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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Buch. Die grünen Gase

Erstes Kapitel: Die Wandlung

 

I.

Mir war, als erwache ich aus einem erquickenden Schlaf. Mein Erwachen hatte nichts Schreckhaftes, sondern ruhig schlug ich die Augen auf, lag sehr behaglich da und blickte auf eine Reihe brennend scharlachroter Mohnblumen, die vor einem flammenden Himmel glühten. Es war der Himmel eines großartigen Sonnenaufgangs, und ein Archipel von goldstrandigen Purpurinseln schwamm in einem Meer goldenen Grüns. Auch die Mohnblumen – schwanenhalsige Knospen, glühende Korallen, durchscheinende, kraftvoll aufgerichtete Samenkapseln, hatten etwas Leuchtendes, schienen wie aus einer Art festeren Lichts gebildet.

All das starrte ich eine Zeitlang an, ohne mich darüber zu wundern; dann erst nahm ich dazwischen die borstigen, goldgrünen Ähren reifender Gerste wahr.

Eine ferne, dämmernde Frage, wo ich wohl sein mochte, tauchte in meinem Bewußtsein auf und schwand. Ringsum war Totenstille.

Ich fühlte mich sehr leicht, erfüllt von einem Gefühl physischen Wohlseins. Ich merkte, daß ich auf einem kleinen, niedergetretenen Fleckchen in einem von Unkraut durchwucherten blühenden Gerstenfeld lag, das auf ganz unbeschreibliche Art von Licht und Schönheit durchtränkt war. Ich setzte mich auf, und lange Zeit sah ich nichts als die Lieblichkeit und Anmut der zarten kleinen Winden, die sich durch die Gerstenhalme zogen und der Pimpernellen, die den Boden schmückten. ...

Dann kehrte die Frage zurück: wo war ich hier? Wie kam es, daß ich hier geschlafen hatte?

Ich konnte mich nicht besinnen.

Es verwirrte mich, daß mein Körper mir irgendwie fremd vorkam. Er war mir nicht vertraut – ich konnte nicht sagen, wieso; ebenso die Gerste, die schönen Kräuter und die langsam sich entfaltende Glorie des Sonnenaufgangs. Alles verschmolz zum gleichen Eindruck des Fremdartigen. Mir war, als sei ich eine Figur in einem lichtdurchstrahlten, bunten Fenster, als durchleuchte mich die Morgenröte. Mir war, als sei ich ein Teil eines aus Licht und Freude gemalten, wundervollen Gemäldes. ...

Eine schwache Brise beugte die raschelnden Gerstenähren und brachte meine Gedanken in Fluß.

Wer war ich? Das war der beste Anfang für meine Untersuchung. Ich hob meine linke Hand und meinen Arm hoch; eine schmutzige Hand – eine ausgefranste Manschette! Aber beides mit einem Aussehen von gemalter Unwirklichkeit, verklärt, wie etwa ein Bettler von Botticelli. Eine Weile blickte ich fest auf einen schönen Perlmutterknopf in der Manschette.

Ich dachte an Willie Leadford, dem Arm und Hand gehört hatten, als sei er jemand ganz anderer gewesen. ...

Meine Geschichte – mehr der allgemeine Umriß als die unmittelbare Vergangenheit – begann sich in meinem Gedächtnis zu gestalten: sehr klein, sehr scharf und sehr ungreifbar, wie etwas, das man durch ein Mikroskop betrachtet. Clayton und Swathinglea traten mir wieder vor Augen – die engen Gassen, die Dunkelheit, dürerisch, fein ausgeführt, und anmutend in ihren reichen, dunklen Farben; und mitten darin ging ich – meinem Schicksal zu. Ich saß, die Hände auf die Kniee gelegt, und rief mir jenes seltsame, leidenschaftliche Dasein zurück, das mit meinem nichtigen Schuß in das Dunkel des nahenden Endes abgeschlossen hatte. Der Gedanke an jenen Schuß weckte meine Empfindungen wieder.

Es lag darin etwas so Törichtes jetzt, daß es mir ein Lächeln des Mitleids entlockte.

Armes, kleines, zornmütiges, jämmerliches Geschöpf. Arme, kleine, zornmütige, jämmerliche Welt!

Ich seufzte vor Mitleid, nicht nur Mitleid mit mir selber, sondern mit all den heißen Herzen, den gefolterten Gehirnen, all den Mühseligen, die sich in Schmerz und Hoffnung gequält hatten, um endlich unter den strömenden Nebeln und den erstickenden Gasen des Kometen Frieden zu finden. Denn jene Welt war vorbei und abgetan. Das war sicher. Sie alle waren so schwach und so unglücklich gewesen, und ich war so stark und so heiter jetzt. Ich war ganz überzeugt, daß ich tot war; kein lebender Mensch konnte diese vollkommene Gewißheit des Guten, diesen starken, zuversichtlichen Frieden haben. Ich hatte das Fieber, das man Leben nennt, zu Ende gelebt. Ich war tot, und alles war gut, und dies hier ...?

Ich fühlte, da lag ein Widerspruch.

Dies also mußten die Gerstenfelder Gottes sein! Die stillen, schweigenden Gerstenfelder Gottes, voll nimmer welkenden Mohns, dessen Samen Friede bringt.

 

II .

Es war sonderbar, daß es im Himmel Gerstenfelder gab; aber zweifellos warteten meiner noch viele Überraschungen.

Wie still der Abend war! Friede! Der Friede, der höher ist als alle Vernunft! So war er doch zu mir gekommen! Aber – alles war so still. Kein Vogel sang. Ob ich allein war in der Welt? Keine Vögel sangen. Und alle fernen Laute des Lebens waren verstummt – das Brüllen der Rinder, das Bellen der Hunde ....

Ein Gefühl wie seliges Bangen kam über mein Herz. Es war alles gut, das wußte ich; aber allein sein! Ich erhob mich und empfand das heiße Locken der ausgehenden Sonne, die gleichsam über die Ähren der Gerste weg mit froher Botschaft mir entgegenflog ....

Geblendet tat ich einen Schritt. Mein Fuß stieß an etwas Hartes und als ich zu Boden sah, erblickte ich meinen Revolver, der, ein blauschwarzes Etwas, gleich einer toten Schlange, zu meinen Füßen lag.

Einen Moment lang verwirrte mich das.

Dann vergaß ich ihn. Das Wunder der Stille ergriff von meiner Seele Besitz. Sonnenaufgang – und kein Vogelfang!

