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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
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Zweites Kapitel: Nettie

 

I.

Ich weiß nicht mehr, welcher Zeitraum zwischen jenem Abend, an dem Parload mir zum erstenmal den Kometen zeigte – – ich glaube, ich tat nur so, als sähe ich ihn – – und dem Sonntagnachmittag lag, den ich in Checkshill verbrachte.

Zwischen beiden Ereignissen hatte ich Zeit genug, um Rawdon zu kündigen und zu verlassen, sehr eifrig und vergeblich nach einer neuen Stellung zu suchen, viele harte und heftige Dinge zu denken und sie meiner Mutter und Parload zu sagen, und manchen Tag tiefsten innerlichen Elends durchzumachen. Mit Nettie muß ein leidenschaftlicher Briefwechsel erfolgt sein, aber all jenes Schäumen und Wüten ist aus meinem Gedächtnis entschwunden. Nur eins weiß ich noch deutlich: ich schrieb ihr einen großartigen Abschiedsbrief und sagte mich auf immer von ihr los. Als Antwort erhielt ich ein knappes kleines Billett: selbst wenn alles zu Ende sein müßte, so sei dies kein Grund, Dinge zu schreiben, wie ich es getan hätte, worauf ich, so viel ich weiß, in einem Stil zurückschrieb, den ich für satirisch hielt. Darauf antwortete sie nicht mehr. Es war eine Zwischenzeit von mindestens drei, wahrscheinlich aber vier Wochen; denn der Komet, der bei jener ersten Gelegenheit nur ein zweifelhafter Fleck am Himmel und jedenfalls nur unter Vergrößerung zu sehen gewesen war, war jetzt ein großer weißer Schein, heller als der Jupiter, und warf einen eigenen Schatten. Er war jetzt ein Faktor in der Welt des menschlichen Denkens, jedermann sprach von ihm, jedermann schaute nach seinem wachsenden Glanz aus, sobald die Sonne unterging – die Zeitungen, die Tingeltangel, die Anschlagsäulen hallten von ihm wider.

Der Komet herrschte längst, noch eh ich zu Nettie ging, um mich mit ihr auszusprechen. Parload hatte zwei aufgesparte Goldstücke daran gewandt, sich ein Spektroskop zu kaufen, damit er Nacht für Nacht jene geheimnisvolle, aufregende Linie beobachten konnte – die unbekannte Linie in Grün. Ich möchte wissen, wie oft ich nach jenem verwischten, zitternden Symbol unbekannter Dinge, das da aus der unmenschlichen Leere auf uns zuhastete, geblickt haben mag, bis ich rebellierte. Jedenfalls hielt ich es schließlich nicht mehr aus und machte Parload bittere Vorwürfe, daß er seine Zeit mit »astronomischem Dilettantismus« verschwende.

» Wir,« sagte ich, »wir stehen am Rand eines der größten Ausstände in der Geschichte dieser Gegend; es kommen Hunger und Not, das ganze kapitalistische Konkurrenzsystem ist wie eine entzündete Wunde, und du schlägst deine Zeit damit tot, daß du den verdammten, albernen Streifen nachts da am Himmel anstaunst!«

Parload starrte mich an. »Ja,« sagte er langsam, als sei das ein ganz neuer Gedanke. »Nicht wahr? ... Ich möchte wissen weshalb!«

» Ich möchte auf Howdens Bauplatz abendliche Versammlungen zuwege bringen.«

»Meinst du, sie würden zuhören?«

»Sie würden schon scharf genug aufhorchen, jetzt!«

»Früher haben sie's nicht getan,« sagte Parload mit einem Blick auf sein geliebtes Instrument.

»Sonntag war eine Demonstration von Arbeitslosen in Swathinglea. Sie haben zuletzt mit Steinen geworfen.«

Parload sagte eine kleine Weile nichts, während ich weiterredete. Er schien zu überlegen.

»Aber schließlich,« sagte er dann, mit einer linkischen Bewegung auf sein Spektroskop weisend, »das bedeutet etwas.«

»Der Komet?«

»Ja.«

»Was soll er bedeuten? Du willst wohl gar, ich soll an Astrologie glauben? Wer kümmert sich drum, was am Himmel flammt, wenn auf Erden die Menschen verhungern?«

»Es ist – es ist Wissenschaft!«

»Wissenschaft! Was wir jetzt brauchen, ist Sozialismus – und nicht Wissenschaft!«

Es schien ihm noch immer nicht zu passen, daß er seinen Kometen aufgeben sollte.

»Der Sozialismus ist ganz gut und schön,« sagte er, »aber wenn der da droben wirklich mit der Erde zusammenstoßen sollte, so könnte das doch von Bedeutung sein.«

»Nichts ist von Bedeutung, als die Menschen.«

»Wenn er sie aber alle tötet!«

»Oh!« sagte ich, »das ist Blech!«

»Ich weiß nicht,« meinte Parload, sehr im Konflikt mit sich selber, zu welcher Fahne er halten sollte.

Er blickte auf den Kometen und schien auf dem Sprung, seine wachsenden Kenntnisse von der Nähe der Erd- und Kometenbahn und allem, was daraus folgen konnte, nochmals auszukramen. Daher fiel ich mit einem Satz ein, den ich aus einem jetzt vergessenen Schriftsteller namens Ruskin hatte, einem Vulkan von schöner Sprache und unsinnigen Behauptungen, der zu jener Zeit großen Einfluß auf redselige, erregbare junge Leute hatte. Es war eine Sentenz über die Bedeutungslosigkeit der Wissenschaft und die souveräne Wichtigkeit des Lebens. Parload hörte zu, halb zum Himmel gewandt, die Fingerspitzen auf sein Spektroskop gelegt. Er schien zu einem plötzlichen Entschluß zu kommen.

»Nein, ich bin nicht deiner Meinung, Leadford,« sagte er. »Von Wissenschaft verstehst du nichts.«

Parload verstieg sich selten zu einer so offenen Meinungsverschiedenheit. Ich war so daran gewöhnt, jedes Gespräch völlig zu beherrschen, daß sein kurzer Widerspruch mich wie ein Hieb traf. »Nicht meiner Meinung!« wiederholte ich.

»Nein,« sagte Parload.

»Aber wieso?«

»Ich glaube, die Wissenschaft ist von größerer Bedeutung als der Sozialismus,« sagte er. »Der Sozialismus ist eine Theorie. Die Wissenschaft – die Wissenschaft ist mehr.«

Und das war tatsächlich alles, was er zu sagen imstande schien.

Wir gerieten nun in eine jener wunderlichen Erörterungen, die unwissende junge Menschen von jeher so aufregend gefunden haben. Wissenschaft oder Sozialismus? Es war ja natürlich, als streite man darüber, was richtiger sei, Linkshändigkeit oder eine Vorliebe für Zwiebeln; die Gegenüberstellung war ganz unmöglich. Aber mit meiner unversiegbaren Rhetorik brachte ich es schließlich soweit, Parload zu erbittern, und seine einfache Ablehnung meiner Folgerungen genügte, um mich rasend zu machen. Wir schlossen in der Tonart eines richtigen Streits. »Schön!« sagte ich. »So weiß ich wenigstens, wo ich dran bin!«

Ich warf die Tür krachend ins Schloß, als ob ich sein Haus in die Luft sprengen wollte, und ging wütend die Straße hinab; aber ich fühlte, er stand schon wieder am Fenster in Verzückung vor seiner verdammten Linie in Grün – noch eh ich um die Ecke war.

Eine Stunde oder mehr mußte ich marschieren, bis ich kühl genug war, um nach Hause zu gehen.

