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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 2
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Der arme kleine Garten, der mitten im Häusermeer von Wien an das hintere Ende eines langgestreckten holprigen Hofes grenzte, war vom Glück nicht ebenso begünstigt wie die Gärten in Mittel- und Kleinstädten, in Villenvierteln oder gar auf dem Lande. Das Schicksal hatte ihm übel mitgespielt, indem es ihn in eine Umgebung versetzte, die wenig Rücksicht auf seine Bedürfnisse nahm. Baulichkeiten verschiedener Art bedrängten ihn von mehreren Seiten, Lagerschuppen und Speicher machten ihm den Platz streitig, Hinterhäuser und deren Seitentrakte behinderten sein freies Atmen, und die Feuermauern der anstoßenden Zinskasernen, die ihn hoch überragten, neideten ihm jeden Strahl Sonne.

Aber beinahe schien's, als sei er sich der Bestimmung bewußt, die es gerade hier, inmitten von totem Gestein, für ihn zu erfüllen gab. Standhaft harrte er der besseren Jahreszeit entgegen, ob nicht doch der Ruf des Lebens auch an ihn wieder ergehen würde. Und es nahte die Zeit, wo die weicheren Lüfte wie von kommenden Blüten duften, wo emsiger als sonst die Dachtraufen tropfen und klingen und selbst in den schattigsten Winkeln die letzten Überreste von Schnee sich in rieselnde Bächlein verwandeln. Da begann auch in dem bedauernswerten kleinen Garten, diesem enterbten Stiefkind der Natur, ein sehnsüchtiges schwellen, Quillen und Sprießen sich zu regen.

War es nicht wie ein Wunder, daß der Frühling ihn entdeckte, trotz seiner Verborgenheit hinter ineinandergeschachtelten Hofgebäuden? Und daß der lebenerweckende Hauch, der um Maria Verkündigung von den mittägigen Gebirgen über die Stadt hinwehte, sich nicht verirrte in dem weiten Wald von Rauchfängen, Kirchtürmen und Fabriksessen, sein Ziel nicht verfehlte in diesem ungeheuren Gewirr granitgepflasterter Gassen, Straßen und Gäßchen, sondern schließlich doch, über unzählige Dächer hinweg und zwischen all dem Winkelwerk von Hinterhäusern hindurch, den richtigen Weg zu finden wußte zu dem geduldig wartenden kleinen Garten? War's nicht wie ein Wunder, wunderbarer fast noch, als es jedes Werden und Wachsen schon an sich ist?

Aber das Wunder wurde Ereignis, und so schmückte sich denn – eine der winzigen Oasen in der Steinwüste der großen Stadt – der arme kleine Garten erst schüchtern und zaghaft, bald aber beherzter und in Freuden mit frischem, leuchtendem Grün.

Schier neidvoll blickte sein Nachbar, der langgestreckte holprige Hof, zu ihm hinüber, er mußte sich notgedrungen damit begnügen, ein paar dürftige Hälmchen Gras zwischen den Bachkieseln hervorzutreiben, mit denen er gepflastert war. Aber er tröstete sich damit, daß der Fleck Erde, auf dem es grünte, und den die Leute Garten nannten, gewissermaßen nur seine Fortsetzung sei, sein Anhang gleichsam, sein natürlicher Abschluß. Und wirklich waren sie ja auch trotz des niedrigen, in lanzenförmige Spitzen auslaufenden Gitterchens, das wie eine Grenzwacht zwischen ihnen aufgerichtet stand, seit je aufs engste miteinander verbunden gewesen, Hof und Garten, und ergänzten sich gegenseitig wie zwei fromme Knechte, von denen der eine mehr für die gröbere Arbeit da ist, während der andere auch ein wenig für den Aufputz zu sorgen hat. Denn beide standen sie in Diensten desselben Herrn, welcher zugleich auch der Herr des Hauses war, zu dem Hof und Garten gehörten. Dieses Haus aber, das in verschollenen Tagen den Hausnamen »Zum Seidenbaum« geführt hatte, war das alte, unscheinbare und in dieser bösen Nachkriegszeit sogar etwas vernachlässigte Geschäfts- und Familienhaus der Samt- und Seidenfabriksfirma Michael Hocheder und Sohn, deren Anfänge bis ins Zeitalter Kaiser Josefs zurückreichten.

