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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 7
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authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Naturgemäß drehte das Tischgespräch sich anfänglich um Severins Erlebnisse. Jeder hatte eine Frage zu tun, wollte bald über dies, bald über jenes unterrichtet sein.

Wie oft man auch Einzelheiten oder zusammenhängende Darstellungen aus dem Felde, aus der Gefangenschaft gehört oder gelesen, von den Kämpfen der roten Armee im fernsten Osten, vom Hexenkessel in den Grenzgebieten, wo chinesischer, russischer und japanischer Machtbereich zusammenstößt – einen deutlichen Begriff davon vermochte doch niemand sich zu machen. Aber auch jetzt blieb es den Fragenden versagt, lebendige Eindrücke zu gewinnen. Grausiges, schier Unerträgliches, mochte Severin gerade genug erlebt haben, greifbar jedoch trat aus seinen Äußerungen nichts Wesentliches hervor, sie blieben einsilbig, beschränkten sich auf Andeutungen.

Wollte er nicht sprechen, weil die Erinnerung an die ausgestandene Qual ihn quälte? Oder konnte er nicht sprechen, weil er es verlernt hatte sich mitzuteilen, weil die Fähigkeit, sein Herz auszuschütten, ihm abhanden gekommen war?

Justine und Marianne, zwischen denen er saß, fühlten bald, daß man ihm Zeit lassen müsse wie einem Schwerkranken, der erst allmählich zum Leben wiedererwacht. Stumpfe Betäubung, hervorgerufen vielleicht durch die unendliche Eintönigkeit der sibirischen Landschaft, etwas wie slawische Erschlaffung, bleiern auf seinem Denken lastend, schien ihm noch in allen Gliedern zu stecken. Dabei haftete ihm unverkennbar eine gewisse Unsicherheit und Befangenheit an wie etwa einem Hinterwäldler, der sich zum erstenmal auf spiegelndem Parkett bewegen soll. Er wußte offenbar nicht mehr, wie man sich in guter Gesellschaft benahm, war sich nicht klar darüber, was man mit den Händen anfing, wenn man an einem gedeckten Tisch saß, ob man sich an die Stuhllehne anlehnen dürfe oder rückenfrei sitzen müsse, blickte verstohlen nach den andern, wie sie Löffel, Gabel, Messer gebrauchten oder sich sonst verhielten, und ließ den scheuen, gleichsam geduckten Blick hie und da wie beängstigt durchs Zimmer schweifen, dessen durchaus nicht ungewöhnliche, nur einfach gut bürgerliche Einrichtung ihm wohl höchst merkwürdig, vielleicht übermäßig prunkvoll, vielleicht auch geschmacklos und lächerlich, jedenfalls fremd und ungewohnt vorkam.

Laurenz, neben dem den Ehrenplatz einnehmenden Vater, war voll Zuversicht, der Bann würde bald gebrochen sein. Aufgeräumt plauderte er mit seinem Gegenüber, dem geistlichen Herrn, und mit Ursel, dessen Nachbarin auf der andern Seite, zog auch Justine zu seiner Linken oder Eybel, der ihm schräg gegenüber neben Ursel saß, und Marianne, die am unteren Ende, zwischen Ursel und Severin, des Vaters Widerpart bildete, ins Gespräch, das er vom Bruder abzulenken und ins Fahrwasser unpersönlicher Fragen und öffentlicher Angelegenheiten zu steuern suchte. Es gelang ihm, die Unterhaltung allgemein zu machen und über den ganzen Tisch hin in Gang zu bringen, so daß der im Elternhaus Fremdgewordene, obgleich er da geboren und aufgewachsen war, sich nach Bedürfnis ausschweigen konnte, ohne daß es peinlich auffiel. Die drei Frauen verstanden die Absicht am schnellsten. Mit der mütterlichen Witterung ihres Geschlechts – obzwar nur eine von ihnen, nämlich Ursel, Mutter war, diese aber trotz ihrer zweiunddreißig Jahre von nicht weniger als fünf Kindern – schätzten sie, vielleicht zutreffend, was in Severin vorgehen mochte, als ein Seitenstück jener Wendepunkte in der Kinderseele ein, die man am besten nicht beachtet und bemerkt, weil Einspruch oder Berührung leicht wunde, entzündliche Stellen hervorruft, die gefährlich werden können, während Schonung und Stillschweigen, die vom Manne so selten angewendeten und doch wirksamsten Geheimmittel der Erziehung, ausgleichend darüber hinweghelfen.

Ein Gegenstand, der die Aufmerksamkeit fesselte, ward gefunden und festgehalten. Denn eine unliebsame Erfahrung, die man jetzt fast täglich machen konnte, beschäftigte jedes der Menschenliebe offenstehende Gemüt. Blieb denn in dieser ungewöhnlichen Zeit, wo die Erde zu schwanken, die Umwälzung besser der natürlichen Ordnung zu entsprechen schien als das Feststehen, blieb denn unter solchen Bedingungen der sittliche Charakter des Menschen noch das Maß der Dinge? Oder nahm er jede beliebige Gestalt an, welche die äußeren Umstände aus ihm formten, wie eine Flüssigkeit die Umrisse des Gefäßes, in das man sie schüttet? Erst kürzlich wieder hatte man's aus der Nähe miterlebt, wie ein Ehrenmann, das heißt einer, den bis dahin alle dafür gehalten, sich als ungetreu erwiesen. Die durch den Krieg zur Witwe gewordene Ursel, die mit Umsicht dem von ihrem Gatten hinterlassenen Geschäft, einem ausgebreiteten Garn- und Seidenhandel, vorstand, war die Betroffene. Herr Seyfried, der langjährige Prokurist des Hauses Fürst und Sohn, ein Mann in Ehren grau geworden und Nachkomme eines ehrbaren Geschlechts von Mechanikern, die sich mehrere Menschenalter hindurch besonders als geschickte Webstuhlbauer hervorgetan, hatte das in ihn gesetzte Vertrauen mißbraucht und ansehnliche Summen veruntreut.

»Man möchte beinahe auf den Gedanken kommen,« sagte Laurenz, »als gäb' es in der Tat, wie die Stoff- und Kraftlehre behauptet, keine freie Entscheidung der Seele mehr, und als genügten ein paar Gramm Mehrgewicht in die Wagschale der Versuchung, um jene der Gegenseite hinaufschnellen zu machen.«

»Was befindet sich in der andern Wagschale, das so leicht wiegt?« fragte Ursel.

