Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170419
projectid3134b142
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel: Das Erwachen

 

I.

So brach über mich der neue Tag herein.

Und wie ich selbst erwacht war, erwachte im selben Morgendämmern die ganze Welt ...

Denn die ganze Welt lebender Dinge war von derselben Flut der Bewußtlosigkeit überschwemmt. Und in einer Stunde war – durch die Berührung mit dem neuen Gas des Kometen – der Schauer plötzlichen Wandels über den Erdball gelaufen. Man behauptet, der Stickstoff der früheren Luft sei in einem Augenblick verwandelt und zu einem einatembaren Gas geworden, das sich allerdings noch vom Sauerstoff unterschied, aber als ein Bad und Heilmittel für Nerven und Hirn seine Tätigkeit unterstützte. Ich kenne die Veränderungen, die vorgingen, und die Namen, die die Chemiker ihnen geben, nicht genauer; meine ganze Tätigkeit hat mich abgelenkt von derartigen Dingen. Bloß das weiß ich: Ich und alle Menschen waren wie neugeboren.

Ich stelle mir das, was im Raum geschehen ist, etwa so vor: Ein planetares Ereignis. Blasser Nebel. Ein dünner Meteorwirbel, der auf unsern Planeten zudrängt ... dieser Planet selber ähnlich einem Ball, einem beschatteten, runden Ball, der mit seiner kleinen, fast unmerkbaren Luft- und Wolkenhülle, seinen dunklen Ozeantiefen, seinen schimmernden Landrücken im Raum schwebte ... Und als jenes winzige Gebilde aus dem Raum ihn berührt, färbt sich die durchsichtige äußere Gashülle einen Augenblick wolkig grün und klärt sich ganz langsam wieder ...

Dann ... etwa drei Stunden oder noch länger ... wir wissen, die Minimalzeit der Wandlung betrug etwa drei Stunden, denn Uhren und Wecker gingen alle ziemlich ungestört weiter ... lagen Mensch und Tier und jedes Lebewesen, das Luft einatmet, still und regungslos ...

Überall auf Erden, auf der Erde aller, die da atmen, war dasselbe Summen in der Luft, derselbe Wirbel grüner Gase, dasselbe Knistern und Niederströmen eines Regens von Sternschnuppen gewesen. Der Hindu auf seinem Acker hatte die Morgenarbeit eingestellt, um zu starren und zu staunen und aufs Angesicht zu stürzen; der blauröckige Chinese fiel Hals über Kopf in die tägliche Reisschüssel, der japanische Kaufmann trat bestürzt aus seinem Handelshaus und stürzte alsbald vor seiner Tür nieder. Die abendlichen San Franzisko-Bummler wurden in Erwartung des Großen Sterns überrascht. In jeder Stadt der Welt war das so, in jedem einsamen Tal, in jedem Haus und Heim, auf jedem öffentlichen Platz ... Auf hoher See starrten und staunten die Passagiere ... gierig nach dem Wunder, und plötzlich packte sie der Schreck, sie stürzten, halb zu Boden gedrängt, nach den Treppen; der Kapitän taumelte auf die Kommandobrücke, und stürzte zu Boden ... der Heizer fiel inmitten seiner Kohlen aufs Gesicht ... die Maschinen pochten und hämmerten weiter ... ohne Aufsicht ... und ohne Gruß trieb draußen ein Fischerboot vorbei ... schwankend, schaukelnd, mit lose spielenden Rudern ...

Die gewaltige Stimme lebendigen Schicksals rief ihr Halt! Und mitten im Spiel stolperten, sanken, verstummten die Spieler. Das Bild kommt mir von selbst in die Feder. In New York ist es buchstäblich so geschehen. Die Theaterbesucher zerstreuten sich fast alle; aber vor zwei vollen Häusern spielte die Gesellschaft, trotz aller Furcht, in angstvoller Erwartung einer Panik, weiter; und die Leute, abgehärtet durch wiederholte frühere Unglücksfälle, blieben auch ruhig ... Da saßen sie ... höchstens in den hinteren Bänken ein bißchen Bewegung verratend ... und da sanken sie um ... in Reih und Glied ... verloren die Besinnung, fielen vornüber ... glitten zu Boden ... Von Parload hörte ich ... wenn ich auch nicht weiß, auf welche Erwägungen sich seine Gewißheit stützt ... daß innerhalb einer Stunde von dem großen Moment des Zusammenstoßes gerechnet, die erste grüne Umformung des Stickstoffes sich schon aufgelöst hatte und vorüber war, und daß die Luft so durchscheinend war wie immer. Und immer war sie, während jenes ganzen wunderbaren Zwischenspiels, klar, hätte nur jemand Augen gehabt, ihre Klarheit zu sehen ...