Damals als kleine, bescheidene Handweberei begründet, war die Firma Hocheder, deren Inhaber durch Generationen derselben Familie angehört und sich immer durch Fleiß und Tüchtigkeit ausgezeichnet hatten, unter dem Einfluß günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse allmählich emporgekommen und später vom rein handwerksmäßigen Betrieb großenteils zum mechanischen übergegangen. Sie zählte zwar auch jetzt noch nicht zu den ersten und größten ihrer Branche, genoß aber eines wohlbegründeten Ansehens unter Geschäftsfreunden und Kunden. Mit dem wachsenden Umfang hatte sie die eigentliche Fabrikation mehr und mehr nach auswärts verlegt, der Sitz des Unternehmens aber und seine Oberleitung waren nach wie vor in Wien zusammengefaßt geblieben, und zwar im ursprünglichen Stammhaus, eben jenem alten Haus »Zum Seidenbaum«, das sich in der Schutzengelgasse befand.

Im Adreßbuch würde man eine Gasse, die diesen Namen trägt, übrigens vergeblich suchen. Amtlich heißt sie auch gar nicht mehr so, sondern ist schon vor längerer Zeit umgetauft worden, und zwar nach einer einflußreichen Parteigröße, von der aber niemand nichts weiß. In jener gewerbefleißigen Vorstadtgegend gelegen, wo die Wiener Seidenindustrie seit gut anderthalbhundert Jahren zu Hause ist, sieht diese stille und etwas abseitige Gasse noch genau so aus wie zu Urgroßvaters Zeiten, es hat sich seit Menschengedenken nicht das geringste in ihr verändert. Und das ist wohl auch der Grund, warum der neue, künstlich aufgepfropfte Name sich nicht einzuleben vermochte, und warum sie im Volksmund nach heute so heißt, wie sie immer geheißen hat, nämlich Schutzengelgasse.

 

An diesem klaren Frühlingsvormittag erfreuten sich des hoffnungsvoll erneuten Pflanzenlebens im kleinen Garten hinter dem Hause zwei Frauen, die sich nach Stand, Alter und Gemütsart recht erheblich voneinander unterschieden.

Die eine von ihnen, eine junge, schlanke Gestalt in dunkler Biberplüschjacke, verriet in Haltung und Miene etwas wie Schwermut oder doch Freudlosigkeit; die andere dagegen, die bedeutend älter und bereits angegraut war und über dem dürftigen Hauskleid ein abgescheuertes, vielfach verschlissenes Wolltuch von unbestimmter Färbung um die Schultern gelegt hatte, sah aus klugen, lebendigen Augen so munter und aufgeräumt in die Welt, daß man sie für eine innerlich Beruhigte, ja, Glückliche hätte halten mögen, obgleich sie gebrechlich schien und zwischen die Kissen eines Rollstuhls gebettet lag. So gegensätzlich die Erscheinung dieser beiden Frauen aber auch war, so empfanden sie das Wunder des Werdens doch mit der gleichen Ergriffenheit. Und beide bestaunten sie, wenn auch vielleicht nicht aus derselben Gemütsverfassung heraus, gleichsam wie eine Offenbarung jedes Gänseblümlein im Gras, jedes Schneeglöckchen im Gesträuch, die ans Licht drängenden Läublein der Flieder- und Jasminbüsche, die gelben Zweigrispen des frühblütigen Hartriegels.

Aber wie frostig war es hier noch, in dem kleinen Garten, trotz der treibenden Kräfte, die in ihm lebendig geworden! Denn er lag fast ganz im Schatten, obgleich der Ausschnitt des Himmels, den man hoch über sich erblicken konnte, in ungetrübter Reinheit erstrahlte.

»Die Luft ist noch merkwürdig rauh und herb, ich will Sie lieber in die Sonne fahren«, sagte die schlanke blonde junge Frau, die den Rollstuhl über den Kiesweg vor sich herschob.

