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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 3
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Den darauffolgenden Tag, es war der Palmsonntag, saßen in demselben kleinen Garten drei ehemalige Gymnasialkollegen, jüngere Männer etwa um die dreißig, im sogenannten »Salettl« beisammen.

Ein gebrechlicher kleiner Tisch stand zwischen ihnen, der sich einbildete, es sei ihm nun einmal vom Schicksal bestimmt, daß er wackeln müsse. Aber Rumpsack, der Veranstalter dieser Zusammenkunft, belehrte ihn eines besseren, indem er ziemlich viel Literatur opferte und die ganze umfangreiche Sonntagsnummer samt Beilagen einer der gelesensten Tageszeitungen unter das zu kurze Bein schob. Das stärkte dem Tischchen das Rückgrat, eine Mauer war jetzt ein schwankes Rohr dagegen, so wenig rührte es sich, und wenn ein Erdbeben gekommen wäre, die Gegenstände, die darauf standen, ein Schnellsieder, eine Teekanne und drei Tassen, hätten dennoch keinen Schaden genommen, es drohte ihnen nicht die geringste Gefahr mehr.

Noch einmal versuchte es der mißtrauische Rumpsack, an der Kante des Tischchens zu rütteln. Der Versuch verlief ergebnislos. Da fühlte er sich als Sieger.

Er war ein schnurriger Patron, der zur Beleibtheit neigte. Mediziner von Beruf, war er seinen letzten Rigorosen seit bald zehn Jahren mit Erfolg aus dem Weg gegangen, er hielt es für überflüssig, die Prüfungen nachzutragen, die Schutzengelgasse hatte ihn ohnedies ehrenhalber zum Doktor promoviert. Denn die Schutzengelgasse ist gerecht und klebt nicht an kleinlichem Formenkram. Die Visitenkarte, die mittels zweier Reißnägel an die Tür des Zimmers geheftet war, welches Rumpsack als Aftermieter der Frau Staudenmayer bewohnte, bezeichnete ihn als »stud. med.«. Die Karte sah zwar schon etwas vergilbt aus, doch gab es immer noch Leute, welche sich einer Zeit zu erinnern behaupteten, wo Rumpsack wirklich studiert, ja sogar Kollegien auf der Universität besucht hätte. Die Schutzengelgasse nahm an, daß ihm davon immerhin einiges hängengeblieben sein müsse, darum galt ihr Rumpsack für eine medizinische Kapazität. Und daß er während des Krieges zur Dienstleistung in ein Reservespital einberufen worden war, weil man offenbar ohne ihn sein Auslangen nicht hatte finden können, das wird sicherlich jeden Einsichtigen davon überzeugen, daß die Schutzengelgasse recht hatte.

Nachdem er das hinkende Tischchen durch die Prothese aus Feuilletons und Leitartikeln auf die Beine gebracht, zog der Doktor honoris causa Gottlieb Rumpsack eine Zündholzschachtel hervor, entzündete die Spiritusflamme und begann: »Liebe Freunde! ...«

»Hört, hört!« unterbrach ihn einer von den beiden andern Anwesenden.

»Silentium!« gebot der dritte, dessen Anzug offensichtlich aus einer stark gebrauchten Feldmontur zurechtgeschneidert war.

»Liebe Freunde! ...« fing Rumpsack von neuem an.

»Nicht so feierlich, wenn ich bitten darf!« warf abermals der »Hört, hört«-Rufer dazwischen, der mit einer gewissen gesuchten Eleganz gekleidet war. »Oder –« fügte er hinzu, »soll am Ende ein Bierschwefel daraus werden?«

»Bierschwefel ist gut«, bemerkte trocken der Feldgraue. »Dabei steht da ein Schnellsieder, in dem noch nicht einmal das Wasser kocht!«

»Kruzitürken noch einmal, so laßt mich endlich zu Wort kommen!« schrie Rumpsack, mit der Faust auf das Tischchen schlagend. Das Tischchen hielt stand, nur die Tassen klirrten. Da freute sich der schnell wieder versöhnte Ehrendoktor der Schutzengelgasse und vergaß darüber, daß er eigentlich eine Rede hatte schwingen wollen.

»Es ist mir schließlich doch gelungen, es zu bändigen«, sagte er voll Stolz und mit innerlichster Befriedigung.