In London war es Nacht; aber in New York zum Beispiel war man mitten im vollsten Abendgetriebe, und in Chicago setzte man sich zum Diner. Alle Welt war voll Leben. Das Mondlicht muß Straßen beleuchtet haben und Plätze, auf denen zusammengesunkene Gestalten umherlagen, über die elektrische Wagen, die keine automatischen Bremsen hatten, hinsausten, bis die gefallenen Körper sie aufhielten ... Überall lagen die Menschen in Abendtoilette, in Speisezimmern, in Restaurants, auf Treppen, in Ballsälen ... wie der Komet sie überrascht hatte. Spieler, Trinker, Diebe, die in heimlichen Verstecken lauerten, sündige Paare ... über alle kam die Wandlung, sie alle sanken hin, um sich mit vollem Bewußtsein, mit erwachtem Gewissen aus ihrem liederlichen Leben zu erheben ... Über Amerika kam der Komet in der vollen Flut des Abendlebens; England lag im Schlaf. Immerhin schlief es nicht so fest, daß es nicht hellwach gewesen wäre zu Krieg und großen Siegen. Auf und ab die Nordsee rauschten seine Kriegsschiffe und spannen ein Netz um den Feind. Auch an Land sollten sich in jener Nacht große Dinge entscheiden. Die Lager der Deutschen von Redingen bis Markirch waren unter Waffen, ihre Infanteriekolonnen lagen in Reihen wie gemähtes Heu, in nächtlichen festabgeteilten Märschen zwischen Longnyon und Thiancourt, zwischen Avricourt und Douen. Die Höhen hinter Spincourt waren dicht besetzt mit verborgenen, französischen Schützen. Die französischen Vorposten erstreckten sich wie ein schmales dünnes Band zwischen Verschanzungen und unvollendeten Schützengräben vor den deutschen Kolonnen bis zur Wasserscheide der Vogesen und über die Grenze bei Belfort bis fast an den Rhein ...

Und der ungarische, der italienische Bauer gähnte, fand, der Morgen sei düster, drehte sich auf die andere Seite und versank in traumlosen Schlaf. Der Mohammedaner breitete seinen Teppich aus und ward im Gebet überrascht ... Und in Sidney, in Melbourne, in Neuseeland kam nachmittags ein Nebel, der die Menge auf den Renn- und Kricketplätzen auseinandertrieb, das Löschen der Schiffsladungen unterbrach und die Leute von ihrem Nachmittagsschlaf aufstörte, daß sie hinausstürzten und auf den Straßen herumwankten und -lagen ...

 

II.

Meine Gedanken schweifen in Wälder und Wildnisse, in die Dschungeln der Welt, zu dem wilden Leben dort, das gleich dem Menschen erlosch, und ich denke an die Tausende von tierischen Lebensäußerungen, die unterbunden wurden und unvollendet blieben ... erstarrte, erfrorene Worte, wie die Worte, denen Pantagruel auf dem Meer begegnete. Nicht nur die Menschen versanken in Schlaf. Alle lebenden Wesen, die da atmen, wurden gefühllos und apathisch. Zwischen hängenden Gräsern und Zweigen im Weltenzwielicht lagen reglose Tiere und Vögel; neben seinem frischgeschlagenen Opfer, das in traumlosem Schlafe verblutete, reckte sich der Tiger ... Mit ausgebreiteten Schwingen schwebten die Fliegen in der Luft; die Spinne hing kraus im belasteten Netz, und wie eine farbige Schneeflocke sank der Schmetterling zu Boden und blieb liegen ... Eine seltsame Ausnahme machten die Fische, die, wie es scheint, gar nicht berührt wurden ...

 

III.

Da ich eben von Fischen rede, fällt mir eine wunderliche kleine Episode aus jenem großen Welttraum ein. Das sonderbare Schicksal der Mannschaft des Unterseeboots B 94 ist mir immer sehr merkwürdig erschienen. Soviel ich weiß, waren das die einzigen lebenden Menschen, die den grünen Schleier, der über die Welt sank, nicht erblickten. Während oben die große Stille herabkam, arbeiteten sie sich, unendlich langsam und vorsichtig, in die Elbmündung hinein ... vorbei an Sperrketten und Minen, den schlammigen Boden entlang, wie ein stählernes, von Explosionsstoffen vollgepropftes Krustentier. Sie schleppten hinter sich her ein langes Tau, das den Kameraden draußen auf dem frei treibenden Schiff den Weg zeigen sollte. Schließlich, in dem langen Kanal hinter den Forts, kamen sie an die Oberfläche, um sich ihre Opfer zu betrachten und Luft zu schöpfen. Das muß noch vor der Morgendämmerung gewesen sein; denn sie erzählen von der Pracht der Sterne ... Sie waren erstaunt, als sie keine dreihundert Meter entfernt ein Panzerschiff sahen, das im Schlamm aufgelaufen war und sich in der sinkenden Ebbe auf die Seite legte ... Mitschiffs stand es in Flammen; aber niemand achtete darauf. Niemand in jenem seltsamen klaren Schweigen achtete darauf ... Und nicht bloß das gescheiterte Schiff, sondern auch all die dunklen Fahrzeuge ringsumher mußten ... so schien es dem verwirrten und verwunderten Sinn ... voll toter Menschen sein!

Ihr Erlebnis muß von allen eins der merkwürdigsten gewesen sein. Sie wurden überhaupt nicht bewußtlos. Sofort ... mit einem plötzlichen Lachanfall, begannen sie die neue Luft zu atmen. Keiner von ihnen war federgewandt. Wir haben keine Schilderung ihres Staunens, keine Darstellung dessen, was gesprochen ward. Aber das wissen wir: daß diese Menschen mindestens anderthalb Stunden vor dem allgemeinen Erwachen frisch an der Arbeit waren; daß die Deutschen, als sie sich endlich rührten und aufrichteten, die Fremden im Besitz ihres Schiffes fanden. Daß die Engländer, schmutzig zwar und müde, und doch als wären sie von einer Art zornigen Frohlockens erfüllt, im hellen Sonnenaufgang weiterarbeiteten und bewußtlose Feinde aus der sinkenden Feuersbrunst retteten ...

