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Im Pulsschlag der Maschinen

Heinrich Lersch: Im Pulsschlag der Maschinen - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Lersch
titleIm Pulsschlag der Maschinen
publisherVerlag Junge Generation
printrun9.?10. Auflage
year1936
firstpub
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senderwww.gaga.net
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Es wird abgeschrottet!

So begann denn der erste Werktag des Jahres 1931: In der sauber aufgeräumten Werkstatt keine Bestellung, keine Arbeit. Seit zwei Monaten hatte ich alles vorhandene Werkzeug aufgebessert; ich zündete das Schmiedefeuer an, nahm eine Stahlstange und schmiedete einen Preßluftmeißel: schön wie ein Morgenlied klang der Amboßton.

Ich freute mich des Klanges wie ein Kind, das eine Triangel schlägt. Um neun Uhr telefonischer Anruf: »Hier Schrottgroßhändler Pallok, Baustelle Spinnerei Berghausen. Vergebe den Abbruch der Kraftanlage zum Verschrotten, senden Sie einen Kalkulator und machen Sie Angebot!« Mein Bruder Paul nahm sein Taschenbuch für Ingenieure, in dem die Maße und Gewichte solcher Anlagen verzeichnet stehen; wir sprangen auf die Räder und fuhren hin. Auf der Bürotür stand mit rotem Stift geschrieben: »Schrotthandlung Pallok, Amsterdam.« Wir gingen in den großen Schreibsaal hinein; jetzt war da nur eine leere Spulenkiste, an der ein junger Herr die Schreibmaschine bearbeitete. Er brachte uns in den Heizraum; vor den Dampfkesseln lehnte der Schrotthändler an einer Rohrleitung, Melone im Nacken, Shagpfeife quer; er glich einem weltgewandten Herrenfahrer im Pelzmantel.

Mit einer greifenden Geste zeigte seine Hand auf die Kesselbatterie, als wolle er sie einsacken: »Was kost' zu zerschlagen in Schrott nach Vorschrift der Hütten diese Anlage?« Mein Bruder zog die Tabelle und wollte das Gewicht überprüfen. »Ach nein, nicht nach Gewicht, will wissen Preis. Zehn Unternehmer haben geschätzt Gewicht, jeder anders, – Nägel mit Köpf, was kost? Sie sind doch praktische Männer, – na, Preis?«

Der Holländer hatte Geduld, wartete, bis wir die ganze Anlage angesehen hatten. Dann führte er uns in den Maschinenraum, hob wie geheimnisvoll die Hände über das Werk und sagte: »Verrate Ihnen: Gewicht hundertfünfzig Tonnen. Was kostet es, ebenfalls vorschriftsmäßig kleinschlagen?« Alles auf Wagen geladen, frei Station?« »Ich gebe Ihnen das Angebot schriftlich!« antwortete Paul. »Bin bis acht Uhr heut abend hier!« sagte der Holländer und ging.

Wir berechneten die fünf Zweiflammrohrkessel, sie wogen mit Zubehör und Rohrleitungen zusammen hundertdreißig Tonnen. In der Ummauerung befand sich noch der Ecconomyser, eine Wasserwärmevorrichtung. Sie wog schätzungsweise auch hundert Tonnen, dazu, die Dampfmaschine mit hundertfünfzig, insgesamt also dreihundertachtzig Tonnen. Auf dem Heimweg besuchten wir einige Fuhrunternehmer, die uns die Frachtkosten gleich schriftlich mitgaben. Nachmittags berechneten wir die Menge von Karbid und Sauerstoff, die Anzahl der Stundenlöhne, und gegen sieben Uhr nahm uns der Holländer das Angebot ab.

»Was haben Sie eingesetzt für Sauerstoff und Karbid, was für Fuhrlohn?« frug er. Ich hatte die Angaben im Buch stehen und konnte sie gleich sagen. »Gut! Und so bleibt als reiner Arbeitslohn übrig: neunzehnhundert Mark.« Er rechnete und schlug die anderen Angebote nach. Wir hatten hundertzwanzig Flaschen Sauerstoff und sechshundert Kilo Karbid berechnet, zusammen für neunhundertsechzig Mark, Wir sahen unseren bescheidenen Gewinn daran davonrinnen. Ein Glück, daß wir auf die Frachten keinen Zuschlag gemacht hatten, die Transportkosten lagen im Angebot vor. Endlich erhob der Händler seine Melone und sah uns entschlossen an: »Für neunzehnhundert Mark, ohne Fracht und Brennstoff! Machen wir!«

