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Im Reiche des silbernen Löwen I

Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen I - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleIm Reiche des silbernen Löwen I
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20238-3
senderpfeuffer@geronimo.drad.umn.edu
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FÜNFTFS KAPITEL

In Bagdad

Bagdad!

Welche Fülle glänzender Vorstellungen erweckt dieser Name in der Seele jedes Menschen, der, ohne dort gewesen zu sein oder die Verhältnisse zu kennen, die berühmte Stadt nur nach dem Inhalte von »Tausend und eine Nacht« beurteilt! Während der Orientale Kairo als »Bauwahbe esch Schark«, bezeichnet, wird Bagdad von ihm »Nefs esch Schark« genannt. War diese Bezeichnung vielleicht vor Jahrhunderten richtig, so ist sie es jetzt längst nicht mehr. Es geht dieser Stadt auch nicht anders als vielen ihrer Schwestern, deren Ruhm und Schönheit der Vergangenheit angehören. Selbst das, was sie aus ihrer Jugend in das Alter herübergerettet haben, darf man nur aus der Ferne betrachten, weil es in der Nähe häßlich erscheint.

Bagdad soll zur Zeit seines Glanzes zwei Millionen Einwohner, hunderttausend Moscheen und über fünfzigtausend Bazare gehabt haben; jetzt wird die Stadt kaum achtzigtausend Seelen zählen. Gegenwärtig besitzt sie vielleicht dreißig Moscheen und ebensoviele Karawanserais, während von den letzteren damals zwölftausend vorhanden gewesen sein sollen; das ist genug Stoff zum Vergleich.

Die stolze Kalifenstadt, welche einst der Mittelpunkt des Muhammedanismus war, hat, wie ein neuerer persischer Dichter sich ausdrückt, »die Schönheit ihres Angesichtes, die Röte ihrer Wangen, den Glanz ihrer Augen, die Fülle ihres Wuchses und die Grazie ihres Ganges« verloren. Früher inmitten eines wahren Paradieses, liegt sie jetzt in einer Ebene, welche sich mit allem Möglichen, nur nicht mit einem Garten Gottes vergleichen läßt, denn das wenige Grün, welches noch vorhanden ist, zieht sich ganz nahe an sie heran, während schon in kurzer Entfernung das öde, ausgestorbene Land beginnt. Sie wird von dem Tigris durchflossen, über den eine etwas über zweihundert Meter lange Schiffbrücke führt. Die Ruinen der alten Stadt liegen mit der Citadelle auf der Westseite des Flusses; der neuere und größere Teil zieht sich am östlichen Ufer hin. Man kann zwar nicht leugnen, daß die Stadt vom Flusse aus noch heut einen wenigstens interessanten Anblick bietet, aber sobald man die Straßen betritt, ist die Illusion verflogen. Die Umfassungsmauern sind eingefallen, und von den herrlichen Bauwerken der Kalifen kann man kaum noch einzelne Ueberreste sehen. Die Häuser bestehen aus Backsteinmauern, deren Fenster sich nur nach den Innenhöfen öffnen, so daß man auf den krummen, engen, ungepflasterten Straßen fast nur den Anblick kahler Wände und schmaler, verschlossener Thüren hat. Am sehenswertesten sind die Bazars, welche lange, gewölbte Gänge bilden, in denen alle möglichen Waren des Orientes feilgehalten werden.

Im Sommer ist die Hitze sehr groß, so daß die Bewohner sich in die kühlen Sardaubs zurückziehen und des Nachts auf den flachen Dächern der Häuser schlafen. Um so kälter ist verhältnismäßig der Winter, welcher die Mitglieder der Familie um die Mangals zusammentreibt. Oefen giebt es nicht.

Gegründet wurde Bagdad von Al Mansur, dem zweiten Kalifen der Abbassiden. Harun al Raschid vergrößerte die Stadt bedeutend und legte die erste Schiffbrücke an. Al Mostansir schenkte ihr die Akademie für Chemie und Heilkunde, welche allen mohammedanischen Hochschulen als Muster diente, nun aber schon längst in ein Karawanserai verwandelt worden ist. Noch schlimmere Wandlungen erfuhr die Stadt an sich. Sie wurde von dem Mongolenfürsten Hulagu zerstört, dessen Nachkommen von Timur vertrieben wurde, der sie abermals erstürmte und der Erde gleich machte. Dieser Eroberer errichtete als Andenken an seinen Sieg mehrere Türme aus fast hunderttausend Schädeln der gefallenen Einwohner. Später wurde Bagdad von den Osmanen erobert, diesen aber von den Persern unter Schah Ismael genommen, denen es dann Sultan Murad IV. wieder entriß, seit welcher Zeit es unter der türkischen Herrschaft verblieb.

Aus der glanzvollen Zeit Harun al Raschids ist fast nichts mehr übrig als das Grabmal seiner Gemahlin Zobeïde, welches einsam und verödet oberhalb der Stadt auf dem rechten Ufer des Flusses steht. Al Raschid heißt »der Gerechte«, doch führte dieser Kalif seinen Namen mit Unrecht. Er stellte sich aus Klugheit gut zu den Theologen und Gelehrten und pilgerte neunmal nach Mekka, sogar zu Fuß, doch machte er sich diese Wanderung so leicht wie möglich, indem er den ganzen Weg mit weichen Teppichen belegen und auf jeder Station ein Kal'a errichten ließ. Er kaufte Dichter, welche sein Lob besangen, war den Unterthanen aber verhaßt, besonders seit er seine eigene Schwester Abbasah mit ihren zwei Kindern lebendig hatte einmauern lassen. Er kannte diesen Haß, den er so fürchtete, daß er später seine Residenz nach Rakka am obern Euphrat und dann gar nach der nordpersischen Hochebene verlegte und am äußersten Ende von Chorasan begraben wurde. Auch sein Sohn Mamun wußte seinen Reichtum zu zeigen. Als er sich mit Buran, der Tochter des Wessirs Hassan Ibn Sahl, verheiratete, brannten in den Sälen tausend riesige Ambrakerzen, und es wurden Moschus- und Ambrakugeln, welche Anweisungen auf Edelsteine, Häuser und Ländereien enthielten, unter Hunderten von Gästen verteilt. Von all diesen Erzählungen sind nur noch die Erinnerungen übrig, welche im Munde des Hakawati leben. Hieran ist nicht zum wenigsten die tiefe Spaltung schuld, welche eine Folge der Parteinahme für Ali und seine Nachkommen war und die mohammedanische Welt in zwei Teile zerriß, die Sunniten und die Schiiten, die sich noch heut mit größter Erbitterung bekämpfen. –

Also wir waren in Bagdad angekommen und hatten uns am Zollhause legitimiert. Ehe wir unsere Reise per Schiff fortsetzten, wollten wir die für uns wichtige Gegend besuchen, in welcher wir bei unserer frühern Anwesenheit in Irak Arabi so hilflos und verlassen an der Pest darniedergelegen hattenSiehe: Karl May »Von Bagdad nach Stambul«, fünftes Kapitel.. Das Nächste aber war die Frage nach einer Wohnung in der Stadt. In einem Karawanserai wollte ich des dort herrschenden Ungeziefers wegen nicht bleiben, und auch mein Halef war der Ansicht, daß, wie er sich auszudrücken beliebte, wir die »liebevolle Treue und Anhänglichkeit dieser Bevölkerung« noch bald genug erfahren würden. Der Europäer pflegt die Gastlichkeit der dortigen abendländischen Beamten oder Privatpersonen aufzusuchen; aber dies ist nie meine Art und Weise gewesen. Wer ein Land, ein Volk nicht nur oberflächlich kennen lernen, sondern wirklich studieren will, der muß trachten, ganz in diesem Volke aufzugehen und auf jedes Band, welches ihn davon abhält, verzichten können. Darum habe ich auf meinen Wanderungen stets die großen, ausgetretenen Straßen vermieden, allen hinderlichen europäischen Ballast von mir geworfen und mich auf mich selbst verlassen. Um dies zu können, muß man zwar viel Mühe auf die betreffenden Sprachen gewendet, sich überhaupt in jeder Beziehung tüchtig vorbereitet haben, auf manche Vorteile und Genüsse verzichten und weder Entbehrungen noch Widerwärtigkeiten oder gar Gefahren scheuen, aber wenn man diese Bedingungen erfüllt, dann kommt man auch mit ganz anderen Erfolgen heim, als wenn man auf dem breiten, bequemen Wege derer reist, denen ihre reichen Mittel oder fürstliche Protektionen alle Pfade ebnen und alle Hindernisse beseitigen. Es hätte nur eines Besuches beim Pascha oder der Vorstellung bei einem der hiesigen Konsulate bedurft, so wäre die Wohnungsfrage sofort erledigt gewesen, zumal der Name Kara Ben Nemsi in den hiesigen Militär- und Beamtenkreisen kein unbekannter war, aber ich wollte ja auf eigenen Füßen stehen und mich keinen lästigen Dankesverbindlichkeiten unterwerfen; darum hielt ich es für das Richtige, ganz wie damals einen gegen Bezahlung für uns und unsere Pferde passenden Aufenthalt zu suchen. Es war da sehr naheliegend, daß ich an den interessanten Polen dachte, bei dem wir zu jener Zeit gewohnt hatten und der mir so sympathisch gewesen war. Freilich, ob er noch lebte, und ob er, wenn dies der Fall war, sich noch in Bagdad und in demselben Hause befand, das schien mir sehr fraglich zu sein.

Ich war indes nicht der einzige, der sich dieses liebenswürdigen Wirtes erinnerte, denn als wir die Pferde vom Kellek an das Ufer gebracht hatten, sagte Halef:

»Das Floß ist nun für uns wertlos; kein Mensch kauft es uns ab; wir lassen es einfach hier liegen. Mag es nehmen, wer es haben will. Wohin aber werden wir uns nun wenden, Sihdi?«

»Das frage ich dich auch,« antwortete ich.

»Mir kommt da ein Gedanke, und ich hoffe, daß er dir gefallen wird.«

»Welcher?«

»Weißt du noch, bei wem wir damals gewohnt haben?«

»Natürlich!«

»Wollen wir wieder hin?«

»Ich habe ganz denselben Gedanken gehabt. Es sollte mir lieb sein, den Mann wieder anzutreffen.«

»Und seinen Diener, dem er unterthänig war!« lachte Halef.

Wer meinen Band »Von Bagdad nach Stambul« gelesen hat, wird sich dieses wohlbeleibten Dieners entsinnen und der Eigenartigkeit, in welcher er seine Pflichten auffaßte. Ich war sehr geneigt, anzunehmen, daß wenigstens er gestorben sei, weil er schon damals bei der Fülle seines Leibes zum Schlagflusse geneigt hatte. Wir hatten Zeit, und so war es auf keinen Fall ein Fehler, wenn wir das Haus aufsuchten, um zu erfahren, wer die jetzigen Bewohner desselben seien. Wir bestiegen also unsere Pferde und wendeten uns der Richtung zu, welche uns in die betreffende Gegend führen mußte.

Man wird sich errinnern, daß die betreffende Wohnung in den Palmengärten im Süden der Stadt lag. Wir fanden sie trotz der Zeit, welche inzwischen vergangen war, sehr leicht, hielten dieses Mal aber nicht an der schmalen Pforte, sondern vor dem Thore an, welches an der andern Seite des Gartens lag. Dort stiegen wir ab, und ich klopfte. Ich mußte das mehreremal thun, und es dauerte lange Zeit, ehe ich einen sehr langsamen, schlürfenden Schritt hörte, der sich von innen dem Thore näherte. Es befand sich eine kleine Lücke in demselben, welche geöffnet wurde. Wir sahen zunächst eine lange, spitze Nase erscheinen, noch viel spitziger, als sie früher gewesen war, und hierauf ein altes, fahles, sehr runzeliges Gesicht. Die blöd gewordenen Augen musterten uns durch die großen, runden Brillengläser, und mit dünner, zitternder Stimme wurden wir gefragt:

»Was wollt ihr hier?«

Ich erkannte ihn; es war unser damaliger Wirt, der einstige türkische Offizier polnischer Nationalität; er hatte damals noch keine Brille getragen und war inzwischen sehr gealtert. Wahrscheinlich kannte er mich nicht mehr. Da er sich des Arabischen bediente, antwortete ich ihm in derselben Sprache:

»Wohnst du allein in diesem Hause?«

»Warum willst du das wissen?« erkundigte er sich mißtrauisch.

»Weil wir dich bitten möchten, hier bei dir einkehren zu dürfen.«

»Ich habe keinen Platz für fremde Leute.«

»Wir wünschen die Wohnung nicht umsonst, sondern werden gern bezahlen.«

»Ich vermiete nicht. Auch sehe ich, daß ihr Pferde habt, für welche bei mir kein Raum vorhanden ist.«

»Du hast einen großen Hof. Ein Teil desselben ist überdacht; da haben viel mehr als nur zwei Pferde Platz.«

»Trzaskawica! Du kennst den Hof? Mensch, dir ist nun erst recht nicht zu trauen! Packt euch fort!«

Er wollte die Oeffnung schließen; ich verhinderte dies mit der Hand und beruhigte ihn:

»Du brauchst kein Mißtrauen zu hegen. Wir sind ehrliche Leute und haben dir Grüße zu bringen.«

»Grüße? Von wem?«

»Erinnerst du dich, daß einmal ein persischer Prinz mit zwei Frauen und Dienerschaft bei dir gewohnt hat?«

»Ja, ja,« antwortete er schnell. »Es war ein Effendi aus Deutschland mit seinem arabischen Begleiter dabei.«

»Dieser Deutsche wurde Kara Ben Nemsi genannt?«

»Ja. Kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn und habe dir Grüße von ihm zu überbringen.«

»So lebt er noch? Er war nur kurze Zeit bei mir, aber ich habe ihn sehr liebgewonnen. Sag schnell, wo er sich befindet und wie es ihm ergeht!«

»Ist es nicht besser, daß ich dir dies in deiner Wohnung sage?«

»Allerdings, allerdings! Kommt also herein! Ich werde euch öffnen.«

Das Pförtchen auf der andern Seite schien mehr als dieses Thor in Gebrauch zu sein. Er mußte alle Kraft seiner schwachen zitternden Hände anstrengen, um den Schlüssel im Schloß umzudrehen, und dann wollte sich der Flügel des Thores nicht in Bewegung setzen, sodaß wir von außen helfen mußten. Als er dann offen war, sahen wir den Alten grad wie damals in den riesigen Pantoffeln und dem langen, unten ausgefransten, ganz und gar abgetragenen Kaftan vor uns stehen. Ich schob, nachdem wir die Pferde hereingezogen hatten, das Thor wieder zu, verschloß es und gab ihm den Schlüssel.

»Kommt zunächst in den Hof!« forderte er uns auf und schlurfte dann mit seinen dürren Beinen durch die Gartenanlagen vor uns her, bis wir den Hof erreichten. Dort banden wir die Pferde an; dann führte er uns in den Hausflur, in dessen Hintergrund die uns bekannte Treppe aufwärts führte. Hier öffnete er die Thüre rechts, und wir traten in die Bibliothek, welche genau das frühere Aussehen und dieselbe Einrichtung hatte. Nachdem er uns aufforderte, mit ihm auf dem Diwan Platz zu nehmen, klatschte er nach orientalischer Sitte in die Hände. Ich war gespannt, welcher dienstbare Geist auf dieses Zeichen erscheinen werde. Ich konnte mir den ganz entsetzlich dicken Ganymed jener Zeit, der den Wein seines Herrn ausgetrunken und ihm dafür Wasser in die Flasche gegossen hatte, so deutlich vorstellen, als ob ich ihn erst gestern zum letztenmal gesehen hätte.

Der Wirt mußte noch verschiedenemal klatschen, und endlich, nachdem auch ich meine Hände sehr kräftig in Bewegung gesetzt hatte, öffnete sich die Thür, und es erschien – – – ja, das war er, er selber, aber viel, viel dicker noch, als er vordem gewesen war und in meinem Gedächtnisse gelebt hatte. Die Wangen hingen wie Säcke herab; unter den Augen bildete die Haut je einen blutrot schimmernden Beutel; es gehörte keine hervorragende Phantasie dazu, die dicken Lippen für Salamiwürste zu halten; die Aeuglein waren fast gar nicht mehr zu sehen. Nach unten wurde das Gesicht durch eine Unterkehle abgeschlossen, welche ganz gewiß das Gewicht eines fetten Bologneserschweinchens hatte, und nach oben durch einen Fes, aus dessen Fettflecken, wenn er ausgekocht wurde, sehr wahrscheinlich ein Kilo Hammeltalg gewonnen werden konnte. Die einzige Kleidung dieses menschlichen Thranfasses schien in dem von oben bis unten zugeknöpften, aber sehr zerrissenen Kaftan zu bestehen, der keine Farbe mehr hatte, aber doch in allen möglichen Farben glänzte. Dieses dünne, an vielen Stellen offene Gewand ließ die erstaunlichen Umrisse der elefantenartigen Arme und Beine deutlich erkennen. Und nun gar der Leib, der Leib! Diese Taille, diese Taille! Indem ich daran dachte, ihn später einmal beschreiben zu müssen, wollte es mir angst und bange werden. Das ausgewachsenste Walroß war ein hungriger Waisenknabe im Verhältnisse zu dem Umfange dieses Kascheloten in Gestalt eines türkischen Lakaien. Und die Füße! Die Pantoffel, in denen sie steckten! Das waren die schönsten Donaukähne mit Halbverdeck! Wäre ich Millionär gewesen, so hätte ich getrost mein ganzes Vermögen auf die Behauptung setzen dürfen, daß es diesem armen Manne unmöglich sei, sich nur zehn Zoll weit niederzubücken. Und dabei sollte er den Obliegenheiten eines Dieners nachkommen! Von einem richtigen, wirklichen Gehen konnte bei ihm keine Rede sein; die Fortbewegung war ihm nur durch ein steifes Vorwärtsschieben der Beine möglich. Stand ihm doch schon jetzt, wo er jedenfalls nichts weiter gethan als nur eine oder zwei Thüren göffnet hatte, der helle Schweiß auf der Stirn. Da war es freilich kein Wunder, daß der Herr in eigener Person hatte zu uns an die Pforte kommen müssen. Aber ein lieber, guter Kerl war er doch, dieser Dicke, denn sein Gesicht strahlte geradezu von Dienstwilligkeit, als er in vertraulich-devotem Tone fragte:

»Was willst du, Effendi? Du hast geklatscht. Schon wieder, schon wieder! Wann werde ich doch einmal in Ruhe gelassen werden! Aber befiehl nur getrost; ich werde gern thun, was du gebietest.«

»Kaffee und Tabak!« lautete die Antwort seines Herrn. »Du siehst, daß ich Gäste habe!«

»Kaffee? Allah, oh Allah!« seufzte der Dicke, indem er die Aeuglein verdrehte.

»Was wimmerst du denn? Mach schnell! Man setzt doch den Gästen Kaffee vor!«

»Ja, man setzt, man setzt, Effendi; das weiß ich wohl. Man setzt – – – nämlich, wenn man welchen hat.«

»Wie? Du hättest keinen?«

»Nein.«

»Aber du hast doch vorgestern sechs Piaster von mir verlangt, um welchen zu holen!«

»Das habe ich; ja, das habe ich, Effendi.«

»Und du hast Kaffee geholt?«

»Ja. Ich schwöre dir bei allen Propheten und Kalifen, daß ich welchen geholt habe.«

»Wo ist er denn hingekommen?«

»Er ist alle.«

»Alle? Ich habe doch gar keinen getrunken, meiner Augen wegen.«

»Oh, Effendi, zürne nicht; ich bin ganz unschuldig, denn grad meiner Augen wegen muß ich Kaffee trinken, um sie für deinen Dienst zu schärfen.«

»Aber für sechs Piaster in zwei Tagen!«

»Meinst du etwa, daß es umgekehrt sein soll, daß der treueste aller Diener in sechs Tagen für zwei Piaster Kaffee trinken soll? Und wieviel bekommt man für sechs Piaster? Wenn ich gehe, um Kaffee zu kaufen, muß ich auf dem Hinwege zweimal beim Kahwedschi einkehren, um mich zu stärken, und auf dem Heimwege wieder zweimal. Das kostet vier Piaster, bleiben also für den Einkauf nur zwei Piaster übrig. Wieviel bekommt man dafür? Du siehst ein, O Effendi, daß ich unschuldig, ganz unschuldig bin!«

»Aber ich muß meinen Gästen doch Kaffee vorsetzen lassen!«

»Ja, das mußt du, das mußt du ganz bestimmt. Gieb mir also wieder sechs Piaster, damit ich gehe, welchen zu holen!«

»Oh jazik – wehe! Wenn ich dich schicke, kehrst du wieder viermal ein und kommst erst heut abend wieder, um für zwei Piaster Binn zu bringen. Ich bin außer mir; ich weiß nicht, was ich machen soll!«

Da dieses halb zum Diener und halb zu mir gesprochen worden war, sagte ich begütigend:

»Mach dir keine Sorgen, Effendi! Wir hatten uns für unterwegs mit Kaffee versehen und haben welchen übrig, der in der Satteltasche steckt. Mein Begleiter wird in den Hof gehen, ihn zu holen.«

»Ich danke dir, Herr; du machst mir das Herz leicht und errettest mich von der Schande, meinen Gästen nicht den braunen, duftenden Trank der Gastlichkeit vorsetzen zu können. Dafür wirst du nun den besten Tabak, der hier in Bagdad zu haben ist, mit mir rauchen. Hol schnell die Tschibuks!«

Der Dicke, an den dieser Befehl gerichtet war, verdrehte die Aeuglein abermals nach innen, so daß sie ganz verschwanden, und rief in kläglichem Tone:

»Die Tschibuks? Allah'l Allah! Tabak, oh Tabak!«

»Klag nicht, sondern lauf! Beeile dich!«

»Effendi, ich bitte dich, nimm doch deinen Verstand, deinen ganzen Verstand zusammen! Warum soll ich mich beeilen, wenn es durch die Eile doch nicht anders wird?«

»Wieso nicht anders?«

»Es ist kein Tabak da.«

»Kein Tabak – –! Unmöglich! Der kann doch nicht auch schon alle geworden sein! Ich habe ja seit einer ganzen Woche keinen geraucht!«

»Ich auch nicht, Effendi. Du siehst also, daß ich unschuldig bin!«

»Aber du solltest doch vorgestern, als du Kaffee holtest, auch Tabak mitbringen! Ich habe dir zehn Piaster dazu gegeben.«

»Ja, das ist wahr; die hast du mir dazu gegeben.«

»Nun also, wo ist der Tabak?«

»Oh Tabak! Allahi, Wallahi, Tallahi!«

»Heraus mit der Sprache! Ich muß doch meinen Gästen Tschibuks geben lassen!«

»Ja, das mußt du allerdings, Effendi. Ich bitte also um zehn Piaster, um welchen zu holen.«

»So hast du also noch keinen geholt?«

»Nein.«

»Aber wo ist das Geld dafür?«

»Effendi, wenn du mich anhörst, so wirst du sofort erfahren, daß ich ganz unschuldig bin. Du weißt, daß ich nur selten rauche, denn eine Prise Naschuk ist weit bekömmlicher als eine Pfeife voll Duchan . Nun war ich dem Dachachni grad zehn Piaster für Schnupftabak schuldig geblieben, und er mahnte mich. Er drohte sogar, mir nie wieder zu borgen, und so habe ich ihm das Geld gegeben.«

»Für Schnupftabak?«

»Nein, Effendi. ich habe die Schuld bezahlt und mir dann wieder für zehn Piaster geborgt.«

»Das ist ganz dasselbe, als ob du dir Schnupftabak dafür gekauft hättest. Du hast das Geld also für deine Nase anstatt für meine Tschibuks verwendet!«

»Effendi, zürne nicht, sondern denke nach, so wirst du erkennen, daß ich unschuldig bin! Soll der Tabakshändler etwa im Kaffeehause erzählen, daß der Diener eines so vornehmen Mannes, wie du bist, seine Schulden nicht bezahlen könne? Soll er dadurch dein Angesicht vor allen Leuten schamrot machen? Wenn du alle guten Kräfte deines Verstandes und deiner Weisheit zusammenrufst, so werden sie dir sagen, daß ich nicht auf das Glück meiner Nase gesehen habe, sondern für den guten Leumund deines berühmten Namens bedacht gewesen bin. Ich bin überzeugt, daß du nun nicht mehr an meiner vollständigen Unschuld zweifelst!«

Der stets unschuldige Dicke blickte seinen Herrn vorwurfsvoll an, und dieser sah mir dann so ratlos ins Gesicht, daß ich ihm erklärte:

»Sorge dich nicht um den Tabak, Effendi! Ich habe welchen einstecken. Dein Diener – – wie wird er eigentlich genannt?«

»Kepek ist sein Name.«

»Also dein Kepek mag die Tschibuks bringen; unterdessen wird mein Begleiter den Kaffee und den Tabak holen.«

»Wie gütig bist du, o Herr! Nur durch deine Freundlichkeit ist es mir möglich, die Pflichten zu erfüllen, welche ich euch schuldig bin.«

Halef entfernte sich; Kepek aber ging noch nicht. Er drehte seine dicken Arme verlegen hin und her und ließ die Unterlippe hängen, so daß man den letzten Zahn, der ihm von allen zweiunddreißig übrig geblieben war, in seiner ganzen Größe erblickte.

»Was willst du noch?« fragte ihn sein Herr.

»Du sprichst von Tschibuks, Effendi,« antwortete er, »und wir haben doch nur einen, aus welchem wir beide rauchen.«

»Wir hatten aber doch zwei!«

»Das ist schon lange her. Ich habe den einen stets dazu gebraucht, das Feuer des Herdes anzublasen, und da ist er mir nach und nach von unten herauf verbrannt.«

»Aber ist denn der Tschibuk da, als Körük zu dienen?«

»Nein; aber um zu beweisen, daß ich unschuldig bin, brauch ich dir nur zu sagen, daß ich mich nicht gut bücken kann; der Tschibuk aber fühlt keine Schmerzen, wenn ich ihn ins Feuer halte. Das wirst du einsehen, o Effendi!«

»So geh, und hole die Pfeife!«

Es versteht sich ganz von selbst, daß mich dieses Verhältnis zwischen Herr und Diener außerordentlich belustigte. Daß der erstere gegen den letzteren so große Nachsicht zeigte, mußte seine Gründe haben. Ich erinnerte mich, daß der Pole mir damals gesagt hatte: »Er war schon mein Diener, als ich noch Offizier war. Vielleicht erzähle ich noch, warum ich mit ihm so nachsichtig bin. Er hat mir große Dienste geleistet.«

Also Kepek hieß der Dicke. Das ist ein türkisches Wort, welches zu deutsch »Kleie« bedeutet. Gar nicht so übel! Es giebt gewisse Geschöpfe, welche man mit Kepek füttert, um sie fett zu machen. Vielleicht war der sonderbare Lakai von diesem seinem Namen so rund und schwabbelig geworden. Da aber fielen mir die damaligen Worte seines Effendi ein: »Er ißt und trinkt das meiste selbst, und erst was er übrig läßt, das bekomme ich.« Da war es freilich kein Wunder, daß der eine zu wenig von der Fülle besaß, in welcher der andere fast ersticken mußte.

Jetzt kam Halef mit dem Kaffee und dem Tabak; er brachte auch unsere Pfeifen mit, wodurch der Pole aus der letzten Verlegenheit gerissen wurde, denn wenn wir nicht mit Tschibuks versehen gewesen wären, hätten wir zu dreien aus dem seinigen rundum rauchen müssen. Und da trat auch »Kleie« wieder herein und pustete außer Atem auf seinen Herrn zu, um ihm die Pfeife zu bringen. Als er dies schwere Werk vollbracht hatte, lustwandelte er wieder hinaus, machte aber die Thüre nicht zu, sondern lehnte sie bloß an. Ich war überzeugt, daß er draußen vor derselben stehen blieb, um seine Kräfte zu schonen und keinen Weg zurücklegen zu müssen, falls sein Herr wieder klatschen sollte. Was sollte da aus dem Kaffee werden? Den schien er ganz vergessen zu haben, obwohl er den Beutel mit unseren Bohnen sehr liebevoll hinter den Kaftan in seinen Busen geschoben hatte.

Als wir die Tschibuks gestopft und in Brand gesteckt hatten, begann der einstige Offizier:

»Also Grüße habt ihr von dem persischen Prinzen zu bringen, welcher Hassan Ardschir-Mirza hieß? Er war ein sehr vornehmer Herr und gehörte vielleicht gar zur Familie des Schah-in-Schah!«

Da schob Kepek der Dicke den Kopf zur Thür herein und sagte:

»Ja, er war ganz gewiß von hoher Abkunft, denn er hat mir, ehe er fortging, drei goldene Tumahns als Bakschisch gegeben.«

Er zog den Kopf zurück, und sein Herr fuhr, ohne ihm einen Verweis gegeben zu haben, fort:

»Ich habe Gründe, gegen keinen Perser gastfrei zu sein; diesem aber öffnete ich mein Haus, weil er mir von dem Deutschen Kara Ben Nemsi gebracht wurde, den ich gleich, sobald ich ihn sah, lieb gewann.«

Da steckte Kepek den Kopf wieder herein und rief.

»Auch mir gefiel er sehr, denn er hat mir zwei goldene Tumahn Bakschisch gegeben.«

Ich hatte damals die Gastfreundschaft unseres Wirtes allerdings durch dieses Trinkgeld von sechzehn Mark an seinen Diener vergelten können, weil Hassan Ardschir-Mirza sehr freigebig gegen mich gewesen war. Das fettglänzende Gesicht verschwand wieder hinter der Thür, und der Wirt sprach weiter:

»Ein sonderbarer Mann war der Inglisi, der immer nur von Ausgrabungen sprach; aber reich mußte er sein, sehr reich, denn ich habe dann gehört, daß er die ganze kostbare Habe des Prinzen gekauft hatte.«

Da erschien das Gesicht Kepeks abermals, und wir hörten die freudige Bestätigung:

»Ja, er war sehr reich, denn er hat mir als Bakschisch einen goldenen Lira inglisi gegeben, für welchen ich hundertundzwanzig Piaster erhalten habe.«

»Das sind zusammen dreihundertsechzig Piaster, die du als Bakschisch erhalten hast. Hast du sie noch?« fragte sein Herr.

