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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 5
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authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Inzwischen hatte der alte Herr seine Nachschau in den schönen, hellen glattpolierten Schränken des »Magazins« vollendet, sie war nicht zu seiner Befriedigung ausgefallen. In manchen Fächern lagen nur mehr ein paar vereinzelte Stück Ware, völlige Leere gähnte ihm aus andern entgegen, er zählte das Vorhandene zusammen, die Ausbeute, die er zur Unterstützung seines Gedächtnisses auf einen Zettel aufzeichnete, ließ zu wünschen übrig. Und gerade jetzt, wo einem neuen, über Nacht aufgeschossenen Reichtum das Geld locker in der Hand saß, hätte sich ein bedeutender Absatz bei steigenden Preisen erzielen lassen.

Sorgenvollen Gedanken nachhängend trat Michael Hocheder ans Fenster und blickte auf die stille, wenig belebte Gasse hinunter. Er konnte sich nicht enthalten, nachzurechnen, wieviel er durch den allmählichen Abverkauf des einst so reichhaltigen Warenlagers während der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit verloren. Die Beträge, um die er seine schönen, kostbaren Gewebe hingegeben, kamen ihm hinterher lächerlich geringfügig vor, geradezu verschenkt hatte er seine festen Bestände! Und vielleicht würden in einem weiteren halben Jahr die Preise, die ihn heute angemessen dünkten, abermals nichts als ein Pappenstiel sein – wer konnte es wissen?

Es war schwer, sich in dem herrschenden Wirrsal zurechtzufinden. Fest stand nur das eine, daß der Erzeuger zuverlässiger, kernhafter Ware beständig übers Ohr gehauen wurde, wenn er nicht zugleich ein geriebener Valutaspekulant war. Und zum Spekulanten fehlte dem alten Michael Hocheder Lust wie Begabung. Bis heute setzte er den Vorstellungen seines Sohnes, daß das Geld aufgehört habe, ein zuverlässiger Wertmesser zu sein, und man deshalb die Ware nicht mehr zu den hergebrachten Preisen abgeben könne, die unerschütterliche Entscheidung entgegen, um Wucherpreise, wie er es nannte, dürfe unter keinen Umständen verkauft werden, weil es einer ehrbaren Firma unwürdig sei, aus einer mißlichen Lage der allgemeinen Wirtschaft Vorteil zu ziehen. So hielt er die bisher übliche biedere Kalkulation auf Grund der Gestehungskosten aufrecht, um scheinbar Geschäfte zu machen, in Wahrheit aber ein Vermögen zu verschwenden. Erst jetzt, ganz plötzlich, gingen ihm die Augen darüber auf. War denn nicht er selbst samt der Firma schließlich der Bewucherte? Aber durch wen? Wer hatte den unrechtmäßigen Gewinn eingesackt? Oder war dieser überhaupt in blauen Dunst aufgegangen? Er wußte es nicht, er konnte keine andere Antwort darauf finden als den erneuten Stoßseufzer: »Eine verrückte Zeit!«

Unmutig wendete er sich ins Zimmer zurück. Sein Blick streifte das Jugendbildnis seines Vaters, das über einem Stehpult an der Wand hing, von Schrotzberg, einem damals noch ganz jungen, erst später berühmt gewordenen Künstler gemalt, in der hellfarbigen, glattvertreibenden, übergefälligen Manier der Biedermeierzeit. Mit frischem, rosigem Antlitz, das Sorglosigkeit und Wohlbehagen ausdrückte, lächelte der Sohn des reichen und mächtigen Österreich aus Metternichs Tagen auf den späten Nachfahr nieder, der sich in diesem Augenblick vorkam wie ein steuerlos Dahintreibender auf den geborstenen Planken eines schiffbrüchigen Vaterlands.

»Du hast es gut gehabt!« murmelte er beinahe ingrimmig vor sich hin.

Aber selbst wie erschrocken über den unwillkürlich sich aufdrängenden Vergleich, über die in seinem Innern dadurch wachgerufene Erbitterung, die er als Pietätlosigkeit gegen den Verewigten empfand, schnalzte er mit den Fingern, wie er gerne tat, wenn er ungeduldig wurde, und stieß dabei ganz laut, sich selbst gleichsam ermahnend und zugleich ermannend, ein schleierhaftes Wort hervor, das wie eine kabbalistische Beschwörungsformel klang. Es war das Rätselwort »Maria Lichtmeß!«, ein zunächst unverständlicher, weil einem alten Weberbrauch entstammender Ausruf, dessen Sinn erst in der Folge sich näher aufklären wird, wie des Schnalzens mit den Fingern pflegte er sich jener wundertätigen Zauberformel zu bedienen, wenn es galt, aus einer bestimmten, wenig erfreulichen Lage oder Tätigkeit sich aufzuraffen, um alle Bürden von sich zu werfen und in einen befreiten Gemütszustand überzugehen. Die Wirkung war oft erprobt, aus der guten alten Zeit des Handwerks schien dann ein Hauch gemächlicher Heiterkeit herüberzuwehen, vor dem die bösen Geister des unerbittlichen Maschinenzeitalters sich verkrochen.

Auch diesmal versagte das sonderbare Geheimmittel nicht, es stärkte ihm das Herz, indem es ihn daran erinnerte, daß die Sorgen des Arbeitstages manchmal schier unerträglich würden, gäbe es dazwischen nicht absichtlich eingestreute Entspannungen, freundliche Lichtblicke eines harmlosen Spazierengehens der Gedanken auf geträumten Frühlingswiesen.

Schon einigermaßen beruhigt und erleichtert trat er noch einmal an einen der hohen Warenschränke heran, um ein Stück Webe daraus zu entnehmen, das fürsorglich in glattes Steifpapier gewickelt war, wie es bei kostbaren Zeugen der Brauch. Er entfernte die Umhüllung und ließ den Stoff durch rasches und geschicktes Umdrehen des Wickels in bauschenden Wogen über die sanfte, reine Lindenholzplatte des Ladentisches fluten. Es war schillernde Seide, sogenannter »Changeant«, zwischen tiefblau und hellgrün spielend. Bald glaubte man in einen klaren, zauberhaften Nachthimmel zu blicken, bald auf saftige Matten, über deren erstes Grün das verklärende Licht des Mondes gleitet. Das waren die Frühlingswiesen, auf denen der alte Mann jetzt seine Gedanken spazieren führte. Und wie sein Auge verzückt auf der schimmernden Pracht ruhte und sich daran erfreute, sänftigte sich immer mehr die Erregung von vorhin, die sein Gemüt bis zu neidvollen Vergleichen mit seinem Vorfahr in Leben und Geschäft aufgewühlt hatte.

Und allmählich wurde er wieder ganz fest und zuversichtlich. Die Gediegenheit und Schönheit dieses aus seiner Fabrik hervorgegangenen Erzeugnisses einer der ältesten und ehrwürdigsten menschlichen Fertigkeiten schenkte ihm seinen Stolz, sein Selbstbewußtsein wieder und rief jenen hartnäckigen Trotz allen feindlichen Verhältnissen, jeder ihm wider den Strich gehenden Meinung gegenüber unters Gewehr, der ihm eignete, und den viele als Überhebung, als Härte oder auch als Verbohrtheit auszulegen gewohnt waren.

Befriedigt wickelte er das Stück Zeug wieder auf, legte es an seinen Platz zurück und begab sich, aufrecht und herrisch ausschreitend wie ein Bauer auf eigenem Grund und Boden, in seine Schreibstube hinüber. Das silberweiße Haupt trug er jetzt hoch erhoben wie sonst, vom Scheitel bis zur Sohle wieder der richtige »Pik«, wie die Leute im Hause ihn scherzweise nannten, wenn sie unter sich waren.

Es hing nämlich im Vorzimmer zu seinem Kontor das vergrößerte Lichtbild einer Landschaft, das ein Seidenhändler ihm einmal verehrt, es stellte einen Berg dar, der knapp an einer Meeresküste zum Himmel aufstieg. Einen spitzen, steilen Berg, der seine ganze Umgebung, nicht nur Wasser und Land und die Stadt, die sich an seinen Fuß schmiegte, auch das Gebirge, von dem er ein Teil war, mächtig beherrschte und so hoch überragte, daß er mit seinem weiß verschneiten Gipfel sogar über die Wolken hinauswuchs. Darunter standen in Perlschrift, die wie gestochen aussah und deshalb nur von Herrn Schmal, dem langjährigen Buchhalter des Hauses, herrühren konnte, die Worte geschrieben: »Der Pik von Teneriffa.« Irgendwie war nun der Name des Berges als Spitzname auf Herrn Michael Hocheder, den Seniorchef der Firma übergegangen, vielleicht weil er ebenfalls der höchste in seiner Umgebung war, oder wegen seines schneeweißen Haarschopfes, oder seiner steilen Haltung, vielleicht auch nur aus dem ganz äußerlichen Grunde, daß man, so oft man zu ihm gelangen wollte, im Vorzimmer eben jenes Bild hängen sah und jene Aufschrift las – niemand wußte es bestimmt. Aber im vertrauten Gespräch nannten ihn alle nur den Pik.

Und daß der Pik von Teneriffa, wie es hieß, gelegentlich auch sollte Feuer speien können, das stimmte auch, es schien den Übernamen nur um so mehr zu rechtfertigen. Denn Michael Hocheder war trotz seiner siebzig Jahre noch ein rascher und hitziger Mann, wenn er in Zorn geriet, und das war keine Seltenheit, so konnte er ausbrechen wie ein Vulkan, daß die Leute sich vor ihm fürchteten.

Darum war es nicht bloß scherzhaft gemeint und ein ungetrübtes Lächeln, wenn sie untereinander vom Pik sprachen. Das steile, knappe, wie ein Peitschenhieb sausende Wort umwitterte zugleich auch eine gewisse Scheu und ein geheimes Bangen, wie man dergleichen vor starken Menschen von schier kindlicher Unbefangenheit empfindet, die ihren ausgeprägten Willen für den selbstverständlich allein richtigen halten und in ihrer Art ebenso unberechenbar wie unvergleichbar sind.