Schon schlug er den Vertrag auf der Maschine durch und wir unterzeichneten. – »Wann anfangen?«

»Wenn Sie Montag früh einen Lastwagen schicken, laden wir gleich Holz und Gerät auf, kommen direkt hinterher.« Er sagte zu, wir gingen. »Dann fährst du gleich zu den Kesselschmieden, die sagen Axmann und Welters Bescheid – Montag um sechs Uhr.« Wir hatten nur einen Gedanken: »Endlich Arbeit für sechs Mann und zwei Monate! Als um halb acht Uhr der Lastwagen kam, wurde das bereitgestellte Gerät aufgeladen. Die Winden und Hölzer, die so manchen Neubau errichten halfen, dienten nun zum Abwracken. Alles, was bisher zum Bauen diente, wurde jetzt zum Zerstören gebraucht. Wir sechs Mann mit sechs Fahrrädern, sechs Essenkesseln, sprangen auf und holten den Wagen bald ein. Nachdem wir uns im Büro umgezogen, trugen wir das Gerät ins Kesselhaus. Ein Drehen des Lichtschalters: sämtliche Lampen flammten, beleuchteten Wasserstände und Manometer, Rohrleitungen und Ventile. Nicht die geringste Schraube war eingerostet, nicht ein Griff beschädigt: Feuer auf die Roste und nach wenigen Stunden hätten wir zwölf hundert Kilowatt Strom liefern können. »Wärmeschutz von den Dampfrohren herunterhauen, Schrauben aus den Flanschen schlagen, Leitungen zerlegen und hinunterschmeißen!« kommandierte der Meister. Jeder nahm eine Brechstange, lange Meißel, Hand- und Vorhämmer, wir erstiegen die eisernen Leitern und stießen die Stähle in die Tuchverbände über den hüllenden Wärmeschützern. Kaum fielen die ersten Stücke herunter, stoben sie auch schon zu mehlweißem, staubfeinem Puder auseinander. Nach fünf Minuten war der hohe, weite Raum von der zerstäubten Kieselgurmasse wie mit Nebeldampf angefüllt; wir fingen alle zu niesen an und fluchten um die Wette. Bis Mittag dauerte die Vernebelung, bis Mittag husteten, spuckten und niesten wir das beizende Pulver aus den Schleimhäuten. Wir mußten einen großen Kessel Malzkaffee kochen, um den Staub hinunterzuspülen. Dann begann die Arbeit: dreiviertel- und siebenachtelzöllige Schrauben, sauber mit Graphit gesalbt, bekamen den Nietenabquetscher auf den Hals gesetzt. Schwere Vorhammerschläge sprengten die Bolzen, bald ratterte die dreißig Meter lange Hauptleitung lose in den Schellen. »Knochen weg!« Immer wieder gellte der Warnruf, ehe die Querleitungen absackten. Endlich sauste mit großem Getöse das Rohrwerk auf die Mauern. Die Dampfabsperrventile brachen mit zerhauenen Flanschen nieder, zuletzt wurden die einzelnen Stücke im hohen Bogen über die Mauer geworfen; dröhnend brüllten die leeren Röhren auf das Steinpflaster. Die zentnerschweren Ventile knallten in die Tiefe, die Stellräder splitterten, die Gewindespindeln verbogen sich. Mit jedem Hammerschlag zerschlugen wir für tausende Mark Arbeitswert, – mit jedem Fall zerbarst ein kleines Vermögen. – »Wir haben's aufgebaut, wir wissen's zu zerstören! Einmal hat der Dichter Schiller recht gehabt!« brüllte Hans Axmann dem hochkomplizierten Wassermeßapparat nach, der gerade herunterflog. Zehntausend Mark hat er gekostet, für zehn Mark Alteisen kam er unten an. Paul und Welters schoben den Kondenzwasserrückspeiser, einen Gußblock von zehn Zentnern, an die Mauer. »Vorsicht!« gellte der Warnruf. Dumpf schlug er auf, da sauste ein Stück Rohr durch die Luft, krachte an das Wellblechdach, eine schleiernde Rußstaubwolke verfinsterte den Raum, rückgeschleudert prallte das Rohr neben der Kolonne Libbertz auf das Mauerwerk. Da stürzte der Holländer her: »Sie, Meister, sind Ihre Leute auch gut versichert? Unglück passiert?«

Während wir noch an den Armaturen schafften, kamen die Arbeiter eines Baugeschäftes und begannen, das Mauerwerk abzubrechen. Die Steine wurden an Ort und Stelle schon verputzt und gleich verladen. Kaum war die Vorderfront von Kessel eins freigelegt, rückte Libbertz mit dem Schneidbrenner heran und brannte ein Loch in die 35 Zentimeter starke Stirnwand. Unter der kaum zollangen Gasflamme schmolz das Eisen weg und eine klaffende Rinne bezeichnete den Weg, den die Flamme ging.