Jetzt mahnten aber die beiden Freunde wie aus einem Munde: »Zur Sache! Zur Sache!«

Und Hollerer, der elegant Gekleidete, setzte hinzu: »Nur immer heraus mit die tiefen Tön'! Aber merk's, wir sind nur unser zwei, und ein Redner redet leichter für viele als für wenige!«

»Lieber Eybel,« sagte Rumpsack, sich an den Feldgrauen wendend, »deine Wickelgamaschen sprechen Bände. Ein Blick auf sie, und ich brauche nach keiner Erklärung dafür zu suchen, warum wir drei einander so lange nicht wiedergesehen haben. Ein Blick auf sie, und die traurige Ursache steht mir eindringlich vor Augen, warum der vierte vom edlen Bund der Heymonskinder unter uns fehlt und leider für immer fehlen wird. Unsere Verabredung, alljährlich am Palmsonntag zusammenzukommen, ist getreulich eingehalten worden, solange wir Herren unserer Entschlüsse waren. Der Krieg hat den schönen Brauch für eine Reihe von Jahren unterbrochen; ihn gänzlich auszurotten, soll ihm nicht gelungen sein, so wahr ich kein ganz grünes Semester mehr bin! Und so wird denn diese ehrwürdige Gepflogenheit, die als ein ehernes Denkmal treuer Jugendfreundschaft noch bis in unser Alter hineinzuragen berufen ist, mit dem heutigen Tage feierlichst wieder aufgenommen.«

»Ohne Feierlichkeit tut er's halt nicht! Auch einer von den Zeitgenossen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben«, spöttelte August Hollerer, der elegant Gekleidete, Zigaretten anbietend. Von Anfang an hatte er sich's angelegen sein lassen, aus seiner kostbaren Tabatière fleißig Rauchzeug herumzureichen und noch fleißiger sich selbst damit zu versorgen. »Übrigens, wenn du schon so ein gutes Gedächtnis hast,« sagte er jetzt mit kritisch hochgezogenen Brauen, »so möchte ich dich aufmerksam machen, daß der Treffpunkt unserer Zusammenkünfte eigentlich die Wirtschaft auf dem Kahlenberg sein sollte.«

»Dann hätte ich mich heute absentieren müssen«, bemerkte Eybel mit verschlossener Miene.

»Warum? Der Bund der vier Heymonskinder wurde anläßlich eines Palmsonntag-Ausfluges, als wir alle noch junge Grashüpfer waren und knapp vor der Matura standen, in der Wirtschaft auf dem Kahlenberg begründet. Und die Abrede ging dahin, daß wir jeden Palmsonntag um dieselbe Stunde und an demselben Ort...«

»Ist uns natürlich ebensogut bekannt wie dir!« fiel ihm der Feldgraue ins Wort. »Aber wer konnte damals ahnen, wie es kommen würde? Auf den Kahlenberg ist es ein weiter weg und die Tram heute unerschwinglich... Für mich wenigstens«, schloß er mit einem mißtrauischen Blick auf den sein herausstaffierten Genossen.

»Für mich nicht minder«, stimmte Rumpsack ihm zu. »Eh' ich nicht einen Haupttreffer mache, benütz' ich keine Tram mehr. Kann's übrigens verschmerzen, ich fahre halt per pedes. Dagegen geht's mir bemoostem Haupt bitter nahe, daß das Bier nachgerade ein Luxusgetränk für Kriegsgewinner geworden ist. Was für eine wunderbare Aussicht über Stadt und Land genießt man von der Wirtschaft auf dem Kahlenberg! Aber wer berappt uns einen solchen Ausflug? Die Entente, die uns statt mit einem richtiggehenden Frieden mit Schuldknechtschaft und Ausverkauf beglückt hat, ist verantwortlich dafür, daß die übriggebliebenen drei Heymonskinder gegen die getroffene Abrede verstoßen und den Schauplatz ihrer ersten Nachkriegstagung in dieses bescheidene Salettl verlegen mußten, wo der Blick rings durch Mauern und Hinterhäuser beengt wird. Und sie wird es auch vor dem sogenannten Richterstuhl der Weltgeschichte, den freilich nach niemand gesehen hat, zu verantworten haben, wenn wir uns durch die Not der Zeit gezwungen sehen, den Trauersalamander auf unsern leider aus dem Krieg nicht mehr heimgekehrten vierten Bundesbruder statt mit edlem Gerstensaft mit einem Gesöff zu reiben, das es verdienen würde, bei den diplomatischen Banketten in Paris an stelle des Champagners kredenzt zu werden.«