 

Nun saß der alte Herr wieder an seinem Schreibtisch und beugte sich über die Bücher, um an der Hand des aufgenommenen Bestandes die Richtigkeit der Eintragungen zu überprüfen, da klopfte es an die Tür des Kontors. Sein Sohn Laurenz trat ein, hochgewachsen, fest und aufrecht wie er, aber Schädel und Gesichtsbildung schmäler, länglicher und blässer, das volle dunkelbraune, seitlich gescheitelte Haar noch ungebleicht, nur der mächtige, etwas hellere Bart von einzelnen Silberfäden durchzogen.

»Gut, daß du kommst,« rief Michael Hocheder ihm entgegen, »ich wollte ohnedies mit dir sprechen.« Und mit einer Handbewegung auf den neben dem Schreibtisch stehenden Stuhl weisend, legte er in einem Ton, der so erregt klang, daß es fast wie eine Anklage herauskam, ungesäumt los.

»Die bisherige Kalkulation ist ein Unsinn! Sie ruiniert uns! Daß da noch keiner draufgekommen ist! In Zeiten, wo der Rohstoff ständig im Preise steigt, kann man doch nicht auf Grund der Gestehungskosten kalkulieren! Oder wollen wir uns umbringen?«

»Das ist es ja, Vater, was ich schon immer...«

»Rechthaberei gehört nicht zur Sache!« unterbrach er ihn unwirsch. »Ich will auf meine alten Tage nicht Konkurs machen! Woher sollen wir aber die immer noch ansteigenden Wucherpreise für Seide und Garn, woher die erhöhten Arbeitslöhne bezahlen, wenn die Gestehungskosten für abgesetzte Ware auf Grund der früher geltenden, viel niedrigeren Preise und Löhne errechnet sind?«

»Das hab' ich dir doch wie oft vorgestellt, Vater, erinnere dich doch! Ich vertrat immer den Standpunkt...«

»Welchen Standpunkt du vertreten hast, das bleibt sich jetzt gleich! Tatsache ist, daß wir auf den Hund kommen müssen, wenn wir so weiterwursteln, herumreden führt zu nichts, wir müssen handeln, sprich mit den Herrn drüben, welche Änderungen sich in der Veranschlagung vornehmen ließen, damit wir nicht beständig draufzahlen. Aber der Schmal, der in aller Bescheidenheit immer so genau weiß, wie eine solide Firma sich zu verhalten hat, soll mir nicht zu viel dreinreden! Der ist imstand und will lieber zusperren, als an der hergebrachten Preisbildung etwas ändern.«

Laurenz wußte genau, daß der Vater selbst und ganz allein es gewesen, der seinen wiederholt erhobenen Vorstellungen ein taubes Ohr entgegengesetzt und hartnäckig auf Entscheidungen beharrt hatte, deren Unhaltbarkeit er vorausgesehen. Herr Schmal, der Buchhalter, der wirklich die Bescheidenheit selbst war, wäre nie imstand gewesen, ein bündiges Wort auszusprechen, das Verantwortung auferlegte, geschweige einen Anstoß zu geben oder gar eine neue Richtung zu weisen; er konnte höchstens der Meinung des alten Herrn gefällig beigepflichtet haben. Das alles wußte Laurenz. Aber er wußte auch, daß der Vater recht behalten und unter allen Umständen der Vorausschauendere gewesen sein wollte. Es kam ihm nicht darauf an, das stark ausgebildete Selbstbewußtsein des Seniorchefs zu erschüttern, im Gegenteil, er anerkannte dessen Geltung und war nur froh, daß jener, der eine Belehrung von ihm nicht hatte annehmen wollen, inzwischen sich selbst belehrt zu haben schien. Da er überdies darauf brannte, eine andere Angelegenheit zur Sprache zu bringen, die ihm im Augenblick näher am Herzen lag, so verzichtete er gern auf alle überflüssigen Rückblicke und beschränkte sich darauf, streng sachlich auf die neu geschaffene und durch die Gesinnungsänderung des alten Herrn sogar erleichterte Lage einzugehen.

»Ich brauche mich nicht erst mit den Herrn zu besprechen, Vater«, sagte er. »Wenn du erlaubst, daß ich dir einen Vorschlag zur Prüfung unterbreite, der mir den derzeit einzig gangbaren Weg zu weisen scheint, so wollen wir bald ins reine kommen. Mein Plan hat den Vorzug einfach zu sein und stößt die Aufrichtigkeit der Kalkulation nicht über den Haufen. Das Wichtigste daran ist kurz folgendes, wir rechnen nach wie vor in jedes Stück Ware, das verkauft wird, ehrliche Gestehungskosten ein; aber nicht die Gestehungskosten dieses selben Stückes, das schon fertig ist, sondern jene, welche die Herstellung eines gleichen Stücks Ware an demselben Tag erfordern würde, an dem wir das erste verkaufen.«

»Noch einmal!« sagte der alte Hocheder, der nicht gleich begriffen hatte. »Das ist höhere Mathematik.«

Laurenz wiederholte etwas langsamer seinen Vorschlag Wort für Wort und fügte hinzu: »Auf diese Weise sind wir auch bei steigenden Preisen des Rohmaterials und Arbeitslohnes in der Lage, für jedes abverkaufte Stück ein solches derselben Art wiederzuerzeugen. Und es entspricht auch nur der Billigkeit, daß uns der Käufer für die Ware, die wir ihm überlassen, so viel ersetzt, daß wir um den erzielten Kaufpreis wieder neue Ware derselben Art herstellen können. Liegt das nicht auf der Hand? Nun also! Anders läßt sich ein Betrieb überhaupt nicht aufrechterhalten, bei fortwährend sinkendem Geldwert schon gar nicht, das ist doch klar!«

»Schau, schau, da steckt Vernunft drin«, machte der Alte, nun anscheinend beruhigt und versöhnt. »Warum hast du denn das nicht früher gesagt? Schon lang hätt's notgetan, daß etwas geschehen wär'. Immer schon hat mir eine ähnliche Lösung vorgeschwebt.«

Der Wahrheit gemäß hätte Laurenz erwidern müssen, daß seine mehrfachen Versuche, das Selbstverständliche durchzusetzen, bis dahin nur schroffe Zurückweisung erfahren hätten. Aber es lag ihm daran, den Vater nur um Gotteswillen nicht zu verstimmen, damit das, was er ihm gegenüber noch vertreten wollte, ein geneigtes Ohr fände. Darum baute er vorsichtig eine Brücke von der kaufmännischen Frage zum neuen Gegenstand hinüber, indem er eingestand, seine Gedanken seien in den letzten Tagen mehr von andern als von geschäftlichen Dingen in Anspruch genommen gewesen. Die Dinge aber, um die es sich handle, hätten die größte Bedeutung auch für den Vater und die ganze Familie, weshalb er um die Erlaubnis bitte, sie vorbringen zu dürfen. Und indem er andeutete, daß er etwas ganz Unerwartetes und Erfreuliches zu berichten habe, näherte er sich mehr und mehr dem Kernpunkt, bis er schließlich mit der Eröffnung herausrückte, der Severin sei nicht gefallen, sondern nach am Leben, befinde sich wohlauf und lasse den Vater bitten, wieder in dessen Haus aufgenommen zu werden.

Michael Hocheder hatte den Kopf zurückgeworfen, seine hart und undurchdringlich gewordenen Züge verrieten nichts von innerer Bewegung. Es dauerte eine geraume Weile, eh' er das Schweigen brach. Dann entrang sich seinen geschlossenen Lippen die knappe, kühle Frage: »Bereut er?«

»Sein Brief«, antwortete Laurenz ausweichend, »deutet darauf hin, daß er um vieles einsichtiger und besonnener geworden ist. Er hat ja auch so Unsägliches durchgemacht. Er wird, wenn Gott und wir ihn nicht im Stiche lassen, wieder auf die Beine kommen und in eine gesunde Bahn einlenken.«

»Keine allgemeinen Redensarten, wenn ich bitten darf!« sagte der Alte streng. »Zeig' mir den Brief, ich will ihn lesen.«

Laurenz zögerte. Er wußte, daß einzelne Stellen den Vater verletzen, ihn gegen Severin neuerdings aufbringen würden. Darum war er ein paar Tage lang mit dem Brief in der Tasche umhergegangen, immer überlegend, wie er die Sache am glücklichsten einfädeln könne. Außerdem enthielt Severins Schreiben auch Stellen, die Rätsel zu raten gaben. Darum eben hatte er sich an die drei Heymonskinder gewendet, denen er doch wieder nichts Bestimmtes mitteilen wollte, ehe der Vater über die unvorhergesehene Wendung unterrichtet wäre. Aber die Hoffnung, daß der Bruder auch an einen von ihnen geschrieben und sich des näheren über seine Pläne ausgesprochen haben würde, war eine trügerische gewesen. Die Unklarheiten blieben bestehen, vor allem waren dem Brief kaum Andeutungen darüber zu entnehmen, wie Severin sich seine Zukunft vorstellte. Jede unzweideutige Erklärung, daß er seiner Kunst entsagen und in der Frage der Berufswahl sich den wünschen des Vaters fügen wolle, fehlte. Laurenz hätte gewünscht, daß sein Bruder sich in manchen Punkten vorsichtiger, in andern wieder offener und rückhaltloser geäußert hätte. Er sah es nicht gern, daß der alte Herr gleichsam unmittelbar mit Severin in Verbindung treten wollte, es wäre ihm lieber gewesen, wenn er ihn selbst als Mittler angenommen und gelten lassen hätte, wie entzweite Parteien meist aussichtsreicher durch einen Anwalt als geradeswegs miteinander verhandeln.