Wie schön die Welt war! Wie schön, aber wie still! Langsam ging ich durch das Gerstenfeld auf eine Reihe von Erlenbüschen, Weiden und Brombeersträuchern zu, die das Feld abgrenzten. Im Vorübergehen sah ich eine Spitzmaus zwischen den Halmen liegen – tot, wie es schien. Dann eine reglose Kröte. Es wunderte mich, daß sie vor meinen Schritten nicht davonhüpfte; ich blieb stehen und hob sie auf. Ihr Körper war weich, wie im Leben, aber sie wehrte sich nicht; der Glanz ihrer Augen war verschleiert; sie regte sich nicht in meiner Hand.

Erinnere ich mich recht, so hielt ich das leblose Geschöpf eine ganze Weile in der Hand. Dann bückte ich mich und legte es sehr behutsam wieder auf die Erde. Ich zitterte – zitterte vor namenloser Erregung. Mit geschärftem Blick schaute ich genauer zwischen die Gerstenhalme, und siehe da! Jetzt sah ich überall Käfer, Mücken und kleine Geschöpfe, die regungslos dalagen, wie sie gefallen waren, als die grünen Nebel sie überrascht hatten; sie erschienen nicht anders als gemalte Dinge. Manche von ihnen waren mir neu. Meine naturgeschichtlichen Kenntnisse waren sehr gering. »Mein Gott!« rief ich, »bin denn nur ich – –?«

Und dann, bei meiner nächsten Bewegung, hörte ich einen scharfen, quiekenden Ton. Ich wandte mich um, konnte aber nichts sehen, als eine leichte, schwirrende Bewegung in einer Furche, und hörte nur noch das schwächer werdende Rascheln eines unsichtbaren, fliehenden Geschöpfes. Jetzt schaute ich wieder nach meiner Kröte; ihr Auge bewegte sich, sie regte sich. Und jetzt streckte sie, unsicher, zögernd ihre Glieder und begann von mir wegzukriechen.

Staunen, die sanfte Schwester der Furcht, kam über mich. Wenige Schritte vor mir sah ich einen braun und rot gefleckten Schmetterling auf einer Kornblume sitzen. Erst dachte ich, der Wind bewege ihn nur; dann sah ich seine Flügel zittern. Und während ich ihn beobachtete, erwachte er zum Leben, breitete die Schwingen aus und flatterte in die Lüfte.

Mein Auge folgte ihm, während er bald dahin, bald dorthin schwebte, bis er plötzlich verschwand. Und jetzt schien ringsum das Leben wiederzuerwachen; langsam reckte und streckte sich alles, zwitscherte, hüpfte, tummelte sich. ....

Langsam und vorsichtig, um ja keines dieser betäubten, leise erwachenden Geschöpfe zu verletzen, ging ich durch die Gerste nach der Hecke hin. Sie war so wundervoll, daß meine Augen sich nicht loszureißen vermochten. Gleich herrlicher Musik floß sie dahin, wogte sie durcheinander. Lupinen, Geißblatt, Himmelsröschen und Kuckucksblumen wucherten darin; Labkraut, Hopfen und Klematis kletterten und hingen zwischen den Zweigen, und am Grabenrand entlang hoben die Sternblumen ihre Kindergesichter und stimmten in dichten Reihen ihren Chor an. Nie hatte ich eine solche Sinfonie, einen solchen Zusammenhang von Blumen, Ranken und Blättern gesehen! Und plötzlich, mitten drin, ein Zirpen, und das Flügelschwirren aufgescheuchter Vögel. ....

Nichts war tot, aber alles war zu Schönheit verklärt! Und eine Zeitlang stand ich und schaute mit reinen und glücklichen Augen auf die verschlungene Zartheit vor mir und staunte, wie reich Gott seine Welten geschaffen hat. ....

»Tirili!« Eine Lerche spann den leuchtenden Faden ihres Lieds durch die Stille; eine Lerche, und gleich darauf eine zweite – unsichtbar, hoch in der Luft, woben sie aus der blauen Stille ein Gespinst von Gold. ....

Die neugeschaffene Erde – nur durch die Wiederholung solcher Phrasen kann ich die intensive Frische jenes Sonnenaufgangs wiederzugeben versuchen. Eine Zeitlang war ich so ganz hingenommen von den schönen Einzelheiten des Seins, so gleichgültig, so ohne jede Erinnerung an mein altes Leben voll eifersüchtiger Leidenschaft und ungeduldigen Kummers, als sei ich der neuerschaffene Adam. Noch jetzt könnte ich in Einzelheiten ohne Ende von all den geschlossenen Blumen erzählen, die sich öffneten unter meinem Blick, von Ranken und Grashalmen, von einer Blaumeise, die ich behutsam aufhob – noch nie hatte ich die wunderbare Feinheit der Federn bemerkt – und die alsbald ihr glänzendes schwarzes Auge aufschlug, mich prüfend ansah, sich dann, furchtlos wippend, auf meinen Finger setzte, langsam die Flügel ausbreitete und davonflog, und von einem großen Kaulquappentanz im Graben; wie alles, was im Wasser lebte, hatten sie die Wandlung unverändert überstanden. Unter solchen Erscheinungen verlebte ich die ersten großen Momente, und eine Zeitlang verlor ich über den vielen kleinen Wundern das gewaltige Wunder des Ganzen aus dem Auge.

Zwischen Hecke und Gerstenfeld lief ein kleiner Pfad; den betrat ich, lässig, zufrieden und froh, bald dies, bald jenes Schöne betrachtend. Dann blieb ich stehen; und ging doch wieder weiter. Schließlich kam ich an einen Zaun; in der Tiefe lief, üppig überwachsen, ein Feldweg hin.

Auf den verwitterten Eichenplanken des Zauns aber klebte ein rundes Plakat, und auf dem Plakat standen die Worte: »G. Swindells 99-Pillen.«

Ich setzte mich rittlings auf den Zaun. Es war mir nicht so ganz klar, was diese Worte bedeuteten. Jedenfalls machten sie mir mehr zu schaffen als der Revolver und meine schmutzige Manschette.

Und jetzt erhoben ringsum die Vögel ihre kleinen Herzen und sangen – – mehr und mehr Vögel ... immer mehr. ....

Ich las das Plakat öfters und hielt es zusammen mit der Tatsache, daß ich noch meine alten Kleider trug und daß ich meinen Revolver vor mir auf der Erde gefunden hatte. Eine natürliche Folgerung drängte sich mir auf. Dies war kein neuer Planet, kein glorreiches Jenseits, wie ich erst vermutet hatte .... Dies schöne Wunderland war die Welt, die alte Welt meiner Raserei, in der mich der Tod ereilt hatte! Aber jedenfalls war es, als erblicke man ein Aschenbrödel, das plötzlich, gewaschen, voll Würde, in den Gewändern einer Königin, liebenswert und schön vor allen erstrahlt. ...