»Die Widerstandsfähigkeit gegen das Böse.«

»Die wird immer unwägbar bleiben,« bemerkte Justine, »weil sie vom Willen des Menschen abhängt.«

»Hoffen wir's. Aber wenn man einen so bewährten Mann wie Herrn Seyfried unterliegen sieht, so steigen einem fast Zweifel darüber auf, ob es nicht für jeden eine Grenze gibt, über die hinaus seine Widerstandskraft schließlich erlahmen muß. Dann blieb' es freilich noch zu überlegen, ob wir überhaupt von einem freien Willen sprechen dürfen.«

»Auf diese Weise kämen wir völlig ins Mechanische«, nahm Hauptmann Eybel das Wort; »und dann könnte auch von einer Schuld nicht mehr die Rede sein. Bei dem einen würden ein paar Gramm genügen, das Gewicht der entgegenstehenden Wagschale zu überwinden, bei dem andern wären vielleicht ein paar Pfund nötig, aber der Schlechtigkeit zugänglich wären sie beide und jeder zu allem fähig, wenn nur die Verlockung groß genug ist.«

»Darum muß man eben in die andere Wagschale«, ließ jetzt der Pik von Teneriffa sich vernehmen, »zum guten Willen noch ein paar Hilfen von außen gesellen. So etwa die Verachtung, mit der man vom Betrüger spricht, die Entrüstung, mit der man ihn verurteilt, ausgiebige Strafen nicht zu vergessen, wie Vermögensverlust, Einsperren, Aufhängen, von mir aus auch noch eine Tracht Prügel. Wenn man das alles abschafft, so verzichtet man auf ein wirksames Gegengewicht, und wenn dann auch noch die Frage aufgeworfen wird, ob überhaupt von einer Schuld die Rede sein kann, dann muß freilich zu guter Letzt herauskommen, was tatsächlich bei uns herausgekommen ist: der Saustall. Denn wo ihrer Neunhundertneunundneunzig durch Kniffe und Schliche zu Reichtum und Ansehen gelangt sind, da sieht der Tausendste natürlich nicht ein, warum er es nicht auf dieselbe Art versuchen sollte, wenn weiter keine Gefahr damit verbunden ist.«

»Prügelstrafe und Galgen – auch nicht übel«, sagte Pater Wilfrid lachend; »wär's nur so einfach, Herr Hocheder, wie sich's auf den ersten Blick ausnimmt. Aber das Netz der Justiz ist ein grobes Gespinst, bloß die plumpsten Fische bleiben darin hängen, die hurtigen und schlauen schlüpfen gar leicht durch die Maschen. Lieber als auf den Büttel verlass' ich mich auf die Lehre des Herrn, die darauf aus ist, die Gemüter einzufangen, denn nach seiner Weisung sollen wir Menschenfischer sein. Durch Zwangsmittel lassen sich allenfalls die Symptome der Krankheit bessern, aber ihre Ursachen nicht beheben. Volle Heilung, durch die Gottesgabe des freien Willens ins Bereich des Möglichen gerückt, wirkt nur die freiwillige Entscheidung zum Guten. Erleichtert kann diese allerdings werden durch soziale Vorkehrungen, die in der Liebe zur Gemeinschaft wurzeln. Denn die Menschen an sich sind heute nicht besser und schlechter als sonst, sie sind nur elender daran und darum größeren Gefahren ausgesetzt als je. Diese Gefahren lassen sich bekämpfen und mindern, wie es etwa der Gärtner und Winzer bei Obst- oder Weinpflanzungen tut. Das Entscheidende für den einzelnen wird immer die sittliche Triebkraft bleiben, die ihm innewohnt. Und daß diese gottlob in reichem Maße noch vorhanden ist in unserm Volk, dafür zeugen zahlreiche Gegenbeispiele, die sich den jetzt leider häufiger als sonst vorkommenden Fällen von sittlicher Verrottung entgegenstellen lassen.«

»Immerhin ist es, um beim Fall Seyfried zu bleiben,« sagte Laurenz, »als würde unser eigenes Wesen erschüttert und in Zweifel gezogen, wenn aus einem vertrauten Gesicht, aus dessen Zügen die Wahrhaftigkeit selbst uns anzublicken schien, urplötzlich Lüge und Falschheit gespensterhaft wie hinter einer Maske hervorlugt.«

»Und doch rechne ich es unserer Zeit hoch an,« sagte die kluge und klare Ursel, »daß sie uns so oft das wahre Antlitz der Menschen enthüllt, das in einer gemächlicheren und minder rücksichtslosen Epoche hinter der glatten Maske verborgen geblieben wäre. Das geschieht wie bei Seyfried manchmal zu unserer bitteren Enttäuschung, es gibt aber auch, wie der hochwürdige Herr schon angedeutet, der Fälle genug, und ich habe deren selbst erlebt, wo eine angenehme Überraschung zum Vorschein kommt. Denn mancher und manche, früher kaum beachtet, weil als gleichgültig oder unbedeutend eingeschätzt, entfaltet jetzt plötzlich, vor schwere Entscheidungen und harte Notwendigkeiten gestellt, ein stilles Heldentum, dessen sich niemand von ihm versehen hätte. So kommen wahre Werte zum Vorschein und entschädigen uns reichlich für verlorene falsche Werte, deren trügerischer Schein uns irreführte. Darum hab' ich schon mehr als einmal mir sagen müssen, daß eine Zeit, die, ob auch ungewollt, beharrlich daran arbeitet, das echte Gold vom Katzengold zu scheiden, doch nicht so arg verworfen sein kann, wie es von ihr behauptet wird.«

»Und was ist's mit dem falschen Glanz der protzigen Emporkömmlinge?« warf ungehalten der alte Hocheder ein.

»Wer sich davon blenden läßt, dem ist nicht zu helfen.«

»Die Principessa meint doch wohl nicht den äußeren Erfolg,« nahm jetzt Justine sich Ursels an, »sie denkt an innere Werte.«

Marianne aber sagte an Hauptmann Eybel vorbei, gleichsam obenhin zu Ursel hinüber: »Ein ähnlicher Gedanke, wie du ihn aussprichst, steht auch in meinem Stammbuch, in einem wunderschönen Gedicht. Es gehört einem Zyklus von Sonetten an, die sich mit verschiedenen bemerkenswerten Erscheinungen dieser Zeit beschäftigen und darum ›Zeitsonette‹ überschrieben sind.«

»Oho –!?« machte Eybel lachend. »Sollte ich dem Herrn Verfasser schon irgendwo begegnet sein?«

»Der Verfasser ist ein bedeutender, aber noch nicht genugsam gewürdigter zeitgenössischer Dichter, mit dem ich persönlich gut bekannt bin«, fuhr Marianne, ohne ihn anzusehen, sich zu rühmen fort. »Er hat mir das Gedicht erst gestern eigenhändig hineingeschrieben.«

»Unterhältst du so gute Beziehungen zu Dichtern?« lächelte Justine. »Wer ist der große Mann?«

»Er will nicht genannt sein, vorderhand dichtet er nur insgeheim.«

»Dann darf er sich aber auch nicht darüber beklagen, wenn er noch nicht genügend gewürdigt ist.«

»Das fällt ihm auch gar nicht ein, im Gegenteil, man muß sogar allerhand Listen anwenden, um überhaupt etwas von ihm herauszubekommen.«

Severins starre Haltung hatte sich plötzlich belebt.

»Du mußt mich mit ihm bekanntmachen, Marianne«, raunte er der neben ihm sitzenden Schwester zu. »Ich brauche Texte zum Komponieren.«

»Komponierst du auch Lieder? Ich dachte, du spieltest die Geige?«

»Ich weiß nicht, ob ich es noch kann. Seit vielen Jahren hatte ich keine Gelegenheit mehr dazu. Aber zur Laute hab' ich viel gesungen. Ich baute sie mir selbst im Gefangenenlager. Mit ihr schlug ich mich durch halb China durch, singend und bettelnd, ein fahrender Sänger. Und auch auf dem Schiff verdiente ich mir Unterhalt und Überfahrt damit.«

»Dann trifft es sich ja gut, daß wir einen richtiggehenden Dichter auf Lager haben«, scherzte Eybel. »Wie ich ihn kenne, verbürg' ich mich dafür, daß er dich, lieber Severin, besonders gerne und mit wahrer Freude beliefern wird.«

»So bist auch du mit ihm bekannt, Konrad?«

»Gewiß! So gut und so lang wie mit dir selbst. Das heißt – wenn deine Schwester es erlaubt, so will ich annehmen, daß es sich um den von mir erst kürzlich als Dichter entlarvten Zeitgenossen handelt, der nun auch der Ehre gewürdigt wurde, des Fräuleins Stammbuch zu bereichern.«

»Jawohl,« sagte Marianne, stolz darauf, mit Eybel ein Geheimnis gemein zu haben, »wir beide kennen ihn, der Herr Hauptmann und ich, und sonst niemand.«

Sie neigte sich an sein Ohr und flüsterte ihm etwas zu, das er aber nicht verstand. Denn siedend heiß stieg ihm die Sorge zu Kopf, daß sie den muffligen Geruch nach Trödelkram und alten Kleidern wittern könnte, den sein ausgeliehener Rock mit wahrer Tücke, wie er meinte, gerade in diesem Augenblick besonders auffallend ausströmte.

