aus den Bügeln fuhr. Dann faßte ich ihn hinten, riß ihn aus dem Sattel und warf ihn neben sein Pferd, wo er vor Schreck und in halber Betäubung liegen blieb.

»Recht so, Effendi!« jubelte Halef, indem er aus dem Sattel sprang. »Da lernt er die Faust eines Räubers, eines Dawuhdijehkurden kennen! Was soll jetzt mit ihm geschehen?«

»Nimm ihm die Waffen; gieb ihm einen Knebel in den Mund, daß er nicht schreien kann, und binde ihm dann die Hände zusammen und an meinem Steigbügel fest! Beim geringsten Widerstand, den er zu leisten wagt, schieße ich ihn nieder!«

Ich zog den Revolver und richtete ihn auf den Offizier, der von Halef angefaßt und vom Boden in die Höhe gezogen wurde, ohne sich zu wehren. Als er meine Waffe sah, stammelte er!

»Ein Kurde – – – und ein Revolver – – – Maschallah

»Wer so frech ist, von einem freien Krieger Gefälligkeiten im Tone eines Vorgesetzten zu fordern und ihn anstatt des Dankes dafür noch einen Räuber zu nennen, der kann sehr leicht noch andere, viel größere Wunder erfahren!« antwortete ich. »Hatte der Pascha keinen klügeren, vorsichtigeren Mann hierher zu senden? Wir sind keine Räuber, und es wird dir nichts geschehen, doch nur unter der Bedingung, daß du alles thust, was ich verlange. Jetzt vorwärts!«

Der wahrhaft mutige Mann ist bescheiden, der Poltron aber im Grunde feig; das zeigte sich auch hier. Dieser Mann hatte sich ohne eine Miene der Gegenwehr knebeln und an meinen Bügel binden lassen und lief nun ganz schön nebenher. Sein Pferd ritt der Kurde, welcher das seinige an Ingdscha abgetreten hatte.

Wir bogen, indem wir Madana folgten, in ein von dicht stehenden Nadelbäumen überschattetes Felsengewirr ein, welches ganz unzugänglich zu sein schien, aber uns doch bald guten Raum zum hindurchkommen bot. Hier war wohl noch nie ein Mensch geritten! Dann ging es so steil hinab, daß wir die Pferde wieder führen mußten, wobei sie zuweilen auf die Hinterbeine zu schlitten kamen, worauf wir einen Grund erreichten, wo früher ein kleiner See, ein Weiher, gelegen hatte, der aber ausgetrocknet war, wahrscheinlich weil sein Zufluß einen andern Weg gefunden hatte. Da blieb Ingdscha halten, deutete mit der Hand vorwärts und sagte:

»Dort hinter dem Gesträuch sind unsere Leute. Hörst du sie? Madana hat ihnen gesagt, wen wir getroffen haben.«

Ich hörte laute, frohe Stimmen; Zweige knackten, und der erste, der erschien, war der lange, riesenhafte Räis selbst, der Vater Ingdschas, der mich damals so feindlich behandelt hatte und dann von dem Ruh 'i Kulian zu einer andern Gesinnung bekehrt worden war. Sein Gesicht strahlte, als er mir beide Hände mit den Worten entgegenstreckte:

»Effendi, es ist wahr? Du kommst, du! Sollen wir das wirklich glauben? Können wir es glauben? Und dein Hadschi Halef ist auch dabei? Kommt, kommt schnell, damit euch alle sehen! Sie zweifeln sonst daran, daß ihr es seid!«

»Natürlich sind wir es, und natürlich bin ich auch dabei!« meinte Halef. »Wo hat man denn diesen Effendi je einmal gesehen, ohne daß ich dabei gewesen wäre, ohne den er nicht leben und nichts Gescheites machen kann! ja, kommt, damit auch die andern die Wonne unsers Anblicks genießen!«

Es würde hier zu weit führen, die Scene des Wiedersehens zu beschreiben und die hin und her schwirrenden Fragen und Antworten ausführlich zu bringen. Ich mußte mir große Mühe geben, diese braven Leute vor unvorsichtigen Äußerungen zu bewahren, weil der Hauptmann doch nicht erfahren durfte, wer sie und wer Halef und ich waren. Als sie sich endlich beruhigt hatten und wir beisammen saßen, erzählte uns der Räis von dem Verschwinden Marah Durimehs und dem vergeblichen Bemühen, sie aus dem Turme zu befreien. Es war nicht mehr, als was wir schon von Madana gehört hatten. Der Offizier war an einen Baum gebunden worden, so weit von uns, daß er nicht verstehen konnte, was der Räis sagte. Als dieser seinen Bericht beendet hatte, fuhr er, zu mir gewendet, fort:

»Und nun hat Madana uns gesagt, daß du uns helfen willst. Ist das wahr, Effendi?«

»Ja,« antwortete ich.

»Wir hatten dich zum Vorbilde genommen; wir wollten ganz nach deiner Weise listig handeln; aber was nützt die Klugheit, wenn – – wenn – –wenn –--«

»Wenn man sie nicht besitzt,« fiel Halef lachend ein.

Anstatt dies übel zu nehmen, stimmte der Räis bei:

»Ja, beinahe, das wollte ich auch sagen! Wir stecken schon so lange Zeit hier, ohne daß uns ein Plan kommen will.«

»Und kaum ist mein Sihdi hier erschienen, so ist bei ihm der Plan schon fertig! Ich sehe es ihm an. Immer, wenn er das eine Auge kleiner macht, hat er einen listigen Talab im Kopfe sitzen. Habe ich recht, Effendi?«

Ich nickte.

»Seht ihr es? Er zog das eine Auge zusammen, folglich weiß er, was er machen will. Und der Gedanke, den er hat, ist jedenfalls ein fröhlicher. Ich kenne sein Gesicht!«

»Hat Halef es wirklich erraten?« fragte der Räis.

»Ja,« antwortete ich; »aber daß ich meine Gedanken durch meine Augenmuskeln verrate, das habe ich selbst noch nicht gewußt. Ich werde in Zukunft besser auf mich achten.«

»So erlaube, daß ich mich verwundere, Effendi! Wir haben ohne Aufhören nachgedacht, um einen ausführbaren Plan ausfindig zu machen, doch vergeblich. Und du hast einen Entschluß, nachdem du erst einige Minuten bei uns bist!«

»Ich hatte ihn schon, als ich kam. Das ist nicht etwa ein Zeichen von größerer Klugheit, sondern der Zufall war mir günstig. Halef, erinnerst du dich der Fragen, welche ich dort dem Hauptmanne vorgelegt habe?«

»Ja, Sihdi.«

»So weißt du, daß er nicht nur bei den Dawuhdijehs vollständig unbekannt ist, sondern daß ihn auch der Mülasim im Kulluk noch nicht kennt. Er hat Legitimationen bei sich, denen der Mülasim gehorchen muß. Ist es da nicht selbstverständlich, daß ich an seiner Stelle nach dem Turme gehe?«

»Du – – – an seiner Stelle – – – als Hauptmann – – –? Effendi, das ist freilich ein Gedanke von solcher Größe und von solcher unendlichen Erhabenheit, als ob er nicht in deinem, sondern in meinem Kopfe entstanden wäre!«

»Ich danke dir für diese großartige Anerkennung, mein lieber Halef! Ein größeres Lob konntest du ja gar nicht aussprechen. Ich bin unendlich stolz darauf!«

»Das glaube ich, denn ich weiß, daß es für dich das erhabenste der Gefühle ist, mein Wohlgefallen zu besitzen. Aber meinst du nicht, daß es besser wäre, wenn ich an deiner Stelle ein türkischer Hauptmann würde?«

»Nein.«

»Warum nicht? Hältst du mich für zu dumm dazu?«

»Dumm? Du weißt, daß ich in dir stets den Inbegriff aller Klugheit sehe; aber siehe die Gestalt des Hauptmannes an! Würde dir sein Anzug passen?«

»Ja Allah! Da hast du freilich recht! Wer an seiner Stelle nach dem Kulluk will, der muß in das Innere dieses Anzuges wandern, und die Länge und Breite, welche er besitzt, würde mir höchst unbehaglich sein!«

»So siehst du also, daß ich diese Rolle selbst übernehmen muß. Dazu gehört, daß ich den Kulluk vorher erst einmal sehe. Wie weit liegt er von hier?«

»Nur eine Viertelstunde,« antwortete der Räis. »Ich bin bereit, ihn dir zu zeigen. Dieses Versteck hier konnte gar nicht günstiger so in der Nähe liegen. Madana hat es entdeckt. Die Dawuhdijehs scheinen keine Ahnung von dem Vorhandensein dieses Platzes zu haben.«

»Ja, führe mich! Die andern bleiben da; wir gehen allein.«

Halef wollte partout mit; ich wies ihn aber zurück, weil ich ihn dabei nicht brauchte. Je weniger er wußte, desto weniger konnte er auf den Gedanken eines selbständigen oder gar eigenmächtigen Verhaltens kommen. Ich mußte dafür besorgt sein, daß er mir hier nichts verderben konnte.

