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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 4
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Im ersten Stockwerk des Hauses »Zum Seidenbaum« in der Schutzengelgasse befand sich hofseitig ein Arbeitssaal, nur ein einziger aber recht geräumiger, in welchem noch wie zu Väterszeiten, wenn auch in äußerst beschränktem Umfang, die Handweberei nebst den mit ihr zusammenhängenden Hantierungen in der hergebrachten Weise betrieben wurde.

Die übrigen Werksäle waren schon in den sechziger und siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts von Michael Hocheder, dem Vater des gegenwärtigen Seniorchefs, aufgelassen worden, nachdem er in dem mährischen Flecken Klopsdorf eine mechanische Seidenweberei eingerichtet und den Hauptbetrieb der Erzeugung dahin verlegt. Der derzeit regierende Hocheder, der wie sein Vater und Großvater ebenfalls Michael hieß, war damals noch ein ganz junger Mensch und nicht recht einverstanden damit, aber als grüner Anfänger im Geschäft mußte er sich den Anordnungen des Vaters fügen, und später sah er deren Nützlichkeit, ja, Notwendigkeit auch ein. Die Kraftstühle verdrängten mehr und mehr die Handwebestühle, der verschärfte Erwerbskampf heischte billige Arbeitslöhne, wie sie nur in abgelegeneren ländlichen Gegenden noch zu finden. So blieb es schließlich eine Grille, daß Michael Hocheder III. die Kraftstühle nicht leiden mochte und die Handarbeit vorgezogen haben würde. Durch die Tat konnte er dieser seiner Gesinnung niemals Ausdruck verleihen, auch nach dem Tode seines Vaters nicht, als er alleiniger Inhaber der Firma geworden. Und später, als er seinen Sohn Laurenz zum Teilnehmer gemacht und schon lange aufgehört hatte, der »jüngere« Hocheder zu sein, erst recht nicht. Und noch später, als er längst der »alte« Hocheder geworden war, schon gar nicht. Die Kraftstühle erwiesen sich als die stärkeren und trugen den Sieg über seine Grille, oder seinen Sparren, oder wie man es sonst nennen mochte, davon.

Aber wer nicht glaubt, daß er einen Sparren hat, sagt das Sprichwort, der hat zwei. Und Michael Hocheder III. glaubte es nicht, vor den Kraftstühlen in Klopsdorf, wohin er sich grundsätzlich niemals in eigener Person begab, mußte er freilich klein beigeben, in der Schutzengelgasse behauptete er seinen Willen, hier wollte er wenigstens spärliche Überreste des Handbetriebs bis an sein Lebensende noch in Gang sehen, wollte die freundlichen Geräusche der Arbeit, die er liebte, in seiner Nähe nicht missen, das dem Webstuhl eigene trauliche Geklapper, das gemütliche Schnurren der Schweifrahmen, das behäbige Kollern der hölzernen Handspulmaschinen. Und es war auch nicht einmal ganz unnütz, daß er seinen Kopf durchgesetzt, man brauchte sich wenigstens nicht mit jeder Ware auf Klopsdorf zu verlassen. Es gab Artikel, die zu stolz waren, sich eine einförmige, gedankenlose Erzeugung gefallen zu lassen, und nach einer besonderen und eigenartigen Herstellung verlangten. Für solche Fälle bewährte sich die Möglichkeit einer persönlichen Überwachung aus unmittelbarer Nähe.

So blieb denn in jenem einen und einzigen Saale das Gewerbe in der alten Gestalt noch bestehen, wie es in den Kinder- und Knabenjahren des nun schon mehr als Siebzigjährigen auch alle übrigen Werksäle und überhaupt das ganze Haus in der Schutzengelgasse von oben bis unten mit dem mehr gemächlichen als stürmischen, aber um so stetigeren Lärm einer nutzbringenden Tätigkeit erfüllt hatte. Was aber früher oder später an Räumlichkeiten frei wurde, das beließ man zum Teil leer und ungenützt, zum weitaus größeren Teil aber gab man ihm eine andere Verwendung. Schon seit Jahren vollzog sich fortschreitend diese Wandlung. Die Schreibstuben, Warenlager und Vorratsräume waren erweitert sowie die Wohngelegenheiten der Familienmitglieder den wachsenden Anforderungen entsprechend ausgestaltet worden. Auch die Bedürfnisse einiger Angestellten und sonstiger Anhängsel, die gewissermaßen zum Hause gehörten, fanden Berücksichtigung.