»Willst du uns das Gedicht nicht zum besten geben, Marianne?« fragte Ursel zu ihr herüber.

»Ich werde es zum Nachtisch servieren lassen, wenn der Herr Hauptmann so freundlich sein will, es vorzulesen. Aber zu dem Zweck muß ich erst noch mein Stammbuch herüberholen, dazu hab' ich jetzt keine Zeit, Laurenz entkorkt eben eine Flasche.«

Sie stand auf, dem Bruder das Geschäft des Einschenkens abzunehmen. Als vor jedem ein gefüllter Kelch des einfachen grüngoldenen Grinzinger Landweins funkelte, erhob sich Pater Wilfrid zu einer Tisch- und Festrede, die er mit einem Anklang an das Gleichnis vom verlorenen Sohn einleitete.

»Und der Vater sprach«, begann er mit den Worten des Evangeliums: »Lasset uns fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig worden; er war verloren und ist gefunden worden ...«

So gelte auch diese seltene Oster- und Auferstehungsfeier, sagte er, einem Totgeglaubten und nun doch vom Tode Wiedererstandenen. Einem durch Gottes Fügung aus schwersten Gefahren Erretteten und nach unsäglichen Nöten doch glücklich ins Vaterhaus Heimgekehrten. Noch fühle sich dieser vermutlich als Fremdling im Hause seiner Väter und in der Heimat, müsse sich wohl erst zurechtfinden darin und allmählich wieder einleben, zumal er ja das alte Vaterland nicht mehr vorfinde, das er einst verlassen, und für das er in den Krieg gezogen, sondern ganz neue und ungewohnte Verhältnisse hier antreffe. Das veränderte Gesicht der Zeit fordere eine völlige Neueinstellung von dem aus langjähriger Verschollenheit Zurückgekehrten, aber nicht von ihm allein, auch von jedem andern seiner Volksgenossen, die es in dieser Hinsicht kaum leichter hätten als er. Sei doch auch den Daheimgebliebenen der sichere Bestand eines seit Jahrhunderten festbegründeten und anscheinend für die Ewigkeit gebauten Staatswesens gleichsam unter den Händen zerronnen und wie über Nacht zum Sagenkreis, zur bloßen geschichtlichen Erinnerung geworden. Aus dem bösen Traum des Weltkriegs erwachend, hätten sie sich fast zu ihrer eigenen Überraschung eines Tages wiedergefunden innerhalb der engergezogenen Grenzen ihres angeborenen Volkstums.

»So sind wir alle«, rief der geistliche Herr aus, »in einem gewissen Sinne Heimgekehrte! Heimgekehrte aus einem großen, vielgestaltigen und vielsprachigen Vaterland in die engere Gemeinschaft unserer natürlichen Heimat, welche das wahre Mutterland unseres Herzens ist.«

»Jeder von uns«, fuhr er fort, »glaubte einst an die Notwendigkeit der alten Österreichisch-ungarischen Monarchie. Trotz der Mängel, die ihr anhafteten, trotz der Reibereien, die es unter ihren Nationen gab, sahen wir in ihr doch den ersten und einzig wahren, auf Gleichberechtigung und gemeinsames Gedeihen gegründeten Völkerbund, den die Weltgeschichte bisher gekannt. Unser Bedürfnis nach Frieden ließ uns einen Segen darin erblicken, daß Streitigkeiten, die andernfalls mit den Waffen hätten ausgetragen werden müssen, innerhalb ihrer Grenzen im Wege des gütlichen Einvernehmens beigelegt werden konnten. Unser Bedürfnis, zu lieben und zu verehren, verband unser Volkstum in echt deutscher Treue mit dem letzten großen Kaiser, der tatsächlich ein liebens- und verehrungswürdiges Vorbild von Gottesfurcht und Pflichtbewußtsein gewesen ist, und durch ihn auch mit der weit größeren, fremdsprachigen und in vieler Hinsicht widerspruchsvollen Gemeinsamkeit. Darum glaubten wir an die alte Monarchie. Und doch hat dieser Glaube uns betrogen. Darum glaubten wir an die Notwendigkeit ihres Bestehens. Aber es war ein Irrtum.«

»Ja, ein Irrtum ist es gewesen, und mehr als das, es war auch eine Schuld! ... Ich sehe fragende Blicke auf mich gerichtet: Eine Schuld? Warum?«

»Weil die Gemeinschaft, die die alte Monarchie verkörperte, lediglich auf Klugheit und wirtschaftlichem Vorteil aufgebaut gewesen ist und sich auf keine gemeinsamen Ideale zu stützen vermochte.«

»Es ist ein Dogma der materialistischen Geschichtsauffassung,« fuhr er fort, »daß das politische, soziale, kulturelle Leben der Völker ausschließlich oder doch vorwiegend durch Gütererzeugung und -bewirtschaftung, durch Handelsstraßen und Verkehrswege bestimmt werde. Dieses Dogma ist falsch, weil es der Seele und dem Geist, dem Unbewußten und Schicksalshaften, das in der Volksseele schlummert, seine Rechte verkümmert. Und darum ist auch die Lehre, die alte Habsburgische Monarchie müsse bestehen, weil der wirtschaftliche Vorteil der ihr angehörenden Völker es erfordere, eine Irrlehre gewesen. Und eine Schuld ist sie gewesen, weil sie auf einer Überschätzung der stofflichen Lebensbedingungen gegenüber den geistigen und seelischen Bedürfnissen der Völker beruhte, und weil sie im Grunde eine seelenlose, eine platte Nützlichkeitslehre war.«

»Die höchsten geistigen Güter, deren Trägerin die Muttersprache ist, gedeihen nur innerhalb einer Volkseinheit zur vollen Blüte. Darum kann der übervölkische Staat höchstens eine stoffliche Interessengemeinschaft sein, aber nie und nimmer ein seelenhaft natürliches Gebilde. Hierin liegt die Berechtigung und Weihe des nationalen Gedankens beschlossen und die Heiligkeit des völkischen Staates. Das gemeinsame Weltbild ist ein haltbarerer Kitt als der gemeinsame Futtertrog. Und das Weltbild des deutschen Volkes ist von jeher ein idealistisches gewesen, keine Anbetung der Nützlichkeit, kein Handelsvertrag, kein Stoff- und Kraft-Glaube, keine Krämerweisheit.«

»Darum war die alte österreichisch-ungarische Monarchie,« sagte er, »weil durch Kompromisse der Klugheit auf Kosten des Herzensbedürfnisses zusammengehalten, eine Verleugnung des deutschen Wesens. Und darum meine ich, daß es nicht nur ein Irrtum, sondern auch eine Schuld war, wenn wir an ihre Notwendigkeit und Unvergänglichkeit glaubten. Denn ein Volk, das sein Wesen verleugnet, begeht die Sünde wider den Geist.«

