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Im Jahre des Kometen

Herbert George Wells: Im Jahre des Kometen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleIm Jahre des Kometen
publisherJulius Hoffmann Verlag
yearo.J.
translatorKarl Reunert
correctorreuters@abc.de
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Drittes Buch. Die neue Welt

Erstes Kapitel: Liebe nach der Wandlung

 

I.

Bisher habe ich von Nettie nicht gesprochen. Ich bin weit abgekommen von meiner persönlichen Geschichte. Ich habe versucht, die Wirkung der Wandlung auf den allgemeinen Rahmen des menschlichen Lebens zu schildern, die Wirkung einer schnellen, herrlichen Morgenröte, den Eindruck eines überwältigenden, alles überflutenden Ergusses vom Licht und Geist des Lebens. In meiner Erinnerung nimmt sich mein ganzes Leben vor der Wandlung aus wie ein dunkler Gang, in dem nur ab und zu matte seitliche Strahlen der Schönheit aufleuchten und verlöschen. Der Rest ist dumpfer Schmerz und Dunkel. Dann plötzlich fallen die Mauern, die bitteren Schranken; sie versinken, und verwirrt, geblendet und doch voller Freude wandre ich durch diese frische, schöne Welt, durch ihre lichte, unbegrenzte Mannigfaltigkeit, ihre Zufriedenheit, ihre neuen Möglichkeiten, voll Frohlocken über das glorreiche Geschenk des Lebens. ...

Hätte ich die Gabe der Musik – ein weltenweites Motiv ließe ich schwellen, verklingen, ließe es bald das eine Thema und bald das andere in sich aufnehmen, bis es ausströmte in einer Ekstase triumphierender Begeisterung. ... Es müßte ganz Klang sein, ganz Stolz, ganz Hoffnung des Aufbruchs im Morgenglanz, ganz die Lust unerwarteter Geschehnisse, ganz die Freudigkeit mühseligen Ringens, dem plötzlich sein Lohn wird ... wie frisch erschlossene Blüten müßte es sein und wie das selige Spiel von Kindern, wie tränenreiche, glückselige Mütter, die ihr Erstgeborenes im Arm halten, wie Städte, die zum Klang der Musik erbaut werden, wie große Schiffe, die mit Flaggen behängen und mit Wein besprengt, durch jubelnde Menschenmengen ihrer ersten Begegnung mit dem Meer entgegengleiten. ... Und durch all das müßte die Hoffnung schreiten, die zuversichtliche, strahlende, unbesiegbare; bis alles zuletzt ein Triumphzug würde der Hoffnung, der Siegerin, die mit Trompeten und Bannern durch die weitgeöffneten Tore der Welt einzieht. ...

Und aus all diesem lichten Schimmer der Freude tritt, verklärt und verwandelt, Nettie hervor. ...

So kam sie wieder zu mir ... unerwartet ... etwas, das ich völlig vergessen hatte. ...

Sie kommt zurück ... und neben ihr ist Verrall. Sie kommt mir heute wieder ins Gedächtnis zurück, so wie sie damals kam – seltsam erst – nicht ganz deutlich – ein bißchen entstellt, durch alles, was dazwischen lag; und ich weiß noch, wie ich zweifelte, als ich sie durch die leicht getrübten Scheiben des Postbureaufensters im Kramladen von Menton erblickte. Es war am zweiten Tag nach der Wandlung. Ich hatte im Auftrag Melmounts, der Vorbereitungen zu seiner Abreise traf, Telegramme nach London abgeschickt. Erst erblickte ich die beiden nur als kleine, verwischte Gestalten. Das Glas verzerrte ihr Bild und veränderte ihre Bewegungen und Schritte. ... Ich fühlte, es war an mir, ihnen den Frieden zu bieten, und ich ging, unter dem Gebimmel der Ladenschelle, hinaus.

Als sie mich sahen, blieben sie stehen, und Verrall rief, im Tone eines, der gesucht hat: »Da ist er!« Und Nettie rief: »Willie!«

Ich ging auf sie zu, und alle Ausblicke meines neugezimmerten Weltalls verschoben sich. ...

Es war, als sähe ich die beiden zum erstenmal; sähe zum erstenmal, wie schön sie waren, wie anmutig, wie menschlich. Es war, als hätt' ich sie noch niemals recht gesehen, und wirklich – ich hatte sie seither auch immer durch einen Nebel selbstsüchtiger Leidenschaft erblickt. Sie hatten das allgemeine Dunkel, die Verkrüppeltheit der früheren Zeiten geteilt; sie teilten die große Erhebung der neuen. Und plötzlich lebte Nettie, die Liebe zu Nettie, eine große Leidenschaft für Nettie von neuem in mir. Die Wandlung, die die Herzen der Menschen geweitet hatte – der Liebe hatte sie kein Ende gemacht. Im Gegenteil. Sie hatte die Macht der Liebe ins Unendliche gesteigert und veredelt. Nettie trat in den Mittelpunkt meines Traums vom Neuaufbau der Welt, der mein ganzes Denken erfüllte, und bemächtigte sich seiner. Eine kleine Haarlocke war ihr über die Wange geweht; ihre Lippen öffneten sich zu ihrem süßen Lächeln, ihre Augen waren voll Staunens, voll eines prüfenden Willkommensgrußes, voll einer grenzenlosen, tapferen Güte. ...

Ich ergriff ihre ausgestreckte Hand und Staunen überwältigte mich.

»Ich hab' euch töten wollen,« sagte ich einfach, und versuchte dabei den Gedanken zu fassen. ... Es war, als hätte ich die Sterne totstechen oder das Sonnenlicht morden wollen. ... »Wir haben Sie gesucht,« sagte Verrall, »und konnten Sie nicht finden. ... Wir hörten noch einen Schuß ...«

Ich wandte mich nach ihm um, und Netties Hand sank von der meinen. Erst jetzt fiel mir ein, wie die beiden Seite an Seite umgesunken waren und was es gewesen sein mußte, mit Nettie neben sich zu erwachen. Ich sah sie, wie ich sie zuletzt in dem immer dunkler werdenden Nebel gesehen hatte, Seite an Seite, Hand in Hand. Die grünen Gase der Wand breiteten ihre Schwingen über ihre letzten, taumelnden Schritte. ... So sanken sie ... und erwachten – zwei Liebende an einem Paradiesesmorgen. Wer kann sagen, wie hell die Sonne ihnen war, wie lieblich die Blumen, wie süß der Sang der Vögel ...?