Unter diesen stand, wenigstens im Werksaal, obenan die Zwirner-Wettl, nicht sowohl ihrem sozialen Range nach, als vielmehr wegen des Ansehens, das die Erfahrenheit innerhalb ihres Wirkungskreises und die Dauer und Innigkeit ihres Vertrautseins mit dem Haus »Zum Seidenbaum« und mit der Familie Hocheder ihr naturgemäß verliehen.

Schon als ganz junges, etwas schief gewachsenes Mädel kam sie ins Geschäft, anfänglich als Hilfsarbeiterin für verschiedene vorbereitende Verrichtungen, die zur Weberei gehören, vielleicht gar als »Bummerl«, wie von den übrigen Arbeitern wenigstens die meisten es sich zurecht legten. Denn diese halsten ihr anfänglich jede Tätigkeit auf, die ihnen selbst zuwider war, und die Zwirner-Wettl ließ es sich mit guter Laune auch gefallen. Aber gerade dadurch, daß sie keine Arbeit scheute, alles, was ihr aufgetragen wurde, beherzt anpackte und überall zugriff, wo es nottat, gewann sie nach und nach Einblick in alle Zweige des Handwerks, verstand sich wie keiner auf die innern Eingeweide der unterschiedlichen Hilfsmaschinen und wußte überall Bescheid. Und da sie überdies auch noch Mutterwitz besaß und über ein gutes Mundwerk verfügte, so wurde aus dem »Bummerl« mit der Zeit eine »rechte Hand«, eine Herrscherin oder doch Statthalterin im Reiche des Werksaales, sachgemäßer ausgedrückt: etwas wie eine Werkführerin, deren natürliches Übergewicht jeder anerkannte. Eine »Erwachsene« aber war eigentlich nie aus ihr geworden, auch mit dem zunehmenden Alter nicht, weil sie nämlich »ausgewachsen« war, das heißt, ihr Lebtag eine kleine, verkrüppelte Person blieb.

Mancher Auswärtige, der mit der Seidenweberei nicht näher vertraut war, nahm an, die Zwirner-Wettl heiße deshalb so, weil sie es mit dem Zwirnen der Seidenfäden zu tun habe. Das war aber eine irrige Auffassung, in der Schutzengelgasse gab es nichts zu zwirnen, es wurde zwar auch gezwirnte Seide verwebt, hergestellt aber wurde solche dort keineswegs. Die Zwirner-Wettl hieß Zwirner-Wettl, weil ihr Vater – nein, ihre Mutter, denn der Vatersname kam aus gewissen Gründen leider nicht in Betracht – Zwirner hieß, oder vielmehr geheißen hatte, denn sie war eine Waise. Ihr eigenstes Fach und ihre wichtigste, weil für das Ganze gewissermaßen grundlegende Tätigkeit, war kein Zwirnen, sondern das sogenannte Kavilieren der Seidensträhne. Das besorgte sie ganz ausschließlich allein, und zwar nicht bloß für die Schutzengelgasse, sondern sogar für Klopsdorf. Diese nützlich vorbereitende Arbeit, die gleichsam die Brücke schlägt vom Seidenhändler zum Haspel und von da weiter zur Spulmaschine, zum Schweifrahmen und schließlich zum Webstuhl, betrachtete sie als das ihr und nur ihr recht- und pflichtmäßig zugehörende Hof- und Kammergut, das niemand sonst betreten durfte. Aus der für gewöhnlich so umgänglichen kleinen verwachsenen Person wäre im Handumdrehen eine gereizte Löwin geworden, hätte ein anderer es gewagt, ihr ins Handwerk zu pfuschen. Das duldete sie ganz einfach nicht.