Wir hatten vielleicht zweihundert Schritte weit in dem ausgetrockneten Wasserbecken zu gehen, bis wir an den früheren Ausfluß desselben kamen. Dieser bildete eine enge, sich mehrfach biegende, vom Wasser in den Felsen gefressene Spalte, welche mit Farnen und holzigem Gestrüpp so verwachsen war, daß man draußen leicht vorübergehen konnte, ohne zu ahnen, was für ein Platz hinter diesem scheinbar undurchdringlichen Dickicht lag. Als wir uns hindurchgewunden hatten, ging es eine kurze Schlucht hinab ins Thal, auf dessen anderer Wand ich dann den Kulluk liegen sah. Es war ein großer, aus starken, mit schmalen Schießlöchern versehenen Mauern aufgeführter Kubus, an den ein hoher, runder Turm mit teilweise eingestürzter Zinne stieß. Das war freilich nicht gleich auf den ersten Blick so deutlich zu sehen, weil dies durch den sich dicht emporziehenden Wald verhindert wurde. Wir schlichen uns weiter bis fast an die Stelle, wo der hinaufführende Weg begann. Von einem Weg in unserem Sinne war freilich keine Rede; man sah nur, daß in neuerer Zeit hier gegangen und geritten worden war.

Das alte Mauerwerk lag so still und scheinbar unbelebt da oben, daß ich es für unbewohnt gehalten hätte, wenn mir nicht das Gegenteil berichtet worden wäre. Es war kein Mensch, kein Tier, kein lebendes Wesen ringsum zu sehen, und weiter hinauf durften wir nicht, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, entdeckt zu werden. Wir kehrten also so vorsichtig, wie wir gekommen waren, nach unserem Verstecke zurück, wo sich Halef natürlich gleich sehr angelegentlich erkundigte, was ich gesehen und beschlossen hätte. Ich hielt es nicht für geraten, ihm jetzt schon etwas mitzuteilen. Es genügte vollständig, wenn er einstweilen wußte, daß ich als türkischer Hauptmann nach dem Kulluk wollte. Das übrige erfuhr er am besten erst dann, wenn es vorüber war. Wollte er doch auch so schon sich der Sache in einer Weise annehmen, die ich zurückweisen mußte. Er schlug mir nämlich vor:

»Sihdi, da der Schneider des Hauptmannes den Anzug nicht für die sanften Verhältnisse meiner rücksichtsvollen Persönlichkeit gefertigt, sondern ihm eine so unbescheidene Ausdehnung gegeben hat, daß ich es mir streng verbitten muß, mit ihm in Berührung zu kommen, so magst also du selbst in die fremden Hosenbeine und dir nicht gehörigen Ärmel fahren; aber ich werde wenigstens die Vorbereitung dazu jetzt treffen.«

»Welche Vorbereitung?«

»Ich werde zu ihm hingehen und ihm sagen, daß er das Innere seiner Uniform augenblicklich zu verlassen habe. Dann bringe ich sie dir her, damit du sie anziehen kannst.«

»Warum soll denn nicht ich hin zu ihm gehen?«

»Weil dir die große Gabe der Rede versagt ist, welche dazu gehört, ihm die ungeheure Notwendigkeit dieser Anordnung begreiflich zu machen.«

»Lieber Halef, sei doch so gut, und warte mit deinen großen Thaten, bis ich dich auffordere, sie zu thun! Du kennst ja die Art und Weise gar nicht, in welcher das, was du thun willst, zu geschehen hat!«

»Ist denn diese Art und Weise hierzu eine ganz besondere?«

»Ja. Und wenn sie das auch nicht wäre, so versteht es sich doch ganz von selbst, daß ich in dieser Angelegenheit, die meine eigene ist, keinen Vormund brauche!«

»Vormund! O Effendi, wie verkennst du doch die opferwillige Liebe, mit welcher ich bestrebt bin, dir alle Unannehmlichkeiten des Lebens tragen zu helfen!«

»Sei still! Den Herrn und Gebieter willst du spielen; weiter hat es keinen Zweck. Ich erkenne ja deine vorzüglichen Eigenschaften bereitwilligst an und werde dir das jetzt beweisen, indem ich dir ein hochwichtiges Amt anvertraue.«

»Ein hochwichtiges?« fragte er, indem seine bereits düster gewordene Miene sich sofort wieder aufhellte. »Ja, vertraue es mir an; du kannst überzeugt sein, daß es ganz unmöglich ist, es in bessere Hände zu legen!«

»Das weiß ich ja, und darum übergebe ich es dir und keinem andern. Ich traue dir nämlich zu, ein vorzüglicher Baumeister zu sein, lieber Halef.«

»Ein – – Baumeister?« fragte er, indem sich in seinem Gesichte eine Überraschung aussprach, die mir heimlich Spaß machte.

»Ja, ein Baumeister,« nickte ich wichtig.

»Soll etwa hier etwas gebaut werden?«

»Ja.«

»Was?«

»Ein Gefängnis.«

»Wirklich? Ein Gefängnis? Für wen?«

»Für den Hauptmann, für den Mülasim und seine Soldaten und für die Dawuhdijehs, die sich im Kulluk befinden.«

»Das wären ja zusammen gegen fünfzig Personen!«

»Allerdings. Du siehst, welch eine Menge von Steinen es hier giebt, große und kleine. Es wird genügen, wenn sie recht fest und passend aufeinandergelegt werden; auf Mörtel müssen wir verzichten. Das Gefängnis muß fünfzig Personen fassen und bis morgen vormittag, womöglich aber schon heut abend fertig sein. Die Männer hier werden dir alle helfen. Den Plan zu diesem Gebäude mußt du selbst entwerfen; ich habe leider keine Zeit dazu.«

Da fiel er schnell ein:

»Und wenn du Zeit hättest, Sihdi, so würde ich es nicht dulden, daß du mir ins Handwerk pfuschest. Ich sage dir, daß du meine Begabung für die Kunst des Gefängnisbauens ganz richtig erkannt hast. Ich werde ein Gebäude errichten, über dessen Vortrefflichkeit du staunen wirst. Soll es auch geheizt werden?«

»Ja.«

»Das erhöht zwar die Schwierigkeit bedeutend, doch sollst du mit mir zufrieden sein. Ich werde einen Feuerherd errichten und eine Esse darüber bauen. Aus was aber soll das Dach dieses großen Gefängnispalastes bestehen?«

»Das zu bestimmen, überlasse ich dir, denn du bist der Baumeister, dem ich keine Vorschriften zu machen habe.«

»Da hast du recht, sehr recht, Sihdi. Ich werde mir von keinem Menschen in diese hochwichtige Angelegenheit sprechen lassen, sondern nur die Vorzüge meines eigenen Geistes in Bewegung setzen. Hast du sonst noch einen Wunsch?«

»Nur den einen, daß alles so leise wie möglich vor sich gehen möge. Die Bewohner des Kulluk, welcher ganz in der Nähe liegt, dürfen nicht das geringste Geräusch hören!«

»Das ist ja selbstverständlich. Wir werden so leise machen, daß wir selbst nichts davon hören. Verlaß dich nur ganz auf mich! Du wirst wohl inzwischen abwesend sein?«

»Ja, denn ich reite nach dem Turme, denke aber, daß du mich nicht brauchen wirst. Du ersiehst hieraus, lieber Halef, was für ein großes Vertrauen ich in dich setze!«

»Das kannst du auch; jawohl das kannst du auch! Du ahnst gar nicht, was für bedeutende und erhabene Ideen diese Aufgabe schon jetzt in meinem Kopfe geboren hat! Ich muß mich mit ihnen beschäftigen, muß sie in Ordnung bringen. Erlaube also, daß ich die Einsamkeit aufsuche, denn nur in der Abgeschiedenheit von der gewöhnlichen Weltbevölkerung können die erhabenen Werke der Kunst und Meisterschaft entstehen!«

Er ging fort und wandelte dann rastlos unter fernen Bäumen hin und her, vollständig ahnungslos, daß ich ihn nur, um ihn unschädlich zu machen, in einen Architekten verwandelt hätten. Es sollte sich gar nicht um den Turm bekümmern können. Nun ich mich seiner erledigt hatte, konnte ich zu dem Hauptmanne gehen,

»Ich verlange, losgemacht zu werden!« zürnte mich dieser an. »Ihr werdet es bereuen, euch an mir vergriffen zu haben!«

»Sei bescheiden!« warnte ich ihn. »Mit Drohungen hast du bei uns keinen Erfolg! Denkst du denn, wir durchschauen dich nicht? Du bist gar nicht der, für den du dich ausgiebst. Ein Offizier, welcher von dem Pascha zu den Dawuhdijehs gesandt wird, ist nicht so dumm, sie ins Gesicht hinein Räuber zu nennen.«

»Ich kein Offizier? Was fällt dir ein? Greif in die Tasche meiner linken Brust, so wirst du den schriftlichen Befehl des Kaimakam mit meinem Namen und meiner Charge finden!«

Ich that natürlich, was er wollte, denn das hatte ich eben auch gewollt. Der Befehl war offen; ich konnte ihn lesen, ohne ihn aufbrechen zu müssen. Er hätte für mein Vorhaben gar nicht besser abgefaßt sein können. Weiter wollte ich mit dem Manne nun persönlich nichts mehr zu thun haben; ich sagte dem Räis, was ich wollte. Der Offizier wurde seitwärts geschafft, wo er sich entkleiden mußte; dann hatte er sich mit seinem Mantel zu begnügen. Er machte einen Heidenlärm, um den ich mich aber nicht kümmerte. Seinem Namen nach war er ein Arnaute; ich brauchte also in Rücksicht auf sein offizierliches Ehrgefühl nicht allzu zart mit ihm zu verfahren. Die Arnauten, besonders die nach dem Irak versetzten, sind stets rohe, gewaltthätige Menschen, und daß er zu dieser Kategorie gehörte, hatte er ja bewiesen!