»Nein.«

»Wo hast du sie?«

»Sie sind alle geworden, fort, weg, für Schnupftabak.«

»Niegrzecznosc! Soviel Geld für Schnupftabak!«

»Zürne ja nicht, Effendi, und rege dich nicht unnütz auf! Wenn du nachrechnest, welche lange Zeit seitdem vergangen ist, wirst du gewiß einsehen, daß ich unschuldig bin.«

Nach diesen Worten zog er seinen Kopf wieder zurück. Halef, der heißblütige, hatte keine Geduld, zuwarten, bis ich den Augenblick für gekommen halten würde, mich zu erkennen zu geben; er fragte:

»Hast du niemals wieder etwas von denen gehört, welche damals bei dir wohnten?«

»Von den Persern und dem Inglisi nicht, wohl aber von den beiden andern. Ich lebe sehr einsam und verlasse dieses Haus nur selten; aber Kepek pflegt, wenn er geht, um Einkäufe zu machen, in den vier Kaffeehäusern einzukehren, von denen er vorhin gesprochen hat. Dort sitzen die Männer und erzählen von den Wundern und Thaten vergangener Zeiten, von großen Feldherren und von anderen Helden. Auch von den Ereignissen der Gegenwart wird gesprochen, wenn sie wichtig sind, zumal wenn sie sich in der hiesigen Landschaft abgespielt haben. Da hat er auch einigemal von dem Emir aus Almanja und seinem arabischen Begleiter gehört, welche meine Gäste gewesen sind. Diese beiden Männer sind unvergleichliche Jäger und die berühmtesten Krieger der ganzen Dschesireh. Wenn sie ihn angreifen, muß der stärkste Löwe sein Leben lassen, und vor ihrer Tapferkeit, ihrem Mute, ihrer List und ihren Gewehren fürchten sich alle Stämme, welche zwischen dem Grenzgebirge und der Wüste wohnen. Dieser Kara Ben Nemsi soll sogar verzauberte Gewehre besitzen, deren Kugeln gar nicht geladen zu werden brauchen und doch niemals ihr Ziel verfehlen. Ich halte das natürlich für Aberglauben; aber wenn sich so eine Legende hat bilden können, müssen er und sein Halef, ohne welchen er noch nie gesehen worden ist, doch ganz außerordentliche Männer sein.«

Bei diesen Worten glänzte das Gesicht meines kleinen Hadschi vor Entzücken; seine Augen strahlten, und seine Stimme klang jubelnd, als er fragte:

»Halef? Heißt er nur so? Kennst du denn nicht seinen ganzen Namen?«

»Ich kenne ihn; er lautet, soviel ich mich erinnere, Hadschi Halef Omar.«

»Oh, nein; das ist nur der Anfang desselben. Dieser größte und berühmteste Krieger unter allen Stämmen der Beduinen heißt Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Und das ist noch lange nicht sein vollständiger Name, denn er könnte ihn infolge seiner unzähligen und glanzvollen Ahnen, Urahnen und Großvätersururahnen so ausdehnen, daß er von der Erde bis hinauf zum Himmel und dann von diesem wieder sechsmal bis herunter zur Erde reichte.«

Der Alte kannte jedenfalls die beduinische Ansicht, daß ein Mann um so mehr zu ehren sei, je länger sein Name ist, und daß daher ein jeder, der etwas aus sich machen will, an seinen eigenen Namen so viele Namen seiner Vorfahren, als er kennt oder auch nicht kennt, anzuhängen pflegt. Daher fiel ihm die lange Reihe, welche Halef genannt hatte, gar nicht auf; auch ging er über die vielfache Entfernung zwischen Himmel und Erde, nur einmal hinauf aber sechsmal herunter, hinweg und meinte:

»Ich möchte wissen, ob es wahr ist; man sagt nämlich, daß dieser Halef ursprünglich ein ganz armer, unbekannter Mann gewesen sei und es aber durch seine Tapferkeit bis zum obersten Scheik der Haddedihn gebracht habe.«

»Was man da gesagt hat, ist wahr; ich kann es bezeugen,« bestätigte Halef.

»Oder liegt vielleicht nur eine zufällige Gleichheit der Namen vor?«

»Nein. Hadschi Halef Omar, der größte Held in Asien und Afrika, und Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar, sind eine und dieselbe Person. Würdest du diesen Besieger aller bisherigen Helden erkennen, wenn er wieder einmal zu dir käme?«

»Das bezweifle ich, denn meine alten Augen sind sehr matt und schwach geworden.«

»Auch nicht an der Stimme?«

»Ich weiß es nicht. Um sich die Stimme eines Menschen zu merken, muß man lange mit ihm beisammen gewesen sein; dieser Hadschi Halef Omar aber war nur sehr kurze Zeit bei mir. Auch ist er mir damals gar nicht so aufgefallen, daß sein Gesicht und seine Stimme sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hätten.«

»Nicht aufgefallen? Was höre ich! Erlaube, daß ich im höchsten Grade erstaunt bin! Ein siegreicher Held, wie dieser unvergleichliche Scheik der Haddedihn ist, besitzt doch eine so unerforschliche Tiefe der Einprägung, daß seine Stimme durch die festesten und härtesten Felsen des Erdbodens klingt und sein Gesicht auch mit dem schärfsten Messer nicht aus dem Ruhmesreichtum seiner Vergangenheit und dem verehrungsvollen Gedächtnisse seiner Bewunderer herausgeschnitten werden kann. Alle Krieger der feindlichen Stämme und alle wilden und reißenden Tiere des Gebirges haben sich sein Gesicht gemerkt und nehmen sofort Reißaus, sobald sie ihn sehen oder seine gewaltige Stimme hören. Und du, welcher die große Ehre hatte, ihn hier in diesem Hause kennen zu lernen und die Herrlichkeit seiner Vorzüge einzuatmen, hast ihn vergessen können? Ich bin erstaunt darüber, so erstaunt, daß es keine Sprache giebt, welche Worte genug besitzt, die Wortlosigkeit meiner Verwunderung in Worte zu kleiden! Sieh hier diesen berühmten Emir Kara Ben Nemsi Effendi an! Auch er wird dir sagen, daß die Schwäche deines Gedächtnisses zwar niemals die glänzenden Strahlen meiner Erleuchtung – – –«

Er wurde unterbrochen. Der kleine, mit dem Lobe seiner selbst so gern freigebige Kerl hatte unbedachtsamerweise meinen Namen genannt; da horchte der Wirt zunächst verwundert auf und fiel ihm dann hastig in die Rede:

»Dieser Emir Kara Ben Nemsi Effendi hier, sagst du? Habe ich richtig verstanden?«

»Allah Wallah!« lachte Halef halb verlegen. »Da ist mir freilich mein Sihdi ganz plötzlich aus dem Munde gefahren, obwohl ich glaubte, daß er fest und sicher darin stecken bleiben würde. Schau dir ihn an! Auch ihn hast du nicht wiedererkannt!«

»Maschallah – Gott thut Wunder! So seid ihr es also beide! Du bist Hadschi Halef Omar, und er ist Hadschi Kara Ben Nemsi Effendi aus Dschermanistan?«

»Ja, das sind wir; er ist wirklich er, und ich bin wirklich ich; wir sind nicht zu verwechseln und mit keinem Menschen zu vertauschen.«

»So heiße ich euch hochwillkommen und sage euch, daß alle Räume meines Hauses und mein ganzes Eigentum euch so lange, wie es euch beliebt, zur Verfügung stehen!«

Er war aufgesprungen, drückte uns die Hände und zeigte eine Freude, welche um so rührender war, als die Kürze unseres damaligen Aufenthaltes bei ihm uns gar nicht zu der Annahme berechtigte, daß er uns eine solche Zuneigung aufbewahrt habe. Ich glaubte, annehmen zu müssen, daß hier noch ein besonderer, mir unbekannter Grund vorliege, sich über dieses unerwartete Wiedersehen zu freuen. Und er war es nicht allein, der diese Freude hegte, denn die Thüre wurde jetzt kräftig und sperrangelweit aufgestoßen, und Kepek, die »Kleie«, kam auf uns zugeeilt, so schnell es ihm seine ungeheure Fettpolsterung erlaubte. Er streckte mir beide Hände hin und rief mit seiner hohen, leberthranigen Stimme:

»Hamdulillah für die große Freude, die mir heut von euch bereitet wird! Emir, ich habe, wie du wohl gehört haben wirst, die zwei goldenen Tumahns nicht vergessen, die du mir gegeben hast. Sie sind zwar in Gestalt von Schnupftabak in meine Nase eingegangen, aber dennoch nicht verschwunden, denn sie stiegen mir von da aus in das Herz hinunter, wo sie noch heute liegen als Andenken an die Freundlichkeit, mit welcher ihr an meinen leeren Beutel dachtet. Mein Effendi hat euch schon willkommen geheißen, nun gebe auch ich euch die Versicherung, daß uns keine größere Freude bereitet werden konnte, als durch eure Ankunft hier, denn wir haben seit jener Zeit stets gewünscht, euch wiederzusehen, um euch in eine Sache einzuweihen, über welche wir unsere Köpfe ganz vergeblich fast zerbrochen haben.«

Ah, also doch ein besonderer Extragrund für die Freude, welche uns entgegengebracht wurde. Das Verhältnis zwischen Herr und Diener war sichtlich ein so intimes, daß ich mich gar nicht bedachte, dem Dicken die Hände zu drücken, was freilich nicht mit einem einmaligen Griffe, sondern nur nach und nach geschehen konnte, denn diese Pranken hatten infolge ihrer Fettwattierung einen solchen Umfang angenommen, daß ein halbes Dutzend Bären während des Winterschlafes von ihnen hätten zehren können.

»Ja, so ist es,« stimmte der Pole bei. »Ich habe dich, Effendi, um einen guten Rat zu bitten, denn es giebt keinen Menschen außer dir, dem ich mich anvertrauen könnte und möchte.«

»Wenn es mir möglich ist, ihn zu geben, sollst du ihn haben; aber warum bin grad ich dieser Mensch?«

»Weil ich dich für den einzig Richtigen halte, an den ich mich zu wenden habe. Alles, was über dich erzählt wird, und ich dann durch Kepek erfahren habe, giebt mir die Ueberzeugung, daß ich mich nicht vergeblich an dich wenden werde. Wie dein Mut unüberwindlich, deine Hand stark und deine Tapferkeit unbesiegbar ist, so besitzest du auch eine nie erlahmende Willenskraft und eine List, die über alle Klugheiten anderer triumphiert. Und daß grad du es bist, der zu mir kommt, das vollendet die Festigkeit meiner Zuversicht, daß du dich mit Erfolg der betreffenden Angelegenheit annehmen wirst. Euer Kommen macht mich glücklich, denn es wird mir die Ruhe meines Herzens wiedergeben, die ich verloren habe.«

»Und mir die Kraft der gesunden Verdauung, welche mir abhanden gekommen ist,« fügte Kepek mit trübseliger Miene hinzu. »Mein Magen nahm früher alles an, was ihm geboten wurde; aber nun schon seit Jahren versagt er mir den Dienst, und ich darf ihm kaum soviel aufzwingen, wie unbedingt erforderlich ist, mich am Leben und zur Not aufrecht zu erhalten. Ich fühle, daß ich eines langsamen und darum qualvollen Hungertodes sterbe, und bin überzeugt, daß Allah dich, o Emir, zu meiner Rettung nach Bagdad gesandt hat.«

Ich hätte laut auflachen mögen, denn diese seine bittere Klage war wirklich ernst gemeint, hütete mich aber, ihm meine heimliche Heiterkeit merken zu lassen. Auch sein Herr verzog keine Miene über diese Jammerlaute und gab ihm den Befehl:

»Wir müssen zeigen, daß uns diese beiden Gäste hochwillkommen sind. Laufe, eile, springe, Kepek, um ihnen und uns ein gutes Mahl zu bereiten! Die Zeit des Mittagessens ist schon längst vorüber.«

Laufe, eile, springe! Welch eine Aufforderung an diesen Koloß, dessen Gestalt und Gewicht nur vorhanden zu sein schienen, die Lehre von der Schwere und Beharrlichkeit bis zur höchsten Evidenz zu beweisen. Er machte auch wirklich keine Miene, auch nur einen Schritt zu thun, sondern schüttelte nur langsam und höchst verwundert den Kopf und hielt den Blick dabei mit sichtbarem Vorwurfe auf seinen Gebieter, der aber doch nicht sein Gebieter war, gerichtet.

»Nun, was stehst du noch da?« fragte dieser. »Weißt du nicht, was man thut, wenn man für so liebe und willkommene Gäste zu sorgen hat?«

»Ja, das weiß ich wohl ganz gut!«

»So beeile dich also, und bereite das Essen!«

»O Allah, o Mohammed! Ich soll mich beeilen, wo die Eile doch gar nichts ändern kann!«

»Woran denn nicht?«

»An dem gänzlichen Mangel der Vorräte. Wenn nichts vorhanden ist, kann man nichts kochen und nichts braten.«

»Nichts vorhanden?« fragte der Alte erstaunt.

»Nichts, gar nichts!«

»Aber du hast doch vorgestern, als du Kaffee und Tabak holtest, einen halben Hammel mitgebracht?«

»Ja, das hab ich.«

»Und ein Huhn?«

»Das war nicht nur ein Huhn, sondern sogar ein junger Hahn, der zarteste und leckerste unter dem vorhandenen Geflügel.«

»Und Reis, Butter, Tomaten und Gewürz?«

»Auch alles das,« nickte er.

»Und Mehl zum Brote?«

»Davon habe ich eine ganze Okka gebracht.«

»So hast du ja alles, um ein gutes Mahl herzustellen!«

»O Effendi, du beliebst zu scherzen! Alles das, was du jetzt aufgezählt hast, ist verzehrt worden, ist rund und rein alle geworden.«

»Do wierzenia niepodobny! Wer soll es denn gegessen haben?«

»Ich!«

»Du? Da müßtest du ja den Magen eines Kelb el Bahr haben!«

Da zog der Dicke seine wehmütigste Miene und sagte:

»Effendi, Allah verzeihe es dir, daß du mich mit so einem Ungeheuer des Meeres vergleichst! Hast du denn nicht vorhin gehört, was ich gesagt habe? Dieser berühmte Emir Kara Ben Nemsi Effendi und dieser tapfere Scheik Hadschi Halef Omar haben beide es vernommen; sie werden mir als Zeugen dienen, daß ich fast gar nichts mehr genießen kann, weil mein armer Magen schwach und dünn wie eine Seifenblase ist, die in jedem Augenblicke zu platzen droht.«

»Und bei dieser Magenschwäche hast du einen halben Hammel, einen jungen Hahn und eine Okka Mehl ganz allein aufgegessen? Denn was ich davon bekommen habe, das ist gar nicht zu rechnen!«

»Allah! Du versenkst mein Herz in Kummer und meine Seele in Trübseligkeit! Was ich gethan habe, das habe ich aus Liebe und Aufopferung für dich gethan. Der Hammel hatte vor schon so vielen Tagen den Tod erlitten, daß sein Duft sich nach der Beerdigung zu sehnen begann. Konnte ich da dir ihn zu essen geben?«

»Warum hast du ihn stinkend gekauft?«

»Weil. ich nicht beim Kassab war, als er noch nicht stank.«

»So hättest du einen frischen nehmen sollen!«

»Es war keiner da. Es stank das ganze Fleisch, welches bei ihm hing.«

»Warum bist du da nicht zu einem andern Kassab gegangen?«

Da verdrehte der Dicke in mitleidiger Verwunderung die Aeuglein, schlug die Hände zusammen, daß es einen Klatsch wie von einem zerreißenden Groß-Bramsegel gab, und rief aus:

»Allah beschütze mich! Zu einem andern Kassab gehen! Sieh mich an, Effendi! Bin ich ein Windhund, daß du mir zumutest, von einem Fleischer zum andern zu hetzen? Bedenke doch, daß ich sofort tot bin, wenn ich den Atem verliere, ohne daß er wiederkommt! Auch weißt du genau, daß ich nicht nur zum Fleischer, sondern noch in andere Dekahkin zu gehen hatte. Wo soll da die Zeit zum Herumlaufen herkommen, zumal ich doch meine gewohnten vier Tassen Kaffee unterwegs trinken mußte.«

»Das konntest du einmal lassen!«

»Lassen? Unmöglich, ganz unmöglich, Effendi! Du hast ja heut erfahren, wie hochwichtig es ist, daß ich täglich diese vier Kaffeestuben besuche, um dir alle Neuigkeiten zu bringen, welche ich erfahre. Wenn ich das nicht thäte, hättest du nie etwas über diese beiden erleuchteten Männer erfahren, welche hier vor uns stehen. Ich muß das thun, unbedingt thun, und du wirst also erkennen, daß dein Vorwurf mich ganz ungerecht trifft, weil ich unschuldig, vollständig unschuldig bin.«

»Nun gut, so will ich gegen diesen Punkt nichts mehr sagen, aber daß wir heut nichts mehr zu essen haben, das wenigstens brauchte nicht zu sein. Ich war überzeugt, daß das Fleisch für diese ganze Woche ausreichen werde.«

»Für diese ganze Woche! Allah, Allah, dein Rat ist unerforschlich! Was hast du doch für sonderbare Gedanken zugelassen. Wenn ein halber Hammel für eine ganze Woche langen soll, was kommt da auf den Tag? Und wenn das Fleisch schon beim Einkaufe den Duft der Leichen hat, wie soll es dann wohl erst nach einer Woche riechen! Es war schon jetzt nicht mehr zum essen. Ich aber habe es dennoch mit Besiegung alles Widerwillens und mit Zusammenfassung meiner ganzen Selbstbeherrschung gebraten und verspeist, damit nicht du gezwungen seist, die traurige Wirkung einer solchen Speise an deiner Gesundheit zu verspüren. Ich habe also in reiner Aufopferung für dich gehandelt und die größte Anerkennung von dir verdient. Ich bin auch in diesem Punkte so unschuldig, wie ich immer bin, wenn mich ungerechte Vorwürfe von dir treffen; aber anstatt daß ich dein Lob dafür ernte, muß ich Worte des Tadels und des Zornes hören. Es ist wirklich nicht leicht, sowohl der Diener als auch der Koch eines Mannes zu sein, der einen halben Hammel auf eine ganze Woche auseinanderzerren will und dem Verdienste seines treuen Untergebenen die mit großen Schmerzen erwartete Anerkennung versagt!«

Der Alte schien von diesem Vorwurfe gerührt zu sein, denn er sprach in mildem Tone:

»Lassen wir den Hammel sein; aber wenigstens brauchte der junge Hahn doch nicht so schnell zu verschwinden!«

»Sprich nicht von ihm; ich bitte dich! Es war ihm so im Buche des Lebens vorgezeichnet. Er war an demselben Tage wie der Hammel geschlachtet worden; ich hatte beide zu derselben Stunde gekauft; sie waren miteinander nach Hause geschafft und auf demselben Herde nebeneinander gebraten worden; daraus folgt doch, daß sie auch miteinander verspeist werden mußten. Dagegen war nichts zu wollen, nichts zu sagen und nichts zu thun. Außerdem hat der Hahn mich ganz gewiß vom Tode errettet. Nämlich als der Hammel den Weg seiner Bestimmung gegangen war, verfiel mein armer Magen in einen solchen Zustand der Erbärmlichkeit, daß ich von dieser Erde abzuscheiden gedachte und deutlich fühlte, daß es mir bestimmt sei, infolge des Genusses dieses verdorbenen Fleisches zu den Vorvätern meiner Urahnen versammelt zu werden. Ich sterbe gern und habe keine Angst vor dem Tode, weil nach demselben die ewigen Freuden des Paradieses folgen; aber ich dachte an dich und was mit dir werden solle, wenn ich, der Gefährte deines Alters und die einzige Stütze deiner Lebenstage, dich verlassen müsse. Ich gedachte meiner unvergleichlichen Anhänglichkeit und Liebe zu dir, meiner Pflicht, dir den Abend deines Daseins zu verschönern, und ging in mein Inneres hinein, um den festen Entschluß zu fassen, mich dir noch zu erhalten und bei dir auszuharren trotz der immerwährenden Betrübnis, daß du mir stets unrecht giebst. Ich mußte also das Elend meiner Verdauung überwinden, was nur dadurch geschehen konnte, daß ich meinen schon halb abgeschiedenen Magen wieder zurückrief, indem ich ihn durch den jungen Hahn verlockte, es noch einmal mit der Erfüllung seiner irdischen Verpflichtungen zu versuchen. Dies ist mir gelungen, und aus Freude darüber habe ich ihn dann durch die wohlverdiente Gabe des neubackenen Brotes belohnt, welches du ihm leider nicht zu gönnen scheinst. Wenn du mir nun Vorwürfe darüber machst, daß ich mich und dich errettet habe, so sind sie unverdient, denn ich bin an dem Verschwinden der Speisen so unschuldig wie ein harmloser Ziegenbock, den man beschuldigt, ein Kamel gefressen zu haben, während es doch der Löwe gewesen ist. Weiter habe ich dir nichts zu sagen, Effendi; nun thue, was du willst.«

Diese lange und energische Auseinandersetzung erreichte ihren Zweck. Der Alte schien von dem »Gefährten seines Alters, der einzigen Stütze seiner Lebenstage und der abendlichen Verschönerung seines Daseins« gerührt worden zu sein, denn er nickte ihm gütig zu und sagte:

»Ich will dich nicht betrüben und meine Vorwürfe also zurücknehmen; aber das ändert unsere Lage nicht. Wir müssen essen und haben aber nichts.«

»O Allah, Allah! Welche Kürze der Gedanken und welcher Mangel der erforderlichen Geistesgegenwart! Wenn du den guten Rat befolgst, welcher mir auf den Lippen schwebt, so wird alle Not sofort ein Ende haben.«

»Was rätst du mir?«

»Gieb mir wieder Geld, so gehe ich, um zu holen, was wir brauchen!«

»Und kommst vor heut abend nicht zurück.«

»Meinst du denn, daß der Hunger dieser beiden Männer, welche unsere Gäste sind, so groß ist, daß sie nicht bis zum Abend warten können?«

»Welche Frage! Gäste darf man niemals warten lassen, gleichviel, ob sie Hunger haben oder nicht.«

»Das kann ich allerdings auch nicht ganz in Abrede stellen; aber ich muß doch meine vier Kaffeehäuser besuchen, um zu erzählen, daß der unvergleichliche Emir Kara Ben Nemsi Effendi und der tapfere Hadschi Halef Omar zu uns gekommen sind und bei uns wohnen. Da werde ich Hunderte von Fragen zu beantworten haben und kann unmöglich eher wiederkommen, als bis es dunkel geworden ist.«

Wenn ein europäischer Diener diese Worte hervorgebracht hätte, so wäre er einfach für verrückt gehalten worden; dieser wunderbare Kepek aber hielt sich für wirklich und vollständig berechtigt, uns hungern zu lassen und seinen Bummel auszuführen. Sein Herr schien in seiner grenzenlosen Güte und Nachsicht nicht zu wissen, was er sagen solle, und so hielt ich es für an der Zeit, nun auch einmal das Wort zu ergreifen, doch kam mir Halef zuvor, was mir gar nicht unlieb war, weil es mir widerstebte, dem sonderbaren Dicken Dinge zu sagen, die ihm nicht angenehm sein konnten. Mein kleiner Hadschi hatte schon längst die Geduld verloren; darum befürchtete ich, daß er sich, obgleich er Gast war, in seiner gewohnten, kräftigen Weise ausdrücken werde, doch sah ich bald zu meiner Beruhigung, daß er sich zu beherrschen wußte. Er stand auf, klopfte dem stets unschuldigen Schuldigen vertraulich auf die Schulter und fragte ihn:

»Verzeihe mir, o Freund der halben Hammel und der ganzen jungen Hähne! Kannst du mir sagen, wer der Herr dieses Hauses ist?«

»Dieser Effendi, dem ich diene,« lautete die Antwort.

»Ah, du bist also sein Diener?«

»Ja.«

»Wer hat zu gehorchen, der Diener oder der Herr?«

»Der Diener natürlich.«

»Schön, du hungrigster unter allen Köchen der Erdenländer! Du hast also nicht zu thun, was dir beliebt, sondern was die Gastfreundschaft deines Herrn erfordert, und diese heischt von ihm, daß seine Gäste sobald wie möglich zu essen bekommen. Willst du dann später in die Kaffeehäuser gehen, so thue es; ich habe dir nichts zu befehlen; aber wenn du dort von uns sprichst – – – paß wohl auf, was ich dir jetzt sage! – – – wenn du dort von uns sprichst, wenn du nur ein einziges Wort davon sagst, daß wir in Bagdad sind und wo wir uns befinden, so bist du morgen früh eine Leiche, eine die ganze Nacht hindurch langsam und allmählich totgemordete Leiche!«

Der Dicke fuhr vor Schreck einige Schritte so schnell, wie ich es ihm gar nicht zugetraut hätte, zurück. Bis herab zur Unterkehle erblassend, wiederholte er stammelnd die letzten Worte:

»Eine – – die ganze Nacht hindurch – – – langsam und allmählich – – – totgemordete – – – Leiche – – –!«

»Ja,« nickte Halef sehr ernst.

»Aber – – – aber – – – warum tot – – –? warum ermordet – – –? warum Leiche – – –?«

»Das will ich dir erklären. Wir haben Feinde, welche uns verfolgen, welche uns in Bagdad suchen. Wenn sie uns finden, giebt es einen Kampf; wir beide werden zwar siegen, aber das Haus, in welchem wir wohnen, wird die Folgen zu tragen haben; man wird die Bewohner sehr wahrscheinlich langsam zu Tode martern.«

»Zu – – Tode – – martern – –! Allah behüte mich vor dem Teufel, vor dem Tode und vor allen Menschen, welche mich um das Leben bringen wollen! Es fällt mir gar nicht ein, die Kaffeehäuser zu besuchen, solange ihr euch hier befindet! Ich werde den Mund halten und keinem einzigen Geschöpfe verraten, wo ihr seid! Am liebsten blieb ich im Hause und ginge gar nicht über die Grenzen unsers Gartens hinaus!«

»Das ist recht gedacht von dir. Ich bin bereit, dir diese mutige Zurückgezogenheit zu erleichtern, indem ich selbst gehen werde, um einzukaufen, was wir nötig haben. Du magst dich inzwischen vorbereiten, sofort Feuer machen zu können, wenn ich wiederkehre. Komm mit mir in die Küche!«

Sie gingen. Als sie fort waren, erkundigte sich der Wirt im besorgten Tone:

»Hadschi Halef Omar hat auf alle Fälle übertrieben; aber sag, habt ihr wirklich Feinde, welche euch verfolgen?«

»Wir sind allerdings mit Männern zusammengetroffen, welche uns so feindselig behandelten, daß wir ihnen die Peitsche schmecken ließen. Es waren Perser,« antwortete ich.

»Ah, also auch Perser!«

»Ja. Sie glühen vor Rache, und da sie wissen, daß wir in Bagdad sind, werden sie nach uns forschen, um eine Gelegenheit zu finden, uns die Schläge zu vergelten, welche sie bekommen haben. Wir fürchten uns natürlich nicht im mindesten. Halef hat die Sache übertrieben, um deinem Diener aus naheliegenden Gründen Angst zu machen. Dieser Kepek scheint ziemlich furchtsam zu sein.«

»Da irrst du dich, Effendi. Er ist Onbaschi gewesen und war einer der brauchbarsten und furchtlosesten Unteroffiziere. Bei dieser Gelegenheit magst du erfahren, daß ich Dozorca heiße und als Bimbaschi entlassen worden bin. Kepek ist jetzt alt und bequem geworden; früher gewandt, beweglich und stets zum Raufen bereit, hat er durch seine geradezu ungeheuere Körperdicke den Anschein des Gegenteiles erhalten, und es mag sein, daß die Liebe, mit welcher er an mir hängt, und die Sorge, welche er stets um mich hat, auch mit dahin gewirkt haben, daß er bedächtiger erscheint, als er früher war, und also erschrickt, wenn er meint, daß wir Gefahren ausgesetzt sind. Er hat mich schon mehreremal mitten aus den Feinden herausgehauen und mir auch sonstige Dienste geleistet, welche mich über seine Schwächen wegsehen lassen, und ich bin überzeugt, daß er, wenn es nötig wäre, sein Leben auch jetzt noch für mich wagen würde, wenn er nur erst einmal wieder aus sich herausgegangen ist. Er ist mir treu wie Gold und auch am Herd erfahren, sodaß ich keinen Koch zu halten brauche. Er ißt zwar außerordentlich stark und giebt mir bloß die Reste, mit denen ich aber ganz gut ausreiche, und was seinen Kaffee betrifft, so kocht er allerdings zweierlei, nämlich den guten, starken für sich und den dünnen für mich, weil er behauptet, daß der starke mir zu sehr ins Blut gehen würde und meine Nerven das nicht – –Blyskawica! Da spreche ich vom Kaffee und erinnere mich erst hierbei, daß wir noch keinen haben! Welche Nachlässigkeit gegen dich, Effendi! Er soll sogleich welchen bringen!«

Er klatschte zwei-, drei-, fünf- und zehnmal in die Hände, aber der Dicke kam nicht; erst als ich bei geöffneter Thür so kräftig in die meinigen schlug, daß sie schmerzten, hörte ich seine Stimme hinter einer angelehnten Thür erschallen. Dann kam er zwar sehr langsam geschlürft, aber sein Gesicht war doch so rot, als ob er einen anstrengenden Dauerlauf hinter sich habe, und er sagte in unwilligem Tone:

»Schon wieder! Kaum habe ich diesem Hadschi Halef, der nichts begreifen kann, meine Instruktionen erteilt, über welche er nur lacht, anstatt sie mit Würde entgegenzunehmen, so muß ich schon wieder hierher rennen! Was wollt ihr denn?«

»Kaffee,« antwortete sein Herr.