Und so fand sie denn auch dieser schöne Frühlingsmorgen bei der gewohnten Arbeit. Es war ein Tag, so rein und sonnenklar, daß Frau Justine Hocheder, die Gattin des Laurenz, ihr Versprechen einlösen und ihr Sorgenkind, die gebrechliche Frau Staudenmayer, abermals in dem kleinen Garten hinter dem Hause an die Sonne fahren konnte. Unsere Zwirner-Wettl aber wußte nichts von Garten und Sonne, nichts von Frühlingsgrün und linden Lüften. In jenem einzig noch vorhandenen, derzeit leider recht verödeten Werksaal, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht, saß sie wie immer hinter ihrem Kavilierstock. Doch war sie heute nicht heiter und aufgeräumt wie sonst, wenn ein flotter Geschäftsgang das Ansehen und den Wohlstand des Hauses Hocheder zu mehren versprach, sondern wegen der allgemeinen Unsicherheit und Versumpfung, die jedes geschäftliche Gedeihen zu ersticken drohten, sorgenbedrückt und zornmütig. Und das äußerte sich darin, daß sie ziemlich schroff und unwirsch, wenn auch freilich sachgemäß, mit den blaßgelben Seidensträhnen umsprang, die gehorsam und in ihr Schicksal ergeben an hölzernen Zapfen ihr vor der Nase baumelten.

Außerdem befand sich nur noch ein einziger Mensch in dem Gelaß, sonst war es wie ausgestorben und sah mit einer wahren Leichenbittermiene durch seine nichts weniger als blanken Fenster zum blauen Himmel hinauf, der hoch über den Mauern des Hofes sichtbar wurde. Trübselig ließen die Webstühle ihre schlaffgewordenen Korden und Platinen hängen, sie hatten ihren farbigen Schmuck, die lieblich schimmernden Seidenketten, ablegen müssen, man konnte ihnen in Magen und Eingeweide hineinsehen, die sicherlich geknurrt haben würden, hätte es etwas genützt. Nicht besser stand es um die bauchigen Lattengerüste der Schweifrahmen, um die sich keine festlich schillernden Gewinde aus Seide mehr schlangen, auch ihre Bäuche konnte man durch und durchschauen, jede Rippe an ihnen zählen. Und denselben trostlosen Anblick boten die anderen Webereigeräte dar, die alle eine lange, mit Ehren zurückgelegte Dienstzeit hinter sich hatten und jetzt darbten und sich im Stiche gelassen sahen, wie die treuen Diener des alten zugrundegegangenen Staates. Die Industrie lag darnieder, das Geld machte von Tag zu Tag unerhörtere Entwertungen durch, Rohmaterial an Seide und Garn ließ sich nur mit der größten Mühe beschaffen, und der Verkehr mit Klopsdorf, das jetzt auf einmal Klokočov Morava hieß und in der Tschechei, einem fremden, mehr oder weniger feindlich gesinnten Staate lag, war durch Zollplackereien und Grenzbosheiten beinahe unterbunden.

Die Firma Michael Hocheder und Sohn kämpfte mit Schwierigkeiten. Sie hatte ihren Betrieb zwar nicht eingestellt, aber doch so tief herunterschrauben müssen, daß er gerade nur mehr einem dürftigen, kaum noch Licht spendenden Flämmchen glich, das jede Zugluft auslöschen konnte.

Wenn aber die Zwirner-Wettl ihren Unmut hierüber den Seidensträhnen entgelten ließ, die sie heute so rösch behandelte, als hätte sie grobe Schiffstaue vor sich, so behütete dagegen den Weber Schinnerl, der nebst ihr noch in dem Raume weilte, seine Philosophie vor ähnlichen Ungerechtigkeiten. Er stand über den Dingen und wußte sich seinen Gleichmut zu bewahren. Er webte heute nicht, er feierte. Nicht etwa grundsätzlich, aber tatsächlich. Und überhaupt war er nur scheinbar anwesend, in Wahrheit ging er im fernen China spazieren, zwischen herrlich blühenden Kamelien und Magnoliazeen. Denn während er die Rechte, wie es sich für einen Weber gehört, auf der Weberlade ruhen ließ, hielt er in der Linken ein aufgeschlagenes Buch, in welchem er mit Eifer las. Natürlich war es eine Reisebeschreibung, Reisebeschreibungen waren sein Leibgericht. Er kaufte jährlich deren zwei bei einem kleinen Buchtrödler in der Mariahilferstraße und beschenkte sich selbst damit, einmal zum Namenstag, der in den Sommer fiel, und einmal zum Christkindel, das bekanntlich im Winter erscheint. So hielt er für jedes Halbjahr eine Überraschung bereit, und wenn er die neue Reisebeschreibung ausgelesen hatte, nahm er bis zum nächsten Semester die alten wieder vor. Denn Weber war er nur mit seinem irdischen Teil, mit seiner etwas mageren aber sehnsüchtigen Seele dagegen war er Weltreisender von Beruf.