Wohl mochte es die alte Welt sein, aber ein Neues lag über allem, eine leuchtende Gewißheit der Gesundheit und des Glücks. Wohl mochte es die alte Welt sein – aber Staub und Hitze des alten Lebens waren abgetan. Wenigstens zweifelte ich nicht daran.

Ich besann mich auf die letzten Phasen meines früheren Lebens, auf jenen dunklen Höhepunkt der Verfolgung, der Wut, der allgemeinen Finsternis, der wirbelnden, grünen Nebel des Erlöschens.

Der Komet war auf die Erde gestoßen und hatte allem ein Ende gemacht; ja, dessen war ich sicher. ...

Aber dann ...?

Und jetzt?

Was ich in meiner Kindheit geträumt, schien Wirklichkeit geworden zu sein. Ich hatte einst fest daran geglaubt, daß einmal ein letzter Tag anbrechen, daß der Himmel sich auftun und Gewaltiges daraus hervorgehen werde – Trompetenstöße und Schrecken, die Auferstehung und das Gericht. ... Und meine schweifende Phantasie flüsterte mir ein, daß dies Gericht gekommen und vorübergegangen sein müsse. ... Vorüber – indem es mich irgendwie verschont hatte. Ich war allein übrig in einer gereinigten und geschmückten Welt (abgesehen natürlich von Swindells Plakat) um – vielleicht – von neuem zu beginnen. ...

Ihm ... Swindells – war ohne Zweifel widerfahren, was er verdiente. ...

Meine Gedanken hafteten eine Weile an Swindells, an der bornierten Aufdringlichkeit dieses vernichteten Geschöpfs, das mit Schund Handel trieb, das das Land mit Lügen überschwemmte. ... Was eigentlich hatte er gewollt? Ein häßliches, albernes, großes Haus – ein den Charakter verderbendes Automobil, eine Anzahl respektloser, heuchlerischer Dienstboten sein eigen nennen zu können; vielleicht, als Krone seines Lebens, die vereitelten Intriguen um einen Adelstitel. Es ist unmöglich, sich die Kleinlichkeit jener damaligen Zeit – ihre naiven, seltsamen Verdrehtheiten, auszumalen. Zum erstenmal in meinem Leben dachte ich an all diese Dinge ohne Bitterkeit. Früher hatte ich Bosheit und Tragödie darin gesehen, jetzt sah ich nur noch die außerordentliche Torheit des alten Lebens. Die lächerliche Seite menschlichen Reichtums und Wichtigtuns zeigte sich mir unter einem hellen, neuen Licht, das wie Sonnenaufgang auf mich niederströmte und mir ein Lachen entlockte. Swindells! Swindells! Ach Gott! Meine Vorstellung vom jüngsten Gericht ward zur köstlichen Burleske. Ich sah den Engel, den Rufer, kichern, mit verhülltem Antlitz, sah Swindells leibliche Gestalt ... preisgegeben dem Lachen der Welten. ... »Hier ist etwas – etwas sehr Hübsches – – – Was soll damit geschehen?« Und ich sah, wie aus einem rundlichen, sehr substantiell aussehenden Körper eine Seele gezogen wurde, wie eine Schnecke aus ihrem Haus. ...

Ich lachte laut und lange. ... Und siehe! Während ich lachte, erstarb meine Lustigkeit unter der Wucht des ungeheuren, plötzlich vollzogenen Wechsels aller Dinge, und ich weinte, weinte so laut und so krampfhaft, daß die Tränen mir übers Gesicht liefen.

 

III.

Mit Sonnenaufgang kam überall das Erwachen. Wir erwachten zur Freudigkeit des Morgens. Wir wanderten geblendet in einem Licht, das Freude war. Überall war es so. Immer war es Morgen. Es war Morgen, weil der sich wandelnde Stickstoff unserer Atmosphäre nicht in seine dauernde Form überging, eh die Sonnenstrahlen ihn unmittelbar berührten. Die Schläfer blieben liegen, wie sie hingefallen waren. Die Luft war in diesem Zwischenstadium ohne Einwirkung – außerstande zu erwecken oder zu betäuben – nicht mehr grün, aber auch noch nicht in das Gas verwandelt, das jetzt in uns lebt. ...

Ich glaube, jedermann war in einem Geisteszustand, ähnlich wie der, den ich zu schildern versucht habe ... einem Zustand des Erstaunens, des Gefühls freudiger Erneuerung. Meist zeigte sich auch eine gewisse Verwirrung der Intelligenz, so daß es schwierig war, sich selbst wiederzuerkennen. Ich weiß noch gut, wie ich, auf meinem Zaun sitzend, bald die aufrichtigsten Zweifel an meiner Identität empfand, und wie ich auf die seltsamsten metaphysischen Vermutungen verfiel. »Wenn dies wirklich ich bin,« fragte ich mich, »wie kommt es, daß ich nicht mehr gleich einem Verrückten nach Nettie suche? Nettie – – alle meine Leiden – – stehen mir so fern! Weshalb liegt plötzlich jene ganze Leidenschaft so völlig hinter mir? Weshalb schlägt beim Gedanken an Verrall mein Puls nicht schneller ...?«

Ich war nur einer unter vielen Millionen, die an jenem Morgen sich mit denselben Zweifeln quälten. Ich meine, wenn man aus Schlaf oder Bewußtlosigkeit erwacht, erkennt man sein Ich als Ich an der Vertrautheit mit den rein körperlichen Empfindungen.

An jenem Morgen aber waren alle unsere gewöhnlichen körperlichen Empfindungen verwandelt. Die intimen chemischen Lebensprozesse, der Stoffwechsel der Nerven .... alles war verwandelt. An Stelle der schwankenden, ungewissen, von Leidenschaft verdunkelten Gedanken und Empfindungen der alten Zeit traten stetige, kräftige, gesunde Prozesse. Der Tastsinn war anders, das Gesicht war anders, das Gehör und alle Sinne waren anders, feiner. Ohne die gesteigerte Stetigkeit und Kraft des Denkens wären, glaube ich, viele Menschen verrückt geworden. Aber so verstanden wir alles. Der vorherrschende Eindruck bei der Wandlung war, wie ich hier dartun möchte, der einer ungeheuren Befreiung, einer gewaltigen, körperlichen Erhebung. Es wirkte fast wie Leichtsinn; und doch war dabei der Kopf völlig klar. Und statt geistige Umnachtung, einen Verlust des Ichgefühls zur Folge zu haben, wie er unter den früheren Verhältnissen als Geisteskrankheit ziemlich häufig gewesen war, verlieh diese Umwandlung der Sinnesempfindungen nur eine neue Befreitheit von den stürmenden Leidenschaften und Verwicklungen des persönlichen Lebens.