Jetzt begann das Wegschleppen der ausgeschnittenen Plattenstücke, die »vorschriftsmäßig« nur anderthalb Meter lang und fünfzig Zentimeter breit sein dürfen. Hundertfünfundsiebzig Kilogramm wiegt durchschnittlich so eine Tafel, sie muß über die Fundamente hin, über Löcher und Mauerreste geschleppt werden, denn einen Kran kann man für die kurze Zeit nicht anbringen. Die Kanten der Tafeln sind scharf und gezackt vom Brand des Brenners, schneiden tief in die Handflächen ein. Offen liegt der Kessel vor uns. Meter um Meter wird abgeschnitten, die Brennerflammen sausen, die brennenden Funken sprühen, die fallenden Platten krachen hinunter. Vier um vier Mann schleifen die Platten fort: zehntausend Kilo, fünf zehntausend Kilo ist die Tagesleistung. Neben uns wühlen die Bauleute das Mauerwerk um; der durch jahrelange Hitze getrocknete Mörtel durchstäubt die Luft, durch die offene Tür fährt der eisige Wind und jagt den Ruß aus den Feuerzügen auf. Mit einem Male wurde die Arbeit in ein Hetztempo gejagt: der Schrotthändler sah die Preise sinken, Tag um Tag verminderte sich der Schrottwert. Mit Fluchen, Bitten und Beschwörungen stand er hinter uns. »Voran! Voran! Sonst bin ich ruiniert!« Der Leiter des Baugeschäftes hetzte seine Leute. »Mehr Mann her! Dann geht's schneller!« sagten die Maurer. »Je größer der Haufe, desto fauler!« schrie der Polier. Erst als er sah, daß bei der Wühlerei mehr Steine zu Bruch gingen als ganz blieben, mahnte er wieder zur Ordnung. Der Händler ließ uns keine Ruhe, wir mußten noch vier Mann dazunehmen. War das ein Schleppen und Rennen, Fluchen und Schreien, bis sich die neuen Leute wieder eingearbeitet hatten. In anderen Zeiten wären die meisten bei dem Gewühl bald davongelaufen. Doch jetzt war Arbeit bares Geld und ein Stück Fleisch im Topf. Als wir am letzten Kessel begannen, ebneten die Bauleute schon die Fundamentlöcher mit Schutt ein, aus dem Trümmerhaufen wurde bald eine ordentliche Halle. Nun kam eine schwere Arbeit: der Ecconomyser, der schon mauerfrei war, stand wie ein Wald von Säulen da. Eine wunderbar sinnreiche Anlage, die durch eine Reinigungsvorrichtung ständig sauber gehalten wird; diese prachtvollen Zahn- und Kettenräder, die schön gearbeiteten Lager, die wundervolle Maschine, ein Hammerschlag, schon spritzten die Brocken zu Boden. Eben noch hatte die Maschine Sinn und Zweck; wir waren gewohnt, mit Arbeit, durch Verbesserungen Störungen und Beschädigungen fernzuhalten. Jetzt hauen wir mit einem Hammerschlag den Namen samt Sinn und Zweck von dem Werk hinunter, zerschlagen die Wirkung und geben den sorgfältig angepaßten und vielfältigen Teilen einen Sammelnamen: Schrott!