Grausam, wie sie sein konnte, riß ihn jetzt die Zwirner-Wettl von den Ufern des Yang-tse-kiang in die Schutzengelgasse zurück.

»Mir scheint, Sie wollen auch zu den unnützen Brotessern gehören, Schinnerl, wie sie jetzt um den Dutzendpreis billig zu haben sind! Warum arbeiten Sie denn nichts?«

»Was Sie nicht sagen! Arbeiten tät' ich nichts? Schau, schau! Woher wissen Sie denn das? Müssen es denn partout immer die Händ' sein, mit denen man arbeiten tut? Kann es nicht auch einmal der Kopf sein?«

»Hören Sie mir auf!« sagte sie schnöde. »Was wollen denn Sie mit dem Kopf arbeiten?«

»Eine Entdeckung hab' ich gemacht, die mehr wert ist als die paar Zentimeter Zeug, die ich in derselben Zeit hätte weben können.«

»Und was wär' denn das für eine Entdeckung, wenn man fragen darf?«

»Daß unser Haus nicht, wie ich mir bis jetzt immer eingebildet hab', nach dem Baum am Webstuhl zum Seidenbaum heißt, auf dem man die seidenen Ketten aufbäumen tut, verstehen sie, sondern –«

»Sondern –?« fragte mitleidig die Zwirner-Wettl.

»Sondern nach einem wirklichen Baum, der grüne Blätter hat wie jeder andere gewachsene Baum. Nach dem großen alten Baum nämlich, der in unserm Garten steht. Denn ich bin darauf gekommen, daß das ein Maulbeerbaum ist, wie sie in China wachsen, die Beschreibung stimmt genau, in meinem Buch ist sogar ein Blatt abgezeichnet.«

»Na, und –?« machte die Zwirner-Wettl, ohne ihre Geringschätzung zu verbergen.

»Was verlangen sie denn noch mehr?« begehrte der Schinnerl auf. »Ist das vielleicht nicht genug? Wollen sie mir's abstreiten, daß das eine wichtige Entdeckung ist? Oder wissen sie nicht einmal so viel von der Naturg'schicht', daß die Seidenwürmer Maulbeerblätter fressen? Warten sie nur bis ich meine Entdeckung dem Pik (er meinte Herrn Michael Hocheder) verraten tu', der macht einen Purzelbaum vor Freud', so alt daß er ist, Sie werden's schon sehen! Denn wenn wir Futter für die Seidenwürmer haben, so können wir uns auch Seidenwürmer einschaffen, dann brauchen wir keine Seide mehr aus China zu beziehen, und dann...«

»Sie werden sich doch nicht einbilden,« unterbrach sie ihn, »daß wir die Seide aus China beziehen? Die kommt, merken sie sich's ein für allemal, aus dem Italienischen herauf!«

»Woher sie kommt, ist mir Wurscht! Schandbar teuer ist sie jedenfalls, soviel ich weiß. Und wenn wir nur einmal unsere eigenen Seidenwürmer haben,« fuhr er eifrig fort, »so hat die Not ein End', dann brauchen wir den Seidenhändlern nicht mehr die Millionen in den Rachen zu werfen, verstanden? Dann machen wir uns die Seide, die wir zum Weben brauchen, selber!«

Die Zwirner-Wettl schlug die Hände zusammen: »Nein, Schinnerl, daß Sie ein solcher Tepp sind, hätt' ich doch nicht geglaubt!«

