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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170419
projectid3134b142
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Prolog. Der Mann im Turm

Ich sah einen grauhaarigen Mann, ein Bild kraftvollen Alters, an einem Schreibtisch sitzen und schreiben.

Es schien, als sei er in einem Turmzimmer, hoch oben, so daß man durch das große Fenster zu seiner Linken nur Weiten sah: einen fernen Meereshorizont, ein Gebirge und den unbestimmten Dunst und Schimmer des Sonnenuntergangs, der auf eine meilenweit entfernte Stadt deutet. Die ganze Einrichtung des Zimmers machte den Eindruck der Ordnung und Schönheit und war mir durch ein unnennbares Etwas, durch allerhand kleine Nüancen neu und fremd. Sie entsprach keinem Stil, den ich hätte bezeichnen können, und die einfache Kleidung des alten Mannes erinnerte weder an eine bestimmte Zeit noch an ein bestimmtes Land. Es mochte, so dacht' ich, etwa die glückliche Zukunft sein, oder Utopien, oder das Land der reinen Träume. Ein irrendes Erinnerungs-Sonnenstäubchen, Henry Jones' Wort und Erzählung von der »großen, guten Stadt«, blitzte mir durchs Gehirn und flog davon und ließ mich im Dunkeln ...

Der Mann, den ich sah, schrieb mit einer Art Füllfeder ... ein moderner Zug, der jeden historischen Rückblick verbot. Und so oft er in seiner leichten, fließenden Schrift einen Bogen beendete, legte er ihn zu einem wachsenden Stoß auf einem zierlichen kleinen Tisch unter dem Fenster. Die letzten Bogen lagen lose da und verdeckten zum Teil andere, die zu Heften zusammengefaßt waren.

Offenbar war er sich meiner Gegenwart nicht bewußt, und ich stand und wartete, bis seine Feder pausieren würde. Trotz seiner hohen Jahre schrieb er mit fester Hand ...

Hoch über seinem Kopf entdeckte ich einen schräg geneigten Konkavspiegel; eine Bewegung darin fesselte unwiderstehlich meine Aufmerksamkeit. Ich hob die Augen und sah, verzerrt und phantastisch, aber hell und in schönen Farben, das vergrößerte, zurückgestrahlte, flüchtige Bild eines Palastes, einer Terrasse, der Perspektive einer breiten Straße mit vielen Menschen – – infolge der Krümmungen des Spiegels grotesk, unmöglich aussehenden Menschen – – die ab und zu gingen. Rasch drehte ich meinen Kopf, um durch das Fenster hinter mir deutlicher zu sehen; aber es lag zu hoch, als daß ich diese näherliegende Szene direkt hätte überblicken können, und nach einem kurzen Zögern wandte ich mich wieder dem Zerr-Spiegel zu.

Jetzt aber lehnte sich der schreibende Mann im Stuhl zurück. Er legte die Feder weg und stieß den halb unmutigen, halb von einer gewissen Befriedigung über das, was er geschrieben hatte, erfüllten Seufzer aus: »Ah! Arbeit, Arbeit! wie du mich froh machst und verzagt!«

»Was ist dies für ein Ort?« fragte ich, »und wer sind Sie?«

Er sah sich mit der raschen Bewegung des Erstaunens um.

»Was ist dies für ein Ort?« wiederholte ich, »und wo bin ich?«

Einen Augenblick lang blickte er mich unter gerunzelten Brauen fest an; dann milderte sich sein Ausdruck zu einem Lächeln.

Er wies auf einen Stuhl neben dem Tisch. »Ich schreibe,« sagte er.

»Über dies hier?«

»Über die Wandlung.«

Ich setzte mich. Es war ein sehr bequemer Stuhl, der geschickt unter dem Licht aufgestellt war.

»Wenn Sie lesen möchten – – « sagte er.

Ich deutete auf das Manuskript. »Die Erklärung?« fragte ich.

»Die Erklärung!« antwortete er.

Und während er mich ansah, zog er einen frischen Bogen zu sich heran.

Ich blickte von ihm auf sein Zimmer und wieder auf den kleinen Tisch ... Ein Heft, das eine deutliche »I« trug, fiel mir auf und ich nahm es zur Hand; dabei lächelte ich ihm in die freundlichen Augen. »Schön!« sagte ich, plötzlich ohne jedes Unbehagen, und er nickte und schrieb weiter. Und in einer Stimmung, die zwischen Vertrauen und Neugier schwankte, begann ich zu lesen.

Dies ist die Geschichte, die jener glückliche, emsig aussehende alte Mann in dem heiteren Raum geschrieben hat.

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