»Kaffee? Es ist noch keiner da; der Hadschi wird welchen mitbringen. Da er nun doch einmal alles selbst bezahlt, was er holt, so habe ich ihm gesagt, er solle auch den Kaffee nicht vergessen.«

»Aber du hast doch welchen!«

»Wo?«

»Ich weiß nicht, wo du ihn hingethan hast; der Hadschi hatte ihn in seiner Satteltasche stecken.«

Weil auch ich glaubte, daß der Dicke den Kaffee wirklich vergessen habe, erinnerte ich ihn daran, daß er ihn an seiner Brust verborgen hatte; er schüttelte aber den Kopf und erklärte mir in wirklich überraschender Unbedenklichkeit:

»Ja, hineingesteckt habe ich ihn, Emir, aber auch wieder herausgenommen.«

»Wo ist er jetzt?«

»Versteckt und aufgehoben.«

»Warum versteckt?«

»Damit ihn niemand finden soll.«

»So willst du ihn wohl für dich allein haben?«

»Ja. Du wirst einsehen, o Emir, daß ich dazu berechtigt bin. Wisse, daß mein Id el Milad in einigen Tagen ist, an welchem ich einige Bekannte zu mir laden werde. Diese sind vorzügliche Kaffeekenner, und weil ich gesehen habe, daß du besseren hast, als mein Effendi zu kaufen pflegt, so hebe ich den deinigen für das Fest auf und werde euch den kochen, den der Hadschi mitbringt. Habt also nur Geduld! Es wird nicht lange dauern, bis er wiederkommt.«

»Aber warum soll grad dein Besuch diesen meinen guten Kaffee erhalten?«

»O Emir, wie kannst du nur so fragen! Es ist doch eine der wichtigsten Vorschriften des Kuran, daß man seine Gäste dadurch ehren Soll, daß man ihnen das beste giebt, was man hat.«

Jetzt wußte ich wirklich nicht, ob ich zornig werden oder lachen sollte. Der Bimbaschi hatte den Dicken durch seine übertriebene Dankbarkeit und Selbstlosigkeit in der Weise verdorben, daß dessen Verhalten in andern Verhältnissen als Frechheit zu bezeichnen gewesen wäre. Das ging nur sie beide an, solange es ihnen gefiel und solange kein anderer darunter zu leiden hatte; ich aber hatte keine Lust, auch mich von dem frühern Onbaschi in die gleiche Behandlung nehmen zu lassen; darum zeigte ich ihm jetzt ein strengeres Gesicht und sagte:

»Grad weil ich diese Vorschriften kenne und dazu auch alles andere, was sich auf die Ausübung der Gastfreundschaft bezieht, muß ich mich sehr wundern, daß du es wagst, mir den Kaffee, welcher doch der meinige ist, zu entziehen und schlechtern dafür anzubieten. Du bekommst Gäste; das sind die Gäste eines Dieners, welcher früher Onbaschi war, und wir sind heut die Gäste deines Herrn, welcher den Rang eines Bimbaschi bekleidete. Wer ist der Vornehmere, er oder du? Hadschi Halef Omar ist der oberste Scheik der Haddedihn, und was ich bin, dir zu sagen, ist gar nicht nötig; wer werden aber deine Gäste sein, welche bessern Kaffee als wir trinken sollen? Du hast sofort den meinigen zu kochen, hörst du wohl, sofort, und zwar stark und gut, wie vornehme Herren ihn verlangen können! Uebrigens warne ich dich da vor meinem Hadschi Halef, von welchem du ja genug gehört hast, um zu wissen, wie er ist. Er ist die schnellste und aufmerksamste Bedienung gewöhnt und duldet keine Zurücksetzung. Ferner ißt und trinkt er gern so gut wie möglich, und wer das nicht beachtet, dem pflegt er sehr schnell den fehlenden Respekt beizubringen. Es hat schon mancher Mensch, der ihn mit der Nachlässigkeit behandelte, welche auch du zu besitzen scheinst, nicht nur seine Hand oder seine Peitsche, sondern sogar sein Messer fühlen müssen. Hüte dich vor seinem Zorne! Er ist ein freier Ben Arab und bei der geringsten Vernachlässigung der ihm gebührenden Ehre sehr rasch mit Hieben und auch mit Messerstichen bereit. Wer ihm zumutet, schlechten Kaffee zu trinken, der mag sich vor den Folgen hüten, die keine angenehmen sind!«

Eine solche Standrede hatte der Dicke wohl seit langer Zeit nicht mehr zu hören bekommen; er duckte sich förmlich zusammen und antwortete in devotem Tone:

»Ich danke dir, o Emir, daß du mich auf diese gefährlichen Eigenheiten des Scheikes aufmerksam machst. Das ist ja ein wahrer Wüterich! Ich werde euch schnell, sehr schnell deinen eigenen Kaffee bringen, denn das Wasser kocht bereits, und ich habe ihn auch schon im Hon el Bonn zerstoßen.«

»Schon? Ah, der war also für dich; wir aber sollten keinen bekommen?«

»Halte ein mit den Vorwürfen, Emir! Weil ich ihn meinen Gästen vorsetzen wollte, mußte ich ihn doch kosten, um mich von seiner Güte zu überzeugen; jetzt aber hast du mich belehrt, und ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Es wird nicht ganz eine einzige Minute dauern, so wird sein Duft deinen Zorn besänftigen und die Empfänglichkeit deines Geruches erquicken. Ich gehe schnell, ich eile schon!«

Er arbeitete und stampfte mit den Beinen wie ein Radfahrer, um schnell hinauszukommen, was meinen Zorn, wenn ich wirklich zornig gewesen wäre, sogleich in das Gegenteil verwandelt hätte; ich lachte, doch so, daß er es nicht hörte, hinter ihm her. Sein Herr lachte auch und sagte:

»Ich habe ihn verwöhnt; das weiß ich nur zu gut. Ich halte ihn mir, wie man in Europa sich ein Schoßhündchen, einen Papagei, ein Aeffchen oder einen Kanarienvogel hält, und lasse meine Schwäche für ihn mit seiner Anmaßung wachsen. Du hast ihm jetzt die nötige Achtung eingeflößt und kannst versichert sein, daß die Wirkung davon nicht lange auf sich warten lassen wird.«

Er hatte recht; der Dicke kam schneller wieder, als ich es ihm zugetraut hatte, und setzte den Kaffee zwischen uns auf den Serir. Man sah es ihm förmlich an, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlief, und es war ein Ton aufrichtiger Betrübnis, in welchem er die Bemerkung machte:

»Hier habt ihr ihn! Ich sage euch, daß ich nicht einen Schluck davon gekostet habe. Ich werde ihn auch ferner nicht für mich, sondern ganz allein für euch bereiten, selbst wenn der Appetit mich um die Ruhe meiner Seele und die Annehmlichkeiten meines sonstigen Wohlbefindens bringen sollte. Aber ich bitte dich, o Emir, falls Allah so gnädig ist, dich mit dem Gedanken zu erleuchten, daß auch ich eine Tasse dieses Trankes genießen dürfe, so zögere ja nicht, mir dies sofort mitzuteilen!«

Als er sich entfernt hatte, bedienten wir uns selbst. Es ist nämlich im Orient bei vornehmen Verhältnissen gebräuchlich, daß beim Kaffeetrinken der Kaffee in Tassen und nicht in größeren Gefäßen serviert wird; Kepek aber hatte eine ganze Rakwa voll gebracht. Das war mir lieb, da es nicht angenehm ist, fortwährend durch das Kommen und Gehen der Dienerschaft gestört zu werden. Auch nahm ich an, daß der Bimbaschi unser Alleinsein zu den Mitteilungen benützen werde, auf welche er mich vorbereitet hatte.

Wir saßen längere Zeit beieinander. Er ließ sich meinen Tabak und meinen Kaffee schmecken und blickte, ohne ein Wort zu sagen, nachdenklich vor sich hin. Endlich ließ er mich eine Frage hören.

»Du warst schon in Persien?«

»Ja,« antwortete ich.

»Sprichst und verstehst du die Sprache dieses Landes?«

»Ja.«

»So sag, ob du vielleicht einmal von einer Gul-i-Schiraz gehört hast! Denke nach! Diese Frage ist eine sehr wichtige für mich.«

»Gul-i-Schiraz? Natürlich. Die Rosen von Schiras sind berühmt, doch gestehe ich, daß ich die Rosenzucht in Rumili kennen gelernt habe, welche ich der persischen vorziehe.«

»Das ist es nicht, was ich meine. Ich spreche nicht von Rosenzucht, nicht von den Rosen im allgemeinen, auch nicht von den Rosen von Schiras in der Mehrzahl, sondern von einer Rose in der Einzahl, von einer ganz bestimmten Rose, welche aus einer mir unbekannten Ursache als Gul-i-Schiraz bezeichnet wird.«

»Von einer solchen Rose habe ich noch nichts gehört; sie ist mir unbekannt.«

»Das ist bedauerlich, sehr bedauerlich!«

»Wie kommt es, daß du, der seit langen Jahren hier zu wohnen und ein vollständiger Orientale geworden zu sein scheinst, mir, der ich mich nur ganz vorübergehend im Oriente aufgehalten habe, die Kenntnis eines Gegenstandes zutraust, welche du nicht besitzest?«

»Diese Frage sagt mir, daß du nicht weißt, was man von dir erzählt und in welcher Weise man über dich spricht und dich beschreibt. Nach den Schilderungen, welche über dich, den Hadschi Emir Kara Ben Nemsi Effendi im Umlaufe sind, kannst du alles und weißt alles.«

»Das ist echt orientalische Uebertreibung. Der Europäer hat natürlich mehr gelernt, als der unwissende Beduine.«

»Das weiß auch ich; du aber stehst in einem so ungewöhnlichen Rufe, daß auch ich geneigt bin, dir mehr als jedem andern zuzutrauen. Ist Hadschi Halef Omar dein Freund oder dein Diener?«

»Mein Freund.«

»So ist er Mitwissender von allem, was sich auf eure jetzige Reise bezieht?«

»Ja. Ich will und kann keine Geheimnisse vor ihm haben.«

»So werde ich nicht jetzt sprechen, sondern dann, wenn er von seinem Gange zurückgekehrt und wieder bei uns ist. Inzwischen können wir uns in deiner Muttersprache unterhalten. Du weißt von deinem damaligen Besuche her, daß ich sie verstehe.«

Ich ging natürlich sehr gern darauf ein; aber der Genuß, welcher sich mir dadurch bot, war nicht von langer Dauer, denn Halef kam herein, und zwar in einer Weise, welche auf eine gewisse Aufregung schließen ließ, und meldete uns:

»Ich habe gebracht, was ich in der Nähe bekommen konnte; es ist genug, um mehrere Tage davon zu leben, wenn nicht dieser dicke Vater der Gefräßigkeit über Nacht wieder alles verschlingt, um sich aus Liebe zu seinem Herrn vom Tode zu erretten. Nun aber muß ich fragen, wer kochen und braten soll?«

»Kepek, natürlich,« antwortete der Bimbaschi.

»Allah'l Allah! Kennst du deine Küche? Wann bist du zum letztenmal drin gewesen?«

»Seit Jahren nicht. Sie ist das unbestrittene Reich Kepeks, der mich keinen Augenblick drin duldet.«

»Das dachte ich! Und darum geriet er so in Wut, als ich von der Reinlichkeit des Lebens und der Appetitlichkeit der Speisen sprach! Ich habe ihm aber geantwortet, wie sich's gebührt; da setzte er sich vor Schreck auf die Erde nieder, was einen solchen Plumps that, daß ich glaube, entweder hat er einen Riß bekommen oder der Boden ist geplatzt.«

»Und dann?« fragte der Alte besorgt. »Was thut er jetzt?«

»Habe keine Sorge um ihn! Er sitzt noch fest und kann wegen der unmenschlichen Schwere seiner Gewichtigkeit nicht eher wieder aufstehen, als bis ich ihm helfe. Laß ihn sitzen, bis ich zu ihm zurückkehre! Ich muß dich vor allen Dingen fragen, ob ich aufrichtig sprechen darf?«

»Du darfst es.«

»Und du wirst mir nichts übelnehmen?«

»Gar nichts.«

»So muß ich dir sagen, daß du gar keine Ahnung hast, was alles und in welcher Weise bisher für dich gekocht, gebraten und gebacken worden ist. Wenn ich gezwungen würde, nur einen einzigen Bissen aus der fetten Hand dieses Dschedd el Wasach zu essen, so würde sich mein Leib wie ein Geldbeutel umwenden, sodaß meine Eingeweide nach außen kämen und die ganze Schönheit meiner äußeren Gestalt nach innen.«

Ich befürchtete eine Beleidigung unsers Wirtes und gab also dem Hadschi einen verstohlenen Wink, sich zu mäßigen; er fuhr aber unbeirrt fort:

»Mein Sihdi winkt mir freilich zu, zu schweigen; aber wenn wir bei dir etwas genießen sollen, so muß ich sprechen und dich darauf aufmerksam machen, daß, solange wir uns hier befinden, ich allein die Chukuhme el Matbach sein werde. Ich will diese Küche gar nicht beschreiben, weil ich keine Worte dazu finden würde, aber das Geschirr – – dieses Geschirr! In der Ecke steht ein Blechgefäß mit dem Wasser, mit welchem er sein Gesicht und seine Hände wäscht und aus welchem er auch zum Kochen schöpft; auf dem Boden des Wassers liegt der Schlamm mehrere Finger hoch. Ich habe es ihm, als er sich vor Schreck niedergesetzt hatte, über den Kopf gegossen – – –«

»Das hättest du nicht thun sollen!« fiel der Bimbaschi ein. »Wenn er nun davon krank und – – –«

»Aengstige dich nicht um ihn!« unterbrach ihn Halef. »Dieses Bad hat ihn wieder zu sich gebracht und ihm nur gutgethan. Er wollte noch mehr haben, denn er sperrte vor Entsetzen den Mund so weit auf, wie er nur konnte; es war aber leider keines mehr da. Dann sah ich eine Tangara. Es war ein schwarzes, dickes Fett mit Fingerspuren drin, und als ich ihn fragte, wozu das sei, erfuhr ich, daß er es zum Einschmieren seiner Schuhe und Pantoffel nehme. In derselben Tangara kocht er dann das Fleisch und Gemüse. Ich habe das Fett sogleich heraus- und ihm in das Gesicht gewischt.«

»Boze daj ci zdrowi! Wenn du das gethan hast, so wird er – – –«

»Keine Sorge, Effendi!« fiel Halef ein. »Es hat ihm nichts geschadet. Er leckte es ab, und es schien ihm gut zu schmecken. Während er dies that, sah ich mich weiter um und entdeckte ein Miklaja von Kupfer, in welchem er das Fleisch zu braten pflegt. Jetzt hatte er ein Marham zur Vertreibung der in seinem Bette wohnenden Bakk darin bereitet. Ich habe ihm diese Salbe auf das erste Fett gestrichen. Sodann – – –«

»Halt ein!« unterbrach ich ihn. »Ich will nichts weiter hören. Du wirst jetzt noch einmal fortgehen und die Gefäße kaufen, welche du für heut nötig hast, und sie dann dem Dicken als Geschenk verehren, was, wie ich hoffe, dir seine Zuneigung wiederbringen wird.«

»Ich darf mich also als den Gebieter der Küche betrachten?«

Er erhielt durch ein Kopfnicken die Einwilligung des Wirtes und entfernte sich. Der letztere befand sich in größter Verlegenheit und bemühte sich, den Eindruck, welchen der Bericht des Hadschi auf mich hatte hervorbringen müssen, durch Entschuldigungen abzuschwächen. Ich half ihm schnell darüber hinweg, zumal der Hauptgrund dieser Mißwirtschaft in seiner Armut zu bestehen schien. Wir unterhielten uns in deutscher Sprache über mein und sein Vaterland, welch letzteres, nämlich Polen, er noch jetzt glühend zu lieben schien. Er fragte mich auch, ob ich die Absicht habe, heut noch auszugehen oder auszureiten. Ich verneinte dies, und so machten wir einen Spaziergang in den Garten, wobei ich Gelegenheit nahm, mich zu überzeugen, daß es unsern Pferden an nichts gebrach. Der Bimbaschi war ein leidlicher Kenner und sprach sich begeistert über die edlen Tiere aus.

Als wir dann in das Haus zurückkehrten und an der Küchenthür vorübergingen, blieben wir einen Augenblick stehen, um zu lauschen. Wir hörten das Feuer prasseln, dann Topfgeklirr und dabei die Stimme des Dicken:

»Laß die Salsa ja nicht überlaufen, denn ich sage dir, verehrter Scheik der Haddedihn, daß es schade um jeden Tropfen ist, welcher verloren geht! Ich sehe, daß du ein wahrer Aschschi el Aschschiji bist und freue mich wie ein Sultan auf dieses Essen.«

Der Bimbaschi schmunzelte, und auch ich war befriedigt über das gute Einvernehmen, welches sich, nach diesen Worten zu schließen, zwischen den beiden eingestellt hatte. Wir saßen noch nicht lange wieder in dem Zimmer, so kam Kepek hereingestampft und fragte seinen Herrn:

»Effendi, das Mahl wird bald beginnen, und der Hadschi behauptet, daß ich ihm in der Küche nur im Wege sei. Darf ich mich hier niedersetzen, wie ich es immer darf, wenn wir nichts zu thun haben?«

Der Alte sah mich fragend an. Ich konnte mir denken, daß die beiden einsamen Menschen so oft wie möglich beisammen saßen, weil einer auf den andern angewiesen war, und wollte sie nicht zu einer Ausnahme wegen uns veranlassen; darum antwortete ich dem Onbaschi, der jetzt viel sauberer aussah als vorher:

»Setz dich nieder; wir haben nichts dagegen!«

Er nahm uns gegenüber Platz, aber wie! Zunächst drehte er sich nach der Wand um, an welche er die Hände stemmte; dann ließ er diese langsam niedergleiten, wobei er sich nicht bückte, sondern den Körper in steifer Haltung folgen ließ, so daß die Füße von dem an der Mauer liegenden Kissen wegrutschten. In dem Augenblicke, wo er sich wegen seiner Schwere nicht mehr halten konnte und also stürzen mußte, warf er sich schnell und mit einer gewaltsamen Bewegung herum und kam infolgedessen mit einem kräftigen – – Plumps, wie Halef sich vorhin ausgedrückt hatte, auf das Kissen zu sitzen. Bei dem Anblicke, den er dort bot, kostete es mich Mühe, das Lachen zu verbeißen. Der Bauch lag ihm wie ein den Kaftan auftreibender Luftballon auf den Oberschenkeln, und er pustete mit vor Anstrengung hochrot gewordenem Gesichte wie eine Sekundärbahnlokomotive, wobei er sich vergeblich bemühte, die Unterschenkel mit den unzureichenden Flügeln des Gewandes zu bedecken. Als er wieder zu Luft gekommen war, stieß er einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und sagte:

»So! Jetzt stehe ich nicht eher wieder auf, als bis ich vollständig satt geworden bin!«

»Hast du Hunger?« fragte sein Herr.

»Hunger bloß? Allah w' Allah! Es ist noch mehr, viel mehr als Hunger, Effendi. Wenn man diesen Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar so eifrig und appetitlich in der Küche herumhantieren sieht, so laufen einem alle möglichen Wasser des Himmels und der Erde im Munde zusammen. Der versteht's, oh, der versteht's! Ich möchte ihn ohne Unterlaß kochen sehen und immer und immer, ohne Aufhören von ihm essen!«

Er schnalzte mit der Zunge, machte das allerseligste seiner Gesichter und fuhr fort:

»Uebrigens ist er ganz und gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Erst räsonnierte er so schrecklich, daß ich das Gleichgewicht meines Daseins verlor und mich dann, auf dem Boden sitzend, wiederfand. Dann untersuchte er die Gefäße, mit deren Bestimmung er leider selbst jetzt noch nicht einverstanden ist. In diesem Mangel an Kenntnis der Notwendigkeiten verwechselte er den Gegenstand mit der Person und strich mir erst die wohlzubereitete Erquickung der Schuhe und Pantoffel und dann die ganze Vertreibung des beißenden Ungeziefers in das Gesicht. Hierauf ging er erst zu euch und dann fort, um Pfannen und Töpfe zu holen. Den Schlüssel zur Pforte hatte er mir schon vorher abverlangt.«

Er holte Atem, schob den überhängenden Bauch soviel wie möglich zurück und fuhr dann fort:

»Ich konnte mich nicht erheben und blieb also sitzen, bis er wiederkam. Da zeigte er mir die Herrlichkeiten des Töpfers und sagte, daß er mir dies alles schenken werde, wodurch der Zorn meines Herzens in eine wohlthuende Rührung der Empfänglichkeit meiner Seelenstimmung verwandelt wurde. Nun holte er Wasser, machte Feuer und setzte das Fleisch und Gemüse an Ort und Stelle. Ich erkannte dabei, daß er kein Unkundiger sei, doch wurde diese gute Meinung später nicht nur bestätigt, sondern übertroffen. Als er mit dieser Besorgung des Herdes fertig war, holte er abermals Wasser, nahm die Seife, welche er auch mitgebracht hatte, und widmete mir eine reinigende Säuberung der Persönlichkeit, welche mich mit seltener Wohlthuung erfüllte und mir zwar erst als überflüssig erschien, ihm aber nachher mein ganzes Wohlwollen gewann. Dann war er mir behilflich, aufzustehen, und beehrte mich mit dem Auftrage, das Feuer nicht ausgehen zu lassen und durch die fortgesetzte Rührung des Löffels den Reis vor dem Anbrennen zu bewahren. Während dieser Beschäftigung näherten sich unsere Seelen einander immer mehr; ich bemerkte in der Tiefe meines Innern, daß ich ihn lieb gewann, und als er mich das erste, wohlgeratene Stück Maschwi hatte kosten lassen, konnte ich nicht anders, ich mußte ihn umarmen, worauf er mich dann höflich ersuchte, hierher zu euch zu gehen und den er warteten Genüssen mit der Ruhe innigster Zufriedenheit entgegenzusehen, was ich ihm zu Ehren hiermit thue.«

Als er dies sagte, war ihm diese innige Zufriedenheit sehr deutlich anzusehen, und als der Bimbaschi sich erkundigte, ob er wirklich so einverstanden mit Halef sei, antwortete er:

»Das versteht sich ganz von selbst. Man kann nicht anders als ihm Liebe und Verehrung zollen. Er ist eine Perle, ein schön geschliffener Edelstein, ein glänzendes Juwel. Wem es vergönnt ist, zuzusehen, wie er das Mafruhm oder gar die abgezogenen Katahkit zu behandeln versteht, der kann sich selbst über die Vortrefflichkeit nicht wundern, mit welcher sich die Leber des Hammels unter seinen Händen in alle Wohlgeschmäcke und Wohlgerüche des Paradieses verwandelt. Als ich ihn fragte, wem er diese große, unvergleichliche Kunst abgelauscht habe, teilte er mir mit, daß er erst ein Vorbild und dann eine Lehrerin gehabt habe; das Vorbild sei sein Emir Hadschi Kara Ben Nemsi gewesen, und die Lehrerin heiße Hanneh, die lieblichste Blume unter allen freundlichen Blüten des Frühlings und der anderen Jahreszeiten, nur allein den Winter abgerechnet. O Emir Kara Ben Nemsi, wenn dieser Halef diese Fertigkeit der Zubereitung und diese feine Sicherheit der schmeckenden Zunge auch dir zu verdanken hat, wie mußt da du erst kochen und braten können! Wirst du vielleicht die Gnade haben, uns morgen ein Beispiel davon zu liefern?«

Ich wurde glücklicherweise verhindert, ihm auf diese Frage eine Antwort zu geben, denn Halef stieß grad jetzt die Thür mit dem Fuße auf und trat mit reich beladenen Händen in das Zimmer. Nachdem er abgelegt hatte und noch einigemal zwischen hier und der Küche hin und her gegangen war, hatte er das ganze Serir und den Boden vor demselben mit den Erzeugnissen seiner Thätigkeit bedeckt, und auch drüben auf der andern Seite ragte vor dem Dicken ein so großer Berg von Reis und Fleisch auf, daß ich meinte, er könne wenigstens heut und morgen nicht alle werden. Ich brauchte aber gar nicht lange zu warten, so war dieser Berg vollständig verschwunden, und »Kleie« schaute sehnsüchtig zu uns herüber, ob nicht vielleicht von da noch etwas zu erlangen sei. Dieser Wunsch wurde ihm mit solcher Ausgiebigkeit erfüllt, daß mir schließlich bange um ihn wurde und auch er selbst einsah, daß selbst das größte Loch endlich einmal ausgefüllt werden kann. Er strich sich mit den Händen liebkosend über denjenigen Teil seines Körpers, welchen ich vorhin mit einem Luftballon verglich, und sagte seufzend:

»Jetzt hört es auf; mit aller Macht hört's auf; ich kann nicht mehr; o Unglück dieser Sättigung, o Unzulänglichkeit der Magenwände! Warum schmeckt es noch, wenn man nicht mehr essen kann? Es giebt keine einzige Vollkommenheit der Welt, welche nicht doch unvollkommen ist. Ich hoffe aber dennoch, daß dieser unser vorzügliche Scheik der Haddedihn heut noch einmal in die Stadt gehen wird, um den Fleischer zu besuchen, da es leicht geschehen könnte, daß morgen nichts Gutes mehr dort zu finden ist!«

Noch weit zufriedener als dieser Unersättliche war Halef darüber, daß seine Kunst und Fertigkeit von uns allen in der Weise durch die That anerkannt wurde, daß wir am Ende des Mahles vollständig aufgegessen hatten. Da machte er uns die besonders für Kepek tröstliche Mitteilung, daß er nicht zum Fleischer zu gehen brauche, weil er dort eine Bestellung aufgegeben habe, welcher in der Dämmerung durch einen Boten nachgekommen werde.

Dies erwies sich auch als richtig, denn zur angegebenen Zeit wurde das Fleisch geschickt. Ob ich werde davon genießen können, wußte ich nicht. Für heut war ich übersatt, und morgen – – wir wollten ja morgen schon fort, und es kam nur darauf an, ob die von dem Bimbaschi zu erwartenden Mitteilungen vielleicht derartige seien, daß sie uns Ursache gaben, noch länger zu bleiben.

Der Abend brach nach kurzer Dämmerung herein, und die am Tage herrschende trockene Hitze verwandelte sich in eine so drückende Schwüle, daß wir den Tabak und die Pfeifen nahmen, um auf das Dach zu steigen. Wir drei hatten noch nicht lange oben gesessen, so kam der Onbaschi nachgeächzt und setzte sich mit Halefs Hilfe auf eine besonders für ihn hergerichtete Unterlage nieder. Der einzige Tschibuk des Hauses ging zwischen seinem Herrn und ihm in kurzen Pausen hin und her.

Das Firmament strahlte so kurz nach dem Neumonde in seinem vollsten Glanze; die Abendluft bewegte die Palmenwedel, deren zeitweiliges Geflüster die einzige Unterbrechung der in dieser abgelegenen Gegend herrschenden tiefen Stille war. Das gab die richtige Märchen- oder überhaupt Erzählerstimmung.

Hierher nach Bagdad verlegt das Volk den Schauplatz jener Erzählungen, welche unter dem Titel Alif laila wa leila viele, viele Millionen Zuhörer und Leser gefunden haben. Sehr wahrscheinlich ist die Quelle dieser Märchen im Hezar efzane, einer Sammlung des Persers Rasti, zu suchen. Sie haben für das Studium des Orientes einen hohen Wert, obwohl man sich sehr hüten muß, das Buch jedermann in die Hand zu geben. Diese Märchen sind unübertroffen, wenn es sich darum handelt, das Leben, die Sitten, die Anschauungen, das ganze Denken und Fühlen des Ostens kennen zu lernen. Nirgends wird die ungestüme Tapferkeit und edle Ritterlichkeit des Orientalen, sein abenteuerlicher Sinn, die Glut seines Hasses und seiner Liebe, die Geldsucht seiner Beamten, die Verschlagenheit des sogenannten schwachen Geschlechtes, die Pracht des Reichtums und die nackte Unverfrorenheit der Armut so treu geschildert wie in diesen Erzählungen, mit denen die ebenso schöne wie kühne und phantasiereiche Schehersad gegen den König Scheherban um ihr Leben kämpfte. Waren es Erinnerungen aus einer dieser von ihr durchwachten Nächte, welche jetzt flüsternd durch die sanftgebogenen Fiederblätter gingen?

Wenn es so war, ihr Zauber ging an mir verloren, denn meine Gedanken gehörten dem Manne neben mir, dessen Leben jedenfalls ein nicht gewöhnliches gewesen war und von dem ich ahnte, daß ihm Lasten auferlegt worden seien, an denen er noch jetzt in seinem Alter tragen müsse. Was hatte ihn aus dem Vaterlande getrieben, und was hielt ihn bis heute von demselben fern? Ich konnte es mir denken – – das Wort Revolution ist eines der schlimmsten Wörter. Warum aber vergrub er sich auch hier in tiefe Einsamkeit?

»Effendi, glaubst du an Gott?«

Ich erschrak fast, als diese seine Frage so plötzlich und unvorbereitet durch die tiefe Stille klang.

»Ja,« antwortete ich nur mit diesem einen Worte.

»Ich nicht!«

Welch schweren Druck dieses »Ich nicht« hatte! Es war mir allerdings aufgefallen, daß er und sein Diener weder vor noch nach der Mahlzeit gebetet hatten. Im Orient betet man mehr als im Abendlande.

»Warum nicht?« fragte ich ihn nach einer kleinen Weile.

