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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel: Die letzten Tage meiner Mutter

 

I.

Am Tage darauf kam ich nach Hause, nach Clayton.

Der neue, seltsame Glanz der Welt war dort für mich nur um so auffälliger, weil eine Unmenge dunkler, trauriger Erinnerungen an meine verdüsterte Kindheit, meine mühevolle Jugend, an die Zeit bitterer Erfahrungen, als ich zum Jüngling heranwuchs, noch immer diesen Ort umschwebte. Mir war es, als erblicke ich den Morgen dort zum erstenmal. Keine Schornsteine rauchten an jenem Tage, keine Hochöfen brannten; man war mit anderen Dingen beschäftigt. Die klare, kräftige Sonne, das Funkeln der staublosen Luft verliehen den engen Straßen eine seltsame Lustigkeit. Ich begegnete einer Anzahl fröhlicher Leute, die von dem öffentlichen Frühstück nach Hause zurückkehrten, das man, bis sich Besseres einrichten ließ, im Rathause abhielt; und unter ihnen traf ich Parload. »Du hattest recht mit dem Kometen,« rief ich bei seinem Anblick; da kam er auf mich zu und drückte mir die Hand.

»Was machen die Leute hier?« fragte ich.

»Sie schicken uns von auswärts Nahrungsmittel,« sagte er; »wir wollen all diese Gassen niederlegen – und in Zelten auf den Mooren wohnen.« Dann begann er mir von vielem zu erzählen, was eingerichtet wurde; die Midland-Komitees waren mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und voll Zielbewußtsein an die Arbeit gegangen, und die Neueinteilung der Bevölkerung war in ihren großen Umrissen schon entworfen. Parload arbeitete in einer improvisierten Ingenieurschule. Bis die Arbeitspläne aufgestellt waren, ging fast jedermann wieder in die Schule, um sich für die Anforderungen der beginnenden riesigen Neuorganisation noch so viel technische Bildung wie nur möglich anzueignen.

Er begleitete mich bis zu meiner Tür, und dort traf ich den alten Pettigrew, der die Stufen herabkam. Er sah verstaubt und müde aus, aber sein Auge war heller als sonst, und er trug – welch ungewohnter Anblick! – einen Werkzeugkasten unterm Arm.

»Wie steht's mit dem Rheumatismus, Herr Pettigrew?« fragte ich.

»Die Diät,« sagte der alte Pettigrew, »wirkt Wunder. ...« Er sah mir ins Auge. »Diese Häuser,« sagte er, »werden wohl abgerissen werden, und unsere Begriffe vom Eigentum müssen wir gründlich revidieren – im Lichte der Vernunft; aber inzwischen habe ich ein wenig gearbeitet, um mein schändliches Dach da zu flicken! Wie konnte ich mich nur darum drücken und Ausflüchte machen – – «

Er hob die Hand mit abbittender Gebärde, zog die schlaffen Winkel seines breiten Mundes herab und schüttelte den alten Kopf.

»Die Vergangenheit ist vergangen, Herr Pettigrew.«

»Ihre arme liebe Mutter! Eine so gute und rechtschaffene Frau! So einfach und freundlich und versöhnlich! Wenn man bedenkt! Mein lieber, junger Mann!« – er sagte es in mannhaftem Tone – »ich schäme mich.«

»Die ganze Welt ist neulich bei Anbruch des neuen Tages schamrot geworden, Herr Pettigrew,« sagte ich, »und das stand ihr recht gut. Jetzt ist's vorbei. Gott weiß, wer schämt sich dessen nicht, was vor dem letzten Dienstag lag.«

Ich hielt ihm verzeihend die Hand hin, sehr naiv vergessend, daß ich an demselben Orte ein Dieb gewesen war; er drückte sie, und als er seines Weges ging, schüttelte er den Kopf und wiederholte, er schäme sich, war aber doch, glaube ich, ein wenig getröstet.

Die Tür tat sich auf, und meiner armen alten Mutter merkwürdig reingewaschenes Gesicht erschien. »Ah! Willie, Junge! Du! Du!«

Ich sprang die Stufen hinauf, denn ich fürchtete, sie könne fallen.

Wie sie sich im Flur an mich anklammerte, die liebe Frau! ...