Bei der Erinnerung an ein paar Heizer, die zu retten der Mannschaft des Unterseeboots nicht gelang, denke ich von neuem an den Faden grotesken Grauens, der sich durch das ganze Ereignis hindurchzieht ... ein Faden, den ich trotz allen Glanzes menschlicher Wohlfahrt, der ihm entsprang, nicht vergessen kann. Nie kann ich vergessen, wie die führerlosen Schiffe ans Land trieben und versanken, während die ganze Mannschaft schlief; so wenig, wie die Automobile, die auf den Straßen zerschmettert wurden, und die Züge, die, allen Signalen zum Trotz, auf den Schienen weiterliefen, bis ihre entsetzten Führer sich beim Erwachen – mit erloschenen Feuern – auf fremden Linien fanden, oder bis sie – weniger glücklich – von erstaunten Bauern oder noch halb verschlafenen Unterbeamten zerschmettert und zu Haufen rauchender, fauchender Trümmer emporgestaut aufgefunden wurden.

Und noch immer flammten die Schmelzöfen der vier Städte. Noch immer trübte der Rauch unserer Feuer den Himmel. Aber nur um so heller ließ die Wandlung die Flammen auflodern und sich ausbreiten. ...

 

IV.

Man stelle sich einmal vor, was in der Zeit zwischen dem Satz und dem Druck des vor mir liegenden Exemplars des »Neuen Blattes« geschah. Es war die erste Zeitung, die nach der großen Wandlung auf der Erde gedruckt wurde. Sie ist zerknittert und braun jetzt, aus einem Papier, das zur Aufbewahrung nicht bestimmt war. Ich fand sie auf dem Tisch eines Gartenhäuschens bei einem Gasthof, in dem ich vor jener Unterredung, von der ich binnen kurzem zu berichten haben werde, auf Nettie und Verrall wartete. Wenn ich sie ansehe, tritt jene ganze Szene mir wieder vor Augen; und Nettie, in ihrem weißen Kleid – vor dem blaugrünen Hintergrund des sommerlichen Gartens steht vor mir und schaut mich, während ich lese, forschend an.

Das Blatt ist so abgegriffen, daß das Papier in den Fälzen springt und mir unter den Händen bricht. Es liegt auf meinem Schreibtisch – ein totes Andenken an die toten Zeiten der Welt – an die einstigen Leidenschaften meines Herzens. Ich weiß, daß wir von den darin enthaltenen Nachrichten sprachen. Aber ich weiß tatsächlich nicht mehr, was wir sagten. Nur das eine weiß ich noch: Nettie redete sehr wenig und Verrall schaute eine Zeitlang über meine Schulter weg in die Zeitung. Es war mir unangenehm, daß er über meine Schulter weg las ...

Das Dokument, das da vor mir liegt, muß uns wohl über die erste Verlegenheit jener Begegnung weggeholfen haben. ...

Aber von allem, was wir damals sagten und taten, muß ich in einem späteren Kapitel erzählen. ...

Eins ist offenbar: das »Neue Blatt« ist abends gesetzt und später sind große Partien der Platten durch andere ersetzt worden. Ich verstehe zu wenig von den alten Druckmethoden, um mir über den ganzen Vorgang völlig klar zu sein. Es macht den Eindruck, als seien große Satzpartien weggenommen und durch neue ersetzt worden. Auch scheint es, als sei das Ganze nur eben schnell fertiggemacht. Die neuen Partien sind dunkler im Druck und schwärzer, außer nach links, wo die Schwärze nicht ausreichend war und wo die Zeilen nicht ganz richtig untereinanderstehen. Einer meiner Freunde, der etwas vom alten Druck versteht, hat mir gesagt, die Maschinen, die das »Neue Blatt« damals benutzte, seien in jener Nacht beschädigt worden und der Herausgeber – Brughurs – habe sich am Morgen nach der Wandlung von einer benachbarten Druckerei, die vielleicht finanziell von ihm abhängig war – aushelfen lassen.

Die äußeren Seiten gehören vollständig der alten Welt an. Nur in den zwei Mittelseiten ist eine Veränderung. Hier fanden wir – in Form eines seltsamen kleinen Vierspalten-Druckvierecks die Zeilen: »Was ist geschehen?« Das stand quer über einer Spalte mit einer sensationellen Kopfzeile: »Große Seeschlacht! Das Schicksal zweier Reiche auf dem Spiel! Angeblicher Verlust zweier weiterer ...«

Aber alles das, wußte man, war schon nicht mehr aktuell. Wahrscheinlich waren es überhaupt nur erdichtete und künstlich fabrizierte Nachrichten. ...

Es ist ein eigenes Gefühl, wenn man so jene abgegriffenen, zerknitterten Bruchstücke zusammensetzt und die verfärbte, erste Kunde jener neuen Epoche wiederliest.

Die einfachen, klaren Berichte im neuen Teil des Blatts erschienen mir damals – in ihrem Rahmen von schlechtem und schreiendem Englisch – nüchtern und fremdartig. Jetzt klingen sie wie die Stimme eines vernünftigen Mannes in einer vergangenen Zeit der himmelschreiendsten Gewaltsamkeit. Immerhin zeugen sie dafür, wie rasch London sich vom Gas erholte; sie zeugen für den neuen, schnellen Aufschwung aller Kräfte in jener Riesenbevölkerung. Wenn ich sie jetzt wieder durchlese, seh' ich mit Staunen, wie sehr doch die Forschung, das Experiment, die Fähigkeit, richtig zu schließen schon am Tag vor dem Druck des Blattes vervollkommnet gewesen sein müssen. ... Aber das nur nebenbei. Während ich hier sitze und über dem halbverwitterten Blatt sinne, tritt mir wieder jene selbe, sonderbar ferne Vision, die ich an jenem Morgen erlebte, vor Augen – – das Bild der Druckereien während der Krisis, die ich geschildert habe. ...