»Der Brief beauftragt mich,« sagte er mit dem Versuch, abzulenken, »Severins Bitte bei dir vorzubringen. Ich tue es in der festen Überzeugung, daß eine Aussöhnung jetzt möglich wäre, und daß eine solche nicht nur ihm, sondern auch dir, uns allen das Herz erleichtern würde. Richten wir unsere Aufmerksamkeit in diesem Augenblicke nicht auf Einzelheiten, es wird sich eine Lösung oder doch eine Ungleichung dafür finden lassen. Denken wir nur ans Große, nur ans Ausschlaggebende! Der verlorene Sohn kommt vom Elend gebeugt zurück und erhebt bittend die gerungenen Hände. Kannst du zögern, Vater, ihn mit ausgebreiteten Armen zu empfangen?«

»Eh' wir weiterreden, gib mir den Brief zu lesen!« beharrte in unveränderter Haltung Michael Hocheder.

Da blieb Laurenz nichts übrig, als nachzugeben. Bangen Herzens zog er das Schriftstück, dessen Wortlaut er dem Vater lieber vorenthalten hätte, aus der Brusttasche und reichte es hin. Ohne ein äußeres Zeichen von Erregung nahm der alte Herr dieses erste Lebenszeichen seines seit Jahren totgeglaubten Sohnes entgegen und fing still für sich zu lesen an, aufmerksam und bedächtig. Der Brief war aus Triest datiert und auf große Quartblätter geschrieben, die den Aufdruck eines Triestiner Hotels trugen.

Lieber Laurenz!

Aus russischer Gefangenschaft entflohen und nach längerem Aufenthalt in China auf einem englischen Schiffe eingeschifft, habe ich gestern zum erstenmal nach langen Jahren wieder europäischen Boden betreten, was ich alles erlebt und erlitten, will ich hier nicht berühren. Genug, ich bin wohlauf und entschlossen, den steilen Gipfel des Berges mit der Zeit doch noch zu erklimmen, wenn ich fürs erste nur ein haltbares Felsenband finde, auf das ich meinen Fuß setzen kann.

Es dürfte nicht viele Heimkehrer geben, die nicht bestimmt wissen, ob ihre Angehörigen in der Heimat sie auch mit offenen Armen empfangen werden, oder nicht. Ich gehöre wie immer zu den wenigen. Schon lange vor dem Kriege hatte ich kein Vaterhaus mehr und bin mir nicht ganz sicher, ob ich jetzt ein solches haben werde. Aber wie die wild hereinflutenden Wogen des Krieges die verführerisch gleißenden Irrlehren unter den Völkern mit sich gerissen haben, um sie für immer ins Meer des Vergessens zu spülen, so vertraue ich darauf, daß sie auch die Köpfe der einzelnen reingefegt, oder doch wenigstens die stumpfsinnigsten und veraltetsten Vorurteile aus ihnen fortgeschwemmt haben werden, wie ich höre und lese, soll ja jetzt auch in Österreich eine frischere und freiere Luft wehen, verheißungsvoll kündigt eine neue Zeit sich an, und auch die Schutzengelgasse wird ihrem Sturmschritt auf die Dauer nicht widerstehen können.

So bitte ich Dich denn, lieber Laurenz, beim Vater anzufragen, ob er ungeachtet der früher bestandenen Mißverständnisse mir die Tür seines Hauses wieder öffnen will. Ich hoffe ihn ebenso wie meine kleine Marianne, aus der inzwischen ein ganz großes Mädchen geworden sein muß, bei bester Gesundheit und wünsche ihm Geduld und Zuversicht in der jetzt vermutlich recht schwierigen Geschäftslage. Es kann nicht lange dauern, so muß über die ganze Welt ein Aufblühen kommen, wie es bisher niemand auch nur geahnt hätte.

Was Dich selbst betrifft, lieber Laurenz, den ich ebenfalls wohlauf hoffe, so trage ich keine Sorge, daß Du Dich meiner Heimkehr widersetzen könntest. Du bist mir immer ein treuer und liebreicher Bruder gewesen, hast mir auch in meinem Elend geholfen, so oft ich mich finden ließ, und wenn ich aus Stolz mich nicht finden lassen wollte, bist Du nicht müde geworden mich zu suchen, hast nicht erst gewartet, bis ich bettelnd zu Dir kam, was ich freilich niemals getan hätte. Du wirst auch jetzt den Heimgekehrten nicht von Dir stoßen, ich weiß es. Und daß auch Deine liebe Frau mir die schwärmerische Torheit verziehen haben wird, mit der ich im jugendlichen Alter ihr damals ebenfalls noch so junges Leben beunruhigte, darauf baue ich im Vertrauen auf ihren edelmütigen Charakter, vielleicht gelingt es den aufrichtigen und, ich kann es ehrlich beteuern, lauteren und brüderlichen Gefühlen, die ich für sie hege, ihrem Herzen mit der Zeit jene schwesterliche Neigung abzugewinnen, die mich beglücken würde.

Aus den letzten Sätzen ersiehst Du, daß unter den wenigen Nachrichten von zu Hause, die mich im Feld oder im Inferno der verschiedenen sibirischen Konzentrationslager erreicht haben, zum Glück gerade jener Brief sich befand, in welchem Du mir (ich glaube, es war 1916 oder 1917) Deine Vermählung mit Justine Mairold mitgeteilt hast. Ich habe mich darüber gefreut! Ja, ich schwöre es Dir beim Andenken unserer früh verstorbenen Mutter, ich habe mich darüber gefreut! Ich erblickte und erblicke darin etwas wie eine späte Genugtuung für Justine. Und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die feindliche Kluft, die meine jugendliche Handlungsweise zwischen dem Hause Mairold und dem unsrigen aufgerissen hatte, durch die neuen verwandtschaftlichen Beziehungen wieder friedlich überbrückt worden ist.

Sei so gütig, der ungewissen Lage, in der ich mich befinde, durch Deine Antwort, die hieher zu adressieren ich Dich bitte, möglichst bald ein Ende zu machen.

Dein treuer Bruder
Severin.

Michael Hocheder faltete die Blätter zusammen und reichte sie zurück.

»Das klingt nicht gerade danach, als hätte die Not ihn mürbe gemacht«, sagte er trocken. »Auch kann ich in dem Brief weder eine an mich gerichtete Bitte noch viel von einer bei ihm gereiften Einsicht entdecken. Jedenfalls hat er es nicht verlernt, seine Fehler und Unüberlegtheiten mit beschönigenden Worten zu verkleistern, wenn er sich aber einbildet, daß bolschewistische Ideen inzwischen auch in der Schutzengelgasse Eingang gefunden hätten, so ist er entschieden auf dem Holzweg. So lange ich am Leben bin, bleibt hier alles, wie es war. Schreib' ihm das und setze hinzu, daß ich für seinen ausreichenden Unterhalt sorgen werde, bis er in der Heimat wieder festen Fuß gefaßt haben wird. Bevor aber nicht eine wild hereinflutende Woge, wie er sich ausdrückt, anders als die gegenwärtige, seinen eigenen Kopf reinfegt und die großen Rosinen fortschwemmt, die er noch immer darin zu haben scheint, eher betritt er dieses Haus nicht!«

Laurenz, der seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen sah, gab zu bedenken, daß der Brief, der sicherlich anders und ehrerbietiger lauten würde, wäre er unmittelbar an den Vater gerichtet, eigentlich nur für ihn selbst bestimmt sei, daß man unter Brüdern nicht jedes Wort auf die Wagschale lege, und daß aus einzelnen Stellen immerhin auf eine entschiedene Sinnesänderung Severins zu schließen sei. Er fuhr fort, mit Bitten und Vorstellungen in den alten Herrn zu dringen, mit steigender Wärme die Sache des Bruders zu vertreten, und wurde nicht müde, die Beweggründe des Herzens geltend zu machen.

»Wie kannst du verlangen, Vater,« schloß er zusammenfassend, »daß Severin genau den Ton treffe, den du von seiner Seite zu hören wünschest? Wie viele Jahre liegen dazwischen, seit er diesem Hause fremd geworden! Was hat er in der Zeit nicht alles erdulden müssen! Schon früher: Hungerndes Künstlertum, das Elend einer unsicheren, vielleicht verfehlten Laufbahn. Dann der Krieg, der schrecklichste, den es je gegeben! Not, Gefahr, Entbehrung, der Schützengraben, die Gefangenschaft! Eine Hölle, eine wahre Hölle! Und dabei die Unberatenheit vom frühen Jünglingsalter an, ohne daß ihm einer von denen, die ihm naturgemäß die Nächsten wären, helfend oder führend zur Seite stehen konnte! Meinst du wirklich, daß dies alles mit einer Geldunterstützung wettgemacht sei? Bedenke, daß Severin um beinahe zehn Jahre jünger ist als ich. Er ist noch bildungs-, noch wandlungsfähig. Gib ihm die Segnungen des Familienlebens zurück, die festen Überlieferungen des Vaterhauses, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die für ihn neue Umgebung ihn mit der Zeit nicht in dem Sinne umwandeln würde, wie du es dir wünschest!«

Der alte Herr schien nun doch zu schwanken. Er machte keine Einwendungen mehr. Nur die allerletzten Worte griff er auf und sagte mit einem ungläubigen Lächeln auf den Lippen: »Es wird erzählt, daß einmal ein galizischer Judenbub in eine Wiener Familie aufgenommen worden ist, um ordentlich Deutsch zu lernen. Nach einem halben Jahr soll das ganze Haus jiddisch gesprochen haben.«

Laurenz aber überhörte den Zweifel, der in dem halb scherzhaften Vergleich verborgen lag, die Befürchtung, daß mit Severin ins Haus »Zum Seidenbaum« ein neuer Geist einziehen würde, der sich unter Umständen als der stärkere erweisen könne. Es genügte ihm, daß in der Brust des Vaters eine Neigung zur Nachgiebigkeit sich zu regen schien, etwas wie der Wunsch, sich widerlegt zu sehen. Und sein wuchtigstes Gewicht hatte er noch nicht einmal in die Wagschale geworfen.

Das tat er nun.