Aber erst schloß sie die Haustür. Die alte Gewohnheit, mit meinem unberechenbaren Temperament zu rechnen, beherrschte sie noch. »Ach! Liebling!« sagte sie, »ach, Liebling! Aber die Versuchung war groß!« und dabei hielt sie ihr Gesicht eng an meine Schulter gepreßt, um mich nicht durch den Anblick der Tränen zu verletzen, die in ihr zitterten.

Sie ließ ein unterdrücktes Schluchzen hören, war eine Weile ruhig und drückte mich mit ihren abgezehrten, langen Händen fest an ihre Brust. ...

Dann dankte sie mir für mein Telegramm; ich legte den Arm um sie und zog sie ins Wohnzimmer.

»Mit mir steht alles gut, liebe Mutter,« sagte ich, »die dunklen Zeiten sind vorbei – sind auf immer abgetan, Mutter.«

Da faßte sie Mut, hielt nicht länger an sich und schluchzte laut, und niemand schalt sie.

Fünf lange Jahre hindurch hatte sie mich nicht merken lassen, daß sie noch weinen konnte ....

 

II.

Die Gute! Es blieb ihr nur noch eine kurze Frist auf dieser verjüngten Welt. Ich wußte nicht, wie knapp diese Zeit sein würde, aber das wenige, was ich tun konnte – vielleicht war es schließlich für sie nicht wenig –, um die von ihr so hart empfundenen Tage meines Zorns und meiner Auflehnung wieder gutzumachen, das tat ich. Ich bemühte mich, beständig um sie zu sein, denn ich merkte jetzt, wie sehr sie meiner bedurfte. Nicht, daß wir Gedanken auszutauschen oder Freuden zu teilen gehabt hätten, aber sie liebte es, mich bei Tisch und bei der Arbeit zu sehen und beim Kommen und Gehen zu beobachten. Mühselige Arbeit hatte sie nie mehr zu verrichten, sondern nur noch leichte Dienste, wie sie eine müde alte Frau gern und mit Vergnügen tut, und ich glaube, sie war selbst im Tod noch glücklich.

An ihrer wunderlichen religiösen Auffassung, der Auffassung des achtzehnten Jahrhunderts, hielt sie treulich fest. Dieses Amulett hatte sie so lange getragen, daß es ein Teil von ihr geworden war. Und doch machte sich, trotz ihrer Beharrlichkeit, selbst darin eine Wandlung bemerkbar. Ich sagte eines Tages zu ihr: »Aber glaubst du immer noch an die Flammenhölle, liebe Mutter? Du – mit deinem weichen Herzen?«

Sie beteuerte es. Irgendeine theologische Spitzfindigkeit machte sie ihr unentbehrlich, aber – –

Sie blickte eine Zeitlang auf ein Primelbeet vor sich hin, und dann legte sie mir die Hand zitternd und doch eindringlich auf den Arm. »Weißt du, mein lieber Willie,« sagte sie, als wolle sie mich über meine kindliche, irrige Meinung aufklären, »ich glaube nicht, daß irgend jemand hineinkommt. – Das hab' ich nie geglaubt. ...«

Dieses tröstliche, theologische Urteil hat mir jenes Gespräch besonders eingeprägt.

 

III.

Jenes Gespräch tritt in meinem Gedächtnis infolge dieser ihrer tröstlichen theologischen Entscheidung besonders hervor, aber es war nur eins von vielen Gesprächen. Es war angenehm, am Nachmittag, nachdem des Tages Arbeit getan war und ehe man am Abend zu studieren begann; – wie wunderlich wäre es in der alten Zeit erschienen, wenn ein junger Mann aus der Arbeiterklasse nachträglich Soziologie studiert hätte, und wie selbstverständlich erscheint es jetzt! – in die Gärten von Lowchester House hinauszugehen, eine Zigarette zu rauchen und sie über alles plaudern zu hören, was sie interessierte. ... Physisch kräftigte sie die große Wandlung nicht sehr – sie hatte zu lange in jener düsteren Souterrainküche gelebt, als daß sie sich noch körperlich hätte verjüngen können –, ja sicherlich beschleunigte sie ihr Ende – sie glühte auf, wie ein erlöschender Funke in der Asche aufglimmt, wenn ein frischer Luftzug ihn berührt. Aber jene letzten Tage waren sehr ruhig und voll müheloser Zufriedenheit. Ihr Leben war wie ein regnerischer, windiger Tag gewesen, der sich nur aufhellt, um noch einen prächtigen Sonnenuntergang zu zeigen. Das Licht selbst ist geschwunden. Inmitten der Annehmlichkeiten des neuen Lebens blieb sie bei ihren alten Gewohnheiten und unternahm nichts Neues mehr, sondern sah nur das Alte in freundlicherem Lichte.