So dachte mein Herz. Aber meine Lippen sprachen: »Als ich aufwachte, hab' ich den Revolver weggeworfen.« Eine Weile war ich überhaupt befangen, verschwieg meine Gedanken, und sagte nichtige Dinge. »Ich bin froh, daß ich euch nicht erschossen habe ... daß ihr da seid ... schön und wohlbehalten. ... Übermorgen kehre ich nach Clayton zurück,« sagte ich zuletzt, um abzulenken. »Ich habe hier für Melmount stenographiert, aber das ist jetzt so ziemlich erledigt. ...«

Keins von ihnen erwiderte ein Wort, und obgleich alle Tatsachen plötzlich jede Bedeutung verloren hatten, fuhr ich in meiner Erklärung fort: »Er geht nach London, wo er seine Leute hat, so daß er mich nicht mehr braucht. ... Ihr wundert euch wohl, daß ich bei Melmount bin. ... Ich traf ihn ganz zufällig, als ich wieder zu mir kam. Fand ihn mit einem gebrochenen Knöchel ... auf einem Feldweg. ... Jetzt geh' ich nach den Vier Städten ... muß einen Bericht machen helfen. Darum freut es mich, daß ich euch noch gesehen habe,« ich merkte, daß meine Stimme unsicher wurde, »und daß ich euch Lebewohl sagen und euch alles Gute wünschen kann.«

Das alles war so etwa, wie es mir in den Sinn gekommen war, als ich sie durch das Kramladenfenster sah; aber es war gar nicht, was ich jetzt empfand und dachte. Ich redete überhaupt nur weiter, weil sonst eine Pause entstanden wäre. Es war mir ganz plötzlich aufgegangen, wie hart die Trennung von Nettie mir fiel. Meine Worte klangen gemacht. Darum schwieg ich; und eine Weile standen wir uns schweigend gegenüber und sahen uns an.

Ich glaube, ich war derjenige, der am meisten dabei entdeckte. Ich fühlte zum erstenmal, wie wenig die Wandlung im wesentlichen an meiner Natur geändert hatte. Eine Zeitlang hatte ich – vor einer Welt der Wunder – die ganze Liebesgeschichte vergessen. Aber das war auch alles. Nichts von meinem Wesen war fort, nichts geschwunden, bloß waren Denkkraft und Selbstbeherrschung wunderbar gesteigert und neue Interessen hatten sich meiner bemächtigt. Die grünen Gase waren gewichen, unser Geist war gereinigt und veredelt, aber wir waren noch immer wir selbst, wenn wir auch in einer neuen, reineren Luft lebten. Meine natürlichen Neigungen waren unverändert; Netties persönlicher Reiz für mich ward durch die Steigerung meiner sinnlichen Wahrnehmungen nur verstärkt. In ihrer Gegenwart, unter ihren Augen, ward mein Verlangen – nicht mehr ein wahnwitziges, sondern ein durchaus gesundes – im Nu wieder wach.

Es war genau wie einst, in der alten Zeit, als ich, nach langen Episteln über Sozialismus – nach Checkshill gewandert war. ... Ich ließ ihre Hand los. Es war töricht, unmöglich, so auseinanderzugehen.

Das fühlten wir alle. Und in diesem Gefühl zögerten wir voll Verlegenheit. Verrall war es, glaube ich, der meinem Gedanken Ausdruck verlieh und sagte, wir wollten uns morgen wieder treffen und Abschied nehmen voneinander, und der dadurch unsere ganze Begegnung zu einer flüchtigen und provisorischen machte. Wir machten aus, wir wollten uns alle drei im Gasthaus von Menton treffen und dort miteinander essen.

Ja – es war klar – weiter hatten wir uns im Augenblick nichts zu sagen. ...

Der Abschied war etwas befangen. Ich ging, ohne mich umzusehen, die Dorfstraße hinab, über mich selbst erstaunt und unendlich beklommen. Es war mir zumut, als hätte ich etwas bisher Übersehenes entdeckt, etwas, was alle meine Pläne umstieß und mich völlig aus der Fassung brachte. Und zum erstenmal kehrte ich geistesabwesend und ohne Arbeitseifer zu Melmount zurück. In mir war ein Bedürfnis, an Nettie zu denken; mein Kopf war plötzlich ganz voll von Gedanken über sie und Verrall. ...

 

II.

Die Unterredung, die wir drei in jenem Morgenrot der neuen Zeit miteinander führten, haftet mir noch ganz besonders fest im Gedächtnis. Sie hatte so etwas Frisches und Einfaches, etwas Junges, Aufgeregtes, Begeistertes. Wir griffen die schwierigsten Fragen auf, die die Wandlung den Menschen gestellt hat, und behandelten sie im ganzen sehr obenhin. Das ganze alte Schema des menschlichen Lebens war aufgelöst und verschwunden, all die beschränkte Konkurrenz, die Gier und gemeine Streitsucht, das eifersüchtige Fernbleiben von Seele zu Seele. ... Wie standen wir eigentlich zueinander? Das fragten sich, mit uns, Millionen von Menschen. ...

Irgendwie ist diese letzte Begegnung mit Nettie – ich weiß nicht weshalb, in meiner Vorstellung ganz unzertrennlich mit der Wirtin des Gasthofs zu Menton verbunden.

Der Gasthof zu Menton war einer der seltenen gemütlichen Schlupfwinkel der alten Welt; es war ein sehr gut gehender Gasthof, hauptsächlich von Shaphambury aus besucht, ein Gasthof, in dem jederzeit Frühstück oder Tee zu haben war. Vor dem Hause war ein weiter Rasen-Spielplatz; rings umher standen zwischen Beeten von Löwenmaul, Herbstrosen, blauem Rittersporn und andern heimischen Sommerblumen mit Schlingpflanzen überwucherte Lauben. Sie hoben sich von einem Hintergrund von Lorbeer und Stechlaub ab, und hinter diesen wiederum ragte der Giebel des Gasthofs auf mit seinem Schild – einem heiligen Georg auf weißem Roß, der vor einem Hintergrund von Blutbuchen und blauem Himmel einen Drachen tötet. ...

Während ich an diesem heiteren Rendezvous-Platz auf Nettie und Verrall wartete, unterhielt ich mich mit der Wirtin, einer breitschultrigen, lächelnden, sommersprossigen Frau – über den Morgen der Wandlung. Dies mütterliche, üppige, rothaarige Bild der Gesundheit war ganz fest davon überzeugt, daß sich jetzt alles zum Besten wenden würde. Ihre Zuversicht und der Klang ihrer Stimme gewannen ihr meine Sympathie, während ich mit ihr sprach. ... »Wir sind wach jetzt,« sagte sie; »alles mögliche, was ganz sinnlos war, wird jetzt in Ordnung kommen. Weshalb? Ach! Ich bin ganz sicher.« Und ihre freundlichen blauen Augen schauten mich in unendlicher Güte an. ... Wenn sie schwieg, wölbten sich ihre Lippen zu einem hübschen, leisen Lächeln. ...

Noch war die alte Tradition mächtig in uns; alle Wirte machten in jenen Tagen die unerwartetsten Rechnungen; darum fragte ich, was unser Frühstück kosten würde. ...