Die Woge der Auflösung muß die Druckerei in voller Tätigkeit überrascht haben, in ihrer vollen nächtlichen Fieberhitze, ja in einem ganz besonders hohen Fieberzustand: besonders hoch infolge des Kometen und des Kriegs. Wahrscheinlich schlich sich die Wandlung ganz unmerklich in die Werkstatt ein, inmitten von Lärm und Geschrei, inmitten des elektrischen Lichtscheins, die die nächtliche Atmosphäre jenes Orts bildeten. Sogar die grünen Blitze sind wahrscheinlich unbeachtet geblieben, und die ersten, sinkenden Streifen grünen Gases wurden vermutlich für die treibenden Wolken eines vorzeitigen Londoner Nebels gehalten. (In jenen Tagen war London sogar im Sommer nicht vor dunkeln Nebeln sicher.) Und endlich strömte die Wandlung ein und überraschte sie alle. ... Wenn ihnen überhaupt eine Warnung zuteil wurde, muß es eine plötzliche allgemeine Aufregung in den Straßen gewesen sein, der eine noch allgemeinere Ruhe folgte. Ein anderes Anzeichen konnten sie nicht haben.

Niemand hatte mehr Zeit, die Maschinen abzustellen, eh die Entwicklung der grünen Gase alle überwältigte. Sie müssen sich um sie geschlungen, sie zu Boden geworfen, verhüllt, stumm gemacht haben. Immer regt dieser Gedanke meine Phantasie ganz seltsam an; es mag wohl daher rühren, daß es das erste Bild war, das ich mir von dem, was in der Stadt geschehen sein mußte, machen konnte. Nie hat es für mich ganz den Eindruck des Unheimlichen verloren, daß, als die Wandlung kam, die Maschinen weiterarbeiteten. Weshalb mir das so unheimlich erschien, weiß ich nicht recht; jedenfalls war es so und ist bis zu einem gewissen Grad noch heute so. Ich glaube, man ist so daran gewöhnt, das Maschinenwesen als eine Art Erweiterung der menschlichen Persönlichkeit anzusehen, daß mich der hohe Grad seiner Selbständigkeit, wie er sich in der Wandlung zeigte, geradezu überwältigte. Die elektrischen Lampen zum Beispiel müssen – zum mindesten noch eine Zeitlang – wie dunstige Nebelsterne mit grünem Hof, weitergebrannt haben; die Riesenpressen donnerten in dem immer dichter werdenden Dunkel weiter, druckten, falzten, schleuderten ein Exemplar jenes erdichteten Kriegsberichts mit seinen fürchterlichen Kopfzeilen ums andere beiseite – das ganze Gebäude zitterte und pochte weiter unter dem gewohnten Donnern der Maschinen. Und das alles, obgleich nirgends mehr ein Mensch die Aufsicht führte! Und da und dort, unter dem immer dichter werdenden Nebel, lagen stumm die zusammengekrümmten oder ausgestreckten Formen von Menschen!

Ein wunderbarer Anblick müßte das gewesen sein, wenn ein Mensch unter allen Widerstandskraft gegen die Gase besessen und wach und aufrecht mitten in all dies hineingekommen wäre!

Bald müssen die Maschinen ihren Vorrat an Schwärze und Papier erschöpft und müssen inmitten der großen Stille leer weitergestampft und gedröhnt haben. Dann erloschen die Öfen aus Mangel an Feuerung; in den Zylindern sank der Dampfdruck, die Maschinen liefen langsamer, die Lichter brannten trüber und erloschen allmählich mit dem Sinken des Stroms von der Kraftstation. Wer will heute noch feststellen, wie all das aufeinanderfolgte?

Und dann, mitten im Schwächerwerden und Verstummen der menschlichen Geräusche, klärten sich die grünen Gase und schwanden –; innerhalb einer Stunde waren sie vorüber; und ein Windhauch regte sich vielleicht und hauchte über die Erde. ...

Alle Laute des Lebens erstarben, bloß da und dort war einer, der sieghaft durch die große Ebbe klang. Und einer Welt, die ihrer nicht achtete, schlugen die Glocken – zwei Uhr – drei Uhr – – Überall, auf der ganzen Erde, tickten und klangen die Uhren betäubten Ohren. ...

Und dann kam das erste rosige Morgenlicht, das erste Regen des Wiedererwachens. Vielleicht glühten in jener Druckerei noch immer die Lampen, pulsierten noch immer leise die Maschinen, als die welken, gestiefelten Kleiderbündel wieder Menschen wurden und sich zu rühren und zu staunen begannen. Ohne Zweifel war die ganze Buchdruckerei entsetzt, als sie merkte, daß sie geschlafen hatte. ... Und inmitten des blendenden Sonnenaufgangs erwachte voll Wunderns das »Neue Blatt«, erhob sich, und starrte blinzelnd sein verblüffendes Ich an. ...

Die Uhren der Stadtkirchen schlugen nacheinander Vier. Das Personal der Druckerei, in zerdrückten Kleidern und zerzausten Haaren, aber voll seltsam frischen Lebens, stand staunend und fragend vor den beschädigten Maschinen. Der Redakteur las mit ungläubigem Lachen seine gestrigen Kopfzeilen. Viel unfreiwilliges Gelächter gab es an jenem Morgen. Draußen streichelten die Fuhrleute ihren erwachenden Pferden die Hälse und rieben ihnen die Knie. ...

Und dann, langsam, unter vielen Zweifeln und Hin- und Herreden – – machte man sich an die Zusammenstellung des Blatts. ...

