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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel: Der Revolver

 

I.

»Der Komet da wird auf die Erde platzen!« So sprach einer der beiden Männer, die in den Zug einstiegen und sich setzten.

»Oh!« sagte der andere.

»Sie sagen, er sei aus Gas, der Komet. Wir werden doch nicht in die Luft fliegen, was?«

Was kümmerte das mich?

Ich dachte an Rache – Rache an den Grundverhältnissen meines Daseins. Ich dachte an Nettie und ihren Liebhaber. Ich war fest entschlossen, er sollte sie nicht haben – und wenn ich sie beide töten mußte, um es zu hindern. Was sonst geschehen mochte, galt mir gleich, wenn nur dies eine Ziel erreicht ward! Alle meine unterdrückten Leidenschaften hatten sich in Wut verkehrt. Ich hätte in jener Nacht unbedenklich die ewige Verdammnis hingenommen, um der Rache gewiß zu sein. Hundert Möglichkeiten des Handelns, hundert stürmische Situationen, ein Wirbel gewaltsamer Pläne jagten sich in meiner beschämten, erbitterten Seele. Der einzige Ausblick, den ich noch ertragen konnte, war der auf eine gigantische, unerbittlich grausame Behauptung meines gedemütigten Ichs.

Und Nettie? Ich liebte Nettie noch immer, aber jetzt mit intensivster Eifersucht, mit dem scharfen, überlegungslosen Haß verwundeten Stolzes und vereitelten, leidenschaftlichen Verlangens.

 

II.

Als ich den Hügel von Clayton Crest hinabging – meine Mittel erlaubten mir nur bis Two Mile Stone zu fahren, von dort mußte ich zu Fuß gehen – entsinne ich mich sehr lebhaft eines kleinen Mannes mit schriller Stimme, der unter einer Gaslaterne an einem Bretterzaun einer dünngesäten Versammlung von Sonntagabend-Spaziergängern predigte. Es war ein kleiner, kahlköpfiger Mensch mit schwachem, krausem, blondem Bart und wasserblauen Augen. Er predigte den nahen Weltuntergang.

Ich glaube, das war das erstemal, daß ich hörte, wie jemand den Kometen mit dem Untergang der Welt in Zusammenhang brachte. Er vermengte es mit internationaler Politik und mit Weissagungen aus dem Buche Daniel.

Nur einen Augenblick blieb ich stehen, um zu lauschen. Ich glaube, ich hätte mich überhaupt nicht aufgehalten, hätte mir nicht die Menge den Weg versperrt. Und der Anblick seines seltsam wilden Gesichtsausdrucks, die Gebärde seines aufwärts weisenden Fingers fesselten mich.

»Dort kommt das Ende all eurer Sünden und Torheiten!« schrie er. »Dort! Dort steht der Stern des Gerichts, des Gerichtes des Allerhöchsten Gottes! Allen Menschen ist bestimmt, zu sterben – – allen Menschen – zu sterben – –« seine Stimme sank zu einem seltsamen, tonlosen Singen – »und nach dem Tode das Gericht! Das Gericht!«

Ich drängte und stieß mich durch die Umstehenden durch und ging weiter; aber seine sonderbare harte, tonlose Stimme verfolgte mich. Ich nahm die Gedanken wieder auf, die mich vorhin beschäftigt hatten – wo ich einen Revolver kaufen könnte und wie ich lernen wollte, ihn zu handhaben. Wahrscheinlich hätte ich ihn ganz vergessen, hätte er nicht in dem scheußlichen Traum, der den kurzen Schlummer jener Nacht abschloß, eine Rolle gespielt.

Den größten Teil der Nacht lag ich wach und dachte an Nettie und ihren Liebhaber.

Dann folgten drei merkwürdige Tage – drei Tage, die mir jetzt als ganz und gar von einer Arbeit erfüllt erscheinen.

Diese alles beherrschende Arbeit war die Anschaffung meines Revolvers. Entschlossen hielt ich an dem Gedanken fest, daß ich mich entweder durch irgendeine außerordentliche, energische und gewaltsame Tat in Netties Augen rehabilitieren oder aber sie töten müsse. Davon gestattete ich mir nicht abzugehen; denn ich fühlte, ließ ich diese Sache so vorübergehen, so schwand der letzte Fetzen meines Stolzes und meiner Ehre, so würde ich für den ganzen Rest meines Lebens weder die geringste Achtung noch eines Weibes Liebe mehr verdienen. Mein Stolz bannte mich auch zwischen den Anfällen meiner Leidenschaft an mein Ziel.

Und doch war es nicht so leicht, diesen Revolver zu kaufen. Ich scheute mich ein wenig vor dem Augenblick, in dem ich würde vor dem Verkäufer stehen müssen, und ich legte besonderen Wert darauf, eine Geschichte in Bereitschaft zu haben, falls er sich veranlaßt fühlen sollte, zu fragen, wozu ich eine solche Waffe brauche. Ich beschloß zu sagen, ich beabsichtige nach Texas zu gehen und dächte, ein Revolver könnte einem dort nützlich sein. Texas stand in jenen Tagen im Ruf eines wilden und gesetzlosen Landes. Da ich von Kaliber und Schußweite nichts verstand, wollte ich auch imstande sein, mit unbefangener Miene zu fragen, auf welche Entfernung man mit der Waffe, die mir etwa angeboten wurde, einen Mann oder eine Frau töten könne. Diesen praktischen Seiten meines Unternehmens gegenüber bewahrte ich einen ziemlich kühlen Kopf. Es war nicht ganz leicht, einen Waffenschmied zu finden. In Clayton waren ein paar Krähenflinten in einer Fahrradhandlung zu haben; aber die einzigen Revolver, die es dort gab, schienen mir zu klein und spielzeugartig für meinen Zweck. Endlich fand ich, was ich suchte, in der Auslage eines Pfandleihers in der engen Hauptstraße von Swathinglea, ein zur Genüge plump und ernsthaft aussehendes Instrument, das mit der Notiz versehen war: »Modell der amerikanischen Armee«. Ich hatte um diesen Kauf zu ermöglichen, mein Guthaben auf der Sparkasse erhoben, etwas über zwei Pfund; das ganze Geschäft lief schließlich sehr glatt ab. Der Pfandleiher sagte mir, wo ich Munition bekommen könne, und abends ging ich – ein Bewaffneter – mit bauschigen Taschen nach Hause.

Die Anschaffung meines Revolvers war, wie gesagt, die Hauptarbeit jener Tage. Aber man darf nicht glauben, ich sei so ganz damit beschäftigt gewesen, daß ich nichts von den aufregenden Ereignissen gemerkt hätte, die sich in den Straßen zutrugen, durch die ich auf meiner Suche kam. Überall Gemurr; die ganze Bevölkerung der vier Städte blickte drohend und finster zu den engen Türen heraus. Der gewohnte lebendige Strom von Menschen, die an die Arbeit gingen und ihr Geschäft betrieben, war erstarrt, unterbrochen. Zahllose Leute standen in Gruppen und Klumpen auf den Straßen umher, so wie sich in den ersten Stadien einer Entzündung die Blutkörperchen in den Gefäßen sammeln und ballen. Die Frauen sahen verstört und sorgenvoll aus. Die Eisenarbeiter hatten die ihnen vorgeschlagene Herabsetzung der Löhne abgelehnt, und der Ausstand hatte begonnen. Sie waren schon beim »Feiern«. Das Vermittlungsamt tat sein Bestes, um Arbeiter und Minenbesitzer vor einem Bruch zu bewahren, aber der junge Lord Redcar, der größte Grubenbesitzer und Gutsherr von ganz Swathinglea und Clayton, verhielt sich so unbeugsam und hochmütig, daß der Bruch unvermeidlich war. Er war ein hübscher, vornehmer, kluger junger Mensch; sein Stolz empörte sich bei dem Gedanken, daß er sich von einer »Bande von Minenkerlen« befehlen lassen sollte, und er gedachte, wie er offen aussprach, es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Die Welt hatte ihn von seinen frühesten Jahren an verschwenderisch behandelt; die Früchte der vereinten Arbeit von fünftausend Menschen hatten seine gute Erziehung bestreiten müssen, weitausgreifende, romantische und kostspielige Pläne erfüllten seinen so großartig genährten Geist. Schon früh hatte er sich in Oxford durch seine verächtliche Haltung der Demokratie gegenüber bemerkbar gemacht. In seiner vornehmen Gegnerschaft gegen die Masse lag etwas, was die Phantasie ansprach – auf der einen Seite der glänzende junge Aristokrat in seiner pittoresken Einzelstellung; auf der andern die häßliche, ausdruckslose Menge, unelegant, in schlechtes Zeug gekleidet, unterernährt, neidisch, gemein, von boshafter Abneigung gegen die Arbeit und boshafter Begier nach den guten Dingen erfüllt, die ihr so selten nur zuteil wurden. Der allgemeinen Bildwirkung wegen ließ man freilich den Schutzmann weg, den handfesten Schutzmann, der Mylord bewachte, und man übersah die Tatsache, daß während Lord Redcar seine Hand unmittelbar und durchaus gesetzmäßig auf Obdach und Brot des Arbeiters legte, sie ihm nur unter gewaltsamer Verletzung des Gesetzes auf den Leib rücken konnten.

Er lebte auf Lowchester House, etwa fünf Meilen hinter Checkshill; aber teils um zu zeigen, wie wenig er nach seinen Gegnern fragte, teils ohne Zweifel um über die noch immer fortgeführten Verhandlungen auf dem Laufenden zu bleiben, ließ er sich fast jeden Tag in oder bei den vier Städten sehen, und zwar in seinem großen Automobil, das hundert Kilometer die Stunde machte. Man hätte denken sollen, die Sympathie des Engländers für ehrlich Spiel hätte genügt, um diesem furchtlosen Verhalten jede Möglichkeit einer Gefahr zu nehmen; aber ganz verschont blieb er nicht von Beschimpfungen; einmal wenigstens schüttelte ein betrunkenes irisches Weib die Faust hinter ihm drein.

Düster und stumm brütete eine Menge, die täglich anwuchs, und die mehr als zur Hälfte aus Frauen bestand, gleich einer Wetterwolke, wie sie manchmal reglos auf einem Bergkamm liegt – auf dem Marktplatz vor dem Rathause von Clayton, in dem die Konferenz tagte. ...

Ich hielt mich für berechtigt, Lord Redcars vorbeischnaubendes Automobil mit besonderer Feindseligkeit zu betrachten, und zwar wegen der Löcher in unserem Dach.

Wir hatten unser kleines Haus zur Miete; der Besitzer war ein garstiger, geiziger alter Mann namens Pettigrew, der in Overcastle in einer mit Gipsreliefs von Hunden und Ziegen geschmückten Villa wohnte. Obwohl es in unserem Mietsvertrag vorgesehen war, wollte er keinerlei Reparaturen für uns machen lassen. Er verließ sich in Ruhe auf die Schüchternheit meiner Mutter.

Einmal, vor langer Zeit, war sie mit der Miete im Rückstand gewesen, mit der halben Quartalsmiete, und er hatte ihr einen Monat Frist gegeben. Das Gefühl, sie könne eines Tages nochmals die gleiche Großmut nötig haben, machte sie zur demütigen Sklavin. Sie scheute sich sogar, zu verlangen, er möge das Dach ausbessern lassen, aus Furcht, er könnte ärgerlich werden. Aber eines Nachts strömte uns der Regen aufs Bett, und sie erkältete sich, und ihre armselige alte Flickendecke wurde ganz fleckig und naß. Da mußte ich dem alten Pettigrew einen äußerst höflichen Brief schreiben und ihn, wie um eine Gnade, bitten, er möge seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen. Es zeugt für die allgemeine Borniertheit jener Tage, daß das damals existierende, einseitige Gesetz den gewöhnlichen Sterblichen ein tiefes Geheimnis blieb, daß es ihnen unmöglich war, seine Bestimmungen festzustellen, seine Maschinerie in Bewegung zu setzen. Statt eines klar geschriebenen Kodex, statt leichtverständlicher Aufstellungen von Regeln und Prinzipien, wie sie jetzt jedem zur Verfügung stehen, war das Gesetz damals ein dunkles Geheimnis des juristischen Berufs. Die Armen, Überarbeiteten mußten sich fortwährend kleinen Vergewaltigungen beugen, weil nicht nur das Gesetz unerträglich unsicher, sondern auch die Kosten und der Aufwand an Zeit und Energie, die ein Prozeß erforderte, zu groß waren. Für einen, der zu arm war, um sich die eifrigen und ehrlichen Dienste eines Anwalts zu sichern, gab es überhaupt keine Gerechtigkeit; es gab für die große Masse der Bevölkerung nur den oberflächlichen Polizeischutz und den widerwilligen oder praktisch wertlosen Rat der Behörden. Das Zivilgesetz insbesondere war eine geheimnisvolle Waffe der oberen Klassen, und ich kann mir keine Ungerechtigkeit vorstellen, die groß genug gewesen wäre, um meine arme, alte Mutter je so weit zu treiben, es anzurufen.