»Sie können bezahlen oder nicht,« sagte sie. »Und was Sie wollen. Jetzt ist Feiertag. Wahrscheinlich werden wir immer bezahlen und rechnen müssen, wie wir's auch anfangen; aber so häßlich wie bisher wird's nicht mehr – das weiß ich bestimmt. Nie war mir der Teil des Geschäfts angenehm! Oft und oft hab' ich durch die Büsche geschaut und mich abgequält und mir überlegt, was mir mit Recht und Billigkeit zukam und was ich ihnen anrechnen müßte, damit sie zufrieden weggingen. Mein Sinn steht nicht nach Geld. Es kommen ja mächtige Veränderungen; verlassen Sie sich darauf; aber ich bleibe und mach's den Menschen behaglich ..., allen, die vorüberkommen. ... Es ist ein lustig Stück Erde, wenn die Leute vergnügt sind; bloß wenn sie eifersüchtig sind und gemein und verhetzt, oder wenn sie mehr essen, als sie vertragen, oder mehr trinken als gut ist, ist mein Garten des Teufels. Manch ein glückliches Gesicht hab' ich bei mir gesehen, und manch einer ist wiedergekommen, als alter Freund, aber jetzt, wo alles besser wird ... jetzt wird alles noch ganz anders. ...«

Und die Gutherzige lächelte, ein Lächeln voll Güte und Hoffnung.

»Eine Omelette sollen Sie haben,« sagte sie, »Sie und ihre Freunde, eine Omelette, wie man sie bloß im Himmel kriegt! Kochen werd' ich in diesen Tagen – das fühl' ich – kochen, wie ich noch nie gekocht habe! Und mit einer Freude. ...«

Im selben Augenblick erschienen unter einem ländlichen, von roten Kletterrosen überwucherten Torbogen, der den Eingang des Gasthofs bildete, Nettie und Verrall. Nettie trug ein weißes Kleid und einen großen Sonnenhut; Verrall war ganz in Grau. »Da sind meine Freunde!« sagte ich; aber all dem Zauber der Wandlung zum Trotz zog etwas wie ein Wolkenschatten über das Sonnenlicht meiner Seele.

»Ein hübsches Paar!« sagte die Wirtin, wahrend sie über das samtene Grün auf uns zuschritten. ...

Es war in der Tat ein hübsches Paar; aber das stimmte mich nicht besonders froh. Im Gegenteil ... ich zuckte fast ein bißchen schmerzhaft zusammen. ...

 

III.

Diese alte Zeitung, die erste Neuausgabe des »Neuen Blattes«, die vertrocknete, letzte Reliquie eines verschwundenen Zeitalters, ist gleichsam das kleine Identitätszeugnis, das die Abergläubigen, die wunderlichen Religionseiferer der alten Tage, die ihrem Christus ein Medium zu Hilfe schickten – ihren Seherinnen in die Hand zu geben pflegten. ... Wenn ich das brüchige Papier berühre, schaue ich zurück über einen Abgrund von fünfzig Jahren, sehe uns drei wieder um den Tisch in der Laube sitzen, rieche wieder den Duft der Heckenrosen, der rings die Luft erfüllte, und höre in den langen Pausen unserer Unterhaltung das Summen der Bienen in den Heliotropbeeten. ...

Es ist das Morgenrot der neuen Zeit, aber wir drei tragen alle noch Zeichen und Kleider der alten.

Ich sehe mich selbst – einen dunkelblickenden, schlechtgekleideten jungen Menschen; unter meinem Kiefer noch blau und grün die Beule, die mir Lord Redcar schlug. Neben mir der junge Verrall, besser gewachsen, besser gekleidet, hübsch, ruhig, zwei Jahre älter, aber mit seinem hellen Teint mindestens so jung aussehend wie ich. Und mir gegenüber Nettie. Ihre dunklen Augen ruhen auf meinem Gesicht; sie ist ernster und schöner, als ich sie in früheren Zeiten gekannt habe. Sie trägt dasselbe weiße Kleid wie damals, als ich sie im Park traf, und um den zierlichen Hals noch immer die Perlenkette und die kleine Goldmünze. Sie ist so ganz dieselbe; und doch so ganz verändert. Damals ein Mädchen – jetzt ein Weib – und dazwischen liegt meine ganze Qual und das ganze Wunder der Wandlung! Über das eine Ende des grünen Tisches, an dem wir sitzen, ist eine schneeweiße Decke gebreitet; darauf steht ein heiteres, zierlich serviertes Mahl. Hinter mir ist das verschwenderische Sonnenlicht des grünen, bunten Gartens. Ich seh' es alles vor mir. Aufs neue sitze ich, verlegen essend, da; auf dem Tisch liegt die Zeitung und Verrall spricht von der Wandlung.

»Sie können sich nicht denken,« sagte er in seiner freien, vornehmen Art, »wieviel von mir die Wandlung zerstört hat! Immer noch fühl' ich mich nicht wach. Menschen meiner Art sind so schrecklich gemacht! Nie hätt' ich das früher gedacht!«

Er beugt sich zu mir über den Tisch, mit dem deutlichen Verlangen, sich ganz verständlich zu machen. »Ich komme mir vor, wie ein Lebewesen, das man aus seiner Schale genommen hat – so weich und so neu. Ich war dazu erzogen, mich auf eine gewisse Art zu kleiden, auf eine gewisse Art zu benehmen, auf eine gewisse Art zu denken. Jetzt sehe ich, wie falsch und eng das alles war – oder wenigstens das meiste – ein System von Klassen-Schlagworten. Gegeneinander waren wir anständig, um desto besser ein Bündnis gegen die übrige Welt zu bilden. In der Tat – Gentlemen! – Aber immerhin – es ist verblüffend – – –«

Und ich höre noch seine Stimme, wie er das sagte, und sehe seine hochgezogenen Brauen und sein heiteres Lächeln.

Er hielt inne. Es hatte ihn gedrängt, dies zu sagen; aber es war nicht das, was wir drei uns zu sagen hatten.

Ich beugte mich etwas vor und faßte mein Glas fester.

»Ihr beide – – werdet heiraten?« sagte ich.

Sie sahen sich an.

Dann sprach Nettie sehr sanft: »Ich dachte an keine Heirat, als ich fortging!«

»Ich weiß,« erwiderte ich und sah mit einer Art Anstrengung Verrall ins Gesicht.

Er antwortete mir: »Ich glaube, wir zwei haben unser Leben zusammengeworfen. ... Aber was uns hinriß, war eine Art Wahnsinn. ...«

Ich nickte. »Alle Leidenschaft,« sagte ich, »ist Wahnsinn.« Und dann begann ich an diesen Worten zu zweifeln.

»Weshalb haben wir all das getan?« sagte er, indem er sich plötzlich zu Nettie wandte.

Sie hatte die Hände unter dem Kinn gefaltet und die Augen niedergeschlagen.

»Weil wir mußten,« sagte sie, mit einem Rückfall in ihre alte, mangelhafte Ausdrucksweise.

Dann schien sie sich ganz plötzlich zu entschleiern.