Die Kranke neigte sich leicht zurück: »Oh, wenn Sie die große Güte haben wollten – aber wird es Ihnen nicht zu anstrengend?« Und als der Rollwagen eine Wendung machte, um die Richtung gegen den besonnten Teil des Gartens einzuschlagen, sagte sie dankbar: »Sie plagen sich so mit mir, Frau Justin'! Tausend Dank! Vergelt's Ihnen Gott!«

Die Räder knirschten im Sande. Kaum umfangreicher als die Bodenfläche einer winkeligen Stube, breitete sich, schon näher dem Hof, ein scharf umrissenes grelles Dreieck über Weg und Rasen. Es war die einzige Stelle, wo die rings aufragenden steilen Hausmauern die Sonne nicht abhielten, so daß ihre Strahlen ungehemmt hereinfluten konnten.

Wohltuend empfand die ärmlich gekleidete, abgemagerte Frau im Rollstuhl die natürliche Wärme, die ihren leidenden Körper durchflutete.

»Hab' ich's nicht immer noch weit besser hier auf der Welt, als ich's verdiene?« wendete sie sich wie neu belebt ihrer Begleiterin zu. »Wie lieb von Ihnen, daß Sie immer wieder an mich denken! Andere Leute machen weite Reisen und erleben oft nicht halb soviel Schönes dabei wie ich, wenn Sie mich aus meinem dumpfen Loch ein bißchen ins Freie kutschieren. Schauen Sie nur einmal da hinauf, Frau Justin'! Was es doch in unserm kleinen Garten alles zu sehen gibt!«

Und leise bewegt von dem malerischen Zauber, mit dem der Frühling auch die unscheinbarsten Dinge vergoldete, wies sie mit der schmalen durchscheinenden Hand in die Höhe, wo die sonnbeschienene Feuermauer in fast unwahrscheinlicher Farbigkeit gegen den tiefblauen Himmel stand: »Ist es nicht eine wahre Pracht? Und könnte man nicht beinahe glauben, man wär' in Italien?«

»Wissen Sie denn so genau, Frau Staudenmayer, wie es in Italien aussieht?« fragte die Angeredete mit einem schwachen Versuch, zu lächeln. Sie hatte sich einen verwitterten Gartensessel hergelangt und neben dem Rollstuhl Platz genommen. Wie sie so mit dem Rücken gegen die Sonne saß, leuchtete ihre goldene Haarkrone, als wäre sie selbst eine Quelle des Lichts.

»Oh, das weiß ich ganz genau«, beteuerte die Kranke eifrig; »wenigstens kann ich mir's vorstellen, wiewohl daß ich nie dort gewesen bin. Ein Drechslergesell, der eine Zeitlang bei meinem Mann konditioniert hat und später ins Italienische abgewandert ist, hat mir vor Jahren einmal, lang vor dem Krieg, eine Ansichtskarte von da unten geschickt. Mauern und Himmel waren darauf, gerade so wie hier, nichts als Mauern und Himmel. Und die Mauern waren ebenso grell von der Sonne bemalt wie hier, und der Himmel war ebenso blau, so daß es ausgesehen hat, wie wenn man eine Pomeranze neben einen Buschen Kornblumen halten würde... übrigens, daß ich bei der Wahrheit bleib'«, schloß sie lächelnd; »ein paar Palmen sind freilich auch noch darauf gewesen, auf der Ansichtskarte.«

»Sehen Sie!« sagte die blonde junge Frau, plötzlich wie von einer Wolke überschattet. »Ein klein wenig anders war es halt doch!«

Mit schier mütterlich liebevoller Aufmerksamkeit forschte der nachdenkliche Blick der Schwerkranken in den anmutenden Zügen der Jüngeren, die nur an Schönheit zu gewinnen schien, je bekümmerter sie aussah.