All dies beginnt unglaubhaft zu klingen. Ich kann nur versichern, daß es so war.

Als ich erfuhr, daß der alte Pettigrew dagewesen war, um meiner Mutter von seinem Rheumatismus vorzujammern, das Dach zu besichtigen und zu behaupten, es fehle nichts, da gab ich meiner in jenen Tagen vorherrschenden Empfindung brennender Empörung nach und nahm die Sache selber in die Hand. Ich schrieb an ihn und verlangte im Ton niederschmetternder technischer Erfahrung, er müsse das Dach »vertragsmäßig« ausbessern lassen, fügte auch hinzu: »wenn dies nicht von heute ab binnen einer Woche geschehen ist, so sehen wir uns genötigt, gerichtlich vorzugehen.« Ich hatte meiner Mutter zunächst nichts von diesem hochtrabenden Vorgehen gesagt, und als der alte Pettigrew in heller Aufregung meinen Brief in der Hand, ankam, war sie fast ebenso erregt wie er.

»Wie hast du dem alten Herrn so etwas schreiben können?« fragte sie mich.

Ich erwiderte, der alte Pettigrew sei ein schamloser alter Halunke oder etwas Ähnliches, und ich fürchte, ich benahm mich sehr ungehörig gegen sie, als sie erklärte, sie habe alles mit ihm ins reine gebracht – wie, wollte sie mir nicht sagen, aber ich erriet es nur zu gut – und ich solle ihr versprechen, nichts mehr in der Sache zu tun. Dies Versprechen wollte ich nicht geben. Und da ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, ging ich alsbald voll Wut zum alten Pettigrew, um ihm die ganze Sache einmal im rechten Licht – wie ich es nannte – klarzumachen. Der alte Pettigrew wich dieser Aufklärung aus; er sah mich die Vordertreppe heraufkommen – ich sehe noch seine wunderliche alte Nase und die faltige Augenbraue über seinem Auge, den kleinen grauen Haarwisch, die über der Gardine vorstanden – und wies sein Dienstmädchen an, die Kette vorzulegen, wenn sie an die Türe gehe, und mir zu sagen, er wünsche mich nicht zu sprechen. Also mußte ich nochmals zur Feder greifen.

Da kam mir – der ich keine Ahnung hatte, wie man eigentlich »gerichtlich vorgehen« mußte – die glänzende Idee, an Lord Redcar als den Grundbesitzer und gleichsam unsern Lehnsherrn zu appellieren und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß die Sicherheit für seine Rente bei dem alten Pettigrew in schlechten Händen sei. Ich fügte einige allgemeine Bemerkungen über Pacht, über Besteuerung von Bodenrenten und Privatbesitz bei. Lord Redcar, dessen Geist sich gegen die Demokratie aufbäumte, und der seinen Untergebenen gegenüber eine unverschämt demütigende Art hatte, dies zu zeigen, zog sich auf ewig meinen auserlesensten Haß zu, indem er sich mir durch seinen Sekretär empfehlen und mich ersuchen ließ, ich möge mich in Zukunft um meine eigenen Angelegenheiten kümmern und die Leitung der seinen ihm überlassen. Darüber geriet ich in solche Wut, daß ich erst seinen Brief in unzählige, winzige Fetzen zerriß und sie höchst theatralisch auf den Fußboden schleuderte – von wo ich sie nachher, um meiner Mutter die Sache zu verheimlichen, auf allen vieren sorgsam wieder auflesen mußte.

Ich sann noch auf eine fürchterliche Entgegnung, eine Anklage gegen die ganze Klasse Lord Redcars, ihre Sitten, ihre Moral, ihre wirtschaftlichen und politischen Verbrechen, als die Trübung meines Verhältnisses mit Nettie eintrat und alle geringeren Sorgen in den Hintergrund drängte. Immerhin nicht in dem Maße, daß ich nicht noch laut gemurrt hätte, als ich auf meiner langen Irrwanderung nach einer Waffe Mylords Automobil an mir vorübersausen sah. Dazu entdeckte ich, daß meine Mutter sich das Knie verletzt hatte und nicht gehen konnte. Aus Furcht mich zu reizen, wenn sie die Sache noch einmal vor mir erwähnte, hatte sie ihr Bett ohne meine Hilfe unter der lecken Stelle fortrücken wollen und sich das Knie zerstoßen. All ihr ärmliches Mobiliar stand nun, wie ich entdeckte, dicht an den abbröckelnden Wänden des Schlafzimmers; die Decke war schon ganz verfärbt und in der Mitte des Zimmers stand ein Waschfaß.

Die Darlegung dieser scheinbar gleichgültigen Dinge ist unerläßlich, um zu zeigen, wie unbequem und unsicher alle Verhältnisse waren, und um den Hauch der Unruhe verständlich zu machen, der durch die heißen, sommerlichen Straßen ging, die Besorgnis wegen des Streiks, die Gerüchte und die Empörung, die Versammlungen und Aufläufe, den wachsenden Ernst in den Gesichtern, die kampflustigen Kopfzeilen in den Lokalblättern, die Posten von Streikwächtern, die jeden prüfend ansahen, der an den stillen, rauchlosen Eisenhütten vorüberging. Doch muß man bedenken, daß diese Eindrücke in meiner Vorstellung nur unregelmäßig auftauchten und wieder verschwanden; sie bildeten einen beweglichen Hintergrund wechselnder Untertöne für meinen Hauptgedanken – für jene dunkel sich gestaltende Absicht, zu der ein Revolver eine so gebieterische Vorbedingung war.

Die dunkeln Straßen entlang, mitten unter den finsteren Volksmengen, bildete der Gedanke an Nettie, an meine Nettie und ihren vornehmen Liebhaber, stets den hell flammenden Zielpunkt meines Daseins.

 

III.

Drei Tage darauf – das heißt am Mittwoch – ereignete sich der erste jener unheimlichen Ausbrüche, die mit der Bluttat von Peacock Grove und dem Ausstand auf sämtlichen Kohlengruben von Swathinglea endigten. Es war von jenen Unruhen die einzige, die mir zu sehen bestimmt war, und im höchsten Fall bloß ein unbedeutendes Vorspiel zu dem großen Kampf.

Die Berichte, die über die Angelegenheit geschrieben worden sind, weichen stark voneinander ab. Wenn man sie liest, wird einem die außerordentliche Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit klar, welche ein Schandfleck der Presse jener letzten Tage war. In meinem Schreibtisch habe ich mehrere Pakete von Tageszeitungen jener Periode – ich sammle sie nämlich – und drei oder vier ungefähr jenes Datums habe ich soeben hervorgenommen und durchgeblättert, um meine Eindrücke von dem, was ich gesehen habe, aufzufrischen. Da liegen sie vor mir – seltsame, zerknitterte, unglaubliche Dinger – das billige Papier schon brüchig und braun, an den Falzen gesprungen, die Druckerschwärze verblaßt oder verschmiert, und ich muß sie mit äußerster Sorgfalt handhaben, während ich ihre wutschnaubenden Kopfzeilen durchsehe. Während ich hier, in diesem heiteren, stillen Raum sitze, lesen sich ihr ganzer Ton, ihre Anordnung, ihr Stil, ihre Argumente und Aufrufe, als hätten narkotisierte und betrunkene Menschen all das geschrieben. Es wirkt wie ein dumpfes Brüllen, wie ein Kreischen und Schreien, das man unklar aus einem kleinen Grammophon hört. ... Erst am Montag, und auch da tief unter Kriegsnachrichten begraben, finde ich in diesen Veröffentlichungen einen Hinweis darauf, daß in Clayton und Swathinglea ungewöhnliche Dinge vorgehen.

Was ich sah, geschah gegen Abend.

Ich hatte mich mit meinem neuen Revolver im Schießen geübt. Ich war mit der Waffe vier oder fünf Meilen weit in einen Strich Moorland hinausgegangen, hinab in ein kleines, abgeschlossenes Gehölz voller Glockenblumen, auf halbem Weg zwischen Leet und Stafford. Hier hatte ich den Nachmittag verbracht, indem ich mit sorgfältiger Überlegung und verbissener Beharrlichkeit experimentierte und übte. Ich hatte einen alten Drachenrahmen aus Rohr mitgenommen, der sich auf- und zuklappen ließ, und jedes Loch, das ich schoß, bezeichnete und numerierte ich, um es mit meinen andern Versuchen vergleichen zu können. Schließlich gab ich mich damit zufrieden, daß ich eine Spielkarte auf dreißig Schritt mit zehn Schüssen neunmal traf; es wurde zu dunkel, um das mit Bleistift markierte Ziel zu sehen, und in einem Zustand stiller Übellaunigkeit, wie er leidenschaftliche Leute zuweilen mit dem Hunger ankommt, machte ich mich über Swathinglea auf den Heimweg.

Die Straße, der ich folgte, senkte sich zwischen Reihen von elend aussehenden Arbeiterhäusern, die dicht gedrängt zu beiden Seiten standen, und entwickelte sich, wo bei einer Laterne und einem Briefkasten die Dampftrambahn begann, zur Hauptstraße von Swathinglea. Bis hierher war der schmutzige, heiße Weg ungewöhnlich ruhig und leer gewesen, aber hinter der Biegung, an der sich die erste Gruppe von Wirtshäusern befand, belebte er sich. Sehr still war er noch immer, selbst die Kinder machten wenig Lärm; aber eine Menge Leute standen zerstreut, in kleinen Gruppen, umher, und alle waren den Toren der Bantock-Burden-Kohlengrube zugewandt.

Streikwächter standen davor, obgleich die Minenarbeiter nominell noch arbeiteten und die Konferenz zwischen Arbeitgebern und Arbeitern im Rathaus von Clayton noch tagte. Aber einer von den Arbeitern in der Bantock-Burden-Grube, Jack Briscoe, ein Sozialdemokrat, hatte sich durch einen heftigen, an das führende sozialistische Blatt in England, »Die Trompete«, gerichteten Brief hervorgetan, in dem er sich an Lord Redcar und dessen Beweggründe gewagt hatte. Dieser Veröffentlichung war sofortige Entlassung gefolgt – wie Lord Redcar ein oder zwei Tage darauf an die Times schrieb – ich besitze jene Times, ich besitze alle Londoner Blätter des letzten Monats vor der Wandlung: »Der Mann wurde abgelohnt und davongejagt. Jeder Arbeitgeber von Selbstachtung würde dasselbe tun.«

Die Sache war am Tag zuvor geschehen, und die Arbeiter nahmen nicht sogleich entschieden Stellung zu diesem immerhin ziemlich verwickelten und streitigen Fall. Aber sie verließen in einer Art halboffiziellen Streiks alle Kohlengruben Lord Redcars jenseits des Kanals, der Swathinglea durchschneidet. Sie taten das ohne formelle Kündigung und begingen durch diese plötzliche Arbeitseinstellung einen Kontraktbruch. Aber in den langen Arbeitskämpfen jener Zeit setzten sich die Arbeiter fortwährend ins Unrecht und begingen Ungesetzlichkeiten infolge des überwältigenden Verlangens nach dramatischer Unmittelbarkeit, das unerzogenen Geistern natürlich ist.

Nicht alle Leute hatten die Bantock-Burdon-Grube verlassen. Irgend etwas war nicht in Ordnung; eine Unentschiedenheit – wenn nichts Schlimmeres. Die Mine war noch in Betrieb, und es lief das Gerücht um, Lord Redcar habe Leute aus Durham bereit gehalten, die bereits in der Mine seien. Heute ist es absolut unmöglich, den wirklichen Tatbestand von damals festzustellen. Die Zeitungen sagen dies und das, aber nichts Zuverlässiges bleibt.

Ich glaube, ich wäre über die düstere Bühne jenes stagnierenden Industriedramas gegangen, ohne eine Frage zu tun, wenn nicht zufällig zu gleicher Zeit mit mir Lord Redcar auf der Bildfläche erschienen wäre und alsbald dem Stillstand ein Ende gemacht hätte.

Er hatte gelobt – wenn die Leute den Kampf wollten, so würde er ihnen die schönste Schlacht liefern, die sie je erlebt hätten; und den ganzen Nachmittag war er damit beschäftigt gewesen, seinerseits die Sache bis zum Äußersten zu treiben, indem er so augenfällig wie möglich alles für die bunt zusammengewürfelte Schar von »Streikbrechern«, wie wir sie nannten, und die, wie er sagte und wie wir glaubten, die Streikenden in seinen Minen ersetzen sollten, vorbereitete.

Ich war Augenzeuge dessen, was sich vor der Bantock-Burden-Grube zutrug, und – weiß doch nicht, was geschehen ist.

Man muß sich ausmalen, wie das alles über mich kam.