»Ich frage nicht dich, und ich frage nicht mich, wie unsere Entscheidung fallen soll, ich frage sie!«

Damit wies er auf ein Bild seiner früh verstorbenen Mutter, das dem Schreibtisch gegenüber an der Wand hing. Michael Hocheder hob den Blick. Laurenz bemerkte, daß seine Züge sich entspannten und einen ungewohnt weichen Ausdruck annahmen. Und selbst ergriffen in diesem Augenblick, fügte er hinzu: »Nicht mehr als sieben Jahre zählte Severin, als sie starb. Wenn ich ihr in die Augen schau', so ist mir immer, als ob sie fragen würde: Ihr habt mir den Buben doch nicht verkommen lassen?«

Da senkte der alte Hochcheder das weiße Haupt auf die Brust und verharrte schweigend mit geschlossenen Lidern...

Als er sich wieder aufrichtete, sagte er: »Du hast recht, die Stimme der Mutter soll nicht überhört werden.«

Da aber Laurenz aufatmend, weil er meinte, bereits gesiegt zu haben, ihm danken wollte, fiel er ihm ins Wort: »Indessen hat nicht nur sie, die Mutter, hier mitzusprechen, Es ist noch eine andere Frau, der wir billigerweise eine Stimme einräumen müssen. Deine Frau, Laurenz! Justine! Ich bezweifle, ob sie unter einem Dach mit Severin wird leben wollen. Und ohne ihre ausdrückliche Zustimmung werde ich ihn in mein Haus nicht aufnehmen, das bin ich ihr und der Familie Mairold schuldig.«

»Dann darf ich zuversichtlich hoffen, daß ich dem Severin zustimmend antworten kann.«

»Hat Justine sich schon geäußert?«

»Das nicht, sie hatte auch keinen Anlaß dazu. Doch wie ich sie kenne ... Sie ist die Güte und Milde selbst.«

»Warten wir's ab!«

»Du wirst sehen, Vater ...«

»Erraten läßt sich da nichts. Ob sie zustimmt oder nicht, das wird sich weisen. In beiden Fällen füge ich mich. Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich nicht einfach tue, was ich für richtig halte. In ihren Händen liegt die Entscheidung. Sag' ihr das! Und nun genug! Wir haben zu tun.«

Laurenz begriff, daß er entlassen sei, erhob sich sofort und verließ mit einer ehrerbietigen Verneigung die Schreibstube. Im Vorzimmer streifte sein Blick den Pik von Teneriffa, der starr und eisig über die Wolken hinausragte. Und das Wort, das noch in ihm nachklang, kam ihm wie ein unverhofftes Wunder vor: »Ich füge mich!« Das bedeutete ihm soviel wie gewonnenes Spiel. Schon waren seine Gedanken damit beschäftigt, den Brief aufzusetzen, der dem unglücklichen Bruder die erlösende Freudenbotschaft mitteilen, aber freilich auch allerlei wohlmeinende Winke und Mahnungen enthalten sollte.

Der alte Hocheder dagegen stand, nachdem er allein geblieben, vom Schreibtisch auf und ging, die Hände auf dem Rücken, in düsteren Gedanken in der Stube auf und nieder. Es wurmte ihn hinterher, daß er nachgegeben. Der Severin konnte zufrieden sein, wenn er ihn mit Geld unterstützte und vor Not bewahrte. Wozu mehr? Hatte der Sohn, den er in seinem Innern ungeraten schalt, mehr verdient? Und ohnedies würde es kein gutes Ende nehmen, wenn er wieder ins Haus zurückkehrte. Davon hielt er sich nach wie vor überzeugt. Immer mehr redete er sich in den Gedanken hinein, daß es für alle Teile besser gewesen wäre, hätte er auf seiner ursprünglichen Meinung beharrt. Und sein ganzes Leben lang wollte er die Erfahrung gemacht haben, daß es immer übel ausgegangen sei, wenn er einmal anders gehandelt, als er eigentlich gewollt.

Als schwacher Trost blieb ihm schließlich noch die Erwartung, daß Justine in seinem Sinne entscheiden und mit einem Nein antworten würde. Je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher kam es ihm vor. Sie konnte ja gar nicht anders! Sie würde doch nur neuerdings mit dem Severin ins Gerede kommen! Und wenn auch nicht, so mußte es ihr selbst peinlich sein, die alten Erinnerungen wieder aufzuwecken. Laurenz, der Arglose, machte sich das offenbar nicht klar, weil er in seiner Gutmütigkeit nur an den Bruder dachte. Aber er, der Erfahrene, durchschaute die Menschen besser ... So bildete er sich's wenigstens ein.

Die kleine Biedermeieruhr auf dem Schreibtisch schlug mit silbernem Geklingel die Stunde. Da schüttelte der alte Herr die Gedanken von sich. Mochte die Sache ihren Lauf nehmen, wie sie sollte und mußte. Ihn ging sie bis auf weiteres nichts mehr an. Bei Justine stand die Entscheidung, und die Arbeit drängte.

»Maria Lichtmeß!« sagte er mit den Fingern schnalzend und kehrte zu seinen Büchern zurück.

 

Am Nachmittag des Karfreitag schlenderte Konrad nachdem er über sein Reißbrett gebeugt viele Stunden auf der Technik zugebracht, ohne besonderes Ziel durch die innere Stadt, lediglich in der Absicht, seinem überarbeiteten Kopf erholende Zerstreuung zu gönnen.

Am Stock-im-Eisen stand er eine Weile still und ließ wie immer, wenn er an dieser Stelle vorbeikam, den Blick die steile Pyramide des Stefansturmes emporklimmen. Wie zäh und unzerstörbar schien die ungeheure Wucht des gewaltigen Bauwerks mit diesem alten Wiener Boden verwurzelt! Aus breiter Massigkeit strebte es, von kunstvollen Klippen starrend, über die Giebel des Langhauses hinaus bis zum Doppelgiebel der Glockenstube empor, über der dann schlank und leicht das Achteck der Turmspitze aus einem Wald von Fialen in den blauen Himmel hineinschoß. Und ganz oben, über der Kreuzrose, funkelte mit der Leuchtkraft der Scheinwerfer, mit denen man im Krieg das Gelände abgesucht, der mächtige goldene Knauf, Adler und Kreuz tragend, in der frühlingsherben Nachmittagssonne.

So oft Eybel diesen strahlenden Lichtpunkt, der wie eine zweite Sonne glitzerte, von einer der Höhen des Wienerwaldes aus aufflammen oder wie jetzt, aus der Nähe, über dem Getriebe der Straßen schweben sah, wurde ihm warm ums Herz. Immer kam es ihm dann vor, als sei ein bedeutsames Leuchtfeuer entfacht auf diesem herrlich aufragenden, weit gegen die mittlere Donau vorgeschobenen ungeheuren Grenzstein, den deutscher Geist und deutsches Fühlen hier aufgerichtet, als ein dauerndes Bollwerk gegen östliche Ungesittetheit und Verluderung.

Aber wie ganz anders nahmen sich jetzt die Dinge aus! In den Kot gezerrt, wußte er den deutschen Namen durch neidvoll bösen Willen, der dem unwissenden Pöbel einer Welt den leidigen Schlag des Berliner Handlungsreisenden und Gardeleutnants als angeblich bezeichnendste Vertreter des gesamten deutschen Wesens betrügerisch vorgespiegelt, nur um jene Siedehitze des Hasses zu erzeugen, die allein imstande gewesen, Millionen Gleichgültiger in den blutrünstigsten aller Kriege zu jagen. Und nun, da das verruchte Werk geglückt, das deutsche Volk durch Hunger und Lüge niedergerungen war, nun stellte die Versammlung von Heuchlern am grünen Tisch sich an, als wüßte sie nichts davon, daß es Deutsche gewesen, die die Ostmark begründet und jenen wundervollen Dom gestiftet, den eine deutsche Bauhütte erbaut hatte, und reihte dieses entrechtete schöne Stück Land unter die ihrer Willkür preisgegebenen Balkanstaaten ein, indem es ihm die Heimkehr zum Muttervolk verwehrte und es zu einer Selbständigkeit verurteilte, die Armut, Elend und damit den Hereinbruch eben jener Ungesittetheit und Verluderung bedeuten konnte, gegen die es bis dahin die Grenzmacht gehalten.

So spiegelten sich in Konrad Eybels Kopf die großen Entscheidungen der Weltgeschichte. Und mit geheimem Bangen erwog er in seinem Herzen, ob denn eine sichere Gewähr dafür bestehe, daß diesem schamlosesten Anschlag, der je auf die Seele einer hochstehenden Bevölkerung unternommen worden, nicht schließlich ein gewisser Erfolg beschieden sein würde?

Unter den Wackeren, die im Schatten von St. Stefan jahrhundertelang gegen Türken und andere östliche Horden sich tapfer behauptet, 1809 den Widerstand gegen den korsischen Eindringling ins Werk gesetzt, 1848 um wahre oder vermeintliche Ideale gerungen hatten, zählte auch er Vorfahren. Und sein eigener Vater, im Range eines Generals verstorben, war es gewesen, der am letzten Oktober des Sturmjahres, damals noch ein blutjunger Leutnant, an der Spitze einer Abteilung Windischgrätz-Grenadiere als erster durchs Burgtor in die innere Stadt eingerückt und auf dem Graben mit begeisterten Hochrufen und wehenden Tüchern aus allen Fenstern begrüßt worden war, weil man den Befreier von der Gewaltherrschaft einer mißverstandenen Freiheit in ihm erblickte. Immer handelte es sich in jenen verwichenen Tagen um die opfermütigen Kämpfe einer aufrechten und volksbewußten Bürgerschaft, der es dann auch in der Zeit des technischen und wirtschaftlichen Aufschwunges glückte, diese Stadt nach dem Fall der einengenden Wälle und Basteien in treuer Arbeit zu einer der stattlichsten, wohlhabendsten und vielleicht schönsten der Welt auszugestalten.