Das Wasser über der hellblauen Flamme hatte inzwischen zu brodeln begonnen, und Rumpsack, der die Freunde jetzt auf das Schlimmste vorbereitet mußte, schickte sich an, den Tee aufzugießen, welcher in Wahrheit gar kein Tee, sondern bloß Tee-Ersatz war, aus getrockneten Brombeerblättern bestehend. Nachdem er in jede Tasse noch ein Scheibchen Saccharin hatte fallen lassen, schenkte er ein. Hierauf kommandierte er mit feierlicher Miene und unter strengster Einhaltung des studentischen Komments einen solennen Trauersalamander für den schmerzlich vermißten Kameraden. Und die andern beiden taten ernst und schweigsam mit, teils Rumpsack zu Gefallen, teils dem Andenken des verschollenen Bundesbruders zu Ehren, und rieben und schwenkten ihre mit dem zweifelhaften Getränk gefüllten Teetassen nicht minder kommentmäßig, als hätten sie jeder einen schäumenden Krug Bier vor sich.

Der vierte im Bunde der Heymonskinder, dessen hier auf studentische Weise so liebreich gedacht wurde, war Severin Hocheder gewesen, der jüngere Sohn des Hauses »Zum Seidenbaum«. Es schien keinem Zweifel zu unterliegen und wurde allgemein angenommen, daß er im Kriege geblieben sei. Niemand dachte anders, niemand hoffte noch auf seine Rückkehr. Und niemand ahnte auch nur, daß gerade am Vortage dieses Palmsonntags ganz unerwartet ein Lebenszeichen von ihm in Gestalt eines Briefes an seinen älteren Bruder Laurenz Hocheder eingetroffen war. Denn diesen bestimmten triftige Gründe, es bis auf weiteres noch geheimzuhalten. Nur Justine, die Gattin des Laurenz, und durch sie ihre verschwiegene Freundin Frau Anna Staudenmayer wußten darum. Sonst war die überraschende Nachricht noch keiner Seele bekannt geworden und bis dahin jedermann verbargen geblieben.

Auch die drei Freunde im »Salettl«, einem kleinen Rundbau aus der Biedermeierzeit, der sich dem Garteneingang schräg gegenüber in die Mauerecke duckte, ließen sich nichts davon träumen und glaubten das Gedächtnis eines Toten zu ehren. Vorschriftsmäßig erfüllten sie alle Gebräuche, nur auf dem üblichen Extrinken bestand Rumpsack nicht, er hatte Erbarmen mit sich selbst und den Freunden und sah von der Nagelprobe ab. So nippten sie bloß mit wehmütigen Gefühlen an ihrem Aufguß aus Brombeerblättern, der schon allein genügend zur Trübsal stimmte. Das hergebrachte Rasseln dagegen mit den Trinkgeschirren ließen sie sich nicht nehmen und übertrieben es sogar ein wenig, weil jeder hoffte, von der nach darin befindlichen Flüssigkeit bei dieser Gelegenheit einiges zu verschütten. Und schließlich setzten sie auch noch, wie es sonst mit den Biergläsern geschieht, ihre Tassen mit so einmütigem Knall auf das unentwegt standhafte Tischchen nieder, daß die des Hollerer siegreich in Scherben ging, wodurch er der Verpflichtung, noch weiter Tee zu trinken, vielleicht nicht ohne eigenes listiges Zutun enthoben war.

In jener Ergriffenheit, die einem Trauersalamander für einen geliebten Heimgegangenen zu folgen pflegt, hingen sie hierauf eine Zeitlang jeder seinen Gedanken nach, um allmählich wieder zu Gesprächen überzugehen, die sich naturgemäß vorwiegend auf den, wie sie meinten, Gefallenen oder in irgendeinem russischen Gefangenenlager verkommenen Severin Hocheder bezogen. Ernste und heitere Erinnerungen an den Genossen ihrer Jugend waren es, die sie miteinander austauschten.

Unter anderem äußerte Eybel, der Feldgraue, gleichsam als abschließendes Ergebnis seiner Nachdenklichkeit: »Der Severin war ein lieber, guter Mensch, nur zu schwach für dieses Leben... Die Musik ist eine gefährliche Kunst. Wer so in ihr aufgeht, wie unser verewigter Kamerad es tat, verfällt leicht der Hemmungslosigkeit. Darum hat sich in seinem Leben auch ein unliebsames Ärgernis ans andere gereiht. Die Sache mit der Justine, der Krach in der Schule, der Bruch mit dem Vater, der es ihm doch nur gut gemeint hat. Ich habe ihn gern gehabt, den Severin, aber ich muß mir sagen, vielleicht ist es zu seinem Besten gewesen, daß er nicht mehr zurückgekommen ist. Es hätte vermutlich doch nichts anderes mehr aus ihm werden können, als was man einen Bratlgeiger nennt.«

Für den Ehrendoktor der Schutzengelgasse, dem alle normalen Verläufe, alles Geordnete und Geregelte ein Gräuel war, klangen solche Worte wie eine Herausforderung.