»Willie!« rief sie, alle Umschweife beiseite lassend, und mich bittend anblickend – »ich wollte dir nicht weh tun – glaub mir! Immer dachte ich an dich – und an Vater und Mutter – immer! Nur – es war, als hätt' es keinen Einfluß auf mich. Es hielt mich keinen Zoll ab von dem Weg, den ich gewählt hatte. ...«

»Gewählt!« sagte ich.

»Irgend etwas hatte mich gepackt – – « sagte sie. »Es ist alles so unerklärlich ...«

Und sie machte eine hilflose kleine Gebärde.

Verralls Finger spielten eine Weile mit dem Tischtuch. Dann wandte er mir sein Gesicht wieder zu.

»Etwas in mir sagte: Nimm sie! Etwas! Alles. Es war ein rasendes Verlangen. Ein Verlangen nach ihr. Ich weiß nicht. ... Alles trug dazu bei ... alles war so gleichgültig ... Sie ...«

»Nun?« sagte ich.

»Als ich von Ihnen hörte ...«

Ich sah Nettie an. »Du hast ihm nicht von mir erzählt?« sagte ich, und fühlte dabei einen Stich noch aus der alten Zeit.

Verrall antwortete für sie. »Nein. Aber es fielen Anspielungen. Ich sah Sie damals – in jener Nacht. Alle meine Instinkte waren wach. Ich wußte, Sie waren es. ...«

»Und Sie freuten sich Ihres Siegs über mich? ... Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mich des Siegs über Sie gefreut!« sagte ich. »Aber weiter!«

»Alles verschwor sich, um diese Entführung zum Schönsten zu machen, was es im Leben gab. Sie trug den Schein hochherziger Aufopferung. Sie bedeutete Unglück, sie bedeutete vielleicht das Scheitern in der politischen und sozialen Karriere, zu der ich erzogen, der zu folgen meine ganze Ehre war. Das erhöhte nur ihren Reiz. Sie bedeutete für Nettie Ruin und Elend. Auch das erhöhte nur ihren Reiz. Kein vernünftiger und anständiger Mensch hätte gebilligt, was wir taten. Das machte es nur um so verlockender. Ich hatte alle Vorteile für mich und nutzte sie ganz gemein aus. Das kam gar nicht in Betracht.«

»Ja,« sagte ich. »So ist es. Und dieselbe dunkle Woge, die Sie emportrug, riß mich hinterdrein. Mit meinem Revolver – und flennend vor Haß. Und du, Nettie? Was war's bei dir? – Ein Sich-Geben? Sich-in-den-Abgrund- Stürzen?«

Netties Hände sanken auf den Tisch. »Ich weiß nicht, was es war,« sagte sie offen und rückhaltlos. »Mädchen werden nicht, wie Männer, dazu erzogen, sich ihr Denken klar zu machen. Ich sah es noch nicht klar. Alle möglichen gemeinen, kleinen Motive wirkten mit – außer dem ›Muß‹. Unwürdige Motive. Ich dachte zum Beispiel an seine hübschen Kleider. ...« Sie lächelte Verrall mit einem plötzlichen Lächeln zu. »Ich dachte daran, daß ich eine Dame sein, in einem Hotel wohnen, daß Kellner und Diener mir aufwarten würden. Ja, das ist die schreckliche Wahrheit, Willie! Solche nichtige Dinge! Und noch viel erbärmlichere!«

Ich sehe sie noch, wie sie mir das sagte, mit einem Freimut, so klar und verblüffend, wie der Sonnenaufgang des ersten großen Morgens.

»Nicht alles war erbärmlich,« sagte ich langsam, nach einer Pause.

»Nein!« Beide sprachen gleichzeitig.

»Aber eine Frau wählt mehr als ein Mann,« fuhr Nettie fort. »Ich sah es alles vor mir – in kleinen, klaren Bildern. Weißt du – dein Jackett – etwas – – du nimmst es mir nicht übel? Aber nein – das kannst du nicht – jetzt!«

»Nein!« nickte ich.

Und sie redete weiter, als redete sie zu meiner Seele, ganz ruhig und ernsthaft und bestrebt, die volle Wahrheit zu sagen: »Etwas Baumwollenes in dem Stoff deines Anzugs!« sagte sie. »Ich weiß, wie gräulich es ist, daß einen solche Dinge beeinflussen können, aber sie haben mich beeinflußt. Wenn ich denke – daß man in der alten Zeit so etwas hätte eingestehen müssen! Ich haßte Clayton – und seinen Schmutz! Und die Küche! Die gräßliche Küche deiner Mutter! Und dann, Willie – ich hatte Angst vor dir. Dich verstand ich nicht – und ihn verstand ich .... Jetzt ist es ja anders ... aber damals ... ich wußte, was er wollte. Und dann ... seine Stimme!«

»Ja,« sagte ich sehr ruhig, zu Verrall, »ja, Verrall, Sie haben eine schöne Stimme. Merkwürdig, daß mir das seither nicht ausgefallen ist!«

Eine Zeitlang saßen wir stillschweigend vor unseren bloßgelegten Leidenschaften. ...

»Gott!« rief ich. »Und auf all diesen schwankenden Wogen des Instinkts und wortlosen Verlangens, auf all diesem Schäumen des Tastens, Sehens und Fühlens unser kleiner Mastkorb der Vernunft – wie – – wie ein über Bord geschwemmter Käfig voll Hühner, die im Meer herumglucksen.«

Verrall lachte ob des Bildes, das ich heraufbeschworen hatte. »Noch vor einer Woche,« sagte er, es weiter ausspinnend, »klammerten wir uns an unsern Käsig und schwankten mit ihm auf und ab. Vor einer Woche stimmte das noch. Aber heut ...«

»Heute,« sagte ich, »hat sich der Wind gelegt. Der Weltsturm ist vorüber. Und jeder Hühnerkäfig ist durch ein Wunder in ein Fahrzeug verwandelt, das es mit Wind und Meer aufnimmt ...«

 

IV.

»Was sollen wir tun?« fragte Verrall.

Nettie zog eine tiefrote Nelke aus einer der vor uns stehenden Vasen und begann zierlich und bedachtsam die Kelchblätter abwärts zu biegen und ein Blütenblatt nach dem andern auszuzupfen.

Ich entsinne mich noch, daß sie das während unseres ganzen Gesprächs tat. Sie legte die zerzupften roten Blättchen in eine lange Reihe und ordnete sie immer wieder anders. Als ich schließlich allein war mit diesen Überbleibseln, war das Muster noch immer unvollendet. ...

»Nun,« sagte ich, »die Sache scheint ziemlich einfach. Ihr beide –« ich schluckte ein bißchen daran – »liebt euch.« Ich hielt inne. Sie antworteten durch ein gedankenvolles Schweigen.