Als ich dann in seinem Anzuge steckte, erklärte mir der Räis, daß kein Mensch, dem ich unbekannt sei, an eine Verkleidung denken werde. Halef rief mir von weitem zu:

»Sihdi, es wird dich jedermann für den halten, für den er dich halten soll. Mehr kann ich dir nicht sagen, denn ich habe keine Zeit dazu. Habe also die Güte, und entschuldige mich! Das Gefängnis geht mir mit seinen Mauern, dem Dach und auch der hohen Feueresse im Kopfe herum!«

Da ich die Waffen des Arnauten tragen mußte, übergab ich die meinigen dem Räis zur sorgfältigen Aufbewahrung; nur einen Revolver steckte ich in die Tasche. Nach Verhaltungsmaßregeln befragt, erklärte ich, daß ich keine besonderen für nötig halte. Es durfte bis zu meiner Rückkehr niemand das Versteck verlassen, und jedes laute, hinausdringende Geräusch war zu vermeiden; weiter hatte ich für jetzt keinen Wunsch. Als ich dann das Pferd des Arnauten am Zügel nahm, um mich mit ihm zu entfernen, traten Ingdscha und Madana mit der wohlgemeinten Bitte zu mir, mich ja in keine zu große Gefahr zu begeben; zu ihrer Beruhigung versprach ich ihnen das, obgleich es natürlich nicht in meiner Macht lag, den Besuch des Turmes für mich weniger gefährlich zu machen, als er überhaupt war.

Ich mußte die steilen Hänge hinan, welche wir heruntergekommen waren; dann führte ich den Gaul nach rechts in die kurze Schlucht hinab, durch welche ich mit dem Räis nach dem Thale des Kulluk geschlichen war. Ich will aufrichtig gestehen, daß es mir nicht ganz unbedenklich zu Mute war, als ich den Turm nun vor mir ragen sah. Hinauf würde ich ja ganz gut kommen; wie aber wieder herab? Vielleicht gar nicht! Mein Vorhaben war ja viel, viel gefährlicher, als ich mir hatte merken lassen! Doch stand wenigstens das bei mir fest, daß ich lieber alles wagen als mich als Gefangenen da oben festhalten lassen würde.

Allzugroß schien die Wachsamkeit der Dawuhdijehs nicht zu sein, denn ich kam fast ganz hinauf, ohne einen von ihnen zu sehen. Zuletzt ging es unter einigen Rieseneichen hin, und als ich diese hinter mir hatte, lag das Thor in kurzer Entfernung vor mir. Zur Seite desselben lagen fünf Kurden, welche bei meinem Anblicke aufsprangen. Sie betrachteten mich kurz; dann kamen mir vier einige Schritte entgegen; der fünfte verschwand im Innern, jedenfalls um mein Erscheinen drin zu melden. In diesem Augenblicke war alle etwa in mir vorhanden gewesene Bangigkeit verschwunden. Die Furcht vor der Gefahr pflegt ja meist größer als die Gefahr selbst zu sein.

»Ihr seid Kurden des Stammes Dawuhdijeh?« fragte ich in kurzer Weise, indem ich vom Pferde sprang und einem von ihnen den Zügel hinwarf.

»Ja, Aga,« antwortete er.

»Ihr habt einen besonderen Anführer?«

»Ja, Rebat ist es.«

»Das stimmt. Wo befindet er sich?«

»Drin in der Wachtstube.«

»Und der Mülasim?«

»Er hält den Kef bei sich. Dürfen wir ihn stören?«

»Ich werde das selbst thun. Führt mich zu ihm!«

Da kam ein baumlanger, dürrer, mit allen möglichen Waffen behangener Kerl herausgeeilt, stellte sich dicht vor mich hin und sagte in respektvollem Tone:

»Gegrüßt seist du, o Jüzbaschi! Ich bin Rebat, dem die Krieger hier zu gehorchen haben.«

»Das weiß ich schon. Dir ist doch bekannt, wo sich Ismael Beg, euer Scheik, jetzt befindet?«

»Ja. Er wartet auf – – auf –--«

Er zögerte, weiterzusprechen. Wahrscheinlich war er sich im unklaren, ob er mir die betreffenden Mitteilungen machen dürfe oder nicht. Darum ergänzte ich seine Rede:

»Er wartet auf die dreihundert Hamawands, meinst du. Da hat er sich freilich verrechnet; eure Kundschafter hätten besser aufpassen sollen. Ich habe euch eine wichtige Nachricht zu bringen; sie ist sehr eilig; aber ich kann sie nicht eher aussprechen, als bis ich mich überzeugt habe, daß hier alles in Ordnung ist. Führe mich zum Mülasim!«

»Sofort, o Jüzbaschi. Erlaube, daß ich vorangehe!«

Wir kamen durch das Thor in das Innere des kubischen Mauerwerkes. Es bildete einen viereckigen Hof, welcher ringsum in etwas über Manneshöhe mit sehr defekten Dächern versehen war. Rechts und links standen die Pferde. Zu beiden Seiten des Thores und auch gegenüber zu Seiten des Turmeinganges hockten die Kurden in allen möglichen Stellungen. Sie standen auf, als sie mich kommen sahen. Diese Achtung, weiche sie meiner Uniform erwiesen, war ganz geeignet, beruhigend auf mich zu wirken; ich durfte hoffen, daß man mir gehorchen werde.

Rebat stieg einige Stufen zur in den Turm führenden Thüre hinauf; ich folgte ihm. Rechts gab es zunächst eine Treppe mit sehr zerfallenen Stufen, weiter hinten einen Eingang, welcher mit einer alten Decke verhangen war. Die vordere Hälfte der linken Seite wurde von dem Lehmboden gebildet, auf welchem einige lange Baststricke lagen; wozu sie dienten, das erfuhr ich nachher. Dann gähnte ein großes, tiefes, viereckiges Loch, über welchem ein widerlicher Duft von Moder und Fäulnis schwebte. Der Kurde deutete nach dem Vorhange, wobei er sagte:

»Dort ist der Mülasim. Soll ich mit zu ihm gehen?«

»Nein. Warte draußen im Hofe, bis wir hinauskommen. Ich bin gesandt, ihn abzulösen; er wird euch das dann sagen. Die Paschas von Kerkuk und von Suleimania sind zornig darüber, daß ihr den Mund der alten Hexe nicht zu öffnen versteht. Das muß nun anders werden! Habt ihr denn kein Geschick, mit einem alten Weibe umzugehen?«

Der lange Mensch knickte unter diesen Worten verlegen zusammen und brachte stotternd die Entschuldigung hervor:

»Bedenke, o Jüzbaschi, daß sie eben eine Zauberin ist! Sie kann sich für jede Beleidigung fürchterlich rächen.«

»Unsinn!«

»Ja, das kann sie! Wir wissen es. Glaube es mir! Wir sehen es ja an den Leuten, welche kommen, um ihr ihre Anliegen auszusprechen. Es geht da alles in Erfüllung, was die Alte sagt. Zwar darf der Pascha davon nichts –--«

Er hielt erschrocken inne und senkte den Kopf noch tiefer als vorher; da war es für mich nicht schwer, zu erraten, weshalb er mitten in der Rede innegehalten hatte. Ich benützte das sofort, indem ich im strengsten Tone sagte:

»Was höre ich da! Es kommen Leute, welche zu der Frau gelassen werden?«

»Ja, Herr. Wir baten den Mülasim, und er hat es uns erlaubt. Wir hoffen, daß auch du uns diese Erlaubnis nicht verweigerst, denn du wirst dafür ebenso wie er einen Teil der Geschenke erhalten, welche wir bekommen.«

Da ertönte eine scheltende Stimme von hinter der Windung der Treppe herab:

»Wer spricht so laut da unten? Wißt ihr nicht, daß jetzt für mich die Zeit der Ruhe ist?«

»Das ist der Mülasim,« erklärte mir der Kurde leise. »Er befindet sich also nicht dort in seiner Stube, sondern oben auf der Treppe, wo er bessere Luft hat, wie er sagt.«

»Warte draußen auf mich! Ich gehe zu ihm hinauf.«

Er entfernte sich, und ich stieg langsam die Stufen empor. Der Mülasim schien nur gehört zu haben, daß überhaupt gesprochen wurde. Verstanden hatte er wahrscheinlich nichts, weil sonst sein Verhalten ein anderes gewesen wäre. Nichts hätte mir für meinen Plan besser passen können, als das, was ich von dem langen Kurden erfahren hatte. Die Wunderthätigkeit Marah Durimehs bestand nur in der Phantasie der Kurden, welche die betreffenden Märchen erzählten, um Geschenke einzuheimsen. Mein Selbstvertrauen war ganz bedeutend gewachsen.

Ich hatte nur erst wenige Stufen erstiegen, so hörte ich oben zornig sagen:

»Wer wagt es da, heraufzukommen? Ihr wißt doch, daß ich jetzt meine Ruhe haben will!«

Ich ging natürlich trotzdem weiter. Als ich dann die Krümmung der Wendeltreppe passiert hatte, sah ich den Mülasim mit den Händen unter dem Kopfe lang ausgestreckt auf dem tief schmutzigen Boden liegen. Er hob den Kopf empor, um zornig loszudonnern; das sah ich ihm an; als er aber mich anstatt eines Dawuhdijeh erblickte, sprang er erschrocken auf und blieb lang stehen, ohne ein Wort zu sagen. Solche Augen, so ein Gesicht und solch einen Schnurrbart konnte nur ein Arnaute haben. Er war nicht mehr jung, hatte also jedenfalls von der Muskete auf gedient und wurde nun zu ähnlichen Zwecken, wie der gegenwärtige einer war, verwendet, die mit dem Frontdienste und der Ambition nichts zu thun haben.