»Da redet wieder einmal das mütterliche Blut aus dir,« platzte er aufgebracht los, »die Versippung mit dieser Spießergesellschaft! Denn wenn du auch der Sohn eines Generals bist, im Grunde steckt doch ein ganz bourgeoiser Kerl in dir und dazu ein Philister, wie er im Buche steht! Redest ja rein wie der alte Hocheder selbst! Hätte der nicht so früh die Hand vom Severin gezogen, ich wette, es wäre ein erster Künstler aus ihm geworden. Aber bring so einem höheren Webermeister Vernunft bei! Der bildet sich ja ein, er sei ein kleiner Herrgott vom Grund, weil er ein paar Dutzend Seiden- und Samtstühle laufen hat, die für seinen Geldsack schuften. Daß ein Künstler ein bißchen länger zu seiner Entwicklung und zum Geldverdienen braucht als ein Fabrikant, der bequem in die Schuhe hineinschlüpft, die sein Vater für ihn schon ausgetreten hat, dafür geht diesem Konglomerat aus moralischen Vorurteilen und kapitalistischer Engherzigkeit jedes Verständnis ab. Und du schlägst dich auch noch auf seine Seite und ergreifst für ihn Partei gegen unsern armen Bundesbruder, der ein Opfer dieser spießbürgerlichen Beschränktheit geworden ist? Schäm' dich! Wenn der Severin, bevor er einrücken mußte, in Gasthäusern und Heurigenschenken aufgespielt hat, so geschah's, um sich über Wasser zu halten, weil er in Not war, und daran war nicht er schuld, sondern der Alte, dem sein Dickkopf mehr wert gewesen ist als der eigene Sohn. Ein Bratlgeiger war der Severin deswegen noch lange nicht, der war schon mehr, das kannst du mir glauben, aber auch wenn er's gewesen und nichts anderes aus ihm geworden wäre – ist das was Unrechtes, den Leuten aufspielen, daß sie ihre Freud' dran haben? Was sind denn wir? Was bin denn ich? Den Buben, die in der Schul' nicht fortkommen und eine Nachhilfe brauchen, pauk' ich ums liebe Brot Latein und Griechisch und Mathematik ein, aber Freud' hab' ich damit noch keinem gemacht, wüßt' mich nicht zu erinnern. Und du selbst, Eybel? Was bist denn du? Sag' einmal ehrlich: machst du mit dem, was du treibst, irgendwem eine Freud'? Ich hab' keine Ahnung, was nach dem Krieg eigentlich aus dir geworden ist, aber wie ein Hauptmann vom Generalstab schaust du jetzt nicht mehr aus und nach ochsigen Moneten noch weniger. Und dabei wetzt du dir den Schnabel über den Severin, daß nichts Rechtes aus ihm geworden wär'? Kehr' lieber vor der eigenen Tür! Und noch einmal: Schäm' dich!«

Eybel, der zu den zurückhaltenden, stolz empfindlichen Naturen gehörte, war unter dem Eindruck dieser heißspornigen Anrede abwechselnd rot und wieder blaß geworden. Von einem andern hätte er sich so etwas nicht bieten lassen. Von dem alten Schulkollegen aber, dessen im Grunde gutgemeinte, wenn auch hitzige und oft unüberlegte Art er zur Genüge kannte, nahm er es wenigstens äußerlich beherrscht entgegen. Doch zog er sich für's erste in sich selbst zurück wie in ein Schneckenhaus, bockte eine Zeitlang und blickte starr vor sich nieder. Erst eine ganz unscheinbare Begebenheit, die wie ein Hauch an ihm vorüberschwebte, gab den Anstoß dazu, daß er aus dem Schneckenhaus wieder hervorkroch.