»Sie sind im Bergland aufgewachsen, Frau Justin', wo der Wind frei über die Höhen streicht, die Enge hier drückt auf Sie, und ich versteh' es. Es hat bei mir auch eine gute Zeit gedauert, eh' daß ich eingewöhnt war in der Stadt. Oft und oft hab' ich müssen an mein Heimatsdorf denken, wo es nicht so schön ist wie in den großen Bergen, aber doch so lieb und traut. Da ist der Himmel groß und weit, da gibt es keine hohen Häuser, die einem bloß ein winziges Zweckerl davon zumessen. Nur Hügel säumen ihn ein, die bei Tag grün und abends blau sind, aber auch die erreicht man erst nach ein paar Stunden Wandern. Es sind mehr als dreißig Jahr' her, daß der Meinige mich genommen hat, so lange bin ich jetzt schon im Haus zum Seidenbaum. Bei Ihnen sind's noch keine drei Jahre, daß Sie verheiratet und hier zu Hause sind, ich weiß es auf den Tag genau, es war noch mitten im Krieg. Und wenn Sie auch schon lange vorher nach Wien gekommen waren, so ist es doch bei uns in der Schutzengelgasse vielleicht noch um ein Stückel enger und eingeschlossener als sonstwo, da kann einem leicht entrisch werden... Und das wird es wohl auch sein,« sagte sie teilnahmsvoll, »warum Sie sich sehnen, Frau Justin', und warum Sie traurig sind?«

»Bin ich traurig?« antwortete Justine und wurde rot. »Wirklich trauriger als sonst, trauriger als andere? Oder hat in dieser Stadt, in diesem Hause irgendwer Anlaß dazu, besonders fröhlich zu sein?«

»Einen besonderen Anlaß zum Lustigsein hat in dieser Stadt jetzt freilich kein Mensch«, bestätigte die Kranke. Und sie fuhr fort: »Vielleicht hat es sogar nie eine Zeit gegeben, wo so viel Mut und Zuversicht dazu gehört hat, den Kopf nicht hängen zu lassen, wie gerade in unsern Tagen. Halb verhungerte Menschen, hab' ich mir sagen lassen, treiben sich auf allen Straßen herum oder warten in langen Reihen, ihre zerlemperten Töpfe in der Hand, vor irgendeiner Ausspeisung, ob sie vielleicht ein paar Löffel Wassersuppe ergattern können. In der Zeitung, die der Doktor, ich meine den Rumpsack, mir manchmal zu lesen gibt, steht nichts als Mord und Diebstahl, und wie sie die Wälder in der Umgebung plündern, weil mancher nicht mehr kochen könnte oder gar erfrieren müßt', wenn er nicht so viel Holz nach Hause schleppt, als er tragen kann. Dabei hört man bis in die Nacht hinein Gejohl' und Geklimper durch die Straßen und das wüste Lärmschlagen von Betrunkenen. Was ist aus unserer guten Wienerstadt geworden, Frau Justin'! In den langen Jahren, seit ich krank und bettlägerig bin, da hab' ich mich noch manchmal hinausgesehnt aus unserm Hof und Garten, unter andere Menschen, oder gar ins Grüne! Jetzt ist's mir lieber, daß ich von nichts mehr hör' und seh'. Jetzt bin ich dankbar, wenn ich nur still hier in der Sonne sitzen darf, denn leider weiß ich's nur zu gut, wie übel es da draußen hergeht. Sind wir nicht wie der Robinson auf seiner Insel, hier in unserm grünen Garten? Nur daß das Meer rund um uns Schlamm und Jauche ist, Elend, Not und Verluderung... Daran müssen Sie denken, Frau Justin',« schloß sie warm, »wenn Sie sich manchmal wie eingesperrt hier vorkommen und Ihnen vielleicht so recht sehnsüchtig zumut' wird, daß Sie fast meinen, es wär' kaum mehr zu ertragen.«

»Daran denk' ich auch, glauben Sie mir's!« beteuerte die junge Frau ehrlich. »Ich bin dem Laurenz dankbar, daß er mich trotz allem, was vorhergegangen war, zu seiner Frau gemacht hat. Ich stände ja sonst ganz allein in der Welt, müßte mich höchstens auf Verwandtenhilfe verlassen. Und bin ich mit der Sehnsucht in die Ferne, die mir nun freilich im Blut liegt, bis jetzt fertig geworden, so werde ich, so Gott will, auch in Zukunft mit ihr fertig werden. Machen Sie sich meinethalben keine Sorgen, Frau Staudenmayer! Wenn nur alles bleibt, wie's ist, so halte ich schon durch!«

Es war, als schüttle sie mit Gewalt schwere Gedanken von sich ab. Ein gezwungenes Lächeln trat auf ihre Lippen, und indem sie einen munteren und scherzhaften Ton anzuschlagen sich bemühte, sagte sie, mit ausgestreckter Hand zu der Feuermauer hinaufzeigend: »Was für eine schöne Aussicht haben wir doch von unserer grünen Insel! Man kann sogar bis nach Italien sehen!«

Als sie aber nach wie vor den forschenden Blick der Schwerkranken auf sich ruhen fühlte, errötete sie neuerdings und schlug die Augen zu Boden ... Frau Staudenmayer nickte verständnisvoll und sah sie nur immerfort an.

