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Im Pulsschlag der Maschinen

Heinrich Lersch: Im Pulsschlag der Maschinen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Lersch
titleIm Pulsschlag der Maschinen
publisherVerlag Junge Generation
printrun9.?10. Auflage
year1936
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Haut ihn!

Schlimme Menschen gibt es in allen Ständen und Berufen. Tippelnde Kunden halten sich im Vorübergehen manchen dieser Sorte vom Leibe; doch den Herbergsvätern und Penne-Boßen können sie nicht immer aus dem Wege gehen. Es gibt prachtvolle Herbergsväter; das größte Ekel aber trafen wir in der Herberge eines kleinen bayerischen Städtchens, in dem wir eines Samstagnachmittags ankamen. Noch nie im Leben aß ich von einem so zerkratzten Tonteller so schlecht geröstete Kartoffeln, noch nirgends gab es so dünnen Kaffee. Das größte Unglück war, daß an dem Tage der Regen ununterbrochen wie mit Eimern vom Himmel goß. Wir saßen stumm in der Stube, durften nicht länger Kartenspielen, weil bei jedem lauten Wort der Kerl den Kopf durch das kleine Fenster hereinsteckte und brüllte: »Ruhe! Sonst lasse ich euch von der Polizei herausschmeißen!« Wer noch einen Groschen zu verzehren hatte, schlich sich durch die Wolkenbrüche in ein Gasthaus. Nur wir ganz armen Teufel konnten nicht fort. Wir dösten, den Kopf auf den Armen, über den Tisch geworfen; auch das ärgerte den grimmigen Patron. Er schickte das Dienstmädchen, um die Tische abzuwaschen: das arme Fraumensch mußte viel häßliche Reden anhören. Wir wollten sie hinausekeln. »Gebt euch kei Müh!« sagte sie. »Ihr mit euer zehn Mann schimpft auf einen Tag nit so viel hart zusammen, als ich's von einem in einer Stund hören muß. Ein Unglück ist er, der Herr!« Das »Unglück« sah aber gar nicht unglücklich aus; es war groß und breit wie ein Münchener Bierfahrer, aber vom vielen Essen und faulen Leben aufgeschwemmt. Er saß in der Küche, genau vor dem Mauerloch, durch welches die Speisen hineingereicht wurden, und lauerte auf jedes Wort und jede Bewegung.

Wenn die Kunden nichts verzehrten, war er böse, weil er nichts einkassieren konnte; wenn sie etwas bestellten, geriet er in Grimm, weil sie ihn wegen der paar Pfennige in »seiner Ruh« störten. Wenn wir uns unterhielten, so verbot er uns diese staatsgefährlichen und gotteslästerlichen Reden, denn er war schwerhörig und darum mißtrauisch. Schwiegen wir aber, dann argwöhnte er, wir flüsterten über ihn und hielten ihn zum besten. Weder Bursch noch Köchin, Magd noch Kunde konnte es ihm recht tun. Jetzt befahl er der Magd, alle Fenster aufzumachen und sie zu putzen. Wir heulten vor Kälte wie die Hunde. Die Magd plagte sich mit allen Kräften. Da beschlossen wir, den Grobian zu bestrafen. Zuerst ärgerten wir ihn mit Singen. Zweimal schoß er aus der Küche her, beim drittenmal kam er mit einem Polizeimann. Nach vielem Hin- und Herreden bekamen beide Parteien recht: singen durften wir, aber keine unheiligen Lieder. So gröhlten wir zu seinem Ärger alle Kinderreime herunter, von »Hänschen klein« bis »Üb immer Treu und Redlichkeit«. Das letztere sangen wir zehnmal hintereinander. Er faßte dies als eine Beleidigung auf; wir hörten, daß er wieder zum Schutzmann schickte. Der aber kam nicht. Daraufhin schrie er dreimal: »Aufhören oder raus! Raus! Raus! Hausfriedensbruch!« So war es auch schon Bettzeit geworden und so ging der Abend um, ohne daß der Grobian seine verdiente Strafe bekommen hätte.