In zehn Tagen haben wir aus der Vorwärmeanlage zehn Tonnen Alteisen gemacht. In zwei Tagen vom Fundament auf die Wagen gebracht. Zwei Monate sind wir daran; der Schrotthändler jammert über ein verlorenes Vermögen. Wir sind zufrieden, denn bisher hat noch keiner seine Knochen drangeben müssen. Zwar fallen wir abends übermüdet, verstäubt und mit kratzendem Hals, hustenden Lungen ins Bett, – ein Wunder, daß in der kalten Zugluft niemand krank geworden ist. Nun können wir in das schöne Maschinenhaus gehen, da gibt es saubere, wenig staubige Arbeit. Montag, den achtundzwanzigsten Februar, traten die acht Mann vor die Maschine. Ich vergesse es in meinem Leben nicht, wir stutzten alle zurück: keiner tat, was er sollte, keiner hob den Hammer, um zu beginnen. Uns allen tat die Maschine leid, wie sie so blank und sauber eingefettet dalag: fünfzehnhundert Pferdestärken, mit angekuppeltem Generator zur Stromerzeugung. Wir standen vor dem ein Meter und achtzig hohen Niederdruckzylinder, besahen das sechs Meter hohe Schwungrad, da sagte Paul: »Vor vier Jahren ist die Maschine überholt worden, hat sechzigtausend Mark gekostet! Das weiß ich vom Betriebsleiter!«

Libbertz war inzwischen an den Stromerzeuger gegangen: »Den kenn ich doch, den haben wir doch vor ein paar Jahren bei der Schorch AG. im Bau gesehen! Hier, das Schild, richtig! Ist von neunzehnhundertachtundzwanzig.

»Was ist die ganze Maschine wohl wert?« frug Welters. »Mindestens zweihundertfünfzigtausend Mark!« antwortete Paul. Im gleichen Augenblick daberte ein Schlag durch die Stille des Raumes: »Da seht, was ich für ein Genie bin!« rief er. »Mit einem Schlag hab ich den Wert verändert. Was kostet sie nun?« Er hatte aus der Gleitbahn der Kreuzkopfführung ein tellergroßes Stück herausgehauen. »Für viertausendfünfhundert Mark hat der Händler sie angesteigert, Tausend Mark kriegen wir für das Kaputtschlagen!« sagte Paul. Wie auf ein Kommando nahm jeder seinen Hammer, jeder hieb auf das ihm zunächstliegende Stück los: Steuerführung, Ventilstutzen, Regulatorkonsolen, Stopfbüchsen, Schmierapparate, Ölpressen flogen unter den Schlägen herunter, acht Mann hieben herab, was eben mit Schlägen abzukeilen war. Darüber hinaus schlugen sie auf die Brücken, Deckel, Zahnräder, Achsen, Gehäuse, Muttern, Schrauben und Röhren. Platzen, Brechen, Krachen, eine Viertelstunde lang. Dann setzten sie die Hämmer ab und sahen sich an. Die Maschine sah wie ein halbgerupftes Huhn zum Erbarmen aus. Nun gingen wir ans Abschlachten. Wir schraubten die Zylinderdeckel ab, die Lager von der Hauptwelle, lösten alle Keile und Splinte; dann kamen die Schweißapparate und unter der zischenden Flamme zerbrach die dreißig Zentimeter dicke Hauptachse in rohe Brocken. Hier war jedes Gelenk der Kurbeln ein Meisterwerk, jedes Lager ein Gesellenstück, prachtvolle Wertarbeit: das ganze ein Kunstwerk, stark und schön. Ihrer Wirksamkeit beraubt, ödeten uns jetzt die Bruchteile an. Der Schneidbrenner vernichtete die Fügung von Kurbel und Pleuelstange, über die blanke Glätte der schimmernden Eisenhaut fuhr der schmelzende Strahl durch das Achsenherz. Zuletzt stand der gußeiserne Rohbau der Maschine allein auf den Fundamenten. Mit schweren Winden wurde er umgeworfen und mit viel Mühe ebenfalls in Teile zertrümmert. Dann machten wir uns über die Stromerzeugungsmaschine her. Von dem Augenblick an war der Händler nicht mehr aus dem Maschinenhaus zu schlagen. »Schäune Köyper, heel veel!« (Schöner Kupfer, sehr viel) sagte er zärtlich in seinem niederländischen Dialekt, als er die Kupferspulen entdeckte. »Hou veel wiegt et köypere Spöyleken? En dit? En dat?« (»Wieviel wiegt so eine Kupferspule?«) Er sprach vom Kupfer wie von einem leuchtend goldenen Schatz, und wie kostbare Schätze trug er das schöne Kupfer mit seinem Schreiber in ein unsichtbares Lager. Als die obere Schwungradhälfte vom Kupfer entblößt war, drehten wir den Generator in den Böcken um, und tagelang hörten wir wieder den metallsüchtigen Schrotthändler »mien schäune Köyper« murmeln.