Nach solch reumütig-politischem Exkurs nahm Pater Wilfrid den Gedanken der Heimkehr aus fremden oder fremdgewordenen Ländern in die traute Hut des angestammten Volkstums wieder auf. Aus dem Herzen der Monarchie waren viele Deutschösterreicher, treu dem alten Staatsgedanken, hinausgezogen in die fremdsprachigen Teile des Reiches, um ausgestattet mit Wissen und Können, Fleiß und Tüchtigkeit die Kulturarbeit fortzusetzen, die ihr Volk seit Jahrhunderten hier geleistet. Jetzt erfanden die balkanisierten Trümmer der einstigen Gemeinschaft sich das Schlagwort von den gesprengten Ketten, um Wohltat mit Unrecht zu vergelten und sich am deutschen Schweiße zu bereichern. Ihres Gutes beraubt, ihrer Stellungen verlustig, betrogen um den Lohn eines arbeitsreichen Lebens, strömten die Entrechteten, sofern sie nicht auf der Strecke geblieben waren, dahin zurück, von wo sie ausgezogen, Heimgekehrte auch sie, zu Bettlern verarmt, in eine bettelarm gewordene Heimat.

Aus der Familie Mairold allein, der Justinens Vater und Ursels Mutter entstammten, wußte der geistliche Herr mehrere solcher Schicksale zu erwähnen. Da war Christian Mairold, der Älteste von den noch lebenden Geschwistern, mehr als ein Menschenalter hindurch Hochschullehrer in Prag, der wegen einer Schrift, in der er die Bedeutung des deutschen Volkes für die sittliche Kultur der Slawen nachzuweisen versucht, so viele Anfeindungen, Gehässigkeiten, behördliche Quälereien, sogar tätliche Angriffe erduldet hatte, daß er schließlich unter angeblich »freiwilligem« Verzicht auf alle durch seine Stellung erworbenen Rechte nach Wien zurückgekehrt war, um sich ein, ob auch an Entbehrungen reiches, doch friedfertiges Alter als Privatgelehrter zu sichern. Nicht besser erging's seiner jüngsten, auch schon hoch in Jahren stehenden Schwester Vefi, die Schulvereinslehrerin in Laibach gewesen, aber sofort nach dem Umsturz wie eine Übeltäterin verfolgt und des Landes verwiesen worden war. Franz Mairold, der jüngste von den Brüdern, der als Offizier seine besten Jahre in Bosnien verbracht und sich hingebungsvoll um die Ordnung und Hebung des Landes bemüht hatte, sah sein Andenken an der Stätte seines ehemaligen Wirkens fast täglich von den serbischen Hetzblättern verleumdet, in den Kot gezerrt und gehörte, obgleich General und Exzellenz, nicht minder zu den fast auf nichts gestellten Heimkehrern. Und dem Begründer der großartigen Marmorwerke auf der Wegwacht und in der Lüsen, Justinens Vater, der den ganzen Krieg hindurch mitten im Kanonendonner in jenem südlichen Grenzwinkel ausgeharrt hatte, wo deutsches mit wendischem und welschem Sprachgebiet sich berührte, waren nach gefallener Entscheidung seine Besitztümer von den neuen Machthabern widerrechtlich beschlagnahmt worden. Seines Vermögens verlustig, des moralischen wie materiellen Ertrages aller Mühen und Arbeit beraubt, hatte auch er sich in die alte Heimat geflüchtet, aber den völligen Zusammenbruch seines gesamten Lebenswerkes nicht lange überlebt ...

»So sind außer dem Sohn dieses Hauses«, sagte Pater Wilfrid, »noch zahlreiche andere Angehörige des weiteren Familienkreises und viele Tausende unserer Volksgenossen heimgekehrt, aber nicht als Sieger. Und manche, die wir schmerzlich vermissen, sind geblieben im blutigen Kampfe oder unterlegen im unblutigen Wirtschaftskrieg, der fast noch grausamer war als jener, sind nicht mehr heimgekehrt dahin, wo die Möglichkeit für sie bestand, ein neues Leben zu beginnen, und wo die Nation ihrer bewährten Fähigkeiten bedurft hätte. Denn für unser Volk ist der Krieg zwar beendet, aber ein Friede, der auf die Dauer erträglich wäre, noch nicht geschlossen. Heute gilt's die geistigen und wirtschaftlichen Kräfte zusammenzufassen, damit wir stark und würdig werden, das Recht, das uns Gott ins Herz gelegt, auch vor den Menschen durchzusetzen.«

»Denn wir sind ein Zweig der alten heiligen deutschen Eiche, der abgetrennt vom Baume nicht leben und gedeihen kann. Und daß an Stelle des unzulänglichen friedlichen Völkerbundes, den die zerschlagene alte Monarchie darstellte, ein neuer, nur viel umfassenderer und vollkommenerer, wahrhaft auf Menschenrecht und Menschenliebe gegründeter Völkerbund ins Leben getreten sei, daran werden wir erst an dem Tage glauben können, an welchem die von allen Häusern dieser Stadt festlich wehenden Flaggen uns eine andere, heißersehnte Heimkehr künden, die Heimkehr ins Reich.«

»Auf diesen Tag, meine werten Freunde, laßt uns hoffen. Auf ihn wollen wir im Vertrauen auf Gottes sittliche Weltordnung uns vorbereiten, ein jeder innerhalb seines Wirkungskreises, durch stille, redliche Arbeit, wie es dem Wesen des deutschen Volksstammes in Österreich entspricht und seiner Sendung von jeher entsprochen hat. Denn wenn auch die müßigen Gesellschaftskreise dieser alten, durch Fleiß und Tüchtigkeit zu ihrer heutigen Bedeutung gediehenen Stadt und mit ihnen die unzähligen ausländischen Genüßlinge, die derzeit darin umherlaufen, in Wien nichts anderes als eine Stätte der Vergnügungen und Lustbarkeiten sehen wollen, so hat die bodenständige Bürgerschaft und mit ihr die gesamte Bevölkerung Deutschösterreichs bei aller natürlichen Heiterkeit und harmlosen Lebensfreude doch seit Jahrhunderten ihren Ruhmestitel vorwiegend darin erblickt, mit Gottvertrauen und Tüchtigkeit ein Volk an der Arbeit zu sein.«

Der geistliche Herr hob sein Glas, sah rings in der Runde mit heitergütigem Lächeln einem nach dem andern ins Auge und sagte zum Schluß noch mit warmer und inniger gewordener Stimme, gleichsam persönlich sich an jeden einzelnen wendend: »Arbeit und Gottesnähe – keine neue Weisheit, ich geb' es zu, aber die einzige, die Stich hält. Möge sie uns alle dereinst den richtigen Weg leiten bis zu unserer letzten Heimkehr, der Heimkehr zu Gott!«

Die Gläser klangen zusammen, man reichte einander die Hände, Aug' in Auge einander zutrinkend. Auch der alte Hocheder hatte sich erhoben.