»Weil ich nicht an einen Gott glauben kann, welcher mir nichts als Ungerechtigkeiten erwiesen hat.«

»Bist du der Mann dazu, eine solche Anklage gegen den, welcher die Allgerechtigkeit selbst ist, zu erheben?«

»Wäre er die Allgerechtigkeit, so säße ich nicht hier, sondern daheim im Schlosse meiner Väter!«

»Vielleicht wäre es richtiger, wenn du sagtest: Hätte ich seine Gerechtigkeit verstanden, oder ihr doch wenigstens vertraut, so wäre mir nicht genommen worden, was ich verloren habe. Das Auge des Menschen reicht nicht weit; es vermag nicht, den Ratschluß des Allwissenden zu durchdringen, welcher vor Ewigkeiten sieht, was nach Ewigkeiten geschehen wird.«

»Hätte er mein Leben gesehen, so konnte er ihm, als der Allmächtige, einen anderen Verlauf, einen anderen Inhalt geben!«

»Sind wir Kinder Gottes oder seine Sklaven? Wenn er jeden Augenblick deines Lebens, jeden einzelnen deiner Gedanken und Entschlüsse zu bestimmen hätte, wer und was wärest du dann? Ein totes, willenloses Spielzeug seiner Hand. Aber wahrlich, Gott spielt nicht! Das Leben ist kein Spiel und der Mensch kein hölzerner Kegel, den jede Kugel zufällig umwerfen oder ebenso zufällig stehen lassen kann.«

»Aber was will Gott, wenn es einen giebt, mit uns? Warum fallen wir, ohne zu wissen, warum, ohne schuld zu sein? Warum bleiben tausend andere stehen, ohne es zu verdienen? Warum nimmt er dem Braven alles, alles, selbst das allerletzte, was ihm geblieben ist, und dem Verdienstlosen giebt er fort und immerfort, mehr und immer mehr zu dem, was er schon vorher besessen hat?«

»Mit dem ›Braven‹ meinst du natürlich dich?«

»Ja.«

»Und unter den Verdienstlosen verstehst du diejenigen, welche deinen Weg, deine Absichten und Hoffnungen durchkreuzten?«

»Ja, sie und auch noch andere.«

»Welch ein Hochmut! Du setzest dich also zu alleroberst, schaust selbstgerecht und selbstgefällig von dieser stolzen Höhe herab, richtest deine Mitmenschen mit einem einzigen kalten, vernichtenden Worte und duldest den, als dessen Spielzeug du dich soeben noch bekanntest, weder neben und noch viel weniger über dir! Weiß der Mensch, wenn er gefallen ist, wirklich nicht, warum? Bist du an deinem Schicksale wirklich ohne Schuld? Warst du in Wirklichkeit der immerwährend Brave, und haben die, welche du verdienstlos nennst, das, was ihnen gegeben wurde, wirklich nur der Ungerechtigkeit Gottes zu verdanken? Was verstehst du unter Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit? Was dir gefällt und was dir nicht gefällt! Denke dir, du seist ein Kind und sähest in die Hand deines Vaters eine für dich noch unverdauliche oder gar giftige Frucht! Du bittest ihn, sie dir zu geben. Bekommst du sie, so hältst du ihn für gerecht; verweigert er sie dir, so nennst du ihn ungerecht. Er aber hat, wie du später einsehen wirst, als liebevoller, weiser Vater gehandelt.«

»Ich bin kein Kind, sondern so alt geworden, daß ich um die Einsicht, von welcher du redest, nun endlich einmal bitten möchte!«

»Grad weil sie dir fehlt, bist du trotz deiner Behauptung noch ein Kind, ein zornig schmollendes, vertrauensloses und undankbares Kind! Wenn du das jetzt in deinem Alter noch bist, so bist du es in deiner Jugend noch viel mehr gewesen. Du warst zu sehr Kind, als daß du eingesehen hättest, was zu deinem Wohle diente. Du hast falsch gewählt, vielleicht gar die giftige Frucht aus der sie dir verweigernden Hand des Vaters gerissen, und nun du dir durch ihren Genuß das ganze Leben vergiftet hast, klagst du über seine Ungerechtigkeit oder magst überhaupt nichts von ihm wissen. Es ist freilich nicht schwer, Gott zu leugnen, wenn man ihm nie Gehorsam geleistet, sondern sich nur nach dem eigenen Willen gerichtet hat. Da kommen unausbleiblich Stunden stiller, heimlicher Selbstanklage; es naht von Zeit zu Zeit der peinigende Gedanke, daß man doch vielleicht unrecht gehandelt und damit Gottes Gericht, den Wahrspruch des Allgerechten, auf sich herabgerufen habe. Was thut der Kurzsichtige dann, um die anklagende Stimme des Innern, des Gewissens, zum Schweigen zu bringen? Er greift zum kürzesten, aber auch trügerischesten Mittel: er leugnet einfach Gott. Wenn es keinen Gott giebt, giebt es kein Gesetz und kein Gericht, kein Unrecht und kein Gewissen, keine Anklage und keine Strafe, und wer mit dem Leben unzufrieden sein zu müssen glaubt, der wirft die Schuld nicht auf sich, sondern eben wieder und allein auf Gott, den er doch soeben erst geleugnet hat. Du hörst und siehst, daß du nicht um Gott hinumkommst, ihn nicht aus deiner Welt schaffen kannst, sondern in menschlich unlogischer aber göttlich logischer Weise sein Dasein über allen Zweifel erhebst, indem du ihn wegen seiner angeblichen Ungerechtigkeit leugnest.«

Es trat eine Pause ein; dann sagte er halblaut und nachdenklich:

»Wie drücktest du dich aus, Effendi? Ich habe – – – die giftige Frucht aus der sie verweigernden Hand des Vaters gerissen – – – gerissen! – – – also mit Gewalt meinen Willen durchgesetzt – – –! Das hat mir noch niemand gesagt, auch ich selbst nicht. – – – – Dann kommen Stunden der Selbstanklage – – – peinigende Gedanken – – – das Gewissen! – – – Man wirft aus Furcht vor sich selbst alle Vorwürfe auf Gott – – – leugnet ihn aus Angst – – – beweist aber grad dadurch sein Dasein – – –. Warte, Effendi, warte nur!«

Er ließ den Kopf sinken, und ich hütete mich, ihn zu stören. Nach einer Weile fuhr er mit der Frage fort-

»Woher kennst du mich so genau? Wie kommst du dazu, mir mein Inneres, meine heimlichsten Gedanken, Gefühle und Ahnungen zu enthüllen?!«

»Ich habe nur im allgemeinen gesprochen.«

»Das ist unmöglich, denn es stimmt, es trifft zu! Und doch auch wieder nicht – – wieder nicht! Ich kann mir keinen Gott denken, der die ewige Weisheit und Liebe ist und doch den Menschen, sein Geschöpf, sein Kind, in das Elend sinken läßt.«

»Wie nun, wenn das Geschöpf dem Schöpfer nicht gehorcht und, weil es sich klüger dünkt als er, den Weg zum Elend wählt?«

»So dürfte Gott dies nicht zulassen! Er müßte den Menschen zwingen!«

»Dann hätte dieser Mensch keinen Willen, keine Freiheit, keine Selbstbestimmung, keinen Wert; er brauchte keine Seele, keinen Geist; er wäre ein totes Spielzeug; ja, noch mehr: er wäre nichts. Du siehst, daß du dich im Kreise bewegst; wir sind wieder beim Spielzeug, beim Nichts angekommen. Aber sag mir einmal aufrichtig: Bist du wirklich – – – nichts?«

»Vielleicht!«

»Dann wären alle deine Gedanken, Schlüsse und Vorwürfe überflüssig. Ein Nichts ist nichts, thut nichts, denkt nichts, fühlt nichts, braucht nichts, will nichts; also schweig!!!«

Da schlug er die Arme übereinander, wendete sich mir voll zu, sah mich starr an und sagte:

»Ich weiß nicht, entgleitest du mit deiner Logik meiner Hand oder ich der deinigen. Ich beginne, Angst vor dir zu bekommen.«

»So fühlst du dich schon halb besiegt!«

»Noch nicht! Deine Logik scheint zwar siegreich zu sein, aber ich kann dich schlagen, indem ich durch Thatsachen den Sieg auf meine Seite bringe.«

»Das glaube ich nicht. Gott ist das absolute Ich; wer ihn leugnet, vernichtet sich selbst; eine Lächerlichkeit, denn wer leugnet, muß doch existieren. Deine Thatsachen machen mich nicht bange. Ich kenne sie nicht, bin aber überzeugt, daß ich, wären sie mir bekannt, deinen Unglauben grad durch sie besiegen würde.«

»Du sollst sie kennen lernen, wenigstens einige von ihnen. Ich werde dir erzählen – – – keine lange Geschichte, keinen ermüdenden Lebenslauf; ich bin selbst schon müde genug; du sollst es nicht auch noch durch mich werden.«

Wieviel ganz ungläubige, wieviel zweifelnde, wieviel suchende Seelen hatte ich schon kennen gelernt, daheim und auch draußen in der Ferne! Welche Freude, wenn es mir gelungen war, eine derselben auf die ewig suchende Liebe aufmerksam zu machen, welche neunundneunzig Schafe in der Hürde läßt, um das verlorene hundertste in der Wüste zu finden! Würde mir das auch jetzt bei diesem Manne gelingen, der sich bereits vor meiner Logik zu fürchten begann? Und doch, was ist die Logik des scharfen aber kalten, berechnenden Verstandes gegen die alles bewältigende, Himmel und Erde beherrschende Logik der Liebe! Der Verstand des Bimbaschi war unfähig, Gott vom Throne zu stoßen; aber sein Herz war tot und leer; es mußte Leben und Inhalt hinein. Das war es, wornach er sich gesehnt hatte; aber woher sollte ihm dieses Leben kommen? Womit war die Leere auszufüllen? Es war hohe Zeit für ihn. Seine halt- und energielose Nachsicht gegen den Diener bewies, daß er bereits kindisch zu werden begann, was jedenfalls nicht Folge seines Alters sein konnte, welches ich auf sechzig Jahre schätzte. Er mußte aufgerüttelt werden. Wenn man den Glauben an Gott verloren hat, gehört Energie dazu, ihn wieder zu finden und fürs ganze Leben festzuhalten; einem kindischen Menschen aber bleibt er verloren.

»Sprichst du polnisch?« fragte er mich jetzt.

»Nein.«

»Aber du kennst die unglückliche Geschichte Polens?«

»Ja.«

»Die Geschichte des unglücklichen Landes und seiner unglücklichen Bewohner! ich gehörte und gehöre noch jetzt zu diesen Bemitleidenswerten.«

»Bitte, sprich nicht so! In diesem Sinne soll und darf ein Mensch niemals bemitleidenswert sein. Das Mitleid ist nur für gewisse Fälle löblich; in andern Fällen beleidigt es den, auf den es fällt. Es giebt eine Art von Unglück, welches man mit edlem Selbstbewußtsein zu tragen hat; Mitleid ist da Demütigung. Ueberhaupt ist meine Ansicht über den landläufigen Begriff ›Unglück‹ eine ganz andere als die deinige. Für mich, der ich mich von Gott geleitet weiß, kann es kein Unglück geben.«

»So bist du eben glücklich. Oder giebt es für dich auch kein Glück?«

»Nein, was man nämlich gewöhnlich Glück zu nennen pflegt und mit einem ›günstigen Zufalle‹ identisch ist. In höherem Sinne giebt es freilich ein Glück, aber auch nur eines, welches ich aber die irdische Seligkeit nenne. Dieses Glück ist nichts Momentanes; es ist nicht zu messen und zu berechnen; es hat keine Grenzen; es besteht in der beseligenden Ueberzeugung, daß man in der Vaterhand Gottes ruhe.«

»Diese Hand kenne ich nicht. Mir ist weder die Ruhe in Gott noch irgend eine andere geboten worden, Wer und was ich war, brauchst du nicht zu wissen; ich weiß es selbst kaum mehr; wenigstens mag ich nicht gern daran denken. Es war ein altes, adeliges, reich begütertes Geschlecht, dem ich entstamme. Ich habe den Namen desselben abgelegt, um vor Nachstellungen sicher zu sein, und mich Dozorca genannt, weil ich mein Vaterland zu sehr liebe, als daß ich einen nichtpolnischen Namen führen möchte. Unsere Verhältnisse, meine Erziehung und noch vieles andere gehört nicht hierher; ich will nur erwähnen, daß ich zum Offizier ausgebildet wurde, keinen einzigen gläubigen Verwandten oder Lehrer hatte und meinen einzigen Lebenszweck in der Befreiung des Vaterlandes aus dem Joche der Unterdrückung erkannte. Ich war in Paris, um mit Gleichgesinnten die Erhebung unsers Volkes vorzubereiten; Mieroslawski nannte mich seinen Freund. Ich wurde nach Deutschland geschickt und ging dann nach Rußland, hatte an der verunglückten Ueberrumpelung von Posen teilgenommen, war bei dem Versuch von Siedlce zugegen und stand in Krakau dem Diktator Tyssowski nahe. In Galizien rotteten sich unsere eigenen Leute unter Jakob Szela zusammen; sie trugen Brand, Plünderung und Mord in die Höfe der mit uns verbündeten Edelleute; wir wateten im Blute. Ueberall geschlagen, gaben wir alle Hoffnung auf. Wo sollte ich hin? Ich war überall geächtet. In Preußen, in Oesterreich, in Rußland drohte mir der Henker; mein Todesurteil war gefällt; Steckbriefe verfolgten mich allerorts. Meine Besitzungen waren konfisziert; ich nahm den Bettelsack und schlug mich durch nach der Türkei, wo ich unter meinem jetzigen Namen im Heere Aufnahme fand. Es galt, mir eine Stellung, eine Zukunft zu schaffen, und da mir unter damaligen und meinen Verhältnissen dies als Christ nicht möglich war, trat ich zum Islam über.«

»Zum Islam?« fragte ich erschrocken. »Ah, so bist du – – ein Re – – –«

»Ein Renegat. Sprich das Wort nur immer aus! Was willst du? Ich war nie ein frommer, überzeugter Christ gewesen, und mein Uebertritt wurde mit' einer höheren Charge belohnt; das war es, was ich wollte.«

»Und heut wunderst du dich darüber, daß dein Leben ein verfehltes ist? Sag aufrichtig- Wolltest du nur die Freiheit deines Volkes, oder gedachtest du, nach dem etwaigen Gelingen des Aufstandes mit einer hervorragenden Stellung oder Rolle bedacht zu werden?«

»Beides.«

»So ist das die vorhin erwähnte giftige Frucht, welche du dir damals mit Gewalt angeeignet hast; du bist an ihr zu Grunde gegangen. Und dann der Uebertritt zum Islam! Es ist mir unbegreiflich, wie – – –«

»Bitte, laß mich erzählen!« unterbrach er mich. »Wenn es dir zur Beruhigung dienen kann, will ich dir sagen, daß ich zwar ein sehr lauer Christ war, aber auch kein eifriger Moslem geworden bin. Dieser Wechsel war nichts als Mittel zum Zweck. Ob ich Gott oder Allah sage, Christus oder Muhammed, das bleibt sich gleich, so dachte ich und so habe ich bisher gedacht. Wenn es wirklich einen Gott giebt, so sind alle Menschen seine Kinder. Diese Ansicht gab mir die innere Ruhe, welcher ich bedurfte, um vorwärts zu streben. Ich hatte Glück und Erfolg, nicht nur als Offizier, sondern auch als Mensch. Ich stand in Beirut, dessen Besatzung zur Arabistan Ordüssi gehörte. Dort lernte ich einen persischen Handelsmann kennen, welcher Wohlgefallen an mir fand. Ich verkehrte täglich in seinem Hause, wo nach iranischer Sitte die Haremsgesetze nicht so streng wie bei den Sunniten gehalten wurden. Er hatte ein einziges Kind, eine Tochter; sie war nach orientalischer Ausdrucksweise schön wie die Morgenröte und sorgfältiger erzogen wie sunnîtische Haremstöchter. Wir liebten uns, und der Vater gab sie mir zum Weibe, obgleich ich nicht Schiît war.«

»Daß ihr Vater einer war, hat dein Gewissen nicht beschwert?« fragte ich.

»Nicht im geringsten. Der Sprung vom Christen zum Muhammedaner war ja viel größer als der kleine Griff des Sunniten nach einer schiîtischen Frau. Warum sollte ich mir Vorwürfe darüber machen? Ich hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Die Vergangenheit mit allen ihren Wünschen war für mich eine abgethane Sache, und ich lebte nur für meine Familie und meine militärische Zukunft. Mein Harem, wenn ich die Ehe mit nur einer Frau so nennen darf, bot mir ein täglich sich erneuerndes Glück, welches sich vergrößerte, als mir erst ein Sohn und später eine Tochter geboren wurde. Ein Jahr nach der Geburt der letzteren wurde ich nach Damaskus versetzt, wohin mir nach wenigen Wochen der Vater meines Weibes folgte, da er und seine Frau glaubten, nicht ohne ihr Kind leben zu können. Das war anfangs 1860, dem für Damaskus so verhängnisvollen Jahre. Ist dir die traurige Geschichte desselben bekannt?«

»Ja.«

»So habe ich keine ausführliche Erzählung nötig. Wie glücklich ich war, können dir die Namen sagen, welche ich meinen Kindern gegeben hatte. Mein Sohn heißt Ikbal und meine Tochter Sefa. Auch mein Weib hatte einen bedeutungsvollen Namen, nämlich Aelmas, und sie war für mich ein Edelstein.«

»Und wie hieß ihr Vater?«

»Er nannte sich Mirza Sibil oder auch Agha Sibil.«

»War dieser Name ererbt, oder hatte er ihn sich in Bezug auf seinen Bart beigelegt? Sibil bedeutet in der persischen Sprache Schnurrbart.«

»Das weiß ich nicht; aber er hatte wirklich einen so starken Schnurrbart, wie ich keinen zweiten gesehen habe. Nur auf dem Bilde des Königs von Italien, Viktor Emanuel, habe ich einen ähnlichen gefunden. Warum erkundigst du dich nach seinem Namen? Ein Mann wie du pflegt nichts ohne bestimmte Absicht zu thun.«

»Ich habe keinen eigentlichen Grund gehabt; die Frage kam mir ganz unbeabsichtigt auf die Zunge, vielleicht nur, weil du die andern Namen alle nanntest und dieser eine fehlte.«

»Ich nenne keinen einzigen gern, denn sie erinnern mich an das verlorene Glück, welches niemals wiederkehren wird.«

»Gott ist allgütig, und kein Mensch braucht, solange er lebt, auf das, was du Glück nennst, zu verzichten.«

»Das verstehst du wohl kaum. Man muß Vater sein, um mit mir empfinden zu können. Vater- und Mutterliebe sind etwas ganz, ganz anderes als die von uns geforderte allgemeine Menschenliebe. Hast du Kinder, Effendi?«

»Nein.«

»So kannst du mich nur halb begreifen. Könntest du dich jemals wieder im Leben glücklich fühlen, wenn dir dein Weib ermordet würde? Und mir hat man nicht nur das Weib, sondern auch die Kinder samt deren Großeltern umgebracht!«

Als Halef das hörte, rief er aus.

»Allah verdamme die Mörder! Wenn mir meine Hanneh, welche die herrlichste aller Jungfrauen, Frauen, Mütter, Muhmen und Tanten ist, und mein Sohn, Kara Ben Halef, dem der Stolz und die Tapferkeit aus den mutigen Augen blitzen, ermordet würden, so wäre das Glück meines Lebens für immer dahin, und ich fände keine Ruhe, bis ich die Scheusale, welche die That begingen, zu den verruchtesten Teufeln der tiefsten Hölle gesandt hätte!«

»Ja, du verstehst mich wohl besser als dein Freund Kara Ben Nemsi, denn du hast einen Sohn. Auch ich glühte vor Rache; aber ich kannte die Mörder nicht, und alle Mühe, sie zu entdecken, war vergeblich.«

»Erzähle, wie sich das Unglück zugetragen hat!« forderte ich ihn auf. »Das wird dein Herz erleichtern.«

»Es wird nicht leichter, sondern schwerer davon,« antwortete er. »Es verursacht immer Schmerzen, wenn man in Wunden wühlt, welche nicht zuheilen wollen. Ich hatte schon in Beirut die tödliche Feindschaft kennen gelernt, welche zwischen den muhammedanischen Drusen und den christlichen Maroniten des Libanon stets geherrscht hat und wohl auch nie verlöschen wird. Da du die Verhältnisse kennst, so brauche ich keine Erklärung vorauszuschicken. Die erwähnte Feindschaft entspringt nicht einem Unterschiede in Beziehung auf den Wohnsitz oder die Sprache, sondern der Verschiedenheit des Glaubens. Drusen und Maroniten bewohnen die Höhen und Thäler des Libanon, und beide sprechen ganz dasselbe Arabisch; aber die Maroniten sind eigentlich katholische Christen, obgleich sie hinsichtlich ihrer Liturgie und der Priesterehe von dem Ritus der römischen Kirche abweichen, und die Drusen bekennen sich zum Islam, haben aber ihre geheimen Lehren und sollen, wie man sagt, sogar noch dem alten syrischen Naturdienste ergeben sein. In früherer Zeit hielten Drusen und Maroniten gegen die Türken zusammen; Bergvölker sträubten sich stets am meisten und am längsten gegen ihre Besieger. Um diese Eintracht zu zerstören, wurde Feindschaft zwischen sie gesäet; die Frucht ging auf, und die Folge waren die blutigen und schonungslosen Metzeleien, welche in den Jahren 1842 und 1845 stattfanden. Als dann die Muhammedaner im Krimkriege von seiten der mit ihnen verbündeten Engländer und Franzosen wiederholte Demütigungen erlitten, setzte sich bei ihnen ein Haß gegen die Christen fest, der sich am leichtesten im Libanon und in Syrien Luft machen konnte, wo englische und französische Interessen unvereinbar mit türkischen zusammenstießen. Man begann zu schüren. Als die Westmächt den Sultan zwangen, in dem berühmten Hatt-i-Humajun auch allen andersgläubigen Unterthanen dieselben Rechte wie den Muhammedanern zuzusprechen, ging eine tiefe Erbitterung durch das Land, deren erstes Zeichen die Ermordung des englischen und französischen Konsuls in Dschidda, der Hafenstadt des heiligen Mekka, war, wo man bekanntlich muhammedanischer als Muhammed selber ist. Die hierauf erfolgende Maßregelung durch die beiden Mächte vergrößerte den heimlich fressenden Groll. Hierzu kam, daß die Befugnisse der Pforte hinsichtlich ihrer Vasallenstaaten immer mehr beschnitten und endlich fast völlig aufgehoben wurden. In Serbien setzte man Kara Georgiewitsch, welcher dem Sultan ergeben war, ab und holte die Obrenowitsch zurück; in der Moldau und der Walachei wurde Cusa zum Fürsten gewählt. Durch diese Ereignisse wurde die Erbitterung der Moslemim gegen die Christen so gesteigert, daß der Ausbruch gar nicht zu vermeiden war; er geschah zunächst im Libanon. In Damaskus fand eine heimliche Beratung zwischen dem dortigen Pascha Ahmed, dem Scheik ul Islam Abdallah el Halebi und Kurschid Pascha von Beirut statt, deren Resultat der Scheik ul Islam in die Worte zusammenfaßte: »Der Hatt-i-Humajun, welcher gegen Geist und Buchstaben des Kuran verstößt, kann nur mit der Aufreizung des Volkes zum Christenmorde beantwortet werden.« Kurschid Pascha brachte diesen Beschluß als erster zur Ausführung; er gab bei seinem Ausmarsche aus Beirut durch Kanonenschüsse das Zeichen zum Gemetzel. Die Drusen erhoben sich zum Vernichtungskampf gegen die Christen.«

Als der Erzähler bis hierher gekommen war, unterbrach ich ihn:

»Ehe du weitersprichst, bitte ich dich, mir zu sagen, ob du in der Beurteilung dieser Kämpfe auf seiten der Christen oder Muhammedaner stehst.«

»Ich nehme keinerlei Partei,« antwortete er; »es wurde auf beiden Seiten mehr oder weniger gesündigt. Wenn du gerecht bist, mußt du zugeben, daß die Maroniten in sittlicher Beziehung tief unter den Drusen gestanden und ihnen Grund zur Verachtung und oftmals auch Veranlassung zur Rache gegeben haben. Auch wirst du nicht leugnen können, daß es Christen waren, welche Saida, das alte Sidon, damals stürmen wollten. Die blutigsten Kämpfe aber gab es zu Hasbeya, am südlichen Fuße des Antilibanon, und in der Stadt Rascheya, welche nördlich davon an den Quellflüssen des Jordan liegt. Dort wurden die Maroniten zu Tausenden niedergemacht. Noch weiter nördlich liegt am Fuße des Libanon das Städtchen Sachleh, dessen Bewohner sich stets als die tapfersten Krieger der Maroniten ausgegeben hatten. Sie lebten in Feindschaft mit den Drusen und waren auf diejenigen ihrer Satzungen stolz, durch welche sie sich von den römischen Katholiken unterschieden. Als sie von dem Ausbruch des Kampfes hörten, feuerten sie ihre Flintenkugeln gegen den Himmel und beteuerten: »Und wenn Gott selbst gegen uns zöge, er könnte Sachleh nicht erobern!« Die Strafe folgte dieser Vermessenheit auf dem Fuße. Die maronitischen Hilfsvölker, welche ihnen beistehen sollten, kehrten unterwegs aus Feigheit um, während die arabischen Beduinen der Ebene, die Drusen des Libanon und Hauran, die Arnauten und Kurden von Damaskus und die Metualis von Baalbek mit Macht gegen die Stadt vordrangen, aus deren brennenden Häusern sich die Verteidiger nur zum Teil durch die Flucht retten konnten. Ganz entgegen andern Behauptungen, kann ich versichern, daß die Drusen sich hier zwar schonungslos tapfer, sonst aber brav benommen haben, denn als sie sahen, daß ihre Verbündeten sich über die Wehrlosen herwarfen, machten sie diesem Greuel durch die Drohung: »Schont die Frauen und Kinder; wer ein Weib anrührt, wird erschossen!« ein schnelles Ende. Hierauf folgte die Erstürmung der mitten im drusischen Gebirge gelegenen Christenstadt Deïr el Kamr, welchen Namen sie von einem früheren Kloster der heiligen Jungfrau hat, die in Syrien gewöhnlich mit der Mondsichel zu den Füßen abgebildet wird. Leider hatten sich auch die Bewohner dieses Ortes oft gegen die Muhammedaner herausfordernd verhalten und die in die Stadt kommenden Drusen beleidigt oder gar mißhandelt. Als ein Scheik derselben sich in nicht einmal großer Nähe des Ortes an einer von ihm rechtlich erworbenen Stelle ein Haus bauen wollte, wurde er von ihnen verjagt, infolgedessen er ihnen in seinem berechtigten Zorne drohte: »Ich baue es dennoch, und zwar werde ich es auf eure Schädel gründen!« Die Rache kam bald; fast die ganze Stadt wurde der Erde gleichgemacht. Es versteht sich ganz von selbst, daß es nun den Christen in Damaskus angst und bange wurde. Weißt du, Effendi, wieviel ihrer damals dort wohnten?«

»Ueber zwanzigtausend. Weil Dimeschk esch Scham die Haupstadt des Vilajets Syrien und des Sandschaks Schami-Scherif ist, war leider mit Bestimmtheit vorauszusehen, daß die Wirren sich auch dorthin ziehen und vielleicht gar einen noch blutigern Ausgang als im Gebirge nehmen würden.«

»Das ist es, was ich auch sagen wollte und was jedermann dort wußte. Die Christen der Hauptstadt schienen zwar in tiefem Frieden mit den Muhammedanern zu leben, forderten aber deren Haß und Neid unvorsichtigerweise durch ihr selbstbewußtes Auftreten und durch die Prunkhaftigkeit heraus, mit weicher sie ihre Wohnungen ausstatteten und ihre Frauen und Töchter geschmückt und unverschleiert durch die Straßen gehen ließen. Sie hatten vergessen, daß der Moslem sich noch immer als den Eroberer, als den Herrn des Landes betrachtete und daß sie nur die Rechte der Ra'aja besaßen, welche sich die Erlaubnis, im Lande wohnen zu dürfen, durch die Kopfsteuer erkaufen mußten. Sie waren als Ra'aja vom Grundbesitze ausgeschlossen gewesen, hatten sich also auf den Handel legen müssen und durch denselben Reichtümer erworben, welche sie nun unklugerweise zur Schau zu tragen wagten. Dieser Besitz war zwar ihr Eigentum, und jeder Mensch soll zeigen dürfen, was er sich erworben hat, aber es ist nicht klug, dies in einer Weise zu thun, welche die Augen anderer Leute mit Gewalt darauf lenkt. Du wirst das Auftreten reicher, christlicher Griechen und Armenier genugsam kennen gelernt haben, und solltest du dennoch nicht meiner Meinung sein, so verweise ich dich auf die reichen Jehuhd des Abendlandes, die dort auch nur Schutzbefohlene waren und von den dortigen Nichtjuden mit Neid betrachtet werden. Giebst du dies zu?«

»Ich kann es nicht leugnen. Sprich weiter!«

»Als die Sorge in Damaskus mehr und mehr zu steigen begann, fragten die christlichen Konsule bei dem Pascha an, ob Gefahr für die Christen vorhanden sei. Er antwortete beruhigend, zog aber aus der meist von Turkmanen und Kurden bewohnten Vorstadt Salehijeh tausend Mann zusammen, welche scheinbar zum Schutze der Christen, eigentlich aber dazu bestimmt waren, mit der Ermordung derselben den Anfang zu machen. Auch der Scheik ul Islam, welcher die Seele der Verschwörung war, that das Seinige, die Befürchtungen einzuschläfern. Hingegen gab es auch viele hochgestellte Muhammedaner, welche den Christen wohlgesinnt waren und sie warnten. Durch die Mitteilung dieser Leute erfuhr man, daß das Militär bereit zum großen Morde sei und daß auch eine heimliche Waffenverteilung unter die Civilbevölkerung stattgefunden habe. Schließlich sah man gar eine Menge von Hunden, denen das christliche Kreuz am Halse hing, auf den Straßen herumlaufen, aber weder diese allerstärkste der Verhöhnung, noch andere Anzeichen waren imstande, die geradezu mit Blindheit geschlagenen Bedrohten aus ihrem unglückseligen Abervertrauen aufzurütteln. Kennst du den Tag, an welchem das Unglück hereinbrach wie ein Blitzstrahl, der vom wolkenlosen Himmel niederfällt?«

»Es war der neunte Juli.«

»Richtig! Die Mueddins riefen eben zum Gebete; die Häuser und Bazars entleerten Sich, und die Straßen waren voller Menschen. Da erscholl plötzlich überall der Ruf. »Mordet, raubt und brennt! Heut ist der Tag des Todes für die Christen!« Im Nu waren die Christenquartiere besetzt, und das fürchterliche Werk begann, um erst nach vollen sieben Tagen ein Ende zu nehmen. Schon am dritten Tage waren gegen vierzehnhundert Häuser eingeäschert. Ueber fünftausend Menschenleben gingen zu Grunde; mehr als tausend Frauen und Mädchen waren ermordet worden oder verschwunden.«

»Aber dieser Christenmord,« schaltete ich ein, »hätte noch viel, viel weiter um sich gefressen, wenn Abd el Kader, der ebenso berühmte wie edle algerische Beduinen-Emir, nicht gewesen wäre.«

»Ja, dieser furchtbare Gegner der Franzosen hatte sein Vaterland verlassen müssen und war nach Damaskus gekommen, um seine letzten Jahre hier friedlich zu verleben. Schon seit der Besitznahme Algiers durch die Franzosen waren viele Araber von dort nach Damaskus gekommen und viele seiner tapfern Krieger ihnen nachgefolgt. Seine Hände hatten die Fahne des Propheten siegreich über viele Schlachtfelder getragen, die Franzosen ihn gelehrt, alles, was christlich heißt, zu hassen, und so durften, obgleich man in Damaskus gewöhnt war, mit seinem bedeutenden Einflusse zu rechnen, die dortigen muhammedanischen Behörden wohl des Glaubens sein, daß er sie in ihrem blutigen Beginnen nicht stören werde. Man war überhaupt der Meinung, daß der ›Uwe von Algier‹, wie er genannt wurde, alt und bequem geworden sei und zur Führung seines zum Kampfe einst so schnell bereiten Schwertes keine Lust mehr habe. Aber dieses Urteil sollte sich als ein sehr falsches erweisen. Als man ihn in Folge des Ansehens, welches er genoß, und seiner militärischen Erfahrungen wegen zu dem heimlichen, gegen die Christen gerichteten Kriegsrate zog, erklärte er dem Pascha in furchtloser Aufrichtigkeit: »Das, was ihr wollt, ist gegen unser Gesetz. Ich bin ein besserer Moslem als ihr und werde die Christen verteidigen; ja, um die Ehre des Islam zu retten, bin ich bereit, dabei unterzugehen!« Und als das Blutbad dennoch begann, hielt er Wort. Er öffnete den Bedrängten die weiten Räume seines Hauses, entsetzte die in ihren Wohnungen belagerten Christen und reichte jedem Flüchtling seine rettende Hand, um ihn in Sicherheit zu bringen. Er kämpfte inmitten seiner unerschrockenen Afrikaner gegen die türkischen Soldaten und den Pöbel und brachte nach und nach fast elftausend Christen in das Kastell, darunter die Lazaristen und auch die barmherzigen Schwestern mit zweihundert jungen Zöglinginnen. Dazu gehörten sieben Razzias, bei denen mehrere seiner Krieger getötet wurden. Auch in seinem eigenen Hause befanden sich viele Hunderte. Es sollte auf Befehl des Scheik ul Islam von mehreren Tausend Soldaten und Plünderern angegriffen werden; da aber verteilte Abd el Kader seine Afrikaner, auf welche er sich verlassen konnte, mit Fackeln in die muhammedanischen Stadtteile, sprengte in Helm und Panzer den Angreifern entgegen und drohte: »Ihr Elenden, glaubt ihr den Propheten durch Blut und Mord zu ehren? Wenn ihr nicht umkehrt, lasse ich den Pascha und seine Offiziere niederhauen und Feuer in alle eure Häuser und Straßen werfen!« Das wirkte, wenn auch nur für kurze Zeit; aber während derselben langte die Nachricht an, daß ein mit Abd el Kader verbündeter Hauran-Scheik, zu dem er um Hilfe geschickt habe, mit einer großen Kriegerschar komme, um dem ›Löwen von Algier‹ beizustehen. Da ließ man von seinem Hause ab und begnügte sich damit, das Kastell mit den darin befindlichen, von ihm geretteten Christen einzuschließen. Dieser in der Nordwestecke der Altstadt liegende Bau ist von einem tiefen Graben umgeben und hat hohe, dicke Mauern, welche von Türmen verstärkt werden. Er bot den Christen einstweilen die nötige Sicherheit, aber sie hatten bei ihrer großen Zahl noch viele Tage lang durch Hunger und Durst, Hitze, Angst und Fieber fürchterlich zu leiden, bis infolge der Einmischung der abendländischen Regierungen Ahmed Pascha abberufen wurde und sein Nachfolger mit neuen Truppen erschien, um die Ruhe wieder herzustellen. Später wanderten sie in Scharen aus, weil sie überzeugt waren, daß der gegen sie gerichtete fanatische Haß nicht ganz gebrochen sei, sondern heimlich weiterglimme.«

»Das kann ich ihnen nicht verdenken, zumal die Bestrafung der eigentlichen Urheber des Blutbades eine höchst lässige war.«

»O, Effendi, darüber weiß ich mehr zu sagen als du! Die Strafe traf nur wenig Schuldige, aber um so mehr Unschuldige, zu denen auch ich gehörte.«

»Auch du?«

»Auch ich!« nickte er. »Ahmed Pascha durfte mit großem Pomp die Stadt verlassen und wurde in Smyrna mit Kanonenschüssen und allen Ehren empfangen; erst später ließ Fuad Pascha, vorn Abendlande gedrängt, ihn nach Damaskus zurückbringen und erschießen. Auch die Kommandanten von Rascheya und Hasbeya wurden erschossen. Von einer Bestrafung Abdallah el Halebi's, des Scheik ul Islam, habe ich nichts gehört; die Rächerhand konnte ihn, den Obersten der Geistlichkeit, wohl nicht erreichen. Und doch war er es, der die ersten Mörder in das Haus eines reichen Christen schickte, weil er diesem eine große Summe schuldete. Dafür aber wurden gegen sechzig Einwohner gehenkt, welche schuldig sein sollten, und weit über hundert Soldaten und Offiziere erschossen, unter denen auch ich mich befand.«

»Unter den Erschossenen?« fragte ich.