Ich kam eine steile, abschüssige, schlecht gepflasterte Straße herab, die zwischen ungefähr sechs Fuß hoch aufgeworfenen Fußsteigen hinlief, auf die in einförmiger Reihe die Türen dunkler niedriger Häuser mündeten. Die Perspektive von flachen, blauen Schieferdächern und dichtstehenden Schornsteinen zog sich hinab bis zu dem unregelmäßigen offenen Platz vor der Kohlengrube, einem von Rädern zerfahrenen, mit Kohlenstaubschlamm bedeckten Platz mit einem Stück schilfigen Wassertümpels zur Linken und dem Grubeneingang zur Rechten. Dahinter begann von neuem die mit Läden besetzte Hauptstraße, und die Schienen der Dampftrambahn, die unter meinen Füßen anfingen, hier im spiegelnden Tageslicht aufglänzten und grell sichtbar wurden, dort sich im Schatten verloren, fingen einen kurzen Moment lang, wo sie um die Ecke verschwanden, die schmutzig gelbe Strahlung einer eben angezündeten Gaslaterne auf. Weiterhin erstreckte sich ein dunkler Häusersumpf, eine endlose Menge von kleinen, rauchenden Hütten; armselige Kirchen, Schulen, Wirtshäuser und andere Gebäude tauchten zwischen den ragenden Schornsteinen von Swathinglea auf. Rechts, sehr deutlich und verhältnismäßig hoch, der Eingang der Bantock-Burden-Grube, durch ein dünnes Gitterwerk mit einem großen, schwarzen Rad darüber bezeichnet, das sich scharf und klar vom Zwielicht abhob; dahinter, in unregelmäßiger Perspektive, andere, je nach Lage der Schächte. Wenn man den Hügel herabkam, hatte man einen allgemeinen Eindruck düstern, zusammengepreßten Lebens unter einem sehr hohen, sehr weiten und leuchtenden Abendhimmel, gegen den diese Grubenräder aufragten. Und diese weite, weite Himmelsruhe beherrschte der große, jetzt grünlich-weiße Komet, ein Wunder für alle, die Augen hatten zu sehen.

Der erblassende Nachglanz des Sonnenuntergangs ließ alle Konturen und die Horizontlinie im Westen hervortreten; im Osten stieg der Komet aus den wirbelnden Rauchmassen von Bladdens Eisenhütte auf. Der Mond war noch nicht aufgegangen.

Mittlerweile hatte der Komet begonnen, die wolkenartige Gestalt anzunehmen, die noch durch Tausende von Photographien und Skizzen bekannt ist. Erst war er ein fast teleskopischer Fleck gewesen; dann war er immer heller geworden, bis er die Dimensionen der größten Sterne am Himmel annahm; Stunde für Stunde war er auf seinem unglaublich schnellen, geräuschlosen, unaufhaltsamen Sturz auf die Erde zu angewachsen, bis er dem Mond gleich war – ihn überstrahlte. Jetzt war er die wundervollste Erscheinung, die dieser Erdenhimmel je aufgewiesen hat. Ich habe nie eine Photographie gesehen, die eine richtige Vorstellung von ihm gegeben hätte. Zu keiner Zeit nahm er den schweifigen Umriß an, den Kometen nach der konventionellen Auffassung haben sollen. Astronomen sprachen von einem doppelten Schweif, einem, der ihm voranging, und einem, der ihm folgte; aber beide waren zu einem Nichts verkürzt, so daß er eher die Form eines schwellenden, leuchtenden Rauchballs um einen helleren, intensiven Kern hatte. Beim Aufgang war seine Farbe ein warm glühendes Gelb, und sein charakteristisches Grün begann er erst zu zeigen, wenn er über den Abendnebeln stand.

Eine Zeitlang fesselte er gewaltsam meine Aufmerksamkeit. Obgleich alle meine Gedanken auf irdische Dinge konzentriert waren, konnte ich nicht anders, als ihn einen Augenblick mit der unbestimmten Ahnung anstarren, daß eine so seltsame und wundervolle Erscheinung schließlich doch eine Bedeutung haben mußte und unmöglich für den Plan und Wert meines Lebens absolut gleichgültig sein konnte.

Aber wie?

Ich dachte an Parload. Ich dachte an die Panik, und die Unruhe, die er verbreitete, und an die Versicherungen der Gelehrten, das Ding wiege so wenig – höchstens ein Paar hundert Tonnen dünn gelagerten Gases und Staubs – daß selbst, wenn es mit voller Wucht auf die Erde stoßen würde, keinerlei Folgen daraus entstehen könnten. Und, sagte ich, welcher Mensch hat jemals wirklich eine Bedeutung in den Sternen gefunden?

Dann, während des weiteren Abstiegs, tauchten wieder die Häuser und Gebäude auf, die Gegenwart der wachehaltenden Menschengruppen, die Spannung der Situation; und man vergaß den Himmel.

Mit mir selbst, mit meinem dunklen Traum von Nettie und meiner Ehre beschäftigt, drängte ich mich durch die regungslose, Unheil drohende Menge, als plötzlich die ganze Szene eine dramatische Wendung nahm.

Aller Aufmerksamkeit wandte sich unter einem unwiderstehlichen Magnetismus der Hauptstraße zu und riß mich mit sich, wie ein Wassersturz einen Strohhalm. Unvermittelt erklang durch die Menge ein Ton. Es war kein Wort, es war ein aus Drohung und Protest gemischter Laut, etwa zwischen einem langgezogenen »Ah!« und »Uh!« Dann, mit der heiseren Leidenschaft des Grimms ein tiefes, schweres Heulen: »Buuh! Buuh!« ein Ton, der stumpfe, tierische Wildheit ausdrückte. »Tuut, tuut!« ertönte dagegen höhnend Lord Redcars Automobil. »Tuut! Tuut!« Man hörte es schwirren und pochen, während die Menge es zum Langsamfahren zwang.

Alles schien nach dem Grubeneingang zu drängen, auch ich mit den andern.

Ich hörte einen Schrei. Durch die dunkeln Gestalten um mich her sah ich das Automobil halten, dann weiterfahren, und erblickte eine Sekunde lang etwas, was sich auf dem Boden wälzte. Später wurde behauptet, Lord Redcar habe den Wagen selbst gelenkt und habe mit voller Überlegung einen kleinen Jungen überfahren, der ihm nicht ausweichen wollte. Mit gleicher Überzeugung wird versichert, der Junge sei ein Mann gewesen, der vor dem Automobil vorüberzukommen versucht habe, als es sich langsam durch das Gedränge näherte; er sei um Haaresbreite davongekommen, dann aber auf den Trambahnschienen ausgeglitten und gefallen. Beide Versionen finden sich unter schreienden Kopfzeilen in je einer der Zeitungen auf meinem Schreibtisch. Die Wahrheit konnte kein Mensch je feststellen. Wo sollte auch in einem solch blinden Aufruhr der Leidenschaften die Wahrheit eine Stätte finden?

Jetzt stürzte die Menge vorwärts; ein Hornsignal des Automobils ertönte, alles schwankte um etwa zehn Meter nach rechts und man hörte einen Knall wie von einem Pistolenschuß.

Einen Moment schien es, als wollte alles flüchten. Eine Frau mit einem in ein Tuch gewickeltes Kind auf dem Arm prallte gegen mich an und ich taumelte zurück. Jedermann dachte an Feuerwaffen; aber in Wirklichkeit war dem Motor ein Unfall zugestoßen – Fehlfeuer nannte man es bei jenen altmodischen Maschinen. Hinter dem Wagen hing eine dünne Wolke bläulichen Rauchs in der Luft. Die meisten wichen, mehr oder weniger ungeordnet, zurück und ließen um den Kampf, dessen Mittelpunkt das Automobil war, einen Raum frei.

Der gestürzte Mann oder Junge lag auf der Erde, ohne Beistand, ein schwarzer Knäuel, aus dem ein ausgestreckter Arm und zwei zuckende Füße hervorstanden. Das Automobil hielt und seine drei Insassen hatten sich erhoben. Sechs oder sieben schwarze Gestalten umringten den Wagen und schienen sich daran festzuklammern, als wollten sie ihn am Weiterfahren hindern. Einer – es war Mitchell, der bekannte Arbeiterführer – stritt in einer heftigen, dumpfen Stimme mit Lord Redcar. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, da ich nicht nahe genug stand. Der Grubeneingang hinter mir war offen; man hatte den Eindruck, als komme von dort dem Automobil Hilfe. Zwischen Wagen und Tor lag ein freier, schmutziger Platz von etwa fünfzig Metern; dahinter ragten die Räder und der Schachteingang schwarz gegen den Himmel. Ich stand in einer halbkreisförmigen Gruppe von Leuten, die noch unentschlossen dem Streit zuhörten.

Es war wohl nur natürlich, daß meine Finger sich um den Revolver in meiner Tasche schlossen.

Ohne jede bestimmte Absicht trat ich vor, doch nicht so schnell, als daß nicht mehrere Menschen an mir vorübergeeilt wären und sich der kleinen Schar angeschlossen hätten, die den Wagen aufhielt.

Lord Redcar in seinem dicken Pelzmantel überragte die Gruppe, die ihn umgab; seine Gesten waren frei und drohend, seine Stimme klang laut. Ich muß gestehen, er nahm sich gut aus; er war ein kräftiger, blonder junger Mann mit einer hellen Tenorstimme und einem Instinkt für vornehme Wirkung. Erst fesselte er meine Blicke ganz und gar. Er erschien mir wie ein Symbol, ein triumphierendes Symbol der ganzen Theorie aristokratischer Anmaßungen, alles dessen, was meine Seele mit Groll erfüllte. Sein Chauffeur saß zusammengekauert hinter ihm und blickte unter Mylords Arm weg auf die Menge. Aber auch Mitchell machte eine energische Figur, und seine Stimme klang fest und laut.

»Sie haben den Burschen da verletzt,« sagte Mitchell immer wieder. »Sie werden hier warten, bis Sie gesehen haben, ob ihm etwas geschehen ist.«

»Ich werde warten oder nicht warten, wie es mir beliebt!« sagte Lord Redcar; und zum Chauffeur: »He! Steigen Sie ab und sehen Sie nach!«

»Steigen Sie lieber nicht ab!« sagte Mitchell; und der Chauffeur blieb geduckt und zögernd auf dem Trittbrett stehen.

Jetzt stand der Dritte auf dem Rücksitz auf, beugte sich vor und sprach zu Lord Redcar; und zum erstenmal wurde ich auf ihn aufmerksam. Es war der junge Verrall! Sein hübsches Gesicht leuchtete fein und klar im grünlich bleichen Licht des Kometen.

Ich hörte den Streit zwischen Mitchell und Lord Redcar nicht mehr.

Diese neue Tatsache wirbelte die beiden mit einem Ruck in den Hintergrund. Der junge Verrall!

Was ich suchte, kam mir auf halbem Wege entgegen!

Es würde ein Kampf stattfinden, es schien sicher, daß es zu einem Handgemenge kommen würde, und da standen wir. ...

Was sollte ich tun? Meine Gedanken flogen nur so. Wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, handelte ich mit rascher Entschlossenheit. Meine Hand faßte den Revolver fester, und dabei fiel mir ein, daß er nicht geladen war. Im Nu hatte ich überlegt, was ich zu tun hatte. Ich machte kehrt, und drängte mich aus der erbitterten Menge heraus, die jetzt zu dem Automobil zurückbrandete.

Dort drüben über der Straße, zwischen den Schutthaufen, mußte es ruhig sein, dachte ich; dort konnte mich niemand sehen, dort konnte ich unbeobachtet laden.

Ein kräftiger junger Mensch, der mit geballten Fäusten vorwärtsdrängte, blieb, als er mich sah, einen Moment stehen.

»Was!« sagte er. »Doch keine Angst, he?«

Ich blickte über die Achsel nach ihm zurück, fast hätte ich ihm die Pistole gezeigt. Der Ausdruck seiner Augen veränderte sich. Er starrte mich bestürzt an. Dann ging er brummend weiter. Ich hörte, wie hinter mir die Stimmen laut und scharf wurden. Ich zögerte, wandte mich halb den Streitenden zu und lief dann rasch nach den Schutthaufen hinüber. Instinktiv machte ich mir klar, daß ich mich beim Laden nicht erwischen lassen dürfe. Ich war also kühl genug, um an die Folgen meines Vorhabens zu denken.

Noch einen Blick warf ich zurück nach dem Platz, wo der Wortstreit stattfand; – oder war er schon zum Kampf geworden –? Dann sprang ich in den Graben, kniete im Gestrüpp nieder und lud mit vor Eifer zitternden Fingern. Ich lud einen Lauf, sprang auf und lief ein Dutzend Schritte zurück. Dann fielen mir allerlei Möglichkeiten ein, ich zögerte, kehrte um und lud noch alle andern.

Ich tat es langsam, weil ich mich ein wenig linkisch fühlte. Zum Schluß noch ein Augenblick des Untersuchens – hatte ich auch nichts vergessen? Dann kauerte ich ein paar Sekunden auf dem Boden, eh ich aufstand, und bekämpfte den ersten Ansturm von Reaktion gegen meinen blinden Trieb. Ich dachte nach, und für einen Augenblick trat mir der große, grünweiße Meteor über mir noch einmal ins Bewußtsein. Zum erstenmal brachte ich ihn klar mit all der wilden Gewalttätigkeit in Zusammenhang, die sich im menschlichen Leben eingenistet hatte. Damit verband sich der Gedanke an das, was ich vorhatte. Ich wollte den jungen Verrall gewissermaßen unter dem Segen jenes grünen Lichts erschießen ...