Aber entsprach denn auch, so fragte er sich, der Geist der Gegenwart jener ruhmreichen Vergangenheit? War das neue Geschlecht, auf das der ehrwürdige Dom heute herabblickte, der Ahnen würdig? Gab es überhaupt noch ein volksbewußtes und bodenständiges Wiener Bürgertum wie einst, das mit der Stadt und dem Lande auf Leben und Tod sich verwachsen fühlte? Und würde dieses, wenn es noch eines gab, kraftvoll, opferwillig und ehrenfest genug geblieben sein, auch unter den veränderten, ungleich schwierigeren Verhältnissen die Führung sich nicht aus der Hand gleiten zu lassen, die Freiheit aus den Fäusten der Zuchtlosigkeit zu retten und den lauteren Quell des deutschen Geistes, der bis dahin die Herzen des österreichischen Volksstammes vor dem Verdursten bewahrt hatte, sich nicht trüben oder gar abgraben zu lassen?

Unter bekümmerten Gedanken setzte Eybel seinen Weg fort, über den Graben gegen die Bognergasse.

Überall drängten sich Scharen von Menschen, die Luft war lenzhaft frisch, aber wohltuend, der übliche Gräberbesuch von Kirche zu Kirche hatte unzählige Schaulustige in die innere Stadt gelockt. Kraftwagen sausten vorbei, die Auslagefenster funkelten von kostspieligen Überflüssigkeiten, Blumenverkäuferinnen mit umgehängten Körben hielten schwebende Gärten voll Wohlgeruch und Blütenpracht feil, und das käufliche Laster der Straße, das durch anreizenden Putz die Augen auf sich zu ziehen suchte, scheute den Karfreitag so wenig wie die Stätten der Lustbarkeit mit ihren schreienden Ankündigungen von Kabaretts, blutrünstigen Lichtspielen und Revuen der Nacktheit. Und dies alles, diese ganze üppige Schauseite eines sprühenden Großstadtlebens, stellte für den Tieferblickenden nichts anderes als eine buntbemalte Kulisse dar, dazu bestimmt, den Wüstlingen und Lüstlingen aus aller Welt eine oberflächliche Zerstreuung zu verschaffen, während dahinter die Not und das Elend der einheimischen Bevölkerung zaghaft und verschüchtert sich verbarg!

Wo eine elegante Toilette, ein kostbarer Pelzmantel, ein nach der Mode gekleidetes feines Paar an Eybel vorüberglitt, da schlugen auch in der Regel fremdländische Laute an sein Ohr. Und so oft er Käufer in einen Laden treten, eine Gruppe von Menschen die tollen Plakate studieren oder Fahrgäste einer Autodroschke entsteigen sah – fast immer klangen ihm aus ihren Gesprächen Idiome entgegen, die hier nicht zu Hause waren. Raben und Aasgeier, die krächzende Gefolgschaft der Schlachten, hatten sich auf das gefallene Vaterland gestürzt und durchwühlten gierig seine Eingeweide, um sich womöglich noch einen Fetzen herauszureißen und in ihren Hakenschnäbeln davonzuschleppen. Die einheimische Bevölkerung, obwohl bei weitem in der Mehrzahl, verschwand beinahe neben diesem beutelustigen Raubgezücht. Schier lichtscheu drückten die Leute sich die Hauswände entlang, meist rückständig in der Mode und dürftig anzusehen, die Frauen manchmal noch immer mit jenem eingeborenen Geschmack gekleidet, der aus nichts etwas zu machen weiß, die Männer oft bis zur Herabgekommenheit abgeschabt und verwahrlost. Enteignete des Schicksals, die wehrlos zusehen mußten, wie ihr Vermögen sich verflüchtigte, die in Jahrhunderten angesammelten Werte in fremde Hände übergingen; wehrlos zusehen mußten, wie der ehrlichen Arbeit das Wasser abgegraben wurde durch Abenteurer und Spekulanten jeder Spielart, und wie die Stadt ihrer Väter mehr und mehr zum großen Ausverkaufsbasar für weltbürgerliche Kriegsgewinner, zum lockeren Varieté für die Lebemänner des Balkans herabsank.

Zwei überaus gepflegte jüngere Damen von erlesener äußerer Erscheinung, Engländerinnen offenbar oder Amerikanerinnen, die das Abzeichen irgendeiner ausländischen Wohltätigkeitsmission trugen und dem trübsinnig vor sich hin sinnenden Eybel in der Bognergasse entgegenkamen, tauschten, als er sich näherte, eine Bemerkung miteinander, die sich anscheinend auf ihn bezog, und lächelten dazu. Er war ein hübscher, hochgewachsener Mensch mit einnehmenden, männlich ausgeprägten, von Sonne und Wetter gebräunten Gesichtszügen, er hätte es nicht nötig gehabt, sich abfällig beurteilt zu fühlen und das Lächeln der beiden Damen, das holdselig genug war, als ein spottlustiges zu deuten. Aber eingeschüchtert durch ihre reizvolle Tadellosigkeit, dachte er in diesem Augenblick nur an seine Wickelgamaschen, nur an seinen abgetragenen Anzug, der die Abstammung von einer altgedienten Feldmontur nicht verleugnete, an den Stiefeln konnte ein scharfes Auge Spuren von Flickarbeit erblicken, trotz des Blendwerks von eitel Glanz, das eine sorgsame Wichsbürste darüber gebreitet, Hut besaß er überhaupt keinen. Darum befiel Feigheit, die er vor Feinden nie gekannt, ihn jetzt unter den Augen der schönen Feindinnen, so daß er sich rascher in Gang setzte, auskneifend die Straße überquerte und im dunklen Drang, sich unsichtbar zu machen, in das enge Gäßchen hinter dem ehemaligen Kriegsministerium einbog. Erst in der Einsamkeit, die ihn dort umfing, gewann er nach und nach so viel Mannesmut zurück, daß er sich auf der andern Seite wieder ins Freie wagte. Etwas beschämt über seine Flucht trat er auf jenen wunderschönen, saalartig geschlossenen alten Platz hinaus, welcher nach der Burg der Markgrafen und Herzöge aus dem Hause Babenberg, die sich im zwölften Jahrhundert hier erhoben hatte, noch heute »der Hof« heißt.

War es Zufall, daß die beiden hübschen Engländerinnen ihm in der Bognergasse begegneten und ihn, ohne es zu wollen oder zu ahnen, durchs Seitzergäßchen auf den Hof verscheuchten? Oder war's Bestimmung und höhere Fügung? Fest steht nur das eine, daß er von da an eine Zeitlang etwas wie ein Spielball in der Hand einer unbekannten Macht blieb, die man nach Belieben Zufall oder anders nennen mag.

Denn unversehens fand er sich inmitten einer vorwiegend einfachen, ja ärmlichen und ihm deshalb zusagenden Menschenmenge wieder, welche in die auf dem genannten Platz gelegene alte Karmeliterkirche »Zu den neun Chören der Engel« hineinströmte, um an dem wie üblich darin aufgemachten »heiligen Grab« ihre Andacht zu verrichten. Und da er keinen Anlaß sah, gegen den Strom zu schwimmen, so ließ er sich ebenfalls in das Gotteshaus mit hineintreiben. Vor jener von hundert brennenden Kerzen umstrahlten Grotte, in deren geheimnisvollem Dämmer der heilige Leichnam in kunstvoller Nachbildung bestattet lag, stauten sich aber die Beschauer zu einem so undurchdringlichen Block, daß er vorzog, nach der entgegengesetzten Seite des Kirchenschiffes auszuweichen, wo um diese Stunde nur wenige Andächtige sich aufhielten. Ein Zeitenaltar, in dessen Altardecke die Worte gestickt waren: »Heiliger Judas Thaddäus bitt' für uns!« zog daselbst seine Aufmerksamkeit auf sich.

Der Name des ihm bis dahin unbekannt gebliebenen Heiligen schien ihm wunderlich und prägte sich ein. Es mußte sich hier um einen Fürbitter und Helfer handeln, der offenbar eine gewisse Volkstümlichkeit genoß. Denn linker Hand von dem eirunden Bildchen über dem Altartisch, das in prächtigem Barockrahmen vermutlich den hilfreichen Wundertäter selbst darstellte, hingen eine Menge Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit an der Wand, huldigende Weihegaben aller Art und jeder Größe. Und so wenig Eybel trotz oder gerade infolge eines tiefen religiösen Bedürfnisses, das ihm in der Seele wohnte, für einen derart handgreiflichen, auf Leistung und Gegenleistung gestellten Kult etwas übrig hatte, so empfand er doch das Primitive und Kindliche eines solchen Glaubens in diesem Zeitalter der Not und Herzensangst mit einer gewissen Rührung. Besonders ergriff ihn eine kunstvolle Inschrift, die, mit einem breiten Nahmen umgeben, unter den vielen anderen dem heiligen dargebrachten Geschenken ihm vor allem ins Auge stach. Sie war aus bunt und goldenen Perlen auf Kanevas gestickt, vielleicht von einer blassen, leidvollen Frauenhand in schlaflosen Nächten, und lautete: »Heiliger Judas Thaddäus, beschütze ihn und gib, daß er aus diesem großen Krieg gesund heimkehrt!« Darunter standen die Anfangsbuchstaben M und H, die er nicht sonderlich beachtete, weshalb er sich auch weiter keine Gedanken darüber machte.

Aber während er noch so dastand und sich in den Gemütszustand der frommen Stickerin hineindachte, die vielleicht unter Tränen in jeden Stich der Nadel ein Gebetlein für ihren im Felde befindlichen Vater oder Bruder, Gatten oder Bräutigam mit eingenäht, erhob sich eine weibliche Gestalt, die bis dahin an den Stufen des Altars gekniet hatte und ihm vom Rücken aus schon früher ob ihrer hingebenden Haltung und Versunkenheit aufgefallen war, und hängte flugs unter jene gestickte Fürbitte ein zweites, kleineres Rähmchen. Es schien gewissermaßen eine Quittung für treulich geleistete Hilfe darzustellen. Denn ebenfalls in kunstvoller Perlenstickerei enthielt es die kurzen Worte: »Habe Dank!« und darunter standen abermals die Initialen M und H. Als aber nunmehr diese M H nach vollbrachter Tat sich umwendete und, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorbei gegen den Kirchenausgang schritt, da erkannte er, daß es Marianne Hocheder war.