Man muß sich das vorstellen: all diese halb verträumten, verwirrten Menschen, die, noch vom Beharrungsvermögen ihrer alten Tätigkeit getragen, sich so gut wie möglich in ein Unternehmen zu schicken suchten, das plötzlich ganz merkwürdig fremdartig und vernunftwidrig geworden war. Sie arbeiteten ... unter ständigem Wundern ... und dennoch leichten Herzens ... Immer wieder müssen sie ausgesetzt ... gefragt ... geredet haben. Fünf Tage später erst kam das Blatt nach Menton.

 

V.

Anschließend an das Vorstehende möchte ich noch einen kleinen lebhaften Eindruck wiedergeben, den ich von einer höchst prosaischen Persönlichkeit, einem Landkrämer namens Wiggins, und der Art, wie er die Wandlung überstand, erhalten habe. Ich hörte die Geschichte dieses Mannes im Postbureau zu Menton, wohin ich mich am Nachmittag des ersten Tages begeben hatte, um an meine Mutter zu telegraphieren. Das Bureau war zugleich ein Kramladen; und als ich eintrat, traf ich jenen Mann im Gespräch mit dem Besitzer. Sie waren Konkurrenten, und Wiggins war eben über die Straße gekommen, um ein zwanzigjähriges feindseliges Schweigen zu brechen. Die Wandlung funkelte ihnen aus den Augen, aus den leicht geröteten Wangen, aus den elastischen Bewegungen, und zeugte von den neuen physischen Kräften, die ihr ganzes Sein durchdrangen.

»Nichts hat er uns eingetragen, unser Haß,« sagte Mr. Wiggins, indem er mir die gegenseitige Aufregung bei dieser Zusammenkunft erklärte; »auch unsern Kunden hat er nichts eingetragen. Das wollte ich ihm sagen; darum bin ich gekommen. Merken Sie sich das, junger Mann, wenn Sie je einmal einen eigenen Laden haben. Wir waren wie besessen von einer ganz albernen Erbitterung, und ich begreife nicht, daß wir das nicht schon längst einsahen! Es war weniger Bosheit, als ganz einfach Dummheit. Eine dumme Eifersucht. Stellen Sie sich vor: zwei Menschen, die keinen Steinwurf voneinander entfernt leben und die seit zwanzig Jahren kein Wort miteinander gesprochen und ihre Herzen vollständig gegeneinander verhärtet hatten!«

»Ich versteh nicht, wie wir dazu gekommen sind, Mr. Wiggins!« sagte der andere und verpackte dabei aus reiner Gewohnheit Tee in Pfundpakete. »Es war verruchter Hochmut und Eigensinn. Dabei wußten wir die ganze Zeit über, daß es verrückt war.«

Ich klebte die Marke auf mein Telegramm.

»Erst neulich,« fuhr er, zu mir gewendet, fort, »unterbot ich ihn eines Morgens in französischen Eiern. Verkaufte lieber selber mit Verlust. Er hatte sie mit einem großen, bunten Plakat zu neun Pence das Dutzend ausgezeichnet – und ich sah das, als ich vorbeiging. Und dies war meine Erwiderung.« Dabei wies er auf ein Schild. »Acht Pence das Dutzend – gleiche Qualität wie anderwärts zu neun Pence.« Ein voller Penny weniger! Bums! Kaum eine Spur über dem Selbstkostenpreis – wenn überhaupt – und auch dann noch – –« er lehnte sich über den Ladentisch und sagte mit Nachdruck: »Ganz andere Eier!«

»Nun sagen Sie,« bemerkte Mr. Wiggins, »welcher Mensch, der bei gesundem Verstand ist, täte so was?«

Ich schickte mein Telegramm ab – der Ladenbesitzer gab es für mich auf – und unterdessen tauschten Mr. Wiggins und ich unsere Beobachtungen aus. Er kannte die Natur der Wandlung, die die Welt durchgemacht hatte, so wenig als ich. Ihn hatten, so erzählte er, die grünen Blitze so geängstigt, daß er sie erst eine Weile hinter der Gardine seines Schlafzimmers vor beobachtet hatte; dann war er aufgestanden, hatte sich eiligst angekleidet und seine Familie geweckt, damit auch sie sich eiligst aufs Ende vorbereiten sollte. Sie mußten ihre Sonntagskleider anziehen; dann waren sie alle miteinander hinaus in den Garten gegangen, bald von Bewunderung für die Großartigkeit des Schauspiels, bald von einer sich immer steigernden Furcht erfüllt. Sie waren Pietisten, außerhalb der Geschäftszeit sehr fromme Leute, und in jenen letzten prachtvollen Augenblicken glaubten sie, daß die Wissenschaft doch wohl unrecht und die Fanatiker recht haben müßten. Im Anblick der grünen Gase kam ihnen diese feste Überzeugung, und sie rüsteten sich, vor das Angesicht ihres Gottes zu treten. ...

Der Mann war – in seinen Hemdärmeln, mit der Schürze um den Bauch – ein recht gewöhnlich aussehender Mensch, und er erzählte seine Geschichte in einem Dialekt, der meinen Ohren gemein und zerhackt klang; er erzählte seine Geschichte ohne eine Spur von Stolz, ganz nebenbei, und dennoch hatte ich dabei den Eindruck von etwas Heldenhaftem. ...