»Der Bürgerstand war immer ein arbeitender Stand«, sagte er. »Man will ihn jetzt an die Wand drücken. Die beste Antwort darauf ist: doppelte und dreifache Arbeit leisten, Bürger und Bürgerssöhne!« Er stieß mit Severin an: »Wer mittun will, der soll mir willkommen sein!«

Laurenz drückte den Bruder, der verlegen zu Boden blickte, an die Brust. Justine ließ ihr Glas an das Severins klingen: »Die Musik wollen wir auch nicht ganz vergessen, nicht wahr?«

Es war ersichtlich, daß sie ihn aufmuntern, ihm etwas Liebes sagen wollte. Da ging für einen Augenblick ein Aufleuchten über seine Züge, doch sank er bald wieder in eine Art Teilnahmslosigkeit zurück. Ursel trank mit Eybel auf Grund der neu entdeckten Vetterschaft auf du und du, Marianne, die daneben stand, hätte gewünscht, an ihrer Stelle zu sein.

Und über den Klang der Gläser hinaus klangen die vernommenen Worte des geistlichen Herrn noch lange nach. Mit unterschiedlich abgestufter Wirkung zwar, je nach der verschiedenen Artung, Empfänglichkeit oder Aufgeschlossenheit der Gemüter; aber aus allen Zügen war doch das Zeugnis abzulesen, daß sie irgendwie ergriffen hatten, oder, wo sie nicht in jedem Sinne Zustimmung fanden wie bei Herrn Michael Hocheder, wenigstens zu Nachdenklichkeit und Beherzigung anregten.

Einzig Severins Miene blieb scheu verschleiert. Und doch lag die Vermutung nahe, daß die Mahnung, die Pater Wilfrids Ausführungen enthielten, sich vorwiegend an ihn richtete, der ein neues Leben zu beginnen im Begriffe stand. Hatte die offenkundig wohlmeinende Absicht, ihm gewisse Richtlinien an die Hand zu geben, ihr Ziel verfehlt? Oder die jahrelang geübte notgedrungene Gewohnheit, seine Gedanken ängstlich geheimzuhalten, dem Antlitz die Fähigkeit benommen, Seelenvorgänge widerzuspiegeln?

Pater Wilfrid zerbrach sich anscheinend nicht den Kopf darüber, merkte vielleicht nichts oder wollte nichts merken. Vom Predigen her daran gewöhnt, es der Fügung zu überlassen, ob das ausgestreute Wort auf fruchtbaren Boden oder zwischen Sand und Dornen fiel, mochte es ihm genügen, sich die Gedanken von der Seele gesprochen zu haben, die der Anlaß in ihm aufgewühlt. Er machte jetzt den Eindruck eines Mannes, der das Seinige getan hat, wurde heiter und umgänglich und enthob die ganze übrige Gesellschaft der Mühe, sich um unterhaltende Gespräche umzutun. Denn unversehens war er ins Plaudern geraten. Und wie allgemein bekannt, war er ein glänzender Erzähler, wenn er einmal in Zug kam. Seine Laune hatte in ihrer gemütlich lebensbejahenden, gesunden und volkstümlich angehauchten Art etwas im besten Sinne Bäurisches, wie das bei katholischen Geistlichen oft sich findet; denn wie die meisten von diesen war auch er aus ländlichen Umgebungen ins geistliche Seminar und den Priesterstand hineingewachsen. Aber der Umgang mit den heiligen Dingen hatte aus dem groben Holz doch einen feinen Kopf geschnitzt. An der Wand gerade zu seinen Häupten hing ein alter Stich nach Josef Danhausers Sittenbild aus der Biedermeierzeit, das unter dem Namen der Testamentseröffnung bekannt ist. Mit seinem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen glich Pater Wilfrid dem alten, würdigen Pfarrer auf diesem Bilde, der sich eben der bescheiden abseits stehenden armen Verwandten mit der unerwarteten Freudenbotschaft zuwendet, daß sie zur Haupterbin eingesetzt sei.

Auf die angenehmste Weise verflog so noch ein Stündchen, währenddessen in bunter Folge lebensvolle Szenen aus dem Leben eines stiftlichen Chorknaben, eines fürstbischöflichen Alumnen, eines jungen Landgeistlichen und schließlich eines großstädtischen Seelsorgers, meist schalkhaft gefärbt und mit schmunzelnder Natürlichkeit vorgetragen, an den erheiterten Gästen vorüberzogen, die sich gerne aufs Zuhören beschränkten. Endlich lud Justine ins anstoßende kleinere Zimmer, wo man sich zuerst versammelt hatte, zum Kaffee. Nun erinnerte Ursel an Mariannes Versprechen, den großen Unbekannten, der noch eine unbekannte Größe war, zu Wort kommen zu lassen. Und Marianne, welche die Gelegenheit gerne ergriff, auch das ihrige zu einer anregenden Geselligkeit beizutragen, und noch lieber den Anlaß wahrnahm, den insgeheim Geliebten vorlesen zu hören und ihn dadurch auch ein wenig ins Licht zu setzen, holte ihr Stammbuch herüber.

Lächelnd erkannte Eybel Freund Rumpsacks Schrift, die beiden jungen Leute geheimnisten miteinander, es machte ihnen Spaß, die übrige Gesellschaft in Spannung zu halten.

Übrigens gab das Gedicht, nachdem Eybel es vorgetragen hatte, Anlaß zu allerhand Betrachtungen, die sich daran knüpfen ließen. Und da es Eindruck machte und jeder sich zu einer Bemerkung darüber gedrängt fühlte, kehrte das Gespräch im Anschluß daran zu gewissen Zeiterscheinungen zurück, die schon früher berührt worden waren. Denn das Sonett, welches das Leben im Gleichnis eines Maskenfestes widerspiegelte, enthielt tatsächlich Anklänge an Gedanken, die Laurenz und Ursel vorhin geäußert hatten. Nur daß es diese Gedanken durch knappe künstlerische Formung über das Alltägliche hinaushob und gleichsam wesenlos über der Vergänglichkeit der Erscheinung schweben ließ.

Es lautete:

Redoute

Verheißungsvoll, als wollten sie verführen,
Blitzen die Augen hinter schwarzem Samt,
Verhüllter Reiz hat manches Herz entflammt –
Die Stunde schlägt, nun heißt es: Demaskieren!

Erhitzte Hoffnung hebt da an zu frieren
Vor Häßlichkeiten, schier der Nacht entstammt,
Und hehre Schönheit, die der Maske Samt
Nicht ahnen ließ, beginnt zu triumphieren.

So reißt gar mancher gleißenden Lebenslüge
Der Zeiten Not die Maske vom Gesicht,
Enthüllend widerlich gemeine Züge.

Und Seelenschönheit, die da trat ans Licht,
Voll stillen Heldentums in Leid und Nöten,
Steht schamhaft da mit lieblichem Erröten.

 

Unter den Menschen gibt es ihrer mehr, als man glaubt, die sozusagen umgekehrt eingesetzt sind, die Äste nach unten, die Wurzeln in der Luft, wie ein kaltblütiger Pflanzenforscher einmal eine Anzahl Obstbäumchen eingepflanzt haben soll, um seine Beobachtungen daran anzustellen.