Trotzdem es am Sonntag immer noch regnete, hieben zuerst alle ab. Wir sechs verschworen uns auf Rache und kehrten bald zurück. Wir saßen steif und dumm um den Tisch und warteten auf einen guten Einfall. Köchin und Magd waren gegen elf Uhr mit dem Essen schon fertig, sie verließen für kurze Zeit das Haus. Nur er, den wir jetzt Vater Grausam nannten, blieb zurück. Wären wir nicht dagewesen, hätt auch er »sei Ruh« gehabt. Wir sorgten, daß er wach blieb: alle fünf Minuten ließen wir unvermittelt ein großes Gebrüll erschallen. Vater Grausam erschien, wir Unschuldsengel saßen mausstill. Schnaufend vor Zorn lauerte er zu uns in die Stube hinein, er rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl und knurrte. Unser Schweigen steigerte seine Wut. Sein Kopf schob sich immer tiefer ins Mauerloch hinein. Der Rahmen machte aus seiner krankhaft verzerrten Fratze ein scheußliches Bild. Unerträglich war dies lebendige Kunstwerk anzusehen. »Hochmut kommt vor dem Fall!« sagte der Westfale, »jetzt sollt ihr mal sehen, wie schnell er verschwindet!« Er stand auf und ging. Vater Grausam sah ihm nach. Mit schiefem Kopf lusterte er hinter seinem Schritt her. Als er die Hoftür klatschen hörte, schössen seine Augen wieder argwöhnisch zu uns hin. Der Hesse ging dem Westfalen nach, der Kopf des Alten drehte sich wie eine Teufelsfratze im Wachsfigurenkabinett. Da kam der Westfale schon wieder zurück: schwupps, sauste der Kopf wieder zu uns hin. Nun flüsterte der Westfale geheimnisvoll, machte komische Handbewegungen, da ruckte der Stuhl unter unserem Beobachter und nun erschien er in der Tür: »Verschwörerbande! Habts ein Komplott gegen Anstand und Moral? Ich treib euch eure Heimlichkeiten aus!« Er kam auf uns zu, und plötzlich machte er kehrt: Schritte im Flur, der Stubenschlüssel wurde von außen umgedreht, in der Küche polterte ein Stuhl um, ein Blechtopf klapperte auf den Fliesen, brüllend vor Wut fuhr der Dicke auf die Tür los, fand sie verschlossen. Da steckte er den Kopf in den Rahmen des kleinen Fensters hinein, zwängte seinen breiten Buckel in die Küche und schrie: »Luders! Verdammte! Laßt mein Bier stehen! Ach, macht's doch raus!« Das Mauerloch war mit seinem dicken Rücken vollständig ausgefüllt. Da sahen wir, wie die Jacke des Dicken ganz zur Küche hineingezogen wurde. Wir gingen näher zu dem strampelnden, brüllenden Kerl; er sträubte sich und wurde doch in die Küche hineingezogen. Seine Stimme klang nur noch erstickt heraus. Schon schnappte der Schlüssel, der Hesse stieß die Tür auf und sagte: »Jungs, jetzt sitzt er fest! Haut ihn!« Zwei Mann hielten ihn beim Kopf. Der Hesse verschwand wieder in der Küche. Der Westfale schob eine Bank vor die strampelnden Beine und quetschte sie an die Wand. Jetzt lag der glattgespannte, unförmig rundende Hosenboden vor uns. »Freier Zuschlag!« sagte der Westfale und klatschte ihm eins auf die Speckseite. Aus der Küche schrie der Hesse: »Haut ihn!« Nun gab es ein regelrechtes Schinkenklopfen auf das hintere Quartier des Grobians. Er konnte nicht voran noch zurück. Vier flachgestreckte Kundenhände pfefferten auf den Speck, verdroschen ihn trotz seines Schreiens, bis wir glaubten, daß der Denkzettel seines Hosenbodens nun genügend beschrieben war. Da kam der Hesse zu uns und sagte: »Jetzt halt einer von euch dem Vater Grausam den Kopf fest, – von mir hat er noch nichts bekommen!« Zwei Mann flitzten in die Küche und der Hesse klopfte ihm zwei zu fünfzehn. »Was nun?« sagte er. Da stand auf einmal der Polizist in der Tür: »Was gibt's da zu lachen?« Wir wußten gar nicht, daß wir gelacht hatten, jetzt erst brach ein tolles Gelächter los. »Na, wen haben Sie denn da im Fenster hängen?« frug er erstaunt und schlug die Hände zusammen. »Ja mein, der Herr Vater! Wozu das?«

»Er hat gewettet, er könnt von der Stube durchs Rähmchen in die Küche kriechen«, sagte der Hesse. »Herr Schutzmann, der Vater wollte unsern Spott nicht auf sich sitzen lassen, daß er so steif und unbeholfen wie ein Mehlsack sei; und da haben wir ihm den Hechtsprung durch das Fenster vorgemacht. Nun wollte er es uns nachmachen, – sehen Sie selbst, er blieb mit seinem dicken Bauch stecken! Und nun müssen wir ihn herausziehen!«

»Gelogen! Gelogen!« schrie der Geprügelte, »durchgezogen haben sie mich!«

»Herr Wachtmeister! Er schämt sich seines dummen Streiches!« protestierte der Westfale. »Er ist zu uns in die Stube gekommen, sonst hätten seine Füße doch in der Küche sein müssen und sein Kopf hier in der Stube. Nein, er schämt sich jetzt, er sagt's nur so, wir waren alle in der Stube und er wollte durch das Fenster in die Küche, – so ist es!«

»Na, dann wollen wir ihn erst einmal herausziehen! Packt an, Jungens!« sagte der Beamte mit seiner geistesgegenwärtigen Fachkenntnis. Wir zogen und packten kräftig genug zu, damit der zu Befreiende auch merkte, daß wir ihm halfen. Endlich stand er draußen, stumm vor Wut, mit den Fäusten schüttelnd, dann rasselte es aus seinem Mund: »Verhaften! Verhaften! Geschlagen haben sie mich, schwer hinten drauf! Fürchterlich haben sie geschlagen. Braun und blau bin ich geworden!« Er zerrte den Beamten mit in die Küche, wir standen für einen Augenblick dumm da. Der Westfale horchte in die Küche hinein und schrie: »Sachen schnappen! Raus!« Wir rannten zu unseren Brocken an der Wand, prallten vor der Tür zurück, sie war von außen verschlossen worden, – wir waren gefangen.

Was nun? Die Fenster waren vergittert, doch der kleine Hesse zwang sich durch und sprang in den Hof, kam zurück, schloß auf, sah in der Küchentür den Schlüssel stecken, schwupp, drehte er den um, und nun saßen die beiden fest. Der Schutzmann polterte, der Herbergsvater schrie: »Aufmachen im Namen des Gesetzes!« Wir zogen ab, auf die Straße; über uns riß der wütende »Vater« das Fenster auf, verzog sich aber wieder, als er die Masse der Kirchgänger sah. Wir lachten ihm in die wutverzerrte Fratze hinein und verschwanden in der Volksmenge, um uns weit hinterm Dorf in einer Feldscheune wiederzutreffen.

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