Die Gefühle, die ihn in diesem Augenblick überfluteten, lähmten dermaßen seine Gelenke, daß er zunächst starr wie eine Salzsäule stehenblieb. Er dachte nicht daran, daß die Sprengstücke der Granaten, die im langwierigen Verlauf des Krieges mehr als einmal rings um ihn in den Boden gefahren waren, ihn möglicherweise nur deshalb nicht getroffen haben mochten, weil der heilige Judas Thaddäus an der fleißigen Nadelarbeit der schönen Stickerin vielleicht Gefallen fand. Und er versäumte es darum auch, sich bei seinem Wohltäter gebührend zu bedanken. Aber nicht aus angeborener Undankbarkeit, beileibe! Bloß aus dem Grunde, weil er überhaupt jedes Gedankens derzeit unfähig und ein Sausen und Brausen in ihm war, gerade als hätte eben jetzt in seiner nächsten Nähe eine Bombe in den Steinboden der Kirche geschlagen, aber eine angenehme.

Eine gute Weile verstrich, bevor der durch diese Freudenbombe in ihm ausgelöste Jubelsturm sich in den heißen Wunsch umsetzte, dem geliebten Mädchen die Hände zu drücken.

Erst jetzt schaute er wieder nach ihr aus. Er konnte sie gerade noch erblicken, wie sie gegen den Hauptaltar gewendet, über dem in kunstreicher Malerei die neun Chöre der Engel schwebten, sich mit Kreuz und Knicks von diesen verabschiedete. Hierauf machte sie kehrt und war nun endgültig durch die Kirchenpforte verschwunden.

Die neun gemalten Chöre bedeuteten ihm nichts mehr gegen den einen, nur allzu rasch unsichtbar gewordenen Engel. Schleunigst lösten sich die Glieder der Salzsäure und gerieten in Bewegung. Und fast ohne sein Zutun steuerten sie ihn mit dem Kurs auf ein lenzhaft helles und doch karfreitägig ernstes Mädchenkleid ins Freie.

 

Daß es sich nicht gehört, einem Mädchen nachzusteigen, besonders wenn sie jung und hübsch ist – bei einer alten und häßlichen wär's noch eher erlaubt gewesen – das wußte Konrad Eybel natürlich; aber er tat es ja auch gar nicht selbst, nur seine Beine taten's. Was sein eigentlicher und besserer Mensch war, der setzte einem solchen Beginnen sogar gewisse Widerstände entgegen.

Auf dem Weg quer über den Hof erwies dieser eigentliche und bessere Mensch sich noch einigermaßen nachgiebig, auf der Freiung aber wollte er sich bereits auflehnen und sagte zu den kräftig ausschreitenden Beinen: »Bildet euch nur ja nicht ein, daß der Kriegsheld, um den sich der heilige Judas Thaddäus annehmen sollte, gerade Konrad Eybel geheißen haben müsse! Es standen doch auch andere Freunde und nahe Verwandte von ihr im Feld, sogar ihr eigener Bruder, der Severin, an den wird sie gewiß in erster Linie gedacht haben! Nun also –?«

Das helle Kleid flatterte inzwischen schon in der Nähe der Schottenkirche, übersetzte die Schottengasse und war plötzlich in die Teinfaltstraße verschwunden.

»Mach' keine Mördergrube aus deinem Herzen und versäume die günstige Gelegenheit nicht, mit ihr zu sprechen!« äußerten die Beine durch aufgeregt große Schritte ihre Meinung: »Du zweifelst ja doch keinen Augenblick daran, daß du es warst, um den die schöne Stickerin sich beim Heiligen verwendet hat! Dafür mußt du dich natürlich bei ihr bedanken.«

»Das könnte mir wohl einen recht blamablen Reinfall zuziehen, wenn dann am Ende doch ein anderer gemeint gewesen wäre«, gab der eigentliche und bessere Mensch zögernd zu bedenken. »Darum würde ich mich nie getrauen, von der Sache anzufangen oder das holde Kind überhaupt anzusprechen. Es verstieße dies auch gegen meinen unerschütterlichen Entschluß, mich ihr nicht zu nähern, bevor nicht etwas Ordentliches aus mir geworden ist. Aber das helle Kleid möcht' ich freilich gerne noch einmal sehen, wenn auch nur ganz aus der Ferne, weiter verlang' ich mir nichts.«

Da trugen die Beine ihn in die Teinfaltstraße hinein, doch griffen sie auch jetzt wieder so gewaltig aus, daß sie ungefähr in der Nähe des Burgtheaters das gemächlich dahinwandelnde Mädchen schon fast eingeholt hatten. Wodurch der eigentliche und bessere Mensch sich veranlaßt sah, abermals seine warnende Stimme zu erheben.

»Haltet um Himmels willen etwas zurück, ihr Ungestümen, oder noch besser, schlagt überhaupt eine andere Richtung ein! Was müßte sie denken, wenn sie zufällig umblickte und sich von mir verfolgt sähe!«

»Gar nichts würde sie denken, freuen würde sie sich!« antworteten mit Überzeugung die allzu eifrigen Beine. »Übrigens überquert sie eben den Ring und biegt in den Rathauspark ein, damit fallen deine Befürchtungen ohnedies in nichts zusammen. Denn im Park, wo die Wege gewunden sind, entziehen dich Gebüsche ihrem Blick, auch wenn sie sich wirklich einmal zufällig umsehen sollte.«

»Na, dann tragt mich in Gottesnamen weiter, aber auf eure eigene Verantwortung! Denn, merkt es euch, gesehen will ich auf keinen Fall werden, sie soll nicht wissen, daß ich sie lieb habe, nein, das soll sie wirklich nicht wissen, vorderhand wenigstens nicht und bis auf weiteres, es würde sie nur beunruhigen. Und wenn sie mich erblickte, so könnte ihr doch eine Ahnung davon aufdämmern, weil sie nicht begreifen würde, daß mir nur darum zu tun ist, meine Augen an ihrer anmutigen Gestalt zu weiden, und um sonst nichts. Denn das ist wenig genug, nicht wahr, und das brauch' ich mir doch nicht zu versagen, auch bei der strengsten Gewissenhaftigkeit nicht – oder doch?«

»Nein, das brauchst du dir wirklich nicht zu versagen, und im Park hat's ja auch keine Gefahr, wir können sogar ein gut Stück näher hinter ihr her sein als auf der Straße. Im äußersten Fall treten wir rasch hinter einen Baumstamm, so kann sie unmöglich gewahr werden, daß du sie hinterlistig begleitest.«

Mit solch beruhigenden Versicherungen wußten Eybels Beine seine Vorsicht einzulullen und setzten es auch wirklich durch, daß sie unentwegt weiterhasten durften. Als er aber um ein Boskett von blühendem Flieder bog, das ihm einen weiteren Ausblick verwehrt hatte, wem stand er da unversehens Aug' in Auge gegenüber? Dem Fräulein Marianne Hocheder, das sich in der Abgeschlossenheit einer grünen Ausbuchtung auf eine Bank niedergelassen hatte, um ein wenig auszuruhen und Frühlingsdüfte einzuatmen. Den Rückzug anzutreten, war es für Eybel zu spät, und nicht einmal ordentlich grüßen konnte er, da ihm jede Spur einer Kopfbedeckung mangelte. Indes ließ sie keine Verlegenheit aufkommen, sondern streckte ihm mit unbefangenen Worten der Begrüßung die Hand entgegen, indem sie ihn zugleich einlud, neben ihr Platz zu nehmen.

»Wie freu' ich mich, Sie wiederzusehen, nach so langer, langer Zeit! Was liegt alles dazwischen! Wieviel Not, wieviel Sorge! Welche Umwälzungen haben sich mittlerweile vollzogen! Auch wir, Herr Hauptmann, werden nicht ganz dieselben geblieben sein, die wir waren, aber hoffentlich gut Freund wie einst!«

Er dachte jetzt nicht mehr an seine mangelhafte äußere Erscheinung, an seinen schlechten Anzug, seine Wickelgamaschen, sein wenig präsentables Schuhwerk, er dachte auch nicht mehr an seine schönen Grundsätze, er war nur beseligt, Seite an Seite mit ihr auf einer Bank zu sitzen.

»Ja, das wollen wir hoffen, mein gnädigstes Fräulein!« antwortete er herzlich.

Die Bekanntschaft reichte ziemlich weit zurück, jedenfalls weit hinter Kriegsbeginn. Er war noch ein junger Militärakademiker, dann Leutnant, Marianne ein halbwüchsiges Mädchen, später ein eben erblühtes Röslein, da kannten sie einander schon. Bei befreundeten Familien gab's Gesellschaften, Gartenspiele, Tänze, sie begegneten einander nicht selten, vergnügten sich miteinander und vertrugen sich gut. Warum Eybel sich vor einem Wiedersehen mit ihr wie vor einem entscheidenden Schritt gebangt, begriff er jetzt kaum mehr, seine Schwere verflüchtigte sich vor dem ungezwungen offenen Ton, den sie anzuschlagen wußte, und er sah ein, daß es am natürlichsten sei, den Faden einfach da wieder anzuknüpfen, wo die Weltgeschichte ihn abgerissen hatte.