Sie wohnte mit einer Anzahl anderer alter Damen, die zu unserer Gemeinde gehörten, in den oberen Räumen von Lowchester House. Diese oberen Zimmer waren einfach und geräumig, schön und gut eingerichtet, so daß sich möglichst behaglich und bequem darin leben ließ und dabei doch nur wenige geübte Hände zur Bedienung nötig waren. Wir hatten die verschiedenen »Herrensitze«, wie man sie zu nennen pflegte, übernommen, um gemeinsame Speiseräume darin einzurichten – die Küchen waren von entsprechendem Umfang – und gemütliche Wohnungen für die alten Leute über sechzig, deren Ruhezeit gekommen war – und für ähnliche öffentliche Zwecke. Wir hatten es nicht nur mit Lord Redcars Haus so gemacht, sondern auch mit Checkshill House – wo die alte Frau Verrall eine würdige und tüchtige Wirtin abgab –, überhaupt mit den meisten schönen Wohnsitzen in dem herrlichen weiten Landstrich zwischen dem Vier-Städte-Distrikt und den Bergen von Wales. Um diese Herrensitze herum hatten meist gute Nebengebäude gestanden, Waschhäuser, Wohnungen für verheiratete Dienstboten, Stallungen, Meiereien und ähnliches, geschmackvoll von Bäumen verdeckt; diese verwandelten wir in Wohnungen, dazu kamen zuerst Zelte und holzverkleidete Häuschen, später viereckige Wohngebäude. Um meiner Mutter nahe zu bleiben, mietete ich zwei kleine Zimmer in den neuen Stiftsgebäuden, die unsere Gemeinde mit unter den ersten besaß; sie lagen sehr bequem in der Nähe des Bahnhofs der elektrischen Schnellbahn, die mich zu unseren täglichen Sitzungen und zu meiner Arbeit als Sekretär und Statistiker nach Clayton brachte.

Unsere Gemeinde war eine der ersten modernen Gemeinden, die in Ordnung kamen, wozu die Energie Lord Redcars, der einen feinen Blick für die malerische Umgebung des Hauses seiner Ahnen hatte, sehr viel beitrug. Daß unsere Bahn einen Umweg durch die Buchen, Farren und Glockenblumen des Westwalds nahm und die schöne offene Wildnis des Parkes unberührt ließ, war von ihm angeregt worden; wir hatten allen Anlaß, auf unsere Umgebung stolz zu sein. Fast sämtliche andere Gemeinden, die in dem ganzen heiteren Parkland rings um das Industrietal der Vier Städte aufschossen, kamen, nachdem die Arbeiter abgezogen waren, zu uns, um die Anlage der Plätze und der rechtwinkligen Häuserblöcke zu studieren, die wir an Stelle der Nebengassen zwischen den Herrensitzen und den Wohnsitzen der Geistlichen um die Kathedrale herum errichtet hatten; bewundert wurde auch die Art, wie wir all diese Bauten unseren neuen sozialen Bedürfnissen anpaßten. Manche rühmten sich, uns übertroffen zu haben. Aber mit dem Rhododendrengarten draußen hinter unseren Buschpflanzungen konnten sie nicht wetteifern; seine alten Bestände und der Umstand, daß guter, kalkfreier Torfboden selten war, machten ihn zu einem Besitz, den in unserem Teil von England nur wir hatten.

Diese Gärten waren vor fünfzig Jahren, und noch früher, unter dem dritten Lord Redcar angelegt worden; sie waren sehr reich an Rhododendren und Azaleen und waren stellenweise so gut geschützt und so sonnig gelegen, daß große Magnolien fortkamen und blühten. Mächtige Bäume waren von roten und gelben Kletterrosen ganz überwuchert, und in bunter Fülle wechselten blühende Büsche mit schönen Koniferen, dazu wuchs dort eine Art Pampasgras, wie es kein anderer Garten aufzuweisen hatte. Durchschnitten von breiten Schatten lagen Lichtungen und weite Flächen smaragdgrünen Rasens da, hier und dort Reihen von Stockrosen, Blumenbeete und Rabatten mit Krokus und Hyazinthen und andere mit Primeln, Schlüsselblumen und Tazetten.

