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Im Pulsschlag der Maschinen

Heinrich Lersch: Im Pulsschlag der Maschinen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Lersch
titleIm Pulsschlag der Maschinen
publisherVerlag Junge Generation
printrun9.?10. Auflage
year1936
firstpub
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Brückenbau

Leeres Land zu beiden Seiten des Stromes, von Ost und West kommt je ein Bahndamm aus der Ferne; sie verbinden sich mit den Betonbrückenköpfen und gehen in straffgegitterte Eisenverstrebungen über. Nach hundert Metern brechen die eisernen Bögen jäh ab: zwischen den gemauerten Betonpfeilern gähnen mehr als hundert Meter Leere; das mittlere Drittel der Brücke fehlt noch.

Dieses Mittelstück fehlt nur im Zusammenhang: es ist da. Drüben am Band des Stromes liegt es aufgebaut. Die fertiggenieteten Eisenmassen ruhen auf miteinander verbundenen Kähnen, die bis an den Rand im Strom liegen. Die Kähne sind so weit mit Wasser gefüllt, daß sie gerade schwebend die Brücke halten.

Es ist morgens vor acht Uhr. Die Arbeiter, Zimmerleute, Nietkolonnen und Helfer, sitzen auf den Trägern; sie warten auf das Regierungsschiff, das die Herren von der Strombauverwaltung und die Ingenieure aus der Fabrik heranbringt. Heute ist die Durchfahrt auf dem ganzen Strom gesperrt. Schleppzüge ankern in respektvoller Entfernung. Da, Punkt acht Uhr, schwenkt das weiße Schiff heran, der Bauleiter steigt in ein Motorboot und fährt zu den Arbeitern an das Mittelstück heran. Alle sind aufgestanden, drängen im Halbkreis vor, der Bauleiter reißt den Hut vom Kopf und ruft hinüber: »Guten Morgen, Arbeitskameraden! Der Tag und die Stunde sind gekommen, heute wird die Brücke zusammengefahren. Die Umstände zwangen uns, diese Brücke in drei Teilen gleichmäßig auszuführen. Der mittlere, an dem wir jetzt stehen, wird eingeschwommen werden. Eure Vorarbeiter haben es euch erklärt. Die Schlepper fahren die Kähne mit dem Zwischenstück in die Lücke der Seitenteile. Dann werden die Pumpen das Wasser aus den Kähnen schmeißen, diese steigen und heben die Brückenmitte hoch. Sobald diese mit den Seitenteilen gleichsteht, werden die euch bekannten Verbindungsmittel eingesetzt; jeder muß auf seinem Posten seine angewiesene Arbeit tun. Kameraden! Auf diese wenigen Stunden kommt es an – seid aufmerksam und hört, was befohlen wird! Glück auf! Die deutsche Arbeit hoch!«

»Hoch!« rufen die Brückenbauer und schwenken dazu die Mützen.

Jetzt kommt der große Signalpfiff.

Das Motorboot schnurrt davon, zu den Schleppern, der Pfiff gellt, die Arbeitsschiffe tuten Antwort. Unendlich langsam ziehen sie an, man merkt es kaum, wie sie vom Land loskommen; als sie mit der Strömung abwärts zu treiben scheinen, geben sie Volldampf. Langsam gegen den Strom schwimmt nun der großmächtige Bau. Langsam schiebt er sich vor; es dauert über zwei Stunden. Endlich steht die Mitte genau in der offenen Lücke. Die Brückenbauer sehen hinunter. Als die Oberkanten der steigenden Mitte an die Unterkanten der Seitenteile anstoßen, da erzittert für einen Augenblick das ganze Eisengebäude. Die Gleitplatten sind gut mit schwarzer Seife und dickem öl beschmiert, es genügt ein gewaltiger Hebeldruck von zehn Mann am Kippbaum, und die ungeheure Last der vielen tausend Tonnen gleitet in die vorgeschriebene Bahn, steigt langsam aufwärts. Mit dem linken Arm um die Träger eingekrallt, biegen die Brückenbauer sich tief und weit vor, um ja den ersten Augenblick des Näherkommens nicht zu verpassen. Auf einmal müssen sie den Arm vor die Augen pressen. Staub und Rost fegt von den Trägern hinab. Da erst merken sie, daß ein Wind aufgekommen ist. Der erste Stoß ist nun vorüber, sie sehen in die Ferne, gelbe Wolken am Horizont, Gewitterwind! In heulenden Stößen fegt er um sie hin, immer wieder fliegt der Dreck von den Trägern in die weit aufgerissenen Augen; trotzdem müssen sie auf die mit Rotmennig und Bleiweiß kenntlich gemachten, weithin leuchtenden Verbindungslöcher sehen. Den Stahlpinn in der rechten Faust, mit dem linken Arm in die Winkel festgeklammert, erwarten sie das Aufkommen dieser Löcher.