»Ihr gehört zueinander. Ich habe darüber nachgedacht und es von vielerlei Gesichtspunkten aus betrachtet. Ich wollte eben – – Unmögliches. ... Ich habe mich schlecht benommen. Ich hatte kein Recht, euch zu verfolgen.«

Ich wandte mich zu Verrall.

»Sie fühlen sich an sie gebunden?«

Er nickte.

»Kein gesellschaftlicher Einfluß, kein Verblassen all dieser Atmosphäre von Klarheit und Hochherzigkeit – denn so etwas könnte ja eintreten – wird Sie davon abbringen?«

Er antwortete mit einem ehrlichen Blick: »Nein, Leadford, nein!«

»Ich habe Sie nicht gekannt,« sagte ich. »Ich habe Sie für etwas ganz anderes gehalten.«

»Ich war es auch,« schaltete er ein.

»Jetzt,« sagte ich, »ist alles anders geworden.«

Dann hielt ich inne – ich hatte den Faden verloren.

»Was mich betrifft,« fuhr ich fort, auf Netties gesenktes Antlitz blickend und dann meine Augen auf die zwischen uns stehenden Blumen heftend, »– da meine Liebe zu Nettie mich beherrscht und immer beherrschen wird, und da in dieser Liebe beständig ein Begehren keimt, da ich es nicht ertragen kann, sie als die Ihre, ganz als die Ihre, zu sehen, so muß ich meiner Wege gehen; ihr müßt mich meiden und ich euch. ... Wir müssen die Welt teilen, wie Jakob und Esau. ... Ich muß mich mit aller Willenskraft, die ich habe, anderen Dingen zuwenden. Schließlich – diese Leidenschaft ist nicht das Leben! Vielleicht für Tiere und Wilde – aber für Menschen – nein! Wir müssen uns trennen und ich muß vergessen. Was bleibt anders übrig?«

Ich blickte nicht auf; in allen Fibern gespannt saß ich vor den roten Blumenblättern, die sich wie ein unauslöschliches Mal meinem Gedächtnis einprägten; aber ich fühlte an Verralls ganzer Haltung, daß er mir beistimmte. Es folgten ein paar Augenblicke des Schweigens. Dann sprach Nettie. »Aber –« begann sie und verstummte.

Ich wartete ein Weilchen, seufzte und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. »Es ist ganz einfach,« lächelte ich, »jetzt, wo wir kühle Köpfe haben.«

»Ist es wirklich so einfach?« fragte Nettie, meine ganze Rede damit null und nichtig machend.

Ich blickte auf und sah ihre Augen auf Verrall ruhen. »Siehst du,« sagte sie, »ich hab' Willie gern. Es ist so schwer zu sagen, was man fühlt – aber ich möchte nicht, daß er so fortgeht.«

»Ja, aber,« warf Verrall ein, »wie – – –«

»Es ist so schwer – – – Ich hab' noch nie in meinem Leben versucht, meinen Gedanken so auf den Grund zu kommen. Auf jeden Fall hab' ich nicht recht gehandelt an Willie. Er – er hatte sich fest auf mich verlassen. Das weiß ich. Ich war seine Hoffnung. Ich war etwas Köstliches, das ihm verheißen war – etwas, was sein Leben krönen sollte – schöner als alles, was er je besessen hatte. Und ein heimlicher Stolz. ... Er lebte durch mich. Ich wußte, als wir beide anfingen, uns zu treffen, du und ich – es war eine Art Verrat an ihm – –«

»Verrat!« sagte ich. »Es war nichts als ein Tasten – ein Durch-all-die-Unklarheit-hindurch-Tasten!«

»Du empfandest es als Verrat.«

»Jetzt nicht mehr.«

»Ich empfand es so. Und in gewissem Sinne empfinde ich es noch so. Denn du brauchtest mich.«

Ich erhob einen schwachen Protest gegen diese Auffassung und versank in Sinnen.

»Und sogar, als er uns töten wollte,« sagte sie zu Verrall, »fühlte ich im Innersten mit ihm. Ich kann all das Schreckliche verstehen, die Demütigung – ah! die Demütigung – alles, was er durchgemacht hat!«

»Ja,« sagte ich, »aber ich sehe nicht – – –«

»Ich sehe auch nicht! Ich versuche nur zu sehen! Aber du weißt, Willie, daß du ein Teil meines Lebens bist. Ich habe dich länger gekannt als Edward. Ich kenne dich besser. Ja, ich kenne dich, mit meinem ganzen Herzen! Du dachtest, alles, was du mir gesagt hast, sei weggeworfen gewesen an mich, ich habe diese Seite deines Wesens, deinen Ehrgeiz und alles das überhaupt nie verstanden. Ich hab' es verstanden. Mehr, als ich damals selber glaubte. Jetzt – jetzt ist mir all das klar. Was ich an dir verstehen lernen mußte, war etwas Tieferes, als das, was Edward mir gebracht hat. ... Ich weiß es jetzt. ... Du bist ein Teil meines Lebens, und jetzt, wo ich es verstanden habe, möchte ich nicht alles das von mir loslösen und wegwerfen.«

»Aber du liebst Verrall ...«

»Liebe ist ein so wunderliches Ding! ... Gibt es eine Liebe? Ich meine, nur eine Liebe?« Sie wandte sich zu Verrall. »Ich weiß, ich liebe dich. Jetzt kann ich darüber reden. Vor heute morgen hätte ich es nicht können. Es ist, als wäre mein Geist aus einem parfümierten Gefängnis befreit. Aber was ist sie, diese Liebe zu dir? Ein Haufe von Äußerlichkeiten – Dinge, die du an dir hast, – die Art, wie du blickst – die Art, wie du dich bewegst. Die Sinne sind es – – und der Sinn für gewisse Schönheiten. Auch Schmeichelei – allerlei, was du gesagt hast. Allerlei Hoffnungen für mich und Täuschungen. Und all das hatte sich ineinander gewickelt und dazu kamen noch die wilden und tiefen Erregungen, die Gefühle, die in meinem Körper schliefen. Es schien, als wäre das alles. Aber es war nicht alles. Wie soll ich es beschreiben? Es war, als hätte man eine Lampe mit einem dichten Schirm – alles übrige im Zimmer war verborgen. Aber man nimmt den Schirm ab, und es ist alles da – und es ist dasselbe Licht – und alles ist wie zuvor. Nur daß alles beleuchtet ist.«

Ihre Stimme verstummte. Eine Weile sprach keiner von uns, und Nettie häufte mit einer raschen Bewegung die Nelkenblätter zu einer Pyramide.

Bildliche Wendungen lenken mich immer ab; wie ein seltsamer Refrain klang es in meinen Gedanken: »Es ist dasselbe Licht!«

»Keine Frau glaubt daran,« sagte Nettie unvermittelt.

»An was?«

»Keine Frau hat je daran geglaubt.«

»Du mußt dir einen Mann wählen,« sagte Verrall, der sie schneller begriff als ich.