»Du mußt schon erlauben, daß ich dich in deiner Ruhe störe,« sagte ich. »Die Störung wird keine kurze sein, sondern eine längere, als du denkst!«

Nun stand ich vor ihm und betrachtete ihn genau. Wie ich ihn abschätzte, stand zu erwarten, daß ich kein schweres Spiel mit ihm haben würde.

»Verzeihung!« stieß er hervor. »Ich – – ich dachte, daß –-daß es ein Kurde sei!«

»Da hast du dich geirrt. Hier, sieh, wer ich bin!«

Ich zog das Papier aus der Tasche und gab es ihm. Er hatte sehr lange zu studieren, ehe er mit dem Lesen fertig wurde. Dann ließ er die Hand mit den Zeilen fallen und sagte:

»Ich soll fort von hier? Du kommst an meine Stelle? Das ist mir recht und lieb! Ich will lieber unter Geistern als in der Nähe einer solchen Frau sein, vor der man sich wie vor den Gerippen des Todes fürchten muß!«

»Dein Mut scheint beispiellos zu sein!« bemerkte ich.

»Das sagst du jetzt, in einigen Tagen aber nicht mehr! Ich habe meine Pflicht gethan und sie ausforschen wollen; aber sie hat das Aussehen einer Leiche und ist stumm wie ein Grab. Auch du wirst nichts von ihr erfahren!«

Wie gern hätte ich gewußt, worauf sich dieses Ausforschen bezog; aber eine Bemerkung oder Frage meinerseits hätte mich sehr leicht in die Gefahr gebracht, meine vollständige Unkenntnis zu verraten, darum schwieg ich lieber und zog es vor, den Inquirenten zu spielen:

»Du hast fremde Leute mit ihr sprechen lassen?«

Er schwieg.

»Und Geschenke dafür angenommen?«

Er sagte auch jetzt noch nichts.

»Sprich! Du hörst, daß ich dich frage!«

»Ja, ich habe es gethan,« gestand er. »Du wirst es auch thun, wenn auch nicht gleich in den ersten Tagen. Die fürchterliche Langeweile wird dich packen, so wie sie mir die Seele dehnte, und dann wirst du auch froh sein, wenn einmal eine Unterbrechung kommt. Ich bin unendlich glücklich, aus dieser Einsamkeit und von diesem Umgang mit der wandelnden Leiche erlöst zu sein! Wirst du mich anzeigen?«

»Nein, ich lasse keinen Kameraden bestrafen.«

»Ich danke dir! Wann darf ich fort?«

»Wann du willst.«

»Nun, dann sobald wie möglich!«

»Vorher aber mußt du mir den Posten übergeben, so, wie du ihn übernommen hast.«

»Das werde ich sofort und sehr gern thun. Übernommen habe ich nur die Frau. Die Hamawandikurden, welche der Scheik schickte, gehen uns eigentlich nichts an; ich werde aber auch sie dir zeigen.«

»Wie verhalten sie sich?«

»Stolz und still. Es fällt ihnen nicht ein, die Forderung des Scheikes zu erfüllen und, nur weil sie ohne sein Wissen sein Gebiet betreten haben und in seine Hände geraten sind, ihm ihre Freiheit mit zweihundert Gewehren zu bezahlen. Sie würden sich dadurch teilweise entwaffnen und also den Dawuhdijehs gegenüber schwächen. Sie sind überzeugt, daß ihre Leute kommen, um sie herauszuholen. Ich bedauere sie des Loches wegen, in dem sie mitten im Kote und Unrate so lange stecken müssen.«

»Du weißt natürlich auch, wer sie sind?«

»So gut wie du. Der Scheik konnte mir es doch nicht verheimlichen. Daß Jamir unter einem falschen Namen hierhergekommen ist, war eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit von ihm. Ein so berühmter Anführer muß stets und überall gewärtig sein, erkannt zu werden. Das mußte er sich sagen!«

»Du tadelst ihn und hast ihn doch selbst auch auf dem Gewissen!«

»Ich?«

»Ja.«

»Inwiefern?«

»Hättet ihr nicht das Gerücht ausgestreut, daß die Alte Wunder thue, so wären nicht so viele Leute und wäre auch er nicht gekommen!«

»Das haben die Dawuhdijehs auf ihre eigene Rechnung gethan; ich habe es ihnen nicht geheißen.«

»Aber geduldet hast du es?«

»Weil der Anteil an den Geschenken, den ich bekam, die einzige Einnahme war, die ich hier hatte. Du weißt ja selbst, wie es mit unserm Solde steht. Wir bekommen ihn so selten. Und da man denn doch leben muß, ist man gezwungen, sich auf irgend eine andere Weise eine Einnahme zu sichern.«

»Die Frau hat aber, wie ich vermute, doch nicht gewußt, daß sie für eine Krankenheilerin und Wunderthäterin gehalten wird?«

»Nein. Davon erfuhr sie nichts.«

»Wie hat sie da mit den Leuten verkehren können, ohne es zu erfahren?«

»Wir ließen sie in dem Glauben, daß diese Leute wünschten, sie solle für sie beten. Sie durfte zu ihnen an das Thor, doch nicht mit ihnen sprechen. Da legte sie ihnen die Hände auf und betete. Das war alles, was geschah. Ist es dir recht, daß ich sie dir jetzt zeige?«

»Ja. Kennst du ihren wirklichen Namen?«

»Nein. Es ist mir verboten, nach ihm zu fragen. Du?«

»Ja, ich kenne ihn.«

»So bist du tiefer eingeweiht als ich; du bist aber auch nicht vom Kaimakam, sondern vom Pascha selbst gesandt. Darf ich ihn von dir erfahren?«

»Nein. Da du ihn nicht weißt, darf ich ihn dir nicht sagen.«

»So komm. Sie ist hier oben.«

Jetzt hatte ich den Wunsch, daß Marah Durimeh mich nicht erkennen oder, falls es doch geschehen sollte, dies durch nichts verraten möge. Er führte mich noch eine Treppe höher. Da gab es eine aus Bohlen zusammengesetzte, starke Thür, die durch zwei Querbalken festgehalten wurde. Er entfernte diese letzteren und öffnete. Es gab einen ziemlich großen, sehr schmutzigen Raum, welcher durch zwei schmale Schießscharten Luft und Licht bekam. Da saß sie auf einer alten, zerfetzten Decke an der Wand. Sie hatte die Hände gefaltet und schien gebetet zu haben.

Ja, es war Marah Durimeh! Sie war wie damals eingehüllt in einen weiten dunkeln Mantel, aus welchem mir ihr hageres Gesicht wie dasjenige eines Totenkopfes entgegengrinste. Auch heut hingen ihr die dicken, schneeweißen Haarzöpfe bis fast auf die Erde herab, als sie sich bei unserm Anblicke langsam aufgerichtet hatte.

Als sie das Geräusch unsers Kommens hörte, hatte sie wohl nur den Mülasim erwartet. Nun sah sie außer ihm noch einen zweiten eintreten, weshalb sie die Augen forschend auf mich richtete. Keine Wimper, keine Falte ihres Angesichtes zuckte. Ihr Blick schien wie aus einer weiten, weiten Ferne, für welche es kein Erkennen giebt, zu mir herzukommen, und ihre Lippen bewegten sich zu keinem einzigen Worte; es schien ganz so, als ob sie gar nicht atme. Der Eindruck, den sie machte, war nicht der einer Leiche, wie der Mülasim gesagt hatte, sondern ein überirdischer, ein – –es giebt kein Wort, welches der richtige Ausdruck dafür wäre. Ich fühlte eine tiefe, fast heilige Verehrung anstatt Grauen.

»Dieser Jüzbaschi ist gekommen, mich abzulösen und dich an meiner Stelle zu bewachen,« sagte der Mülasim. »Ich hoffe, daß du ihm sowenig Sorge bereitest, wie du mir bereitet hast!«

Seine Stimme wankte leise; er fürchtete sich vor ihr.

»Sein Eingang ist gesegnet!« antwortete sie langsam und in tiefem, überzeugtem Tone, woraus ich wohl schließen durfte, daß sie mich doch erkannt hatte.

»Hast du einen Wunsch?« fragte ich.

Sie senkte leise den Kopf zur Seite und horchte zu mir her. Wie wenn ein lieber, lange entbehrter Ton an ein lauschendes Ohr dringt, so glitt ein leises, glückliches Lächeln über ihr Gesicht. Dann antwortete sie:

»Mein einziger Wunsch ist Gott. Wer in ihm und in seiner Liebe lebt, braucht keine anderen Wünsche.«

»Du hast die Wahrheit gesprochen! Er kennt den rechten Augenblick für alles, was zu unserm Heile dient.«

Nach diesen Worten drehte ich mich um und ging hinaus. Der Mülasim folgte mir und verschloß die Thür wieder. Dann führte er mich hinunter an das Loch. Dort sagte er:

»Da unten stecken die Hamawands. Du siehst und hörst nichts von ihnen, denn es ist tief und dunkel, und sie sind so stolz, kein lautes Wort hören zu lassen. Nur manchmal hört man die klagende Stimme des Knaben für einen Augenblick.«

»Sie sind mit Hilfe dieser Stricke hinabgelassen worden?« erkundigte ich mich.