Durch den kraftvollen Ausdruck, mit dem sie ihn bedacht, nun doch etwas unsicher geworden, kraute er sein farbloses Haar und meinte kleinlaut: »Warum soll denn das nicht möglich sein? Warum sollen wir uns nicht unsere eigene Seidenzucht einrichten können, wenn wir im Garten einen Seidenbaum haben?... Grinsen Sie nicht so höhnisch«, platzte er aufgebracht los, »und rücken Sie lieber heraus mit der Sprach', was sich dagegen einwenden läßt!«

Als sie aber fortfuhr, ihn schweigend auszulachen, fügte er entsagungsvoll hinzu: »Na ja, das hätt' ich mir denken können! Denn das ist immer so gewesen, wenn einem was Neues einfallen tut, so muß er sich zuerst eine Weil' auslachen lassen, bevor die andern dahinterkommen, daß er doch recht gehabt hat. Den Kolumbus haben die Leut' auch einen Teppen geheißen – auf spanisch natürlich –, eh' daß er von seinem Schiff aus Land! Land! gerufen und dabei ein weiches Ei mit dem spitzigen End' auf den Tisch gestellt hat.«

Da hielt es die Zwirner-Wettl denn doch für nötig, mit seinen Hirngespinsten gründlich aufzuräumen, und zögerte nicht länger, ihm die gewünschte Auskunft zu erteilen.

»Warum mich Ihre sogenannte Entdeckung nur einen Lacher kostet, wollen Sie wissen? Weil es außer Ihnen jedem Kind im Haus ohnedies bekannt ist, daß der Baum im Garten der Seidenbaum ist, von dem unser Haus seinen Namen hat. Und warum hat ein einziger Baum dem ganzen Haus den Namen geben können? Weil er eine Rarität ist. Und warum ist er eine Rarität? Weil niemand mehr Lust hat, Maulbeerbäume bei uns zu pflanzen. Und warum hat niemand Lust dazu? Weil die Leut', die sich damit abgegeben haben, schon vor hundert Jahren dahintergekommen sind, daß die Seidenraupen bei uns nicht gut fortkommen, daß sie zu leicht krank werden oder zugrundegehen, und daß man nur sein Geld dabei verliert, wenn man in unsern Gegenden eine Seidenzucht einrichten will. So, jetzt wissen Sie's, und jetzt lassen Sie sich heimgeigen mit Ihrer Entdeckung«, schloß sie – »die paar Zentimeter Zeug, die Sie derweil hätten weben können, wären halt doch mehr wert gewesen, ziemt mich!«

Der Schinnerl seufzte, legte das Buch weg und fing, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit Weben an. Gut, daß er's tat, denn bald danach öffnete sich die Glastür, die ins anstoßende Warenlager führte, ein hochgewachsener Mann mit kräftig ausgemeißeltem, glattrasiertem Gesicht und dichtem, silberweißem Haarbusch trat in den Saal und näherte sich der Zwirner-Wettl.

»Haben Sie den Schlüssel zur Seidenkammer?«

Sie sprang dienstfertig auf und glitt, während er mit großen, langsamen Schritten folgte, flink wie ein Mäuschen ans andere Ende des Arbeitsraumes zu einer niedrigen Tür, die sie aufschloß. Er warf einen Blick in die halbdunkle Kammer, in deren Mitte eine kleine Anzahl gelblicher Seidensträhne auf einem Häufchen beisammen lagen.

»Ist das alles?« fragte er, die Stirn runzelnd.

Mit dem Ausdruck des Bedauerns hob sie die Arme: »Nur was ich noch auf dem Kavilierstock hab'.«

»Und so was kostet heute fünf Millionen!« sagte er unmutig. »Eine verrückte Zeit!«

Damit wendete er um und trat den Rückweg durch den Werksaal an. Vor einem alten Zampelstuhl, der mit leerem Ketten- und Stoffbaum wie abgetakelt dastand, machte er einen Augenblick halt. Es war der Stuhl, auf dem er vor mehr als fünfzig Jahren sein Meisterstück gewebt. Wie liebkosend legte der alte Mann seine Hand auf die Weberlade.

»Eine verrückte Zeit!« wiederholte er in sich gekehrt und leise den Kopf schüttelnd.