»Dazu werden wir erzogen. Man sagt es uns – es steht in den Büchern, in Geschichten, in der Art, wie die Leute blicken, wie sie sich benehmen. – Eines Tages wird ein Mann kommen. Er wird alles sein, außer ihm wird niemand sein. Alles andere wirst du verlassen. In ihm wirst du leben.«

»Auch den Mann lehrt man dasselbe von einer Frau,« sagte Verrall.

»Nur, daß die Männer es nicht glauben. Sie haben einen widerspenstigeren Geist. ... Die Männer haben sich nie so benommen, als ob sie es glaubten. Man braucht nicht erst alt zu sein, um das zu wissen. Sie glauben es von Natur aus nicht. Aber eine Frau glaubt von Natur überhaupt nichts. Die Formung, die sie durchmacht, bewirkt, daß sie ihre geheimen Gedanken fast vor sich selber verbirgt.«

»So war es – seither,« sagte ich.

» Du jedenfalls hast es nicht getan,« sagte Verrall.

»Ich habe mich freigemacht. Das macht der Komet. Und Willie. Und weil ich überhaupt nie wirklich an die Form glaubte, sogar wenn ich es selber meinte. Es ist dumm, Willie fortzuschicken – beschämt, ausgestoßen – ihn nie wiederzusehen, während ich ihn doch so gern habe. Es ist grausam, es ist schlecht und häßlich, über ihn wegzugehen, als wär' er ein geschlagener Feind, und so zu tun, als könnt' ich trotzdem glücklich sein. Eine Lebensregel, die derartiges vorschreibt, hat keinen Sinn. Es ist selbstsüchtig. Es ist roh. Es ist sinnlos. Ich – –« es klang ein Schluchzen durch ihre Stimme. »Willie! Ich will nicht ...«

Ich saß finster, die Augen auf ihre beweglichen Finger gerichtet, da und grübelte.

»Es ist auch roh,« sagte ich zuletzt mit einer geflissentlich kühlen Bedachtsamkeit. »Nichtsdestoweniger liegt es in der Natur der Dinge. ... Nein! ... Du siehst, schließlich sind wir noch immer halbe Tiere, Nettie. Und die Männer sind, wie du sagst, widerspenstiger, als die Frauen. Daran hat der Komet nichts geändert. Nur klarer hat er es gemacht. Wir sind durch einen Aufruhr blinder Kräfte ins Leben getreten. ... Ich komme wieder auf das zurück, was ich vorhin sagte: wir sehen unsre arme Vernunft, unsern Willen, gut zu leben, uns selber, auf einer Woge von blinden Trieben, Leidenschaften, instinktiven Vorurteilen, halbtierischen Borniertheiten treiben. ... Wir sind wie Menschen, die sich an etwas anklammern – – wie Menschen, die auf einem Floß aufwachen. ...«

»Schließlich kommen wir auf meine Frage zurück,« sagte Verrall leise. »Was sollen wir tun?«

»Auseinandergehen!« sagte ich. »Du siehst, Nettie, diese unsere Körper sind nicht die Körper von Engeln. Sie sind dieselben geblieben – – –. Ich habe irgendwo gelesen, daß man in unsern Körpern noch Spuren der niedrigsten Abstammung findet; daß an den Innenteilen unserer Ohren, glaube ich, und an unsern Zähnen noch etwas vom Fisch haftet, daß es noch Knochen gibt, die an kleine – wie nennt man sie gleich? – Beuteltier-Vorfahren erinnern, und Hunderte von Spuren vom Affen. Selbst dein schöner Körper, Nettie, trägt dies Mal! Nein! Hör mich zu Ende!« Ich beugte mich ernsthaft vor. »Unsere Empfindungen, unsere Leidenschaften und Begierden, das Wesentliche an ihnen, wie das Wesentliche an unsern Körpern, ist tierisch; ein Geschöpf des Kampfs und der Begierde. Du redest jetzt zu uns als Geist zum Geist, – das kann man – nach einer Körperanstrengung, nach dem Essen, wenn man nichts tut – aber wenn man sich wieder zum Leben wendet, tritt auch die Materie wieder in Kraft.«

»Ja,« sagte Nettie, mir langsam folgend; »aber man beherrscht sie.«

»Nur durch ein gewisses Maß von Nachgeben. Dazu gehört weiter keine Zauberkunst – wenn wir die Materie besiegen wollen, müssen wir den Feind teilen und die Materie zu unserem Verbündeten machen. Heutzutage ist es tatsächlich wahr, daß ein Mensch durch den Glauben Berge versetzen kann; er kann zu einem Berg sagen: ›Hebe dich auf und wirf dich ins Meer!‹ aber nur, weil er seinen Brüdern hilft und vertraut, weil er den Verstand und die Geduld und den Mut hat, Eisen, Stahl, Gehorsam, Dynamit, Krahnen und Räder, das Geld anderer Menschen für seine Sache zu gewinnen. ... Um mein Verlangen nach dir zu besiegen, darf ich es nicht beständig durch deine Anwesenheit reizen; ich muß fortgehen, damit ich dich nicht mehr sehen kann; ich muß mich andern Interessen zuwenden, muß mich in Kämpfe und Streitfragen stürzen. ...«

»Und vergessen?« sagte Nettie.

»Nicht vergessen,« erwiderte ich; »aber irgendwie – aufhören, darüber nachzubrüten.«

Ein paar Augenblicke verweilte sie bei diesem Gedanken.

»Nein!« sagte sie dann, zerstörte ihr letztes Nelkenmuster und blickte auf Verrall, der eben eine Bewegung machte.

Verrall lehnte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und schob die Finger seiner beiden Hände ineinander.

»Wissen Sie,« sagte er, »ich habe nicht viel über diese Dinge nachgedacht. Auf der Schule und auf der Universität tut man das nicht. ... Es gehörte dort zum System, das zu verhindern. Ohne Zweifel wird man das alles jetzt anders machen. Mir scheint –« er dachte nach – »wir gleiten da über Fragen hin, auf die man zuletzt – im Griechischen – in allen möglichen Lesarten – im Plato – stieß –, bei denen es aber nie einem Menschen in den Sinn kam, sie aus einer toten Sprache in lebendige Wirklichkeit umzusetzen. ...« Er hielt inne und antwortete dann auf eine unausgesprochene Frage seiner Gedanken: »Nein! Ich denke wie Leadford, Nettie: es liegt in der Natur der Dinge, daß der Mann exklusiv ist. ... Der Geist ist frei und schweift durch die ganze Welt, aber nur ein Mann kann ein Weib besitzen. Den Gedanken an Rivalen mußt du aufgeben. Wir sind zum Kampf ums Dasein geschaffen – wir selbst sind der Kampf ums Dasein; die ganze lebendige Welt ist der fleischgewordene Kampf ums Dasein, und daraus geht hervor, daß der Mann um seine Gefährtin kämpft; für jede Frau ist einer, der den Sieg davonträgt. Die andern räumen das Feld.«

»Wie Tiere,« sagte Nettie.