Und dabei war es Parload, der mich zuerst in den Sozialismus eingeführt hatte!

Der Abtrünnige!

Die erstaunlichsten Dinge schwirrten mir in jenen wilden Tagen durch den Kopf. Ich gestehe, an jenem Abend drehten sich meine Gedanken hartnäckig um eine Revolution nach bestem französischem Muster. Ich saß in einem Wohlfahrtskomitee und verhörte die Verräter. Parload war unter den Gefangenen, der verräterischste der Verräter; zu spät sah er ein, daß er auf falschem Wege war. Die Hände waren ihm auf den für die Schlachtbank bestimmten Rücken gebunden, durch die offene Tür hörte man die Stimme der Gerechtigkeit, der rauhen Gerechtigkeit des Volkes. Es tat mir leid, aber ich hatte meine Pflicht zu tun.

»Wenn wir diejenigen bestrafen, die uns an Könige verraten,« sagte ich mit trauervollem Nachdruck, »wieviel mehr müssen wir dann diejenigen bestrafen, die den Staat der Jagd nach nutzlosem Wissen überliefern möchten!« Und mit düsterer Befriedigung sandte ich ihn auf die Guillotine.

»Ah, Parload, Parload! Hättest du früher auf mich gehört, Parload!« ...

Nichtsdestoweniger machte dieser Streit mich äußerst unglücklich. Parload war mein einziger Gesprächsgenosse, und es wurde mir sehr schwer, mich Abend für Abend von ihm fernzuhalten und schlecht von ihm zu denken, ohne einen Menschen, der mir zuhörte.

Es war eine höchst jammervolle Zeit für mich, auch schon vor meinem letzten Besuch in Checkshill. Die langen, arbeitslosen Stunden lagen schwer auf mir. Ich hielt mich den ganzen Tag über von zu Hause fern, teils um den Schein aufrechtzuerhalten, als suche ich nach einer neuen Stellung, teils um der beharrlichen Frage in den Augen meiner Mutter auszuweichen. »Weshalb hast du dich mit Rawdon überworfen? Weshalb? Weshalb läufst du immerwährend mit finsterem Gesicht umher und erregst noch mehr Anstoß?« Den größten Teil des Morgens verbrachte ich im Zeitungsraum der öffentlichen Bibliothek, schrieb unmögliche Bewerbungen um unmögliche Stellungen – ich entsinne mich, daß ich unter anderm einer Firma von Privatdetektivs meine Dienste anbot – einer Gesellschaft von dunklen Ehrenmännern, die ihren Erwerb aus gemeinen, jetzt glücklicherweise aus der Welt verschwundenen Eifersüchteleien zogen. Ferner schrieb ich bei Gelegenheit eines Inserats, das »Stauer« suchte, ich wisse zwar nicht, welches die Pflichten eines »Stauers« seien, sei aber fähig und gern bereit, es zu lernen. Nachmittags und abends durchwanderte ich die seltsamen Lichter und Schatten meines Heimattals, voll Haß gegen die ganze Schöpfung. Bis meinen Wanderungen ein Ziel gesteckt ward durch die Entdeckung, daß meine Stiefel durchgelaufen waren.

Ah! Die stagnierende, schleichende Malaria jener Zeit!

Ich weiß, ich war ein übellauniger, schlecht veranlagter junger Mensch, mit einer stark entwickelten Fähigkeit zum Haß, aber – – Es gab eine Entschuldigung für den Haß!

Es war unrecht von mir, daß ich Individuen haßte, daß ich roh, hart, rachsüchtig gegen diesen oder jenen war; und doch wäre es tatsächlich ebenso unrecht gewesen, hätte ich ohne Groll hingenommen, was das Leben mir so handgreiflich bot. Heute sehe ich ruhig und klar, was ich damals dunkel und mit unausgeglichener Heftigkeit empfand: daß meine Verhältnisse unerträglich waren. Meine Arbeit war langweilig und mühsam und nahm einen unsinnigen Teil meiner Zeit in Anspruch; ich war schlecht gekleidet, schlecht ernährt, schlecht logiert, schlecht unterrichtet und schlecht erzogen. Mein Wille war bis zur Folterqual unterdrückt und gehemmt; ich hatte keinerlei vernünftigen Eigenstolz und keinerlei vernünftige Aussicht, jemals irgend etwas besser zu machen. Es war ein Leben, das kaum des Lebens wert war. Daß ein großer Teil der Menschen um mich her auch kein besseres Los hatte, daß viele ein noch schlimmeres trugen, änderte an diesen Tatsachen nichts. Es war ein Leben, in dem Zufriedenheit eine Schmach gewesen wäre. Wenn einer oder der andere zufrieden war oder resigniert – um so schlimmer für alle. Ohne Zweifel war es übereilt und töricht von mir, daß ich meine Stellung aufgab; aber alles war in unserer sozialen Organisation so offensichtlich ziellos und töricht, daß ich keineswegs geneigt bin, mich selbst darum zu tadeln, es sei denn darum, weil es meiner Mutter weh tat und Sorge machte. Man denke nur an die eine allesumfassende Tatsache des Ausstandes!

Jenes Jahr war ein schlechtes Jahr, ein Jahr weltumfassender wirtschaftlicher Auflösung. Infolge des Mangels an einer intelligenten Leitung hatte der große amerikanische Eisentrust, eine Schar energischer, enggeistiger Hüttenbesitzer, weit mehr Eisen geschmolzen, als die ganze Welt verbrauchen konnte. (Es gab zu jener Zeit kein Mittel, irgendwelchen Bedarf solcher Art vorher abzuschätzen.) Sie hatten dies getan, ohne die Eisenfabrikanten irgendwelcher anderer Länder auch nur zu Rate zu ziehen. Während dieser Periode der Aktivität hatten sie eine große Anzahl von Arbeitern in ihren Dienst genommen und eine riesenhafte Produktionsanlage errichtet. Es ist selbstverständlich nur gerecht, daß Menschen, die so überstürzte, bornierte Dinge tun, dafür leiden müssen; aber in jenen Tagen war es ganz gut möglich, ja sogar gang und gäbe, daß die eigentlichen Schuldigen bei derartigen Zusammenbrüchen die Folgen ihrer Unfähigkeit fast ganz von sich schoben. Niemand hielt es für Unrecht, wenn ein leichtfertiger »Industriekönig«, der seine Arbeiter zur Überproduktion geführt hatte, das heißt zu unverhältnismäßiger Anfertigung irgendeines einzelnen Gegenstandes, diese Arbeiter dann im Stich ließ und fortschickte; ebensowenig war zu verhindern, daß er urplötzlich irgendeinen Konkurrenten im Preis unsinnig unterbot, um dessen Handel zu überrumpeln und zu ruinieren, sich die Kunden für den eigenen, ausgedehnten Bedarf zu sichern und einen Teil der eigenen Strafe auf ihn abzuladen. Diese Operation – dies krankhafte Unterbieten war unter dem Namen »Preisdrücken« bekannt. Die amerikanischen Eisenfabrikanten drückten also damals auf den englischen Markt. Die englischen Arbeitgeber hielten sich für ihre Verluste natürlich so gut es ging an ihren Arbeitern schadlos; dazu agitierten sie für eine Gesetzgebung, die nicht das törichte Übermaß der Produktion, sondern das »Drücken« – nicht das Übel selbst, sondern nur dessen Folgen beheben sollte. Das nötige Wissen, um das Drücken oder seine Ursache, die unverhältnismäßige Produktion zu verhindern, fehlte; aber das fiel für sie kaum ins Gewicht. Ihren Bedürfnissen gemäß war eine seltsame Partei von Schutzzöllnern entstanden, die unbestimmte Vorschläge zu etwas krampfhaften Antworten auf diese ruckweisen Angriffe fremder Fabrikanten mit der sehr ersichtlichen Absicht, finanzielle Krisen hervorzurufen, verbanden. Die unehrlichen und abenteuerlichen Elemente in dieser Bewegung waren tatsächlich so ins Auge fallend, daß sie die allgemeine Atmosphäre des Mißtrauens und der Unsicherheit wesentlich erhöhten, und gegenüber der Aussicht, daß die Fiskalmacht dieser Klasse von Menschen in die Hände fallen könnte, die man als »Neue Finanzleute« bezeichnete, hörte man erschreckte altmodische Staatsmänner voll Leidenschaft behaupten, es gebe überhaupt kein »Drücken«, oder aber dies Drücken sei eine sehr erfreuliche Sache. Niemand hatte Lust, der ziemlich verworrenen Wahrheit der Sache ins Auge zu sehen und sie anzupacken. Das Ganze wirkte auf den Geist eines kühlen Beobachters wie ein Volk wesenloser, schnatternder Geister, die über eine Reihenfolge von zwecklosen, ökonomischen Sintfluten schwebten; Preise und Arbeit purzelten durcheinander wie Türme bei einem Erdbeben; und inmitten der ständig wechselnden Massen lebten die Arbeiter ihr Leben weiter so gut sie konnten, leidend, bedrängt, unorganisiert, unfähig zu allem außer zu leidenschaftlichem fruchtlosem Protest. Für den Leser von heute wäre es hoffnungslos, den unendlichen Mangel an Ordnung im damaligen Stand der Dinge verstehen zu wollen. Zu einer Zeit starben in Indien die Menschen tatsächlich Hungers, während man in Amerika unverkaufbaren Weizen verbrannte. Es klingt wie der Bericht über einen ganz besonders verrückten Traum, nicht? Und es war ein Traum, ein Traum, aus dem kein Mensch auf Erden jemals hoffen durfte, zu erwachen. ...