Diese vier einfachen, gewöhnlichen Leute rannten nicht, wie so viele andere, in der Welt herum. Sie standen vor ihrer Hintertür, auf ihrem Gartenweg zwischen den Stachelbeerbüschen, während rings um sie, wunderbar und unaufhaltsam, die Schrecken Gottes und Seines Gerichts auf sie eindrangen. Und sie begannen zu singen. Da standen sie, Vater, Mutter und zwei Töchter – und sangen, kräftig, aber jedenfalls nach der Art solcher Leute, etwas eintönig, ihr:

»Zion meine Hoffnung bleibt,
Meine Seele triumphieret – –«

bis einer nach dem andern umsank und alle still am Boden lagen.

Der Postmeister hatte sie in der zunehmenden Dunkelheit noch gehört: »Zion meine Hoffnung bleibt ...«

Es gehörte zum Außergewöhnlichsten, was man erleben konnte – diesen Mann, aufgeregt, mit strahlenden Augen, die Geschichte seines eben überstandenen Todes erzählen zu hören. Es schien überhaupt nicht möglich, daß dies innerhalb der letzten zwölf Stunden geschehen sein sollte. So winzig, so weit zurückliegend war das Bild dieser Menschen, die da singend durch das Dunkel zu ihrem Gott eingingen. Es war wie eine sehr kleine, sehr deutlich gemalte Szene in einem Medaillon. ...

Aber dieser Eindruck beschränkte sich keineswegs auf diese Einzelheit. Sehr vieles, was vor dem Kommen des Kometen geschehen war, hatte denselben Verkleinerungsprozeß durchgemacht. Auch andere hatten, wie ich seitdem erfahren habe, dieselbe Illusion: ein Gefühl des Gewachsen-Seins. Noch jetzt scheint mir, das kleine, schwarze Wesen, das in Verfolgung Netties und ihres Liebhabers durch halb England gestürmt war, muß kaum einen Zoll hoch, unser ganzes früheres Leben muß ein Puppenstück auf einem Marionettentheater gewesen sein, das bei schlechter Beleuchtung, im Halbdunkel gespielt wurde. ...

 

VI.

Immer kommt mir die Gestalt meiner Mutter in meine Vorstellung von der Wandlung. ...

Ich weiß noch, wie sie eines Tages beichtete. ...

Sie hätte sehr wenig geschlafen in jener Nacht, sagte sie, und hätte das Zischen der fallenden Sterne für Schüsse gehalten; den ganzen Tag über waren in Clayton und Swathinglea Unruhen gewesen; und sie war aufgestanden, um nachzusehen. Denn sie hatte die dunkle Empfindung, als müsse ich bei all diesen Tumulten beteiligt sein. Als aber die Wandlung kam, war sie nicht am Fenster.

»Als ich die Sterne niederregnen sah, mein Herz,« sagte sie, »und daran dachte, daß du draußen warst, dachte ich, es könnte nichts schaden, wenn ich für dich betete! Ich dachte, es würde dir nicht lästig sein!«

Und so erstand mir noch ein Bild. – Die grünen Gase kommen und schwinden, und neben ihrer alten Flickendecke kauert knieend die liebe, alte Frau, ihre armen verschrumpften Hände zum Gebet gefaltet – zum Gebet zu Ihm – für mich!

Durch die dünnen Gardinen und Jalousien des zersprungenen, blinden Fensters seh' ich die Sterne über den Schornsteinen verblassen; das bleiche Morgenlicht schleicht über den Himmel, die Kerze flackert und stirbt. ...

Auch das geleitete mich durch die Stille – die schweigende, knieende Gestalt, ihr erstarrtes Flehen zu Gott um Schonung für mich, das schweigend in einer schweigenden Welt sich durch die Leere des Raumes schwang. ...

 

VII.

Mit dem Morgenrot lief über die Erde das Erwachen. Ich habe erzählt, wie es zu mir kam und wie ich staunend durch die verwandelten Kornfelder von Shaphambury ging. Zu allen kam es. Nicht weit von mir und im Augenblick von mir völlig vergessen, erwachten Verrall und Nettie – erwachten Seite an Seite – und der erste Laut vor allen Lauten, die jedes inmitten der Stille und des Lichts vernahm, war die Stimme des andern. ... Und die Menschen, die am Strand des Sommerdorfs hin und her geeilt und umgesunken waren, erwachten; die schlafenden Dorfbewohner von Menton fuhren auf und genossen der ungewohnten Frische und Neuheit; die verzerrten Gestalten im Garten regten sich, ihren Choral noch auf den Lippen, unter den Blumen, betasteten einander scheu und gedachten des Paradieses. Meine Mutter erwachte, neben ihrem Bett kauernd, und erhob sich ... erhob sich mit der freudigen und sieghaften Gewißheit erhörten Gebets. ...

Schon plauderten, als die Wandlung zu uns kam, die Soldaten, die sich zwischen Reihen staubiger Pappeln auf der Straße nach Allarmont drängten, mit den französischen Schützen, die ihnen aus ihren sorgsam versteckten Gräben in den Weinbergen an den Hängen von Beauville aus zugerufen hatten. Sie plauderten und teilten ihr Frühstück mit ihnen. Eine gewisse Verwirrung war über diese Schützen gekommen. Sie waren eingeschlafen in gespannter Erwartung der Rakete, die das Dröhnen und Rasseln ihrer Geschütze wecken sollte. Und beim Anblick und Getöse des Gewühls und Menschenwirrwarrs unten auf der Straße war es jedem einzelnen unter ihnen klar geworden, daß er nicht schießen konnte. Ein Rekrut wenigstens hat die Geschichte seines Erwachens erzählt und berichtet, wie merkwürdig ihm das Gewehr neben ihm im Graben vorkam, wie er es auf die Knie nahm, um es zu betrachten. ... Dann, als ihm die Erinnerung an den Zweck der Waffe deutlicher zurückkam, warf er sie weg, voll Grauen und voll Freude ob des nicht begangenen Verbrechens, und erhob sich, um die Menschen, die er hatte morden sollen, genauer zu betrachten. »Viel zu wackere Kerle,« dachte er, »für solch ein Schicksal!« Die Signalrakete flog nicht auf. Die Leute unten traten nicht mehr ins Glied, sondern setzten sich am Straßenrain nieder oder standen in plaudernden Gruppen beisammen und erörterten mit seltsam ungläubigen Mienen die scheinbaren Ursachen des Kriegs. »Der Kaiser!« sagten sie. »Ach, keine Rede!« »Wir sind doch zivilisierte Menschen. Zu so was muß man andere Leute suchen! ... Wo ist der Kaffee?«