Vom sogenannten »Salettl«, wo die drei Heymonsbrüder tagten, konnte man nämlich einen Teil jenes hofseitigen Haustrakts überblicken, welcher sich, zwei Stock hoch, im Schatten der dahinter aufragenden Feuermauer bis knapp an den Garten hinzog. Ein Fenster in der langen Doppelreihe hatte leise geklirrt, ein Mädchenkopf beugte sich scheu verstohlen heraus, der wenigstens entfernt an jene bekannte mit ungebrochenen Farben malende Schilderung des Märchens erinnerte: weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz. Als Eybel, der in seinen uneingestandenen geheimsten Gedanken ein solches Klirren längst erhoffte, jetzt rasch aufsah, konnte er gerade nach einen neugierigen Blick aus großen dunklen Augen erhaschen, der zum »Salettl« – vielleicht wohl gar zu ihm? – herüberflog. Und wie ein flüchtiges Sonnenlicht zwischen hinziehenden Wolken über eine Landschaft gleitet und, kaum erblickt, auch schon wieder fort ist, so glaubte er den Schimmer eines holdseligen Lächelns über jener Stelle entschwinden gesehen zu haben, wo nun wieder nichts als Hauswand und Fenster war.

Irgendwie stärkte diese liebliche Erscheinung Eybels Widerstandskraft gegen des bemoosten Freundes derben Vorstoß, und er sagte: »Ich kann es nur begrüßen, lieber Rumpsack, daß du dich so warm um den Severin annimmst, denn sei versichert, was ich über ihn sagte, war von teilnehmender Gesinnung eingegeben, nicht von Lieblosigkeit. Es liegt mir ferne, mich zu überheben, auch in meinem Leben hat ein unliebsames Ärgernis eine verhängnisvolle Rolle gespielt, denn ich meinte für immer der Ehre verlustig zu sein, als zuchtlose Soldaten mir die Distinktion vom Kragen rissen. Es dauerte damals eine gute Weile, bevor ich mich wieder zurecht fand, ich getraute mich in keinen Spiegel zu sehen, weil ich meinte, mich anspucken zu müssen. Mit der Zeit aber sagte ich mir: Gerechtigkeit nicht nur für andere, auch für uns selbst, das ist Pflicht! Nicht eigene Unstetigkeit oder Mangel an Selbstzucht war schuld daran, daß ich, plötzlich aus der Bahn geworfen, ohne Pfennig vor dem Nichts stand. Der Zusammenbruch eines ganzen Weltteils war's gewesen, der meine berechtigten Aussichten, all meine Zukunftshoffnungen, zermalmte. Aber gerade weil's über mich hereinbrach wie ein Elementarereignis, an dem ich mich schuldlos wußte, so konnt' es mein eigenstes und innerstes Wesen nicht brechen, das Vertrauen in mich selbst nicht zerstören. Und so entschloß ich mich, von vorne zu beginnen. Hauptmann im Generalstab bin ich jetzt freilich nicht mehr, das hast du richtig erraten, es ist bisher nichts aus mir geworden, als ein bescheidener Anfänger, ein Student der technischen Wissenschaften, der wie ein Junge wieder auf der Schulbank sitzt. Daß ich damit vorderhand keinem Menschen eine Freude mache, wie der Severin mit seinem Geigenspiel es tat, das gebe ich ohne weiteres zu. Aber ein nützliches Glied der Gemeinschaft und ein brauchbarer Bürger des neuen Vaterlandes hoffe ich mit der Zeit dennoch zu werden. Und das genügt mir, mehr erstreb' ich nicht.«

Daß in diesem Augenblick abermals jener Mädchenkopf von vorhin sich an einem der hofseitigen Fenster zeigte, das mochte fast für ein Zeichen des Himmels gelten, der die aufrechte Rede Eybels segnete. Wenigstens empfand dieser selbst es so, er meinte darin gleichsam einen Gruß höherer Mächte zu erblicken, die seiner Gesinnung, seinem tätigen Willen ihre Billigung auszusprechen schienen. Und wenn das holde Bild auch ebenso schnell wieder verschwunden war wie das erstemal, so ließ es doch noch einen viel helleren Schein zurück als vorhin, einen verheißungsvollen Schimmer, der weit in die Zukunft hineinleuchtete und bis ins »Salettl« herüberstrahlte, Eybels Herz wie ein wärmender und stärkender Sonnenblick wohltätig berührend.

Aber das Unglück wollte es, daß diesmal auch dem Rumpsack die Erscheinung nicht entgangen war. Mit Behagen vergnügte er sich an gutmütigen Neckereien.