Uns Jungen in all dem Wirklichkeitssinn und Rationalismus der Jugend, schien es, als ob die Streiks und Ausstände, die Überproduktion und das Elend unmöglich nur eine Folge der Unwissenheit, des Mangels an Überlegung und Empfindung sein könnten. Wir brauchten dramatischere Faktoren, als solche Geistesnebel, solche bloß in der Luft schwebenden Teufel. Darum nahmen wir unsere Zuflucht zum gewöhnlichen Auskunftsmittel aller unglücklichen Nichtswisser – zu dem Glauben an hartherzige, sinnlose Verschwörungen – wir nannten es »Verschwörungen« – gegen die Armen.

Wie wir es uns vorstellten, kann man noch heut in jedem Museum sehen, wenn man die Karikaturen von Kapital und Arbeit nachschlägt, die die deutschen und amerikanischen sozialistischen Blätter jener Zeit zierten.

 

II.

Ich hatte Nettie in einer wortreichen Epistel den Abschied gegeben, hatte mir wirklich eingebildet, die Geschichte sei für immer abgetan – »ich bin fertig mit den Weibern!« erklärte ich Parload – und es folgte nun ein Schweigen von mehr als einer Woche.

Noch ehe die Woche vorüber war, fragte ich mich in steigender Erregung, was nun zunächst zwischen uns beiden geschehen werde.

Ich merkte, daß ich beständig an Nettie dachte, sie mir ausmalte – zuweilen mit grausamer Befriedigung, zuweilen mit liebender Reue –, daß ich voll Trauern und Bedauern mir über den endgültigen Bruch klar wurde, der zwischen uns entstanden war. Im Grund meines Herzens glaubte ich so wenig, daß es zwischen uns zu Ende sei, wie ich ans Ende der Welt glaubte. Hatten wir nicht Küsse getauscht, hatten wir nicht zärtliche Flüsterstunden miteinander erlebt, miteinander unsere jungfräuliche Scheu überwunden? Natürlich gehörte sie mir, natürlich gehörte ich ihr, und Trennung und endgültiger Streit, Härte und Entfremdung waren nichts als Schnörkel um diese ewige Tatsache. So wenigstens empfand ich die Situation, soviel ich auch darüber nachdachte.

So oft meine Phantasie zu arbeiten begann, während jene Woche zu Ende ging – immer tauchte ganz selbstverständlich Nettie darin empor. Den ganzen Tag dachte ich immer wieder an sie, des Nachts träumte ich von ihr. Sonnabend Nacht träumte ich sehr lebhaft von ihr. Ihr Antlitz war gerötet und feucht von Tränen, ihr Haar ein bißchen zerzaust; und als ich zu ihr sprach, wandte sie sich ab. Irgendwie hinterließ dieser Traum in meinem Gemüt ein Gefühl von Angst und Sorge. In der Frühe wütete in mir ein brennender Durst nach ihrem Anblick. An jenem Sonntag wünschte meine Mutter ganz besonders, ich möchte mit ihr zur Kirche gehen. Sie hatte dafür einen doppelten Grund: sie glaubte, es würde ganz sicher einen günstigen Einfluß auf mein Suchen nach einer Stellung in der kommenden Woche haben; und dazu hatte Mr. Gabbitas, mit einem gewissen geheimnisvollen Blick hinter seiner Brille hervor versprochen, er wolle sehen, was er für mich tun könne, und sie wollte ihn an dies Versprechen erinnern. Ich willigte erst halb ein, dann aber übermannte mich die Sehnsucht nach Nettie. Ich sagte also meiner Mutter, ich würde nicht zur Kirche gehen und machte mich gegen elf Uhr auf, um zu Fuß die siebzehn Meilen nach Checkshill zurückzulegen.

Es erhöhte die Anstrengung des langen Marsches sehr erheblich, daß alsbald die Sohle meines einen Stiefels an den Zehen absprang; und als ich das lose Stück abgeschnitten hatte, trat sich ein Nagel durch und begann mich zu foltern. Aber jedenfalls sah der Stiefel nach der Operation wieder anständig aus und verriet mein Unbehagen äußerlich nicht mehr. In einem kleinen Wirtshaus unterwegs ließ ich mir etwas Brot und Käse geben, und gegen vier Uhr war ich im Park zu Checkshill. Ich ging nicht auf der Straße, am Haus vorbei und dann hinüber zu den Gärten, sondern über einen Hügel hinter dem zweiten Försterhäuschen, einen Pfad, den Nettie ihren Weg zu nennen pflegte. Es war nur ein Wildpfad. Er führte durch ein Miniaturtal und durch eine reizende Schlucht, in der wir uns oft getroffen hatten, dann in einen von Stechpalmen eingezäunten schmalen Weg und an der Gartenhecke entlang.

Jener Gang durch den Park, eh ich auf Nettie stieß, steht mir sehr lebhaft in Erinnerung. Der lange Marsch, der vorherging, hat sich zu einem bloßen Eindruck von staubiger Straße und schmerzenden Stiefeln verwischt; aber das Farntal und der plötzliche Tumult von Zweifeln und ungewohnter Erwartung, der mich überfiel, steht jetzt als etwas Bedeutungsvolles vor mir, etwas Unvergeßliches, etwas für den Sinn alles Folgenden Wesentliches. Wo würde ich sie treffen? Was würde sie sagen? Schon früher hatte ich mir diese Fragen gestellt und auch eine Antwort gefunden. Jetzt tauchten sie wieder auf, mit neuen Folgerungen im Schlepptau, und ich fand keine Antwort mehr auf sie. Während ich mich Nettie näherte, hörte sie auf, die bloße Zielscheibe meiner egoistischen Selbstbespiegelung, die Hüterin meines Mannesstolzes zu sein – sie verdichtete sich und ward zu einer ganz eigenen Persönlichkeit, einer Persönlichkeit und einem Geheimnis, einer Sphinx, der ich ausgewichen war, nur um sie aufs neue zu suchen.