Aber Nettie?

Diesen augenfälligen Konflikt auszudenken war mir nicht möglich.

Ich tauchte hinter den Schutthaufen empor und schritt langsam zu dem Menschenknäuel zurück.

Ich bitte, mir zu glauben, daß ich gar nicht die Absicht hatte, den jungen Verrall gerade zu jener bestimmten Zeit zu ermorden. Derartige Umstände hatte ich mir nie ausgemalt, nie hatte ich im Zusammenhang mit Lord Redcar und unserer schwarzen Industriewelt an ihn gedacht. Er stand in jener fernen, anderen Welt von Checkshill, der Welt der Parks und Gärten, der Welt warmer, sonnenheller Regungen und Netties. Daß er hier auftauchte, brachte mich aus dem Konzept und überrumpelte mich. Zu müde und hungrig, um klar zu denken, ließ ich mich von der unerbittlichen Konsequenz unserer Gegnerschaft fortreißen. Im Aufruhr meiner früheren Empfindungen hatte ich fortwährend an Streit, an einen Zusammenstoß, an Gewalttaten gedacht, so daß jetzt die Erinnerung daran von mir Besitz ergriff, als wären es unwiderrufliche Entschließungen.

Man hörte einen gellenden Schrei, das Kreischen einer Frau, und die Menge brandete zurück. Der Kampf hatte begonnen.

Lord Redcar war, wie ich glaube, von seinem Wagen herabgesprungen und hatte Mitchell niedergeschlagen; und schon strömten Leute aus dem Grubeneingang zu seiner Hilfe herbei.

Es war nicht leicht, sich durch die Menge zu schieben; ich entsinne mich noch sehr deutlich, daß ich einmal so zwischen zwei Männern eingekeilt war, daß mir die Arme an die Seite genagelt waren; was aber sonst im einzelnen geschah, bis ich mich fast gewaltsam auf den Schauplatz geschleudert sah, ist aus meinem Gedächtnis entschwunden.

Ich prallte gegen die Ecke des Automobils, und als ich auf die andere Seite trat, stand ich dem jungen Verrall gegenüber, der eben aus dem hintern Abteil ausstieg. Sein Gesicht war vom Schein der großen Laternen des Automobils, die mit dem Schatten des Kometen kämpften, orangegelb überstrahlt und seltsam verzerrt. Diese Wirkung währte nur einen Augenblick, aber sie brachte mich aus der Fassung. Gleich darauf trat er einen Schritt vor, und die rötlichen Lichter und das Unheimliche verschwanden.

Ich glaube nicht, daß er mich erkannte, aber er merkte sofort, daß ich ihn anzugreifen gedachte. Er schlug sogleich aufs Geratewohl nach mir und traf mich an der Backe.

Instinktiv ließ ich die Pistole los, riß die rechte Hand aus der Tasche, hob sie zu einer verspäteten Gegenwehr und legte dann mit der Linken voll nach seiner Brust aus.

Er taumelte, und während er zurückfiel, sah ich, wie sich Erkennen und Erstaunen auf seinem Gesicht mischten.

»Sie kennen mich, Sie Schwein!« rief ich, und schlug noch einmal.

Dann flog ich halbbetäubt zur Seite. Eine Riesenfaust hatte mich unter dem Kiefer getroffen. Ich sah Lord Redcar als eine große Pelzmasse gleich einem homerischen Helden über dem Kampf aufragen. Ich stürzte zu Boden – es sah aus, als flöge er empor – und er beachtete mich nicht weiter. Seine mächtige helle Stimme rief dem jungen Verrall zu:

»Fort, Teddy! Es geht nicht! Die Streikwächter haben eiserne Stangen!«

Füße stolperten um mich her, irgendein Arbeiter stieß mit eisenbeschlagenen Stiefeln gegen meinen Knöchel und taumelte. Es folgten Schreie und Flüche, und dann war alles an mir vorübergefegt. Ich wälzte mich herum und sah den Chauffeur, den jungen Verrall und Lord Redcar – letzteren mit hochgehobenen, langen Pelzschößen – eine äußerst groteske Figur – einen hinter dem andern über die vom kalten Kometen erhellte Fläche auf die offenen Tore der Kohlengrube zuspringen.

Ich hob mich auf den Händen hoch.

Der junge Verrall!

Ich hatte meinen Revolver nicht einmal herausgezogen – ich hatte es vergessen. Ich war mit Kohlenschlamm bedeckt – Knie, Ellbogen, Schultern, Rücken. Und ich hatte nicht einmal meinen Revolver herausgezogen. ...

Ein Gefühl lächerlicher Ohnmacht überwältigte mich. Mühsam arbeitete ich mich auf die Füße.

Einen Moment zögerte ich, dem Eingang der Mine zugewandt; dann hinkte ich nach Hause, enttäuscht, schmerzerfüllt, verwirrt und beschämt. Ich hatte weder das Herz noch den Mut mehr, beim Zertrümmern und Verbrennen von Lord Redcars Automobil zu helfen.

 

IV.

In der Nacht störten mich Fieber, Schmerz, Ermattung – vielleicht auch nur die schlechte Verdauung meines Abendessens, das aus Brot und Käse bestanden hatte – aus einem qualvollen Schlaf auf; ich starrte der Verzweiflung ins Gesicht. Ich fühlte mich als eine in Trostlosigkeit und Schmach verlorene Seele, entehrt, mißhandelt, hoffnungslos. Auf mein Lager hingestreckt, raste ich gegen den Gott, den ich leugnete, und fluchte ihm.

Es lag in der Natur meines Fiebers, das schließlich nur halb Ermattung und Übelkeit und im übrigen der Aufruhr leidenschaftlicher Jugend war, daß Nettie, eine seltsam verzerrte Nettie, durch die kurzen Träume, die die Erschöpfung jener Nacht mir brachte, zu mir kam, um mein Elend zu krönen. Ich war mir mit überreizter Deutlichkeit der Intensität ihres physischen Reizes für mich, all ihrer Anmut und Schönheit bewußt; die ganze Stufenleiter meiner Sehnsucht und meines Stolzes ließ sie mich durchlaufen. Sie verkörperte meine verlorene Ehre. Nicht nur ein Verlust war es, sie zu verlieren, auch eine Schmach. Sie war das Leben, sie war alles, was mir versagt war. Sie verhöhnte mich als einen Gescheiterten, Besiegten. Mein Geist strebte empor zu ihr; und die Beule an meinem Kiefer glühte in dumpferer Hitze, und ich wälzte mich vor meinem Rivalen im Schmutz.

Es gab Momente, in denen mich etwas wie Wahnsinn packte; ich knirschte mit den Zähnen und krallte mir die Nägel ins Fleisch; ich hörte nur auf, zu fluchen und zu toben, weil ich keine Worte mehr fand. Einmal, gegen Morgen, stand ich auf und saß mit dem geladenen Revolver in der Hand vor meinem Spiegel. Schließlich erhob ich mich, legte die Waffe sorgfältig in meine Kommode und verschloß sie – so war sie jedem stürmischen Impuls unerreichbar. Darauf schlief ich eine kleine Weile.

Solche Nächte waren nichts Seltenes und Auffallendes in jener alten Weltordnung. Keine Stadt, keine Nacht das ganze Jahr hindurch, wo nicht inmitten der Schlafenden die Wachenden lagen und die Tiefen des Zorns und des Elends auskosteten. Tausend und aber Tausende litten in dieser Weise körperliche und geistige Qualen, die sie an die Grenzen des Wahnsinns führten, jeder von ihnen der Mittelpunkt einer verfinsterten und verlorenen Welt.

Den nächsten Tag verbrachte ich in dumpfer Schlaffheit.

Ich hatte an diesem Tag nach Checkshill gehen wollen; aber mein zerschundener Knöchel war zu geschwollen, als daß es möglich gewesen wäre. So saß ich denn in unserer schlecht erleuchteten Souterrainküche, mit verbundenem Fuß, und brütete vor mich hin und las. Meine gute alte Mutter pflegte mich. Ihre braunen Augen beobachteten mich, verwundert über mein grimmiges Schweigen, meine stirnrunzelnde Versunkenheit. Ich hatte ihr nicht erzählt, wieso mein Knöchel so zerschunden und meine Kleider so schmutzig waren. Sie hatte die Kleider, früh, eh ich aufstand, ausgebürstet.

Ach ja! Heute werden die Mütter nicht mehr so behandelt. Das muß mich wohl trösten! – Ich möchte wissen, inwieweit man sich eine Vorstellung machen kann von dem dunklen, unsaubern, unbehaglichen Raum mit dem kahlen Tannenholztisch, der zerrissenen Tapete, den Pfannen und Kesseln auf dem schmalen, billigen, aber keineswegs sparsamen Herd, der Asche unter dem Feuergitter und dem verrosteten eisernen Herdvorsetzer, auf dem meine verbundenen Füße ruhten! Ich möchte wohl wissen, ob das Bild, das man sich macht, dem finster dreinschauenden, blassen Burschen, der unrasiert und ohne Kragen im Lehnsessel saß, und der kleinen, furchtsamen, schmutzigen, aufopfernden alten Frau ähnlich ist, die mich umtrippelt, während die Liebe ihr aus den runzligen Augenlidern schaut. ...

Als sie um die Mitte des Vormittags ausging, um etwas Gemüse zu kaufen, brachte sie mir eine billige Zeitung mit. Sie war genau wie die, die hier vor mir liegen; nur war das Exemplar damals noch feucht von der Presse, und diese hier sind so dürr und brüchig, daß sie knistern, wenn ich sie bloß berühre. Ich habe ein Exemplar eben der Ausgabe, die ich an jenem Morgen las. Es war ein Blatt, das sich großartig das »Neue Blatt« nannte, aber jedermann kaufte und kannte es unter dem Namen der »Kläffer«. An jenem Morgen war es voll von verblüffenden Neuigkeiten und noch verblüffenderen Kopfzeilen, so, daß sie mich eine Weile sogar aus meinem egoistischen Brüten zu weiteren Interessen aufrüttelten. Es schien, daß England und Deutschland am Rand eines Krieges standen.

Von all den ungeheuerlichen, vernunftwidrigen Erscheinungen der früheren Zeit war sicherlich der Krieg die unsinnigste. In Wirklichkeit richtete er wahrscheinlich weit weniger Unheil an, als minder geräuschvolle Übel, wie zum Beispiel die allgemeine Duldung des privaten Grundbesitzes; aber seine schlimmen Folgen zeigten sich so deutlich, daß man sich selbst in jenen Tagen erstickenden Wirrwarrs schon über ihn wunderte. Der moderne Krieg hatte in keiner erdenklichen Beziehung einen Sinn. Abgesehen vom Hinschlachten und der Verstümmelung von einer Unmasse von Menschen, von der Vernichtung ungeheurer Materialmassen und der Verschwendung zahlloser Energieeinheiten war seine Wirkung gleich Null. Der alte Krieg wilder und barbarischer Nationen brachte wenigstens für die Menschheit eine Änderung mit sich. Man hielt sich körperlich und moralisch für einen überlegenen Stamm, lieferte seinen Nachbarn den Beweis dafür, nahm den Besiegten ihr Land und ihre Frauen und gestaltete seine Überlegenheit zu einer dauernden und ständig erweiterten. Der neue Krieg änderte nichts als die Farbe der Landkarte, die Zeichnung der Briefmarken und die Beziehungen zwischen einigen wenigen, zufällig hervorragenden Individuen. In einem der letzten dieser internationalen epileptischen Anfälle zum Beispiel besiegten die Engländer mittels vieler Dysenterie und schlechter Poesie, mit ein paar hundert in Schlachten Gefallenen, um den schweren Preis von rund dreitausend Pfund pro Kopf, die südafrikanischen Buren (sie hätten diese ganze abgeschmackte Nachäffung einer Nation für ein Zehntel der Summe aufkaufen können); und abgesehen von einigen Personalveränderungen, von der Verschiebung dieser Gruppe zum Teil käuflicher Beamter an die Stelle jener, war die bleibende Änderung ohne jegliche Bedeutung. (Dabei beging in Österreich ein erregbarer junger Mann Selbstmord, als schließlich Transvaal aufhörte, eine »Nation« zu sein!) Leute, die den Schauplatz jenes Krieges besuchten, als alles vorüber war, fanden die Bewohnerschaft unverändert, abgesehen von einer allgemeinen Verarmung und der Annehmlichkeit eines unbegrenzten Vorrats an ausgegessenen Konservenbüchsen, Stacheldraht und Patronenhülsen. Und unverändert, etwas erstaunt und kopfschüttelnd nahm man alle alten Gewohnheiten und Mißstände wieder auf – der Neger in seinem engen Kral, der Weiße in seinem häßlichen, schlecht ausgestatteten Blockhaus. ...