»Ja.«

»Wie steht es mit dem Essen und Trinken?«

»Wir lassen ihnen täglich einmal Wasser in einem Kürbiskruge und auch Brot hinab, welches einer der Kurden aus Mehl und Wasser beim offenen Feuer bäckt. Kann ich dir noch eine Auskunft erteilen?«

»Nein; es ist gut. Ich weiß nun alles, was ich zu wissen brauche.«

»So bist du also bereit, diesen Posten zu übernehmen?«

»Ja.«

»Und ich kann gehen?«

»Sofort, wenn du willst.«

»So bitte ich dich, mir zu quittieren!«

»Ich werde dir die Quittung auf das Schreiben des Kaimakam setzen.«

»Ja, thue das! Ich bitte dich, mit herein zu kommen!«

Er schob die vorhin erwähnte, als Portiere gebrauchte Decke zur Seite, und wir traten in den dahinterliegenden kleinen Raum, welcher nichts, aber auch weiter gar nichts als ein altes Kissen enthielt, welches des Tages als Sitz und bei Nacht als Bett zu dienen hatte. Zum Zudecken war der Mantel zu nehmen. Ein Wachtlokal für einen Offizier in Kurdistan!

»Du siehst, in einem Palaste wirst du nicht wohnen,« lachte der Mülasim bitter. »Ich bin froh, gehen zu dürfen, und werde, sobald du geschrieben hast, keinen Augenblick warten!«

»Hast du Tinte?«

»Nein. So etwas Kostbares giebt's hier nicht!«

Ich hatte mein Notizbuch eingesteckt, nicht etwa weil ich in dem Glauben gewesen wäre, es zu brauchen, sondern weil ich es nicht in der offenen Jackentasche lassen wollte. Da gab es einen Bleistift, mit dem ich die paar Zeilen schrieb, die ich in einer für den Mülasim freundlichen Weise verfaßte. Er las sie, steckte das Papier ein, reichte mir die Hand und sagte:

»Das sind kameradschaftliche Worte; ich danke dir! Nun hält mich aber nichts mehr hier zurück!«

Wir gingen hinaus in den Hof, wo er Befehl gab, sein Pferd zu satteln. Während dies geschah, winkte er Rebat herbei und erklärte ihm mit lauter Stimme, so daß alle es hörten:

»Dieser tapfere und berühmte Jüzbaschi ist von dem Pascha gesandt worden, an meine Stelle zu treten. Er besitzt das Vertrauen und die Zuneigung eures Scheikes und wird euch ein freundlicher Gebieter sein. Ich aber nehme gern Abschied von diesem Orte. Allah behüte euch!«

Diese Empfehlung war die Folge meiner freundlichen Zeilen. Nach einigen Minuten gab er mir die Hand und ritt fort. Ich ging, die Pferde betrachtend, im Hofe hin und her und sah gar wohl die beobachtend auf mich gerichteten Blicke der Kurden. Sie wollten aus meinem Aussehen und Benehmen erraten, was für ein Verhalten sie von mir zu erwarten hätten.

Rebat hielt sich an meiner Seite, um meine gelegentlichen Fragen zu beantworten. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben, getraute sich aber nicht heraus damit, bis er durch meine absichtliche Freundlichkeit veranlaßt wurde, es zu sagen:

»Sprachst du nicht von einer sehr wichtigen Nachricht für uns, die sehr eilig sei, o Jüzbaschi?«

»Ja,« antwortete ich. »Euer Scheik hat sie mir aufgetragen; aber ich habe mich anders besonnen, weil ihr hier nötig seid und ich euch unmöglich fortlassen kann.«

»Wir sollten fort von hier?«

»Ja; ich kann euch aber nicht fortlassen.«

»Warum sollten wir fort?« fragte er dringlich.

»Weil er erfahren hat, daß eure Kundschafter sich geirrt haben. Es kommen nämlich nicht bloß dreihundert Hamawandikurden, sondern das Weib Jamirs, die ihr wohl kennt, ist an der Spitze eines viel größeren Haufens aufgebrochen. Der Scheik erwartet sie heute nachmittag.«

»I'Allah! Da hat er doch zu wenig Leute bei sich!«

»Das dachte er allerdings auch,« nickte ich.

»Hat er keine Boten ausgeschickt?«

»Das hat er freilich gethan; aber ob die Hilfe zur rechten Zeit bei ihm eintrifft, das ist sehr fraglich.«

»Er scheint auch von uns gesprochen zu haben?«

Rebat war ganz Feuer und Flamme; auch die andern Dawuhdjiehs drängten sich aufgeregt herbei.

»Natürlich hat er auch von euch gesprochen,« antwortete ich in lässigem Tone. »Er wollte euch schnell einen Boten senden; da ich aber zu euch ritt und er bei der Übermacht der Feinde nicht gern einen einzigen Mann entbehrt, nahm er die Gelegenheit wahr, mich mit dieser Botschaft zu beauftragen.«

»Was befahl er? Was wollte er? Was sollen wir thun? Sprich schnell, sprich schnell!«

»Ihr sollt sofort und eiligst zu ihm kommen, denn eine so starke Truppe, wie ihr seid, könne er nicht unthätig hier im Kulluk lassen, während die andern mit einem doppelt starken Feind zu ringen hätten.«

Da schrie er mich zornig an.

»Das – – das solltest du uns sagen und sagst es uns erst jetzt, wo wir schon seit einer Stunde fort sein könnten!«

»Fort? Was fällt euch ein? Ihr werdet hier gebraucht. Ich kann keinen einzigen von euch fortlassen! Der Pascha –--«

»Schweig vom Pascha! Was geht uns der Pascha an, wenn unsere Krieger von einem übermächtigen Feind überfallen werden! Wir müssen fort! – –das Weib Jamirs? Diese Teufelin? Wir können keinen Augenblick länger bleiben. Auf, ihr Leute, sattelt schnell! Es ruft der Kampf!«

Ich wehrte mich scheinbar aus Leibeskräften dagegen, bekam aber dafür nichts als Grobheiten zu hören, und als ich es schließlich wagte, den Säbel zu ziehen und einen streng klingenden Befehl loszudonnern, donnerte mich Rebat wieder an:

»Schweig! Denkst du, daß wir uns vor deiner Klinge fürchten? Wir sind freie, unabhängige Dawuhdijehs, denen kein Jüzbaschi etwas zu befehlen hat! Die Gefangenen stecken hier fest und sicher; die können nicht heraus, und bis wir wiederkommen, hast du ja deine fünf Soldaten; das ist mehr als genug. Mit ihnen könntest du den Kulluk monatelang verteidigen. Also schweig, denn es ist jedes Wort vergeblich!‹,

Das war es ja, was ich wollte! Ich stellte mich zwar auch weiter ganz ungebärdig, aber kein Mensch achtete mehr auf mich, ich konnte thun und sagen, was ich wollte. In kurzem ritten sie den Berg hinab und ich blieb nur mit meinen fünf lieben, treuen Soldaten zurück.

Welch ein Erfolg! Der Mülasim mitsamt der Quittung fort und die Dawuhdijehs auch alle fort! Nun blieben nur noch die Asaker, denen anzusehen war, daß sie sich am liebsten auch gern unsichtbar gemacht hätten. Sie standen am Thore und schauten sehnsüchtig hinter den Kurden drein. Es war keiner unter ihnen, dem ich für mich und mein Vorhaben hinderliche oder gar gefährliche Geistesgaben hätte zutrauen dürfen. Sie sahen ganz so thatenunfähig aus wie ihre mageren Gäule, welche mit dem meinen nun noch allein im Hofe standen; sie unschädlich zu machen, war nicht schwer.

Zunächst ging ich wieder in den Turm und stieg zu Marah Durimeh hinauf. Ich entfernte die Riegelpfosten, öffnete die Thür und trat zu ihr ein. Da stand sie hoch aufgerichtet in dem Raum, streckte mir die Hände entgegen und sagte.

»Ich wußte, daß du sehr bald wiederkommen würdest. Sei gegrüßt und sei gesegnet, Effendi! Gott sendet dich zur rechten Zeit, denn ich weiß, daß ich bald in weite Ferne geschafft werden sollte, wo ich nur Haß und Ungerechtigkeit, nicht Liebe und Gerechtigkeit gefunden hätte. Ich habe einst Abschied für das ganze Leben von dir genommen, und siehe da, mein Auge darf dich wiederschauen! Welch eine Wonne, welche Seligkeit! Du bist mein Sohn, mein Kind, nicht nach dem Körper, sondern nach dem Streben meiner und deiner Seele, nach dem geistigen Wandel, der uns zu gleichem Ziele nach oben führt. Darum begegnen sich auch unsere irdischen Pfade wieder, und darum bist du gesandt, mich zu denen zurückzuführen, in deren Liebe ich noch hier auf Erden lebe. Ich frage nicht, woher und wie du gekommen bist; ich frage auch nicht, wie und wohin du mich führen wirst; du bist da, und ich folge dir. Hier, nimm mich bei der Hand!«

Ich drückte ihre Hände an meine Lippen und führte sie, ohne ein Wort zu sagen, hinaus und dann hinunter in den Hof, wo ich den Asaker befahl, ihre Mäntel, die aber längst keine Mäntel mehr waren, zu einem Kissen zusammenzulegen, auf welches sie sich setzte. Dann mußten mir die fünf armen Teufel hinauf folgen, wo Marah Durimeh gesteckt hatte. Sie hatten nur die Seitengewehre bei sich. Als sie eingetreten waren und mich nun erwartungsvoll anschauten, nahm ich den Revolver heraus, richtete den Lauf desselben auf sie und sagte, indem ich mich bis hinaus vor die Thür zurückzog, zu ihnen:

»Ich mache jetzt die Thür hier zu und gehe mit den Gefangenen fort. Ihr verhaltet euch bis heut abend vollständig ruhig, dann könnt ihr beginnen, die einzelnen Bohlen der Thür herauszutrennen, was mit Hilfe eurer starken Klingen leicht möglich ist. Ist euch das gelungen, so könnt ihr thun, was euch beliebt; ich habe nichts dagegen!«

Keiner von ihnen rührte sich. Mein Verhalten war ihnen vollständig unbegreiflich. Ich schob die Thür zu, ohne daran gehindert zu werden, legte die Pfosten quer vor und ging dann die zwei Treppen wieder hinab. Da lagen die Stricke. Sie waren zum Heraufturnen mit Knoten und an den Enden mit festen Schlingen versehen.