Es wird mir nicht leicht, die Art und Weise, in der man in der alten Welt liebte, so zu beschreiben, daß sie heute verständlich ist.

Wir jungen Leute wurden tatsächlich in keiner Weise für den Aufruhr und die Erregungen der Reife vorbereitet. Die ganze Welt fand sich der Jugend gegenüber zu einer Verschwörung aufreizenden Schweigens zusammen. Keinerlei Einweihung erfolgte. Es gab Bücher, Erzählungen von einer merkwürdig konventionellen Art, die gewisse Dinge in jedem Liebeshandel betonten und den natürlichen Wunsch darnach in hohem Grade verschärften: volles Vertrauen, vollste Treue, lebenslängliche Hingebung. Vieles von den komplizierten Wesentlichkeiten der Liebe wurde ganz verheimlicht. Man las all das, sah gelegentlich das eine oder andere, wunderte sich, vergaß es wieder; und so wuchs man auf. Dann plötzlich seltsame Erregungen, neue, beängstigende Wünsche, seltsame, mit Empfindung belastete Träume; ein unerklärlicher Drang nach Selbstvergessenheit fing an ganz wunderlich die vertrauten, rein egoistischen und materialistischen Dinge der Knaben- und Mädchenjugend zu durchsickern. Wir glichen irrgeführten Wanderern, die im trockenen Bett eines Tropenstroms ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Plötzlich waren wir bis an die Knie, bis an den Hals im Wasser. Unser eigenstes Wesen drängte plötzlich aus uns heraus – und suchte andere Wesen – warum, das wußten wir nicht. Der neue Trieb nach Hingabe an ein Wesen des andern Geschlechts riß uns fort. Wir waren beschämt und doch voll Begierde. Wir verbargen ihn wie ein schuldbewußtes Geheimnis, und waren doch entschlossen, ihn aller Welt zum Trotz zu befriedigen. Und in diesem Zustand trieben wir auf die zufälligste Art irgendeinem andern blindlings suchenden Lebewesen entgegen und schlossen die Kette der werdenden Atome.

Wir waren im Bann der Bücher, die wir lasen, im Bann des Geredes, das ringsum ertönte: einmal die Kette geschlossen, für immer die Kette geschlossen! Später entdeckten wir dann, daß der andere Teil ebenfalls ein Egoismus war, ein Ich von Gedanken und Empfindungen, die nicht mit den unsern übereinstimmten. ... So stand es, wie gesagt, mit der Jugend meiner Klasse und mit den meisten jungen Menschen unserer Welt. Und so geschah es, daß ich an jenem Sonntag Nachmittag Nettie suchte und sie ganz plötzlich vor mir sah mit ihrer leichten Gestalt, ihrer weiblichen Schlankheit, ihren braunen Augen, ihrem süßen, weichen jungen Gesicht unter dem schattenden Rand ihres Strohhuts – die reizende Venus, die, wie ich beschlossen hatte, ganz und ausschließlich mein eigen sein sollte.

Da stand sie, noch ohne meine Nähe zu ahnen, sie, die für mich der Inbegriff des Weiblichen, die Verkörperung des Lebensinhalts war – und dabei ein unbekanntes Andere, eine Persönlichkeit wie ich. ...

Sie hielt ein kleines Buch in der Hand, offen, als lese sie im Gehen. So sah es aus; in Wirklichkeit stand sie ganz still, blickte nach der grauen, mit Flechten überwucherten Hecke und – wie ich heute glaube – lauschte. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, leis geschwungen zum Schatten eines süßen Lächelns.

 

III.

Mit lebhafter Deutlichkeit entsinne ich mich, wie seltsam sie zusammenschrak, als sie das Rascheln meiner näherkommenden Schritte vernahm, wie sie überrascht war, wie ihre Augen mich fast angstvoll trafen. Ich glaube, ich könnte jedes der bedeutungsvollen Worte wiederholen, die sie während unserer Begegnung sagte, und auch das meiste von dem, was ich zu ihr sprach. Wenigstens scheint es mir so; möglich, daß ich mich täusche. Aber ich will den Versuch nicht machen. Wir waren beide zu unerzogen, um ganz auszusprechen, was wir dachten; wir prägten unsere Gefühle in plumpe, landesübliche Phrasen. Der besser unterrichtete Leser von heute würde unser Meinen nicht mehr verstehen. Das Gespräch müßte ihm leer erscheinen. Aber unsere ersten Worte möchte ich wiedergeben, weil sie – obgleich sie mir damals nichts sagten, später so viel bedeuteten.

» Du, Willie!« sagte sie.

»Ich bin gekommen,« sagte ich – in einem Nu vergaß ich all die schön durchdachten Dinge, die ich hatte sagen wollen – »ich dachte, ich wollte dich überraschen ...«

»Mich überraschen?«

»Ja.«

Sie starrte mich einen Augenblick an. Ich sehe noch ihr reizendes Gesicht, wie es mich anblickte – ihr undurchdringliches, liebes Gesicht. Sie lachte ein sonderbares kleines Lachen und wurde einen Augenblick ganz blaß; sobald sie gesprochen hatte, kehrte die Farbe wieder in ihre Wangen zurück.

»Mich überraschen? Wobei?« sagte sie mit erhöhter Stimme.

Ich war viel zu sehr mit meinen eigenen Erklärungen beschäftigt, als daß ich gemerkt hätte, was in ihren Worten lag.

»Ich wollte dir sagen,« redete ich weiter, »daß ich das, was ich in meinem Brief geschrieben habe, nicht eigentlich so meinte. ...«

 

IV.

Als Nettie und ich sechzehn waren, waren wir gleichaltrig und vollständig Altersgenossen gewesen. Jetzt waren wir ein und dreiviertel Jahre älter und sie hatte sich fast völlig verwandelt, während ich noch immer am Beginn des langsamen Reifens zum Manne stand.

Im Nu überblickte sie die Situation. Die verborgenen Triebfedern ihres rasch gereiften kleinen Geistes entwarfen blitzschnell einen intuitiven Aktionsplan. Sie behandelte mich mit der unübertrefflich verständnisvollen Geschicklichkeit, die ein junges Weib einem Knaben gegenüber hat.

»Aber, wie bist du denn hergekommen?« fragte sie.

Ich berichtete, ich sei zu Fuß gekommen.

»Zu Fuß!« Im nächsten Moment führte sie mich nach dem Garten zu. Ich müsse ja müde sein. Ich müsse sofort mit ihr nach Hause gehen und mich ausruhen. Es sei überhaupt gleich Teezeit (die Stuarts tranken nach guter alter Sitte um fünf Uhr Tee). Alle würden sich ja so wundern, wenn sie mich sähen! Unglaublich – zu Fuß! Unglaublich! Aber ein Mann machte sich ja vermutlich nichts aus siebzehn Meilen! Wann ich nur aufgebrochen sei? Und all das aus gemessener Entfernung, ohne mich auch nur mit der Hand zu streifen.

»Aber – Nettie – ich bin gekommen, um mit dir zu reden!«

»Lieber Junge! Erst Tee, bitte! Und außerdem – reden wir etwa nicht?«

Der »liebe Junge« war ein neuer Ton, der mir sonderbar klang.

Sie beschleunigte ihre Schritte ein wenig.