Mit verschlossener Miene setzte er hierauf seinen Weg fort, warf im Vorbeigehen noch dem fleißig einschließenden und mit der Weberlade auffällig klappernden Schinnerl einen flüchtig prüfenden Blick zu und verschwand wieder hinter derselben Tür, aus der er eingetreten war. Durch die Fenster dieser Tür, die mit durchscheinenden Mullvorhängen verkleidet waren, konnte man ihn noch beobachten, wie er in dem anstoßenden, nach der Gassenseite gehenden Raum, der als Warenlager diente und schlechtweg das »Magazin« genannt wurde, einen von den hohen Schränken nach dem andern öffnete und wieder schloß, als suchte er nach etwas.

Mit einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer setzte sich die Zwirner-Wettl wieder hinter ihren Kavilierstock.

»Sorgen hat er, der alte Herr! Nun sieht er nach, was noch an Ware da ist. Aber das schöne, kostbare Lager ist fast ausverkauft. Und alles um Preise, daß man heut' nicht so viel Laib Brot dafür einhandeln könnt', als es Stück Seide und Samt gewesen sind. An dem allen ist aber nur diese verflixte Enten-Ente schuld!« sagte sie, in gerechten Zorn ausbrechend. »Die hat zwar eine Menge schöne und süße Worte für unser armes Österreich übrig, in Wahrheit aber fackelt sie uns schön langsam aus, bis überhaupt nichts mehr übrigbleiben wird.«

Mit der »Enten-Ente«, wie sie sich ausdrückte, meinte sie die Entente der Siegermächte, von der sie einige Male in der Zeitung gelesen hatte. In der Politik aber glaubte der Schinnerl besser Bescheid zu wissen als die Zwirner-Wettl, darum hielt er den Augenblick für gekommen, wo er ihr seine Überlegenheit fühlen lassen konnte, wie sie es vorhin ihm getan.

»Man sagt nicht Enten-Ente,« belehrte er sie. »sondern Ant-Ante. Und das ist russisch und bedeutet auf deutsch soviel wie ein stilles Einverständnis.«

»No ja, das ist es ja, was ich sag'!« antwortete die Zwirner-Wettl, ohne die geringste Neigung, sich ihn über den Kopf wachsen zu lassen, »wenn zum Beispiel ihrer drei oder noch mehr über einen herfallen und ihn ausplündern, so ist das ein stilles Einverständnis. Und gerade das nenne ich eben die Enten-Ente, weil ich es so und nicht anders mit eigenen Augen gelesen hab', und zwar gedruckt, schwarz auf weiß in der Zeitung, die es vermutlich besser wissen wird als Sie, der sie kein Russisch verstehen.«

Damit brach sie das Gespräch ab und nahm befriedigt ihre Arbeit wieder auf. Der Schinnerl aber, überzeugt, daß er ihr gegenüber doch immer den Kürzeren ziehen würde, verzichtete auf jede weitere Entgegnung und fuhr so eifrig und leidenschaftlich zu klappern fort, daß man schier versucht gewesen wäre, zu glauben, er hätte eine ganze Fabrik im Leibe. Nur ab und zu hielt er jetzt noch einen Augenblick inne, seine Brust durch einen Seufzer zu erleichtern.

Ach, es war ein tristes Leben, das er führte! Die braune Marfa, die hübsche Nichte des Ehepaars Staudenmayer, benahm sich, als gäb' es überhaupt keinen Schinnerl auf der Welt, obgleich er sie von ganzem Herzen liebte. Zwar hatte er sich noch nicht entschließen können, es ihr zu sagen, und getraute sich auch nicht, mit einem Geständnis herauszurücken; wenn sie etwas für ihn übrig gehabt hätte, meinte er, so wäre er doch nicht Luft für sie gewesen!

Darum zog er vor. sie nur aus der Ferne zu verehren. Aber in den Freistunden, wenn er nicht webte, zehrte der Liebesgram an ihm. Ihn zu betäuben, unternahm er eben jene ausgedehnten Reisen in die weite Welt hinaus, die ihn zu dem so vielseitig unterrichteten Manne gemacht hatten, für den er sich mit Recht halten zu dürfen glaubte.

 

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