Aber wir in England sahen all dies – oder sahen es nicht – im Spiegel des »Neuen Blattes«, in der Beleuchtung des Wahnwitzes. Meine ganze Jugend von Vierzehn bis Siebzehn stand unter dem Bann jener ungeheuerlichen, lärmenden Nichtigkeiten, des Hurrageschreis, der Aufregungen, der Lieder, des Fahnenflatterns, der Leiden des hochherzigen Buller und des glorreichen Heldentums De Wets – (der immer entwischte – das war das Große an dem heroischen De Wet!) – und nie kam uns der Gedanke, daß die gesamte Bevölkerung, gegen die wir kämpften, der Zahl nach weniger als die Hälfte derer betrug, die innerhalb des Weichbildes der vier Städte ein beschränktes, klägliches Dasein führten. Aber vor und nach jenem dümmsten aller dummen Konflikte wuchs eine größere Gegnerschaft empor und entwickelte sich langsam und ruhig zu etwas Unvermeidlichem, entzog sich bald der Aufmerksamkeit, um sich bald nur um so nachdrücklicher von neuem zu zeigen, blitzte bald grell zu einer jähen Bedeutsamkeit auf und durchdrang und durchströmte bald irgendein neues Gedankengebiet: das war die Gegnerschaft zwischen Deutschland und Großbritannien.

Wenn ich an jenen ständig wachsenden Bruchteil von Lesern denke, die ganz in die neue Ordnung gehören, die nur mit unbestimmten Kindheitserinnerungen an die alte Welt aufwachsen, so wird es mir außerordentlich schwer, von den unverständlichen Wirrnissen zu schreiben, die für ihre Väter Tatsachen waren.

Auf der einen Seite wir Engländer, ein Volk von einundvierzig Millionen Menschen, in einem Zustand fast unbeschreiblicher, zielloser, wirtschaftlicher und moralischer Irrungen, denen abzuhelfen wir weder den Mut noch die Energie noch die Intelligenz, an die zu denken die meisten kaum das Herz hatten; dabei unsere Angelegenheiten hoffnungslos verquickt mit den völlig anders gearteten, gleichfalls zerfahrenen Verhältnissen von dreihundertundfünfzig Millionen über den Erdball zerstreuten, weiteren Menschen – – auf der andern Seite die Deutschen, sechzig Millionen, in einem um nichts besseren Zustand der Verwirrung; und in beiden Ländern die vorlauten kleinen Geister, die die Zeitungen leiteten, Bücher schrieben, Vorträge hielten und sich in jener Zeit des Weltwahnsinns für die Seele der Nation ausgaben, in einer Art teuflischer Einmütigkeit bestrebt, beide Völker aufzustacheln, mit Erfolg zu überreden, den kleinen gemeinsamen Vorrat an Material, an moralischer und intellektueller Energie, den jedes besaß, auf die rein zerstörende und verschwenderische Tätigkeit des Kriegs zu verwenden. Und – ich muß all diese Dinge anführen, selbst wenn man sie mir nicht glauben sollte, denn sie sind wesentlich für meine Erzählung – nicht ein Mensch war da, der irgendeinen dauernden Gewinn hätte anführen können, irgend etwas, was die bei einem Krieg zwischen den beiden Ländern unvermeidliche Vergeudung von Gut und Blut und alles andere Übel aufgewogen hätte, einerlei, ob nun England Deutschland vernichtete oder selber zerschmettert und überwältigt wurde, oder was auch sonst das Ende sein mochte.

Das Ganze war tatsächlich eine ungeheuerliche, unsinnige Besessenheit, es war, im Makrokosmos unserer Nation, merkwürdig ähnlich der egoistischen Wut und Eifersucht, die meinen individuellen Mikrokosmos beherrschten. Es kennzeichnete das Übermaß der primitiven Gefühlsregung gegenüber dem allgemeinen Intellekt, das Vermächtnis von zügelloser tierischer Leidenschaft, das wir durch unsere Abstammung überkommen haben. Genau so, wie ich zum Sklaven meines eigenen Überrumpeltseins und meiner Wut geworden war, und nun mit geladenem Revolver, zu unbestimmt mir vorschwebenden Verbrechen bereit, umherging, so tasteten diese beiden Nationen mit heißen Ohren und wirren Köpfen, die von Waffen starrenden Flotten und Heere furchtbar kampfbereit zur Hand, auf der Erde umher. Nur daß nicht einmal eine Nettie da war, die ihr sinnloses Gebaren hätte rechtfertigen können. Nichts lag von beiden Seiten vor als eine ganz imaginäre Rivalität.

Und die Presse war es, die hauptsächlich dazu beitrug, diese beiden riesigen Volksmengen gegeneinander aufzuhetzen.

Die Presse – jene Blätter; die uns jetzt so fremd anmuten, wie die »Reiche« und »Nationen« und »Trusts« und all die anderen großen, ungeheuerlichen Gebilde jener seltsamen Zeit – hatte sich ganz planlos und zufällig so entwickelt. Sie war aufgeschossen, wie Unkraut in verlassenen Gärten, wie unsere ganze Welt aufgeschossen war – weil kein klarer Wille darnach strebte, etwas Besseres zu erzielen. Gegen das Ende hin stand diese Presse fast ganz unter der Leitung jüngerer Leute von jenem übereifrigen, ziemlich unintelligenten Typ, der nie imstande ist, sich der eigenen Ziellosigkeit bewußt zu werden, der ein Nichts mit unglaublichem Stolz und Eifer verfolgt; und wenn man diese verrückte Periode, die der Komet zum Abschluß brachte, recht verstehen will, darf man nicht vergessen, daß jede Phase in der Herstellung dieser sonderbaren alten Zeitungen eine ganze Menge zielloser Energie auslöste und wie ein Wirbelsturm vor sich ging.

Ich will versuchen, in Kürze den Tageslauf einer Zeitung zu beschreiben.

Man denke sich also zunächst ein übereilig errichtetes, noch eiliger entworfenes Gebäude in einer schmutzigen, von Papierfetzen besäten Nebenstraße des alten London; darin ein Hin und Her schäbig gekleideter Menschen, die sich mit blitzartiger Geschwindigkeit bewegen. Und in dieser Fabrik Gruppen von Setzern mit behenden Fingern – immer waren die Setzer gehetzt –, die ihre Setzmaschinen und Pressen und Metallmassen in einer Art Hexenküche bearbeiteten. Darüber, in einem Bienenstock kleiner, hell erleuchteter Zimmer, Menschen mit wirren Haaren, die Feder in der Hand. Telephone klingeln, Telegraphen klappern, Boten eilen, erhitzte Menschen laufen hin und her mit Korrekturen und Abzügen. Dann ein rasselndes Getöse von Maschinen, die sich gegenseitig anstecken und immer schneller und schneller arbeiten, schwirren und stampfen – – Maschinisten, die seit ihrer Geburt nicht mehr Zeit gehabt haben, sich zu waschen, fliegen mit Ölkannen umher, während von den Rollen mit zitternder Hast das Papier abläuft. Der Besitzer der Zeitung kommt wie eine Bombe auf schnellem Automobil dahergesaust, springt, eh noch der Wagen hält, ab, stürzt, Briefe und Dokumente in die Hand gekrampft, ins Haus, fest entschlossen, jedermann aufs äußerste zu hetzen, und immer jedermann im Weg. Bei seinem Erscheinen springen selbst die wartenden Laufburschen auf und rennen hin und her. Und über dem ganzen Bild Zusammenstöße, Flüche, Mißverständnisse ... Alle Teile der komplizierten Maschine arbeiten hysterisch auf ein Crescendo von Hast und Aufregung hin, je mehr die Nacht vorrückt. Und schließlich ist das einzige, was in all diesen wild vibrierenden Räumen langsam geht, der Uhrzeiger.

Schließlich kommt die Herausgabe, der Zweck und das Ziel all der atemlosen Hast. Ein wilder Wirbel von Wagen und Menschen stürzt in den ersten Morgenstunden in die um diese Zeit noch dunkeln und verlassenen Straßen; aus allen Türen speit das Gebäude Papier. Ballen, Haufen, Ströme von Papier, die fortgerissen, umhergeworfen werden; das Ganze sieht aus wie ein offener Kampf. Dann mit Sturm und Rasseln nach Osten, Westen, Süden, Norden. Das Interesse tritt in die Außenwelt, die Leute aus den kleinen Zimmern gehen nach Hause, die Drucker zerstreuen sich gähnend, die Maschinen laufen langsamer. Das Blatt ist heraus. Der Herstellung folgt das Austragen; und wir folgen den Bündeln.

Unser Bild wird ein Bild des Verflatterns. Die Bündel stürmen auf Bahnhöfe, erhaschen um Haaresbreite noch Züge – hasten – fallen auseinander; kleinere Bündel werden mit wilder Treffsicherheit auf vorüberfliegende Plattformen geschleudert; dann eine Teilung der kleineren Bündel in noch kleinere, in Austragpakete, in einzelne Zeitungen; unbeachtet bricht die Morgenröte über dem großen Rennen und Schreien der Zeitungsjungen herein, die die Blätter in Briefkasten schieben, sie durch offene Fenster reichen, sie auf den Tischen der Zeitungskioske ausbreiten. Ein paar Stunden lang muß man sich das ganze Land mit weißen Punkten raschelnden Papiers übersät vorstellen; Plakate schreien die beschwingte Lüge des Tages aus; Männer und Frauen in der Eisenbahn, Männer und Frauen beim Frühstück, Männer am Kamin ihres Studierzimmers, Leute, die im Bett sitzen, Mütter und Söhne und Töchter, die warten, bis der Vater endlich fertig ist – – Millionen verstreuter Menschen lesen, lesen – Hals über Kopf – oder warten in fieberhaftem Eifer auf die Lektüre. Es ist, als hätte ein kraftvoller Wasserstrahl den weißen Papierschaum über die ganze Fläche des Landes geschwemmt ...

Und dann – wunderbar – – alles verschwunden! Absolut verschwunden, wie Meeresschaum auf dem Sand zerfließt.

Unsinn! Das Ganze nichts als ein lärmender, krampfhafter Anfall von Unsinn, verrückter Aufregung, von sinnlosem Unfug und von Kraftverschwendung – – ohne Sinn ...

Und eins von diesen weißen Partikelchen hielt ich in der Hand, während ich mit verbundenem Fuß vor dem eisernen Herdvorsetzer in der dunklen Souterrainküche meiner Mutter saß, aufgestört aus meinen persönlichen Nöten durch die kreischenden Kopfzeilen. Sie selber saß, während ich las, die Ärmel an den sehnigen Armen hochgestülpt, da, und schälte Kartoffeln.

Dies Papier war wie ein Bazillus aus einem Strom von Krankheitskeimen, die einen Körper durchdringen. Da saß ich – ein Körperchen im großen, ungestalten Leib des englischen Staats, eins von einundvierzig Millionen solcher Körperchen, und trotz all meiner Nöte packten mich diese wuchtigen Kopfzeilen, packte mich diese Zeitungshefe und versetzte mich in Gärung. Und über das ganze Land hin lasen an jenem Tag Millionen gleich mir, und stellten sich mit mir in Reih und Glied – alle unter dem gleichen magnetischen Zauber – – wie hieß es doch? – – »dem Feind entgegen!«

Der Komet war auf die obskure zweite Seite verbannt. Die Spalte mit der Überschrift: »Ein hervorragender Gelehrter äußert sich, daß der Komet auf die Erde stoßen werde. Was wird die Folge sein?« blieb ungelesen. »Deutschland« – – ich stellte mir dies mystische, feindselige Geschöpf meist als einen gepanzerten, steif-schnurrbärtigen, von schwarzen Wappenflügeln überschatteten und mit breitem Schwert bewaffneten Kaiser vor – – hatte unsere Flagge beschimpft. Das war die große Neuigkeit des »Neuen Blattes«! Irgend jemand hatte auf dem rechten Ufer eines tropischen Flusses, dessen Namen ich nie gehört hatte, die britische Flagge gehißt, und ein betrunkener deutscher Offizier hatte sie, auf einer unklaren Instruktion fußend, herabgerissen. Ferner war einer der so bequemen, zahlreichen Eingeborenen des Landes – unstreitig ein englischer Untertan – ins Bein geschossen worden. Klar waren die Tatsachen keineswegs. Nur das war klar, daß wir uns von Deutschland keine Unbill bieten lassen würden. Was auch geschehen oder nicht geschehen war – wir verlangten eine Entschuldigung, und offenbar dachte man drüben an keine Entschuldigung.

»Endlich Krieg?«

Das war die Kopfzeile. Und das Herz stimmte stürmisch zu ...

Es gab Stunden an jenem Tag, in denen ich Nettie völlig vergaß, in denen ich von Schlachten und Siegen zu Land und zu See träumte, von Granatfeuer und Verschanzungen, vom Massenmord vieler Tausende von Menschen ...

Aber am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg nach Checkshill – – in einem, wie ich noch weiß – seltsam hoffnungsvollen Gemütszustand; vergessen waren Streiks, Komet und Krieg.

 

V.