Die Fähigkeit der Lebewesen, sich auch den widrigsten Umständen anzupassen, ist bewundernswert, und es wird berichtet, daß jene auf den Kopf gestellten Bäumchen ganz leidlich gediehen, indem sie aus der Not eine Tugend machten und sich in die ihnen aufgezwungene Lage zu schicken wußten. Die schwächeren und wehleidigen freilich, die gingen ein, die andern aber entschlossen sich frischen Mutes, den geänderten Verhältnissen Rechnung zu tragen. Ihre Äste und Zweige in der feuchten Dunkelheit da unten setzten allmählich zarte Würzelchen an, mit denen sie die nährenden Säfte aus dem Boden saugen konnten, während die richtigen, die entwurzelten Wurzeln am entgegengesetzten Ende, in Sonnenschein und Regen mit der Zeit ihrer ursprünglichen Bestimmung vergaßen und Blattknospen hervorzutreiben anfingen, aus denen nach und nach allerhand grünes Laub zum Vorschein kam. So gelang mit gutem Willen schließlich eine völlige Umstellung. Was Licht- und Luftorgan gewesen, verwandelte sich in Organe der Tiefe und umgekehrt, was als unterirdischer Saugapparat Feuchtigkeit und Nahrung aus der Erde nach oben gepumpt hatte, ward zum Atmungsorgan im Licht der Sonne. Und ein jedes der also vergewaltigten Lebenswerkzeuge nahm die ihm zugewiesene neue Tätigkeit, so ungewohnt sie war, mit löblichem Eifer auf, dem verdrehten Ganzen zu Nutz und Frommen. Sogar Blüten und Früchte sollen manche dieser Bäumchen hervorgebracht haben.

Solange sich niemand meldet, der eine Kirsche, einen Apfel oder eine Pflaume von einem dieser köpflings eingepflanzten Wundergewächse gegessen hat, muß die Verantwortung für die Richtigkeit der angeführten Tatsache der allgemein hochgeschätzten Frau Anna Staudenmayer überlassen werden, der seit Jahren schwerkranken und ans Bett gefesselten Gattin des Spulendrechslers Ignaz Staudenmayer in der Schutzengelgasse, welche die Geschichte von den verkehrt eingesetzten Bäumchen gerne herumerzählt. In ihrer Kindheit, lange bevor sie aus ihrem niederösterreichischen Heimatsdorf in die große Stadt verschlagen wurde, will diese wackere Frau, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln niemand Ursache hat, jenen naturforschenden Gartenbesitzer und Experimentierer noch selbst gekannt haben, der sein Leben mit solch gewagten Versuchen hinbrachte und zum Lohn dafür von der eingesessenen ländlichen Bevölkerung für verrückt gehalten wurde. Sie bestreitet, daß er verrückt gewesen sei, und will in ihm vielmehr einen edlen Menschenfreund erblicken, dem es sich darum gehandelt hätte, den Nachweis zu erbringen, wieviel Ungemach und Widrigkeiten ein Lebewesen bei gutem Willen ertragen könne, ohne deswegen gleich zugrunde gehen zu müssen.

Was übrigens das merkwürdige Ereignis selbst anlangt, so wird dieses von Frau Staudenmayers Zimmerherrn Rumpsack, dem Ehrendoktor der Schutzengelgasse, vollauf bestätigt. Neben vielem andern, das er halb und halb ist und weiß, ist er auch halb und halb Botaniker und hat von dem Manne, der auf die beschriebene Art mit den Bäumchen umsprang, wenigstens aus der Ferne etwas läuten hören. Auf Grund eines aus der feuchtfröhlichen Studentenzeit herübergeretteten Überrestes von Fachwissen bestreitet auch er, daß jener ein Narr gewesen sei; derselbe gelte » au contraire im Gegenteil«, wie er sich ausdrückt, sogar für eine Leuchte der Wissenschaft, dem die Pflanzenforschung eine Reihe wertvoller Aufschlüsse verdanke. Und auch sonst stimmt Rumpsack mit Frau Staudenmayer in manchem Punkte überein. Wie diese hält er nicht nur köpflings, sondern auch in umgekehrter Richtung hervorgebrachte Kirschen, Äpfel und Pflaumen für durchaus nichts Unmögliches. Und wie diese ist er der Meinung, daß es auch unter den Menschen der verdrehten Gewächse genug gebe, und daß insbesondere diese böse Nachkriegszeit eine Unzahl von unschuldig aus ihrem Erdreich gerissenen Existenzen mit dem Kopf nach unten eingesetzt und sie dazu genötigt habe, sich umzustellen, sich anzupassen, die zur Atmung und Ernährung unbrauchbar gewordenen Werkzeuge durch neuerworbene tauglichere zu ersetzen.

Sind sich sonach die beiden Genannten darin einig, daß der Obstgarten des Herrn reich sei an naturgeschichtlichen Kuriositäten, so weichen sie doch insofern voneinander ab, als Frau Staudenmayer, die mit dem lieben Gott auf gutem Fuß steht und sich in allem und jedem auf ihn verlassen kann, dessen besondere Weisheit und Führung darin zu erkennen meint, daß er allem Lebendigen Zähigkeit genug verliehen habe, sich auch durch die verkehrteste Behandlung nicht umbringen zu lassen. Wem es einmal gelungen sei, behauptet sie, am eigenen Leibe die an Wunder grenzende Heilkraft des Willens zum Guten zu erweisen, der stehe vor Gottes Angesicht gereinigter und wohlgefälliger da als früher, und gerade auf die Herbeiführung eines so geläuterten Zustandes sei eben der Sinn und die verborgene Absicht aller auferlegten Prüfungen gerichtet. Der Ehrendoktor der Schutzengelgasse hingegen, so wenig er jenem experimentierenden Gelehrten das Recht bestreitet, so viele Bäumchen verkehrt einzusetzen, wie ihm beliebt, will durchaus nicht einsehen, warum der liebe Gott, dem doch wohl kaum an einer Erweiterung seiner naturwissenschaftlichen Fachkenntnisse gelegen sein könne, mit einer ganzen Menge braver Leutchen dasselbe tue. Und um den lieben Gott nicht lästern zu müssen, nimmt er lieber an, daß dieser nur ins Große denke und sich um Einzelheiten wenig kümmere, weshalb wohl auch nicht er selbst es gewesen sei, der einen beträchtlichen Teil der Menschheit auf den Kopf gestellt hätte, sondern vermutlich leichtfertig vermessene irdische Gärtner dahintersteckten, die kühn genug gewesen wären, ihm ins Handwerk zu pfuschen und gegen seinen Willen in die dem Lichte zustrebende Entwicklung einzugreifen, indem sie mit frevler Hand so viel gesundes Gedeihen entwurzelten und so manchem wohlerworbenen Lebensglück das Erdreich abgruben.

Begreiflich, daß unter solchen Umständen dem ehrlichen Rumpsack auch jene beneidenswerte Zuversicht abgeht, die Frau Staudenmayer auszeichnet. Denn während diese davon überzeugt ist, daß alles, was der Herrgott zuläßt, wohlgetan sei und schließlich zu einem guten Ende führen müsse, kann jener nicht einsehen, was wohlgetan sein und Gutes dabei herauskommen soll, wenn es in dieser besten aller Welten der Verruchtheit ohne weiteres gestattet ist, der sittlichen Weltordnung ein Schnippchen zu schlagen, so oft es ihr beliebt. Wie allem und jedem in der Natur, meint er, so seien auch dem sieghaften Walten der Lebensenergie gewisse Grenzen gesetzt, und wenn der jedem äußeren wie inneren Gedeihen gleich feindselige Vernichtungswille der Nachkriegszeit noch lange blindlings fortwüte wie bisher, so werde eben schließlich ein Feld der Verwüstung zurückbleiben, wo einst gesundes Wachstum und verheißungsvolles Blühen ans Licht gestrebt.