»Ich wollte dir auseinandersetzen – –« begann ich.

Was ich ihr auch auseinandersetzen wollte, ich kam nicht dazu. Ich redete ein paar zusammenhangslose Dinge, auf die sie mehr durch ihren Tonfall als durch Worte antwortete.

Als wir schließlich an der Hecke vorüber waren, ließ ihre Eile etwas nach; und wir gelangten über die Böschung unter den Buchen hinab in den Garten. Sie hielt im Gehen ihre klaren offenblickenden Mädchenaugen auf mich gerichtet; so schien es wenigstens; jetzt weiß ich es besser als damals – sie blickte hin und wieder über mich weg nach der Hecke. Und hinter ihren hastigen, zusammenhangslosen Worten dachte sie – dachte – – –

Schon ihr Kleid bezeichnet das Ende ihrer Verwandlung.

Ob ich es noch zu schildern vermag?

Wohl kaum, fürchte ich, in Ausdrücken, wie eine Frau sie gebrauchen würde. Aber ihr glänzendes braunes Haar, das ihr früher in einem dicken, mit einem roten Band zusammengebundenen Zopf über den Rücken herabhing, war jetzt über dem kleinen Ohr, der Wange und den weichen, langen Linien ihres Nackens zu einem Gewirr reizender Wellen aufgenommen; ihr weißes Kleid fiel ihr bis auf die Füße; die schlanke Taille, die früher lediglich ein geographischer Begriff gewesen war, eine imaginäre Linie wie der Äquator, war jetzt ein Etwas voll biegsamer Schönheit. Vor einem Jahr noch war sie ein hübsches Mädchenantlitz gewesen, das aus einem unscheinbaren, von einem Paar sehr flinker und kräftiger Beine in braunen Strümpfen getragenen Kleidchen hervorguckte. Jetzt entwickelte sich da ein seltsamer, neuer Körper, der in schwellendem Selbstbewußtsein unter ihren Kleidern erblühte. Jede Bewegung, besonders die neue Gebärde von Hand und Arm nach den ungewohnten langen Röcken, um sie zusammenzuraffen, und ein anmutiges Sichvorwärtsneigen, das sie sich angewöhnt hatte, war eine sanfte Lockung für meine Augen. Ein ganz feiner Schal – ich glaube, man nennt es Schal – aus grünem Seidenkrepp, den ein neuerwachter Instinkt sie um die Schultern schlingen gelehrt hatte, schmiegte sich bald eng an die jungen Rundungen ihres Körpers, bald flatterte er einen Moment im Windhauch auf und kam, wie ein scheuer, selbständiger Fühler, der mir ein Geheimnis anvertrauen wollte, in flüchtige Berührung mit meinem Arm.

Sie zog ihn an sich und schalt ihn aus.

Wir schritten durch das grüne Tor in der hohen Gartenmauer. Ich hielt es offen für sie – das gehörte zu meinem armseligen Vorrat steifer Höflichkeit, und eine Sekunde lang streifte sie mich beinah. Dann kamen wir zu den gutgepflegten Reihen von Blumenbeeten beim Häuschen des Obergärtners und den Gewächshäusern zur Linken. Wir gingen zwischen den Einfassungen der Frühbeete und den Begonienländern durch, gelangten in den Schatten einer Buchsbaumhecke – kaum zwanzig Schritt von dem Goldfischteich, an dessen Rand wir uns Treue gelobt hatten – und kamen so zu der von Glyzinien überwucherten Haustür.

Die Tür stand weit offen und sie trat vor mir ein.

»Ratet,« rief sie, »wer gekommen ist!«

Ihr Vater antwortete etwas Unverständliches aus dem Wohnzimmer, und ein Stuhl krachte, woraus ich schloß, daß er in seinem Mittagsschlaf gestört war.

»Mutter!« rief sie mit ihrer hellen, jungen Stimme, »Puß!«

Puß war ihre Schwester.

Sie erzählte ihnen nun im Ton der Verwunderung, daß ich zu Fuß den ganzen Weg von Clayton her gekommen sei, und alle sammelten sich um mich und äußerten ebenfalls ihre Überraschung.

»Du solltest dich lieber setzen, Willie,« sagte ihr Vater, »da du nun doch einmal da bist. Wie geht's deiner Mutter?«

Er sah mich mit einem sonderbaren Blick an, während er das sagte.

Er trug seinen Sonntagsanzug aus einer Art bräunlichem Tuch; die Weste des bequemeren Schlummers wegen aufgeknöpft. Er war ein braunäugiger, blühender Mann, und ich sehe noch den Schimmer der goldroten Haare, die seiner Wange entsproßten und mit dem Bart zusammenflossen. Er war klein, aber kräftig gebaut; Kinn- und Schnurrbart war das Größte an ihm. Nettie hatte alles, was schön an ihm war, geerbt: die helle Hautfarbe, die klaren, nußbraunen Augen; sie verband damit eine gewisse Raschheit, die von der Mutter stammte. Ihrer Mutter entsinne ich mich als einer scharfäugigen Frau von großer Geschäftigkeit; mir ist jetzt, als habe sie immer nur Essen aufgetragen oder abgedeckt oder eine ähnliche Arbeit verrichtet. Gegen mich war sie, sowohl um meiner Mutter als auch um meiner selbst willen, stets freundlich und entgegenkommend. Puß war ein junges Ding von vierzehn Jahren, dessen Hauptmerkmale in meiner Erinnerung ein Paar kecke, helle Augen und eine blasse Hautfarbe, wie die der Mutter, sind.

All diese Menschen waren sehr gut zu mir, und es herrschte unter ihnen allgemein die manchmal äußerst schmeichelhaft zum Ausdruck kommende Überzeugung, daß ich »gescheit« sei. Jetzt umstanden sie mich alle, als wüßten sie nicht recht, was mit mir anfangen.

»Setz dich!« sagte Netties Vater. »Bring ihm einen Stuhl, Puß!«

Wir unterhielten uns – ziemlich steif; augenscheinlich waren alle von meinem plötzlichen Auftauchen – bestaubt, müde und blaß – überrascht. Nettie blieb nicht da, um die Konversation im Gang zu erhalten.

»Nein!« rief sie plötzlich, scheinbar ärgerlich. »Ich sag' es ja!« und damit schoß sie zum Zimmer hinaus.

»Lieber Himmel, was für ein Mädchen!« sagte Mrs. Stuart. »Ich weiß nicht, was sie hat!«

Es verging eine halbe Stunde, bis Nettie zurückkam. Mir schien es eine lange Zeit und doch war sie gelaufen, denn sie war ganz außer Atem, als sie kam. Ich hatte mittlerweile gelegentlich die Bemerkung fallen lassen, daß ich meine Stellung bei Rawdon aufgegeben habe.

»Ich kann Besseres beanspruchen!« sagte ich.

»Ich hatte mein Buch in der Schlucht vergessen!« sagte Nettie atemlos. »Ist der Tee fertig?« Das war ihre ganze Entschuldigung.

Aber auch als der Tee kam, wollte kein rechtes Behagen aufkommen.