»Jamir!« rief ich hinab. »Anworte! Hörst du mich?«

Es blieb unten still. Da fuhr ich fort:

»Dein Weib ist mit uns gekommen. Ich weiß von ihr, daß du von mir gehört hast. Ich bin Kara Ben Nemsi Effendi, und gekommen, euch zu befreien. Ich habe den Mülasim und die Dawuhdijehs durch eine List von hier fortgeschickt und lasse euch jetzt das Seil hinab. Bindet zunächst den Knaben daran fest, daß ich ihn heraufziehe.«

»Nein,« rief da eine Stimme. »Ehe ich dir ihn anvertraue, muß ich dich erst sehen. Ich komme selbst. Halte fest.«

Ich ließ das Seil hinab und schlang das obere Ende um einen vorstehenden Stein des Thürgewändes. Nach wenigen Augenblicken stand ein Kurde vor mir, dem jeder sofort den nicht gewöhnlichen, sondern bedeutenden Mann ansehen mußte. Er bohrte seine Augen forschend in mein Gesicht.

»Du hast dich Schevin genannt, bist aber Jamir selbst?« fragte ich ihn, seinen Blick aushaltend.

»Ja,« antwortete er. »Und du willst Kara Ben Nemsi sein? Beweise es!«

»Wie kann ich das beweisen? Schau dich um! Du wirst finden, daß alle eure Wächter fort sind.«

»Ich weiß, daß Kara Ben Nemsi am Halse die Narbe eines tiefen Messerstiches hat. Zeig her!«

Ich drehte mich so, daß er sie sah.

»Du bist es wirklich! Hamdulillah! Und du sagst, mein Weib sei auch hier?«

»Ja.«

»Ich wußte, daß sie kommen würde! Wo ist sie?«

»Einstweilen in einem Versteck hier in der Nähe.«

»Wie und wo hat sie dich getroffen, und wie ist es gekommen, daß du allein hier bist und – – –-«

»Ich bitte dich, jetzt nicht zu fragen,« unterbrach ich ihn. »Ich werde das, was du erfahren willst, auch andern erzählen müssen und möchte das nur einmal und nicht öfter thun. Wir wollen uns lieber beeilen, von hier fortzukommen. Hier, nimm das Seil; wollen den andern helfen!«

Einige von ihm hinabgesprochene Worte genügten, seine Leute davon zu unterrichten, daß er sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt habe. Sie schickten erst Khudyr herauf und kamen dann selbst auch nach. Ihr Aussehen war kein gutes; sie hatten mehr noch vom Unrat und der pestigen Luft gelitten als vom Hunger und Durst.

Jetzt wurden eine Menge Fragen ausgesprochen, die ich alle beantworten sollte; ich bat, sich bis nachher zu gedulden und jetzt vor allen Dingen den Kulluk mit mir zu verlassen.

Sie wußten nichts von der Anwesenheit Marah Durimehs und waren, als sie in den Hof kamen, von dem Anblicke der weit über hundertjährigen Greisin überrascht.

»Wer ist diese Frau?« fragte mich Jamir.

»Auch eine Gefangene,« antwortete ich, »Ihre Heimat ist in der Gegend am obern Zab.«

»Etwa Lizan, Raola, Schohrd und die andern dort in jener Richtung liegenden Orte?«

»Ja.«

Da trat er vor sie hin, kniete nieder und bat:

»Du bist keine andere als Marah Durimeh, der Liebling des Himmels und der Engel aller Menschen. Segne mich!«

Da schien sie wie aus einer tiefen, innern Versunkenheit zu erwachen; ein wunderbares, unirdisches Lächeln ging über ihr Gesicht; sie legte ihm die Hände auf das Haupt und sagte:

»Wer Gottes Segen wünscht, der ist durch diesen Wunsch ja schon genug gesegnet. Der Herr sei bei dir jetzt und immerdar; die Flügel seiner Boten mögen dich umwehen, und niemals nähere sich dein Pfad dem Abgrund derer, die ihm widerstreben. Das wünscht dir Marah Durimeh, mein Sohn!«

Das Niederknien des stolzen Mannes war so ungesucht und selbstverständlich erfolgt, und die Worte der Greisin klangen so feierlich und ergreifend, daß diese Scene einen tiefen Eindruck auf mich machte. Es war, als ob dieser Segen nicht von hier, sondern schon aus einer andern Welt herniederkäme.

In der Nähe der Thür lehnten die Gewehre der Soldaten. Die Kurden nahmen sie an sich. Sich aber auch an den alten, abgetriebenen Gäulen zu vergreifen, dazu hatten sie keine Lust; sie blieben also im unbestrittenen Besitze des Padischah. Wir hoben Marah Durimeh auf mein Pferd, welches von zwei Hamawands sorgfältig geführt wurde, und stiegen dann den Berg hinab. Ich hatte, als ich kam, gehofft, daß mein Werk gelingen werde; aber daß dies so schnell und so leicht zu ermöglichen sei, das hatte ich freilich nicht gedacht.

Ich hatte das natürlich nicht mir, sondern nur der Begegnung mit dem arnautischen Hauptmanne zuzuschreiben. Als was war dieses Zusammentreffen wohl zu bezeichnen? Als Zufall vielleicht? Ich mag dieses Wort nicht haben!

Unten angekommen, bogen wir in den Wald und dann in die kurze Schlucht hinein. Ich wollte Marah Durimeh das beschwerliche Bergsteigen ersparen und hielt also an der Stelle an, wo sich der dicht verwachsene einstige Abfluß des Sees befand. Da hoben wir sie vom Pferde. Ich wollte mir den Anblick einer großen, frohen Überraschung gönnen und bat deshalb meine Begleiter, hier an diesem Orte zu warten, bis man sie holen werde. Dann drängte ich mich zwischen den Felsen und durch die Farnen nach unserm Versteck hinein.

Als ich den Platz vor mir liegen sah, konnte ich nicht anders, ich mußte laut und herzlich lachen. Gab das ein reges Leben und Bewegen hier! Alle Anwesenden, allein den Hauptmann ausgenommen, welcher an einen Baum gebunden war, schleppten im Schweiße ihres Angesichtes Steine herbei, um sie nach dem Plane des Hadschi zusammen- und aufeinander zu fügen. Es war ein so gewaltiges Viereck vorgezeichnet, als ob ein ganzer Kurdenstamm da zusammen- und hineingesteckt werden solle. Die Bezeichnung »im Schweiße ihres Angesichtes« ist ganz wörtlich zu nehmen. Am erheiterndsten wirkte die tiefe Stille und Schweigsamkeit, mit welcher man sich plagte. Selbst Halef sprach kein lautes Wort; er kommandierte nur mit Gesten, die allerdings eine mehr als sprechende Lebhaftigkeit besaßen. Er sprang von einer Stelle zur andern und nahm sich der Sache mit einer Begeisterung an, als ob das Heil seiner Seele von ihr abhängig sei. Da hörte er mein Lachen und drehte sich um. Als er mich erblickte, ließ er einen großen, schweren Stein, den er eben nach dem Orte seiner Bestimmung schleppen wollte, fallen und rief mir zu.

»Du bist wieder da, Sihdi? Du lachst, und so laut? Hast du nicht selbst befohlen, daß wir uns ganz still und völlig unhörbar verhalten sollen!«

»Ihr könnt laut sprechen, ja, ihr könnt sogar rufen,« antwortete ich. »Ich habe mich überzeugt, daß die Dawuhdijehs euch nicht hören.«

»Da sei Allah Lob und Dank gesagt! Bei so schwerer Arbeit kein lautes Wort sagen zu dürfen, das ist von einem Menschen, der nicht stumm ist, doch zu viel verlangt. Sieh mein Werk an. Erstaunst du nicht? Ist nicht jeder einzelne Stein ein Zeuge meiner Geistesgaben? Wird dieses Gefängnis nicht ein Denkmal meines Verstandes in seiner ganzen Breite? Kann die Länge des deinigen jemals einen solchen Bau erfinden? Ich bitte dich, beantworte meine Frage!«

»Ja, ich lerne dich jetzt in deiner ganzen Größe kennen, mein lieber Halef. Du hättest unbedingt Baumeister werden sollen!«

»Ich danke dir! Als Scheik der Haddedihn fühl ich mich wohler. Das Zusammenschleppen der schweren Steine stört das Gleichgewicht des Herzens und belästigt die Überzeugung des gesundheitlichen Wohlbefindens. Es genügt, daß du meine verschiedenen Talente alle anerkennst. Wie aber steht es mit dir? Du wolltest nach dem Kulluk. Bist du oben gewesen?«

»Ja.«

»Und schon wieder herunter. Sie scheinen sich geweigert zu haben, dich als Hauptmann zu empfangen. Das hast du aber nur dir selbst zuzuschreiben. Du willst alles selbst und allein machen. Hättest du mich mitgenommen, so hätten meine Worte und meine Peitsche dir Respekt verschafft. So aber wirst du uns die Möglichkeit des Gelingens verdorben haben.«

»Nicht ganz!«

»So? Nicht ganz? Also ist sie noch vorhanden?«

»Ja,«

»Darf ich auch dabei sein?«

»Natürlich!«

»Schön! Was habe ich zu thun?«

»Zunächst hast du mit allen vorhandenen Männern nach der Stelle zu gehen, wo ich jetzt hereingekommen bin, und mit Hilfe der Messer das Gestrüpp zu beseitigen, daß der Eingang frei wird. Aber nicht lange warten, sondern sofort! Es hat Eile!«

»Gut, das soll sogleich geschehen. Kommt, ihr tapfern Krieger von Kurdistan; laßt jetzt die Steine liegen; es muß ein Weg geschaffen werden, auf welchem wir unsere gefangenen Dawudijehs herein in das Gefängnis schaffen können!«

Er trieb die Hamawands eifrig vor sich her; sie gehorchten ihm; nur Adsy blieb stehen, um mich besorgt zu fragen:

»Effendi, hast du etwas über meinen Bruder Schevin und seinen Knaben Khudyr erfahren können?«

»Einen Mann Namens Schevin kennt man nicht,« antwortete ich.