Meine Mutter liebte diese Anlagen und die kleinen, runden, starrenden Augen ihrer unzähligen gelben, rotbraunen und purpurnen Blumenkronen mehr als alles, was die Gärten sonst aufzuweisen hatten. Und im Frühling jenes Jahres der großen Bauten ging sie Tag für Tag mit mir zu der Bank, von der aus man sie in vollster Fülle sah.

Abgesehen von andern angenehmen Eindrücken gab ihr das, glaube ich, die Empfindungen behaglichen Wohlstands. In den alten Zeiten hatte sie nie kennen gelernt, was es heißt, von irgend etwas Angenehmem in der Welt mehr zu haben als höchstens genug.

Ob wir nun da saßen und uns unsern Gedanken überließen, oder miteinander plauderten – immer hatten wir ein merkwürdiges Gefühl gegenseitigen Verstehens.

»Der Himmel,« sagte sie eines Tages, »der Himmel ist ein Garten.«

Es reizte mich, sie ein bißchen zu necken. »Edelsteine gibt es dort, weißt du, Wände und Tore aus Edelsteinen. Und Gesang.«

»Für die, die sie lieben,« sagte meine Mutter ruhig und dachte eine Weile nach. »Für jeden von uns ist etwas da. Aber für mich wär' es nicht der Himmel, mein Herz, wenn es kein Garten wäre – ein schöner, sonniger Garten. ... Und daß man fühlt, die, die man lieb hat, sind einem nah ...«

Die Leser unserer glücklicheren Generation können sich nicht vorstellen, wie wundervoll diese ersten Tage der neuen Zeit waren, wie groß das Gefühl der Geborgenheit, wie außerordentlich die Kontraste. Morgens stand ich, außer im Hochsommer, vor Tagesanbruch auf, frühstückte in dem raschen, ruhig dahingleitenden Zug und sah vielleicht, wenn ich aus dem kleinen Tunnel, der Clayton Crest durchschneidet, heraussauste, die Sonne aufgehen. Dann ging es tapfer an die Arbeit. Jetzt, wo wir unsere Häuser und Schulen und sonstigen Annehmlichkeiten des Lebens aus dem Bereich von Kohlen, Eisenerz und Ton fortgerückt hatten, da tausenderlei hemmende »Rechte« und Rücksichten beiseite gefegt waren, konnten wir uns freien Spielraum gönnen; wir verschmolzen ein Unternehmen mit dem andern, wir durchquerten dies oder jenes hemmende Stück privaten Landes, verbanden und trennten, brachten riesenhafte Vereinigungen zustande, erzielten enorme Ersparnisse, und das ganze Tal – nicht mehr eine Grube schmutziger, menschlicher Tragödien und niedriger, industrieller Konkurrenz – entwickelte sich zu einer ganz eigenartigen Schönheit, einer wilden, übermenschlichen Schönheit voll Kraft, Maschinerien und Flammen. Und wir waren die Titanen jenes Ätna. Mittags kehrte man zurück, nahm im Zug ein Bad und zog sich um, und so ging's zum Mittagsmahl im Klub-Speisesaal von Lowchester House, das man unter behaglichem Geplauder einnahm, und zur Erholung in der grünen sonnenhellen Nachmittagsstille.

Bisweilen – in ihren nachdenklichen Augenblicken – kam meiner Mutter der Gedanke, ob nicht diese ganze letzte Phase ihres Lebens nur ein Traum sei.

»Ein Traum!« sagte ich dann, »freilich ein Traum! Aber ein Traum, der dem Erwachen um einen ganzen Schritt näher steht, als der Alp der früheren Tage!«

Großes Behagen und große Beruhigung gewährte ihr meine veränderte Kleidung – die neuen Moden gefielen ihr, behauptete sie. Es lag aber nicht nur am veränderten Schnitt der Kleider. Ich wuchs noch um zwei Zoll, meine Brust wurde um mehrere Zoll breiter und ich nahm fast um fünfundzwanzig Pfund an Gewicht zu, eh ich mein dreiundzwanzigstes Jahr erreichte. Ich trug einen weichen braunen Tuchanzug, und oft streichelte sie meinen Arm und bewunderte den Stoff – der Sinn der Frauen für Gewebe war sehr stark entwickelt bei ihr.