Dankbar wiederholte er ihre Worte: »Gut Freund wie einst, ja, das wollen wir hoffen, so lange wir einander auch nicht wiedersahen bis zu dieser Stunde, die ein glücklicher Zufall mir schenkt!«

»Eigentlich hab' ich Sie schon einmal gesehen,« gestand Marianne aufrichtig, »ganz kürzlich, aber nur aus der Ferne, im Salettl, am Palmsonntag, als Sie mit den Freunden beisammensaßen. Ich klirrte ein bissel mit dem Fenster, das war mein Gruß. Aber Sie sind zu stolz gewesen, um aufzublicken.«

»Ich war nicht zu stolz,« verteidigte er sich, »ich sah Sie ganz gut, aber Sie waren immer gleich wieder verschwunden, wenn ich anfangen wollte, mich über Ihren Anblick zu freuen.«

»Wir Mädchen tun eben alles immer nur halb,« sagte sie lachend, »zum Ganzen fehlt uns schließlich doch der Mut... Übrigens hab' ich es schon viel früher gewußt,« fuhr sie, wieder ernst geworden, fort, »daß Sie glücklich heimgekommen waren. Ich atmete auf, als ich es erfuhr. Wissen Sie, daß ich mich um Sie geängstigt hab'?«

»Ich bin glücklich darüber und danke Ihnen«, sagte Eybel, dem ihre Worte wie Musik klangen.

Ihr aber schien plötzlich der Mut wieder ausgegangen, sie mochte das Bedürfnis fühlen, ihre vielleicht allzu warmen Äußerungen, die sich fast zu einem Bekenntnis umdeuten ließen, etwas abzuschwächen, und abermals lächelnd fragte sie: »Glücklich darüber, daß ich mich ängstigte?«

»Nein, daß Sie aufatmeten.«

»Wir müssen dem lieben Gott für jeden dankbar sein, der aus diesem großen Krieg gesund heimkehrt.«

Ach, mit dieser letzten Wendung, die auffallend an die gestickte Weihegabe für den heiligen Thaddäus anklang, hatte sie eigentlich alles wieder zurückgenommen, was er vorschnell auf sich allein beziehen zu dürfen geglaubt. Einigermaßen ernüchtert, sagte er ablenkend: »Auf Severins Heimkehr hatten wir kaum mehr zu hoffen gewagt, zu lange Zeit war verstrichen. Ihr Bruder Laurenz machte aber neulich eine Andeutung, als ob es nicht ganz ausgeschlossen wäre –«

»Es ist sogar gewiß!« fiel sie ihm lebhaft ins Wort. »Er befindet sich schon in Triest, in den nächsten Tagen dürfte er eintreffen. Und denken Sie, er kommt nicht nur nach Wien zurück, er wird auch wieder in die Familie aufgenommen!«

»Der Vater hat ihm also verziehen?« fragte Eybel gespannt.

»Vor allem Justine.«

»Justine?«

»Ihr hatte der Vater die Entscheidung anheimgestellt. Zwei Tage lang ging ich bangend umher, Justine schien zu schwanken, sich nicht recht entschließen zu können. Aber sie ist edel und gut, und schließlich hat sie sich doch beim Vater für ihn eingesetzt. Das vergeß ich ihr nie, ich bin ja so glücklich darüber, ich kann nicht sagen, wie glücklich! Es ist wahr, ich kenn' ihn eigentlich gar nicht mehr, den Severin, aber viele Kindheitserinnerungen hängen an ihm. Und es ist doch auch natürlich, daß ich mich freue, er ist nun einmal mein Bruder. Oder tue ich unrecht daran, mich zu freuen? Meinen denn auch Sie, daß er einen schlechten Charakter hat? Dann wären Sie gewiß nicht Severins Freund gewesen!«

»Er ist vielleicht ein schwacher Charakter, aber ein schlechter –? Nein, das bestimmt nicht! Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Baron Mairold, der General, hat etwas dergleichen durchblicken lassen. Als ich heute in die Stadt ging, begegnete ich ihm auf der Laimgrube. In meiner ersten Freude, weil ich es eben zu Hause erfahren hatte, erzählte ich ihm, daß wir den Severin erwarten. Er ist sonst immer so lieb, gewissermaßen ritterlich zu mir gewesen, diesmal antwortete er scharf und trocken: ›Na, da werden Sie etwas erleben!‹«

»Exzellenz Mairold ist unberechenbar, bald übertrieben anerkennend, bald restlos absprechend. Ich kenne ihn genau, während des Krieges war er eine Zeitlang mein Chef. Seither wird seine Art sich eher noch versteift haben. Für einen Feldmarschall-Leutnant noch verhältnismäßig jung, scheint er doch schon zu alt, um sich in die neuen Verhältnisse zu schicken. Die Zeit ist hart für solch hohe Herren, sie fallen nur zu oft der Verbitterung anheim. Übrigens ist er leicht zu gewinnen, sobald er nur seine Autorität anerkannt sieht, und ich bin fast sicher, hätte Justine sich an ihn gewendet und ihn um seinen Rat gebeten, er hätte mit einer Art Leidenschaft für den Severin Partei ergriffen.«

»Das möcht' ich bezweifeln«, meinte Marianne, den Kopf wiegend. »Der General muß wohl seine Gründe haben, dem Severin nicht gewogen zu sein. Als ich versuchte, diesen in Schutz zu nehmen, antwortete er ebenso schroff wie das erstemal, kein Mensch ändere sich, und was ein subversiver Charakter sei, der bleibe es auch. Was heißt subversiv eigentlich?« fragte sie. »Etwas Gutes bedeutet es wohl kaum.«

»Subversiv!« wiederholte Eybel halb belustigt. »Ein herrliches Wort unseligsten Angedenkens! Für Exzellenz Mairold ist natürlich alles subversiv, das heißt umstürzlerisch, zersetzend, was nicht im altösterreichischen Bürokratismus und Militarismus den Gipfel menschlicher Errungenschaften erblickt. Übrigens können Sie insofern recht haben,« fügte er ernst hinzu, »als man dem alten Herrn, der doch ein Oheim Justinens ist, eine gewisse Berechtigung, über Severin abzusprechen, nicht ganz bestreiten kann.«

»Was Severin eigentlich mit der Justine hatte, davon weiß ich nichts«, sagte Marianne bekümmert; »aber es täte mir unsäglich weh, wenn ich ihn darum weniger lieben sollte. War es denn wirklich so schlimm, was er sich damals zuschulden kommen ließ? Ich zählte elf oder zwölf Jahre, als er das Haus verlassen mußte, man hat mir ein Geheimnis daraus gemacht. Sie sind Severins Freund und mit Justine verwandt, wissen Sie Näheres darüber?«

»Es handelt sich um ein im Grunde harmlos verlaufenes Abenteuer, aber unglückseligerweise war es in die Öffentlichkeit gedrungen, die Zeitungen bauschten es zu einer romantischen Tragödie auf, die Familien, die die Sache andernfalls wohl in aller Stille beigelegt hätten, fühlten sich verletzt. Die Justine war damals eben als ganz junges Mädel nach Wien gekommen, um sich in Musik auszubilden, weil es dazu auf dem Lande, wo sie aufgewachsen war, in dem Bergnest St. Jodok, oder wie es dort heißt, natürlich keine Gelegenheit gab. Und der Severin, nur ein paar Jahre älter, er stand damals knapp vor der Reifeprüfung, ging ja auch völlig in Musik auf, lebte förmlich in einer andern Welt. Die Musik hatte die beiden zusammengeführt ... Man spricht nicht gern davon,« schloß er, »es ist Gras darüber gewachsen. Unüberlegt hat der Severin sicherlich gehandelt, aber wenn die andern es versäumten, seine Jugend, sein Künstlerblut mit in Rechnung zu stellen, und ihn härter büßen ließen, als er es verdiente, so liegt doch kein Grund dafür vor, warum Sie, liebes Fräulein, ihn deshalb weniger lieben sollten. Gerade der leidenschaftlich hohe Aufschwung, dessen er fähig ist, wurde seiner Jugend zur Gefahr. Inzwischen ist er nicht nur älter, er wird auch reifer und beherrschter geworden sein, und da der Vater und Justine ihm verziehen haben, so dürfen auch Sie ohne Rückhalt und Bedenken sich über seine Heimkehr freuen.«

Marianne dankte ihm aufrichtigen Herzens für dieses Wort, das sie sichtlich erleichterte. Die Freude, mit der sie dem Eintreffen des Bruders entgegensah wie ein Kind der Christbescherung, war nun wieder ungetrübt. Und auch Eybel hatte Fortschritte in der Befreiung des Gemütes gemacht, er begriff mehr und mehr, daß es nicht nötig sei, gleich die entscheidenden Fragen der Zukunft zu berühren, es gab, wie sich eben gezeigt, auch in der Gegenwart mancherlei Gelegenheit, dem lieben Mädchen als Freund zur Seite zu stehen, ihr etwas zu sein. Und war's nicht schon genug, daß er ihrer holden Nähe überhaupt genießen durfte? In stillem Entzücken streifte sein Blick über sie hin, und während er sie verstohlen betrachtete, mußte er neuerdings an das Märchen denken, das für die seltene Zusammenstellung von ebenholzschwarzem Haar mit einer überaus zarten Gesichtsfarbe und rosigen Wangen einen so unvergleichlich poetischen Ausdruck findet. Und der ringsum blühende Flieder umhüllte ihre liebreizende Gestalt, die ihm selbst zum Märchen wurde, mit einem festlichen Mantel von Frühlingsfarben und -düften.

Indes bleibt die Liebe freilich im Grunde beunruhigt, solange sie ihres Zieles nicht gewiß ist, und die Aufklärung darüber, für wen eigentlich die schöne Stickerei in der Kirche »Zu den neun Chören der Engel« um besondere Berücksichtigung von seiten des heiligen Judas Thaddäus hatte werben wollen, brauchte nach Eybels Meinung nicht auf einen unbestimmten Zeitpunkt vertagt zu werden. Bevor er aber noch die Leimruten unverfänglich scheinender Fragen, mit denen er das Geheimnis nach und nach doch einzufangen hoffte, genügend mit seinem nicht allzu großen Vorrat an Schlauheit und List bestrichen und vorsichtig ausgesteckt hatte, kam Marianne ihm schon mit einem neuen Anliegen zuvor.