»Ja.«

»Und doch lebst du noch?!«

»Oczywiscie! Es ist beides richtig, obgleich ein Widerspruch vorhanden zu sein scheint. Ich wurde erschossen und lebe noch. Daß ich noch lebe, habe ich hier meinem Onbaschi zu verdanken, dem ich diese Rettung meines Lebens, obgleich es keinen Wert mehr für mich hat, niemals vergessen werde.«

»Du machst mich wißbegierig, o Bimbaschi! Was du bisher erzähltest, war mir längst bekannt; jetzt nun erwarte ich, eine Episode zu hören, welche unser ganzes Interesse in Anspruch nehmen wird.«

»Ich bitte dich, mir meine bisherige Ausführlichkeit zu verzeihen! Ich verschuldete sie, weil ich glaubte, diese Darlegungen deinem Hadschi Halef geben zu müssen. Von jetzt an wirst du dich aber nicht mehr gelangweilt fühlen. Du kannst dir wohl denken, daß es mir entsetzlich gewesen wäre, wenn man mich gezwungen hätte, auf unschuldige Christen zu schießen; aber ich war Offizier und hätte gehorchen müssen. Glücklicherweise wurde meine Kompagnie zu den Truppen kommandiert, die das Kastell zu bewachen hatten, was mich von dem Zwange befreite, grausam gegen Menschen zu sein, deren Glaube früher der meinige war. Ich mußte drei Tage und drei Nächte lang vor dem Kastell liegen, ohne meine Kinder, mein Weib und deren Eltern zu sehen, und als ich dann für einen halben Tag abgelöst wurde, fand ich das Haus mit der ganzen Gasse eingeäschert und erfuhr, daß der Grimm des Pöbels sich nicht nur gegen die Christen, sondern gelegentlich auch gegen schiîtisch gesinnte Muhammedaner gerichtet habe. Der Vater meiner Frau war Perser, also Schiît; das wußte das ganze Stadtviertel, in welchem wir wohnten; ebenso wußte man, daß er reich sei, und das war genug, die Plünderungslust sunnitischer Halunken nach unserem Hause zu lenken. Du kannst dir denken, was ich fühlte! Ich begann wie ein Wahnsinniger in den Trümmern des Hauses zu wühlen; Kepek half mir dabei; aber sie rauchten noch, und wir mußten der Hitze weichen. Nun rannten wir in der Nachbarschaft herum, Erkundigungen einzuziehen, und diese verwandelten meine Trauer in Wut: Nicht sunnitisch Gläubige hatten mir mein Glück gemordet, sondern eine Schar herabgekommener Perser, angeführt von einem ihm feindlich gesinnten Landsmanne meines Schwiegervaters, war es gewesen, welche ihn und die Seinigen ermordet, beraubt und dann das Haus in Brand gesteckt hatten. Seitdem hasse ich alles, was Perser oder persisch heißt, und spätere Ereignisse haben diesen tiefen Haß nicht vermindern, sondern nur vergrößern können. Ich war unsinnig vor Grimm und beschloß, nach den Missethätern zu forschen; es war bei der großen, überall herrschenden Verwirrung unmöglich, sie anders als durch Zufall zu finden; aber alle Vorstellungen Kepeks vermochten nicht, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Unser Urlaub lief ab; wir mußten bei dem Buluk eintreffen, und Kepek machte mich auf die Folgen der Ueberschreitung aufmerksam. Seine Warnungen waren für mich Luft; es fiel mir nicht ein, meine Nachforschungen zu unterbrechen, aber ich schickte wenigstens ihn zurück und trug ihm auf, mich bei dem Oberst zu entschuldigen und ihn um Verlängerung meines Urlaubes zu bitten. Ich dachte in meiner Aufregung nicht daran, daß mir dieser Offizier nicht wohlwollte, weil ich früher Christ gewesen war und infolge meines Uebertrittes und meines jetzigen Fleißes eine Charge bekleidete, die er in meinem Alter noch nicht erreicht gehabt hatte. Ich hatte Hoffnungen auf ein rasches Avancement, um welche er mich beneidete. Als ich mich nach fast zweitägigem, vergeblichem Suchen todesmüd und auch geistig marode bei ihm einstellte, ließ er mich festnehmen und einsperren. Als ich dann vor das Kriegsgericht geführt wurde, erfuhr ich, daß ich nur angeblich nach meinen Verwandten und deren Mörder gesucht habe, sondern dies nur als Vorwand vorbringe, um meine Abwesenheit zu beschönigen; die Wahrheit sei, daß ich mich in hervorragender Weise an der Ermordung der Christen beteiligt habe. Es wurden mir sogar Menschen gegenübergestellt, welche dies bezeugten, und diese Menschen waren – – – Perser, persische Diener, welche der Vater meines Weibes aus seinem Geschäfte verjagt hatte, weil er von ihnen betrogen worden war.«

»Ich kann mir alles erklären. Fuad Pascha suchte Schuldige, und da die eigentlichen Urheber des Blutbades aus gewissen Gründen zu schonen waren, so wurden mißliebige Personen mit der Schuld beladen und mußten büßen, was sie nicht verbrochen hatten.«

»Diese deine Ansicht ist richtig. Man machte sehr kurzen Prozeß mit mir und verurteilte mich zum Tode. Ich erleichterte dem Gerichte allerdings diesen Spruch durch mein Verhalten. Anstatt mich ruhig zu verteidigen, beleidigte ich in meinem halb wahnsinnigen Zustande die Richter, die überhaupt schon gegen mich waren, in einer Weise, daß an eine Schonung ihrerseits nicht zu denken war. Schon in der Dämmerung desselben Tages wurde ich mit anderen Verurteilten an Ort und Stelle geführt, um erschossen zu werden. Es waren Soldaten meiner eigenen Kompagnie, welche die Vollstreckung auszuführen hatten, unter ihnen mein Kepek, der Onbaschi. Als den armen Sündern die Augen verbunden wurden, war er es, der zu mir trat. Indem er mir das Tuch anlegte, hörte ich ihn leise sagen: ›Fall um, wenn wir schießen, und bleib unbeweglich liegen! Wir sind übereingekommen, daß keiner auf dich zielen wird, und auch der Asker Hekimi ist einverstanden.‹ Ich muß da bemerken, daß meine Untergebenen mir alle wohlwollten, weil ich gegen sie stets so nachsichtig gewesen war, wie es sich mit meiner Pflicht vertrug. Der Arzt war ein auch übergetretener Inselgrieche, mit dem ich unserer Gesinnungsgemeinschaft wegen näheren Umgang gepflegt hatte. Als die Schüsse fielen, warf ich mich nach hinten nieder und vermied, auch nur einen Finger zu bewegen. Es fielen noch mehrere Salven; dann bemerkte ich, daß der Hekim die Gefallenen untersuchte, ob sie auch wirklich tot seien. Als er zu mir kam, fühlte ich seine tastenden Hände auf meiner Brust; er sagte nichts und ging weiter. Nach einiger Zeit hörte ich das Geräusch von Spaten, Hacken und Schaufeln; es mußte inzwischen Nacht geworden sein. Dann wurde ich eine Strecke weit fortgeschleift, und man nahm mir die Binde ab. Es war dunkel um mich her, doch erkannte ich den über mich gebeugten Onbaschi und auch seine Stimme, als er sagte:

»Komm, Herr, wir müssen schleunigst fort, aus Damaskus hinaus.«

Ich sprang auf und fragte, während ich ihm folgte:

»Du willst desertieren?«

»Ja.«

»Meinetwegen?«

»Gern, denn ich habe dich lieb.«

»Nach dem Verlust der Meinigen wäre mir der Tod gleichgültig gewesen; aber der Gedanke an ihren Mörder gab mir Grund, leben zu bleiben; ich wollte mich an ihm rächen; ich muß dir aber leider sagen, daß all mein Forschen nach ihm vergeblich gewesen ist. Ich will dich nicht mit einer langen Erzählung ermüden, sondern zunächst erwähnen, daß Kepek in allen, selbst den ärmlichsten Verhältnissen treu zu mir gehalten hat. Alle unsere Mittel bestanden in dem wenigen Sold, den er sich gespart hatte. Wir bettelten uns nach Konstantinopel und noch weiter durch. Ein glücklicher Zufall führte eine Begegnung mit Midhat, dem einsichtsvollen, später ebenso berühmten wie verkannten Pascha herbei; er nahm mich in seinen Dienst, nachdem ich ihm alle meine Erlebnisse mitgeteilt hatte. Ich stand unter ihm in Bulgarien und ging dann mit ihm nach Bagdad. Als er nach zwei Jahren nach Stambul zurückgekehrt und dann Großvezier geworden war, wurde mir hier der Rang eines Bimbaschi verliehen und die Oberstelle der hiesigen Zollbeamten anvertraut. Wäre er nicht später in Ungnade gefallen, so hätte seine Gönnerschaft mich jedenfalls noch weit höher geführt; so aber blieb ich hier sitzen und blieb das, was ich war. Doch fühlte ich mich nicht unzufrieden, denn ich hatte, durch seine Güte beschützt, Ersparnisse gemacht, welche sich von Jahr zu Jahr vergrößerten und mir ein sorgenfreies Alter verhießen, und wurde durch die Pflichten meines Amtes so in Anspruch genommen, daß mir keine Zeit übrig blieb, über die Vergangenheit nachzugrübeln. Kepek hätte avancieren können, aber er begnügte sich mit seiner früheren Charge als Onbaschi und bestand darauf, mein Diener sein und bleiben zu dürfen, ein Wunsch, der ihm, wie du siehst, gewährt worden ist.«

Als der Erzähler jetzt eine Pause machte, reichte ich dem Dicken meine Hand hinüber und drückte ihm die seine herzlich. Er war ein kreuzbraver Mensch, und ich konnte nun begreifen, daß sein Herr ihn mit einer so ungewöhnlichen Nachsicht behandelte. Dieser fuhr in seiner Erzählung fort, indem er mich fragte:

»Sind dir die hiesigen Zollverhältnisse bekannt?«

»Nein,« antwortete ich.

»So hast du keine Ahnung von der Verwirrung, in der sie sich befanden, als Midhat die Verwaltung von Irak Arabi übernahm. Es dauerte lange Zeit, ehe es ihm gelang, Ordnung zu schaffen und die Strenge, mit welcher er dies that, hatte zur Folge, daß die Zöllner hier noch mehr gehaßt wurden als in anderen Gegenden, wo man ihnen doch auch keine Liebe entgegenbringt. Man blieb nicht nur beim Hasse stehen, sondern man verfolgte sie und schonte selbst ihr Leben nicht, denn der Schmuggel blühte auf dem Flusse und besonders von der persischen Grenze her in einer Weise, daß sich Hunderte und aber Hunderte von ihm nährten, die nun mit uns, den Beamten, um ihre Existenz kämpfen mußten. Ob es jetzt wieder so ist, das weiß ich nicht, das geht mich nichts mehr an; ich bekümmere mich nicht darum; aber ich bitte dich, mir zu glauben, daß ich als der oberste der Zollbeamten der am meisten Gehaßte und schließlich nirgends meines Lebens sicher war. Wir haben damals Gefahren bestanden, welche ich nicht noch einmal erleben möchte, und wenn du meinen dicken Onbaschi jetzt betrachtest, ist es kein Wunder, zu bezweifeln, daß er mir stets ein treuer und mutiger Helfer gewesen ist.«

»Welche Waren wurden damals geschmuggelt?« erkundigte ich mich.

»Vorzugsweise Felle, Seide, Shawls, Teppiche, Türkise, Hausenblase und Opium. Jetzt aber würde bei der Höhe des Zolles, der auf ihm liegt, Safran der einträglichste Gegenstand des Schmuggels sein.«

Als er dies sagte, mußte ich unwillkürlich an den Pädäri-Baharat, den »Vater der Gewürze«, denken und an das, was ich gehört hatte, als ich ihn und seine zwei Gefährten oben am Tigris belauschte. Er fuhr fort:

»Die Pascherei wurde nicht etwa von jedem, wie ihm beliebte, betrieben, sondern ich machte die Bemerkung, daß sie sehr gut organisiert sein müsse. Es gab jedenfalls Oberhäupter, niedere Chargen und gewöhnliche Schmuggler. Diese Leute mußten geheime, aber umfangreiche Niederlagen besitzen, in denen die Waren aus allen Gegenden zusammenflossen und dort bis zu dem Augenblicke aufbewahrt wurden, an welchem sie ohne Besorgnis gleich in Menge fortgeschafft werden konnten. Ich war schon lange Zeit im Amte, ohne daß es mir gelingen wollte, eine solche Niederlage zu entdecken, und als mir dieser Wunsch endlich, endlich erfüllt wurde, kostete es mich nicht nur mein Amt, sondern auch mein Vermögen, mein ganzes Vermögen, so daß ich durch diesen längst herbeigesehnten Erfolg zum armen Manne wurde.«

»Wie ist das möglich? Ein solcher Erfolg muß doch Nutzen und Beförderung anstatt Schaden und den Verlust des Amtes bringen!«

»Das sagst du, weil du nicht weißt, in welcher Weise diese Entdeckung geschah. Ich habe bisher streng darüber geschwiegen; dir aber will ich alles erzählen; nur möchte ich vorher wissen, wie du über den Eid denkst. Welche Ansicht hast du von ihm?«

»Ich kenne zwar die Beziehung nicht, in welcher du diese Frage aussprichst, aber ich sage, daß der Eid ein heiliges Gelöbnis ist, welches man auf keinen Fall brechen darf. Ich würde lieber sterben, als einen Eid verletzen, den ich geschworen habe.«

»Dann muß ich freilich schweigen und darf dir nichts erzählen, denn ich habe geschworen, gegen jedermann zu schweigen, und Kepek hat denselben Eid leisten müssen.«

»War es wirklich ein Eid?«

»Ja.«

»Von der Obrigkeit euch abgefordert?«

»Obrigkeit? Nein.«

»Von wem denn?«

»Von den Schmugglern.«

»Dann war es nur ein Schwur, und zwar ein erzwungener, wie ich vermute. Habe ich es erraten?«

»Ja.«

»So brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Der Begriff des Eides erfordert unbedingt, daß er von der zuständigen Obrigkeit verlangt und vor ihr abgelegt worden ist. Du hast also keinen Eid geschworen. Und selbst der Schwur, den du beim Namen Gottes dir selbst oder einem anderen Menschen giebst, verpflichtet dich nur dann zur Erfüllung desselben, wenn es sich um eine löbliche, also nicht verbotene Angelegenheit handelt. Den Namen Gottes in einer schlechten Sache anzurufen, ist nichts als Gotteslästerung, und diese Lästerung wird auch zum Verbrechen gegen die menschlichen, die staatlichen Gesetze, wenn man einem solchen Schwure Gehorsam leistet. Ist einem aber ein solcher Schwur gar abgezwungen worden, so kann seine Erfüllung zum Verbrechen werden, und man ist nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, sich nicht nach ihm zu richten. Hast du vielleicht schwören müssen, verbotene Thaten zu verschweigen?«

»Ja.«

»So hast du damit ein Unrecht, ein großes Unrecht begangen.«

»Es galt unser Leben; man hätte uns ermordet, wenn wir es nicht thaten.«

»Ich an deiner Stelle hätte dennoch nicht geschworen. Aber du bist nicht ich, und deine Ansichten über den Eid und über den Schwur sind nicht die meinigen, zumal dir der Islam ebenso gleichgültig ist, wie du ein lauer Christ gewesen bist; aber du bist ein Mann, und ein Mann, ein wahrer Mann hält sein Wort, welches ihm heilig ist und welches er nicht gegen Zwang und für eine schlechte Sache hinwirft!«

»Du magst recht haben, und ich streite nicht mit dir; es ist mir eigentlich auch nicht um den Eid an sich, sondern um die Folgen, welche eintreten sollen, wenn ich ihn nicht halte. Seid ihr, du und dein Halef, verschwiegen, so verschwiegen wie das Grab, welches keine Worte hat, so kann ich ruhig erzählen, was ich euch erzählen möchte.«

»Das Beispiel oder Gleichnis vom Grabe ist nicht gut gewählt. Das Grab ist nicht verschwiegen; es spricht im Gegenteile eine sehr laute, beredte und ernste Sprache, die sogar in Donnerworten erklingen kann, nicht für das leibliche, sondern für das geistige, das seelische Ohr. Wir versprechen dir also, verschwiegener als das Grab zu sein, falls es sich nicht um eine Angelegenheit handelt, welche mitzuteilen wir verpflichtet sind.«

»Diese Verpflichtung habt ihr nicht, denn ihr seid keine vom Padischah verpflichteten und vereideten Zollbeamten. Ich weiß, daß ich mich auf dein Wort verlassen kann und werde also weitersprechen. Nämlich wenn ich damals manche Ereignisse und Vorkommnisse, die Erfahrungen und Ansichten meiner Untergebenen mit den Resultaten meiner eigenen Beobachtungen und Nachforschungen verglich, so führten in Beziehung auf den gesuchten Knotenpunkt der Schmuggelei die Fäden alle nach den Ruinen von Babylon. Es würde zu weitläufig sein, dir die Gründe dazu alle mitzuteilen. Ich folgte diesen Fingerzeichen und engagierte zwei arme Beduinen, welche von ihrem Stamme ausgestoßen worden waren und also gegen keinen Menschen irgendwelche Verpflichtungen hatten. Nachdem ich mich durch freigebige Versprechungen ihrer Treue versichert hatte, schickte ich sie nach dem Ruinenfelde. Sie mußten thun, als ob sie dort Ausgrabungen veranstalteten, um die Funde zu verkaufen, hatten aber die Aufgabe, ihre Augen besonders während der Nächte offen zu halten und mir sofort heimlich Mitteilung zu machen, falls ihnen eine mir nützliche Entdeckung gelingen sollte. Es waren zwei pfiffige Kerls, und kaum waren einige Wochen vergangen, so machten sie mir eine Mitteilung, welche mich in Entzücken versetzte. Sie hatten Schmuggler beobachtet, welche zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Richtungen mit beladenen Tieren oder die Lasten selbst tragend nach einer bestimmten Stelle gegangen waren und sich dann, ohne die Pakete bei sich zu haben, wieder entfernt hatten.«

»Du erfuhrst also diese Stelle?«

»Ja. Sie konnte mir sehr leicht bezeichnet werden, obwohl die beiden Spione sich wohlweislich gehütet hatten, sich so weit heranzuwagen, daß sie hätten bemerkt werden können. Es war am Birs Nimrud; ich weiß den Ort noch heut genau und werde ihn dir nicht nur beschreiben, sondern sogar zeichnen. Ich belohnte die Spione reichlich und befahl ihnen, noch weiter aufzupassen. Die Nachrichten, welche sie mir brachten, bestätigten das Vorherige in der Weise, daß ich beschloß, die Entdeckung auszunützen. Ich brach mit zehn zuverlässigen Untergebenen und Kepek auf, um die betreffende Stelle genau zu untersuchen.«

»In welcher Weise sollte das geschehen?«

»Das werde ich dir später sagen. Es handelte sich um eine verborgene Niederlage von Waren, die jedenfalls einen Raum bildete, der einen Eingang haben mußte, nach welchem zu forschen war. Zu diesem Zwecke nahmen wir Werkzeuge zum Graben und Hacken mit.«

»Ah! Diese Arbeit wolltet ihr am Tage vornehmen?«

»Natürlich! Wann sonst? Es war doch nicht möglich, sie des Nachts zu verrichten.«

»So habt ihr diese Werkzeuge vergeblich mitgenommen.«

»Woher weißt du das?«

»Ich ahne es. Ja, ich vermute noch mehr, nämlich daß ihr verunglückt seid.«

»Das schließest du daraus, daß ich von einem erzwungenen Eid gesprochen habe!«

»Nicht nur daraus. Deine beiden Spione haben dich betrogen.«

»Nein, ganz gewiß nicht; sie waren treue, zuverlässige Menschen.«

»Das möchte ich bezweifeln.«

»Es giebt keinen Grund dazu.«

»Waren sie bei dir, um dir die Stelle zu zeigen?«

»Ja.«

»Bist du auch noch später im Verkehr mit ihnen gewesen?«

»Nein. Sie müssen die Gegend dann gleich verlassen haben; aber das ist keine Ursache, sie für Betrüger zu halten. Sie hatten stets den besten Eindruck auf mich gemacht, und besonders der eine, welcher Safi hieß, sah wie die Ehrlichkeit selber aus.«

»Safi?« fragte ich unwillkürlich, indem ich an den Mann aus Mansurijeh dachte, welcher uns an die Perser verraten hatte. »Wie alt war dieser Araber?«

»Warum willst du das wissen?«

»Weil ich einen Mann dieses Namens kenne.«

»Es giebt viel Menschen, welche so heißen.«

»Wann ist das, was du erzählst, geschehen?«

»Vor vier Jahren.«

»Wie alt war der Mann ungefähr?«

»Er sagte, er zähle vierzig Jahre, sah aber älter aus. Der andere Beduine hieß Aftab, und auch von ihm möchte ich schwören, daß er treu und ohne Falsch war.«

»Aftab! Safi und Aftab, sonderbar, hm, sonderbar!«

Er sah mich erstaunt an und fragte:

»Kennst du vielleicht auch einen Mann dieses Namens?«

»Allerdings, und wenn meine Vermutung mich nicht täuscht, so kann auch ich nun schwören und nicht bloß ahnen wie vorhin, nämlich, daß du in eine dir gestellte Falle gegangen bist.«

»Rzecz smieszna! Hältst du mich für so dumm, daß mir so etwas geschehen kann?«

»Es sind nicht die dummen, sondern sogar sehr pfiffige Tiere, welche man in Fallen fängt. Ich bitte dich, in deiner Erzählung fortzufahren.«

»Das will ich thun, bin aber neugierig, wie du deine Behauptung wirst beweisen wollen.«

»Das wirst du wahrscheinlich sehr bald hören. Uebrigens deutest du an, daß ihr die Werkzeuge zum Graben von hier mitgenommen habt. Ihr seid doch wohl nach Hilleh geritten?«

»Ja. Man muß doch dorthin, wenn man nach den Ruinen von Babylon will!«

»Man kann diese Stadt vermeiden, wenn man beabsichtigt, etwas zu thun, was niemand wissen soll.«

»Wir haben sogar die Nacht dort zugebracht und sind dann am Morgen nach dem Birs Nimrud geritten.«

»So war es unnötig, euch mit den Werkzeugen zu schleppen; ihr hättet in Hilleh welche haben können.«

»Wir wollten dort nicht wissen lassen, was wir zu thun beabsichtigten.«

»Man hat aber eure Hacken und Schaufeln dort jedenfalls bemerkt, die eure Absichten auch schon zwischen hier und Hilleh verraten haben.«

»Wieso und an wen?«

»Ich nehme an, daß ihr unterwegs beobachtet worden seid.«

»Wir sind nur in Khan Bir Nust und Khan Mahawid, wo sich wenig Menschen befanden, eingekehrt und haben unterwegs einige Reiter nur von weitem bemerkt.«

»Von weitem? Diese Reiter vermieden also den Weg? Warum? Sie kamen nicht näher, weil sie euch beobachteten; sie gehörten zu den Schmugglern, denen ihr später in die Hände fielet.«

»Effendi, du sprichst so, als ob du schon alles wüßtest, was ich dir erzählen will. Also, wir kamen wohlbehalten in Hilleh an, übernachteten dort und ritten dann früh nach dem Birs Nimrud hinaus, wo Aftab und Safi uns die Stelle zeigten, um welche es sich handelte.«

Er drehte den ausgerauchten Tschibuk in der Hand um und machte mit der Pfeifenspitze Striche vor sich hin, als ob er ein Papier vor Augen und einen Stift in der Hand habe, um die angegebenen Richtungen zu zeichnen. Dabei fuhr er fort:

»Also hier liegt Hilleh, und so, wie ich es dir jetzt zeige, ritten wir. Da vorn liegt der Turm zu Babel; von dieser Seite näherten wir uns ihm. Dann wurden wir hier nach links geführt, wo ein Haufen von Steinen mit Keilinschriften lag. Von da ging's schief nach rechts empor, einen Einschnitt hinan, hierauf wieder nach links, wo wir um einen Vorsprung schwenkten, der aus meist beschädigten, verglasten Ziegeln bestand. Hinter diesem Vorsprunge lag die Stelle.«

»Nein,« rief ich in meiner plötzlichen Erregung fast überlaut.

»Nicht?« fragte er erstaunt. »Wie kommst du zu dieser Behauptung?«

»In diesem Augenblicke weiß ich, daß die von dir bezeichnete Stelle nicht die rechte ist; die richtige muß weiter oben liegen.«

»Du bringst mich in Verwunderung! Welche Stelle soll die richtige sein?«

»Die, wo man in das Versteck der Schmuggler gelangt!«

»Das ist richtig, sehr richtig, Effendi. Ich höre, daß du im Besitze eines Geheimnisses bist, welches niemals zu verraten wir, um unser Leben zu retten, einen schweren Eid ablegen mußten. Wie bist du in den Besitz desselben gekommen?«

»Davon später! Habt ihr an der falschen Stelle, also an der, welche du erwähntest, sofort zu graben angefangen?«

»Nein, denn ich hatte meine zehn Zollwächter in Hilleh zurückgelassen und war zunächst mit Kepek und den Führern allein nach dem Birs geritten, um mir die Stelle zeigen zu lassen. Es konnten sich ja womöglich Gründe ergeben, die Nachforschungen nicht vor den Augen der Untergebenen vorzunehmen.«

»Welch eine unvorsichtige Vorsichtigkeit! Erzähle weiter! Ich bin überzeugt, daß jetzt die Schmuggler über euch herfallen werden.«

»Du scheinst allwissend zu sein, Effendi, denn es ist wirklich so, wie du sagst. Wir waren nämlich kaum von den Pferden gestiegen, so tauchten aus einer Vertiefung seitwärts von uns mehr als zwanzig bewaffnete Kerle auf, welche so schnell auf uns eindrangen, daß wir gar nicht Zeit fanden, an Gegenwehr auch nur zu denken. Einige Augenblicke später waren wir niedergeworfen, festgehalten und gebunden worden. Auch die Augen verhüllte man uns. Ich hörte eine Stimme in befehlendem Tone sagen: Tort mit ihren Pferden, weit fort, und schnell hinauf mit ihnen, daß kein Kumrukdschi ahnen kann, was geschehen ist; denn die zehn anderen Hunde, weiche dieser Bimbaschi mitgebracht hat, werden wohl auch bald eintreffen.‹ Ich fühlte, daß ich aufgehoben und fortgeschleppt wurde, nicht abwärts oder zur ebenen Erde, sondern sehr steil aufwärts, wo man mich dann niederlegte. Ich sage dir, daß mir nicht wohl zu Mute war, denn ich kannte den Haß der Schmuggler gegen mich und hatte allen Grund, um mein Leben besorgt zu sein.«

»Es war nicht so schlimm; du lebst ja noch!«

»Scherze nicht! Als ich nun an der Erde lag, vernahm ich das Geräusch von aneinander klingenden Steinen, wie wenn ein Maurer bei der Arbeit ist. Das dauerte längere Zeit und ohne daß ich ein gesprochenes Wort zu hören bekam; dann wurde ich wieder aufgehoben und fortgeschleift, wobei ich, wie ich wohl bemerkte, bald rechts, bald links an Steine, also wahrscheinlich an Mauern stieß. Hierauf wurde ich abermals niedergelegt, worauf man endlich zu sprechen begann, aber leider persisch, was ich damals nicht so wie heut verstand. Ich habe mir nur den Namen Gul-i-Schiraz gemerkt, welcher mir auffallen mußte, weil er wiederholt genannt wurde. Nach einiger Zeit hörten wir Schritte, welche sich entfernten; dann wurde es still.«

»Und Kepek?« fragte ich. »Was war mit ihm geschehen? Wo befand er sich?«

Da ergriff der Dicke, seit wir uns oben auf dem Dache befanden, zum erstenmal das Wort, indem er antwortete:

»O Emir, ich lag neben meinem Herrn, denn man hatte mich ganz genau wie ihn behandelt und mich auch in dieses Loch des Verderbens geschleppt. Ich zitterte vor Besorgnis nicht um mich, sondern um ihn, und war hoch erfreut, als ich seine geliebte Stimme hörte. Er fragte nämlich, ob noch jemand da sei, und als ich ihm meinen Namen genannt hatte, besprachen wir die Lage, in welcher wir uns befanden.«

»Ihr beide?«

»Ja.«

»Und eure Spione, die mit euch gekommen waren?«

»Die lagen nicht bei uns.«

»Das glaube ich gern, denn es ist so, wie ich vermutete: Sie waren mit den Schmugglern verbündet, und es verstand sich ganz von selbst, daß ihnen nichts geschah. War es euch denn nicht möglich, von den Fesseln loszukommen?«

»Nein,« antwortete der Bimbaschi. »Ich versuchte es auf alle mögliche Weise aber vergeblich. Wir lagen lange, lange Zeit; es schien ein halber, ja ein ganzer Tag zu sein, und die Glieder schmerzten uns von diesem langen Liegen. Da endlich nahten wieder Schritte; wir hörten, daß mehrere Personen kamen. Die Augen wurden uns freigegeben, und wir sahen drei Männer vor uns stehen und einen vierten, welcher unweit von uns auf einem Steine saß. Dieser wurde von einem der drei gefragt, was er gehört habe, und er berichtete jedes Wort, welches von uns gesprochen worden war. Daraus erkannten wir nun, daß wir nicht allein gewesen waren, denn dieser Mensch hatte uns bewachen und belauschen müssen.«

»Waren Fenster oder sonstige Oeffnungen in dem Raume?«

»Nein.«

»So muß er erleuchtet gewesen sein. Wodurch?«

»Durch irdene Oellämpchen, von denen ich später, als ich mich aufrichten durfte, einen ganzen Vorrat nebst einer großen Oelkanne in einer Nische stehen sah.«

»Kannst du mir sagen, wie der Raum beschaffen war?«

»Ja, denn ich habe mich lange genug in demselben befunden; er ist mir so gegenwärtig, als ob ich noch jetzt darin läge. Er war lang und schmal und nicht viel mehr als mannshoch.«

»Also ursprünglich kein Gemach, sondern ein Gang.«

»Du kannst recht haben, denn die nackten Wände, welche aus Ziegeln bestanden, waren leer und nur in einer Ecke lagen einige Werkzeuge und ein Haufen Stricke.«

»Gab es eine Thür?«

»Nein.«

»Ich kann mir das nicht denken, denn es steht zu vermuten, daß dieses Gelaß nur das Vorgemach zu anderen und größeren Räumlichkeiten war.«

»Das ist allerdings richtig, obwohl ich, im eigentlichen Sinne gemeint, nicht von einer Thür sprechen kann. Ich werde das später erklären; jetzt muß ich dir erzählen, was der Säfir zu mir gesagt hat.«

»Der Säfir? Dieses persische Wort bedeutet ›Gesandter‹. Woher kennst du diese Bezeichnung?«

»Er wurde von den andern so genannt. Sein Aussehen war fast furchterweckend, und zwar wegen einer feuerroten Narbe, welche auf der Stirn begann und über die linke, leere Augenhöhle und die Wange bis herunter zur Spitze des Mundes reichte und dort den langen Schnurrbart in zwei ungleiche Hälften schied. Der Hieb, welcher ihm diese Narbe brachte, hatte ihm das Auge geraubt. Der Anzug, den er trug, war – – –«

»Der thut nichts zur Sache,« unterbrach ich ihn, »denn die Kleidung kann jederzeit gewechselt werden. Wie war seine Gestalt? Und hatte er sonst etwas Auffälliges an sich?«

»Er trug nur Schnurrbart. Seine Gestalt war nicht hoch, aber sehr breit und ungewöhnlich kräftig, und seine Stimme hatte einen schnarrenden Klang. Auch sah ich, daß er die Gewohnheit hatte, die Haare des Schnurrbartes sehr oft über die Lücke desselben zu streichen. Warum fragst du nach solchen Merkmalen?«

»Weil das in meiner Gewohnheit liegt. Ich pflege auf meinen Reisen den geringsten Umstand zu beachten und habe sehr häufig die Erfahrung gemacht, daß Kleinigkeiten, welche andern entgehen würden, mir, wenn ich sie im Gedächtnisse behalten hatte, später großen Nutzen brachten. Dieser Säfir muß mich schon an sich und auch deinetwegen interessieren; aber wir gehen nach Persien, und da auf Erden nichts unmöglich ist, kann es die Schickung fügen, daß ich ihm dort einmal begegne. Auch will ich mit Halef nach dem Birs Nimrud reiten, und da ist es – – –«

»Das wollt ihr? Wirklich, wollt ihr das?« fiel er schnell ein.