Manchmal grübelte sie über die Vergangenheit nach, wobei sie ihre armen, rauhen Hände – die nie wieder weich wurden – übereinanderlegte. Sie erzählte mir viel von meinem Vater, was ich noch nicht gehört hatte, und von ihrem eigenen früheren Leben. Es war, als fände ich in einem Buch vertrocknete, gepreßte Blumen, deren leiser Duft noch davon erzählte, daß einst meine Mutter voll Leidenschaft geliebt worden war, daß mein Vater, der mir so fern war, dereinst heiße Tränen der Zärtlichkeit in ihren Armen geweint hatte. ... Und manchmal sprach sie auch, tastend, vorsichtig, in den kleinen, altmodischen Redewendungen, denen ihre Lippen all ihre herbe Kleinlichkeit nahmen, von Nettie.

»Sie war deiner nicht wert, mein Herz!« konnte sie oft unvermutet sagen, indem sie es mir überließ, zu erraten, wen sie damit meinte.

»Kein Mann ist der Liebe einer Frau wert,« antwortete ich. »Und keine Frau der Liebe eines Mannes. Ich habe sie geliebt, liebe Mutter, und daran kannst auch du nichts ändern.«

»Es gibt noch andere,« meinte sie.

»Nicht für mich!« sagte ich. »Es war nicht bloß ein Schuß, den ich damals abgefeuert habe – ich habe meine ganze Munition verbrannt. Ich kann nicht von neuem beginnen, Mutter, nicht von vorn anfangen.«

Dann seufzte sie und schwieg.

Ein andermal sagte sie – wenn ich mich recht entsinne: »Du wirst dich einsam fühlen, mein Herz, wenn ich fort bin!«

»Also denk' nicht ans Fortgehen!« sagte ich.

»Ach, lieber Junge! Mann und Mädchen gehören zusammen!«

Darauf erwiderte ich nichts.

»Du denkst zuviel an Nettie, mein Junge! Wenn ich dich doch mit einem lieben, hübschen Mädchen verheiratet wüßte! Einem guten und lieben Mädchen. ...«

»Liebe Mutter, ich bin verheiratet genug! Vielleicht – eines Tages – – wer weiß? Ich kann warten!«

»Aber wenn man sich gar nicht um die Frauen kümmert!«

»Ich habe meine Freunde. Mach dir keine Sorge, Mutter! Es gibt gerade genug Arbeit in dieser Welt für einen Mann, auch wenn er mit seinem Herzen und mit der Liebe fertig ist! Nettie war für mich die Schönheit und das Leben – und ist es noch – und wird es immer bleiben. Glaub nicht, daß ich zuviel verloren habe, Mutter!« (Denn im Innersten sagte ich mir, das Ende müsse erst kommen.)

Einmal warf sie mir plötzlich eine Frage hin, die mich überraschte.

»Wo sind sie jetzt?« fragte sie.

»Wer?«

»Nettie und er?«

Sie hatte meine heimlichsten Gedanken erraten. »Ich weiß nicht,« sagte ich kurz.

Ihre runzlige Hand streifte flüchtig die meine.

»Es ist besser so,« sagte sie fast bittend. »Glaub mir – es ist besser so!«

In ihrer zitternden alten Stimme lag etwas, das mich einen Augenblick an meine Auflehnung in den alten Tagen erinnerte, an ihre Bitten, mich zu fügen, nicht aufzubegehren, die immer einen zornigen Geist der Empörung in mir geweckt hatten.

»Das bezweifle ich,« sagte ich, und ganz plötzlich fühlte ich, daß ich mit ihr nicht weiter von Nettie sprechen konnte. Ich stand auf und ging fort; und nach einer Weile kam ich mit einem Strauß Narzissen wieder, und begann von andern Dingen zu reden.

Aber nicht immer verbrachte ich meine Nachmittage mit ihr. Es gab Tage, an denen mein unterdrücktes Sehnen nach Nettie sich wieder regte, und dann mußte ich allein sein; ich marschierte oder fuhr Rad, auch gewährte es mir neues Vergnügen und Zerstreuung, daß ich reiten lernte. Das Pferd genoß nämlich schon sehr bald die Wohltaten des Wandels. Kaum irgendwo fand sich nach einem Jahr der neuen Zeit noch der unmenschliche Brauch, daß Pferde zum Ziehen benutzt wurden; überall wurde das Tragen, Ziehen und Schleppen von Maschinen besorgt, und das Pferd war ein schönes Werkzeug zum Vergnügen für die reitende Jugend geworden. Ich ritt sowohl im Sattel wie – und das ist schöner – nackt und auf ungesatteltem Pferde. Ich merkte, ausgiebige Leibesübung war mir heilsam in den Anfällen tiefer Melancholie, die mich heimsuchten, und als schließlich das Reiten den Reiz verlor, schloß ich mich den Luftschiffern an, die hinter Horsemarden Hill mit Aeroplanen Flugversuche machten. ... Aber wenigstens jeden zweiten Tag verbrachte ich mit meiner Mutter, und im ganzen widmete ich ihr die meisten meiner Nachmittage.