»Schau, schau! Wer war denn das? Zollte die Mariann Hocheder an einen von uns ihr Herz verloren haben, daß sie so emsig nach dem Salettl herüberlugt? Ich bin's nicht, nach dem sie Ausschau hält, das weiß ich. Und der Hollerer wird's auch nicht sein, der hat sich, nach seiner schönen Tabatière zu schließen, schon mit einer von den wohltätigen Amerikanerinnen verheiratet, die für die hungernden Kinder Kakao kochen, damit ihre Landsleut' ein Schamtüchlein vorzuhängen haben wegen der so unmenschlich verlängerten Blockade. Bleibt also nichts übrig, als auf den Eybel zu raten. Erhebe dich, von Frauengunst Beglückter! Zeig dich in deiner ganzen Länge! Oder beug dich wenigstens ein bißchen ins Freie vor, um nach den Gänseblümchen zu sehen, daß man deine gut gewachsene Gestalt vom Hoffenster aus etwas besser überblicken kann!«

Und harmlos belustigt rezitierte er:

»Ist das nicht ein Gartenhaus?
Ja, das ist ein Gartenhaus.
Schaut da nicht ein Kopf heraus?
Ja, da schaut ein Kopf heraus.
Gartenhaus, Kopf heraus, o du schönes Gartenhaus!«

Das eisige Lächeln, mit dem der aufs Korn Genommene antwortete, lehnte es unzweideutig ab, auf Rumpsacks Ton einzugehen, oder dessen Anspielungen, die offenbar Vertrauen erpressen wollten, zu beantworten. Er war zu stolz, es abzuleugnen, daß er den Gedanken an Marianne, die Schwester des Laurenz und Severin Hocheder, wie einen heiligen Hort still in der Brust trug. Und er war zu feinfühlig, ein Geheimnis preiszugeben, das, wie er im stillen hoffte, nicht ihm allein gehörte. Darum schwieg er.

Bis weit vor Kriegsbeginn ging das erste Aufkeimen einer zarten Neigung zu dem damals eben erst erblühenden Mädchen zurück. In jener noch so ahnungslosen Zeit schien die glänzende militärische Laufbahn, die ihm winkte, ihn zu der Hoffnung zu berechtigen, daß er eines Tages ihr Schicksal mit dem seinigen würde verknüpfen dürfen. Jetzt stand es anders. Er war ein Entwurzelter, sein künftiges Berufsleben, seine Erwerbsmöglichkeiten noch ein unbeschriebenes Blatt. Jetzt dünkte es ihn gewissenlos, die Seele eines jungen Weibes mit Ungewißheit und Zukunftssorgen zu beschweren. Die Hoffnung auf eine Verbindung schien beinahe aussichtslos, daran konnte auch der Umstand nichts ändern, daß Justine, mit der er mütterlicherseits durch einen gemeinsamen Urahn aus der altbodenständigen Fabrikantenfamilie Leodolter entfernt verwandt war, inzwischen den Laurenz Hocheder geheiratet hatte. Und wenn er dennoch im stillen fortfuhr, Mariannen aus gebührender Entfernung zu lieben, sie sogar um so inniger liebte, je weniger eine Erfüllung winkte – wen ging's was an? Es gab niemand, dem er das Recht eingeräumt hätte, ihm ins Herz zu blicken oder es gar aufzuschließen.

Für die Lage, in der er sich augenblicklich befand, zeigte nun August Hollerer mehr Verständnis als der allzu geradlinige und etwas plumpe Rumpsack. Dem bedrängten Freund aus der Verlegenheit zu helfen, bewährte er Lebensart genug, das Gespräch abzulenken und die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen.