Die Offiziere führten eigenhändig ihre Pferde und sprachen ganz offen, ohne an Disziplin zu denken, mit den Leuten. Ein paar Franzosen kamen aus den Schützengräben den Hügel herabgeschlendert. Andere standen, die Gewehre in der Hand, unentschlossen herum. Neugierige Gesichter betrachteten die letzteren mit kritischen Blicken. Leise Debatten erhoben sich: »Auf uns schießen? Unsinn! Es sind doch achtbare französische Bürger!« Ein Gemälde, das die ganze Szene im hellen Morgenlicht sehr klar und deutlich darstellt, hängt in der Schlachtengalerie in den Ruinen des alten Nancy. Dort kann man die veraltete Uniform der »Soldaten« sehen – die alten Mützen und Koppeln und Stiefel, den Munitionsgürtel, die Feldflaschen, die Tornister, die die Leute damals trugen – die ganze seltsame, umständliche Ausrüstung. Die Soldaten waren einer nach dem andern erwacht. Manchmal fragte ich mich, ob vielleicht, wenn beide Armeen gleichzeitig erwacht wären, die Schlacht aus bloßer Gewohnheit und aus bloßem Beharrungsvermögen nicht doch begonnen haben würde. Aber die Menschen, die zuerst erwachten, sich zuerst aufrichteten, zuerst voll Erstaunen Umschau hielten, hatten Zeit, sich zu besinnen. ...

 

VIII.

Überall Lachen – überall Tränen. Männer und Frauen aus dem Alltagsleben, die sich plötzlich wie durchleuchtet, in erhobener, gehobener Stimmung fühlten, fähig zu allem, was ihnen bisher unmöglich gewesen, unfähig zu allem, was bisher unwiderstehlich gewesen war, die glücklich, voll Hoffnung, selbstlos und voll Tatkraft waren – alle wiesen sie den Gedanken, daß all das nur eine Veränderung im Blut, in der stofflichen Zusammensetzung des Lebens sei, einfach zurück. Sie leugneten den Körper, den ihnen Gott gegeben hatte, so wie die Wilden des oberen Nils sich die Eckzähne ausbrechen, weil sie durch sie den Tieren ähnlich sähen. Sie erklärten, es sei das Kommen eines Geistes; und keine andere Erklärung vermochte sie zufriedenzustellen. In gewissem Sinn kam auch der Geist. Die große Wiedergeburt ging unmittelbar aus der Wandlung hervor – es war die letzte, tiefste, umfassendste und dauerndste all der ungeheuren Wogen religiöser Bewegung, die diesen Namen führen.

Freilich unterschied sie sich wesentlich von allen früheren religiösen Bewegungen. Die früheren Wiedergeburten waren Fiebererscheinungen gewesen, diese dagegen war die erste Regung der Gesundheit; sie war ruhiger, geistiger, persönlicher, religiöser als alle andern. In der alten Zeit und besonders in den protestantischen Ländern, wo man offen über religiöse Dinge sprach und wo das Fehlen der Beichte und streng disziplinierter Priester religiöse Erregungszustände explosiv und ansteckend gestaltete, gehörten solche bald mehr bald minder heftigen Bewegungen zu den Normalzuständen des religiösen Lebens; fortwährend gab es derartige »Erweckungen«, bald eine kleine Gewissensstörung in einem Dorf, bald ein Bekehrungsabend in einem Missionssaal – dann wieder ein gewaltiger Sturm, der über einen ganzen Kontinent hinfegte, oder ein organisierter Vorstoß, der mit Schärpen und Bannern, mit Plakaten und Automobilen anrückte, um Seelen zu retten. ...

Ich hatte niemals an solchen Bewegungen teilgenommen oder mich von ihnen angezogen gefühlt. Mein ganzes Wesen war, wenn auch leidenschaftlich, doch zu kritisch (oder, wenn man will, zu skeptisch) und zu scheu, als daß ich mich in derartige Wirbel hätte hineinziehen lassen; aber mehrmals hatten Parload und ich, zwar spöttelnd, aber doch innerlich aufgewühlt, auf den hinteren Bänken sogenannter Erweckungs-Versammlungen gesessen.