»Ja. Zwar habe ich nicht den mindesten Grund, anzunehmen, daß wir den Säfir dort sehen werden, aber er steht in meiner Phantasie nun einmal mit dem Turm zu Babel in Beziehung und darum möchte ich so gut wie möglich über seine Person unterrichtet sein.«

»Habt ihr vielleicht die Absicht, den Turm zu untersuchen?«

»Wenn sie sich nicht noch einstellt, bis jetzt hatten wir sie noch nicht.«

»So laßt euch auch nicht gelüsten, es zu thun, denn dieser Gedanke könnte für euch höchst gefährlich werden! Ich weiß, was mir mein damaliger Besuch des Turmes gebracht hat, und wenn es mir auch unbekannt ist, ob er dergleichen Gesindel jetzt noch birgt, so sagt mir doch eine innere Stimme, daß ich euch warnen soll. Vor allen Dingen hütet euch, aus meiner Erzählung die Veranlassung zu ziehen, dort nachzuspüren, weil mir das den angedrohten Tod bringen könnte! Ich spreche nicht darum zu euch, daß ihr meine Erlebnisse verfolgen sollt, sondern nur um deinen Rat zu holen.«

»Was diese Warnung und diesen Wunsch betrifft, so kann ich dir versichern, daß du keine Veranlassung hast, um dich oder uns beunruhigt zu sein. Wir wissen dein Vertrauen zu schätzen und werden nichts thun, was dir schaden könnte.«

»Das beruhigt mich. Ihr dürft mir meine Besorgnis nicht übelnehmen, denn die Gefahr, welcher wir damals nur mit Not und durch die Ablegung des Eides entgingen, ist für uns ganz in derselben Größe auch noch heut vorhanden.«

»Es kann uns nicht einfallen, deine Worte anders zu nehmen, als sie gemeint sind. Sprich getrost davon weiter, was ihr im Birs Nimrud erlebt habt!«

»Der Säfir sprach eine Weile persisch mit seinen Leuten, wobei er uns von Zeit zu Zeit bald höhnische und bald grimmige Blicke zuwarf oder uns verächtliche Fußtritte versetzte. Meine Frau und ihr Vater hatten mir von dieser Sprache nur soviel beigebracht, daß ich mich ihrer gebrochen bedienen konnte; darum verstand ich auch jetzt nur wenig von dem, was gesprochen wurde, zumal diese Kerle außerordentlich schnell redeten; aber es kam auch dieses Mal sehr häufig der Name Gul-i-Schiraz vor. Erst in diesem Augenblicke kommt mir ein Gedanke: der Orientale drückt sich gern bildlich aus; er legt besonders seinen Frauen oft Blumennamen bei. Sollte etwa nicht eine wirkliche Rose, sondern ein Weib gemeint sein? Dann müßte diese weibliche Person in sehr enger Beziehung zu den Schmugglern stehen. Wen man so oft nennt, der muß Wichtigkeit besitzen und hieraus ist meines Erachtens zu schließen, daß diese Beziehung keine gewöhnliche ist. Ich bin geneigt, die ›Gul-i-Schiraz‹ für die Frau eines Anführers zu halten. Was sagst du dazu, Effendi?«

»Ich überlasse in Hinsicht auf die Persönlichkeit die Lösung des Rätsels jetzt noch dir. Wichtiger als die Person ist mir der Ort.«

»Wieso?«

»Ob eine Person oder eine Sache gemeint ist, das hat vorläufig noch keine Wichtigkeit für mich; die Hauptsache ist für mich das Wort Schiraz, aus welchem ich die Vermutung Ziehe, daß die Enthüllung des Geheimnisses nur drüben in der gleichnamigen Hauptstadt der persischen Provinz Farsistan oder deren Nähe zu versuchen ist. Und selbst wenn ich mich mit dieser Annahme in Irrtum befinden Sollte, möchte ich doch behaupten, daß sich ein Zusammenhang zwischen einer dortigen Existenz und der gesuchten Gul-i-Schiraz finden lassen wird. Es ist nicht nötig, uns den Kopf darüber zu zerbrechen. Wenn es sein soll, wird sich uns die Lösung ganz von selbst bieten. Also du erzähltest, daß der Säfir zunächst mit seinen Leuten gesprochen habe?«

»Ja; dann wendete er sich zu uns, um seinen Grimm natürlich besonders über mich auszuschütten. Indem er mich mit den niedrigsten Schimpfworten bewarf, zählte er mir vor, welchen ungeheuren Schaden mir die Schmuggler anzurechnen hätten, und drohte, daß man mir dafür nicht nur möglichsten Ersatz, sondern sogar auch das Leben abfordern würde. Seine Rede war sehr lang; ich aber will kurz sein und nur sagen, daß ich sie nicht beantwortete. Auch Kepek sagte kein Wort. Da begann der Perser von neuem, indem er hohnlächelnd alle meine Nachforschungen vorbrachte, welche ich gemacht hatte, um das Versteck der Pascher zu entdecken. Woher wußte er das alles? Befand sich etwa unter meinen Beamten einer, der in seinem Solde stand und ihm alles verraten hatte?«

»Das ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, denn ich schließe aus deiner Erzählung, daß die Verbindung der Schmuggler eine sehr weitreichende und außerordentlich wohlgeordnete ist, und da die Leitung derselben eine ebenso kühne wie auch schlaue zu sein scheint, kann man fast mit Sicherheit annehmen, daß Spione angestellt worden sind, um alles, was du gegen sie zu unternehmen gedachtest, vorher zu erfahren. Und wo gab es Personen, welche darüber unterrichtet waren? Natürlich nur unter deinen eigenen Leuten.«

»Das ist richtig. Hätte ich doch auch in dieser Beziehung meine Augen offen gehalten! Erst jetzt wird es mir klar, warum mir oft Pläne mißglückten, welche so sorgfältig und pfiffig angelegt waren, daß der Erfolg gar nicht ausbleiben zu können schien. Ich sehe ein, daß ich gegen meine Untergebenen zu vertrauensselig gewesen bin, und das ist ein Fehler, den ich schwer, sehr schwer habe büßen müssen.«

»Gleich von der Zeit an, von welcher du erzählst?«

»Ja. Ich habe dir schon gesagt, daß der Anführer nicht nur mein Leben bedrohte, sondern auch Schadenersatz verlangte. Er forderte mein ganzes Vermögen von mir, und als ich sagte, daß ich nicht reich sei, nicht einmal wohlhabend, lachte er mich aus und sagte mir nicht nur die Summe, welche ich besaß, sondern auch die Bank, in welcher sie lag, so genau, als ob ich es ihm selbst anvertraut hätte.«

»Auch hieraus mußt du erkennen, daß er vorzügliche Spione hatte, welche nur in deiner Nähe zu suchen waren.«

»Daran dachte ich damals nicht; es wäre auch zu spät gewesen, da er doch nun einmal so genau unterrichtet war. Er verlangte eine Anweisung auf die Bank, und als ich sie ihm verweigerte, erklärte er mir, daß ich dann binnen einer Stunde mit dem Onbaschi getötet werde. Er gab mir drei Viertelstunden Zeit, es mir zu überlegen, und setzte sich dann zu den andern wartend nieder. Da saßen sie und unterbrachen die tiefe Stille nur zuweilen durch einige leise Worte, welche sie einander zuflüsterten. Als die Zeit vorüber war, wurde ich gefragt, ob ich mich eines Bessern besonnen hätte; ich gab eine verneinende Antwort; da schlugen sie zwei Pflöcke in die Mauer und banden mir und Kepek Stricke um die Hälse. Ich konnte nicht bezweifeln, daß sie uns aufhängen würden, und so erklärte ich mich denn mehr aus Rücksicht auf den Onbaschi als auf mich bereit, die Summe zu bezahlen. Vielleicht wirst du sagen, Effendi, daß dies feig von mir gewesen sei?«

»Das fällt mir nicht ein. Es hätte wohl jeder an deiner Stelle genau so wie du gehandelt, denn wenn man die Wahl hat, entweder als armer Mann leben bleiben zu dürfen, oder als reicher aufgehängt zu werden, so wird man wohl das erstere vorziehen. Du hattest ja deine einträgliche Stellung und konntest also wieder wohlhabend werden.«

»Das sagte ich mir auch, mußte aber nur zu bald einsehen, daß diese Hoffnung eine vergebliche war. Man nahm uns die Stricke wieder ab und brachte – – ah, kannst du erraten, was man nun brachte?«

»Nein.«

»Man brachte mein Diwit jazy takym, ja, mein eigenes Diwit jazy takym nebst Mürekkeb, Kalem und Kiahat, und erstaunlicherweise war dieses Kiahat auch von mir, von meinem eigenen Schreibtische genommen! Man hatte das alles in ein Päckchen gepackt, in welchem auch Lök und mein Mühür war. Was sagst du dazu?«

»Daß dieser Streich, den man dir spielte, seit langer Zeit und sehr eingehend vorbereitet gewesen ist. Man brauchte alle diese deine eigenen Sachen, die man auf der Bank wahrscheinlich kannte, um dort zu überzeugen, daß die Anweisung wirklich von dir und von keinem andern komme. Du hast sie natürlich geschrieben?«

»Ja, doch nicht wie ich wollte, sondern der Säfir diktierte sie. Er mußte ein gewandter Geschäftsmann sein, denn er verfaßte sie so, daß ich, wenn ich Kassierer der betreffenden Bank gewesen wäre, das Geld ohne alles Bedenken sofort aufgezählt hätte. Es stand übrigens ohne Kündigung, da ich in meinen Verhältnissen und als türkischer Beamter unter einem übelwollenden Pascha in einer von Stambul so entfernten Stadt unter allerlei Scherereien zu leiden hatte und sogar gezwungen war, mit einer plötzlichen Entlassung zu rechnen. Da war es geraten gewesen, mein Geld so anzulegen, daß ich es zu jeder Stunde bekommen konnte. Als der Säfir die Anweisung in den Händen hatte, verglich er sie mit einigen andern Papieren und sagte mir:

»Hier sind Schriftstücke, welche du verfaßt hast, und ich habe dein jetziges Schreiben mit ihnen verglichen. Hättest du deine Hand verstellt, so wäret ihr doch noch aufgehängt worden. Jetzt habe ich euch etwas zu zeigen und werde dann eine Frage an dich stellen. Ueberlege sie dir wohl, ehe du sie beantwortest, denn von deiner Entscheidung hängt wahrscheinlich euer Leben ab!«

»Man band uns die Stricke von den Füßen los, so daß wir aufstehen und gehen konnten; die Hände aber blieben gefesselt, um es uns unmöglich zu machen, uns zu wehren. Er trat, während die andern mit Lämpchen leuchteten, in die Ecke, wo die Stricke lagen und den Boden bedeckten; sie wurden weggeräumt, worauf man auch den darunter liegenden Sand eine Hand hoch entfernte. Da kamen einige Bretterstücke, und unter ihnen, als man sie weggenommen hatte, ein Loch mit abwärts führenden Stufen zum Vorschein. Wir stiegen ab und gelangten in einen großen, weiten Raum, welcher von einer solchen Menge von Schmuggelwaren angefüllt war, daß ich mich vor Erstaunen fast kaum zu fassen wußte. Da hingen, lagen oder standen – – –«

»Bitte, erlaube mir!« unterbrach ich ihn. »Wie hoch war dieser Raum?«

»Vielleicht vier Fuß über Mannes hoch,« antwortete er.

»Du wirst es nicht mehr wissen, aber es wäre mir interessant zu erfahren, wieviel Stufen hinabgeführt haben.«

»Das weiß ich zufällig noch ganz genau. Als ich in das Loch steigen mußte und die dunkle Tiefe unter mir sah, dachte ich, daß da unten unser Gefängnis liege, in welchem man uns umkommen lassen wolle. Ich war entschlossen, in diesem Falle alles mögliche zu unserer Rettung zu unternehmen, und weil die Treppe dabei von Bedeutung war, zählte ich die Stufen. Es waren achtzehn.«

»Waren sie von gewöhnlicher Höhe?«

»Ja. Ich glaube, es werden in den hiesigen Häusern sechs Treppenstufen auf eine Zär-i-Schahi gerechnet.«

»Richtig! Die Zär-i-Schahi hat hundertzwölf Centimeter. Wenn der Raum vier Fuß über Mannes hoch gewesen ist, muß die Decke neunzig bis hundert Centimeter dick gewesen sein. Der Abstand zwischen den beiden Fußböden oben im Gange und unten in dem Vorratsraume hat also wohl ungefähr dreihundertfünfzig Centimeter oder nach persischem Maße drei königliche Ellen und eine halbe Väjab betragen.«

Er sah mich nachdenklich an und sagte:

»Ich muß dich immer wieder fragen, warum du dich so eingehend erkundigst und nun gar eine so genaue Berechnung anstellst?«

»Und ich antworte dir immer wieder, daß ich das nur aus alter Gewohnheit thue. Wenn man weiß, wie tief der Vorratsraum unter dem Gange liegt, dessen Lage man kennt, kann man, ohne das Innere zu betreten, auch von außen angeben, in welcher Höhe oder Tiefe des Birs Nimrud man diesen Raum zu suchen hat. Welche Ecke des Ganges war es, in welcher die Stricke lagen?«

»Hinten rechts. Aber mir kommt es vor, als ob du Absichten hegtest, die du mir verheimlichen willst!«

»Ich habe keine; aber ich werde dir später eine Mitteilung machen, welche dich an die Harmlosigkeit meiner Fragen glauben lassen wird. Also der Raum, von welchem du sprachst, war mit Schmuggelwaren angefüllt?«

»Vollständig angefüllt, und zwar so, daß kaum genug Platz blieb, sich zwischen ihnen zu bewegen. Der Säfir befahl, rundum zu leuchten, und da sahen wir eine Menge der sehr mühselig und kostspielig herzustellenden Kalämkar-Gewebe, deren Farben mit Sakkes-Harz fixiert werden. Ferner kostbare Shawls aus Murgus-Wolle und herrliche Färschha aus Farahan bei Kirmanschah, geflammte Seide und wellige Charah und palmendurchwebte Shawls abrischum. Auch sah ich große Ballen von Saghri, Tscherme hamadani und Puste buchara. Hierauf wurden wir durch noch drei andere Räume geführt, in denen ähnliche Waren aufbewahrt wurden, auch andere Dinge wie Haschisch, Opium, Gewürze, Rosenöl und Arsenik aus Kaswin, für Konstantinopel bestimmt. Es wurde uns auch Lapis lazuli aus Turkestan gezeigt und Diamanten, welche in Ispahan und Schiras geschliffen worden waren, und eine ganze Menge Baras, Schirbam und Maden-i-Nau, welche an sich ein Vermögen ausmachten.«

»Wozu hat man dir, dem obersten Zollbeamten, dem man es doch hätte verheimlichen sollen, das alles gezeigt? Es giebt nur einen Grund, nämlich den, daß man dich in Versuchung führen und ins heimliche Einvernehmen mit den Schmugglern bringen wollte. Wenn du dich verlocken ließest, darauf einzugehen, konnten sie natürlich noch weit bessere Geschäfte machen als bisher.«

»Ja, das war der Zweck. Der Säfir machte mir den Vorschlag, seine Gesellschaft zu begünstigen, und bot mir dafür eine jährlich zu zahlende Summe an, welche so beträchtlich war, daß ein anderer sich sehr wahrscheinlich hätte verleiten lassen; ich aber sagte ihm kurz, daß ich weder ein Verbrecher sei noch einer werden wolle. Hierauf zeigte er mir Geld, sehr viel Geld und sagte, er werde mir die erste Jahressumme gleich heut auszahlen und mir auch meine Anweisung zurückgeben, da er mich als seinen Verbündeten dann doch nicht berauben könne. Ich blieb aber fest. Da ergrimmte er und sagte:

»Du hältst die Gefahr, in welcher du dich befindest, wahrscheinlich nicht für so groß, wie sie in Wirklichkeit ist. Es handelt sich um euer Leben. Ihr kennt unser Versteck und habt alles gesehen, was sich darin befindet; folglich kann nur euer Tod uns die Sicherheit bieten, auf welche wir nicht verzichten dürfen. Ich gebe dir noch Zeit zum Ueberlegen. Ich schicke jetzt einen Boten mit deiner Anweisung nach Bagdad. Wird sie nicht bezahlt, bist du auf alle Fälle verloren; bekommen wir das Geld, so werde ich noch einmal mit dir reden.«

»Als er diese Drohung ausgesprochen hatte, wurden wir wieder gebunden wie vorher und dann eingesperrt, ohne daß man uns mit Wasser oder einer Speise versah.«

»Du vergissest, den Ort zu sagen, an welchen man euch brachte. Auch hast du von noch drei Räumen gesprochen, ohne zu erwähnen, in welcher Weise sie zusammenhingen und wie ihr aus dem einen in den andern gelangt seid.«

»Durch Thüröffnungen, welche mit Teppichen verhängt waren.«

»Es gab also keinen verborgenen Mechanismus, durch welchen etwaigen Eindringlingen der Zugang unmöglich gemacht wurde?«

»Nein.«

»So handelt es sich also nur um zwei verborgene Stellen, nämlich um den äußern Eingang und um die unter den Stricken versteckte Treppenöffnung. Wie lagen die drei Räume zu dem ersten?«

»Von ihm aus kam man in den mittleren, neben welchem rechts und links die beiden andern lagen. Dem ersten gegenüber stieß an das mittlere das Gefängnis, in welches wir eingesperrt wurden.«

»War dies klein?«

»Nein, sondern ebenso groß, wie die andern vier Uwad waren.«

»Also bildeten diese fünf Uwad eine ganz regelmäßige Figur von gleichgroßen Vierecken, welche in Form eines Kreuzes aneinander stießen?«

»Ja; ich will es dir zeigen.«

Er nahm den Tschibuk wieder in die Hand und zeichnete mit der Spitze desselben die nebenstehende Figur vor sich hin.

5

2 3 4

1

Dann fuhr er fort:

»Zu Nummer Eins führt die Treppe hinab; von da gingen wir nach Drei, Vier und Zwei, und dann wurden wir wieder gebunden und nach Fünf geschafft, wo wir bewegungslos wie Warenballen liegen mußten.«

»Im Finstern natürlich?«

»Ja; doch so lange sie mit den Lampen bei uns waren, konnten wir uns umschauen, sahen aber nichts als kahle Mauern, auch aus Ziegelstein, und auf dem Boden unten einen kleinen Haufen Erde in der Ecke links.«

»Bestand denn der Boden aus Erde?«

»Nein, sondern aus Ziegeln.«

»So ist dieses Häufchen Erde merkwürdig, oder wenigstens will ich sagen, daß es, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, meine Aufmerksamkeit erregt hätte.«

»Etwa wegen der Kanafid, welche später kamen? Das sind ja ganz friedliche Tiere, welche keinem Menschen etwas thun.«

»Kanafid? Ah, ihr habt Stachelschweine in diesem Raume gehabt?«

»Ja. Als wir, wie uns deuchte, wohl eine ganze Ewigkeit gelegen hatten, hörten wir ein leises Geräusch; dann rasselte es, wie wenn dünne Stäbe zusammenklingen, und dann jagten sich einige Tiere hin und her. Wir wußten erst nicht, was für welche es waren, aber als wir dann die eigentümlichen grunzenden Töne hörten, welche das Kumfud im Zorne auszustoßen pflegt, da erkannten wir, daß es Kanafid seien.«

»Merkwürdig, höchst merkwürdig!«

»Warum?«

»Siehst du das nicht ein? Zunächst ist es seltsam, daß sich diese sonst so scheuen Tiere in eure unmittelbare Nähe gewagt haben; das erklärt sich aber dadurch, daß vielleicht Frühling war, ihre Paarungszeit, in welcher ihr Gesellungstrieb jawohl einmal stärker als ihre angeborene Furchtsamkeit sein kann. Viel auffälliger aber ist der Umstand, daß sie sich in dieser aus Ziegeln gemauerten Kammer befunden haben. Die Stachelschweine graben oft sehr lange Gänge; aber durch feste Ziegel können sie wohl kaum. Entweder handelt es sich da um eine Lage zerfallener Luftziegel in der Mauer oder gar um einen verschütteten Ausgang in das Freie, der euch freilich nichts nützen konnte, weil ihr gefesselt waret. Wichtiger für mich, wenigstens jetzt, ist die Frage, in welcher Weise eure Kammer von Nummer Drei abgeschlossen wurde. Gefangene pflegt man doch nicht durch eine Teppichthür zu verwahren!«

»Was das betrifft, so war den Schmugglern eine solche Unvorsichtigkeit auch gar nicht in den Sinn gekommen. Sie hatten einen Vorhang herabgelassen, welcher aus starken Drahtstäben bestand und nach Belieben auf- und niedergerollt und gut befestigt werden konnte. Selbst wenn wir nicht gebunden gewesen wären, und unsere Messer bei uns gehabt hätten, wäre es uns nicht gelungen, diese Stäbe zu zerschneiden.«

»Das Vorhandensein dieses festen Rollenvorhanges läßt darauf schließen, daß die Kammer schon vor euch Gefangene aufgenommen hat. Erzähle weiter!«

»Es schien uns, wie gesagt, fast eine Ewigkeit zu sein,« fuhr er fort, »bis wir die Drahtstäbe rasseln hörten, und wieder Licht sahen. Der Säfir kam, mit ihm dieselben Männer, welche schon vorher dagewesen waren. Er hatte, wie er uns mitteilte, das Geld bekommen. Dies schien ihn zur Milde gestimmt zu haben, denn er trat viel weniger barsch als früher auf. Er fragte zwar, ob ich mich eines Bessern besonnen hätte, nahm aber meine abweisende Antwort ohne den frühern Zorn ruhig hin und sagte in gelassenem, wenn auch trotzdem sehr entschiedenem Tone:

»Mit dieser Weigerung hast du dein Urteil selbst gefällt. Ich muß dafür sorgen, daß du uns nicht schaden kannst. Wir ahnten, daß du den Vorschlag zurückweisen würdest, der Unserige zu werden, und in diesem Falle war dein Tod beschlossen. Man hat aber für dich gebeten; wer das gewesen ist, das brauchst du nicht zu wissen; ich habe dem Betreffenden Schonung deines Lebens zugesagt, falls du bereit bist, uns in anderer Weise sicher zu stellen. Höre also, was ich dir jetzt sage! Gehst du darauf ein, so erhaltet ihr die Freiheit wieder; wenn nicht, so werdet ihr schon die nächste Stunde nicht überleben. Also: ihr schwört mit einem Eide, den ich euch vorsagen werde, daß ihr diesen Ort hier keinem Menschen verraten werdet, und du giebst, sobald du nach Bagdad zurückgekehrt bist, deine Stellung auf. Thust du dies nicht sofort, so verfallt ihr in kürzester Zeit unserer Rache. Und wird dieses Versteck hier früher oder später einmal in irgend einer Weise entdeckt, die uns auch bloß nur ahnen läßt, daß ihr nicht schweigsam wie das Grab gewesen seid, sondern euern Eid gebrochen habt, so steht euch der martervollste, grauenhafteste Tod bevor. Auch darfst du, solange du lebst, Bagdad niemals verlassen, damit du unserer Rache nicht entrinnen kannst. Wir werden dich stets beobachten und dich, selbst wenn du noch hundert Jahre lebtest, niemals aus den Augen lassen. Du würdest bei der geringsten Vorkehrung zur Abreise verloren sein! – Das war es, was der Säfir von mir verlangte, Effendi. Was hättest du an meiner Stelle gethan?«

»Jedenfalls nicht, was du gethan hast,« antwortete ich. »Er hätte mich wahrscheinlich gar nicht mehr im Gefängnisse vorgefunden. Doch darauf kommt es jetzt auch gar nicht an. Ihr habt den Eid geschworen und seid entlassen worden, worauf du dann nach Bagdad zurückgekehrt bist und dein Amt niedergelegt hast.«

»Ja, so ist es. Ich weiß wirklich nicht, was ich sonst hätte thun sollen oder thun können. Wenn wir uns weigerten, das zu thun, was man von uns verlangte, so war uns der Tod gewiß. Zwar hatte das Leben schon längst keinen eigentlichen Wert mehr für mich; aber es handelte sich nicht allein um mich, sondern auch um Kepek, den Treuen, und da das Leben doch immerhin etwas ist, so ging ich auf die Bedingungen des Säfir ein. Wir mußten schwören und wurden dann gleich von den Fesseln befreit und hinauf in den Gang und hinaus vor den Turm geschafft.«

»Des Nachts natürlich?«

»O nein; es war am hellen Tage.«

»Wirklich? Welche Unvorsichtigkeit von dem Säfir!«

»Warum Unvorsichtigkeit?«

»Weil ihr da sehen konntet, was man euch bisher verheimlicht hatte, nämlich den Eingang, seine Lage und wie er geöffnet und verschlossen werden konnte.«

»Das haben wir freilich alles gesehen. Der Säfir stand dabei und sagte:

»Daß ich das nicht als ein Geheimnis für euch betrachte, mag euch zeigen, wie fest und sicher ich euch in meinen Händen halte. Ja, ich habe sogar eine ganz besondere Absicht dabei. Nun ihr alles wißt, ist für euch die Versuchung, euern Eid zu brechen, um so größer und also euer Tod um so sicherer.«

»Uebrigens, was den heimlichen Eingang betrifft, so würden wir ihn jedenfalls nicht finden, und wenn wir noch solange suchten, denn wir haben uns die Striche nicht gemerkt, mit denen der kleine Ziegel gezeichnet war, den man erst entfernen muß, ehe sich die größeren bewegen lassen.«

Ich horchte auf, als der Bimbaschi dies sagte. Er hatte geschworen, nichts zu verraten, und ahnte nicht, daß er mir mit diesen Worten alles offenbart hatte. Die Ziegel des Birs Nimrud tragen Keilinschriften; er hatte aber nicht von Keilen, sondern von ›Strichen‹ gesprochen, und dieser Ausdruck lenkte meine Aufmerksamkeit auf einen Umstand, dem ich bisher keine Beachtung geschenkt hatte, weil ich ihn für nur zufällig und also ganz bedeutungslos hielt. Nämlich das Pergament des Pädär-i-Baharat hatte, wie man weiß, eine Zeichnung enthalten, deren Bedeutung ich damals nicht verstand; aber als der Bimbaschi den Weg zur Höhe des Birs Nimrud beschrieb, trat sie mir ganz plötzlich wieder klar vor die Augen, und ich erkannte zu meinem Erstaunen, daß die Striche, aus denen sie bestand, den Pfad nach dem Verstecke der Schmuggler verdeutlichen sollten. Und nun er jetzt ›Striche‹ anstatt ›Keile‹ sagte, fiel mir ein, daß ich unter der Zeichnung Striche bemerkt hatte, die mir aber nicht sehr aufgefallen waren. Sie sahen aus wie Kommata, wie man sie macht, wenn man eine Schreibfeder probiert oder ihren Schnabel auf das Papier drückt, um ihn elastischer zu machen oder auch um ein Härchen, welches dazwischen geraten ist, zu entfernen. Ich hatte die Zeichnung kopiert, aber diese Striche nicht, doch besitze ich glücklicherweise ein außerordentliches Gedächtnis, welches oft, als ob es von meinem Willen ganz unabhängig sei, Gegenstände und Vorgänge festhält, die mir unendlich gleichgültig waren, und sie mir plötzlich ganz deutlich wiederzeigt, sobald meine Gedanken durch die Association der Ideen zu dem betreffenen Orts- oder Zeitpunkt zurückgeführt werden. Ganz so geschah es auch jetzt. Kaum hatte der Bimbaschi das Wort ›Striche‹ ausgesprochen, so standen diese Striche, die vermeintlichen Kommata auf jenem Pergamente, so deutlich und bestimmt vor meinem geistigen Auge, daß ich nicht nur ihre Zahl, sondern sogar ihre verschiedene Größe und gegenseitige Lage klar vor mir hatte. Das waren nicht Kommata, sondern Keile, also Worte in Keilschrift, und zwar in einfacher babylonischer Keilschrift, und während ich auf das, was der Bimbaschi weiter sagte, gar nicht hörte, übersetzte ich die Keile in folgende Worte: »romen 'a. Illai in tat kabad bad 'a. Illai – –«.Das heißt wörtlich zu deutsch: »darbringen dem höchsten Gotte mit der Absicht allein zur Pracht des höchsten Gottes – –«