Nun mußten wir das große Schwungrad in die beiden Teile zerlegen; es war in der Mitte in hundertzwanzig Millimeter starke Stahlbolzen zusammengefügt. Wir zerschnitten sie mit der Flamme, dann setzten wir zwei Winden an, bald standen dreißigtausend Kilogramm auf der Wippe: es war ein Spiel ums Leben. Den beiden, die an der Winde drehen mußten, konnte das Rad, wenn es zurückschlug, auf den Leib fallen. Einen Augenblick vor dem entscheidenden Punkt brachten wir einen Kettenzug an der Wand gegenüber an und zogen mit diesem die Last herüber. Eine Sekunde lang stand sie in der Schwebe, noch ein Zug an der Kette: da schlug mit fürchterlichem Fall und Krach der Koloß in den Maschinenraum hinein. Die Mauern erdröhnten, die Scheiben rasselten aus den Fenstern, das Dach zitterte. Da hörten wir aus der Türseite Herrn Schrotthändlers bebende Stimme: »Sie, Meister, sind Ihre Leute auch wirklich gut versichert?« Als jemand: »Vorsicht!« rief, sahen wir durchs große Fenster den besorgten Herrn um die Ecke galoppieren. Wir hatten gehofft, die Schwungradhälfte wäre beim Fall auf die Fundamente zerbrochen. Sie tat uns nicht den Gefallen und so mußten wir noch zehn Tage lang mit Schneiden, Bohren und Keilen mit unzählbar vielen wie schweren Schlägen nachhelfen. Dann begann das Wegschaffen der zerstückelten Maschinenleiche; der letzte Tag endete mit einer Höchstleistung: vier Mann schleppten fünfundsechzig Tonnen auf die Waggons. Eigentlich waren wir fertig, doch der Händler gab keine Ruhe; er gönnte die Fundamentschrauben, beindicke Stumpen, die einbetoniert waren, nicht den armen Teufeln, die das Fundament entfernen mußten. Er bestand darauf, daß wir sie für ihn retteten, er blieb neben uns stehen, bis wir begannen. Wir schnitten sie mit dem Schneidbrenner ab, da flammte der Schwefel auf, mit dem sie, wegen des zementzerstörenden Öls, eingegossen sind. Wir hatten ihn so hineingelotst, daß er eine volle Ladung Schwefelqualm in den nimmersatten Hals bekam. Hustend und fluchend rannte er weg. Nach drei Tagen stank das Maschinenhaus wie eine chemische Fabrik, wir mußten uns alle paar Minuten ablösen, selbst des Nachts husteten wir noch. »Wenn ihr mir die Schrauben nicht rausmacht, laß ich sie auf eure Kosten entfernen und zieh es euch ab!« Natürlich hatte der Händler gut drohen, denn er war reich und wir waren arme Teufel, er setzte seinen Willen durch.

So endeten diese drei Monate Schwerarbeit auch sichtbarlich in Rauch und Gestank. Wir waren froh, als wir das Werkzeug und die Geräte wieder auf den Lastwagen laden konnten. Die Abrechnung, die notgedrungen folgte, war doch das Schlimmste von allem: verrechnet! Wir hatten nun drei Monate mit fünf Mann durchschnittlich gearbeitet, es fehlte gerade soviel, wie wir zwei Brüder als »Arbeiter-Unternehmer« als Lohn hätten bekommen müssen. Also Lehrgeld bezahlt! Mit uns ging der Schrotthändler aus der Schreibstube, der Kraftfahrer hielt die Tür des Wagens. »Textilwerke Bayernstraße« gab er als Fahrziel an. »Die gehört zum Lahusen-Konzern!« sagte Paul, »vielleicht ist sie auch schlachtreif!«

Wir blickten noch einmal zurück auf die gewölbte Halle über den zackigen Cheddächern der großen Spinnerei. Nun war das Letzte herausgerissen, die Spinnmaschinen waren schon längst verkauft. Über fünfzig Jahre haben dort siebenhundert Arbeiter ihr Brot verdient.

Über siebzig Betriebe sind in dieser Stadt allein schon verschrottet, wieviel an Rhein und Ruhr, wieviel im ganzen Reich? Wie lange soll diese Maschinenschlächterei und Menschenwerkzerstörung noch weitergehen? Wie lange noch? Wie lange noch?

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