Was nützt es nun, daß alles so klar ausgedacht und berechnet, alles vorher erklärt und besprochen worden ist! Wer kann wissen, wieviel Gewalt der Wind auf die Träger, Schiffe und Wasserflächen, in Tonnen berechnet, ausübt! Nein, der Wind konnte nicht eingerechnet werden. Dieser unsichtbare Feind versucht jetzt, die harten Hände und den härteren Geist zu verwirren.

Sie sehen die Brücke höher und höher steigen, fühlen schon das Schwanken und schieben dem Wind die Schuld zu. Sie dürfen keinen Augenblick die Löcher aus den Augen lassen, und doch können sie nicht anders – einen Augenblick müssen sie sie hinuntertun, auf das Wasser, auf die Schiffe, um zu sehen, ob der Rhein schon in Wellen zu schlagen beginnt. Der erste Vorarbeiter, Welters, sitzt nun oben auf dem Brückenbogen, wohin ihn der Ingenieur befohlen hat – fünfzehn, zwanzig Meter über dem Wasser. Er muß nach rechts sehen und nach links, nach vorn und hinten, auf die Träger, auf die Leute, auf die Schiffe und die Taue. Die meiste Arbeit hat er mit den Schleppern, die ungleichmäßig ziehen. Er gibt Signalpfiffe, die Schlepper tuten Antwort; das Schwanken muß jetzt aufhören oder – es liegt nicht an den Schleppern, es liegt an dem verdammten Sturm; eine hundert Meter lange Brücke, zwanzig Meter breit, und die sollte von einem unsichtbaren Gegner, dem Wind, beherrscht werden?

Welters Geist gerät in eine unerträgliche Spannung, er vergißt sich selber, ist hingerissen von dem stummen und erbitterten Kampf. Er macht dies ja schon zum fünften Male; doch jetzt ist es etwas ganz anderes. Der Wind ist zum Sturm geworden. Bis jetzt steht alles gut. Eine Stunde noch, dann wird die Brücke auf gleicher Höhe stehen, dann können die Hilfsträger untergeschoben, die Schrauben ins Loch gesteckt werden, dann kann kommen was will, Erdbeben und Weltuntergang, unsere Brücke, die wird stehen!

Oder sie stürzt, reißt alle Mann auf den Kähnen und Trägern mit hinunter in den Strom. Da gibt es keine Rettung und kein Halten – was nicht erschlagen wird, das ersäuft, Mann und Meister, Techniker und Ingenieure, rettungslos sind Werk und Mensch miteinander verbunden. Das Schicksal der Brücke ist Menschenschicksal geworden.

Mehr als hundert Mann wachsen in diesen Minuten der Spannung zu einem einzigen Arbeiterblock, der nur noch zusammen denkt, zusammen handelt. Da glühen die Gedanken aus den Hirnen in brennender Stichflamme von einem zum andern, sich selbst unbewußt: die Brücke, die Brücke!

Noch eine Stunde? Eine halbe Stunde?

Welters kniet auf dem höchsten Punkt des Bogens, hängt, späht wie ein Raubvogel, mit gerecktem Hals über die Kante; er steht auf, geht wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke übers Gerüst. Es wird ihm bewußt, daß er auch gar nichts mehr tun kann. Er muß warten! Warten! Sehen, ob alles gut geht. Unten puffen die Dampfmaschinen der Pumpen, die Wasserströme klatschen, von allen Seiten fliegen Fetzen Geräusche: die Eisenträger reiben aneinander, sie scheuern mit kreischendem Schreien, dann rubbert dumpf, sprungweise, weiß der Teufel was, dann knallt und schrammt ein Stahlseil. Welter spuckt vor Wut auf die Pumpen herunter, weil die nicht schneller machen können. Brücke, verdammte Brücke! Bums, lange hat sich der Träger geklemmt, jetzt macht er wieder einen Hubs nach oben – der Vorarbeiter spannt von neuem auf die Pumpen, auf die Kameraden, auf die Löcher. Unerträglich langsam geht das voran. Warten, warten, warten!

Der Wind saust, der Dreck fliegt. Er muß die Augen zukneifen. Noch fünfundzwanzig Minuten, noch zwanzig Minuten?