»Ihr habt es nötig, einander auch noch zu frozzeln!« sagte er im Tone mitleidiger Geringschätzung. »Geht ihr doch beide durchs Leben wie der dumme Hans, der sich um seinen Goldklumpen einen Feldstein eingetauscht hatte, bis ihm schließlich auch dieser in den Brunnen fiel! Der Goldklumpen in meinem Gleichnis ist das auf der Hochschule erworbene Wissen, die darauf beruhende geistige Leistung; der Feldstein der Lohn, der dafür bezahlt wird, und der fällt auch noch in den Brunnen, wenn einer gerade stellenlos ist oder es einmal wird, oder wenn er im Alter eine Pension bezieht, von der er kaum sein Leben fristen kann, wie es jetzt das Los von vielen Tausenden geistiger Arbeiter ist. Seid ihr denn noch immer die alten Ideologen aus der Vorkriegszeit, denen nüchternes Denken so fremd ist, daß sie das Greifbare hingeben, um Seifenblasen dafür einzutauschen? Wie willst du mit Stundengeben auf einen grünen Zweig kommen, Rumpsack? Und du, Eybel, siehst du wirklich ein Ziel darin, in irgendeiner Kanzlei, nachdem du dich durch ein halbes Jahrzehnt bis zur Ingenieurprüfung durchgehungert haben wirst, tagaus tagein über dem Reißbrett zu schwitzen, damit irgendein Unternehmer, der klüger war als du, ein reicher Mann wird? Seht doch mich an! Bin ich nicht früher einmal auch so ein Esel gewesen, wie ihr es seid? Was hab' ich mich unter Entbehrungen geplagt, jahrelang: Lehramtsprüfung, Doktorat, Probejahr und so weiter bis zum karg entlohnten Supplenten! Jetzt, aus dem Feld heimgekehrt, könnt' ich – welch ein erklommener Gipfel! – Mittelschullehrer sein, immer wieder mensa, mensae deklinieren, mich jahraus, jahrein mit den Buben herumbalgen, und was wär' der Erfolg? Daß ich jeden Heller, bevor ich ihn ausgebe, dreimal umdrehen und dabei vielleicht vor Neid platzen müßt', wenn ich mit langen Zähnen zuschauen muß, wie der nächstbeste hergelaufene Schieber, der es schlauer anzupacken wußte, sich um zwölfhundert Kronen ein Salzstangel kauft. Nein, das muß ich sagen, dafür bedank ich mich. Zum Glück hat der Schützengraben auch mich selbst, nicht bloß die Welt, in der ich lebe, umgestülpt. Heute weiß ich es endlich, daß die akademische Bildung ein Plunder ist, den man am besten an den Nagel hängt. Und das hab' ich denn auch getan und meinen alten Menschen dazu. Anpassungsfähigkeit ist alles, meine lieben Freunde! Öffnet nur die Augen, so werdet ihr's begreifen. Mehr als je kommt's heute aufs Geldverdienen an und auf sonst nichts, alles andere ist Mumpitz! Und das Geld liegt ja auf der Straße, man braucht es nur aufzuheben. Glaubt mir's und macht es wie ich, so werdet ihr florieren, wie ich floriere. Dann wollen wir nächsten Palmsonntag im Auto auf den Kahlenberg fahren und wieder Bier trinken, falls wir nicht etwa Champagner vorziehen.«

Die beiden Zuhörer hatten verwundert, wenn auch vielleicht nicht unbedingt bewundernd Mund und Ohren aufgesperrt. Die angewandte Lebensweisheit, die in solcher Fülle von ihres August Hollerer Lippen troff, machte sie staunen und fürs erste sprachlos.

»Und wie hast du's denn eigentlich gemacht?« fragte Rumpsack endlich.

»Jedenfalls keine Amerikanerin geheiratet«, lautete die Antwort. »vielmehr sind, wie ihr seht, alle meine zehn Finger« – er spreizte sie von sich – »noch unberingt, auch soll mir, so Gott will, der schicksalsschwere glatte Goldreif so bald an keinen kommen! Denn frei sein«, sagte er mit der Zunge schnalzend, »ist heute viel wert, wo jedes hübsche Mädel, sogar aus besten Bürgerkreisen, um Geld zu haben ist.«

»Das ist nicht wahr!« brauste Eybel auf, indem er unwillkürlich mit der Rechten an die Hüfte zuckte, wo er einen Säbelkorb zu finden gewohnt war. »Eine solche Beleidigung ehrbarer Mädchen dulde ich nicht!«

»No, no, no!« machte Hollerer, ihm eine Zigarette anbietend. »Sei beruhigt, dir komme ich selbstverständlich nicht ins Gehege!«

Als er aber bemerkte, daß Eybel zögerte, die Zigarette anzunehmen, lenkte er rasch ein und sagte verbindlich: »Deine Ritterlichkeit in Ehren, lieber Freund! Ich gestehe dir gerne zu, daß es Ausnahmen gibt ... Noch immer nicht zufrieden? ... Nun denn,« gab er endlich klein bei, »so waren vielleicht gerade die Leichtfertigen, von denen ich mir einen Schluß auf die übrigen erlaubte, die Ausnahmen, und die Ehrbaren sind die Regel.«

»Das wollen mir hoffen!« brummte Eybel, die Zigarette annehmend.

»Seht, wer da kommt!« machte jetzt Rumpsack die Genossen aufmerksam.