»So befinden sich die Personen, welche wir suchen, also nicht in diesem Turme. Wir müssen also weiterforschen.«

»Wie kann man Erfolg haben beim Forschen nach Personen, über welche man die Wahrheit nicht erfährt?«

»Die Wahrheit nicht? Wie meinst du diese Worte?«

»Heißt dein Bruder wirklich Schevin?«

»Nein.«

»Er ist wirklich dein Bruder?«

»Ja.«

»Und dein Name ist Adsy?«

»Ja.«

»So bedaure ich sehr, dir nicht beistehen zu können. Gefangene waren im Kulluk, ja; aber das sind nicht die Personen, welche du suchst. Es war ein berühmter Kurdenheld mit seinem kleinen Sohne und mehreren Kriegern.«

»Allah! Kennst du seinen Namen?« fragte sie schnell und in großer Spannung.

»Jamir ist's.«

»Jamir – – Jamir! Er war im Kulluk? Also jetzt nicht mehr? Wo ist er nun? Sag mir es schnell; sag's rasch!«

»Such selbst nach ihm! Wenn du so wenig Vertrauen zu Kara Ben Nemsi hast, daß du zwar seinen Beistand verlangst, aber deinen wahren Stand und Namen vor ihm verbirgst, so darfst du dich nicht wundern, wenn er seine Hand von dir abzieht. Hältst du mein Auge für so wenig scharf, daß ich ein Weib nicht von einem Manne zu unterscheiden weiß? Ich bitte dich, von jetzt an zu machen was dir gefällt; ich aber habe nichts mehr mit Schevin zu thun!«

Ich ließ sie in ihrer Verlegenheit stehen und ging zu Ingdscha, welche mit Madana bei den eifrig arbeitenden Männern stand und ihnen zusah.

»Ich habe eine Bitte,« sagte ich zu ihr. »Darf ich hoffen, daß du sie mir erfüllst?«

»Effendi, so gern, wenn ich kann!« antwortete sie.

»Du kannst. Dränge dich an diesen Männern vorbei und zwischen den Felsen hinaus; da wirst du eine frohe Überraschung finden, die ich dir bereitet habe.«

Nun ging ich nach der hinter Steinen und Sträuchern liegenden Stelle, wo ich meinen Anzug gelassen hatte, und kleidete mich wieder um. Noch war ich nicht ganz damit fertig, so hörte ich ein lautes Rufen und Frohlocken; der Augenblick des Wiedersehens war gekommen. Ich nahm mir Zeit, denn dem Herzen ist das erste, höchste Recht zu gönnen. Aber schon nach kurzer Zeit kam Halef in der Weise durch die Büsche gesaust, daß er mich beinahe umrannte, und schrie mich, hochrot vor Aufregung, an:

»Schlechter Kerl, der du bist, Effendi! So einen Betrug und Verrat hätte ich dir doch niemals zugetraut.!«

»Welchen Betrug?«

»Ohne mir ein Wort davon zu sagen, hast du mir den ganzen Ruhm grad vor der Nase weggeschnappt!«

»Hattest du ihn denn schon vor der Nase?«

»Ja! Oder lag der Kulluk nicht ebenso grad vor meiner Nase wie vor der deinigen? Mußtest du diese Leute befreien, ohne mich dazu zu nehmen?«

»Paßte dir denn die Uniform?«

»Nein. Aber das ist doch kein Grund, so eine That in meiner persönlichen Abwesenheit auszuführen. Du hättest mich unbedingt holen müssen!«

»Und die Gelegenheit unbenützt vorübergehen lassen! Dann konnten die armen Menschen bis an ihr Ende in dem Turme stecken bleiben; Halef, was bist du doch für ein – – schlechter Kerl!«

»Ich?«

»Ja. Du hast mich so genannt, bist es aber selbst! Wer eines verwerflichen Eigenlobes wegen seine Nebenmenschen, die sogleich gerettet werden können, im Elende stecken lassen will, bis es ihm später einmal passen wird, ihnen zu helfen, der ist ein ganz gemeiner, selbstsüchtiger Mensch, der ist – –- ein schlechter Kerl! So, nun weißt du, wer diese Bezeichnung verdient, du oder ich!«

Ich ließ ihn stehen und entfernte mich, wohl wissend, daß er schon nach kurzer Zeit sich freundlich zu mir wiederfinden werde.

Als ich aus meinem improvisierten Garderobezimmer heraustrat, kam Ingdscha strahlenden Auges auf mich zugeeilt, drückte mir die Hand und sagte:

»Das war eine große, eine unendliche Freude, Effendi! Durch deine Güte wurde ich die erste, welche Marah Durimeh und die andern Geretteten zu sehen bekam. Ich danke dir!«

Madana, die holde Petersilie, war auch gleich da. Ihr Entzücken hatte eine solche Größe, daß sie es nicht zu bewältigen vermochte. Sie bat, mich umarmen zu dürfen, und da die Petersilie keine fleischfressende, sondern eine sehr nützliche und würzige Pflanze ist, erlaubte ich es ihr.

Dann drang Adsy, die ich nun nicht mehr mit dem männlichen »er« bezeichnen darf, stürmisch auf mich ein und machte mir das freiwillige Geständnis-.

»Effendi, ich habe unrecht, sehr unrecht gegen dich gehandelt! Ich sehe ein, daß mein Verhalten dich beleidigen mußte. Du meintest es gut mit mir und wagtest alles, um meinen Mann und mein Kind zu retten, und ich gab dir Mißtrauen und Unwahrheit dafür. Ich danke dir von ganzem Herzen, indem ich dich um Verzeihung bitte!«

Ich sagte ihr natürlich, daß ich mich gar nicht beleidigt gefühlt hätte, und daß der Verweis, den ich zuletzt gegen sie aussprach, in einem ganz andern Sinne zu nehmen sei. Es drängten alle auf mich ein; ich ging, so zu sagen, aus einer Hand in die andere, doch würde eine Schilderung dieser bunt bewegten Scene zu weit führen. Die Hauptsache war, daß man wissen wollte, wie ich es angefangen hatte, in so kurzer Zeit einen so großen, vollständigen Erfolg zu erzielen. Ich erzählte es in kurzen Worten. Die Einzelheiten der Situation hatten in einer für uns so günstigen Weise ineinander eingegriffen, daß nur ein energisches Ausstrecken der Hand nötig gewesen war, die Früchte dieser Thatsachen wegzunehmen. Das wollten sie aber nicht zugeben. Jamir gestand seine Fehler ein, die ich wieder gut gemacht hätte, und versicherte mich seiner unwandelbaren Freundschaft und Dankbarkeit. Am lautesten war natürlich Halef, dem es nicht eingefallen war, dort, wo ich ihn verlassen hatte, stehen zu bleiben. Er war mir nachgekommen, hatte meinen Bericht auch angehört und benutzte nun die erste sich bietende Pause, mit weithin schallender Stimme zu rufen:

»Hört, ihr tapferen, unüberwindlichen Männer und ihr holden, unvergleichlichen Frauen, was ich euch zu sagen habe! Der Löwe der Feindschaft war ausgegangen mit hungrigem Gebrüll und hatte viele, große Beute heim- und in sein Lager zusammengetragen. Es war ein großes Weinen auf den Bergen und ein lautes Klagen in allen Thälern Kurdistans, ohne sie entdecken zu können. Man zog aus, sie zu finden, doch einige gingen nicht den richtigen Weg, und die andern lagen in der Nähe der Höhle des Löwen, ohne den Eingang derselben erzwingen zu können. Da kamen zwei Männer, die sich vor keinem Löwen, vor keinem Panther, überhaupt vor keinem Tiere und auch vor keinem Menschen fürchten, nämlich der unvergleichliche Kara Ben Nemsi Effendi mit dem unüberwindlichen Hadschi Halef Omar, welcher der oberste Scheik der Haddedihn ist vorn großen Stamme der Schammar. Diese beiden Helden hörten von den Sünden, welche dieser Löwe der Feindschaft begangen hatte, und machten sich auf, ihn dafür zu bestrafen und ihm seine Beute zu entreißen. Kara Ben Nemsi ging, von den Ermahnungen und guten Lehren seines Hadschi Halef begleitet, nach der Höhle des Löwen, trieb ihn mit List zur Flucht und holte die Opfer heraus, welche in ihrem Innern steckten. Hadschi Halef Omar, dessen Eingebungen dieser große Erfolg zu verdanken ist, aber baute ein großes, steinernes Syndan, welches zwar noch nicht ganz vollendet ist und einstweilen noch leer stehen wird, aber dennoch ein herrliches Denkmal großer Thaten bildet. Preis sei den beiden Männern, die das vollbrachten! Ihr Ruhm wird über alle Lande und durch alle Lüfte gehen, und noch die Enkelsöhne eurer Urnachkommenkinder werden, wenn sie hier an diese Stelle kommen, mit ehrfurchtsvollem Staunen die Mauern bewundern, weiche von meiner unendlichen Erfindungsgabe und von dem Arbeitsfleiße eurer Hände zeugen! Ich habe gesprochen, und nun sind die Dawuhdijehkurden abgethan!«

Nachdem er in dieser summarischen und unbedingt tödlichen Weise den ganzen Stamm der feindlichen Kurden für immer »abgethan« hatte, drehte er sich um und schritt in der stolzen Haltung eines spanischen Granden von dannen.