»Nun wird's mir erst offenbar,« sagte sie endlich, »daß es nicht die alltägliche Not des Sehnens ist, die Sie ängstigt. Es ist etwas anderes, Ungewöhnlicheres, wollen Sie sich nicht das Herz erleichtern, Frau Justin', und mir's vertrauen?«

Halb betreten, halb ergriffen hob Justine den Kopf. Welch seltenen Tiefblick in die Seelen hatte langwieriges Leiden dieser einfachen Frau aus dem Volk verliehen! Und immer noch war sie darauf bedacht, zu trösten und zu helfen, wo sie doch selbst so trost- und hilfsbedürftig schien. Denn wie manchesmal auch schon die junge Frau sich teilnahmsvoll um sie bemüht, ihr beizustehen, ihr Linderung zu verschaffen versucht hatte, letzten Endes war doch meist sie selbst mehr die Beschenkte als die Gebende gewesen. Das hatte sie oft mit Rührung empfunden. Und auch jetzt empfand sie es dankbar, daß die Kranke, ihre Seelennot durchschauend, sich nicht täuschen, sich nicht oberflächlich abweisen ließ, sondern hilfsbereit danach verlangte, ihr als mütterliche Freundin zur Seite zu stehen, wie sie es mehr als einmal getan. Aber Justine gehörte nicht zu denen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Über Dinge, die ihr Innenleben betrafen, fand sie nicht leicht Worte, sich auszusprechen, und selbst in Fällen, wo sie des Rats und Beistands bedurft hätte, kam es sie hart an, eine gewisse Verschlossenheit zu überwinden, die ihr eigen war.

Der alten Frau im Rollstuhl entging es keineswegs, daß sie mit sich kämpfte, daß sie sich vergeblich abmühte, ein Wort über die Lippen zu bringen. Sie griff nach Justinens Hand und tätschelte sie warm zwischen ihren Händen.

»Lassen Sie's gut sein, Kind, zwingen Sie sich nicht! Es gibt auch manches, das man schweigend tragen muß.«

Und als Justine versicherte, es sei nicht Mangel an Vertrauen, im Gegenteil glaube sie selbst, daß es sie erleichtern würde, wenn sie darüber reden könnte, und doch falle es ihr so schwer – da fuhr Frau Staudenmayer fort, ihr zuzusprechen: »Lassen Sie's gut sein! Lassen Sie Zeit darüber hingehen! Es muß nicht jetzt, es muß nicht heute, es braucht überhaupt nicht zu sein. Und wenn, dann müßt' es ganz aus eigenem kommen. Ohne daß Sie sich im geringsten Gewalt antun, Frau Justin', hören Sie? ... Nur daß Sie es wissen; wenn Sie mich brauchen, so haben Sie niemand, der Sie besser verstehen wird als ich.«

Justine schwankte. Mit gesenkten Lidern saß sie unter der Last ihrer goldenen Flechten in der warmen Frühlingssonne. Immer mußte sie an die willkommene und doch für sie herzbeklemmende Nachricht denken, die diesen Morgen an Laurenz, ihren Mann, so unerwartet eingetroffen war. Längst Beschwichtigtes, das für immer zur Ruhe gekommen schien, hatte diese neuerdings in ihr aufgewühlt. Sie wußte sich damit noch nicht abzufinden, konnte noch nicht überblicken, welche Folgen für ihr stilles, von Leidenschaften gereinigtes Leben sich daraus ergeben würden. Bald pochte ihr das Herz vor freudiger Erwartung, bald überkam sie etwas wie ein unbestimmtes Bangen, ein Gefühl der Angst vor sich selbst, vor einem Schicksal, das mit zwingender Gewalt in ihren Weg treten könne.