Es war das also nur das Bruchstück eines Satzes, jedenfalls der noch erkennbare Teil der Inschrift des betreffenden Steines, während die andern Zeichen unlesbar geworden waren. Aber hier kam es ja auch gar nicht auf die Entzifferung der ganzen, ursprünglich vorhandenen Inschrift an, sondern darauf, dieses übriggebliebene Bruchstück festzuhalten, weil nur mit dessen Hilfe der betreffende Stein zu erkennen war. Und selbst wenn man die Inschrift genau kannte, hatte es, falls man noch nicht dort gewesen war, seine Schwierigkeiten, ihn zu entdecken, denn diese Steine haben nur die Größe eines alten babylonischen Fußes im Quadrat. Diesem Gedanken, ohne auf den noch sprechenden Bimbaschi zu achten, weiter folgend, fragte ich ihn plötzlich:

»Giebt es in der Nähe des Steines mit den Strichen auch noch andere Steine, welche so gezeichnet sind?«

»Das weiß ich nicht mehr,« antwortete er. »Aber wie kommst du zu dieser Frage? Ich rede von etwas ganz anderem, und du unterbrichst mich mit diesem Steine! Ich glaube, du hast gar nicht gehört, was ich sagte!«

»Wahrscheinlich. Ich dachte nämlich darüber nach, ob man vielleicht doch einen – – –«

»Denke nicht nach; ich bitte dich!« fiel er mir nun seinerseits in die Rede. »Ich habe dir erzählt, was ich erzählen durfte, weil ich weiß, du bist verschwiegen; mehr aber darf ich nicht sagen. Du weißt, daß ich das Geheimnis nicht verraten darf, denn der Tod würde die unausbleibliche Strafe sein.«

»So glaubst du wohl, daß du auch jetzt noch beobachtet wirst?«

»Ja.«

»Dann weiß man vielleicht, daß ich bei dir bin?«

»Mag man es wissen! Ich wüßte nicht, aus welchem Grunde mir dies Schaden bringen könnte. Dich geht die hiesige Schmuggelei doch gar nichts an.«

»Was war, während ihr euch gefangen im Birs befandet, aus den Zollbeamten geworden, welche du mitgebracht hattest?«

»Die hatten in Hilleh vergeblich auf mich gewartet und mich dann ebenso vergeblich gesucht. Da waren sie, ohne sich weiter um mich zu sorgen, wieder nach Bagdad zurückgekehrt. Wenn du glaubst, hier im Oriente dieselbe Anhänglichkeit zu finden wie im Abendland, so irrst du dich. Uebrigens bekamen wir von dem Säfir unsere Pferde und Waffen wieder und ritten zunächst nach Hilleh, um uns satt zu essen und zu trinken, denn wir waren über drei Tage im Turme gewesen. Sofort nach meiner Ankunft in Bagdad meldete ich mich beim Pascha krank, bat um meine Entlassung und wurde nicht eher wieder gesund, als bis mein Nachfolger meine Stelle angetreten hatte. Man setzte mir eine leider sehr kärgliche Pension aus, von welcher wir bisher gelebt haben, und wenn ich dir sage, daß wir seit jener Zeit noch kein einzigesmal ein Mittagessen gehabt haben, wie das heutige war, so genügt das wohl zum Verständnis unserer Lage. Es giebt Gegenden, in denen ich, der dortigen Billigkeit wegen, besser leben könnte als hier in dem teuren Bagdad; aber ich darf ja nicht fort; mein Leben steht auf dem Spiele.«

»So hast du keinen Versuch gewagt, Bagdad zu verlassen?«

»Nein. Wie hätte ich auch nur den Gedanken dazu fassen können! Wir sind hier Gefangene wie damals im Birs Nimrud. Wir sehnen uns von ganzem Herzen fort und fühlen uns doch für das ganze Leben angekettet. Das erzwungene Leben in diesen Banden ekelt mich an. Ich bin menschenscheu geworden und habe mich zurückgezogen. Wenn nur das geringste dort am Turm von Babel passiert, wenn das Wetter einen Stein abbröckelt oder etwas Aehnliches geschieht, kann man denken, ich habe einen Versuch gemacht, dort einzudringen. Ich sehe den Dolch des Mörders an einem Haare über mir hängen und zucke bei jedem ungewöhnlichen Geräusch zusammen, als ob ich hörte, daß er die für mich bestimmte Kugel in den Lauf seines Gewehres stößt. Ich esse nichts aus fremder Hand, denn es könnte für mich vergiftet sein; ich genieße nur die Reste des Mahles, von welchem der Onbaschi vorher gegessen hat. Ich möchte sterben, nur um dieses von Furcht und Angst erfüllte Leben loszuwerden; ich möchte tot sein, tot, und doch fürchte ich den Tod, denn es giebt eine Stimme in meinem Innern, welche mir fort und fort zuruft, daß ich noch nicht sterben dürfe, weil es noch einen mir unbekannten Zweck meines Lebensrestes, meiner letzten Lebenstage gebe. Ich bin unglücklich, unbeschreiblich unglücklich; das kannst du mir glauben, Effendi!«

Wie dauerte mich der alte Mann! Jetzt kam er mir gar nicht mehr so wunderlich vor wie vorher. Die Angst hatte seinen Charakter zerfressen, seine Thatkraft gelähmt und ihn zum Schmetterling gemacht, der vor jedem auf ihn fallenden Schatten wie vor einem Todfeind flieht. Wie herzlich gönnte ich ihm die Erlösung von diesem Leiden. Wären seine Feinde, der Säfir und die andern, zu fassen gewesen, ich hätte gern mein Leben eingesetzt, um gegen sie für diesen schwergeprüften Mann zu kämpfen. Aber er hatte außerdem noch Feinde, und diese lebten nicht am Birs Nimrud, nicht in der Wüste, nicht in dem Grenzgebiete zwischen Irak Arabi und Persien, sondern in seinem Innern.

»Ja, du bist unglücklich, unglücklicher noch, als du denkst,« sagte ich. »Du fürchtest den Tod; du fürchtest für dein Leben; aber du bist schon längst tot; du lebst schon seit langer Zeit nicht mehr!«

»Wie meinst du das?« fragte er.

»Deine Seele ist ein Kabr, in welchem dein Glaube, deine Zuversicht, dein Gottvertrauen begraben liegen. Wer keinen Gott besitzt, hat auch das Leben nicht; wer aber weiß, daß er unter dem Schirm des Allmächtigen steht, den ficht keine Angst und kein Bangen an, der fürchtet keinen Feind und keinen Widersacher, denn alle menschlichen Anschläge müssen zu Schanden werden vor dem Willen dessen, ohne den kein Wassertropfen verdunstet und kein Sonnenstäubchen zur Erde fällt.«

»Du hast gut predigen; dir droht keine Mörderhand!«

»Meinst du? Wüßtest du, wie oft sich solche Hände gegen mich ausgestreckt haben, von mir gesehen oder oft auch hinterrücks! Es haben Menschen, die ich gar nicht kannte oder noch schlimmer, die ich für Freunde hielt, mir nach dem Leben getrachtet; der Tod hat nahe vor mir, neben oder hinter mir gestanden, ohne daß ich es ahnte. Das ist schlimmer und viel, viel gefährlicher, als wenn man, wie du, die Personen kennt, vor denen man sich zu hüten hat. Du sagst, daß mir kein Mörder drohe, und ich sage dir, daß es hier Leute giebt, welche nach meinem Blute förmlich lechzen. Aber siehst du etwa, daß ich Besorgnis hege? Diese Menschen, welche mich verfolgen, können mir nichts anhaben, weil ich unter einem Schutze stehe, gegen den ihre Kraft der Dabbuhr gleicht, welche sich einbildet, in die Höhe steigen und mit ihrem Stachel den Nisr durchbohren zu können.«

»Das werden gewöhnliche Menschen sein; mein Feind aber ist der Säfir, der mächtige Anführer einer Bande von Verbrechern, gegen deren Anschläge selbst der Pascha von Bagdad nicht aufzukommen vermag.«

»Du täuschest dich. Der, welcher mir hier in Bagdad nach dem Leben trachtet, ist wahrscheinlich ebenso mächtig oder, wenigstens in dieser Gegend, noch mächtiger als der Säfir. Denn weil Säfir ›Gesandter‹ heißt, befindet er sich jedenfalls nur zeitweilig und vorübergehend hier. Ich vermute sogar, daß beide einander kennen, daß beide Freunde und ganz gleichwertige Halunken sind.«

»Was sagst du? Dir und mir trachten zwei Menschen nach dem Leben, welche Freunde sind?«

»Ja.«

»Ist dein Gegner auch Schmuggler?«

»Vielleicht gar etwas Schlimmeres.«

»Wer ist er, und wie heißt er?«

»Hast du einmal den Namen Sill gehört?«

»Das ist ein persischer Ausdruck, welcher soviel wie ›Schatten‹ bedeutet.«

»Ich spreche von diesem Worte als einem Namen, nicht als einem Ausdruck.«

»Da kenne ich ihn nicht.«

»So sei froh! Wie der Schatten nie vom Menschen läßt, so läßt auch der Sill den nicht los, hinter dessen Ferse er mit gezücktem Messer schreitet.«

»Und so einen Sill hast du hinter dir?«

»Mehrere; ihr Anführer ist, wie ich vielleicht mit Recht vermute, ein Freund und Verbündeter deines Säfir, und es würde mich gar nicht wundern, wenn ich bei einer Begegnung mit dem einen auch den andern mit vor meine Fäuste bekäme. Es würde mich herzlich freuen, wenn mir da die Freude würde, die freundliche Zuneigung, welche der Säfir bisher dir gewidmet hat, auf mich zu lenken, denn ich denke, daß ich schnell mit ihm fertig würde.«

»Effendi, du hast sehr viel Selbstvertrauen, vielleicht zu viel!«

»Das glaube nicht! Wer sich mehr zutraut, als er kann, der ist ein eingebildeter Mann; wer sich aber weniger zutraut, als er kann, der ist ein schlechter Mann. Ich bilde mir nichts ein, will aber auch kein schlechter Mann sein. Man muß sich genau kennen, und diese Selbstkenntnis ist freilich nicht leicht zu erlangen; man erwirbt sie durch den Kampf mit widerwärtigen Verhältnissen, mit feindlichen Personen und – und das nicht zum wenigsten – im Kampfe mit sich selbst. Je kaltblütiger man sich dabei verhält, desto leichter und schneller wird man Sieger und desto sicherer gelangt man zur Erkenntnis seiner selbst. Hat man diese aber einmal erworben, so kann man seine eigne Kraft getrost mit den Kräften anderer vergleichen und dann nach dem Ergebnisse dieser Vergleichung handeln. Wer beim berechtigten selbstbewußten Worte eines andern die Nase rümpft und von Hochmut spricht, der kennt den hohen Wert des Selbstvertrauens nicht, weil er selbst kein wahres Vertrauen zu sich hat, obgleich er wohl im stillen oder auch lauter von sich sagt, er sei ein tüchtiger Kerl.«

»Das war eine Rede, die du nicht dir, sondern mir gehalten hast, Effendi; das weiß ich wohl. Aber ich bin ein alter Mann; du bist noch jung, und dir wurden nicht die, welche dir die Liebsten auf Erden waren, durch den blutigen Mord aus den Armen gerissen.«

»Ich habe trotzdem soviel wie du, ja vielleicht noch mehr verloren; aber wem der Herrgott in seiner Weisheit nimmt, dem giebt er doppelt wieder. Freilich, wer es nicht versteht, die Hand darnach auszustrecken und zuzugreifen, der wird nicht von dem reichen Ersatze und der Heilung aller seiner Wunden reden können. Und wenn du klagst, daß dir alle deine Lieben durch den Tod entrissen worden seien, so frage ich dich- Kannst du denn wirklich, wirklich und wirklich behaupten, daß sie tot sind?«

»Effendi!« fuhr er auf. »Willst du mit meinem Herzen, mit meinem Grame ein grausames Spiel treiben?«

»Nein. Vor einem solchen Beginnen möge mich Gott behüten! Denke nicht, daß ich dir diesen Gedanken in frevlem Leichtsinne in die Seele werfe! Ich weiß gar wohl, was ich thue! Indem ich jetzt zu dir rede, ist jedes Wort vorher bedacht und hat darum ein schweres Gewicht.«

»Aber wie kommst du dazu, meine Toten zu den Lebenden zu zählen?«

»Habe ich das gethan?«

»Ja.«

»Nein. Ich habe nur gefragt, ob du behaupten, also beweisen kannst, daß sie wirklich tot sind. Kannst du das?«

»Ja und – – – doch auch nein.«

»Nicht ja, sondern bloß nein! Hast du ihre Leichen gesehen?«

»Nein.«

»Ueberreste ihrer Körper gefunden?«

»Nein.«

»Sprachst du mit Leuten, welche vollgültige Zeugen ihres Todes waren?«

»Wieder nein. Man erzählte mir von der Ermordung, aber niemand war selbst dabei gewesen; niemand hatte die That mit eigenen Augen gesehen.«

»Und doch glaubst du so fest daran? Ich an deiner Stelle hätte nach unumstößlichen Beweisen gesucht!«

»Effendi, treib mich nicht zur Selbstanklage! Mach mir das Herz nicht noch schwerer, als es während aller dieser Jahre war und auch heut noch ist!«

»Ich möchte es dir im Gegenteile erleichtern. Du hast uns jene Ereignisse in Damaskus nur ganz kurz erzählt. Denke nach! Es werden sich in dem bisher herrschenden Dunkel Stellen finden, welche lichter sind und dir vielleicht Grund zur Hoffnung bieten. Hast du denn wirklich noch gar nie nachgedacht, sondern alles als so selbstverständlich und für immer abgeschlossen hingenommen?«

»Oh, ich will dir doch gestehen, daß es Stunden gegeben hat, in denen ich an der Wahrheit dessen, was ich bisher für unumstößlich hielt, zweifeln wollte; aber wie sehr ich mich dann auch bemühte, einen einzigen Grund zu finden, der meinem Anker einen Halt bieten könnte, immer kehrte dieser, mir meinen Kummer wiederbringend, vergeblich aus der Tiefe zurück.«

»So wirf ihn nur von neuem aus!«

»Das nützt mir nichts! Sag doch selbst: Würden die Meinen, wenn sie nicht tot wären, mir nicht ein Zeichen ihres Lebens geben?«

»Sie können es nicht, weil sie nicht wissen, wo du bist.«

»Sie hätten forschen müssen, bis sie mich fanden!«

»Wahrscheinlich haben sie das gethan; aber du mußt bedenken, daß du nichts von dir hören lassen durftest. Wie sollten sie dich da finden?«

»Das ist wahr, Effendi.«

»Vielleicht haben sie auch gar nicht nach dir geforscht, weil sie dich für tot hielten. Sie mußten doch erfahren, daß du erschossen worden seist!«

»Sie konnten von den Soldaten, welche mich geschont hatten, das Gegenteil erfahren!«

»Hätten diese davon sprechen dürfen?«

»Zu meinem Weibe und ihren Eltern? Jedenfalls, denn diese hätten nichts verraten.«

»Aber wie kannst du denken, daß die Deinen auf den Gedanken hätten kommen sollen, zu den Angehörigen deiner Kompagnie zu gehen, um zu fragen, ob man, um dich zu retten, vielleicht nicht auf dich gezielt habe! Und wenn ihnen Gott selbst diesen Gedanken eingegeben hätte, so wußten sie doch nicht, welche Soldaten es waren, die man zu eurer Exekution kommandiert hatte. Sie hätten sich hin und her erkundigen müssen, und das wäre aufgefallen und hätte Argwohn erregt. Bedenke das!«

»Daran habe ich allerdings noch nicht gedacht!«

»Du hast die Ansicht gehabt, daß sie ermordet worden seien; ich aber will einmal annehmen, dies sei nicht wahr. In diesem Falle sind sie vor dem Pöbel geflohen, welcher die Schiiten ebenso wie die Christen bedrohte. Als die Straße, in welcher sie wohnten, geplündert und niedergebrannt wurde, befanden sie sich bereits in Sicherheit, vielleicht außerhalb der Stadt; es ist auch möglich, daß sie unter den Tausenden waren, welche Abd el Kader in das Kastell und in sein Haus rettete. Im ersteren Falle durften sie sich nicht eher in die Stadt zurückwagen, und im letzteren Falle konnten sie das Kastell oder das Haus des Algierers nicht eher verlassen, als bis wieder Ruhe eingetreten war; da aber warst du schon tot, das heißt, offiziell erschossen und begraben. Als sie sich wieder sehen lassen durften, erfuhren sie das. Es gab für sie keine Ahnung einer Ursache, an deiner Hinrichtung zu zweifeln; sie mußten sie als vollendetes Faktum hinnehmen. Siehst du das nicht ein?«

»Effendi, wenn du in dieser Weise sprichst, ist es mir unmöglich, dir ein Wort zu widerlegen.«

»Also weiter! Hätten sie etwa um Oeffnung des Grabes bitten sollen, um nachzuschauen, ob du auch wirklich drin liegest? Selbst wenn sie auf diese kühne Idee gekommen wären, man hätte sie wenigstens ausgelacht oder gar noch Schlimmeres gethan. Nein, die Angelegenheit ist so einfach wie nur möglich verlaufen: Sie erfuhren deinen Tod; sie haben aufrichtig und tief um dich getrauert, was sie vielleicht heut noch thun, und dann – – – was denkst du wohl, was sie dann gethan haben werden?«

»Das kann ich nicht wissen.«

»Wissen nicht, aber vermuten. Du hast ja erzählt, was viele, viele der Geretteten thaten, als sie sich wieder öffentlich zeigen durften.«

»Sie zogen von Damaskus fort.«

»Richtig. Sie trauten der erzwungenen Ruhe nicht, welcher leicht ein neues und noch größeres Blutbad folgen konnte. Warum soll grad dein Schwiegervater sich sicherer gefühlt haben als andere Schiiten oder Christen?«

Der Bimbaschi rückte höchst unruhig auf seinem Sitze hin und her. Es war geradezu zum Verwundern, daß er noch nie dieselben Gedanken wie jetzt ich gehabt hatte. Endlich antwortete er:

»Höre, Effendi, jetzt glaube ich selbst, daß der Vater meiner Frau, falls sie nicht umgebracht worden sind, nicht länger, als umumgänglich nötig war, in Damaskus geblieben ist.«

»Und meinst du, daß er es fertig gebracht hätte, nur allein seine Frau mitzunehmen?«

»Nein; er hat auf alle Fälle mein Weib und meine Kinder mitgenommen.«

»Aber wohin?«

»Wer kann das wissen!«

»Ich sage wieder wie vorhin: Man kann es nicht wissen, aber doch vermuten. Denke nach!«

»Hm! Ich an seiner Stelle wäre unbedingt nach Beirut gezogen.«

»Warum?«

»Weil er vorher dort gewohnt hatte und glücklich gewesen war.«

»Aber ich an seiner Stelle hätte das nicht gethan!«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil der Aufstand gegen die Andersgläubigen grad im und am Libanon begonnen und dort die weitesten Kreise gezogen hatte. Die Ruhe war nur infolge des Zwanges eingetreten. Beirut liegt inmitten dieses gefährlichen Gebietes. Brach die Empörung von neuem aus, so war mit Sicherheit anzunehmen, daß sie wieder grad hier beginnen werde. Hat nun der Vater deines Weibes Damaskus aus Besorgnis, daß sich das Blutbad wiederholen werde, verlassen, so wird er doch nicht grad dahin gezogen sein, wo das neue Unheil am ehesten zu erwarten war.«

»Effendi, ich bemerke etwas wie Allwissenheit an dir!«

»Uebertreibe nicht! Nur einer ist allwissend, und den kennst auch du, obgleich du nicht an ihn glaubst. Ich ziehe nur den einfachen, gesunden Menschenverstand zu Rate und hole aus den klar daliegenden Thatsachen ebenso einfach meine Schlüsse. Das kann ein jeder thun, der seine Gedanken nicht ohne Aufsicht spazieren gehen läßt.«

»Aber sag, wohin er sich gewendet haben soll, wenn er nicht nach Beirut gegangen ist?«

»Kannst du das nicht raten?«

»Nein.«

»O Bimbaschi, wie muß ich mich da über dich wundern!«

»Daj ko katu! Da giebt's gar nichts zu wundern! Du magst es zugeben oder nicht, zum Erraten solcher Dinge gehört doch ein kleines Stückchen Allwissenheit, wenn auch nur ein winziges, ganz winziges Teilchen davon. Berechnen kann jeder etwas, denn er hat die Zahlen oder Ziffern dazu; was aber hat er, wenn er raten Soll, nur raten?«

»So wollen wir es nicht raten, sondern berechnen nennen. Wir haben hier ja auch Ziffern oder Zahlen, wenn diese auch nicht in Einheiten, Mehrheiten oder Nullen, sondern in Thatsachen bestehen.«

»Du wirst gelehrt, Effendi. Das verstehe ich nicht.«

»Du wirst es sofort begreifen, wenn ich dir ein Beispiel gebe. Du fühlst dich hier unglücklich und möchtest gern fort. Wenn du das könntest und nichts, aber auch gar nichts dich hinderte, deine Schritte dorthin zu lenken, wohin du gehen möchtest, welchen Ort, welche Stadt, welche Gegend oder welches Land würdest du da wählen?«

»Welch eine Frage! Die Antwort hierauf ergiebt sich doch wohl ganz von selbst. Ich würde nach dem Leh memleketigehen, weil ich ein geborener Leh Lehli bin. Darüber kann es doch gar keinen Zweifel gehen!«

»Keinen Zweifel?« fragte ich lächelnd. »Es kann ihn freilich geben, denn du hast ganz denselben Zweifel soeben noch in Beziehung deines Schwiegervaters gehegt.«

»Ich?« fragte er erstaunt.

»Ja.«

»Wieso?«

»Du befandest dich in Zweifel darüber, nach welcher Gegend oder welchem Lande er sich gewendet hat.«

»Maschallah! Ja, das ist wirklich ein Wunder! Effendi, wie du mich zu fangen verstehst!«

»Nun, was sagst du jetzt?«

»Er ist nach Persien gegangen; ja, er konnte nur nach Persien gehen, weil er ein geborener Perser ist. Das Unglück, welches er in der Fremde, im Auslande erlebte, muß ihn dahin getrieben haben, wohin es das Herz des Menschen bis an das Ende seines Lebens immer und immer wieder zieht, nämlich nach seinem Vaterlande. Ist auch dir dieser Zug nach der Heimat bekannt?«

»Jetzt möchte nun ich ausrufen wie vorhin du: Welch eine Frage! Ich war es doch wohl, der dich auf Polen aufmerksam machte, damit du Persien raten solltest. Kann mir da die nie endende Anhänglichkeit des Menschen an die Stätte, wo seine Eltern gewohnt haben, unbekannt sein?«

»Nein; meine Frage war ganz unnötig. Also nach Persien! Und ich wohne schon so lange Zeit und so nahe an der Grenze dieses Landes, ohne auf den Gedanken gekommen zu sein, den du mir jetzt eingegeben hast. Wie hätte ich forschen können, zwar nicht selbst, aber durch andere Leute, denn ich durfte nicht von hier weg! Vielleicht hätte ich die gefunden, welche ich für verloren hielt. O Effendi, was habe ich versäumt! Ich bin ganz, ganz untröstlich darüber!«

»Beruhige dich!«

»Beruhigen? Das kannst nur du sagen, der du nicht weißt, was es heißt, alles verloren und nichts wiedergefunden zu haben, weil man nicht verstanden hat, an der richtigen Stelle zu suchen!«

»Beruhige dich! Wie es scheint, haben wir jetzt unsere Standpunkte vertauscht. Du hast den meinigen eingenommen und mir den deinigen überlassen.«

»Wieso?«

»Vorhin wolltest du von keiner Hoffnung etwas wissen, und ich versuchte, dir den Strahl einer solchen in das Herz fließen zu lassen. Jetzt scheint es keine Trauer, sondern bloß noch Hoffnung in dir zu geben, und ich muß dich nun wieder zu deinen früheren Zweifeln führen.«

»Thu das nicht, Effendi, thu das nicht; ich bitte dich! Du ahnst ja gar nicht, wie glücklich du mich damit gemacht hast, daß du das Blut der Meinen, welches ich für vergossen hielt, aus meinem Gedächtnisse wischtest.«

»Du irrst. Ich habe diese blutigen Spuren nicht vertilgt, denn eine solche Absicht wäre gleich einer Versündigung an dir gewesen. Es lag mir fern, bestimmte Erwartungen oder gar eine volle Ueberzeugung in dir zu erwecken, denn wenn sie sich später als Trugbilder erwiesen, so müßte dein Gram sich verdoppeln oder gar in einen tödlichen verwandeln. Ich wollte, wie ich schon sagte, dir nur einen Strahl der Hoffnung geben, der deiner starren Gleichgültigkeit gegen das Leben ein Ende machen sollte. Du aber springst sofort von einem Extrem in das andere über und nimmst als eine Gewißheit an, was nicht einmal wahrscheinlich, sondern höchstens möglich ist. Hüte dich! Ich werde dir jetzt überzeugende Gründe vorführen, daß deine Lieben ermordet worden sind.«

»Nein, nein; thue das nicht!« wehrte er ab. »Diese Gründe kenne ich alle, alle nur zu genau. Sie haben mir alle Lebensfreude getötet und selbst den geringsten Genuß des Daseins zur Unmöglichkeit gemacht. Ich verspreche dir, daß ich nicht überschwänglich denken und hoffen will. Ich gebe dir mein Wort, daß ich zwischen Hoffnung und Befürchtung gehen werde, bis die eine oder die andere zur Gewißheit wird!«

»Thue das; das ist das richtige Verhalten. Glaube mir, daß ich, indem ich dir diese Hoffnung gab, mir meiner Verantwortlichkeit voll und ganz bewußt gewesen bin; aber indem ich einer innern Stimme folgte, habe ich es gewagt. Diese Stimme hat mich noch nie getäuscht, außer wenn ich sie einmal mißverstand; sie hat mich oft, sehr oft aus schweren Gefahren geführt und mir bei der Lösung von Aufgaben beigestanden, zu der ich ohne sie zu schwach gewesen wäre. Es ist, wenn ich diese Stimme wahrnehme, als ob mein Schutzengel mit mir spräche, und indem ich sie höre und ihr gehorche, fühle ich mich selig und mein Herz gehoben wie in Engelsnähe. Als sie sich vorhin wie eine freundliche Ahnung, und doch viel heller, klarer und bestimmter als eine Ahnung, in mir bemerkbar machte, konnte ich ihr nicht widerstehen; ich mußte ihr meine Bedenken opfern und von der Möglichkeit eines Morgens nach langer, dunkler Nacht zu dir sprechen. Ich glaube nicht, daß ich diese Stimme heut falsch verstanden habe, aber ich warne dich dennoch, mehr zu erwarten, als eine bloße Möglichkeit versprechen und erfüllen kann.«

»Ich danke dir, Effendi, und werde so vorsichtig sein, wie du es wünschest; aber den Strahl, welcher schon begonnen hat, mein altes, müdes Herz zu erwärmen, den gebe ich nicht wieder her. Ich sage dir, es ist sonderbar: in keiner Kirche und in keiner Moschee habe ich die fromme, erhebende Regung gespürt, welche ich jetzt in mir auftauchen fühle. Du bist weder ein christlicher, noch ein muhammedanischer Prediger, aber deine Worte haben mir – – –«

»Verkenne dich und dein Inneres nicht selbst!« unterbrach ich ihn. »Du bist stets ein Weltkind mit nur irdischen Wünschen und Gedanken gewesen; dein Herz war für die Forderungen des Himmels so fest verschlossen, daß das Wort weder eines Wa'is noch eines Chatib es zu öffnen vermochte. Es mußten Trübsale über dich ergehen und lange, schwere Leiden deine Seele vorbereiten; dann war vorauszusehen, daß die erste Hand, welche freundlich nach dir griff, dich aus der Tiefe des Elendes und der Glaubenslosigkeit auf die erste Stufe der Erkenntnis führen werde. Daß dies grad meine Hand gewesen ist, darfst du nicht mir anrechnen; deine Zeit ist gekommen, und jeder andere, falls er fest im Glauben und treu in der Liebe war, hätte dir ganz dieselbe Gabe wie heut ich gebracht. Du ahnst noch nicht, was auf unsere jetzige Unterredung folgen wird; aber ich sage dir, es wird ein Licht aufgehen, welches du nicht auslöschen kannst, wenn du das auch wolltest. Es wird immer größer werden und schließlich dich und dein ganzes Sein und Wesen erleuchten.«

»Glaubst du das wirklich, Effendi?« fragte er, vor Ergriffenheit fast nur flüsternd.

»Ich bin überzeugt davon. Gott, den du leugnest, hat schon die verborgenste Falte deines Herzens ergriffen; es wird ihm sehr bald ganz und voll gehören. Wo seine allmächtige Liebe ihren Einzug halten will, gibt's keinen Widerstand.«

Da sprang er auf und rief:

»Liebe, Liebe! Gieb mir mein Weib, gieb mir meine Kinder wieder, und ich will, o Liebe Gottes, an dich glauben und dich festhalten bis zum letzten Augenblick des Lebens und noch länger – länger – – länger!«

»Noch länger! Da sprichst du schon von der Ewigkeit, die du noch vor kaum einer Stunde leugnetest. Halte die Hand fest, welche sich dir heut geboten hat, um dich zu retten! Aber verlang ja nicht zu viel von ihr; stelle keine Bedingungen, denn Gott läßt nicht mit sich feilschen! Will er dir gnädig sein, so ist er es ohne Handel. Bete zu ihm, so oft du kannst, denn die Stufen des Gebetes sind es, auf denen er herniedersteigt!«

Es trat eine tiefe Stille ein, welche lange, lange währte. Die Palmenwedel flüsterten wieder; aber das klang jetzt nicht mehr wie Märchenklänge aus Tausend und eine Nacht, sondern wie ein süßes, liebe- und verheißungsvolles Mahnen: »Rufet, so werdet ihr mich finden; klopfet an, so wird euch aufgethan!« Der Bimbaschi hatte sich wieder niedergesetzt und die Hände ineinander verschlungen. Jetzt trennte er sie, reichte mir die Rechte hin, um die meinige zu drücken, und sagte:

»Weißt du, was ich jetzt gethan habe?«

»Ja. Du hast gebetet,« antwortete ich.