Wie borstig und stachlig sein Fell sich anfühlen mochte, so war im Grunde seine Seele doch eine feinfühlige Prinzessin auf der Erbse. Auch die üppigsten Kissen der angeborenen Frohlaune, die er ihr gerne unterbreitet hätte, reichten nicht hin, den Druck zu mildern, der ihr sagte, daß etwas nicht in Ordnung sei. Er litt unsäglich unter dem Gedanken, sein Volk, das er liebte, geschlagen, verrottet, verderbt, vielleicht für immer von der erreichten Höhe des Geistesadels und der Gesittung herabgeschleudert zu wissen. Und um diesen Kummer weder den Blicken seiner Umgebung auszusetzen, noch ihm zu erliegen, täuschte die Schauseite jenes Rumpsack, welcher der Welt sichtbar blieb, die Schutzfärbung der Spaßhaftigkeit und des Bummelwitzes vor, während er sein Gemütsleben insgeheim in die Einsamkeiten der Poesie flüchtete.

Es war ihm peinlich, daß Freund Eybel ihm hinter die Sprünge gekommen war. Und als auch Marianne Hocheder, der er einst höhere Schulweisheit eingetrichtert, sich als Mitwisserin entpuppte und um ein Gedicht ins Stammbuch bat, hatte er die Erfüllung ihres Begehrens von der Zusicherung vollster Verschwiegenheit abhängig gemacht und das anonyme Sonett, welches er ihr widmete, als seinen Schwanengesang bezeichnet. Es sollte das letzte von ihm verfertigte Gedicht und der begonnene Zyklus von Sonetten aus der Zeit für immer unvollendet bleiben, das sei eine abgemachte Sache, beteuerte er, erledigt, basta, Streusand drauf! Denn das Dichten würde er von nun ab überhaupt aufstecken, es brächte ihn sonst noch in Schande, und bisher sei er doch als ein leidlich anständiger Mensch durchs Leben gegangen, hätte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, von den paar Versen abgesehen, die er aufrichtig bereue. Aber eine schwache Stunde hätte jeder ab und zu einmal, und wenn Marianne nur so freundlich sein wolle, ein Auge zuzudrücken, so verspreche er feierlich, es auch nie wieder zu tun.

Sie wußte schon, daß man seine Äußerungen cum grano salis zu nehmen habe, und sagte zu, was er verlangte. Es hatte auch keine Gefahr um die Literaturgeschichte, so ernst es ihm im Augenblick mit dem beschworenen Verzicht aufs Dichten war. Denn immer aufs neue quillt Hippokrene, die Musenquelle auf, sobald Pegasus nur mit dem Hufe stampft, vielleicht war Rumpsack auch ein zu willensschwacher Mensch, der sich nicht genügend in der Gewalt hatte, jedenfalls dauerte es nicht lang, so wurde er rückfällig.

Der Anlaß hierzu kam von außen. Irgendwie war ihm der Mammonsdienst der Zeit, dessen verbrecherische Auswüchse gerade in den himmelschreiendsten Fällen ungesühnt blieben, in einem besonders aufreizenden Beispiel recht augenfällig entgegengetreten, da überwältigte es ihn, als er eines Abends noch kochend vor Entrüstung und bis zum Rande angefüllt mit müdem Wehleid im »Salettl« saß. Er konnte wirklich nichts dafür, es war stärker als er, es dichtete in ihm, es sonnettete ganz von selbst, ob er wollte oder nicht, seine Empörung, sein Schmerz, sein Zorn waren es, die dichteten. Und fast ohne daß er etwas davon wußte, kritzelte seine Hand die Verse, die sich von selbst einstellten, auf die Rückseite eines Zettels, den er gerade bei sich trug.

Er erschrak nicht wenig, als er später die Entdeckung machte, daß die Vorderseite dieses Zettels eine geharnischte Strafandrohung enthielt, weil er mit der Einzahlung einer Steuer im Rückstand geblieben war, die ihm für sein kaum zur Stillung des Hungers ausreichendes Einkommen aus karg bezahlten Korrepetitionsstunden vorgeschrieben worden, war es nicht eine Herausforderung des Schicksals, sein Gedicht auf die Rückseite eines Steuermandats zu schreiben? Denn wenn es heißt, Gedanken seien zollfrei, wer konnte wissen, ob sie auch steuerfrei waren und ob man ihm nicht auch für seine Verse eine Steuer vorschreiben würde, um die Stützen des Staates, die reichgewordenen Schieber und Nachkriegsgewinner, ein bißchen zu entlasten? Aber er tröstete sich bald mit dem Gedanken, daß es ihm im Notfall nachzuweisen gelingen würde, wie gänzlich ungedruckt seine Gedichte derzeit noch seien.

Die in Verse gekleideten Gedanken, durch die er seine Sammlung von Zeitsonetten um eine leider recht bittere Nummer bereicherte, hatten folgenden Wortlaut:

Das goldene Kalb

Ehrlich währt doch, denkt mancher unverhohlen,
Am längsten – wenn die Bank noch Kapital
Aufs Konto leiht. Doch steht's damit fatal,
Je nun, so stiehlt man eben wie die Dohlen.

Und hat man nicht auch früher schon gestohlen,
Ja war der Grund nicht etwa die Moral,
Man hatte es nicht nötig dazumal,
Drum heuchelte Kotau man vor Idolen.

Ums goldne Kalb dreht sich der tolle Tanz,
Und dieses platzt beinah vor Arroganz:
»Blinde Frau Themis, sind wir denn nicht Schwestern?«

Wo gäb's noch was, das nicht um Geld zu kaufen!
Die kleinen Diebe hängt man, ganz wie gestern,
Die großen aber läßt man heute laufen.

Dieser Erguß, in welchem Rumpsacks Unmut sich Luft machte, trug doch nichts dazu bei, sein Herz zu erleichtern. Denn unversehens war dadurch die Frage in ihm aufgewühlt, was denn in einer Zeit, in der die Krankheitserscheinungen sich so beängstigend häuften, er selbst, ein kräftiger, arbeitsfähiger und vielleicht nicht unbegabter Mensch, dazu beitrage, sie gesunden zu machen.

Aus den offenstehenden Fenstern des Werksaals im ersten Stock klang das gemächliche aber anhaltende Klappern eines Webstuhls, dort war der Weber Schinnerl an der Arbeit und brachte etwas vom Fleck, das irgendwie zu brauchen war. Auch die Drehbank Staudenmayers hörte man surren, er verfertigte Spulen auf Vorrat, benötigt wurden jetzt keine, wo alles stockte, aber wenn die Zeiten sich besserten, würde doch einmal der Tag kommen, wo man sie brauchen konnte. Und auch die andern Leute im Haus, bis hinauf zu den beiden Hocheder, die mit ihren Angestellten in den Schreibstuben tätig waren, blieben bei der Stange trotz der Ungunst der Zeit und förderten ihr Werk. Er selbst hingegen, Gottlieb Rumpsack, was leistete er für die Allgemeinheit? Worin bestand seine Mitwirkung am Wiederaufbau? Er dichtete! Er ließ den Sumpf sich in Versen bespiegeln und verklärte ihn dadurch mit dem Licht der Schönheit, statt seine Trockenlegung zu betreiben. Würden denn seine Gedichte auch nur im geringsten dazu beitragen, der verrotteten Wirtschaft auf die Beine zu helfen? Und hieß es nicht selbst auf den Nutzen, den sie allenfalls mittelbar stiften konnten, indem sie die Herzen aufrüttelten und ihnen Schwung und Willen verliehen, eigensüchtig verzichten, wenn er sie geheimhielt?