Der Tee im Haus des Gärtners war eine ernsthafte Mahlzeit – große Kuchen und kleine Kuchen, Eingemachtes und Obst – ein ganzer Tisch voll guter Sachen. Da saß ich nun, finster, linkisch, befangen, verwirrt von dem unerklärlichen, unbekannten Etwas an Nettie, redete wenig und starrte sie nur über den Kuchen weg düster an. Die ganze Beredsamkeit, die ich durch vierundzwanzig Stunden aufgespeichert hatte, war irgendwo im Hintergrund meines Bewußtseins jämmerlich versunken. Netties Vater versuchte mich zum Sprechen zu bringen; ihm gefiel meine Gabe der fließenden Rede, denn ihm selber kamen die Gedanken schwer; es machte ihm Vergnügen und überraschte ihn, wenn er hörte, wie ich meine Ansichten ausschüttete. Ich war auch, glaube ich, bei den Stuarts tatsächlich noch geschwätziger als bei Parload, obgleich ich der Welt gegenüber ein schüchterner junger Tölpel war. »Das solltest du aufschreiben für die Zeitungen,« pflegte Mr. Stuart zu sagen. »Wirklich! Meiner Lebtag hab ich nicht solch unsinniges Zeug gehört!«

Oder: »Ein Maulwerk hast du, junger Mann! Wir hätten 'nen Advokaten aus dir machen sollen.«

Aber an jenem Nachmittag glänzte ich nicht einmal in seinen Augen. Da jedes andere Reizmittel versagte, kam er auf meine Suche nach einer Stellung zurück; aber auch das fesselte mich nicht.

 

V.

Lange fürchtete ich, ich würde nach Clayton zurückkehren müssen, ohne noch ein paar Worte mit Nettie zu erhaschen. Sie schien mein Verlangen nach einer Unterredung mit ihr gar nicht zu bemerken, und ich dachte schon daran, sie plötzlich vor aller Ohren darum zu ersuchen. Ein sehr durchsichtiges Manöver ihrer Mutter, die mein Gesicht beobachtet hatte, schickte uns schließlich miteinander hinaus, um in irgendeinem der Gewächshäuser irgend etwas – ich weiß nicht mehr was – zu besorgen. Worin der kleine Auftrag auch bestanden haben mag – es war einfach der nackteste Vorwand; eine Tür oder ein Fenster sollte geschlossen werden, und ich glaube, es geschah gar nicht einmal.

Nettie gehorchte zögernd. Sie ging voran durch eins der Treibhäuser. Es war ein niedriger, dampfiger, backsteingepflasterter Gang zwischen Staffeln, die ein dichtes Gedränge von Topffarn trugen, dahinter große, verästete Pflanzen, die oben auseinandergebreitet und festgenagelt waren, so daß sie eine undurchsichtige Blätterdecke bildeten. Und in dieser engen, grünen Abgeschlossenheit blieb Nettie plötzlich stehen und wandte sich wie ein gestelltes Wild nach mir um.

»Ist das Frauenhaar nicht entzückend?« fragte sie, und sah mich dabei an mit Augen, die sagten: »Also jetzt!«

»Nettie!« begann ich, »ich war ein Narr, daß ich dir schrieb, wie ich's getan habe.«

Sie überraschte mich durch die Zustimmung, die in ihrem Gesicht aufblitzte. Aber sie sagte nichts und wartete.

»Nettie« – ich nahm einen Anlauf – »ich kann ohne dich nicht sein. Ich – ich liebe dich!«

»Wenn du mich liebtest,« sagte sie fest und sah auf ihre weißen Finger, die sie in die grünen Zweige einer Selaginella tauchte, könntest du dann Dinge schreiben, wie die, die du mir geschrieben hast?«

»Es ist mir nicht ernst damit,« sagte ich. »Wenigstens nicht immer.«

In Wirklichkeit hielt ich meine Briefe für sehr gut und dachte, es sei dumm von Nettie, anderer Meinung zu sein. Aber für den Augenblick, das sah ich wohl, war es nicht möglich, ihr das klarzumachen.

»Du hast sie geschrieben.«

»Aber dafür laufe ich siebzehn Meilen, um dir zu sagen, daß es mir nicht Ernst ist.«

»Ja. Aber vielleicht ist's das doch.«

Ich glaube, ich war einen Augenblick in Verlegenheit; dann sagte ich – nicht sehr deutlich: »Nein.«

»Du glaubst, du – liebest mich, Willie. Aber das ist nicht wahr.«

»Doch, Nettie! Du weißt es!«

Sie schüttelte den Kopf.

Jetzt nahm ich einen Anlauf, den ich für ungeheuer heroisch hielt. »Nettie!« sagte ich. »Ich will lieber dich, als – als meine eigenen Ansichten.«

Die Selaginella beschäftigte sie noch immer. »Das glaubst du jetzt,« sagte sie.

Ich erging mich in Beteuerungen.

»Nein!« sagte sie kurz. »Es ist anders jetzt.«

»Aber weshalb sollten zwei Briefe so viel anders machen können?« sagte ich.

»Es sind nicht nur die Briefe. Aber es ist anders. Es ist anders – für immer.«

Sie zögerte ein wenig, als sie dies sagte, und suchte nach Worten. Auf einmal blickte sie auf und mir in die Augen; dann machte sie eine Bewegung, zwar nur eine leichte, aber sie deutete doch an, daß sie unser Gespräch zu beenden wünschte.

Aber ich wollte nicht so abbrechen.

»Für immer?« sagte ich. »Nein! ... Nettie! Nettie! Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch!« sagte sie langsam, noch immer die Augen auf mich gerichtet; ihre ganze Haltung sprach einen endgültigen Entschluß aus. Sie schien sich zu wappnen gegen den Ausbruch, der folgen mußte.

Natürlich wurde ich wortreich. Aber sie ließ sich nicht erweichen. Sie stand da – fest verschanzt – und feuerte ihre Entgegnungen wie mit Kanonen in meinen zusammenhangslosen, weitläufigen Angriff hinein. Ich weiß noch, daß unser Gespräch die absurde Form eines Streits annahm über die Frage, ob ich sie wirklich liebte oder nicht. Und da stand ich, in höchsteigener Person, in tiefer und immer zunehmender Seelennot, weil ich sie so vor mir sah, voll Abwehr, strahlender, reizender als je, und auf irgendeine unerklärliche Weise abgeschnitten von mir, unnahbar für mich.

Wir waren ja noch nie ohne kleine Wagnisse von Zärtlichkeit, ohne eine leicht schuldbewußte, köstliche Erregung beieinander gewesen. ...

Ich bat, ich erklärte. Ich versuchte auseinanderzusetzen, daß selbst die unliebenswürdigen, eigensinnigen Briefe nur meinem Wunsch entsprungen seien, ganz mit ihr eins zu werden. Ich gab übertrieben schöne Schilderungen von der Sehnsucht, die ich nach ihr hatte, wenn ich fern war, von meiner Erschütterung und meinem Jammer, daß ich sie so entfremdet, so kühl fand. Sie sah mich an und fühlte auch die Empfindung in meinen Worten, aber sie war nicht dadurch zu rühren. Wie ärmlich auch meine Worte jetzt – kühl niedergeschrieben – wirken mögen – ich zweifelte nicht daran, daß ich wirklich beredt war. Es war mir bitterer Ernst mit dem, was ich sagte, ich dachte und fühlte nichts anderes mehr. Ich wollte ihr mit vollster Aufrichtigkeit meine Empfindung beim Fernsein von ihr und die Größe meines Verlangens nach ihr klarmachen. Ich arbeitete mich durch einen Dschungel von Worten mühsam und hartnäckig auf sie zu.

Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich ganz langsam – in so unmerklichen Abstufungen, wie wenn mit Tagesgrauen das Licht in einen klaren Himmel fällt. Ich fühlte, daß ich ihr Herz rührte, daß ihre Härte in gewisser Weise schmolz, daß ihre Entschlossenheit sich zu einem Zögern erweichte. Noch war die Gewohnheit unserer alten Vertraulichkeit in ihr lebendig. Aber sie wollte mich sich nicht nahkommen lassen.