»Weil das Schicksal mir's heute schon so gut meint,« sagte sie, »einen lieben treuen Freund in meine Nähe zu führen, so läge mir recht sehr daran, noch eine andere Frage beantwortet zu wissen, die mich schon lang beunruhigt.«

»Nur immerzu, fragen Sie, liebes Fräulein, ich will ehrlich und nach bestem Wissen antworten!«

Wie gerne war Marianne Hocheder bereit zu fragen, wie gerne Konrad Eybel bereit zu antworten! Gehört doch zum Süßesten der noch unausgesprochenen Liebe das halbe Geständnis, das sich zagend noch verbirgt im demütigen Vertrauenschenken und -erbitten, im freundschaftlichen Beraten und willigen Sichberatenlassen.

»Fragen Sie, fragen Sie, liebe Marianne!«

»Nun denn. Man hört so vielerlei verschiedene Urteile über die Zeit, in der wir leben. Mir will's scheinen, sie sei nicht besser und nicht schlimmer als manche andere, und es komme ganz darauf an, was man aus ihr macht, und wie man sich selbst in ihr verhält und bewährt. Aber da gibt's Leute, die reden, als sei mit dem Umsturz, mit den eingetretenen Verschiebungen im Besitz und mit den neu aufgekommenen Ideen schon das ewige Reich angebrochen. Wenn man wieder andere hört wie etwa den General von Mairold, so sieht alles wieder ganz anders aus, da gibt's nur Schatten im Bilde, Schlechtigkeit, Mangel an Zucht, Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Wer hat recht? Welche von den beiden Meinungen ist die richtige? Und bin ich etwa selbst schon vom Geist des Verderbens ergriffen, weil ich das Leben noch immer schön finde und im ganzen mehr fröhlich als traurig bin?«

»Sie haben Ihre Frage eigentlich schon selbst beantwortet«, sagte Eybel. »Und in demselben Sinne wie Sie, weit besser als ich dazu imstande wäre, beantwortet sie ein Gedicht, das mir ein günstiger Zufall in die Hände gespielt. Den Dichter kennen Sie, er lebt in Ihrem Hause und gehört ebenfalls zu den mehr heiteren als kopfhängerischen Naturen. Nur behauptet er in seiner schnurrigen Art, gegenwärtig an einer Krankheit zu leiden, die er Sonettitis nennt.«

»Sonettitis?« fragte Marianne erschrocken, »was ist das für eine Krankheit?«

»Es ist eine Abart der Dichteritis,« scherzte der Hauptmann, »sie besteht in der Zucht, alle Gedanken, die einem einfallen, in vierzehn Verszeilen zu pressen, mit Reimen, die sich nach gewissen Regeln verschlingen. Eben diese Form nennt man ein Sonett, und davon hat auch die Krankheit ihren Namen.«

Erleichtert lachte das Mädchen auf: »Nun machen Sie mich aber neugierig. Wer ist der Unglückliche, der von dieser gefährlichen Krankheit befallen ist? In unserm Haus wüßt' ich niemand, den ich für einen Dichter halten könnte.«

»Auch für mich war es eine unerwartete Entdeckung, daß der Betreffende sich gelegentlich mit dem Drechseln kunstvoller Verse abgibt. Er tut's nämlich insgeheim und recht verschämt. Als er mich gestern auf meiner Bude besuchte und seine Taschen nach einem Fidibus auskramte, um sich die Pfeife anzustecken, fiel unversehens ein Blatt zu Boden, das ich aufhob – da war er entlarvt und konnte nicht mehr leugnen. Ein paar wirklich wunderschöne Sonette waren auf jenes Blatt gekritzelt, und eines davon beantwortet zufällig Ihre Frage nach dem Wert oder Unwert der Zeit, in der wir leben.«

Eybel hatte seiner Brieftasche ein Papier entnommen, Marianne warf einen Blick darauf und rief, wie vor einem blauen Wunder die Hände zusammenschlagend und in unerschöpfliche Rufe des Staunens ausbrechend: »Das ist ja Rumpsacks Schrift!«

»Sie kennen sogar seine Schrift?«

»Er war doch mein A-B-C-Professor, wie er selbst sich nannte. Aber freilich, über das A-B-C war ich doch schon hinaus, als ihm meine Bildung anvertraut wurde.«

»Was haben Sie bei ihm gelernt?« fragte Eybel belustigt.

»Nicht viel um ein' Kreuzer«, antwortete sie mit einer Wendung ins Wienerische. »Ein bissel Naturgeschichte, besonders Pflanzenkunde, dann Geschichte, Kunst und dergleichen, höhere Weisheit halt. Auch Literatur, deutsche und fremdsprachige, er ist ein gar vielseitiger Herr. Aber daß er auch selbst dichtet –?!« Sie konnte sich gar nicht genug darüber verwundern und wollte es beinahe nicht glauben. »Nein, das hätt' ich mir nie und nimmer träumen lassen! Wer hätte ihm so etwas zugetraut? Wie ein Dichter sieht der Rumpsack doch wirklich nicht aus!«

»Ansehen würde man ihm's freilich nicht. Aber so ruppig er sich gibt, in dem steckt ein feinerer Kerl, als ich bis gestern selbst geahnt. Hören Sie selbst.«

Und Eybel las:

Versöhnter Gegensatz

Schwarzseher klagen, krank sei sie geworden,
Die Zeit, und was beglückt, sei ihr entschwunden,
Sie könne nie und nimmermehr gesunden,
Nichts bleibe übrig, als sich selbst zu morden.

Und andre wieder, vom Schönseher-Orden,
Preisen die Zeit, blind gegen ihre Wunden,
Als wäre sie ein Tanz bekränzter Stunden
Zu Zimbelschlag und klingenden Akkorden.

Wer wollte solchen Widerstreit entscheiden?
In Wahrheit gibt's nur Menschen, keine Zeit,
Und Mensch sein heißt, bald froh sein und bald leiden.

In beidem sucht die echte Frömmigkeit
Nichts von Bestand, das unverrückbar bliebe,
Nur einen Weg zu Gottes ewiger Liebe.

»Was heißt Schönseher?« fragte Marianne, nachdem er geendet.

»Es ist der Gegensatz zum Schwarzseher. Auf deutsch: Optimist und Pessimist.«

»Bitte, lesen Sie noch einmal.«

Er tat's und schwelgte in den Versen, als hätte er sie selbst gemacht. Er plusterte seine Seele damit auf, die ehrlich und rein, sonst aber etwas nüchtern war, und ließ sie auf Rumpsacks Kosten um das geliebte Mädchen paradieren wie einen werbenden Sperling ...

»Die Sonettitis muß eine angenehme Krankheit sein«, sagte Marianne, da er stolz das Blatt wieder zu sich steckte.

»Warum?«

»Ich stelle mir's als ein wahres Hochgefühl vor, wenn man einen so schönen Gedanken in so formvollendeten Worten aussprechen kann. Das Gedicht hat etwas Befreiendes und Tröstliches. Nicht die Zeit, in der wir leben, ist die Quelle unseres Schicksals, diese liegt in uns selbst. Und wir sind stärker sogar als unser Schicksal, wenn wir in Leid und Freude nicht das letzte Ziel unseres Erdenlebens erblicken, sondern nur einen Weg, der uns zu Gott führt. Wie tief ist diese Erkenntnis und wie richtig! Sie bewahrt den Unglücklichen vor Verzweiflung, den Glücklichen vor Vermessenheit.«

Erfreut über ihre lebhafte Auffassung und bewegt von der darin sich offenbarenden Empfänglichkeit ihres Herzens, sagte der Hauptmann: »Es ist die denkbar schönste und einzig einwandfreie Antwort auf die Frage, die Sie beunruhigte. Wie der Adler über der Erde, so erhebt sich der Gedanke an Gott, der die ewige Liebe selbst ist, hoch über Schwarz- und Schönseherei.«

Unwillkürlich hatten ihre Hände sich gefunden, ruhten ineinander und tauschten Druck mit Gegendruck. Aber dem unbewachten Eybel ging's zu gut, da erwischte ihn auch schon der Teufel der Vermessenheit beim Schopf. Der heilige Judas Thaddäus fiel ihm wieder ein, und er versuchte eine Leimspindel auszustecken.

»Sie waren heute in der innern Stadt, Marianne? Ich sah Sie in einer Kirche.«

Mit einer jähen Bewegung entzog sie ihm die Hand und wendete ihm ein sichtlich bestürztes Antlitz zu, in welchem der Schnee der Farbe des Blutes wich.

»Im Stefansdom?« fragte sie rasch.

»Haben Sie noch andere Kirchen besucht?« antwortete er hinterhältig ausweichend.

»Sie wollen zuviel wissen! Wo ich sonst nach war, das sag' ich nicht einmal meinem Beichtvater, dem lieben Pater Wilfrid von St. Laurenz.«

»Einem Beichtvater muß man doch alles sagen?«

»Nur was eine Sünd' ist. Unrechtes hab' ich nicht getan.«

»Warum verschweigen Sie's dann?«

»Aus Gründen, die Sie später einmal vielleicht erfahren, heut aber bestimmt nicht!«

Ein leichtes Wölklein Unmut war über ihrer reinen Stirn aufgezogen, vielleicht kam's ihr wie gerufen, daß in diesem Augenblick die Uhr vom Rathausturm die Stunde verkündete. Lebhaft sprang sie auf und streckte ihm die Hand entgegen.

»Leben Sie wohl, ich habe mich verspätet und muß eilen.«

»So bleiben Sie doch ...«

»Unmöglich!«

»Nur noch zehn Minuten! Nur noch fünf –?«

»Wo denken Sie hin, sollen wir zu Haus heut ohne Abendbrot bleiben? Ich muß noch einen Karpfen einkaufen gehen und hätt's beinah vergessen. Auf Wiedersehen!«

Schon wehte ihr helles Kleid über den kleinen lauschig abgeschlossenen Kiesplatz, flatterte um die Rundung des Fliederbosketts und war hinter den blühenden Büschen verschwunden.

Der Hauptmann aber schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: Warum hatte er auch das Geheimnis des heiligen Judas Thaddäus nicht auf sich beruhen lassen!

 

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