Ich möchte betonen, daß ich keinerlei feste Mordabsicht hatte, als ich nach Checkshill ging. Ich hatte überhaupt keine feste Absicht. In meinem Kopf jagten sich die verschiedensten dramatisch ausgedachten Pläne: Szenen des Drohens, der Denunziation, des Schreckens schwebten mir vor. Aber töten wollte ich nicht. Der Revolver sollte meinem Rivalen gegenüber wettmachen, was mir an Jahren und an Körperkraft abging ... Aber auch das war es im Grunde nicht ... Der Revolver ... ich nahm ihn mit, weil ich ihn nun einmal hatte, und weil ich ein törichter junger Bursch war! Er wirkte dramatisch. Ich hatte, wie gesagt, überhaupt keinen Plan.

Hin und wieder belebte mich auf diesem zweiten Marsch nach Checkshill eine neue, unsinnige Hoffnung. Ich war am Morgen mit der Hoffnung erwacht, – vielleicht war es die letzte, noch unverblaßte Spur eines vergessenen Traums – – daß Nettie sich vielleicht doch noch erweichen lassen würde, daß trotz allem Geschehenen – wie ich es mir ausdachte – ihr Herz mir noch freundlich gesinnt sei. Ich hielt es sogar noch für möglich, daß ich das, was ich gesehen hatte, überhaupt falsch gedeutet hatte. Vielleicht würde sie alles erklären. Aber bei alledem hatte ich doch meinen Revolver in der Tasche.

Anfangs hinkte ich; aber nach einer halben Stunde vergaß ich meinen Knöchel. Den Rest des Wegs konnte ich gut marschieren.

Wenn ich, trotz allem, mich schließlich doch irrte?

Noch dachte ich darüber her und hin, als ich schon durch den Park ging. An der Ecke des Gärtchens am Pförtnerhäuschen erinnerten mich ein paar verspätete blaue Hyazinthen an die Zeit, da Nettie und ich sie zusammen gepflückt hatten. Es schien mir unmöglich, daß wir auf immer auseinander gegangen sein sollten. Eine Woge von Zärtlichkeit überströmte mich, während ich durch die Schlucht zu den Stechpalmen ging. Aber dort verblaßte die liebliche Nettie meiner Knabenliebe, und eine neue Nettie stieg vor mir auf, die Nettie meines Verlangens, ich dachte an den Mann, den ich im Mondschein überrascht hatte, an das dunkle, heiße Ziel, das so machtvoll aus der Frische meines Frühlings emporgewachsen war, und meine Stimmung ward schwarz wie die Nacht.

Ich ging durch den Buchenwald und schritt mit entschlossenem und kummervollem Herzen auf den Garten zu. Als ich die grüne Pforte in der Gartenmauer erreichte, befiel mich eine Zeitlang ein so heftiges Zittern, daß ich den Riegel nicht heben konnte; ich hatte keinen Zweifel mehr, wie dies alles enden mußte. Dem Zittern folgte ein Gefühl von Kälte und Blässe und Mitleid mit mir selber. Ich war erstaunt, als ich mich dabei ertappte, wie ich mein Gesicht verzog, wie meine Wangen sich feuchteten; plötzlich gab ich mich einem wilden, leidenschaftlichen Weinkrampf hin. Ich mußte mir ein wenig Zeit nehmen, eh ich ihn überwunden hatte ... Ich wandte mich vom Tore ab, stolperte ein paar Schritte weiter und legte mich außer Sehweite in die Farnkräuter; da wurde ich bald wieder ruhig. Eine Zeitlang blieb ich liegen. Ich hatte halb und halb Lust, die ganze Sache aufzustecken. Schließlich aber verging meine Aufregung wie der Schatten einer Wolke, und ich trat sehr gefaßt in den Garten.

Durch die offene Tür eines der Gewächshäuser sah ich den alten Stuart. Er stand, die Hände in den Hosentaschen, gegen die Staffeln gelehnt und war so in Gedanken versunken, daß er mich gar nicht bemerkte.

Ich zögerte; dann ging ich langsam weiter, dem Haus zu.

Irgend etwas fiel mir als ungewöhnlich auf hier. Aber ich vermochte anfänglich nicht zu sagen, was es war. Eins der Schlafzimmerfenster stand offen, und die übliche kurze Jalousie hing an einer halb losgerissenen Messingstange schräg über dem leeren Raum. Das sah sonderbar vernachlässigt aus; denn für gewöhnlich war alles im Hause in pünktlichster Ordnung.

Die Tür stand weit offen; alles war still. Dem für gewöhnlich so ordentlichen Vorraum gaben – es war etwa halb drei Uhr nachmittags – drei schmutzige Teller mit gebrauchten Messern und Gabeln, die auf einem der Stühle standen, ein sonderbares Aussehen ...

Ich trat ein, blickte in die beiden an die Halle grenzenden Zimmer und blieb unschlüssig stehen.

Dann nahm ich den Türklopfer, pochte laut und ergänzte mein Klopfen durch ein freundschaftliches: »Hallo!«

Eine Weile antwortete niemand, und ich stand lauschend und erwartungsvoll da, die Finger an meiner Waffe. Dann schien sich oben jemand zu bewegen; und alles wurde wieder still. Die Spannung des Wartens schien meine Nerven zu stählen.

Eben legte ich die Hand zum zweitenmal an den Klopfer, als Puß unter der Haustür erschien.

Einen Moment starrten wir uns wortlos an. Ihr Haar war zerzaust, ihr Gesicht schmutzig, voller Tränenspuren und roter Flecken.

Sie sah mich mit hellem Erstaunen an. Ich dachte, sie würde etwas sagen; doch schon schoß sie wieder zum Hause hinaus.

»Aber Puß!« rief ich. »Puß!«

Ich folgte ihr zur Tür. »Puß! Was ist denn? Wo ist Nettie?«

Sie verschwand um die Ecke des Hauses.

Ich zögerte, ungewiß, ob ich ihr nachgehen sollte. Was bedeutete das alles? Dann hörte ich oben jemand.

»Willie?« rief Frau Stuarts Stimme. »Bist du's?«

»Ja,« antwortete ich. »Wo sind denn alle? Wo ist Nettie? Ich möchte sie sprechen!«

Sie antwortete nicht, aber ich hörte ihr Kleid rascheln, als sie sich bewegte. Ich schloß daraus, daß sie oben auf dem Treppenabsatz stand.

Ich blieb also am Fuß der Treppe stehen, in der Erwartung, sie werde herunterkommen.

Plötzlich erklang ein sonderbarer Laut – ein ganzer Schwall von Lauten – zusammenhangslos, überstürzt – wirr und formlos – die sich mühsam aus einer vom Schmerz zugeschnürten Kehle losrangen und schließlich in ein unartikuliertes Jammern übergingen. Trotzdem es aus einer Frauenkehle kam, klang es genau wie der lallende Ton eines weinenden Kindes. »Ich kann nicht!« sagte sie. »Ich kann nicht!« Das war alles, was ich unterscheiden konnte.

Meinen jungen Ohren klang es als der seltsamste Laut aus dem Mund dieser freundlichen, mütterlichen kleinen Frau, die mir hauptsächlich immer als eine unvergleichliche Kuchenbäckerin erschienen war. Erschreckt und aufs äußerste besorgt ging ich sofort zu ihr hinauf. Da stand sie, auf dem Treppenabsatz, an die Kommode neben ihrer offenen Schlafzimmertür gelehnt, und weinte.

Nie hatte ich so weinen sehen. Eine Strähne schwarzen Haars hatte sich gelöst und hing ihr über den Rücken; noch nie hatte ich gesehen, daß sie graue Haare hatte.

Als ich zu ihr trat, erhob sie ihre Stimme von neuem.

»O! daß ich es dir sagen muß, Willie! O, daß ich es dir sagen muß!«

Sie ließ den Kopf wieder sinken, und ein neuer Tränenstrom schwemmte alle weiteren Worte hinweg.

Ich sagte nichts; ich war zu bestürzt. Ich trat näher und wartete ...

Nie hatte ich so weinen sehen. Bis auf den heutigen Tag kann ich die unglaubliche Nässe ihres triefenden Taschentuchs nicht vergessen.

»Daß ich diesen Tag erleben muß!« klagte sie. »Tausendmal lieber säh ich sie tot zu meinen Füßen!«

Jetzt begann ich zu verstehen.

»Frau Stuart,« sagte ich mit heiserer Stimme, »was ist mit Nettie?«

»Daß ich diesen Tag erleben muß!« war ihre Erwiderung.

Ich wartete, bis ihre Verzweiflung ruhiger wurde.

Es wurde stiller. Ich vergaß die Waffe in meiner Tasche. Ich sagte gar nichts; aber plötzlich stand sie hoch aufgerichtet vor mir und wischte sich die geschwollenen Augen. »Willie!« schluchzte sie, »sie ist fort!«

»Nettie?«

»Fort! ... Weggelaufen! ... Weggelaufen von zu Hause! ... O Willie, Willie! Die Schande! Die Sünde und Schande!«

Sie lehnte sich schwer an meine Schulter, klammerte sich an mich und begann aufs neue zu wünschen, ihre Tochter läge tot zu ihren Füßen.

»Ruhig! ruhig!« sagte ich, während ein Zittern mein ganzes Wesen durchlief. »Wo ist sie hin?« fragte ich dann, so sanft ich konnte.

Aber sie war vorläufig mit ihrem eigenen Kummer beschäftigt, und ich mußte sie halten und trösten, während die Finsternis des Unwiderruflichen sich über meine Seele breitete.

»Wo ist sie hin?« fragte ich zum viertenmal.

»Ich weiß nicht – wir wissen es nicht. O Willie, gestern morgen ging sie fort. Ich sagte noch zu ihr: ›Du hast dich ja mächtig fein gemacht, Nettie, für einen Vormittagsbesuch!‹ ›Schöner Tag – schöne Kleider!‹ sagte sie, und das war ihr letztes Wort. – – Willie! Das Kind, das ich an meiner Brust gesäugt habe!«

»Ja, ja. Aber wohin ist sie?« fragte ich.

Sie schluchzte weiter und erzählte ihre Geschichte jetzt in hastigen, abgerissenen Worten. »Sie ging so fröhlich und strahlend fort – – fort für immer – – von uns. Sie lächelte, Willie ... als ob sie froh sei, wegzukommen ... (»Froh, wegzukommen!« wiederholte ich mit tonlosen Lippen.) ›Hast dich ja mächtig fein gemacht für den Vormittag,‹ sag' ich, ›mächtig fein!‹ ›Laß doch das Kind sich putzen,‹ sagte Vater, ›solang sie jung ist.‹ Und dabei hatte sie irgendwo ein Bündel mit ihren Sachen versteckt, um es mitzunehmen. Und so ging sie fort ... von uns ... für immer.«

Sie wurde ganz ruhig.

»Laß das Kind sich putzen!« wiederholte sie. »Laß das Kind sich putzen, solang sie jung ist! ... O! wie sollen wir weiterleben, Willie? ... Er läßt es sich nicht anmerken, aber er ist wie ein zu Tod getroffenes Tier. Er ist bis ins Herz verwundet. Immer war sie sein Liebling. Puß hat er nie so lieb gehabt. Und sie hat ihn verwundet ...«

»Wohin ist sie?« war meine Antwort auch darauf.

»Wir wissen es nicht. Sie verläßt ihr eigen Fleisch und Blut, sie vertraut sich ... O Willie! Das geht mir ans Leben! Ich wollte, wir lägen beide im Grab, ich und sie!«

»Aber ...« ich befeuchtete meine Lippen und sprach sehr langsam ... »vielleicht ist sie fort, weil sie heiraten will.«

» Wenn es so wäre! Ich habe zu Gott gefleht, daß es so sein möchte, Willie! Ich habe gebetet, er möge sich ihrer erbarmen ... er, bei dem sie jetzt ist, mein' ich.«

»Wer ist es?« stieß ich heraus.

»Sie sagt in ihrem Brief, es sei ein vornehmer Herr. Jawohl, ein vornehmer Herr.«

»In ihrem Brief? Hat sie geschrieben? Kann ich den Brief sehen?«

»Vater hat ihn.«

»Aber, wenn sie schreibt ... wann hat sie den Brief geschrieben?«

»Er ist heute morgen gekommen.«

»Aber woher? Sie wissen es ...«

»Das hat sie nicht gesagt. Sie sagt, sie sei glücklich. Sie sagt, die Liebe komme über einen wie ein Sturm ...«

»Zum Henker – wo ist der Brief! Zeigen Sie ihn mir! Und dieser Herr ...«

Sie starrte mich an.

»Sie wissen, wer es ist?«

»Willie!« wehrte sie ab.

»Sie wissen, wer es ist, ob sie's nun gesagt hat oder nicht!«

Ihre Augen leugneten stumm, aber ohne Überzeugungskraft.

»Der junge Verrall?«

Sie antwortete nicht. »Was ich für dich habe tun können, Willie,« ... begann sie darauf.

»Ist es der junge Verrall?« beharrte ich.

Eine Sekunde lang vielleicht standen wir uns in unverhülltem Verstehen gegenüber. Dann sank sie auf die Kommode zurück und auf ihr nasses Taschentuch, und ich wußte, sie suchte Schutz vor meinen unnachgiebigen Augen.