Noch kämpfte in ihr die Scheu vor dem ausgesprochenen Wort, das nicht mehr einzuholen ist, mit dem Bedürfnis, ihr Herz zu erleichtern, als jetzt ein vollklingender Ton, der plötzlich die Luft erzittern machte, sie aufschrecken ließ. vom Laurenziturm hatte die große Glocke zu schwingen begonnen. Mit ihrer tiefen Stimme, die trösten und erheben konnte, heute aber zu mahnen, beinahe zu drohen schien, läutete sie den Mittag ein...

Da erhob Justine sich schweigend. Gleich einer Schwester, die nach kurzem Vergessen sich ihres Dienstes wieder erinnert, schob sie die Kissen der Leidenden zurecht, machte sie zur Rückkehr in die Krankenstube bereit.

Dann trat sie hinter den Rollstuhl und setzte ihn in Bewegung. Nicht ohne Anstrengung ein paarmal mit der ganzen Last des Körpers sich dagegen lehnend, schob sie ihn den Kiesweg des Gartens entlang, steuerte ihn umsichtig durch das Gittertürchen des Gartenzauns. Bis dahin war's leidlich glatt gegangen, nun fing die holprige Pflasterung des Hofes an. Der Wagen humpelte und schwankte, aber seine Führerin war sorglich darauf bedacht, die Stöße aufzufangen, um Erschütterungen möglichst zu vermeiden. So kutschierte sie vorsichtig über die Unebenheiten hinweg bis zu einer jener in den Hofraum mündenden ebenerdigen Kleinwohnungen, deren mehrere sich hier aneinanderreihten. Und erst knapp vor der Schwelle der Eingangstür machte sie halt.

Die junge Marfa, ein hübsches, üppiges, braunes Mädel, eilte ihnen daraus entgegen. Als sie die Tür öffnete, vernahm man das Schnarren einer Drehbank, das aber bald aussetzte, denn jetzt kam auch Meister Staudenmayer aus seiner Werkstatt und trat zu ihnen, Frau Justine begrüßend und ihr für die seiner Frau erwiesene Guttat dankend.

»Sie wissen, wie gern ich's tue«, lehnte diese freundlich ab.

Und dann neigte sie, wie es oft erprobt und geübt war, den Rollstuhl nach vorne, daß die Kranke den empfangsbereiten Armen entgegenglitt. Behutsam trug der Meister sie mit Marfas Unterstützung durch die kleine, ebenerdige Küche ins Schlafzimmer, das rechter Hand an diese anschloß, während links davon die Werkstätte sich befand.

Als sie die Frau in einem gepolsterten Lehnstuhl neben dem Bette niedergelassen hatten, sagte Justine: »Ihr könnt wieder an eure Arbeit gehen, ich bringe sie schon allein zur Ruhe.«

Sie gehorchten, und bald hörte man Marfa in der Küche weiterhantieren, während von der Werkstatt her das schnarrende Geräusch von vorhin wieder einsetzte. Mit allen nötigen Handreichungen bemühte Justine sich um die Kranke, bis diese endlich versorgt und in die Kissen ihrer dürftigen Liegerstatt gebettet war. Da lag sie nun still auf dem Rücken, fast wie eine Leiche anzusehen, den Blick, wie von jenseitigen Gedanken gebannt, gegen die Decke der niedrigen Stube gerichtet.

»Leben Sie wohl, Frau Staudenmayer!« wollte Justine, die noch am Bette stand, sich verabschieden.

Die kranke Frau wendete den Kopf und sah sie an wie eine eben erst Erwachte, die sich in ihrer Umgebung noch nicht zurechtzufinden vermag.

Justine sagte: »Wenn das Wetter es zuläßt, hole ich Sie morgen um dieselbe Stunde wieder ab.«

Ein warmer Strahl voll Dankbarkeit und vergeistigter Freude brach aus dem Auge der Schwerkranken. Gerade als stünde ein gütiger Engel mit einem Lichtschein ums Haupt neben ihr, so empfand sie in diesem Augenblick die Nähe der jungen Frau, die sie so mildtätig betreute. Und mit leiser Genugtuung fühlte diese, wieviel sie der Leidenden sein konnte und war.

Da brach sie plötzlich an der Seite des Bettes in die Knie und barg weinend ihr Antlitz in den Händen.

»Der Severin lebt und will heimkommen!«

 

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