Tatloses Warten! Warten hier oben auf dem Träger, warten, Minute um Minute. Das Herz beginnt zu pochen, das Blut klopft in den Schläfen. Welter denkt, es ist wie vor zwanzig Jahren: diese Brücke ist ein Schlachtfeld, hier wird gesiegt – oder gestorben! Hier bewähren wir uns, bewährt sieh das Werk, oder wir werden zu Schrott, vernichtet! – Er hört Hammerschläge, die wie Schüsse peitschen, Zahnräder knattern wie Maschinengewehre, dazwischen Kommandoschallen und gellende Signalpfiffe. Welter denkt an die Worte des Ingenieurs: Alles oder nichts. Sieg oder Niederlage. So ist die Brücke das Schlachtfeld der Arbeit geworden. Soldaten sind die Arbeiter, die um ihr Leben und das Leben des Ganzen kämpfen. »Soldat Welters!« so redet er sich selber an, »du stehst hier, General über der Arbeitsschlacht, aber ändern kannst du auch nichts am Verlauf, du kannst nur dein Leben, eingesetzt in das Werk, mit dem Leben der Kameraden verbinden! Du kannst nur mit ihnen siegen – oder mit ihnen untergehen!« Es ist ihm, als säße er gar nicht mehr hier oben auf dem Träger, als schwebe er, getragen von der Verantwortung und dem Vertrauen.

Es ist ihm, als fühlte er zum erstenmal die wunderbare Harmonie aller schaffenden Kräfte. Die Einheit aller Arbeit: Werk und Mensch!

Er sieht alles, was zu sehen nötig ist, ordnet in seinem Kopf das Bild des ganzen Bauwerks: Die Brücke! Die Brücke!

Es ist schwer, so still zu stehen in dem kreischenden Krachen, Stoßen, Heben. Indessen ist die östliche Seite hochgekommen; es gibt furchtbare Stöße, wenn ein Träger sich klemmt. Schläge, die die ganze Brücke erschüttern, wenn der steigende Druck mit einem ruck das Ganze höher stößt. Das westliche Pumpwerk scheint nicht recht mitzukommen; dort hängt die Brücke tiefer. Die östlichen Pumpen müssen zeitweilig aussetzen. Er hört durch den Sturm hin das Knirschen der Träger, fühlt das Vibrieren des rutschenden Eisens. Jetzt glaubt er zu sehen, wie ein Schlepper nachläßt – er sieht die Brücke aus der Richtung zurückgehen, wieder vorwärtsschwanken, sieht die Nieter verzweifelt mit den Pinnen nach den Löchern fuchteln, hört Flüche, Kommandogebrüll; mit schrillem Geschrei rattern die Kranwinden an, die den letzten Ausgleich mit Anziehen und Loslassen geben müssen. Noch ein paar Minuten, dann muß die gleiche Höhe hergestellt sein, dann müssen die Mitten vollkommen parallel stehen; er sieht die Nieter, wie sie am unteren Träger die Löcher gepackt haben; wie sie mit den großen Dornen voranstoßen. Noch ein paar Sekunden, dann werden die Winden oben anziehen und die paar Zoll herüberholen, die noch an der Senkrechte fehlen.

Warten! Minuten! Sekunden!

Da! Krachen, Brechen, die Brücke wird von einem gewaltigen Stoß erschüttert, Pfiffe von unten durch die heulenden Windwirbel, leise knirschendes Poltern, das zum donnernden Tosen anwächst. Ein zweiter Stoß nun ... dann Ruhe. Über ihm klingen die Stahltrossen, heulen wie geschlagen auf, die Kranwinden ziehen an. Sie schaffen es, Zoll um Zoll ziehen sie die Mitte herüber, ins Senkrechte, damit Loch auf Loch steht!

Da – mit ungeheuerem Sausen zerspringt eine Stahltrosse und klatscht in die Konstruktion, wie ein Schuß saust die zweite hin, wie ein zischender Granatsplitter fegt die dritte über ihm her. Die Brücke – wahrhaftig, sie tut einen Sprung, hoppst hoch und setzt mit einem gewaltigen Schlag auf. – Eine Sekunde, zwei, drei, vier! Saust sie jetzt noch nicht ab? – Entweder – oder – fünf, sechs, sieben – er hört mit Zählen auf, zählt weiter, zwanzig Sekunden, dreißig! Stürzt sie nicht weiter? Sitzt sie auf? Er sieht unter sich die Kolonnen hantieren, abgelaufene Rollen. Taue, Balken poltern ab; er sieht die Holzkreuzlager auf dem Wasser treiben, die Schlepper vorandampfen: die Brücke steht!

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