Mein Mitleid mit ihr verflog. Sie wußte, so gut wie ich, daß es der Sohn ihrer Herrschaft war. Und schon längst hatte sie es gewußt, gefühlt!

Einen Augenblick war ich unschlüssig. Mir ekelte vor Entsetzen und Abscheu. Plötzlich fiel mir der alte Stuart draußen im Treibhaus ein, und ich machte kehrt und ging hinaus. Dabei warf ich einen Blick zurück und sah Frau Stuart gebeugt und langsam in ihr Zimmer wanken.

 

VI.

Der alte Stuart bot einen kläglichen Anblick.

Ich fand ihn noch ebenso apathisch im Treibhaus, wie ich ihn zuerst gesehen hatte. Er rührte sich nicht, als ich mich näherte; er warf nur einen Seitenblick auf mich und starrte dann wieder auf die Blumentöpfe vor sich.

»Eh, Willie,« sagte er, »das ist ein schwarzer Tag für uns alle!«

»Was werden Sie tun?« fragte ich.

»Die Alte stellt sich so an,« sagte er. »Ich bin fortgegangen ...«

»Was gedenken Sie zu tun?«

»Was soll ein Mensch in solchem Fall tun?«

»Tun!« rief ich. »Guter Gott! Tun!«

»Er müßte sie heiraten,« sagte er.

»Bei Gott, ja!« rief ich. »Das muß er unter allen Umständen.«

»Er müßte wohl. Es ist – es ist fürchterlich. Aber was soll ich machen? Wenn er nicht will? Wahrscheinlich wird er nicht wollen. Und was dann?«

Er sank im Übermaß der Verzweiflung zusammen.

»Da ist unser Haus ...« fuhr er einem sprunghaften Gedankengang folgend, fort. »Unser Lebtag haben wir da gelebt, kann man sagen ... Ausziehen ... In meinem Alter! ... Man kann doch nicht im ersten besten Winkel sterben!«

Eine Weile stand ich vor ihm und überlegte, welche Gedanken sich wohl zwischen diesen abgerissenen Worten bergen mochten. Ich fand die Schlaffheit und den primitiven geistigen Standpunkt, auf den sie deuteten, abscheulich. Unvermittelt sagte ich:

»Sie haben ihren Brief?«

Er tauchte in seine Brusttasche und stand zehn Sekunden lang ganz starr; dann erwachte er wieder und zog den Brief hervor. Er nahm ihn ungeschickt aus dem Umschlag und reichte ihn mir schweigend.

»Nanu!« rief er, indem er mich zum erstenmal anblickte, »was ist denn mit deinem Kinn passiert?«

»Nichts,« sagte ich. »Eine Beule.« Und ich faltete den Brief auseinander.

Er war auf grünlichem Phantasiepapier geschrieben, mit der ganzen, noch gesteigerten Plattheit und Ungenauigkeit von Netties Ausdrucksweise. Ihre Handschrift zeigte keinerlei Spuren von Erregung. Sie war rund und steil und klar, als sei sie in einer Schreibstube geschrieben. Stets waren ihre Briefe wie Masken vor ihrem Bild, die gleich einem Vorhang vor den wechselnden Reiz ihres Antlitzes fielen; man vergaß den hellen Klang ihrer klaren Stimme, und stand überrascht einer verwirrenden Alltagserscheinung gegenüber, die in geheimnisvoller Weise Gewalt über Herz und Stolz gewonnen hatte. Wie lautete der Brief?

»Meine liebe Mutter!

Sei nicht traurig, daß ich fortgegangen bin. Ich bin gut aufgehoben und bei jemand, der mich sehr lieb hat. Es tut mir Euretwillen leid, aber es hat wohl so sein müssen. Die Liebe ist ein eigenwillig Ding und kommt über einen, wenn man es gar nicht denkt. Glaubt nicht, daß ich mich darum schäme; nein, ich bin stolz auf meine Liebe, und Ihr müßt Euch nicht zu sehr um mich grämen. Ich bin sehr, sehr glücklich (dick unterstrichen).

Die zärtlichsten Grüße an Vater und Puß.

Deine Dich liebende
Nettie.«

Das seltsame, kleine Dokument! Jetzt vermag ich es als das kindlich einfache Ding anzusehen, das es war; aber damals las ich es in einer unterdrückten, qualvollen Wut. Es stürzte mich in einen Abgrund hoffnungsloser Schmach; mir war, als wäre mein Stolz für immer zertrümmert, bis ich Rache genommen hatte. Ich starrte auf die runden, steilen Buchstaben und getraute mir nicht zu sprechen, mich nicht zu rühren. Schließlich warf ich einen verstohlenen Blick auf Stuart.

Er hielt das Kuvert in der Hand und starrte auf die Briefmarke zwischen seinen hornigen Daumennägeln. »Man sieht nicht mal, wo sie ist,« sagte er, und drehte es mit hoffnungsloser Miene zwischen den Fingern herum, um es dann ebenso hoffnungslos aufzugeben. »Es ist hart für uns, Willie! Unsere Nettie. Über nichts hatte sie sich zu beklagen. Sie war unser aller Liebling. Nicht einmal bei der Hausarbeit brauchte sie mitzuhelfen. Und geht davon und verläßt uns wie ein Vogel, dem die Flügel gewachsen sind. Vertraut uns nicht – – das ist's, was an mir frißt! Gibt sich ... Na ja! Was soll nun mit ihr werden?«

»Was soll mit ihm werden?«

Er schüttelte den Kopf, um anzudeuten, daß dies Problem über seine Kräfte gehe.

»Sie werden ihr folgen,« sagte ich mit ruhiger Stimme. »Sie werden ihn zwingen, sie zu heiraten.«

»Wohin soll ich gehen?« fragte er hilflos und hielt mir das Kuvert hin. »Und was könnte ich machen? Selbst, wenn ich wüßte ... Wie könnt' ich den Garten verlassen?«

»Großer Gott!« rief ich. »Den Garten verlassen! Es geht um Ihre Ehre, Mann! Wenn sie meine Tochter wäre ... wenn sie meine Tochter wäre ... Ich risse die Welt in Stücke! ...« Es würgte mich im Hals. »Das wollen Sie sich gefallen lassen?«

»Was soll ich machen?«

»Ihn zwingen, sie zu heiraten! Mit der Hundepeitsche, sage ich! Mit der Hundepeitsche! Erdrosseln würd' ich ihn!«

Er strich sich langsam über die behaarte Wange, öffnete den Mund und schüttelte den Kopf. Dann sagte er in einem unerträglichen Ton schwerfälliger und milder Weisheit: »Leute wie wir, Willie, können so was nicht tun!«

Ich war der Raserei nahe. Ich verspürte einen wilden Drang, ihm ins Gesicht zu schlagen. Einmal, als Kind, hatte ich einen Vogel gefunden, den eine Katze furchtbar verstümmelt hatte, und fast unsinnig vor Mitleid und Entsetzen hatte ich ihn getötet. Jetzt überkam mich eine Aufwallung derselben Empfindung, als diese schmählich verstümmelte Seele vor mir im Staube flatterte. Und dann schaltete ich ihn einfach aus der Sache aus.

»Darf ich sehen?« fragte ich.

Er hielt mir das Kuvert widerstrebend hin.

»Da ist es,« sagte er und deutet mit seinem rauhen Zeigefinger: I.  A. P. A. M. P. »Kannst du da was draus machen?«

Ich nahm es in die Hand. Die aufgeklebte Marke, wie man sie in jenen Tagen benutzte, war von einem runden Stempel verdeckt, der den Namen des Aufgabeorts und das Datum trug. Der Aufdruck war in diesem Fall zu leicht oder der Stempel zu wenig befeuchtet gewesen, so daß die Hälfte der Buchstaben keine Spur hinterlassen hatten. Ich konnte unterscheiden:

IAP AMP

und darunter sehr deutlich D. S. O.

Eine blitzartige Eingebung ließ mich den Namen augenblicklich erraten. Es war Shaphambury. Sogar die Lücken halfen mit dazu, den Namen herauszufinden. Vielleicht auch waren, halb sichtbar, noch andere Buchstaben vorhanden, oder wenigstens andeutende Spuren. Ich wußte, der Ort lag irgendwo an der Ostküste, in Norfolk oder Suffolk.

»Aber ...« rief ich ... und hielt inne.

Wozu es ihm sagen?

Der alte Stuart blickte mir scharf, ich glaube fast, ängstlich ins Gesicht. »Du ... hast du's heraus?« fragte er.

Shaphambury! Ich würde es mir merken!

»Du glaubst doch nicht, daß du's hast?« fragte er weiter.

Ich gab ihm das Kuvert zurück.

»Ich dachte einen Augenblick, es könnte Hampton sein,« sagte ich.

»Hampton!« wiederholte er. »Hampton! wie bringst du nur Hampton heraus?« Er drehte das Kuvert um. » H. A. M. – – na, Willie, du bist noch weniger nutz als ich!«

Damit schob er den Brief wieder in das Kuvert und richtete sich auf, um es in die Brusttasche zurückzustecken.

Da ich in dieser Sache auch nicht das Geringste dem Zufall überlassen wollte, nahm ich einen Bleistiftstumpf aus meiner Westentasche, wandte mich ein wenig von dem Alten ab und schrieb ganz rasch den Namen »Shaphambury« auf meine ausgefranste und ziemlich schmutzige Manschette.

»So!« sagte ich dann mit möglichst gleichgültiger Miene, als habe ich nichts von Bedeutung getan.

Dann wandte ich mich mit irgendeiner nebensächlichen Bemerkung zu ihm, die ich vergessen habe.

Aber was es auch gewesen sein mag – ich kam mit meinem Satz nicht zu Ende.

Ich blickte auf und sah eine dritte Person unter der Treibhaustür stehen.

 

VII.

Es war die alte Frau Verrall.

Ich weiß nicht, ob ich dem Leser ein richtiges Bild von ihr zu geben vermag. Sie war eine kleine alte Dame mit seltsam flachshellem Haar; ihre schwächlichen Adlerzüge waren zu einer gekünstelten Würde verzogen, und sie war sehr »kostbar« gekleidet. Dies »kostbar gekleidet« möchte ich unterstreichen oder die Worte in verschnörkelten, altirischen oder gotischen Lettern drucken lassen. Heutzutage kleidet sich kein Mensch mehr so kostbar, wie sie; niemand, weder alt noch jung, leistet sich jetzt mehr einen so unauffälligen und doch so ausgesprochenen Luxus. Man darf dabei keineswegs an besonders schöne Linien oder hervorragende Schönheit und Pracht der Farben denken. Die vorherrschenden Farben waren Schwarz und Pelzbraun, und der Eindruck des Reichtums beruhte einzig auf der äußersten Kostbarkeit der verwendeten Stoffe. Sie bevorzugte Seidenbrokate mit reichen und kunstvollen Mustern, überaus kostbare schwarze Spitzen über cremefarbenem oder violettem Atlas, kunstvolle Besätze, durch die sich Samt und Seidenfäden wanden, und im Winter die seltensten Pelze. Ihre Handschuhe saßen tadellos, und ostentativ einfache Ketten aus feinstem Gold und aus Perlen, sowie eine große Menge Armbänder schmückten ihre kleine Person. Man konnte nicht umhin, zu fühlen, daß das Geringste, was sie trug, mehr kostete, als die ganze Garderobe von einem Dutzend Mädchen vom Schlag Netties; ihr Hut machte den Eindruck jener Einfachheit, die kostbarer ist als Rubinen. Reichtum, das ist der Hauptzug an dieser alten Dame, den ich hervorheben möchte; der zweite war ihre Reinlichkeit. Man fühlte, die alte Frau Verrall war wundervoll reinlich. Wenn man meine arme, gute alte Mutter einen ganzen Monat lang in Sodawasser gekocht hätte, sie wäre nicht so rein geworden, wie Frau Verrall immer und ersichtlich war. Und ihr ganzes Wesen durchdringend leuchtete ihre dritte große Eigenschaft hervor; ihre felsenfeste Zuversicht auf die respektvolle Unterordnung der sie umgebenden Welt.

An jenem Tage war sie blaß und ein bißchen außer Atem, aber das beeinträchtigte ihr Selbstvertrauen keineswegs; und mir war ganz klar, daß sie gekommen war, um mit Stuart über den Ausbruch von Leidenschaft zu reden, der den Abgrund zwischen ihren beiderseitigen Familien überbrückt hatte.