Eine hohe feste Gestalt mit langem Vollbart betrat vom Hofe her den Garten. Es war Laurenz Hocheder, neben seinem Vater Mitinhaber der Firma, ein ernst blickender Mann in reifen Jahren, der sich, langsam und stetig über den Kiesweg schreitend, dem »Salettl« näherte.

»Entschuldigt, meine Herren, wenn ich störe«, sagte er nach kurzer Begrüßung und ohne Platz zu nehmen; »es liegt mir daran zu erfahren, ob vielleicht einer von euch etwas von meinem Bruder Severin gehört hat?«

Betroffen starrten sie ihn an. Die Frage kam ihnen unerwartet, wie verfiel er plötzlich darauf, eine solche Möglichkeit in Betracht zu ziehen? Gab es einen äußeren Anlaß dazu? War irgendeine Veränderung eingetreten, eine unvorhergesehene Nachricht eingetroffen?

»Wir wissen nichts von ihm«, sagte Eybel, »und nahmen bisher als feststehend an, daß er nicht mehr unter den Lebenden weile. Ihre Worte aber legen die Vermutung nahe, als wäre dem nicht so, und als bestünde doch noch irgendeine, wenn auch entfernte Aussicht oder Hoffnung, daß er erhalten geblieben ist. Sollte Ihnen hierüber etwas bekannt sein, Herr Hocheder, so bitte ich Sie, sagen Sie's uns, Sie wissen, wie wert Ihr Bruder uns gewesen ist.«

»Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Hauptmann,« antwortete Laurenz, »wenn ich Ihrem Wunsch nicht entsprechen kann. Umstände nötigten mich, bei den Freunden anzufragen, denen Severin nähergestanden hat als irgendeinem seiner Anverwandten. Umstände nötigen mich nun auch, die Gegenfrage wenigstens für heute unbeantwortet zu lassen.«

Damit lenkte er vom Gegenstande ab und zu andern Gesprächen über. Wie es mit dem Bund der Heymonskinder stehe? Aus Severins jungen Tagen konnte er sich noch gut dieser studentischen Gründung erinnern. Schade, daß die elenden Verkehrsverhältnisse einen Ausflug auf den Kahlenberg heutzutage so erschwerten! Wenigstens war das Wetter mild genug, ein Verweilen im »Salettl« schon zu gestatten, obgleich dieses im Schattenwinkel stand ... Noch diese und jene Zeitfrage streifte er flüchtig, dann verabschiedete er sich von den erheblich jüngeren Männern mit der ihm eigenen wortkargen Zurückhaltung, die doch einer gewissen Wärme nicht entbehrte. Und wie er gekommen, so verließ er bedächtigen Schrittes wieder den Garten durch die Gittertür in der Richtung gegen den Hof.

Erstaunt, betreten, wie vor ein unlösbares Rätsel gestellt, sahen die Zurückbleibenden einander an. Wie viele Möglichkeiten sich ihnen auch aufdrängten, und wie viele Vermutungen sie aussprachen, die gewünschte Klärung wollte sich nicht einstellen. Aber darin waren sie einig, daß Laurenz Hocheder keineswegs ohne eine bestimmte Veranlassung mit jener Frage an sie herangetreten sein könne. Und daß diese Veranlassung in nichts anderm als in einem von Severin eingetroffenen Lebenszeichen bestehen mußte, schien ihnen eine fast ausgemachte Sache.

Unter dem Eindruck der so plötzlich aufscheinenden Aussicht, den verloren geglaubten Freund wiederzusehen, löste sich ihre Spannung allmählich in Zuversicht, um schließlich in ausgelassene Fröhlichkeit umzuschlagen.

Und als sie bei hereindämmerndem Abend endlich aufbrachen und mit dem Versprechen voneinander schieden, ein Wiedersehen nicht erst bis zum nächsten Palmsonntag hinauszuschieben, da sagte Hollerer noch: »Hätten wir früher geahnt, was wir jetzt beinahe wissen, so hätten wir uns den Trauersalamander und damit Rumpsacks sogenannten Tee glatt ersparen können. Sobald wir aber unserer Sache völlig sicher sind, wollen wir einen richtigen Jubelsalamander reiben, nur nicht mit Teetassen, bitte! Ich bitte mir aus, daß ihr dann meine Gäste seid – einverstanden?«

Was hätte den bierfröhlichen Ehrendoktor der Schutzengelgasse, was den nur zu oft von abgefeimten Hungergefühlen heimgesuchten Hauptmann daran hindern sollen, in die dargebotene Rechte einzuschlagen und mit einem weithin vernehmlichen Ja! zu antworten?

 

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