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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 14
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170419
projectid3134b142
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Epilog. Das Fenster im Turm

 

Soweit hatte der freundlich aussehende, grauhaarige Mann geschrieben. Als ich die ersten Kapitel seiner Geschichte las, hatte ich mich so völlig darein vertieft, daß ich den Schreiber, sein anmutiges Zimmer und den hohen Turm, in dem er saß, ganz vergessen hatte. Aber allmählich, als ich mich dem Schluß näherte, überkam mich von neuem das Gefühl des Fremdartigen. Immer mehr wurde es mir klar, daß dies eine andere Menschheit war, als die, die ich kannte – unwirklich, mit andern Sitten, anderem Glauben, anderen Auffassungen und Empfindungen. Nicht nur eine Wandlung der Verhältnisse und Einrichtungen hatte der Komet bewirkt. Er hatte auch Herz und Geist gewandelt. Er hatte in einer gewissen Weise die Welt entmenschlicht, hatte sie ihrer Ärgernisse, ihrer kleinen heißen Eifersüchten, ihrer Widersprüche, ihrer Laune beraubt. Gegen das Ende zu, und besonders nach dem Tod der Mutter fühlte ich, daß meine Sympathien für seine Geschichte geschwunden waren. Seine Reinigungsfeuer hatten etwas in ihm verbrannt, das in mir noch lebendig und ungedämpft sich regte, und das ganz besonders sich gegen Netties Rückkehr empörte. Ich wurde etwas unaufmerksam. Ich fühlte nicht mehr mit ihm, und seine Redewendungen waren mir nicht mehr ganz verständlich. Eros – sein Gebieter! Nun ja! Er und diese verwandelten Menschen – es waren schöne und edle Menschen, wie Menschen, die man auf großen Gemälden sieht, wie die Göttergestalten edler Bildnerkunst, aber mit den Menschen hatten sie nicht mehr gemein als diese! Nachdem die Wandlung sich vollzogen hatte, wurde mit jedem Schritt der Abgrund weiter und ward es schwerer, seinen Worten zu folgen.

Ich legte das letzte der Hefte aus der Hand und begegnete seinem freundlichen Blick. Es war fast nicht möglich, ihm gram zu sein.

Eine Frage beschäftigte mich, aber eine leichte Verlegenheit machte mich unschlüssig. Und doch schien sie mir so wesentlich, daß ich sie stellen mußte. »Und waren Sie wirklich – –« fragte ich endlich, »... war sie wirklich – Ihre Geliebte?«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Natürlich!«

»Aber Ihre Frau?«

Er verstand mich offenbar nicht.

Ich zögerte noch mehr. Es verwirrte mich, daß ich mir selber unvornehm gesinnt vorkam. »Aber – –« begann ich von neuem – – »ist das immer so geblieben?«

»Ja.« Ich zweifelte ernstlich daran, ob ich ihn verstand. Oder er mich.

Ich wagte noch einen kühneren Versuch. »Und hatte Nettie keine andern Liebhaber?«

»Eine schöne Frau – wie sie! Ich weiß nicht, wie viele in ihr die Schönheit liebten oder was ihr andere boten. Aber wir vier standen uns von der Zeit an sehr nahe – Sie verstehen – wir waren Freunde, Helfer – Liebende in einer Welt von Liebenden.«

»Vier?«

»Nun ja, Verrall.«

Da plötzlich wurde es mir klar, daß die Gedanken, die sich in mir regten, schlecht und niedrig waren, daß der lächerliche Argwohn, die Roheit und rohe Eifersucht meiner alten Welt für diese einem schöneren Leben angehörigen Seelen vorbei und abgetan waren.

»Sie gründeten,« sagte ich mit einem Versuch vorurteilsfrei zu sein, »zusammen eine Heimat!«

»Eine Heimat!« Er sah mich an, und ich sah – ich weiß nicht, weshalb – auf meine Füße. Was für ein plumpes, schlecht-gearbeitetes Ding doch so ein Stiefel ist, und wie hart und farblos mir meine Kleidung vorkam! Wie schroff stach ich ab gegen all die Schönheit und Vollkommenheit ringsumher! Einen Moment übermannte mich Wut und Erbitterung! Ich wollte fort! Schließlich – mein Geschmack war das gar nicht! Ich fühlte das dringende Bedürfnis, etwas zu sagen, was ihn demütigen mußte, gewissermaßen durch irgendeine beleidigende Anklage meinen Verdacht zu bestätigen.

»Ich vergaß!« sagte er. »Sie tun, als ob die alte Welt noch existierte! Eine Heimat!«

Er streckte seine Hand aus, geräuschlos öffnete sich das große Fenster bis auf den Boden und ganz nah vor mir lag die Herrlichkeit der Traumstadt. Einen klaren Moment lang sah ich sie; ihre Säulenhallen und offenen Plätze, ihre Bäume voll goldener Früchte und ihre kristallenen Wasser, ihre Musik und Fröhlichkeit, ihre mannigfaltigen und verschlungenen Straßen, durch die ohne Aufhören Liebe und Schönheit fluteten. Ich sah die Leute in der Nähe jetzt unmittelbar und deutlich, nicht mehr in dem Zerrspiegel, der über mir hing. Es waren Menschen, wie man sie auf der Erde sieht – nur daß sie verwandelt waren. Wie soll ich die Verwandlung in Worte fassen? Wie eine Frau, die in den Augen eines Liebenden verwandelt ist, wie eine Frau, die durch die Liebe eines Liebenden verwandelt ist. Über sich emporgehoben. ...

Ich stand neben ihm und sah hinaus. Ich war ein bißchen rot geworden, und meine Ohren brannten wegen meiner unpassenden Neugier und in einem unbehaglichen Gefühl eines tiefen moralischen Abstands. Er war größer als ich. ...

Seine Augen ruhten gedankenvoll auf mir. »Dies ist unsere Heimat!« sagte er lächelnd.

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