»Gebetet; du hast es erraten. Ich habe gebetet, aus eigenem Antriebe zum ersten, zum allererstenmal in meinem Leben gebetet! Wie oft habe ich die Beter ausgelacht oder gar bemitleidet, und nun fühle ich, daß ich es war, der Mitleid verdiente. Es ist mir, als ob ich lange, lange krank und schwach, zum Sterben krank, gelegen und eine Arznei von wunderbarer Kraft bekommen hätte, welche mir mit einem Male die verlorene Stärke und Gesundheit wiederbrachte. Seit dem Verluste meiner Familie bin ich kein Mensch gewesen; ich habe nicht gelebt; aber jetzt lebe ich, lebe wieder und sehe ein, daß Tausende, ja vielleicht Millionen dahinleben, ohne wirklich zu leben.«

»Ja, ein wirkliches Leben lebt nur der, welcher in Gott und seiner Liebe lebt. Dir war die Liebe gestorben, und an ihrer Stelle wucherten in dir der Groll, der Haß, die Rache empor. Du warfst die ganze Schuld an deinem verfehlten Dasein auf Gott, ohne zu bedenken, daß niemand schuld war als du selbst. In deiner hochmütigen Selbstgerechtigkeit hadertest du mit Gott und hieltest seine ewige, unwandelbare Gerechtigkeit für Ungerechtigkeit. Du allein warst es, der gefehlt hatte; aber es mangelte dir die Selbsterkenntnis, und so klagtest du nicht dich an, sondern den, von dem du zum Glücke geführt worden wärest, wenn du seine Gebote geachtet hättest. Du glaubtest, er habe dich vernachlässigt, obgleich du des Glückes vielleicht würdiger seist als andere Menschen. Du hast dich gegen die von ihm bestätigte Obrigkeit empört und bist, wie du selbst eingestandest, als Aufrührer im Blute gewatet; du bist um nichtiger Vorteile willen zu einem andern Glauben übergetreten und hast dadurch die heilige Lehre Christi und die fromme Ehrfurcht vor allem, was über uns erhaben ist, verleugnet; dir stand die Liebe zu den Deinen höher als die erste Verpflichtung des Menschen, himmelan zu streben, und bis zum heutigen Tage hat dich nur der Kummer um dein irdisches Unglück und die Sehnsucht nach irdischem Wohlergehen beschäftigt, nicht aber der Gram um die Umnachtung deiner Seele und die Besorgnis um dein ewiges Heil. Du hast dich vor dem Strahle der Sonne versteckt und wunderst dich darüber, daß du frierst; du hast das Wasser des Lebens verschmäht und bist erzürnt darüber, daß du dürstest; du hast dir die Thore des Glückes verschlossen und ballst in kindischem Trotz und Unverstand die Faust gegen den Vater, der sie offen für dich hielt. Das alles, alles hast du gethan, und noch viel, viel mehr hast du unterlassen; aber fragtest du dich etwa, was auf so schwere Begehungs- und Unterlassungssünden folgen muß? Nein! Du hast weit mehr verdient, als was dir geschehen ist. Gott brauchte gar nicht ungerecht zu sein, wie du ihn genannt hast, sondern nur gerecht, so säßest du jetzt entweder gar nicht oder als ein zehnmal unglückseligerer Mann hier vor meinen Augen. Du bist nicht imstande, einzusehen, wie barmherzig er trotz allem, worüber du klagst, gegen dich gewesen ist, mit welcher Langmut er gezögert hat, dir deine Schuld voll anzurechnen und welch eine unverdiente Gnade von ihm es für dich ist, daß er dir jetzt einen Lichtstrahl sendet, und zwar grad durch mich, gegen den du ihn verleugnet oder gar der Ungerechtigkeit beschuldigt hast.«

Als ich jetzt schwieg, zögerte er, zu antworten. Es waren schwere Anklagen, die ich ausgesprochen hatte, Anklagen, die ihn um so kräftiger treffen mußten, je weniger bisher von Selbsterkenntnis bei ihm die Rede gewesen war. Es wäre ein großer Fehler von mir gewesen, ihn in dieser Beziehung zu schonen. Steht der Arzt vor einem Menschen, welcher seine Gesundheit durch ein unordentliches Leben ruiniert hat, so muß er, wenn er ihn heilen will, ihm mit voller Aufrichtigkeit sagen, welchen Ursachen die Krankheiten zuzuschreiben sind. Und die Verpflichtungen des Seelenarztes sind nicht weniger hoch als diejenigen eines Mediziners, welcher die Aufgabe hat, nur die körperlichen Gebrechen zu behandeln. Der Bimbaschi mußte niedergedrückt werden, um sich desto höher aufrichten zu können. Um erkennen zu können, wie ungerecht er, der Wurm, gegen den Allvater der Welt gewesen war, mußte er einsehen, daß ihm dieser, anstatt ihn durch seine Gerechtigkeit zu vernichten, nur Gnade um Gnade gegeben hatte. Schienen meine Worte hart gewesen zu sein, so hatte ich doch nicht darnach fragen dürfen, ob sie mir übelgenommen werden könnten, denn wenn sie eine solche Aufnahme fanden, dann war dem Bimbaschi auf geistlichem Gebiete überhaupt nicht mehr zu helfen. Ich war aber der guten Zuversicht, daß sie die gewünschte Aufnahme finden und die beabsichtigte Wirkung haben würden.

Was ich gedacht hatte, das geschah. Er gestand mir nach einer längeren Pause:

»Effendi, hätte ein anderer so zu mir gesprochen wie du, so hätte er gewärtig sein müssen, hier vom Dache hinabgestürzt zu werden, denn ich bin zwar alt geworden, und der Onbaschi scheint die Bequemlichkeit zu lieben; aber es scheint auch nur so, denn in Wirklichkeit können wir bei Beleidigungen noch sehr schnell bei der Hand sein. Von dir jedoch nehme ich diese Worte ruhig hin, denn ich weiß, du meinst es gut mit mir, und wenn ich auch noch nicht mit vollster Bestimmtheit erkenne, daß deine Vorwürfe die Wahrheit enthalten, so finde ich doch auch keine Worte, mit denen ich sie widerlegen könnte, und es taucht in mir eine Ahnung auf, daß es gar nicht lange dauern werde, bis ich einsehe, daß du tiefer als ich selbst in mich hinabgeblickt hast. Ich komme mir vor wie ein Patient, welcher dem Arzte wehrlos in die Hand gegeben ist. ich möchte mich gegen dich sträuben und fühle doch, daß das, was mir wehe thut, wie eine Wohlthat wirken wird, und daß ich die Hand, welche mir heut Schmerzen bereitet, vielleicht einst noch segnen werde. Ich bin überhaupt so weich, so sonderbar gestimmt, wie ich es noch nie in meinem Leben war. Ich gleiche einer Pflanze, welche einen schweren Regen auf sich fallen lassen muß, der ihr wohl die Blätter, oder wenigstens einige derselben, von den Zweigen schlägt, aber dabei ihren dürstenden Wurzeln Nahrung giebt, daß sie neue, schönere und grünere und vielleicht gar auch Blüten treiben und Früchte bringen kann. Es würden das« – – fügte er nachdenklich hinzu – –»am Ende wohl die ersten guten und nützlichen Früchte meines Lebens sein, auf welche ich zeigen könnte, wenn ich dereinst gefragt werde, was ich mit meinem Dasein begonnen und wie ich die Zeit desselben angewendet habe.«

Tief gerührt von diesem demütigen, wenn auch fast unbeabsichtigten Geständnisse antwortete ich ihm:

»Du sprichst da von der Rechenschaft, welche wir dereinst alle von unserem Thun und Lassen abzulegen haben. Oh, wenn ich könnte, ich würde gern, sehr gern für jeden einzelnen Menschen den Tod erleiden, wenn er dadurch zu der Einsicht käme, daß jedes gesprochene und unter Umständen auch jedes nicht gesprochene Wort dort vor dem Richter mit Centnerschwere in die Wagschale fallen wird. Und wenn dies mit den Worten geschieht, mit denen wir hier wie mit leichten, schnell zerrinnenden Schneeflocken um uns werfen, von welcher Schwere müssen da erst die Thaten und Unterlassungen sein, wenn sie auf ihren Wert und ihre Wirkung hin gewogen werden! Ich sage dir: Wenn wir Menschen alle uns dieser furchtbaren Verantwortlichkeit bewußt wären und uns mit Ernst bestrebten, sie in unserem Verhalten keinen Augenblick außer acht zu lassen, so würde zwar nicht die Sünde ganz verschwinden und die Erde ganz zum Himmel werden, aber der Ocean der Schmerzensthränen, dessen Wasser heut noch immer höher und höher steigen, würde vertrocknen, es gäbe weder Haß noch Rache, weder Kampf noch Streit, weder Ueberhebung noch Neid oder Unzufriedenheit, sondern die Liebe, die vom Himmel herniederstrahlende, unendliche Liebe würde ihre Schwingen breiten von einem Pole bis zum andern, vom Aufgange bis zum Niedergange über unsere ganze Erdenwelt und über ein Gott wohlgefälliges Menschengeschlecht, dem alle Millionen Thore und alle Seligkeiten des ewigen Zions offen stehen. Schau in die heilige Schrift, und lies: »Was kein Menschenauge jemals sah und kein Menschenohr jemals hörte, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben!« Hier steht es wieder, das einzige, große Gebot, welches stets ohne Unterlaß erklingt, das einzige, große Wort, um welches sich Sonnen und Welten drehen, die von ihm und nur allein von ihm gehalten werden, nämlich die Liebe. Gott verlangt nichts, nichts von uns als nur Liebe, Liebe und immer wieder Liebe, denn sie ist es, außer welcher es keine Macht oder Kraft in der ganzen Schöpfung, weder im Himmel noch auf Erden giebt, wenn wir auch zu schwach sind, dieses herrliche, für uns unfaßbare Gotteswunder zu begreifen. Wir besitzen wohl das Wort, aber wir haben keine Ahnung von dem Wesen und dem Inhalte dessen, was es bezeichnen soll. Wir sind wie Blinde diesem Glanze gegenüber und erst der Tod, der ja kein Sterben ist, wird uns sehend machen. Auch du bist von dieser Liebe, von dieser unendlichen Fülle der Barmherzigkeit getragen worden, ohne daß du es wußtest. Du hast die unsichtbare Hand nicht geschaut, welche von Stunde zu Stunde offen war, die deine zu ergreifen, wenn du sie ihr nur entgegenstrecken wolltest. Sie schwebt auch jetzt noch über dir; greif zu; ich bitte dich! Es steigen immerwährend Engel auf und ab, dem Schlage deines Herzens zu lauschen, ob nicht doch endlich das Verlangen darin entstehen will: ›Herr halte mich, denn sonst versinke ich!‹ Greif zu, und laß den Regen vorüber sein, welcher die Pflanze entblättert hat! Sie ist noch jung und stark genug, um neu zu grünen, zu blühen und auch Frucht zu bringen. Du glaubst nicht, wie wichtig, wie heilig mir die jetzigen Augenblicke um deinetwillen sind. Wie müssen sie erst dir, der du aus der Tiefe des Grames und des Kummers – – –«

Ich konnte nicht weitersprechen, denn er sprang auf, warf dem Onbaschi den längst ausgegangenen Tschibuk hin und rief aus:

»Halt auf, halt auf, Effendi! Ich muß fort, ich muß fort; ich halte es nicht länger aus!«

Er eilte nach der Luke, welche vom Dache in das Innere des Hauses führte. Als er bis zum Kopfe in derselben verschwunden war, drehte er sich noch um und fügte hinzu:

»Bleibt aber hier oben, denn ich komme wieder!«

Als er fort war, hörten wir lange nichts als wieder nur das leise Flüstern der Palmen. In meiner jetzigen, frommen Stimmung erklang es mir wie das Flüstern der Cypressen auf der Höhe des Horeb, wohin sich der Prophet Elias einst vor den Nachstellungen Achabs und Jezebels flüchtete. DortSiehe I. Buch der Könige 19. hörte er einen starken Sturm, der die Berge zerriß, aber der Herr war nicht darin; dann kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht darin; nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer; und nach dem Feuer kam ein leises, sanftes, liebliches Säuseln; in diesem Säuseln war der Herr. So offenbarte sich auch dort der Herr der Heerscharen nicht im Sturme, im Erdbeben, im Feuer, sondern im stillen Säuseln, nicht in seiner strengen Gewalt und Macht, sondern in seiner Liebe und schonenden Barmherzigkeit. Vielleicht nahm diese Barmherzigkeit sich jetzt der Seele an, welche von dem Widerstreite der Gedanken und Empfindungen unten im Garten hin und her getrieben wurde! Ich hörte nämlich nun die Schritte des Bimbaschi, welcher das Haus verlassen hatte und unter den Bäumen sich bewegte.

Unser Gespräch schien auch auf Halef und den Onbaschi eine tiefe Wirkung gemacht zu haben, denn sie sagten kein Wort. Wenn der kleine, sonst so gesprächige Hadschi in dieser Weise schwieg, mußte er sehr mit sich selbst beschäftigt sein. Nach einer Weile aber sagte er leise, als ob er sich scheue, die tiefe Stille zu unterbrechen:

»Sihdi, horch! Er weint!«

Er hätte gar nicht nötig gehabt, mich darauf aufmerksam zu machen, denn ich hatte das von unten heraufklingende Schluchzen auch gehört. Das starre Herz war gebrochen. Ein Auge, welches noch Thränen finden kann, wird auch seinen Herrgott finden, wenn es ihn ernstlich sucht.

Es verging eine lange Zeit. Der Onbaschi schien sich nur mit dem Tschibuk zu beschäftigen; er qualmte wie ein Schornstein und stopfte, wenn er ihn ausgeraucht hatte, immer von neuem. Aber sein Inneres mußte auch in Bewegung sein, denn aus der dichten Rauchwolke, welche ihn umhüllte, klang zuweilen ein glucksender Ton, welchen man zu hören pflegt, wenn jemand mit seiner Rührung oder gar mit Thränen kämpft. Und da teilte sich die Wolke; der Dicke schob sich zu mir her und rief, in ein plötzliches Weinen ausbrechend, wobei er mir den ganzen Qualminhalt seines Mundes ins Gesicht blies:

»Emir, mein Effendi weint! Das hat er noch nie gethan, seit ich ihn kenne. Das kann ich nicht mit anhören; das halte ich nicht aus! Sag mir, ob es ihm schaden wird!«

»Sorge dich nicht um ihn!« antwortete ich. »Thränen mildern jedes Leid; sie werden ihm eine Wohlthat sein.«

»Aber mir nicht! Du mußt doch einsehen, daß seine Thränen mein Leid nicht mildern, sondern vergrößern! Mir laufen ganze Wasserbäche über die Wangen und fließen in mein inneres, so daß mein Herz auf ihnen schwimmt. Du hast mit deinen Worten nicht nur ihn, sondern auch mich zu Thränen gerührt. Kann es denn wirklich eine Liebe geben, welche so groß ist, wie du sie beschriebst?«

»Ja, lieber Kepek, es giebt eine solche.«

»Lieber Kepek, hast du gesagt? Emir, so hat mich noch niemand genannt als nur mein Effendi, und auch dieser bloß ein einziges Mal! Lieber Kepek! Ich habe viele Christen, die ich kannte, hassen müssen, denn sie besaßen keine Spur von Liebe; aber in der Weise, in welcher du von ihr sprichst, kann doch nur ein Christ von ihr reden. Nicht?«

»Ja. Die Christen, welche keine Liebe besaßen, nannten sich nur so, waren aber keine.«

»Sie stellten sich aber außerordentlich fromm, diese Armenier mit Habichtsnasen und diese Griechen und Levantiener mit den listigen Augen, welche auf nichts als nur auf ihren Geldbeutel sahen. Allah setze ihnen einen Hut auf den Kopf! Doch da kommt mein Effendi wieder!«

Er schob sich auf seinen Platz zurück. Die soeben gehörte Redensart vom Hute ist eine im Oriente sehr gebräuchliche; sie wird, da die Muhammedaner nie Hüte tragen, nur gegen Christen gerichtet und hat eine sehr verächtliche Bedeutung.

Der Bimbaschi kehrte zu uns zurück. Als er sich wieder niedergesetzt hatte, bat er:

»Erlaube, Effendi, daß wir unser Gespräch jetzt nicht fortsetzen! Und fordere auch nicht von mir, dir zu sagen, warum ich diesen Wunsch hege! Willst du?«

Ich verstand ihn nur zu wohl. Es war etwas in ihm erstanden, was unberührbare Heiligkeit für ihn besaß. Es begann in seinem Innern ein Altar emporzuwachsen, vor welchem nur seine eigene Seele anbetend knieen durfte, Weitere Einwirkung meinerseits hätte als Entweihung wirken können. Darum antwortete ich:

»Du kommst meinem Wunsche mit dem deinigen zuvor. Auch ist der Abend fortgeschritten. Laß uns schlafen gehen!«

»Nein, das noch nicht, noch lange, lange nicht! Wenn es auf mich ankommt, so erwarten wir hier den Morgen. Bedenke, daß ich hier in tiefster Einsamkeit lebe und deine Anwesenheit also soviel wie möglich ausnützen und genießen muß! Du warst am Nachmittag noch nicht entschlossen; aber jetzt kannst du mir vielleicht sagen, wie lange ihr in Bagdad bleiben werdet.«

»Wir reiten morgen fort – – –«

»Allah! So bald schon?« unterbrach er mich.

»Ja.«

»Effendi, ich bitte dich, mir dies nicht anzuthun!«

»Du hast mich nicht aussprechen lassen. Ich wollte sagen, daß wir morgen fortreiten, aber dann bald wiederkommen.«

»Das klingt schon besser. Aber warum schon morgen wieder fort? Ihr müßt doch von der Reise ausruhen?«

»Im Gegenteile: wir müssen uns Bewegung machen. Wir haben während der ganzen Fahrt auf dem kleinen Kellek sitzen müssen, und wenn wir auch nicht sagen wollen, daß uns das ermüdet hat, so müssen wir doch Rücksicht auf unsere Pferde nehmen. Diese feurigen Tiere sind zu immerwährendem Stillstehen gezwungen gewesen, und du als Kenner wirst wissen, daß wir sie nun nicht auch hier bei dir noch länger stehen lassen dürfen.«

»Das gebe ich zu; aber ihr könnt ihnen doch einen tüchtigen Spazierritt bieten!«

»Wir haben Gründe, dies nicht zu thun. Ich sagte dir schon, daß wir uns vor Feinden hüten müssen. Zwar fürchten wir uns keineswegs, aber es ist stets besser, ein Uebel zu vermeiden, als es herbeizurufen.«

»Wer sind diese Feinde, und wohin wollt ihr reiten?«

»Nach dem Birs Nimrud. Wir haben, nachdem wir dich damals verlassen hatten, dort eine so schlimme, schwere Zeit verlebt, daß uns die betreffenden Oertlichkeiten für das ganze Leben unvergeßlich geworden sind. Wir wollen also, da wir in Bagdad sind, wieder hin, um sie zu besuchen.«

»Eine schlimme, schwere Zeit sagst du. Welche Erlebnisse sind das gewesen? Darf ich es erfahren? Willst du es mir erzählen?«

Kaum hatte er das Wort »erzählen« ausgesprochen, so fiel Halef schnell ein:

»Richte diese Bitte, o Bimbaschi, nicht an meinen Effendi, sondern an mich! Er liebt es nicht, ein unendlich langes Kamelseil der Erzählung aus seinem Munde laufen zu lassen, und wenn er doch dazu gezwungen wird, so beißt er es ab, ehe es alle ist und schluckt das Ende wieder hinunter, wo es seiner Gesundheit den größten Schaden bringen kann. Ich aber bin von Allah mit der Gabe eines unzerbissenen Seiles begnadet worden und pflege das, was ich einmal angefangen habe, auch stets bis an dasjenige Ende zu bringen, wo nichts mehr zu sagen ist. Darum erkläre ich mich bereit, dir mitzuteilen, was du gern wissen willst. Hoffentlich hat niemand etwas dagegen!«

Mit dem niemand war natürlich ich gemeint. Ich kannte das Vergnügen, welches ich dem kleinen Hadschi bereitete, wenn ich ihm die Erlaubnis zum Erzählen nicht versagte, und pflegte ihn nur dann desselben zu berauben, wenn es sich um einen kurzen, sachgemäßen und nüchternen Bericht handelte, den ich stets selbst übernahm. Er hingegen liebte die Ausschmückungen, und wenn diese Liebe dem Orientalen im allgemeinen eigen ist, so besaß sie der Hadschi in so hervorragender Weise, daß ich oft gezwungen war, seinen übertriebenen Lobeserhebungen Einhalt zu thun. Offen gestanden aber hörte ich ihm selbst gern zu, denn er war ein wirklich guter Erzähler und bearbeitete die beigefügten Verzierungen nach einem so humorvollen Stile, daß er mich dadurch stets köstlich amüsierte, obgleich ich ihm dies nur selten merken ließ. Da ich jetzt seine Frage nicht sofort beantwortete, nahm er mein Schweigen als Zustimmung und begann seine Erzählung, welche eine ganze Stunde in Anspruch nahm und mir einen neuen Beweis seines Talentes lieferte, selbst traurige Ereignisse, wie die Ermordung unserer Reisegenossen und unsere Erkrankung an der Pest doch waren, in einer Weise darzustellen, durch welche die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis zum letzten Worte gespannt und gefesselt wurde.

Als er geendet hatte, fügte er in seiner eigenartigen Weise noch hinzu:

»Ihr seht, daß wir weder von den Feinden gefressen noch von dem Rachen der Pest verschlungen worden sind. Allah bewahrte uns zu ferneren großen Thaten auf, von denen ich euch vielleicht ein anderes Mal erzählen werde, wenn es meiner Huld gefällt, euch davon zu berichten. Jetzt will ich euch nur sagen, daß wir beabsichtigen, nach Persien zu reiten, um den Ruhm zu vergrößern, den unsere Namen dort schon längst besitzen. Wenn es uns beliebt, sind wir bereit, mit dem ganzen Heere des dortigen Herrschers zu kämpfen und ihn, falls er uns auch nur mit einem einzigen scheelen Auge betrachten sollte, samt seinem ganzen Harem von der Erde auszurotten. Was dann geschieht, nämlich ob wir von dort nach Amiriki oder nach Asterali reiten werden, das muß jetzt noch unser Geheimnis bleiben, welches wir auf keinen Fall verraten dürfen. Jedenfalls aber wird die Kunde von unsern Thaten rückwärts zu euch dringen, noch ehe wir nach vorwärts, weil die Erde rund ist, zu den Zelten der Haddedihn zurückgekehrt sind. Allah erhalte euch bis dahin bei Kraft und Verstand des Leibes und der Seele, damit ihr dann meine Erzählung mit derselben Bewunderung vernehmen könnt, mit welcher ihr die jetzige vernommen habt!«

Nach diesem schwungvollen Schlusse stopfte er seine Pfeife und rauchte sie mit unendlicher Genugthuung darüber, daß ich seine Ruhmredigkeit durch keine Zwischenrede um den beabsichtigten Effekt gebracht hatte. Der Onbaschi gab seiner Begeisterung durch einige tiefe, grunzende Atemzüge Ausdruck; Worte schienen ihm zu fehlen. Sein Herr nahm die Sache nüchterner und sagte:

»Ihr habt da freilich Schweres, sehr Schweres durchgemacht, und darum kann ich nicht begreifen, was euch verlocken kann, diese Orte wieder zu besuchen. Ich zum Beispiel möchte, wenn ich nicht durch einen Zwang hingetrieben würde, den Birs Nimrud nicht wiedersehen.«

»Das bist du,« antwortete Halef. »Wir aber sind von anderer Art. Wenn wir das dort erlebt hätten, was dir und deinem Onbaschi dort begegnet ist, so wären wir gleich in den nächsten Tagen wieder hin, um das Nest auszunehmen und der Erde gleichzumachen!«

»Den gewaltigen Birs Nimrud der Erde gleich?«

»Warum nicht? Traust du uns das etwa nicht zu? Uebrigens hätten wir das gar nicht nötig gehabt, denn wir an eurer Stelle hätten uns nicht einsperren lassen, keinen Eid abgelegt und auch keine Anweisung unterschrieben.«

»Das kannst du gut behaupten, weil ihr eben nicht an unserer Stelle gewesen seid!«

»Du irrst, weil du weder mich noch meinen Effendi kennst. Wer oder was wäre dieser Säfir, von welchem du erzählt hast, gegen ihn gewesen? Und wenn er noch so kräftig und noch so listig und noch so mutig gewesen wäre, so hätte ihn das alles doch gegen die Stärke, die Klugheit und Kühnheit meines Sihdi, geschweige der meinigen, gar nichts genützt. Wir haben noch ganz andere Leute bezwungen, als dieser Perser war. Ich wollte, wir würden einmal von ihm in den Birs gesperrt! Du würdest bald erfahren, wie schnell wir wieder heraus wären, um ihn mit unserm Hohngelächter niederzuschmettern!«

Der Hadschi überlegte nicht, daß diese Worte geeignet waren, den Bimbaschi zu beleidigen; er ahnte auch ebensowenig wie ich, wie bald seine Prahlerei zur Wahrheit werden sollte. Zu meiner Beruhigung klang die Antwort des Wirtes ohne Groll:

»Allah verhüte, daß ihr jemals in eine solche Lage kommt! Der stärkste und klügste Mann kann, wenn er gefesselt ist, nichts gegen seine Feinde thun, und eure Feinde – – – ah, ich sollte doch erfahren, wer sie sind?«

»Ja, du sollst es wissen und wirst erstaunen, wenn du erfährst, mit welcher List und Leichtigkeit wir uns ihrer entledigt haben. Willst du es vielleicht erzählen, Sihdi?«

»Nein,« antwortete ich.

»Das ist sehr recht von dir,« nickte er selbstbewußt. »Wer eine solche Sache erzählen will, der muß die Offenheit des Mundes, die Beweglichkeit der Zunge, die Eindringlichkeit der Vernunft in die Tiefen des Verstandes und zugleich die große Kunst besitzen, grad da anzufangen und grad da aufzuhören, wo angefangen und aufgehört werden muß. Diese Kenntnisse und dieses Geschick aber besitzen nur wenig Menschen, und wenn nichts davon vorhanden ist, darf man sich nicht darüber wundern, daß aus dem schönsten Erzählungsstoff ein alter, zerrissener und zerbrochener Sattel wird, auf den sich niemand setzen kann. Nun werde ich beginnen, und ihr habt mir mit Andacht zuzuhören!«

Es versteht sich ganz von selbst, daß er unserer Begegnung mit dem Pädär-i-Baharat einige abenteuerliche Seiten, die gar nicht vorhanden gewesen waren, hinzufügte, und ebenso unvermeidlich war es, daß er mich zwar außerordentlich lobte, sich selbst aber noch viel weniger vergaß. Er pflegte dies bekanntlich in der Weise zu thun, daß er sich als meinen Berater und Beschützer bezeichnete. Es fehlte auch nicht an drolligen Wendungen, welche mir so viel Vergnügen machten, daß ich ihn aus Dankbarkeit dafür ohne Unterbrechung sprechen ließ, bis er fertig war. Als Nutzanwendung ließ er dann noch die an den Bimbaschi gerichtete Bemerkung folgen:

»Du hast also gehört, daß wir es mit drei Mördern und einem Verräter samt seiner Frau zu thun gehabt haben. Uns war der Tod bestimmt; aus deiner Erzählung aber geht hervor, daß deine Feinde nur beabsichtigten, dein Geld zu bekommen und dich durch einen Eid unschädlich zu machen. Wir haben uns also in einer weit größern Gefahr befunden, als ihr. Ihr seid ahnungslos in die Falle gegangen; wir aber haben die Falle auf derjenigen Seite, wo sie für uns offen war, zugemacht und sie dann auf der andern Seite geöffnet, wo unsere Widersacher hineingekrochen sind. War das nicht klug von uns? Und wie haben sie die Peitsche gefühlt! Ich sage dir, so eine Kurbadsch ist der Inbegriff aller siegreichen Unwiderstehlichkeit! Ich würde niemals ohne Peitsche in den Birs Nimrud steigen. Hättet ihr eine mitgehabt, so würde die Gunst des Schicksales euch hineinbegleitet und als freie Männer wieder herausgelassen haben.«

Der Bimbaschi ließ diese Ermahnung unerwidert über sich ergehen und richtete an mich die Frage:

»Und nun denkst du, Effendi, daß diese Perser hier in Bagdad nach dir suchen werden?«

»Falls sie überhaupt hierher kommen, werden sie das sicher thun,« antwortete ich.

»Und darum willst du schon morgen fort?«

»Nicht darum allein, denn ich habe dir schon gesagt, daß ich ihnen zwar ausweiche, sie aber nicht fürchte. Ich habe keinen Grund, hier liegen zu bleiben.«

»Ist meine Bitte kein Grund für dich?«

»Nein, denn wir kommen wieder. Dann werden wir Ursache zum Bleiben haben, denn es liegt ein mehrtägiger Ritt hinter uns, von dem wir ausruhen müssen.«

»So will ich nicht länger in dich dringen, bitte dich aber, bei eurer Rückkehr nirgends abzusteigen als hier bei mir. Auch wiederhole ich meine schon einmal ausgesprochene Bitte.«

»Welche?«

»Beim Birs Nimrud ja nichts vorzunehmen, was mir schaden könnte. Vermeidet ja, den Verdacht auf mich zu lenken, als hättet ihr von mir erfahren, was uns damals dort geschehen ist!«

»Ich habe dir die Erfüllung dieses Wunsches bereits zugesagt, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich Wort halten werde.«

Ich hatte ursprünglich nur die Absicht gehabt, die erwähnten Erinnerungsstätten zu besuchen, gestehe aber aufrichtig, daß die Erzählung des Bimbaschi den Entschluß in mir rege gemacht hatte, dem Birs Nimrud eine größere Aufmerksamkeit zu schenken, als sie ihm ohne diese Erzählung von uns gewidmet worden wäre. Ich wußte längst, daß er Gänge enthält, in welche man schon oft versucht hat, einzudringen; diese Versuche wurden aber später aufgegeben, weil sie in vielen Fällen unglücklich verlaufen sind. Die unterirdischen Räume, in denen der Pole gesteckt hatte, interessierten mich um so mehr, als sich die Zeichnung in meinem Taschenbuch auf sie bezog. Ich wollte nach ihnen forschen, sagte ihm aber natürlich nichts davon und war ganz selbstverständlich entschlossen, mochte dabei vorkommen, was da wollte, nichts zu thun und nichts zu sagen, was geeignet war, ihm Schaden zu bringen.

Davon, daß wir die Nacht durchwachen wollten, war nicht mehr die Rede. Wir sahen kurz nach Mitternacht nach unsern Pferden und legten uns dann schlafen.

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