Ich habe in der Geschichte meiner bitteren, eingedämmten Jugend, die ich hier erzählt habe, beständig versucht, die Enge und Gespanntheit, die Verwirrung und das Durcheinander, den Staub und die heiße Stickluft des alten Lebens darzutun. Eine Stunde nach meinem Erwachen wußte ich, daß all dies auf irgendeine geheimnisvolle Art vorüber und überwunden war. Auch das war ein Erlebnis aller. Die Menschen erhoben sich; sie sogen die neue Luft in ihre Lungen ein – – ein tiefer, langer Atemzug, und die Vergangenheit fiel ab von ihnen. Sie konnten verzeihen, sie konnten übersehen, sie konnten sich emporraffen. ... Und dabei war es nichts Neues, kein Wunder, das die alte Weltordnung verdrängte. ... Ein Wechsel in der Zusammensetzung des Stoffs, ein Wandel in der Atmosphäre hatte sie auf einen Schlag befreit. Manche hatte er in den Tod geschickt. ...

Ja, der Mensch an sich war nicht verändert. ... Schon vor der Wandlung wußten wir's, die Niedrigsten unter uns wußten's, wußten's durch leuchtende Momente in uns selbst und in andern, durch Geschichte, Musik und allerhand schöne Dinge, durch erhebende Beispiele und großartige Erzählungen, wie schön die Menschheit sein kann, wie schön fast jedes menschliche Wesen gelegentlich sein konnte; aber das Gift, das in der Luft lag, die Armut an all den edleren Elementen, die solche Momente zu seltenen und denkwürdigen machen ... alles das war anders geworden. Die Luft war umgewandelt, der Geist der Menschheit, der geschlummert und törichte, arge Träume gehabt hatte, war erwacht und schaute mit wunderklaren Augen erneut und erfrischt ins Leben.

 

IV.

In der Einsamkeit kam zu mir das Wunder des Erwachens, und das Lachen und dann die Tränen. Erst nach einer Weile stieß ich auf einen zweiten Menschen. Bis ich seine Stimme rufen hörte, hatte ich überhaupt nicht die Empfindung, als ob noch andere Menschen auf der Welt seien. All das schien dahin ... mit samt allen Nöten, die vergangen waren. ... Aus der individuellen Höhle, in der mein scheuer Egoismus lauernd hauste, trat ich ans Licht ... mein Ich war über seine Ufer getreten und hatte sich verbreitert ... ich war die ganze Menschheit. Ich hatte über Swindells gelacht, so wie ich über mich selbst hätte lachen können; und der Ruf, den ich hörte, erschien mir wie das Auftauchen eines unerwarteten Gedankens in meinem eigenen Geist. ... Aber als er zum zweitenmal ertönte, antwortete ich.

»Ich bin verletzt,« sagte die Stimme.

Ich stieg alsbald hinunter auf den Feldweg und fand dort Melmount, der, mir den Rücken zuwendend, in der Nähe des Grabens saß.

Ein paar der zufälligen Sinneseindrücke jenes Morgens haben sich mir so tief in die Seele geprägt, daß ich wahrhaftig glaube, wenn ich dereinst vor die größeren Geheimnisse trete, die jenseits dieses Lebens liegen, wenn die Dinge dieser Welt vor mir verblassen, wie Morgennebel vor der Sonne, dann werden diese unbedeutenden kleinen Einzelheiten das letzte sein, was verblaßt, sie werden die letzten Strahlen sein, die von dem immer dünner werdenden Schleier noch bleiben. ... So glaube ich, ich könnte noch heute den Pelz am Kragen seines großen Automobilmantels malen, könnte die stumpfrote Farbe seiner vollen Wange, die blonden Wimpern, die eben das Licht auffingen, heute noch festhalten. ... Den Hut hatte er verloren. Sein runder Kopf mit dem schlichten, zwischen Rot und hellstem Blond schwankenden Haar beugte sich nach vorn, um den verletzten Fuß zu untersuchen. Der Rücken erschien geradezu enorm. Und in der ganzen bloßen massiven Erscheinung lag etwas, was mich mit Wohlgefallen erfüllte.

»Was ist Ihnen?« fragte ich.

»Ach!« sagte er, mit seiner vollen, überlegsamen Stimme, indem er sich nach mir umwandte und dabei sein Profil zeigte ... eine gut geformte Nase und eine sinnliche, volle, dicke Lippe, wie sie damals jedem Karikaturenzeichner geläufig waren – – »ich sitze fest. Ich bin gestürzt und habe meinen Knöchel verrenkt. Wo sind Sie?«

Ich trat vor ihn hin und sah ihm ins Gesicht. Ich bemerkte, daß er Gamaschen, Stiefel und Socken ausgezogen und die Automobilhandschuhe beiseite geworfen hatte; er knetete das verletzte Glied untersuchend mit seinen dicken Daumen. ...

»Ist's möglich!« sagte ich. »Sie sind Melmount!«

»Melmount!« Er dachte nach. »So heiß' ich,« sagte er, ohne aufzublicken. »Aber mit meinem Knöchel hat das nichts zu schaffen.«

Ein paar Sekunden lang blieben wir stumm, nur daß er vor Schmerzen stöhnte.

»Wissen Sie denn,« fragte ich, »was eigentlich geschehen ist?«

Er schien mit seiner Diagnose fertig zu sein. »Gebrochen ist er nicht,« meinte er.

»Wissen Sie,« wiederholte ich, »was eigentlich geschehen ist?«

»Nein,« sagte er und blickte zum erstenmal und ganz ohne Neugier zu mir auf.

»Es ist anders. ...«

»Es ist anders ...« er lächelte – ein unvermutet liebenswürdiges Lächeln; seine Augen zeigten deutliches Interesse. »Ich war ein bißchen mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Ich sehe eine ganz besondere Helle an allem. Ist es das?«

»Zum Teil. Und ein ganz eigenes Empfinden – eine Schärfe der Sinne. ...«

Er ließ seinen Blick über mich gleiten und dachte ernsthaft nach. »Ich bin aufgewacht« ... fuhr er, durch seine Erinnerung tastend, fort.