»Ja. ...«

»Es gibt so vieles im Leben,« sagte ich; »aber das ist die ungeschminkte und nüchterne Wahrheit.«

»Aber,« sagte Nettie, »ihr kämpft doch nicht. Das ist anders geworden, weil der Mensch seinen Geist hat.«

»Du hast zu wählen,« sagte ich.

»Und wenn ich nicht wählen will?«

»Du hast gewählt!«

Sie ließ ein kleines, ungeduldiges »Oh!« vernehmen. »Weshalb sind Frauen immer Sklavinnen ihres Geschlechts? Soll diese große Zeit der Vernunft und des Lichts, die gekommen ist, daran nichts ändern? Und die Männer! Ich finde das alles – albern! Ich glaube nicht, daß das die wahre Lösung der Sache ist, sondern es sind einfach die schlechten Gewohnheiten der vergangenen Zeit. ... Instinkt! In einer Menge von andern Dingen laßt ihr euch nicht durch eure Instinkte lenken! Da bin ich – zwischen euch zweien. Da ist Edward. Ich liebe ihn, weil er heiter und angenehm ist und weil – weil ich ihn gern habe. Da ist Willie – ein Teil meiner selbst – mein erstes Geheimnis, mein ältester Freund! Warum darf ich nicht beide haben? Bin ich kein geistiges Wesen, daß ihr immer nur das Weib in mir seht? Immer nur etwas, um das man kämpft?« Sie hielt inne; dann machte sie ihren unglücklichen Vorschlag: »Laß uns alle drei zusammenhalten!« sagte sie. »Laß uns nicht auseinandergehen! Auseinandergehen bedeutet Haß, Willie! Warum sollten wir nicht Freunde bleiben? Zusammenkommen, miteinander plaudern?«

»Plaudern?« sagte ich. »Über derartige Dinge?«

Ich blickte zu Verrall hinüber und begegnete seinen Augen; jeder beobachtete den andern. Es war die offene, gerade Prüfung ehrlicher Gegnerschaft. »Nein!« entschied ich. »Zwischen uns kann es dergleichen nicht geben.«

»Nie?« fragte Nettie.

»Nie!« sagte ich überzeugt.

Ich zwang mich zu einer Anstrengung. »Wir können mit dem Gesetz und der Sitte dieser Dinge nicht spielen!« sagte ich. »Diese Leidenschaften rühren zu nah an unser innerstes Sein. Lieber eine Operation als eine chronische Krankheit! Von Nettie verlangt meine Liebe – alles! Eines Mannes Liebe ist nicht Hingebung, sie ist Forderung, Anspruch. Und dann –« hier übertrumpfte ich mich selbst – »– ich habe mich einer neuen Geliebten ergeben; ich, Nettie, bin jetzt der Treulose! Hinter dir, über dir erhebt sich die kommende Stadt der Welt, – an ihr will ich bauen! Du, mein Herz, bist nur das Glück – und jene – ja ... sie ruft mich! Und wenn mein Lebensblut auch nur ihre Grundsteine taufen soll – – fast möcht' ich hoffen, daß mir das zuteil werden möge, Nettie! – Ihr will ich mich ergeben!« All meine Überzeugungskraft legte ich in diese Worte. ... »Kein Konflikt der Leidenschaft,« fügte ich etwas lahm hinzu, »darf mich ablenken.«

Eine Pause folgte.

»So müssen wir uns trennen,« sagte Nettie mit den Augen einer Frau, der man ins Gesicht geschlagen hat.

Ich nickte.

Wieder folgte eine kleine Stille; dann erhob ich mich. Wir alle drei erhoben uns. Fast unfreundlich, ohne weitere Worte, die des Erinnerns wert wären, trennten wir uns, und gleich darauf war ich allein in der Laube.

Ich glaube, ich habe ihnen nicht nachgesehen. Ich weiß nur noch, daß ich in einer fürchterlichen Leere und Verlassenheit zurückblieb – allein. Ich setzte mich wieder und versank in tiefes, gestaltloses Grübeln.

 

V.

Plötzlich sah ich auf. Nettie war zurückgekehrt und blickte auf mich nieder.

»Ich habe nachgedacht,« sagte sie. »Edward hat mich allein zu dir zurückgehen lassen. Und ich fühle es, ich kann vielleicht besser mit dir allein reden.«

Ich sagte nichts. Das machte sie verlegen.

»Ich meine, wir sollten nicht voneinandergehen,« sagte sie.

»Nein – ich finde, wir sollten nicht voneinandergehen!« wiederholte sie.

»Man kann auf verschiedene Weise leben,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ob du das, was ich jetzt sage, verstehen wirst, Willie. Es ist schwer, zu sagen, was ich fühle. Aber ich will es sagen. Wenn wir für immer voneinandergehen sollen, so will ich, daß es gesagt ist – und ganz offen. Immer habe ich früher den weiblichen Instinkt und die weibliche Erziehung besessen, die einen zum Versteckspiel treiben. Aber – – Edward ist nicht alles in mir. Bedenke, was ich sage – Edward ist nicht alles in mir. Ich wollte, ich könnt' es dir besser sagen, wie ich es sehe. Ich bin nicht alles in mir. Auf jeden Fall bist du ein Teil von mir, und ich kann es nicht ertragen, von dir zu gehen. Ich sehe auch nicht ein, weshalb ich von dir gehen sollte. Zwischen uns ist etwas wie Blutsverwandtschaft, Willie. Wir sind miteinander aufgewachsen; wir gehören zueinander. Ich verstehe dich. Ja, jetzt verstehe ich dich. Irgendwie ist mir in einem einzigen, großen Schritt das Verständnis gekommen. Ich verstehe dich und deinen Traum. Ich möchte dir helfen. Edward – Edward hat keine Träume ... Es ist mir fürchterlich, Willie, wenn ich denke, daß wir beide voneinandergehen sollen.«

»Aber das haben wir ja schon abgemacht – trennen müssen wir uns.«

»Aber weshalb?«

»Ich liebe dich.«

»Nun, und weshalb sollte ich es verheimlichen, Willie – – auch ich liebe dich! ...« Unsere Blicke trafen sich. Sie errötete und fuhr entschlossen fort: »Du bist dumm! Das Ganze ist dumm! Ich liebe euch beide!«

Ich sagte: »Nein! Du weißt nicht, was du sagst.«

»Du meinst, ich muß gehen?«

»Ja, ja! Geh!«

Einen Augenblick sahen wir uns an, stumm, als rängen in dem unergründlichen Dunkel tief unter der Oberfläche und der gegenwärtigen Wirklichkeit der Dinge stumme Ahnungen nach Gestalt und Leben. Sie wollte reden und ließ es doch ...

»Mußich gehen?« fragte sie endlich mit bebenden Lippen, und die Tränen schimmerten in ihren Augen gleich Sternen. Dann begann sie wieder: »Willie – –«

»Geh!« unterbrach ich sie, ... »Ja!«

Und wieder schwiegen wir.