 

IV.

Als bald darauf jene Krankheit, jenes leise Hinwelken, das so vielen älteren Leuten zu Beginn der neuen Zeit das Ende erleichterte, meine Mutter befiel, kam Anna Reeves zu ihr, um sie – unserer neuen Sitte gemäß – als Tochter zu pflegen. Sie kam aus freier Wahl. Durch gelegentliche Begegnungen und kleine Dienste, die sie meiner Mutter im Garten geleistet hatte, war sie uns schon bekannt, und sie versuchte, ihr zu helfen. Sie erschien mir damals einfach als eins von den guten Mädchen, die die Welt noch immer hervorgebracht hat, und die in den dunklen alten Tagen geradezu das geheime Gegenmittel gegen unser ganzes verhetztes, haßerfülltes, glaubensloses Leben gebildet hatten. Sie übten sich in verborgener, wortloser Frömmigkeit, sie verrichteten, unaufgefordert, ohne Dank dafür zu finden, ihre selbstlose Arbeit als hilfreiche Töchter, als Krankenpflegerinnen, als treue Dienerinnen, als demütige Vorsehung des Hauses. Sie war fast genau drei Jahre älter als ich. Schön fand ich sie anfangs nicht; sie war klein, aber ziemlich stämmig, von frischer Gesichtsfarbe, mit rötlich-schimmerndem Haar, hellen, dichten Augenbrauen und rotbraunen Augen. Aber ihre sommersprossigen Hände spendeten, wie ich bald merkte, Hilfe, wo es nottat, und ihre Stimme weckte Frohsinn und Mut. ...

Erst war sie nichts als die blaugekleidete, weißbeschürzte Hilfsbereitschaft, die sich im Schatten hinter dem Bett bewegte, auf dem meine alte Mutter sanft und friedlich dem Tod entgegenschlummerte. Ab und zu trat sie ans Bett, um irgendeinem kleinen Wunsch zuvorzukommen, eine kleine Hilfeleistung zu verrichten, und jedesmal lächelte meine Mutter ihr zu. In kurzer Zeit entdeckte ich die Schönheit des hilfreichen Gleichgewichts in diesem Frauenkörper, ich entdeckte die Anmut ihrer unermüdlichen Güte, die Süße ihres zarten Erbarmens, den Reichtum ihrer Stimme, ihrer wenigen beruhigenden Worte und Sätze. Ich bemerkte und erinnerte mich sehr deutlich, wie einmal die magere alte Hand meiner Mutter die feste, goldgefleckte Kraft der ihren streichelte, als sie bei einer Dienstleistung über die Bettdecke glitt.

»Sie ist gut zu mir,« sagte meine Mutter eines Tages. »Ein gutes Mädchen. Wie eine Tochter. ... Ich habe ja eigentlich nie eine Tochter gehabt. ...« Sie sann eine Weile friedlich vor sich hin. »Deine kleine Schwester ist gestorben,« sagte sie dann.

Ich hatte noch nie von dieser kleinen Schwester gehört.

»Am 10. November,« sagte meine Mutter. »Neunundzwanzig Monate und drei Tage. ... Ich weinte und weinte. ... Das war, eh du kamst, mein Herz! So lang ist es her ... und ich seh' es noch. Ich war jung verheiratet damals, und dein Vater war sehr gut zu mir. Aber ich sehe noch die kleinen Hände ... die lieben, kleinen, stillen Hände. ... Sie sagen jetzt, man lasse die kleinen Kinder nicht mehr so sterben.«