»Ich auch.«

»Ich hatte mich verirrt ... wie, das weiß ich nicht mehr. Ein sonderbarer grüner Nebel war überall.«

Er starrte auf seinen Fuß und dachte nach. »Irgend etwas mit einem Kometen. Ich war ganz im Dunkeln, bei einer Hecke. Versuchte zu laufen. Dann muß ich da über den Zaun gefallen sein. Sehen Sie!« Er deutete mit dem Kopf hin. »Da ist eine frischgeknickte Latte. Da muß ich vom Feld droben heruntergestolpert sein.« Er blickte prüfend hinauf und schloß mit einem: »Na ja!«

»Es war dunkel,« sagte ich, »und dabei eine Art grünen Nebels, der überall herausdrängte. ... Das ist das letzte, was ich noch weiß. ...«

»Und dann sind Sie aufgewacht? Ich auch. ... In einem Zustand höchster Verwirrung. ... Sicher ... es liegt etwas Seltsames in der Luft. Ich ... ich sauste in einem Auto eine Straße entlang ... sehr aufgeregt ... und ganz in Gedanken verloren. ... Schließlich stieg ich aus ...« er hob triumphierend einen Finger empor ... »Kriegsschiffe. Jetzt hab' ich's! Wir hatten mit unserer Flotte eine Stellung von hier bis Texel erobert. ... Quer vor der Elbmündung standen wir ... wir hatten sie unterminiert. Den ›Lord Warden‹ hatten wir verloren. Herrgott, ja! Den ›Lord Warden‹! Ein Kriegsschiff, das zwei Millionen Pfund gekostet hat ... und dabei sagte Rigby, der Narr, es schadete nichts! Elfhundert Mann gingen unter. Wie mit einem Netz suchten wir die Nordsee ab, bei den Faröern wartete die nordatlantische Flotte ... keiner hatte nur auch auf drei Tage Kohlen! War das ein Traum? Nein! Ich hab's einem ganzen Haufen von Leuten gesagt ... es wird wohl eine Versammlung gewesen sein ... nur um sie zu beruhigen. Sie waren ja streitbar gestimmt, aber in fürchterlicher Angst. Komische Leute ... dickwanstig, und kahlköpfig die meisten. Wo? Na, ja! Überall! Großes Austerndiner in Colchester. ... Ich war mit, um zu zeigen, daß die ganze Angst vor einem feindlichen Einfall einfach Blödsinn sei. Dann fuhr ich zurück ... hierher. ... Aber mir ist gar nicht, als sei das alles erst vor kurzem gewesen. Muß doch wohl sein. Natürlich! Ich stieg unten, bei der Steigung, aus, und wollte über die Klippen zu Fuß gehen, weil man mir gesagt hatte, eins der verfolgten Kriegsschiffe werde die Küste entlang getrieben. ... Das weiß ich noch. Ihre Kanonen hatte ich ja auch gehört. ...« Er sann nach. »Komisch, daß ich das ganz vergessen hatte! Haben Sie die Kanonen gehört?«

Ich bejahte.

»Gestern abend?«

»Gestern nacht spät. Um ein oder zwei Uhr morgens.«

Er lehnte sich zurück, stützte das Kinn auf die Hand und sah mich mit einem offenherzigen Lächeln an. »Auch jetzt noch,« sagte er, »ist das Ganze sehr merkwürdig; es kommt mir vor wie ein Traum. Glauben Sie, daß es je einen ›Lord Warden‹ gegeben hat? Glauben Sie wirklich, daß wir diese ganze Maschinerie für nichts und wieder nichts in den Grund gebohrt haben? Es war ein Traum. ... Und dennoch ... es ist geschehen. ...«

Nach allen Anschauungen der früheren Zeit wäre es höchst auffällig gewesen, daß ich so ungeniert und frei mit einem so hochstehenden Mann redete. »Ja,« sagte ich, »es ist so. Man fühlt, man ist erwacht. ... Und nicht nur aus diesem grünen Nebel. ... Als ob alles andere überhaupt gar nicht so recht wirklich gewesen wäre!«

Er runzelte die Stirn und betastete nachdenklich seine Wade.

»Ich habe in Colchester eine Rede gehalten,« sagte er.

Ich dachte, er würde noch mehr darüber sagen, aber ein Rest von gewohnheitsmäßiger Zurückhaltung hielt ihn davon ab. »Sonderbar!« lenkte er ab, »der Schmerz ist im ganzen mehr interessant als unangenehm.«

»Sie haben Schmerzen?«

»Mein Knöchel! Er ist entweder gebrochen oder bös verstaucht. Ich glaube, verstaucht. Es tut sehr weh, wenn ich ihn bewege; aber sonst hab' ich keine Schmerzen. Das Gefühl allgemeinen Krankseins, das sonst mit einer lokalen Verletzung verbunden ist ... na ... keine Spur ...!« Er dachte wieder einen Augenblick nach und bemerkte dann: »Ich sprach gerade in Colchester ... über den Krieg. Allmählich entsinne ich mich genauer. Die Reporter ... sie kritzeln ... kritzeln. ... Durcheinander. Komplimente wegen der Austern. Mm ... mm. ... Was war's doch? ... Wegen des Krieges? Ein Krieg, der unter allen Umständen lang sein wird und blutig ... und der von Schloß und Hütte seinen Zoll fordert ... seinen Zoll fordert. ... Ah! Phrase! War ich denn betrunken gestern nacht?«

Seine Brauen zogen sich zusammen. Er hatte sein rechtes Knie hochgezogen, der Ellbogen ruhte darauf, und das Kinn stützte sich auf die Faust. Die tiefliegenden grauen Augen starrten unter dem Schatten der Brauen hervor ins Leere. »Mein Gott!« murmelte er. Und wieder, mit dem Ton des Abscheus: »Mein Gott!«

Da saß er, eine machtvolle, brütende Gestalt, im Sonnenschein; er machte einen gewaltigen Eindruck. Ich fühlte, daß es mir ziemte, seiner Gedanken zu harren. ... Noch nie in meinem Leben war ich seinesgleichen begegnet; ich wußte gar nicht, daß es solche Männer gab. ...

Es ist merkwürdig ... aber ich kann mich nicht entsinnen, wie ich vor der Wandlung über die Persönlichkeiten von Staatsmännern dachte; jedenfalls erscheint es mir zweifelhaft, daß ich sie mir damals als greifbare, individuelle Menschenwesen von einigermaßen umfassender geistiger Fähigkeit vorstellte. Ich glaube, meine einstige Auffassung war einfach eine Mischung von Karikatur und Leitartikel. Jedenfalls hatte ich keine Achtung vor ihnen. Und nun fand ich mich – – ganz ohne jeden Knechtssinn und ohne jede Unaufrichtigkeit – als sei das eine Erstlingsfrucht der Wandlung – vor einem menschlichen Wesen, dem gegenüber ich mich minderwertig und untergeordnet fühlte, dem ich ohne Unterwürfigkeit und Unaufrichtigkeit in achtungsvoller, aufmerksamer Haltung gegenüberstand. Das hatte mein gereizter, krankhafter Egoismus – oder waren es am Ende nur die Verhältnisse –? – vor der Wandlung nie zugelassen.