»Nein!« rief sie unvermittelt und fuhr auf.

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. Eine wundervolle, neue Freundlichkeit war in ihrer Stimme. »Es ist unmöglich, Willie. Alles ist anders jetzt – alles. Wir haben uns getäuscht. Wir zwei jungen törichten Menschenkinder haben einen Fehler gemacht, und jetzt ist alles anders, für immer. Glaube mir!«

Sie wandte sich ab.

»Nettie!« rief ich. Und mich noch immer gegen das eben Gehörte auflehnend, verfolgte ich sie den schmalen Gang zwischen den Staffeln entlang und bis zur Tür des Treibhauses. Ich verfolgte sie gleich einer Anklage, und sie floh gleich einer, die schuldig ist und sich schämt. So steht es jetzt vor mir.

Sie wollte nicht dulden, daß ich noch einmal zu ihr sprach. Und doch konnte ich sehen, daß meine Worte den deutlich erkennbaren Abstand bei unserer Begegnung im Park beseitigt hatten. Hin und wieder sah ich ihre braunen Augen auf mir ruhen. Sie sprachen etwas Neues aus – ein Erstaunen, als werde ihr eine unerwartete Beziehung klar und ein inneres Mitgefühl. Und doch hatte sie etwas Abwehrendes.

Als wir ins Haus zurückkamen, begann ich ein wenig freier mit ihrem Vater über die Verstaatlichung der Eisenbahnen zu reden, und meine Stimmung und meine Laune waren durch die Entdeckung, daß ich doch noch Eindruck auf Nettie zu machen vermochte, so viel besser geworden, daß ich sogar mit Puß scherzte. Mrs. Stuart schloß daraus, es stehe besser mit mir, als das tatsächlich der Fall war und war sichtlich erfreut darüber.

Aber Nettie blieb nachdenklich und sprach sehr wenig. Sie war in Grübeleien verloren, die ich nicht zu ergründen vermochte, und bald stahl sie sich von uns fort und ging die Treppe hinauf.

 

VI.

Mir waren natürlich die Füße zu wund, als daß ich zu Fuß hätte nach Clayton zurückkehren können; doch hatte ich einen Schilling und einen Penny für die Strecke zwischen Checkshill und Two Mile Stone in der Tasche und gedachte so weit mit der Bahn zu fahren. Als ich zum Aufbruch rüstete, überraschte mich Nettie durch eine ganz auffällige Sorge um mich. Ich müsse die Straße gehen. Es sei viel zu dunkel für den kürzeren Weg zum Parktor.

Ich wies darauf hin, daß der Mond schien.

»Und obendrein der Komet,« sagte Vater Stuart.

»Nein,« beharrte sie, »du mußt die Straße gehen.«

Ich wehrte mich immer noch.

Sie stand neben mir. »Mir zu Gefallen!« drängte sie mit einem hastigen Flüstern und einem überredenden Blick, der mir zu denken gab. Schon im selben Augenblick fragte ich mich, wieso das für sie ein Gefallen sein konnte.

Ich hätte vielleicht nachgegeben, wenn sie nicht fortgefahren hätte: »Die Stechpalmen an der Hecke sind stichdunkel. Und dann die Wolfshunde.«

»Ich fürchte das Dunkel nicht,« sagte ich. »Und die Hunde ebensowenig.«

»Aber, wenn einer von ihnen los wäre!«

Es war das Argument eines Mädchens, das erst noch lernen mußte, daß Furcht ein nur ihrem eigenen Geschlecht erlaubter Beweggrund ist. Auch ich dachte an die hageren, grauen Bestien, die an ihren Ketten zerrten, und an das Geheul, das sie anstimmen würden, wenn sie zur Nachtzeit verspätete Schritte am Waldrand hörten; und dieser Gedanke bannte meinen Wunsch, ihr zu Gefallen zu sein. Wie die meisten phantasievollen Naturen war ich Ängsten und Ausflüchten stark unterworfen und darum beständig damit beschäftigt, sie zu unterdrücken und zu verheimlichen; den kürzeren Weg zu meiden war also unmöglich, wenn es den Anschein haben konnte, als täte ich es eines halben Dutzends ziemlich sicher angeketteter Hunde wegen.

So brach ich, ihr zum Trotz, auf und fühlte mich sehr gehoben und froh, daß ich auf so leichte Weise tapfer scheinen konnte, dabei aber doch ein wenig betrübt, daß sie denken mußte, ich wolle ihr keinen Gefallen tun.

Eine dünne Wolke verdeckte den Mond, der Weg unter den Buchen war dunkel und kaum zu erkennen. Ich war von meiner Liebesangelegenheit doch nicht so sehr in Anspruch genommen, daß ich eine Gewohnheit vergessen hätte, die ich in jenem wilden, einsamen Park, wie ich gestehe, zur Nachtzeit von jeher befolgt habe. Ich machte mir einen Knüppel, indem ich in ein Ende meines zusammengedrehten Taschentuchs einen großen Kieselstein einknotete und mir das andere Ende ums Handgelenk band. Diese Waffe steckte ich in die Tasche und ging beruhigt weiter.

Als ich an der Biegung der Hecke aus den Stechpalmbüschen auftauchte, fuhr ich zusammen: ich stieß unvermutet auf einen jungen Mann im Frack, der eine Zigarre rauchte.

Ich ging auf dem Rasen, so daß ich nur wenig Geräusch machte. Er stand klar im Mondschein vor mir, seine Zigarre glühte wie ein blutroter Stern, und ich war mir damals nicht bewußt, daß ich, während ich auf ihn zuging, in dem undurchdringlichen Schatten für ihn fast unsichtbar blieb.

»Hallo!« rief er mit einer Art liebenswürdiger Herausforderung. »Ich bin zuerst da!«

Ich trat hinaus ins Licht. »Wer fragt darnach?« sagte ich. Ich hatte sogleich eine Erklärung zu seinen Worten gefunden. Ich wußte, zwischen den Leuten vom Hause und den Dorfbewohnern gab es dann und wann Streit wegen Benutzung dieses Wegs; und ich brauche wohl nicht zu sagen, wem in diesem Streit meine Sympathien galten.

»He?« rief er überrascht.

»Dachten wohl, ich würd' davonlaufen?« sagte ich und trat dicht an ihn heran.

Mein ganzer ungeheurer Haß gegen seine Klasse war aufgeflammt beim Anblick seiner Kleidung, bei der scheinbaren Herausforderung in seinen Worten. Ich kannte ihn. Es war Edward Verrall, der Sohn des Mannes, dem nicht nur dies große Gut gehörte, sondern auch mehr als die Hälfte von Rawdons Tongrube, der im ganzen Distrikt der vier Städte Aktien und Land, Kohlenwerke und Renten besaß. Er war ein tüchtiger junger Mann, sagte man, und sehr intelligent. Trotz seiner Jugend war schon die Rede von einem Sitz im Parlament für ihn; er hatte auf der Universität große Erfolge gehabt, und man bestrebte sich, ihn bei uns populär zu machen. Mit leichter Zuversicht, als etwas Selbstverständliches, nahm er die Vorteile hin, die zu erringen ich mir hätte Folterqualen kosten lassen, und ich hatte die feste Überzeugung, daß ich mehr wert sei, als er. Er war, wie er so dastand, die Verkörperung alles dessen, was mich mit Bitterkeit erfüllte. Eines Tages hatte er in einem Automobil vor unserem Haus gehalten, und ich erinnere mich noch des Wutgefühls, mit dem ich die pflichtschuldige Bewunderung in den Augen meiner Mutter bemerkte, während sie durch den Vorhang nach ihm ausspähte. »Das ist der junge Herr Verrall,« sagte sie. »Er soll so gescheit sein, sagen die Leute.«

»Aber natürlich!« antwortete ich. »Zum Teufel mit ihnen und mit ihm!«

Dies nebenbei.