»Nein, liebe Mutter,« sagte ich. »Jetzt verstehen wir es besser.«

»Der Kassenarzt konnte nicht kommen. Dein Vater war zweimal bei ihm – aber er hatte einen andern Patienten, einen, der bezahlte. Da ging dein Vater weiter, nach Swathinglea. Und der dortige Arzt wollte nicht kommen, wenn man ihn nicht vorausbezahlte. Und dein Vater hatte sich noch umgekleidet, um einen besseren Eindruck zu machen; aber er hatte kein Geld, nicht einmal das Fahrgeld für die Straßenbahn. Grausam war das, wie ich so wartete, mit meinem Kindchen in seiner Not. ... Ich muß oft denken, wir hätten sie retten können. ... Aber es war immer so mit den Armen in den schlimmen, alten Zeiten ... immer. Als der Doktor schließlich kam, war er wütend. ›Warum hat man mich nicht früher geholt?‹ sagte er und gab sich gar keine Mühe mehr. Er war wütend, weil man es ihm nicht ausführlich erklärt hatte. ... Ich bat und flehte ... aber es war zu spät.«

Sie erzählte das alles ganz ruhig, mit gesenkten Augenlidern, wie jemand, der einen Traum beschreibt. »All das werden wir jetzt besser einrichten,« sagte ich mit einem Gefühl seltsamer Erbitterung über diese rührende kleine Geschichte, die ihre dünne, nüchterne Stimme mir da erzählte. ...

»Sie konnte schon sprechen,« fuhr meine Mutter fort. »Ganz wunderbar für ihr Alter ... Hippopotamus.«

»Was?« sagte ich.

»Hippopotamus, mein Herz, – ganz deutlich einmal, als Vater ihr Bilder zeigte .... Und ihre kleinen Gebete. ... Müde bin ich, geh' zur Ruh. ... Ich machte ihr kleine Söckchen. Gestrickt, Herz ... die Ferse war schrecklich mühsam. ...«

Dann schloß sie ihre Augen. Sie sprach nicht mehr mit mir, sondern mit sich selbst. Noch von anderen unklaren Dingen flüsterte sie – kleine Sätze, Schatten längst entschwundener Erlebnisse. ... Ihre Worte wurden weniger deutlich.

Dann schlief sie ein, und ich stand auf und ging aus dem Zimmer, aber meine Seele war seltsam bedrückt von dem Gedanken an jenes kleine Leben, das froh und hoffnungsvoll gewesen war, einzig, um so unerklärlicherweise aus der Hoffnung in das Nichts zurückzutreten, an diese Schwester, von der ich noch nie gehört hatte. ...

Und dann packte mich düstere Wut über all den nicht mehr zu tilgenden Jammer der Vergangenheit, jenen großen Ozean von Leiden, die abzuwenden gewesen wären, und von denen dies nur ein leuchtender und zitternder roter Tropfen war. Ich ging in den Garten, aber er war mir zu eng; ich ging hinaus, um auf den Mooren umherzuwandern. »Das Vergangene ist vergangen,« rief ich, und die ganze Zeit hörte ich über den Abgrund von fünfundzwanzig Jahren hin meiner armen Mutter herzbrechendes Weinen um jenes Töchterchen, das gelitten hatte und gestorben war. Ja, jener alte Geist der Auflehnung ist trotz aller Verwandlung der neuen Zeit nicht ganz in mir erstorben. ... Ich beruhigte mich zuletzt in dem fadenscheinigen und herben Gedanken, daß uns nicht alles gesagt wird, daß es Wesen wie uns vielleicht nicht gesagt werden kann; daß wir jetzt auf jeden Fall – was weit tröstlicher war – Stärke und Mut besaßen und jene neue Gabe weiser Liebe; und daß all das Grausame und Traurige, das die Vergangenheit schändete und im Gewebe des alten Lebens Grund wie Einschlag bildete, jetzt nicht weiter zu dauern brauchte. Wir konnten voraussehen, konnten verhüten und retten. »Vergangen ist vergangen,« sagte ich zwischen Seufzen und Entschlossenheit, als ich auf meinem Heimweg wieder die hundert Fenster von Lowchester House zu Gesicht bekam, die im Sonnenuntergang leuchteten. »Diese Schmerzen sind keine Schmerzen mehr.«

Aber ich konnte mich nicht über jene allgemeine Trauer der neuen Zeit hinwegtäuschen, über die Erinnerung an das unlösbare Rätsel der zahllosen Leben, die in Schmerz und Dunkel gestrauchelt und im Elend gescheitert waren, ehe unsere Luft klar wurde. ...

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