Er riß sich, noch immer mit einer leisen Befangenheit, von seinen Gedanken los. »Die Rede, die ich gestern abend gehalten habe, war einfach Unsinn,« sagte er. »Daran ist nichts mehr zu ändern. Nichts. ... Ah! ... Kleine fette Kobolde ... im Frack ... Austern schlürfend. ... Bah!«

Es war – bei den Wundern jenes Morgens – nur ganz natürlich, daß er in einem solchen unglaublich offenherzigen Ton sprach und daß das meine Achtung vor ihm nicht im geringsten verminderte.

»Ja,« sagte er, »Sie haben recht. Es ist alles unbestreitbar wahr, und doch kann ich nicht glauben, daß es mehr gewesen sein soll, als ein Traum.«

 

V.

Diese Erinnerung hebt sich von der dunklen Vergangenheit der Welt mit außerordentlicher Klarheit und Schärfe ab. Die Luft war voll vom Locken, Pfeifen und Singen der Vögel. Auch habe ich den seltsamen Eindruck, als sei dabei ein fernes, seliges Glockenklingen gewesen; aber das wird wohl ein Irrtum sein. Jedenfalls lag in der scharfen Lebendigkeit aller Dinge, in der taufrischen Neuheit der Empfindung etwas, das gleich frohem Glockenton durchs Gehirn klang. ... Und der große, blonde, nachdenkliche Mann, der da auf der Erde saß, hatte selbst in seiner unbeholfenen Haltung eine Schönheit, als ob irgendein großer Meister des Humors und der Kraft ihn geschaffen hätte. ...

Und – es ist heute so schwer, dies verständlich zu machen – er redete zu mir, einem Fremden, ohne Rückhalt, ohne Arg, wie Menschen heut zu Menschen sprechen. Vor jenen Tagen dachten wir nicht nur Schlechtes, sondern wir verhüllten, was wir dachten, aus tausenderlei kurzsichtigen Rücksichten, aus Selbstgefühl, aus Gründen der Disziplin, der Diskretion, aus hundert ähnlichen Gesichtspunkten seelischer Armseligkeit, Jämmerlichkeit, eh wir es unsern Mitmenschen mitteilten.

»Jetzt fällt mir alles wieder ein,« sagte er, und er berichtete mir, halb im Selbstgespräch, was ihm vorschwebte.

Ich wünschte, ich könnte jedes der Worte wiedergeben, die er zu mir sprach. In raschen, abgerissenen Fragmenten prägte er meinem wachsenden Verständnis Bild um Bild auf. Wenn ich eine genaue und vollständige Erinnerung an jenen Morgen hätte, würde ich sie wörtlich, bis ins kleinste wiedergeben. Aber hier sind mir, abgesehen von wenigen scharfen Einzelheiten, die sich abheben, nur verwischte und allgemeine Eindrücke geblieben. Durchweg muß ich mir seine halbvergessenen Sätze und Wendungen neu konstruieren und mich damit begnügen, den Gesamteindruck wiederzugeben. Aber noch sehe und höre ich ihn, wie er sagte: »Am ärgsten war der Traum zuletzt. Dieser Krieg – einfach eine scheußliche Geschichte! Scheußlich! Und es war genau wie ein Alp – nichts ließ sich tun, um ihm zu entrinnen! Jedermann ward mitgerissen!«

Ein Gefühl der Indiskretion existierte nicht mehr für ihn.

Er entrollte vor meinen Augen den Krieg, wie ihn heutzutage jeder sieht. Nur daß es an jenem Morgen verwunderlich war. Da saß er, auf der Erde; seinen nackten, geschwollenen Fuß hatte er völlig vergessen, behandelte mich als etwas durchaus Nebensächliches und doch völlig als seinesgleichen und machte seiner großen inneren Bewegung Luft. »Wir hätten es verhindern können! Jeder von uns, der den Mund aufgetan hätte, hätte es verhindern können! Ein bißchen Anständigkeit und Ehrlichkeit! Weiter nichts. Was hinderte uns, ehrlich zu sein gegeneinander? Ihr Kaiser – nun ja, seine Stellung war eine Anhäufung lächerlicher Arroganz, aber im Grunde – war er ein vernünftiger Mann! Mit ein paar treffenden Worten skizzierte er den Kaiser, die deutsche Presse, das deutsche Volk und unser Volk. Er faßte das alles auf, wie wir es heute auffassen würden, aber mit einer gewissen Leidenschaft, wie ein Mann, der halb voll Schuldbewußtsein und ganz voll Grimm ist. »Diese verdammten kleinen zugeknöpften Professoren!« rief er unter anderem. »Hat es je solche Menschen gegeben! Und auch unsere Landsleute! Wenn nur ein paar von uns fest aufgetreten wären. ... Wenn eine ordentliche Anzahl von uns fest aufgetreten wäre und dem Unfug beizeiten gesteuert hätte. ...«

Seine Stimme sank zu einem kaum vernehmbaren Flüstern, dann verstummte er ganz. ...

Ich stand ihm gegenüber und blickte ihn an, verstand ihn und lernte ganz wunderbar rasch von ihm. Während des größten Teils jenes Morgens vergaß ich Nettie und Verrall tatsächlich so vollständig, als wären sie nur Gestalten in einem Roman, den ich beiseite gelegt hatte, um ihn später in Muße zu beenden – weil ich mit diesem Mann reden wollte. ...

»Na also!« sagte er, aus seinen Gedanken auffahrend. »Da sind wir also – erwacht! Die Geschichte geht nicht weiter; all das hat ein Ende! Wie es hat so kommen können ...! Mein lieber Junge! Wie hat nur alles so kommen können? Mir ist zumut wie einem neuen Adam. ... Glauben Sie, das hat sich – überall so ereignet? Oder werden wir alle alten Kobolde und Geschichten wiederfinden? ... Aber was tut's!« Er wollte aufstehen, aber sein Knöchel fiel ihm ein. Er bat, ich möchte ihm bis zu seiner Sommervilla helfen. Uns beiden schien es ganz selbstverständlich, daß er meine Dienste in Anspruch nahm, und daß ich mit Vergnügen gehorchte. Ich half ihm, seinen Knöchel verbinden und so brachen wir auf – ich als seine Krücke, – und wanderten wie eine Art hinkenden Vierfüßlers den gewundenen Feldweg auf Klippen und See zu.