Heiß fiel es ihm plötzlich auf die Seele, daß auch er selbst ein verkehrt eingepflanztes Bäumchen sei. Ein Gelehrter hatte er werden wollen, Arzt, Naturforscher, nun fristete er sein Leben mit Einpauken wackliger Schüler und stillte den Hunger seines Gemüts mit Versen. So teilte er das unselige Los der Dichter, der von einem Dämon köpflings Eingesetzten, die mit den Wurzeln in der Luft hängen, während die Organe, die sonst Früchte tragen, sich ins Erdreich wühlen, um von der Welt, wie sie wirklich ist, nichts zu sehen und zu hören ...

»Und noch ein verkehrt Eingesetzter!« sagte er mit einem sich selbst verulkenden Auflachen vor sich hin, als jetzt eine Gestalt dem »Salettl« sich näherte.

Der Jugendfreund war's, mit dem er sich neuerdings angefreundet, Severin, der jetzt durch den Garten daherkam und sich zu ihm setzte, um auszuruhen von der geisttötenden Beschäftigung seines Arbeitstages. Der alte Hocheder duldete es nicht, daß einer müßig gehe in seinem Hause. Dabei begriff er unter Müßiggang alles ein, was sich nicht unmittelbar bezahlt machte. Dem Heimgekehrten hatte er Hilfsdienste im Geschäft zugewiesen, das Ordnen und gewissenhafte Eintragen von Rechnungen, Frachtzetteln und Lieferscheinen, das Bedienen der Schreibmaschine und ähnliche untergeordnete Verrichtungen. Er entlohnte ihn dafür wie üblich, keineswegs nach einem Vorzugssatze, und es war schon ein übriges, das er tat, wenn er durch die Finger sah und für das Zimmer, das Marianne dem Bruder eingerichtet hatte, keine Miete forderte. Übrigens kamen Vater und Sohn wenig miteinander in Berührung, und es war gut, daß sie sich oft tagelang kaum sahen. Im Schreibstubenleben verschwand der kleine Angestellte wie ein armes, wenig beachtetes winziges Erdhügelchen neben dem Pik von Teneriffa. Im außergeschäftlichen Leben gingen sie mehr unwillkürlich als aus bewußter Absicht erst recht aneinander vorbei. Die Mahlzeiten nahm Severin bei Laurenz und Justine ein, die sich treu, stetig und mild gegen ihn erwiesen wie gegen einen schonungsbedürftigen, dem man lieber Schweigen entgegensetzt als Widerspruch. Denn die Denkart und Gesinnung, die Severin aus dem fernen Osten mitbrachte, hätte allerdings, wenn sie ab und zu einmal sich etwas deutlicher ans Licht wagte, zu Widerspruch herausfordern müssen, wäre man nicht stillschweigend übereingekommen, nichts weiter als eine unhaltbare und darum wohl bald vorübergehende Grille und Wunderlichkeit darin zu erblicken.

»Wie gefällt's dir daheim?« fragte Rumpsack.

»Beinahe so gut wie in Sibirien!«

Grimm lag in dem Wort. Eng und kleinlich erschien ihm hier alles. Dieses bürgerliche Schuften um Gewinn und Erwerb. Diese Freude am Besitz. Das lächerliche Standesbewußtsein, der Mangel an sozialem Gefühl für die Enterbten. Er träumte von einer Neuordnung der Dinge, die nicht mehr lang auf sich warten lassen würde.

»Dann wird den Hähnen, von denen jeder auf seinem Misthaufen sitzt und kräht, der stolze Kamm schlapp über die Nase herunterhängen!«

»Mir scheint, du bist so etwas wie ein Bolschewike geworden, da drüben?« sagte Rumpsack halb belustigt.

»Kommt dir der ausbeuterische Wirtschaftsbetrieb, der die halbe Menschheit zur Sklaverei verurteilt, etwa wie eine letzte Lösung vor?« fragte Severin dagegen.

»Vorderhand sieht es sich so an, als ging's nicht anders.«

»Es geht auch anders, glaub' mir, muß anders gehen! Jedem das Seine und gleiches Recht für alle! Ich warte und werd' es erleben. Es kommt eine Zeit, die wird jeden auf seinen Platz stellen, und jede Leistung willkommen heißen. Dann wird man einen Künstler nicht mehr zum Zettelklauben verwenden. Man wird ihm die Aufgabe zuweisen, für die er bestimmt und der er gewachsen ist, ein Freudenbringer zu sein!«

»Wär' mir schon recht«, sagte Rumpsack. »Dann geh' ich fleißig spazieren und tu' nichts anderes mehr als dichten. Höchstens noch hie und da in der Kneipe sitzen. Wär' das ein Leben! Dann gäb's natürlich auch keine verkehrt eingesetzten Bäumchen mehr, ein jeder macht, was ihn freut, und bezieht dafür seine gesicherten Einkünfte, wenn's einmal zu einer Abstimmung kommt, ich stimme mit dir für den Zukunftsstaat, mein Wort darauf!«

Mit der Unfähigkeit des Fanatikers, auch nur zu lächeln, sah Severin ihn an.

»Wenn du erfährst, daß es darin keinen Alkohol gibt, mäßigt sich vielleicht deine Begeisterung.«

Etwas wie Verachtung klang aus seiner Stimme, wie ein Peitschenhieb saß die knappe Bemerkung.

»Hör mal, Severin, du bist ungemütlich geworden!«

Hinter des alten Schulfreunds aufgeschwemmtem, mit einer Tiefquart verzierten Gesicht, welches jetzt einen bekümmerten Ausdruck zeigte, war unversehens sein Jungensantlitz zum Vorschein gekommen, das ebenso enttäuscht und betrübt dreingesehen hatte, wenn er eine schlechte Zensur davontrug. Die Erinnerung an unverjährbare Beziehungen aus der Jugendzeit stimmte Severin zur Nachsicht. Er zog Vergleiche zwischen seinen eigenen, von den Stürmen eines fremden Weltteils umbrausten Schicksalen und dem eintönigen, in die engen heimatlichen Grenzen gebannten Lebenstrott des andern. Und trotz der beiden, die er erduldet, regte sich in ihm etwas wie Mitleid mit dem Genossen von einst, er kam ihm vor wie ein müder Gaul, der sein Lebtag mit verbundenen Augen am Göpel gegangen ist. Konnte es wundernehmen, wenn einer, der nie den erfrischenden Hauch der freien Welt geatmet, die stockende Sumpfluft gar nicht merkte, die hier die Brust beklemmte?

Aus dem Bedürfnis heraus, sich umgänglicher zu erweisen, lenkte er vom heiklen Gegenstand ab und ersuchte den verkappten Dichter um Verse, sie in Musik zu setzen. Und Rumpsack, der es nachgerade aufgab, auf seiner Verlarvung zu beharren, sagte zu. Hier bot sich Aussicht, in bescheidenem Maße nach außen zu wirken. Es lockte ihn, dies im Wege des Gesanges zu tun, durch den ein Gedicht oft um vieles eindrucksvoller zum Gemüt spricht als gelesen.

Sie unterredeten sich noch des näheren darüber und empfanden wohltätig die Gemeinsamkeit einer sachlichen Aufgabe, die Männer enger miteinander verbindet als irgend etwas sonst. So schieden sie schließlich unter stillschweigendem Übersehen der vorhandenen Gegensätze als die alten Freunde, die sie einst gewesen.

 

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