Er war sichtlich erstaunt, sich einem Mann gegenüber zu sehen. Sein Ton wechselte. »Wer zum Kuckuck sind Sie?« fragte er.

Meine Entgegnung war ein billiges Auskunftsmittel – das Echo: »Wer zum Kuckuck sind Sie?«

»Na!« sagte er.

»Ich geh diesen Weg, wenn's mir Spaß macht!« sagte ich. »Verstanden? Der Weg ist für jedermann – genau so wie dies Land einst für jedermann war. Sie haben es gestohlen – Sie und Ihresgleichen, und jetzt möchten Sie auch noch das Wegrecht stehlen. Bald werden Sie uns ersuchen, ganz von der Oberfläche der Erde zu verschwinden. Werd' Ihnen schwerlich den Gefallen tun. Verstanden?«

Ich war kleiner und, ich glaube, ein paar Jahre jünger als er; aber ich hielt den improvisierten Knüppel in meiner Tasche gepackt und hätte mit Freuden mit ihm gerungen. Er jedoch trat einen Schritt zurück, als ich auf ihn zuging.

»Sozialist, wie ich vermute?« sagte er rasch und mit Ruhe und einem ganz leichten Beiklang von Scherz.

»Einer von vielen.«

»Wir sind alle Sozialisten heutzutage,« bemerkte er philosophisch, »und ich habe nicht die geringste Absicht, Ihnen das Wegrecht streitig zu machen.«

»Besser nicht!« sagte ich.

»Nein.«

»Nein!«

Er steckte die Zigarre wieder in den Mund, und es folgte eine kurze Pause. »Noch auf einen Zug?« fragte er dann.

Es schien lächerlich, nicht zu antworten.

»Ja,« sagte ich kurz.

Er meinte, es sei ein angenehmer Abend zum Gehen.

Ich zögerte einen Augenblick; mein Weg lag vor mir; er war beiseite getreten. Es blieb nichts anderes übrig, als zu gehen.

»Guten Abend,« sagte er, während ich mich zur Ausführung dieses Entschlusses anschickte.

»Guten Abend!« knurrte ich mürrisch.

Ich fühlte mich so voll von Verwünschungen, wie eine Bombe, die alsbald mit einem Knall zerplatzen muß, als ich so meinen stillen Weg fortsetzte. Er hatte so vollkommen den Sieg davongetragen in unserem Zusammenstoß!

 

VII.

Nun folgt eine Erinnerung, eine seltsame Verquickung zweier vollständig verschiedener Dinge, die mir mit intensivster Lebhaftigkeit vorschwebt.

Als ich über die letzte offene Wiese kam, die den nächsten Weg von Checkshill zum Bahnhof bildet, bemerkte ich, daß ich zwei Schatten hatte.

Das kam mir ganz plötzlich zum Bewußtsein und hielt den überschäumenden Strom meiner Gedanken einen Augenblick auf. Ich entsinne mich noch der Gedankenablenkung durch dieses plötzliche Interesse. Ich drehte mich scharf um und blickte nach dem Mond und dem großen weißen Kometen, den treibende Wolken in diesem Moment entschleiert hatten.

Der Komet stand vielleicht zwanzig Grad vom Mond entfernt. Wie wundervoll er dort aussah – eine grünlichweiße Erscheinung in den dunkelblauen Tiefen! Er sah heller aus, als der Mond, weil er kleiner war, aber der Schatten, den er warf, war trotz seiner scharfen Umrisse weit schwächer als der des Mondes. ... Während ich diese Tatsachen bemerkte, ging ich weiter, und beobachtete, wie meine beiden Schatten vor mir herschwebten.

Den Gang meiner Gedanken bei dieser Gelegenheit zu erklären bin ich ganz außerstande. Aber plötzlich – so plötzlich, als sei ich um eine Straßenecke gebogen – war der Komet wieder aus meinem Sinn verschwunden, und ich stand einer vollständig neuen Idee gegenüber. Ich frage mich bisweilen, ob mir nicht die beiden Schatten, die ich warf, – der eine im Verhältnis zum andern von weiblicher Zartheit und nicht ganz so groß – das Wort oder den Gedanken an ein Stelldichein eingaben. Klar weiß ich nur, daß ich mit der Sicherheit einer Intuition wußte, was den jungen Mann im Frack zu der Hecke geführt hatte. Natürlich! Nettie wollte er dort treffen!

Als dieser geistige Prozeß einmal im Gang war, arbeitete er mit Blitzesschnelle. Der Tag, der für mich voller unverständlicher Dinge gewesen war, das unsichtbare Geheimnis, das Nettie und mich auseinandergehalten hatte, das unerklärliche, sonderbare Etwas in ihrem Wesen, alles war entschleiert und erklärt.

Ich wußte jetzt, weshalb sie schuldbewußt ausgesehen hatte, als ich auftauchte, was sie nachmittags hinausgetrieben, weshalb sie mich so eilig ins Haus geführt hatte, was für ein »Buch« es war, das zu holen sie zurückgelaufen war, weshalb ich hatte die Straße gehen sollen und weshalb sie mich bemitleidete. Alles war mir in einem Nu klar.

Da stand ich – ein schwarzes, kleines Lebewesen, von einem plötzlichen Schlag getroffen – einen Moment erstarrt, dann mit einer Gebärde der Ohnmacht wieder auffahrend und einen unartikulierten Schrei ausstoßend, während zwei kleine Schatten mein Entsetzen verhöhnten. Und um die Gestalt eine weite Fläche mondbeglänzten Rasens, umrahmt von verschwommenen Umrissen ferner, niedriger, undeutlicher und schattenhafter Bäume. Und über dem allem die feierliche Heiterkeit jener wundervoll leuchtenden Nacht.

Eine kleine Weile betäubte mich die Erkenntnis. Mein Denken setzte aus; wie versteinert stand ich meiner Entdeckung gegenüber. Unterdessen trugen mich meine Füße in der eingeschlagenen Richtung zum Bahnhof von Checkshill mit seinen kleinen Lichtern, zum Billettschalter und schließlich zu meinem Zug.

Ich weiß noch, wie ich dann gleichsam zur Wirklichkeit erwachte – ich war allein in einem der schmutzigen Abteile »dritter Klasse« aus jener Zeit – und wie sich meine Wut plötzlich fast rasend aufbäumte. Mit dem Schrei eines gereizten Tieres stand ich auf und schlug die Faust mit aller Kraft gegen die Holzwand vor mir. ...

Seltsamerweise habe ich die unmittelbar darauffolgende Stimmung völlig vergessen; aber ich weiß, daß ich mich später etwa eine Minute lang zur geöffneten Wagentür hinauslehnte und einen Sprung aus dem Zug überlegte. Ein dramatischer Sprung sollte es sein – und dann wollte ich zurückstürmen zu ihr, sie anklagen, sie vernichten. Ich beugte mich hinaus und sprach mir selber Mut ein. Was mich zurückhielt, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es schließlich nicht tat.

Als der Zug auf der nächsten Station hielt, hatte ich jeden Gedanken an Umkehr aufgegeben. Ich saß in der Ecke des Wagens, meine zerschundene und verwundete Hand unter den Arm gepreßt, ohne des Schmerzes zu achten, und versuchte einen Racheplan auszudenken, einen Racheplan, der Zeugnis geben sollte von der ungeheuren Empörung, die mich erfüllte.

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