 

VI.

Seine Villa lag ungefähr zwanzig Minuten vom Weg entfernt, hinter den Golfplätzen. Wir gingen hinunter zum Strand und dort weiter auf dem blassen, wellengeglätteten Sand; dabei bewegten wir uns in einem schwankenden, hüpfenden Dreifußtanz, bis ich fast unter ihm zusammenbrach und wir uns setzten. Sein Knöchel war tatsächlich gebrochen, und er vermochte den Fuß nicht ohne die heftigsten Schmerzen auf den Boden zu setzen. Wir brauchten daher beinah zwei Stunden zum Heimweg, und es hätte noch länger gedauert, wenn uns sein Diener nicht zu Hilfe gekommen wäre.

Man hatte Automobil und Chauffeur an der Wegbiegung in der Nähe des Hauses zerschmettert aufgefunden und hatte eben in dieser Richtung auch nach Melmount gesucht, sonst hätte man uns schon eher entdeckt.

Meist saßen wir auf dem Rasen, oder auf irgendeinem Kalkfelsen, oder auch auf einer Schiffsplanke und unterhielten uns mit dem Freimut, wie er dem Verkehr wohlmeinender Menschen eigen ist – ohne Rückhalt, ohne Anzüglichkeiten, in der gewöhnlichen offenen Art des heutigen Verkehrs, die damals freilich noch zu den seltensten und seltsamsten Erscheinungen gehörte. Meist redete nur er; aber auf irgendeine Frage hin erzählte ich ihm, so klar, als ich eben von Leidenschaften, die mir längst unverständlich geworden waren, zu erzählen vermochte, von meiner mörderischen Verfolgung Netties und ihres Liebhabers, und wie die grünen Gase mich überfallen hatten. Er sah mich mit ernsthaften Augen an und nickte verständnisvoll, und gleich darauf richtete er kurze, sachgemäße Fragen über meine Erziehung, meine Ausbildung, meine Arbeit an mich. In seiner ganzen Art lag eine gewisse Überlegenheit – er sprach mit plötzlichen, langen Pausen, die trotzdem kein Zögern zu bedeuten schienen. ...

»Ja!« sagte er. »Ja ... natürlich! Was für ein Narr bin ich gewesen!« Weiter sagte er nichts, bis wir wieder eine unserer Dreifußetappen am Strand entlang hinter uns hatten. Ich sah anfänglich keinen rechten Zusammenhang zwischen meiner Erzählung und seiner Selbstanklage.

»Wenn es ...« sagte er keuchend, auf einer Planke sitzend, »wenn es nun zum Beispiel einmal so etwas wie einen wirklichen Staatsmann gegeben hätte! ...«

Er wandte sich zu mir um. »Wenn nun einer bestimmt hätte, all dieser Wirrwarr müßte aufhören! Wenn man die ganze Geschichte genommen hätte, so wie ein Künstler seinen Ton nimmt, wie ein Baumeister, der sich seinen Platz und seine Steine auswählt und ...« Er reckte seine große, breite Hand zur Pracht des Himmels und des Meers aus und holte tief Atem ... »und etwas schafft, das in diesen Rahmen paßt!« Und erklärend fügte er hinzu: »Dann, wissen Sie, wären Geschichten, wie die Ihre überhaupt nie möglich gewesen.«

»Erzählen Sie weiter,« sagte er, »erzählen Sie mir alles. Ich fühle ja, all dies ist vorüber, alles ist anders – für immer! ... Sie werden nie mehr sein, was Sie gewesen sind. Was Sie getan haben, ... darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Jedenfalls für uns nicht mehr. Wir waren in dem Dunkel hinter uns getrennt ... und haben uns jetzt gefunden .... Erzählen Sie!«

»Nun?« fügte er hinzu. Und ich erzählte meine Geschichte, schlicht und offen, wie ich sie hier erzählt habe. »Und dort, hinter der Landzunge, wo die kleinen Klippen ins Meer auslaufen, liegt das Sommerdorf. Was haben Sie mit Ihrem Revolver gemacht?«

»Ich hab' ihn liegen lassen ... im Gerstenfeld.«

Er blickte mich unter seinen hellen Wimpern hervor an.

»Wenn's andern so zumut ist, wie mir und Ihnen,« sagte er, »werden heut eine Menge Revolver in den Gerstenfeldern liegen ....«

So redeten wir, ich und der große, starke Mann, und so offen verband uns die Bruderliebe, daß es keines Wortes bedurfte. Unsere Seelen begegneten einander im reinsten Vertrauen. Noch nie hatte ich einem Mitmenschen gegenüber anderes gezeigt als vorsichtigstes Auf-der-Hut-sein. Immer seh' ich ihn noch vor mir, auf jenem wilden, verödeten Strand, zur Zeit der Ebbe, wie er sich gegen die mit Muscheln besetzte Sparre eines Wracks lehnt und auf den armen, ertrunkenen Seemann niederschaut, dessen Leiche wir damals fanden. Es war ein vor kurzem Ertrunkener, der die große Morgenröte, deren wir uns freuten, verpaßt hatte, und der zwischen braunem Tang im dunklen Schatten des Holzwerks in einer Wasserlache lag. Man muß die Schrecken der früheren Tage auch nicht übertreiben; es kam auch damals in England kaum häufiger vor als heutzutage, daß man einen Toten sah. Dieser Tote war ein Matrose vom »Roten Adler«, einem großen deutschen Kriegsschiff, das – ohne daß wir es wußten – keine vier Meilen von uns zwischen aufgerissenen Bergen von Kalkschlamm am Ufer lag – – eine zerrissene, zertrümmerte Masse von Maschinen, zur Zeit der Flut völlig unter Wasser gesetzt; in seinen Eingeweiden barg es neunhundert ertrunkene, tapfere Männer, alle kraftvoll und gewandt, alle einst wackerer Taten fähig ....