Nun galt es, den Notwendigkeiten des Augenblickes Genüge zu thun. Es war nicht geraten, noch lange hierzubleiben, zumal Jamir mit seinen Leuten suchen mußte, möglichst bald die »Stelle der Eidechsen« zu erreichen, wo seine dreihundert Hamawands warteten. Der Räis von Schohrd wurde auch durch nichts mehr hier gehalten und bat mich, ihn und Marah Durimeh nach seiner Heimat zu begleiten. So gern ich das gethan hätte, mußte ich doch für jetzt darauf verzichten, versprach aber mit meinem Worte, daß wir am Schlusse unserer persischen Reise, die uns ja voraussichtlich wieder nach Kurdistan brachte, ihn ganz bestimmt aufsuchen würden. Jetzt wollten wir einen Teil des Rückweges mit den Hamawands machen, und dann am Abend einen sichern Ort zum Lagern aufsuchen, um die Trennung bis auf morgen früh hinauszuschieben.

Der Hauptmann wurde losgebunden und durfte seine Uniform wieder anlegen. Er sagte dabei kein Wort, wohl teils aus Grimm und teils aus Scham. Als ich ihm dann auch seine Waffen wiedergegeben hatte, sagte ich ihm:

»Jetzt hast du mich, den ›Räuber‹, kennen gelernt; aber erzähle es ja niemandem, denn du würdest ausgelacht. Ich denke, daß du nach dem Kulluk reiten wirst. Steig da im Turm zwei Treppen hinauf und öffne die Thür, um die dort eingeschlossenen Asaker herauszulassen, damit sie nun auch den wirklichen Besitzer deines Anzuges kennen lernen! Das ist die einzige Heldenthat, von der du dann berichten kannst. Solltest du es wagen, heut hierher zurückzukehren, so würdest du eine Kugel in den Kopf bekommen. Jetzt bin ich mit dir fertig. Allah gebe deinem Kopfe das, was ihm bisher vollständig gefehlt zu haben scheint – – – den nötigen Verstand!«

Er ließ auch jetzt und trotz dieser Beleidigung keine einzige Silbe hören. Als er fortritt, beobachtete ich ihn und sah da, daß er sein Pferd wirklich nach dem Kulluk lenkte. Dann brachen auch wir auf. Der Räis hatte für Marah Durimeh ein sanftgehendes Maultier mitgebracht. Die Hamawands konnten nicht alle reiten, da nicht genug Pferde dazu da waren. Sie wollten sich später die Tiere der zwölf Kundschafter der Dawuhdijehs aneignen, die an uns vorübergekommen und wahrscheinlich von den Hamawands festgenommen worden waren. Als ich fragte, was nun wohl zwischen diesen beiden Stämmen geschehen werde, meinte Jamir, da kein Blut geflossen sei, werde der Schluß eine beiderseitige friedliche Heimkehr sein. Freilich bedauerte er lebhaft, daß er diesen Ritt in Beziehung auf die Verwundung seines Knaben vergeblich unternommen habe; da fiel der Mutter desselben das Mittel ein, von welchem ich gesprochen hatte. Ich teilte ihnen ausführlich mit, in welcher Weise die Sukatan-, Dabahh- und Kuratpflanzen zu behandeln und anzuwenden seien, und das Rezept hat den gewünschten Erfolg gehabt, denn wer in jene Gegend kommt und sich erkundigt, der wird erfahren, was für ein geistig und körperlich kräftiger Bursche der Knabe Khudyr geworden ist.

Von Jamir, seinem Vater, muß ich leider bemerken, daß der Segen Marah Durimehs an ihm vergeblich gewesen ist.

Seine Schicksale sind allbekannt, und so will ich nur kurz sagen, daß er nach ruhmvoller Laufbahn – das Wort Ruhm im kurdischen Sinne gemeint – im Zelte des persischen Prinzen Sill-i-Sultan hinterrücks ermordet und dann von seinem Weibe, das sich an die Spitze der Hamawandikurden stellte, blutig gerächt worden ist. Doch das gehört nicht hierher.

Wir ritten einen Teil desselben Weges, den wir gekommen waren, wieder zurück und nahmen dann von Jamir und seinen Leuten Abschied, worauf wir uns nördlich wendeten und kurz vor Abend auf einer hochgelegenen Waldblöße Lager machten.

Dieser Abend und fast auch die ganze Nacht war dem Gespräche mit Marah Durimeh gewidmet. Sie ließ mich noch tiefer in ihr Herz und in ihr Leben schauen als früher. Sie nahm mich mit empor auf die Zinne ihres Glaubens und ihrer Zuversicht; sie richtete mein Auge noch höher hinauf zum Ziele ihres seelischen Strebens; es waren wichtige, ja es waren heilige Stunden, die ich nie im Leben vergessen werde. Nur über das Eine schwieg sie, was ich doch so gern erfahren hätte. Warum hatte man sie festgenommen und nach dem Kulluk geschafft? Warum hatte sie jetzt noch weiter gebracht werden sollen, »in eine Ferne, wo der Tod und nicht das Leben ist«? Ich wollte nicht zudringlich sein und fragte also nicht direkt; aber so oft ich diesen meinen Wunsch auch nur von weitem andeutete, brach sie in einer Weise ab, welche mir deutlich sagte, daß sie über diesen Punkt nicht sprechen wolle. Endlich aber, als es so spät geworden war, daß die Sterne zu erbleichen begannen, deutete sie nach ihnen aufwärts und sagte:

»So wie die da oben schwindet auch unser Leben hin, doch nur, um für das jenseits aufzugehen. Ich sterbe bald, doch jetzt noch nicht, denn ehe ich von hinnen scheide, muß der Zweck meines Daseins erreicht worden sein. Du wirst ihn kennen lernen, wenn du wieder zu mir kommst. Heute nehme ich nicht wie damals Abschied von dir für das ganze Leben, denn du mußt und du wirst zu mir zurückkehren, weil du mein Sohn, mein Schüler bist, der mich verstehen und dann sterben sehen soll. Ich weiß gar wohl, was du zu wissen begehrst; aber es hat sich gut gefügt, daß du nichts darüber hörtest, denn es frommt dir nicht, es schon jetzt zu erfahren. Dann aber, wenn du wieder bei mir bist, wird dir klarwerden, was dir heute noch verborgen bleibt. Aber eins will ich doch thun! Ich weiß, du reisest nicht in der Weise, wie andere Menschen reisen; darum geschieht dir vieles, was andern nicht geschieht. Du gehst nach Persien und bedarfst des Schutzes; ich sehe das von weitem. Ich habe dir schon damals ein Amulett mitgegeben, und ich denke, daß du es geöffnet hast –--«

»Ja, ich habe es geöffnet und – – –«

»Bitte, sprich nicht darüber, kein Wart!« unterbrach sie mich. »Wenn es dir genützt hat, freut es mich, doch war es nur irdisches Gut, nichts Höheres. Ich werde dir auch heut einen Talisman geben, welcher dir Schutz gewährt in Gefahren, die du als solche, welche ich meine, erkennen wirst, obgleich ich sie dir heut nicht bezeichnen kann. Du hast ein Notizbuch. Öffne eine leere Seite und gieb mir den Stift zum Schreiben!«

Sie schrieb in der Dunkelheit, gab mir dann Buch und Stift zurück und sagte:

»Wenn du dich in einer Not befindest, von welcher du glaubst, daß sie sich auf diese Schrift beziehe, so sprich diese Worte aus oder zeige sie! Sie enthalten ein Geheimnis, welches ich dir jetzt verschweige, weil du es erst später erfahren darfst. Es ist das Geheimnis meines stillen, segensreichen Wirkens, das Geheimnis meines Lebens. – – – Und nun sage ich dir ›Gute Nacht!‹ Es kommt die Ermüdung, der ich gehorchen muß, so lange ich noch hier walle; das jenseits aber kennt weder Müdigkeit noch Schlaf! –«

In Beziehung auf unsern Abschied fasse ich mich kurz. Die Sonne stand schon hoch, als wir uns die Hände reichten; dann zogen sie fort, dem Norden zu. Wir hatten die entgegengesetzte Richtung, eine für uns gefährliche und beschwerliche, weil wir die entlegensten Gegenden wählen mußten, um j a nicht etwa mit Dawuhdijehs zusammenzutreffen. Doch erreichten wir glücklich unser Ziel. – – –

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