So stand sie vor mir, ein tränenvolles Bild des Erbarmens, voll Sehnsucht nach mir, voll Erbarmens mit mir. Etwas von jener höheren Liebe, die dereinst unsere Nachkommen über alle Schranken, über alle harten und kleinen Nötigungen unsres persönlichen Lebens hinwegtragen wird, berührte uns gleich dem ersten Hauch eines himmlischen Windes, der leise sich regt und schwindet. ... Es drängte mich, ihre Hand zu fassen und zu küssen; aber ein Zittern überkam mich – und ich wußte, wenn ich sie berührte, war alle meine Kraft dahin. ...

Und so, ohne uns einander zu nähern, schieden wir, und Nettie ging, widerstrebend, zurückschauend, ging mit dem Mann, den sie erwählt, entgegen dem Lose, das sie erwählt hatte, und schwand aus meinem Leben, wie die Sonne aus meinem Leben schwand. ...

Dann faltete ich vermutlich diese Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche. Meine Erinnerung an jene Begegnung schließt damit, wie Netties Gesicht sich zum Gehen wandte ...

 

VI.

All dessen entsinne ich mich noch bis auf den heutigen Tag sehr deutlich. Ich könnte fast für die Worte einstehen, die ich jedem von uns in den Mund gelegt habe. Dann folgt eine Leere. Dunkel schwebt es mir vor, als sei ich nochmals in dem Haus bei den Golfplätzen und mitten im Getriebe von Melmounts Aufbruch gewesen, als sei mir Parkers Energie sehr widerwärtig vorgekommen, und als sei ich mit dem dringenden Wunsch, Melmount allein Lebewohl zu sagen, die Straße hinabgegangen.

Vielleicht geriet mein Entschluß, mich auf immer von Nettie zu trennen, schon ins Wanken; denn ich glaube, ich hatte vor, ihm alles zu sagen, was wir geredet hatten und was geschehen war. ...

Ich glaube nicht, daß ich ein Wort mit ihm wechselte oder überhaupt noch mehr als einen eiligen Händedruck erhaschte. Sicher bin ich dessen nicht. Es ist mir ganz entfallen. Aber sehr deutlich und bestimmt weiß ich noch, daß kalte Verzweiflung mich packte, als ich seinen Wagen fortrollen, ihn den Hügel von Mapleborough hinauffahren und dahinter verschwinden sah; da erwachte zum erstenmal die deutliche Ahnung in mir, daß schließlich diese große Wandlung und meine neuen hohen Ziele im Leben doch kein ungetrübtes Glück für mich bedeuten sollten. Ich hatte ein Gefühl der Auflehnung gegen eine grenzenlose Unbill, als ich ihn davonfahren sah. »Es ist noch zu früh,« sagte ich zu mir selber, »um mich allein zu lassen.«

Ich fühlte, ich hatte zuviel geopfert, als ich auf das heiße, unmittelbare Leben der Leidenschaft, auf Nettie und das Verlangen nach ihr, auf physischen und persönlichen Wettkampf, auf alles, was mein Ich am tiefsten berührte, verzichtet hatte. Es war unrecht, mich mit so wundem Herzen allein zu lassen, um sofort in diese stählern kalten Pflichten des weiten Lebens zu stürzen. Ich fühlte mich wohl neugeboren, aber nackt und hilflos.

»Arbeite!« rief ich mir zu, bestrebt, heroisch zu sein, und wandte mich seufzend um; ich war froh, daß der Weg, den ich einschlagen mußte, mich wenigstens zu meiner Mutter führen sollte. ...

Aber seltsamerweise entsinne ich mich, daß ich nachts in Birmingham ziemlich heiter, tatenfroh und voller Pläne war. Ich blieb in Birmingham über Nacht, weil der Eisenbahnverkehr gestört war und ich nicht weiter konnte. Ich hörte einer Musikkapelle zu, die ihre messingene altmodische Musik in einem öffentlichen Park erklingen ließ, und kam mit einem Manne ins Gespräch, der mir sagte, er sei bei einem der kleineren Lokalblätter Reporter gewesen. Er sprach viel und klar von all den Erneuerungsplänen, die jetzt das Leben der Menschheit umgestalten sollten, und ich weiß, etwas von jenem stolzen Traum wurde wieder in mir lebendig, als ich ihn reden hörte. Wir gingen im Mondschein bis zu einem Orte namens Bourneville und sprachen von den neuen sozialen Einrichtungen, die an Stelle des alten isolierten Wohnsystems treten müßten, und wie man die Menschen unterbringen würde.

Für Bourneville war dies ein sehr geeignetes Thema. Denn hier hatte eine industrielle Firma den Versuch gemacht, die Wohnungsverhältnisse ihrer Arbeiter zu verbessern. Uns würde es heute als ein sehr schwacher Versuch des Wohlwollens erscheinen, aber damals war es etwas Außerordentliches und Berühmtes, und man machte weite Reisen, um die schmucken Häuschen mit dem in den Küchenboden eingelassenen Bad (just in den Küchenboden!) und mit den anderen glänzenden Erfindungen zu sehen. Niemand schien in jenem streiterfüllten Zeitalter zu merken, welche Gefahr der Freiheit daraus erwachsen konnte, daß man die Arbeiter zu Pächtern und Schuldnern ihrer Arbeitgeber machte, obgleich eine Verordnung, die man das Truckgesetz nannte, schon längst versucht hatte, eben dahin zielende Verstöße zu hindern. ... Aber mein durch den Zufall mir zugeführter Bekannter und ich, wir glaubten in jener Nacht diese Möglichkeit von jeher erkannt zu haben, und zweifelten nicht daran, daß die Sorge für die Wohnungsverhältnisse eine öffentliche Angelegenheit sei. Aber unser Interesse galt mehr der Frage, ob und wie man gemeinsame Kinderstuben, Küchen und öffentliche Lokale einrichten könne, um Arbeit zu sparen und den Leuten Raum und Freiheit zu verschaffen.

Es war sehr interessant, aber doch noch ein wenig unerfreulich, und als ich in dieser Nacht im Bett lag, dachte ich an Nettie und an die wunderlich verklausulierte Wahl, die sie getroffen hatte, und unter anderem betete ich auch auf meine Weise. Ich betete in jener Nacht, ich will es gestehen, zu einem Bilde, das ich in meinem Herzen aufgerichtet hatte, einem Bilde, das mir noch heute als Symbol für alles Unfaßbare dient, zu dem großen Werkmeister, dem unsichtbaren Führer aller, die an dem Bau der Welt mitarbeiten.

Aber vor und nach meinem Gebet war ich in meiner Phantasie noch einmal mit Nettie, redete mit ihr, stritt mit ihr, sah sie vor mir. ...

Sie hat den Tempel jener Anbetung niemals mit mir betreten.

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