Ich entsinne mich des armen Jungen sehr lebhaft. Er war, betäubt von den grünen Gasen, ertrunken; das schöne junge Gesicht war ruhig und friedlich; aber die Haut auf seiner Brust war von heißem Wasser verbrüht und der rechte Arm war sonderbar nach hinten geknickt. Selbst über diesen unnützen Tod und all die Grausamkeit, von der er sprach, war Schönheit und Würde gebreitet. Alles gewann Bedeutung, während wir dastanden – ich, der schlecht gekleidete, billig ausgerüstete Proletarier, und Melmount in seinem großen, pelzgefütterten Mantel – – er schwitzte beim Gehen und hatte doch nicht daran gedacht, ihn abzulegen – – Melmount, der sich auf die plumpen Schiffssparren stützte und das arme Opfer eines Kriegs bedauerte, den zu entflammen er selber mitgeholfen hatte. »Armer Bursche!« sagte er. »Armer Bursch! Ein Kind, das wir Narren in den Tod geschickt haben! Sehen Sie doch die stille Schönheit dieses Gesichts ... dieses Körpers ... Und all das weggeworfen! Weggeworfen!«

(Ich weiß noch, daß dicht bei der Hand des Toten ein gestrandeter Seestern seine langsam tastenden Glieder wand und ins Meer zurückstrebte. Er hinterließ furchige Spuren im Sand.)

»Nie mehr darf das vorkommen,« keuchte Melmount, sich auf meine Schulter lehnend ... »nie mehr! ...«

Aber am deutlichsten entsinne ich mich Melmounts, wie er, ein bißchen später, auf einem großen Kalkfelsen saß. Die Sonne schien in sein großes, schweißfeuchtes Antlitz. Er faßte seine Entschlüsse. »Der Krieg muß ein Ende haben!« sagte er in dem ihm eigenen, scharfen Flüsterton. »Es ist Blödsinn! Mit so vielen Menschen, die lesen können und denken, wie zu unserer Zeit – brauchen wir Derartiges wahrhaftig nicht! Ihr Götter! Wie haben wir, von der Regierung, es getrieben! ... Hingedöst haben wir ... wie Leute in einem stickigen Zimmer, viel zu stumpf und zu schläfrig und zu gemein gegeneinander, als daß einer aufgestanden wäre, um das Fenster zu öffnen ... Was haben wir gemacht!«

Da sitzt er noch immer – in meinem Gedächtnis – eine mächtige, kraftvolle Erscheinung – höchst verwirrt und verwundert über sich selber und alles andere. »All das muß anders werden!« wiederholte er und reckte mit einer machtvollen Gebärde die breiten Hände gegen Himmel und See. »Wir haben gehandelt wie Schwächlinge ... weiß der Himmel, weshalb!« Ich seh' ihn noch, den komischen Riesen, wie er auf den morgenfrischen, glanzvollen Strand blickt, während die Meervögel uns umflatterten und dicht neben uns, zusammengekauert, der Tod lag – in seiner Plumpheit und seiner nutzlos vergeudeten Lebenskraft kein schlechtes Symbol der unerweckten Kräfte früherer Zeiten. Ich seh' auch noch, als wesentlichen Teil des Bildes, weit hinten über den Sandflächen eines der weißen Grundstückplakate, zwischen gelbgrünen Rasenflächen auf den Klippen aufragen ...

Mit einer Art von Erstaunen redete er von den früheren Zuständen.

»Ist Ihnen je die Kleinlichkeit – die Kleinheit jeder Seele die in eine Kriegserklärung verwickelt war, aufgegangen?« fragte er. Dann, als bedürfe es der Rede, um es glaubhaft zu machen, schilderte er Laycock, der als Erster im Kabinettsrat den Mund geöffnet hatte zu den grausigen Worten: ein winziger Oxford-Snob mit einem Tenor und griechischen Zitaten ... so recht einer von den kleinen Narren, die unter der Bewunderung älterer Schwestern aufwachsen ...

»Und fast die ganze Zeit über,« sagte er, »beobachtete ich ihn und dachte, wie man einem derartigen Esel Menschenleben anvertrauen könne! Es wär' besser gewesen, ich hätte dabei an mich selber gedacht! Nichts hab' ich getan; um die Sache zu verhindern! Der verdammte kleine Esel stak bis zum Hals in der dramatischen Seite der Geschichte ... er trompetete sie voll Freude aus ... er äugelte nach uns herum! ›Also Krieg!‹ sagte er. Und Richover zuckte die Achseln. Ich protestierte erst und gab dann nach ... Ich hab' nachher noch von ihm geträumt ...

»Was für eine Gesellschaft das war! Alle ein bißchen ängstlich – vor sich selber! Und alle eigentlich bloß Werkzeuge!«

»Und solche Narren machen derartige Geschichten!« Er deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Toten neben uns.

»Es wird interessant sein, zu erfahren, was aus der Welt geworden ist ... Diese grünen Gase ... seltsames Zeug! Jedenfalls ... was mit mir geschehen ist, weiß ich! ... Bekehrung! Ich hab's ja immer gewußt ... Aber ich rede wie ein Narr! Geschwätz! Das muß ein Ende haben!«

Er stützte sich auf seine plumpen, ausgestreckten Hände und wollte aufstehen.

»Was muß ein Ende haben?« fragte ich, und trat unwillkürlich vor, um ihm zu helfen.

»Der Krieg!« erwiderte er in seinem lauten Flüsterton, indem er mir seine große Hand auf die Schulter legte, aber keinen Versuch machte, aufzustehen. »Der Krieg muß ein Ende haben ... der Krieg in jeder Form! All das muß ein Ende haben! Die Welt ist so schön ... das Leben ist so groß und so herrlich ... wir brauchten ja nur die Augen aufzuheben und zu sehen! Wie eine Herde Schweine haben wir uns in all der Pracht und Schönheit der Natur umhergetrieben! Die Farben ... die Formen ... die Klänge! Eifersüchteleien, Gezänk, knifflige Rechte, unüberwindliche Vorurteile, gemeines Unternehmertum und bleischwere Angstmeierei ... ein gegenseitiges Verklatschen, Aufeinander-Loshacken und sich Beschmutzen – gleich Dohlen im Tempel – gleich unreinen Vögeln im Heiligtum Gottes ... Mein Leben ist ein Leben der Torheit und Kleinlichkeit gewesen; ein Leben grober Genüsse und armseliger Heuchelei ... Ich bin ein jammervolles, obskures, mit Schmach beladenes, reuiges Geschöpf im Glanz dieses Morgens! Und hätte Gott sich nicht meiner erbarmt ... ich wäre gestorben in dieser Nacht ... so wie der arme Bursch zu meinen Füßen ... in der Blüte meiner Sünden ...! Aber still! Still! Mag die ganze Welt verwandelt sein oder nicht ... was tut's? Wir beide haben die Morgenröte erlebt! ...«

Er hielt inne.

»Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!« begann er aufs neue, und will sagen: »Vater ...«

Seine Stimme erstarb in unhörbarem Flüstern. Seine Hand krampfte sich an meiner Schulter fest, daß es mich schmerzte ... er stand auf ...

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