Ich merke hier wieder einmal, daß ich in einer für jüngere Leser fremden Sprache schreibe. Wer nur die Welt kennt, die auf die große Wandlung folgte, wird gar manches, was ich erzähle, undenkbar finden. In diesen Dingen kann ich mich nicht, wie ich es zur Bestätigung anderer Dinge getan habe, auf die alten Zeitungen berufen; denn über sie schrieb niemand, weil sie für jedermann selbstverständlich waren und jedermann zu ihnen Stellung genommen hatte. In England und in Amerika, ja in der ganzen Welt, gab es zwei große, offiziell nicht fest formierte Gruppen menschlicher Wesen – die Gesicherten und die Nichtgesicherten. In beiden Ländern gab es keinen Adel – hatte ihn nie gegeben – es war und ist noch ein weitverbreiteter Irrtum, daß die englischen Peers adlig waren – – es gab weder dem Gesetz noch der Sitte nach adlige Familien; und vor allem fehlte uns – wie man das zum Beispiel in Rußland fand – ganz das Institut des armen Adels. Die Peerswürde war ein erblicher Besitz, der, wie der Landbesitz der Familie, nur auf den ältesten Sohn eines Hauses überging; sie strahlte nicht den Glanz einer noblesse obligue aus. Der Rest der Welt war nach Gesetz und Sitte bürgerlich – – und bürgerlich war ganz Amerika. Aber durch den privaten Landbesitz, der sich in England aus der Vernachlässigung der Lehensverpflichtungen und in Amerika aus dem absoluten Mangel an politischem Weitblick ergeben hatte, waren große Ländermassen auf künstliche Weise dauernd in die Hände einer kleinen Minorität gelangt, der man alle neuen öffentlichen und privaten Unternehmungen verpfänden mußte, und die keine Amts- oder Standestradition zusammenhielt, sondern einzig die natürliche Sympathie gemeinsamer Interessen und ein gemeinschaftlicher Luxus der Lebensführung. Es war eine Klasse ohne irgendwelche bestimmte Grenzen. Kräftige Individualitäten drängten sich beständig mittels größtenteils gewaltsamer und fragwürdiger Operationen aus den Reihen der Ungesicherten in die der Gesicherten; und Söhne und Töchter der Gesicherten sanken durch Verheiratung mit Ungesicherten, durch wilde Verschwendung oder offenkundiges Laster in das Leben der Not und Entbehrung herab, das das Leben der Menschheit im allgemeinen war. Der Rest der Bevölkerung besaß kein Land und hatte, wenn er nicht direkt oder indirekt für die Gesicherten arbeitete, kein gesetzliches Daseinsrecht. So groß war die Seichtheit und Unzulänglichkeit unseres Denkens, so stark der dumpfe Egoismus all unserer Empfindungen vor jenen letzten Tagen, daß nur sehr wenige unter den Gesicherten daran zweifelten, daß dies die natürliche und einzig denkbare Ordnung der Welt sei.

Das Leben der Ungesicherten und der alten Ordnung ist es, das ich hier zu schildern versuche, und ich hoffe, ich gebe dem Leser doch eine Vorstellung von seiner hoffnungslosen Bitternis. Freilich muß man ja nicht denken, daß die Gesicherten ein Leben paradiesischen Glückes führten. Der Abgrund von Unsicherheit unter ihren Füßen machte sich fühlbar, auch Wenn er nicht klar erfaßt ward. Das ganze Leben um sie her war so häßlich. Man konnte dem Anblick unschöner, widerwärtiger Häuser, schlecht gekleideter Menschen, dem Geschrei vulgärer Händler, die die landläufigen Gebrauchsgegenstände fürs Volk ausposaunten, nicht entgehen. Unter der Schwelle ihres Gedankenlebens lag etwas Unheimliches. Sie dachten nicht nur nicht klar in volkswirtschaftlichen Fragen, sondern verrieten sogar eine instinktive Abneigung überhaupt darüber nachzudenken. Ihre Sicherheit war nicht so vollkommen, daß ihnen nicht doch die Furcht geblieben wäre, selber in den Abgrund zu stürzen. Sie banden sich mit stets neuen Rettungsseilen fest, die Pflege ihrer Verbindungen, ihrer Interessen, das Streben, ihre Stellung zu sichern und zu verbessern war eine ständige, niederziehende Sorge. Man muß Thackeray lesen, wenn man ganz in die Atmosphäre ihres Lebens eindringen will. Jede Generation klagt über den Verfall der »Dienstbotentreue«, die keine Generation je mit Augen gesehen hat! Eine Welt, die in einem Winkel unsauber ist, ist überall unsauber. Aber das begriff keiner. Sie glaubten nicht, daß irgend etwas reichlich genug vorhanden sei auf der Welt, um allen zuteil zu werden. Sie glaubten, dies sei nun einmal Gottes Wille und eine unabänderliche Bedingung dieses Lebens, und hielten leidenschaftlich und mit einem Gefühl des Rechts an ihrem unverhältnismäßig großen Anteil fest. Sie unterhielten als »die Gesellschaft« einen gemeinsamen Verkehr aller praktisch Gesicherten untereinander; die Wahl des Wortes allein kennzeichnet die Art ihrer Philosophie. Aber wenn man sich in diese fremdartigen Ideen versetzt, auf denen das alte System beruht, wird man einen Maßstab haben für das Grauen, das diese Leute vor Heiraten mit Ungesicherten hegten. Bei ihren Töchtern und Frauen kamen sie nur außerordentlich selten vor, und bei beiden Geschlechtern sah man sie als unselige soziale Verbrechen an. Alles andere lieber als das!

Man kann sich vorstellen, welch entsetzliches Schicksal während jener letzten dunklen Tage nur zu wahrscheinlich das Los jedes Mädchens der ungesicherten Klasse war, das liebte und ohne Heirat dem Trieb der Selbsthingabe folgte. Und man wird die eigenartige Lage Netties dem jungen Verrall gegenüber verstehen. Eins von beiden hatte zu leiden. Und da sie alle beide in einem Zustand großer Gefühlserregung zu ungewöhnlicher gegenseitiger Großherzigkeit fähig waren, so blieb es eine offene Frage und für eine Mutter von Frau Verralls Stellung geradezu eine Quelle großer Besorgnis, ob der leidende Teil nicht vielleicht ihr Sohn sein, ob jenes leidenschaftliche unverantwortliche Verhältnis nicht dahin führen werde, daß Nettie eines Tages als zukünftige Herrin von Checkshill Towers zurückkehrte. Die Wahrscheinlichkeit sprach zwar gegen diesen Schluß; immerhin kamen aber solche Dinge vor.

Ich weiß wohl, diese Gesetze und Sitten hören sich an wie eine Erzählung von den Einfällen eines boshaften Narren, und doch waren sie unumstößliche Tatsachen in jener verschwundenen Welt, in die mich der Zufall meiner Geburt gesetzt hatte; und als Wahnwitz verhöhnte man die Träume von einer besseren Ordnung. Man denke! Dies Mädchen, das ich von ganzer Seele liebte, für das ich mein Leben zu opfern bereit war, war nicht gut genug, den jungen Verrall zu heiraten! Und ich brauchte nur sein glattes, hübsches, charakterloses Gesicht anzusehen, um in ihm ein Geschöpf zu erkennen, das schwächer und keineswegs besser war als ich! Sie sollte seine Lust sein, bis es ihm beliebte, sie wegzuwerfen, und das Gift unsres sozialen Systems hatte sie so durchdrungen – sein Frack, sein Herrentum, sein Geld erschienen ihr so vornehm, und ich dagegen so ganz in Schmutz gehüllt – daß sie sich auch durch diese Aussicht nicht abschrecken ließ. Und wenn man gegen die sozialen Verhältnisse, die zu derartigen Zuständen führten, ankämpfte, so nannte man das »Klassenneid«, und hochgeborene Prediger tadelten uns wegen jeder noch so milden Form eines Protests gegen eine Ungerechtigkeit, die heute kein lebender Mensch mehr dulden oder ausnützen würde.

Was hatte es für einen Sinn, nach »Frieden« zu rufen, wenn doch kein Friede war? Wenn im Wirrwarr jener alten Welt eine Hoffnung blieb, so lag sie in der Empörung, im Kampf bis zum Tod!

Wenn man die schmähliche Verzerrtheit des alten Lebens wirklich erfaßt, so wird man auch bald verstehen, welche Deutung ich sofort dem Erscheinen der alten Frau Verrall geben mußte.

Sie war gekommen, um dem Unheil durch einen Kompromiß vorzubeugen!

Und die Stuarts wünschten einen Kompromiß – das sah ich nur zu gut!

Beim Gedanken an die bevorstehende Unterhandlung zwischen Stuart und seiner Herrin trieb ein ungeheurer Abscheu mich zu einem ganz heftigen und unvernünftigen Benehmen. Um keinen Preis wollte ich es mit anhören, nicht einmal Stuarts erste Gebärde dabei wollte ich sehen!

»Ich gehe!« sagte ich und wandte ihm ohne weiteren Abschied den Rücken.

Meine Rückzugslinie führte an der alten Dame vorüber, und so ging ich auf sie zu.

Ich sah ihren Ausdruck sich verändern; ihr Mund öffnete sich, ihre Stirn zog sich in Falten, ihre Augen wurden ganz rund. Offenbar hatte sie mich schon auf den ersten Blick unheimlich gefunden, und irgend etwas in der Art, wie ich auf sie zuging, benahm ihr den Atem. Sie stand auf der obersten der drei Stufen, die ins Gewächshaus führten, wich aber, als fühle sie sich durch die Rücksichtslosigkeit meines Ansturms in ihrer Würde verletzt, ein paar Schritte zurück.

Es fiel mir gar nicht ein, sie zu grüßen.

Und doch grüßte ich sie – gewissermaßen. Es ist hier nicht der Ort, mich wegen der an sie gerichteten Worte zu entschuldigen. Ich lege dem Leser die Dinge vor, wie sie sind, und wenn ich sie nur lebendig genug darstellen kann, wird man auch verstehen und verzeihen. In mir war ein brutales, überwältigendes Verlangen, sie zu beschimpfen.

Und so redete ich denn diese arme, kleine, kostbare Dame an, indem ich sie in meiner Leidenschaft als Vertreterin ihrer ganzen Klasse auffaßte:

»Ihr verdammten Landräuber,« sagte ich ihr mitten ins Gesicht, »kommt ihr, um ihnen Geld zu bieten?«

Und ohne sie auf ihre Schlagfertigkeit im Entgegnen zu prüfen, schritt ich ungestüm an ihr vorüber und verschwand mit geballten Fäusten aus ihrem Gesichtskreis.

Ich habe seither versucht, mir vorzustellen, was für einen Eindruck diese Begegnung auf sie gemacht haben muß. Soweit ihre persönliche Welt in Frage kam, war ich ja überhaupt nicht vorhanden gewesen, oder hatte nur als ein dunkles, schwarzes Wesen, als ein bedeutungsloser Fleck existiert, der irgendwo dahinten, weit weg, ihr fremd und gleichgültig, durch ihren Park ging – bis zu dem Augenblick, in dem sie gelassen, wenn auch sorgenvoll den ihr gehörigen Garten betrat, um Stuart aufzusuchen. Da ward ich mit einem Mal in dem grünwandigen, mit Backsteinen gepflasterten Gang zu einem schlecht gekleideten, finster blickenden jungen Menschen, der sie anstarrte und mit drohenden Brauen auf sie zuging. Einmal vorhanden, entwickelte ich mich rapide. Ich ward perspektivisch größer und mit jedem Moment bedeutungsvoller, unheimlicher. Ich kam mit unbegreiflicher Feindseligkeit, in respektloser Haltung, die Stufen herauf, wuchs über sie empor, ward, wenigstens für einen Augenblick, zu einer Art zweiter französischer Revolution, indem ich meinen innersten Gefühlen in jenen boshaften und unbegreiflichen Worten Luft machte ... Eine Sekunde lang drohte ich tatsächlich mit Vernichtung. Glücklicherweise war das der Höhepunkt ...

Dann war ich an ihr vorüber, und die Welt war für sie so ziemlich, wie sie immer gewesen war, nur daß der Auftritt mit mir ihr einen wirren Schwindel, ein leises Gefühl der Unsicherheit hinterließ ...

Eins kam mir nie in den Sinn in jenen Tagen, nämlich, daß ein großer Teil der Reichen in vollstem guten Glauben reich war. Ich glaubte, sie sähen die Dinge genau so wie ich und leugneten sie nur aus Gemeinheit. In Wahrheit war die alte Frau Verrall so wenig imstande, am guten Recht ihrer Familie auf die Herrschaft über weite Landstriche zu zweifeln, wie sie die bestehenden Landesgesetze kritisch prüfen oder gegen irgendeinen der demantenen Pfeiler hätte angehen können, auf denen ihre Welt so sicher ruhte.

Mein Verhalten erschreckte und ängstigte sie ohne Zweifel fürchterlich; aber erklären konnte sie es sich nicht.

Niemand aus ihrer Klasse überhaupt schien die unheimlich fahlen Blitze des Hasses zu verstehen, die hin und wieder das wimmelnde Dunkel zu ihren Füßen erhellten. Das sprang einen Moment lang aus der Finsternis hervor und verschwand wieder, wie eine drohende Gestalt auf öder Straße, die sekundenlang im Laternenschein eines verspäteten Wagens aufleuchtet und dann wieder verschlungen wird von der Nacht. Sie sahen all dergleichen als nächtlichen Spuk an und bemühten sich, zu vergessen, was ja offenbar ebenso bedeutungslos wie störend war ...

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