Ich hatte ganz genug von ihnen gesehen, um ihr Wesen zu begreifen, und es wundert mich nicht, daß ich jetzt erfahre, daß gleiche oder sehr ähnliche religiöse periodische Erhebungen vor dem Erscheinen des Kometen in der ganzen Welt, ja selbst unter Wilden, unter Kannibalen vorkamen. Die Welt war am Ersticken; sie lebte in einem Fieber, und diese Erscheinungen waren weiter nichts als der instinktive Kampf des Organismus gegen das Nachlassen seiner Kräfte, das Stocken seiner Säfte, die Beschränkung seines Lebens. Unabänderlich folgten solche religiöse Bewegungen auf Perioden schmutzigen, stumpfsinnigen und gehemmten Lebens. Die Menschen gehorchten ihren niedrigen, tierischen Trieben so lang, bis das ganze Leben unerträglich bitter ward. Dann beleuchtete irgendeine Enttäuschung, ein Mißerfolg ihnen plötzlich – dunkel zwar, aber immerhin so hell, daß sie ein undeutliches Bild gewannen – den angehäuften Schmutz, die düstere Enge ihrer Welt. Ein plötzlicher Ekel vor der sinnlosen Flachheit des althergebrachten Lebens erfüllte sie, eine Erkenntnis der Sünde, der Nichtigkeit ihres Tuns und Treibens, ein Verlangen nach etwas Umfassendem, Erhebendem, nach einer tiefen, brüderlichen Gemeinschaft ergriff sie. Ihre Seelen, die für höhere Ziele geschaffen waren, schrieen plötzlich inmitten des ärmlichen Alltagskrams, der engen Grenzen ihres Daseins, laut auf: »Nur fort, fort damit!« Und ein leidenschaftlicher Drang, dem eifersüchtigen Gefängnis ihres Ich zu entfliehen, schüttelte sie, eine unklare, stammelnde, tränenvolle Leidenschaft. ...

Ich sah einst – – ich weiß noch, wie ich einmal in der Calvinistisch-Methodistischen Kapelle in Clayton den alten Eisenwarenhändler Pallet Buße tun sah – mit seinem fetten, fleckigen, unter den flackernden Gasflammen seltsam verzerrten Gesicht. Er ging vor zur Büßerbank – einer für derartige Schaustellungen vorgesehenen Einrichtung – und geiferte seine Reue über irgendein sittliches Vergehen (er war Witwer) heraus; und noch heute sehe ich, wie sein schlapper, fetter Körper vor Kummer bebte und schwankte. Vor fünfhundert Menschen, vor denen er für gewöhnlich jeden Gedanken, jede Absicht ängstlich verheimlichte, stammelte er seine reuigen Selbstanklagen hervor. Und es ist eine Tatsache und beweist, wie es damals in Wirklichkeit stand, daß wir beiden jungen Leute keineswegs über diesen komischen, plärrenden Kauz lachten, daß uns selbst der Schatten eines Lächelns fern lag. ... Ernsthaft und aufmerksam ... und vielleicht ein bißchen verwundert ... saßen wir da.

Erst später spöttelten wir – und auch das nur ziemlich gezwungen. ...

Jene früheren Zustände religiöser Erregung waren, wie gesagt, die krampfartigen Bewegungen eines Körpers, der am Ersticken ist. In ihnen äußerte sich klar und deutlich die allgemeine Empfindung, daß es nicht gut stand um die Welt. Aber nur zu oft waren es nur momentane Erleuchtungen. Ihre Kraft verbrauchte sich in unzusammenhängendem Geschrei, in äußerlichen Gebärden und Tränen. Es waren nur rasch vorüberblitzende Ausblicke. Der Ekel vor dem erbärmlichen Leben mit all seiner Niedrigkeit nahm eine niedrige und erbärmliche Form an. Die neubelebte Seele endete noch in derselben Nacht als Heuchlerin; die Propheten zankten sich um den Vortritt; Verführungen waren – wie leider nicht zu bestreiten ist – gar nicht selten unter den Büßern. Und Ananias ging bekehrt nach Hause und kehrte mit einer Lügnergabe zurück. Fast allgemein waren die Bekehrten voll Ungeduld und Maßlosigkeit, verachteten Vernunft und klug gewählte Hilfsmittel, widerstrebten dem geistigen Gleichgewicht, der Klugheit und dem Wissen. Von Gnade übervoll, dünnen, alten überlasteten Weinschläuchen gleich, fühlten sie, daß sie platzen mußten, sobald sie in Berührung mit der harten Wirklichkeit und vernünftiger Leitung kamen. ...

So erschöpften die früheren Wiedergeburten sich selbst; aber die große Wiedergeburt erschöpfte sich nicht, sondern ward, für die Mehrheit der Christen wenigstens, zum dauernden Ausdruck der Wandlung. Viele haben sogar geradezu erklärt, es sei das zweite Kommen des Herrn. – – Es ist nicht meines Amtes, die Berechtigung dieser Behauptung zu prüfen. Für fast alle ist sie zu einer dauernden Erweiterung aller Formen des Lebens geworden. ...

 

IX.

Noch eine Erinnerung wird mir wieder gegenwärtig – außer dem Zusammenhang stehend, und doch für mich durch ein geheimes Etwas die ganze Wandlung in sich fassend.

Es ist die Erinnerung an das sehr schöne Antlitz einer Frau, einer Frau mit erhitztem Gesicht und tränenklaren Augen, die, ohne zu reden, zu einem mir unbekannten Ziel entrückt, an mir vorüberging. Ich begegnete ihr, als ich am Nachmittag des ersten Tags, von plötzlichen Gewissensbissen erfaßt, nach Menton hinunterwanderte, um meiner Mutter telegraphisch mitzuteilen, daß alles in Ordnung war mit mir. Wohin die Frau ging, weiß ich nicht; auch nicht, woher sie kam. Ich habe sie nie wiedergesehen; und nur ihr Antlitz, glühend von einem neuen und leuchtenden Entschluß, steht mir noch vor Augen. ...

Aber jener Ausdruck war der der ganzen Welt. ...

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.